Wir sehen uns unter den Linden

Wir sehen uns unter den Linden ist eine Erzählung über eine Ost Berlinerin, die sich in einen West Berliner verliebt
Charlotte Roth

erschienen im Droemer Knaur Verlag, 2019

Rezension

Kurzmeinung

In „Wir sehen uns unter den Linden“ bleiben die Charaktere farblos und der Erzählung fehlt jegliche Spannung.

Inhalt

Im Frühjahr 1945 muss Sanne miterleben wie die Gestapo ihren Vater in ihrer Wohnung erschießt. Ein traumatisches Erlebnis, das das junge Mädchen prägt. Daher ist es nicht verwunderlich, dass sie sich mit Leib und Seele dem Aufbau des sozialistischen Staates verschrieben hat. Obwohl der Aufstand 1953 und dessen Folgen Zweifel in ihr wach rufen, ist ihr Glaube in die Grundsätze der DDR unerschütterlich. Auch als sie den westdeutschen Koch Kelmi kennenlernt und sich in ihn verliebt, ist sie keinesfalls bereit ihre Einstellung zu ändern. Doch Kelmi bleibt hartnäckig und ist bereit für seine Liebe kämpfen. Werden sie es schaffen, die Vergangenheit hinter sich zu lassen, um zusammen einen neues Leben zu beginnen?

Handlung

Die gefeierte Sängerin Ilona Konya hat alles, was viele sich im Berlin der 1920iger Jahre wünschen. Dennoch gibt es eine unerfüllte Sehnsucht in ihr, die unerwartet durch einen jungen Studenten, dem sie unter den Linden in die Arme läuft, gestillt wird. Volker kommt aus dem Arbeitermilieu und ist kurz davor Lehrer zu werden. Zudem engagiert er sich in der kommunistischen Partei. Ein ungleiches Paar und doch ist es die große Liebe. Ihre Tochter Suse macht das Familienglück perfekt, wenn nicht am Horizont die dunklen Wolken des dritten Reiches aufziehen würden.

Als Kommunist verliert Volker gleich zu Beginn der Diktatur seine Lehrerstelle. Später wird es auch für Ilona immer schwieriger aufzutreten. Doch die kleine Familie bemüht sich unauffällig diese Zeit zu überstehen. Im Frühjahr 1945 muss Suse erleben wie ihr geliebter Vater in ihrer Wohnung von Nazis erschossen wird. Ab dem Zeitpunkt nennt sie sich Sanne und hält das Vermächtnis ihres Vaters hoch. Auch sie wird Lehrerin und hilft tatkräftig beim sozialistischen Aufbau mit. Sie ist von den kommunistischen Idealen zutiefst überzeugt. Für sie ist die DDR das bessere Deutschland.

Zusammen mit ihrer Mutter, die seit dem Tod des Vaters an Depressionen leidet, und ihrer Tante Hille wohnt sie in Ostberlin. Zufällig trifft sie unter den Linden einen jungen Mann aus Westberlin. Wie bei ihren Eltern laufen sie sich buchstäblich in die Arme. Der junge Mann heißt Kelmi und ist Koch. Er setzt alles daran Sanne wiederzusehen. Obwohl Sanne versucht Distanz zu wahren, entwickelt sich schnell mehr zwischen ihnen. Es beginnt ein ständiges hin und her. Nach der gewaltsamen Niederschlagung des Aufstands vom 17. Juni kommen Sanne erste Zweifel am System der DDR. Gegenüber Kelmi verteidigt sie jedoch weiterhin vehement ihren antifaschistischen Staat. Es kommt zum Streit, der ihre Beziehung beendet.

Einige Jahre später nimmt Kelmi noch einmal Kontakt zu Sanne auf, da er etwas über ihren Vater erfahren hat. Sofort flammt die alte Liebe wieder auf und sie beschließen es allen Widrigkeiten zum Trotz zu versuchen. Sie werden sogar Eltern einer Tochter. Doch die gegensätzlichen politischen Ansichten stehen ständig zwischen ihnen. Im August 1961 ahnt Kelmi, dass sich die Dinge in Berlin ändern werden. Die DDR muss den Menschenstrom stoppen, der täglich das Land verlässt. Er versucht Sanne davon zu überzeugen in den verhassten Westen zu kommen. Doch Sanne kann ihren Vater und die sozialistische Idee nicht verraten.

Meinung

Die Romane der Autorin Charlotte Roth habe ich meistens mit Vergnügen gelesen, daher freute ich mich auf ihr neues Werk „Wir sehen uns unter den Linden“. Dieses Mal wurden meine Erwartungen allerdings enttäuscht. Die Erzählung, die im Dritten Reich und in den Aufbaujahren der DDR spielt, ist wenig packend. Oftmals habe ich mich während der Lektüre gefragt, wann die Geschichte endlich beginnt. Es plätschert dahin, ohne das etwas relevantes passiert. Der Roman verliert sich zu sehr in Belanglosigkeit, dabei bleiben die wirklich spannenden Themen außen vor. Wie beispielsweise als Sannes beste Freundin verschwindet, wird das nicht weiter verfolgt, obwohl die Geschichte drumherum interessant gewesen wäre.

