Wildtriebe

Wildtriebe ist ein Generationenroman, ein Roman über drei Frauen, die ihren Platz im Leben suchen.
Ute Mank

erschienen in der dtv Verlagsgesellschaft, 2021

Rezension

Kurzmeinung

Wildtriebe“ erzählt von drei Frauengenerationen zwischen Erwartungsdruck und Selbstbestimmtheit, auf der Suche nach ihrem Platz im Leben. Dabei oftmals in Sprachlosigkeit gefangen.

Inhalt

Der Bethches Hof ist nach den Frauen benannt, die ihn prägten. Die bislang letzte in dieser Reihe ist Lisbeth, eine traditionsbewusste Großbäuerin. Doch die Zeiten in der Landwirtschaft ändern sich. Als ihr Sohn heiratet, zieht die Schwiegertochter auf dem Hof. Marlies ist eine moderne Frau, die nicht von einem Bauernhof stammt und sich an dessen Rhythmus erst gewöhnen muss. Bald entstehen die ersten Konflikte zwischen den zwei Frauen. Wortlos werden diese ausgetragen.

Anfangs bemüht Marlies sich ein Teil der Familie zu werden, doch immer öfter sucht sie lieber das Weite, als ihren Platz auf dem Hof einzunehmen. Ihre Tochter Joanna soll später, wenn sie erwachsen ist, freier in ihren Entscheidungen sein. Joanna wächst zwar zu einer selbstbestimmten, jungen Frau heran, doch unterscheiden sich ihre Vorstellungen vom Leben sehr von den Plänen, die Marlies für ihre Tochter hat. Drei Frauen, drei Generationen, drei Lebenswege, geprägt von der Unfähigkeit miteinander zu reden.

Handlung

Allein durch seine Größe genießt der Bethches Hof Ansehen im dörflichen Hausen. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges übernehmen Lisbeth und ihr Mann Karl den Hof und halten dabei an langjährigen Traditionen fest. Als ihr Sohn Konrad heiratet, zieht die Schwiegertochter Marlies auf den Hof. Argwöhnisch beobachtet Lisbeth ihre Schwiegertochter, die zu ihrem Verdruss keine Bäuerin ist. Anfangs bemüht sich Marlies, sich anzupassen, doch es fällt ihr schwer, ihren Platz im Familiengefüge zu finden und sich zu behaupten. Immer öfter sucht Marlies kleine Fluchten, um dem Hofleben und vor allem Lisbeth zu entkommen. Sie macht einen Jagdschein, sie geht wieder halbtags arbeiten und sie nimmt weiterhin die Pille.

Marlies, von Kindesbeinen an auf die Rolle als Ehefrau vorbereitet, hat nie gelernt, eine eigene Vorstellung von ihrem Leben zu entwickeln und ihre Bedürfnisse auszudrücken. Im Umkehrschluss fragt sie auch nie nach den Bedürfnissen anderer. Auch sonst werden auf dem Hof keine großen Reden geschwungen. Jeder weiß, wo sein Platz ist und was zu tun ist. Diese Sprachlosigkeit entfremdet die frischgebackenen Eheleute immer weiter voneinander.

Auch zwischen Marlies und Lisbeth werden Kämpfe wortlos ausgefochten. Als Marlies nach fünf Ehejahren endlich schwanger wird, ist die Freude groß. Nur Marlies kann sich nicht freuen, denn sie weiß, dass sie von nun ans Haus gefesselt ist. Deshalb sorgt Marlies dafür, dass ihre Tochter Joanna ihr einziges Kind bleibt. Marlies beschließt, dass ihrer Tochter einmal mehrere Türen offen stehen, als nur die der Ehe.

Stehen Lisbeth und Karl noch für großbäuerlichen Traditionen, muss Konrad um den Erhalt des Hofes kämpfen. Doch Abstruse Entscheidungen über Milchpreise, Reglementierungen über Abgabenormen machen dem Bethches Hof zu schaffen. Am Ende bleibt Konrad nichts anderes übrig, als die Landwirtschaft aufzugeben und sich eine Arbeitsstelle in der Fabrik zu suchen. Ein tiefer Einschnitt in das Leben der Familie. Die Veränderung macht die Krise zwischen Marlies und Konrad deutlich sichtbar. Hoffnungen mehr Zeit miteinander zu verbringen, vielleicht ein gemeinsamer Urlaub, scheitern an dem jahrelang gepflegten, wortlosen nebeneinanderher Leben. Die Eheleute haben sich nichts mehr zu sagen und schon gar keine gemeinsamen Interessen, zu verschieden sind ihre Lebenswelten geworden.