Die Hauptfigur wird auf den ersten Seite als Suse eingeführt, wenige Seiten später nennt man sie Sanne und für Kelmi ist sie Susu. Am Buchanfang hat mich dieser Namenswechsel irritiert, denn erst wesentlich später wird aufgeklärt, dass sie nach dem Tod ihres Vaters nicht mehr Suse genannt werden wollte.Überhaupt ging mir Sanne unfassbar auf die Nerven. Sie hat Schlimmes erlebt und es ist sicher nicht einfach die Ermordung des Vaters mitzuerleben, doch ist es für mich keine Entschuldigung dafür, das Sanne engstirnig, verbissen und rechthaberisch ist.

Außerdem macht sie, wie leider die meisten Figuren in diesem Roman, einen ziemlich naiven und dümmlichen Eindruck. Die schlauste ist sie jedenfalls nicht. Sie hinterfragt nichts und hält sich am Bild ihres herorischen Vaters fest. Bis zum Schluss ist keinerlei Entwicklung bei ihr zu sehen. Sanne bleibt völlig unreflektiert. In dauernder Wiederholungsschleife kommen von ihr dieselben sozialistischen Frasen. Irgendwann habe ich nur noch weitergeblättert, weil ich es mich nicht nur entsetzlich nervte, sondern auch langweilte.

Es kommt sehr selten vor, dass ich mit so gar keinem Charakter etwas anfangen kann. „Wir sehen uns unter den Linden“ ist jedoch einer dieser Romane. Ich habe weder verstanden, warum sich Sannes Eltern ineinander verlieben noch warum sich Kelmi in Sanne verliebt. Das Sanne echte Gefühle für ihren Koch hat, davon war ich bis zum Schluss nicht überzeugt, auch umgekehrt habe ich auch Kelmi nicht nachvollziehen können. Ich fragt mich, was er an der zänkischen Sanne findet und warum er ihr ständig nachläuft. Sie will mit ihm weder ins Kino noch ins Café, macht auf Fräulein-rühr-mich-nicht-an und lässt ihn ständig spüren, dass er der „böse“ Westdeutsche ist, dessen Familie eine angebliche Nazivergangenheit hat und auch noch reich ist.

Kelmi empfand ich als oberflächlich und als einen Einfallspinsel. Ich konnte ihn beim Besten Willen nicht ernst nehmen, weil er sich alles gefallenlässt und machte, was Sanne will. Kein einziges Mal hat er sich durchgesetzt. Sannes Mutter und ihre Tante Hille sind ebenfalls naiv, dumm und farblos. Hille soll wohl auch so wirken, wodurch sie aber gerade am Ende völlig unglaubwürdig wird.

Hinzu kommen noch eine ganze Reihe Ungereimtheiten. Da ich nichts vorwegnehmen möchte, nenne ich nur das Beispiel von Sannes Schwangerschaft, die sie erfolgreich geheimhält und erst am Tag der Entbindung auffliegt. Mal ehrlich, sie wohnt mit ihrer Tante zusammen und die soll das nicht gemerkt haben??? Hille soll nicht aufgefallen sein, dass Sanne ihre Regel nicht mehr bekommt und dicker wird, obwohl sie mit dem Essen immer haushalten müssen???

„Wir sehen uns unter den Linden“ ist in acht Teile mit einer variablen Anzahl Kapitel eingeteilt. Die Erzählung beginnt im Frühjahr 1945, als Sannes Vater erschossen wird. Danach springt der Roman zurück in die 1920iger, als sich Ilona und Volker kennenlernten. Im nächsten Teil erfolgt wiederum ein Zeitsprung in die 50iger. Sowohl die Zeitebene der „Vergangenheit“ als auch die „Gegenwart“ werden chronologisch wiedergegeben, sodass es verständlich zu lesen ist.

Dennoch nimmt die Geschichte an keinem Punkt Fahrt auf. Selbst der Schluss lässt mich ratlos zurück. Natürlich sind die historischen Ereignisse und Orte hervorragend recherchiert, aber der Erzählung und den Charakteren fehlt es meiner Meinung nach an Weiterentwicklung. Weder eine mitreißende Geschichte noch authentische Charaktere, mit denen man mitfiebert, sind in dem Buch zu finden. „Wir sehen uns unter den Linden“ kommt an vergleichbare Romane nicht heran.

Fazit

Zwischen mir und dem Roman ist der Funke leider nicht übergesprungen. Bei dem nächsten Buch von Charlotte Roth wird das vielleicht wieder anders sein.

Das könnte dich auch interessieren …

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.