Joanna wächst zu einer unabhängigen, junge Frau heran. So beschließt sie nach dem Abitur für ein Jahr nach Afrika zu gehen, um dort bei einem landwirtschaftlichen Hilfsprogramm mitzuarbeiten. Ihre Großmutter sowie auch ihre Mutter haben nur wenig Verständnis für diese Entscheidung. Erst als Joanna wieder zurück ist und ihr Studium aufnimmt, ist Marlies zufrieden. Doch dann wird Joanna ungewollt schwanger. Die Reaktionen darauf könnten nicht unterschiedlicher sein. Es wäre an der Zeit, dass die drei Frauen auf dem Hof endlich ihre Sprachlosigkeit überwinden, um ihre unterschwelligen Konflikte zu lösen.

Meinung

Unprätentiös beschreibt der Debütroman „Wildtriebe“ von Ute Mank das Leben auf einem traditionellen Bauernhof. Hierbei stehen drei Generationen Frauen im Fokus. Zwischen Tradition und Moderne müssen sie allerlei Erwartungen standhalten. Erwartungen der Familie, der Nachbarn und auch den eigenen.

Von Lisbeth wurde, nach dem beide Brüder im Krieg gefallen sind, erwartet, den Hof zu übernehmen. Ihre Eltern, besonders ihre Mutter, sind am Tod der Söhne zerbrochen und waren für die junge Lisbeth keine große Hilfe mehr. Zum Glück hatte sie Karl, der für sie auf seinen eigenen Hof verzichtete. Schnell wurden sie ein eingespielten Team. Jeder kannte seine Platz, seine Aufgaben und wichtige Dinge wurden abends im Bett besprochen. Doch die Ehe bleibt lange kinderlos und der Druck auf Lisbeth erhöht sich. Sie fühlt sich dem Gerede der anderen Dorfbewohner ausgesetzt.

Bezeichnend für die Zeit ist es aus meiner Sicht, dass Lisbeth nie der Gedanke kommt, dass es an Karl liegen könnte. Sie sieht es zeitlebens als ihr persönliches Versagen an, obwohl Karl immer zu ihr steht. Die alte Generation hat sich nie gefragt, ob es ein Leben abseits des Hofs geben könnte. Einen großer Bauernhof zu bewirtschaften war mehr, als die meisten hatten. Lisbeth und Karl sind mit ihrem Schicksal zufrieden.

Marlies kommt aus bürgerlichen Verhältnissen. Als Mädchen wurde sie von Kindesbeinen dazu erzogen einmal zu heiraten und Mutter zu werden. Andere Möglichkeiten werden für sie ausgeschlossen. Zwei Jahre lang gehen sie und Konrad zusammen aus, dann ist es an der Zeit zu heiraten. Wie damals üblich zieht Marlies zu Konrad auf den Hof. Schon kurz nach der Hochzeit spürt Marlies, dass sie fehl am Platz ist. Es ist ein furchtbares Dilemma, in das Marlies hineinschlittert. Sie ist gefangen in den Konventionen und kann sich daraus nicht befreien.

Der Autorin gelingt es vortrefflich diesen Zwiespalt zu beschreiben. Marlies Auszeiten, in denen sie den Hof, Konrad und Lisbeth vergessen kann und doch immer wieder der aufkommende Druck, Erwartungen erfüllen zu müssen, die seit jeher an sie gerichtet wurden, und ihr innerer Kampf sich dagegen aufzulehnen. Oftmals steht sie sich selbst im Weg, gefangen in ihrer Wortlosigkeit. Die Freundin als Gegenpol, die anscheinend alles so mühelos bewältigt und in der Rolle der Hausfrau und Mutter aufgeht.

Durch ihre Unfähigkeit ihre Gefühle auszudrücken, entfernt Marlies sich auch von ihrer Tochter. Ab der Pubertät scheint Marlies kaum an Joanna heranzukommen, was auch nicht besser wird, als Joanna aus Afrika zurückkommt. Joanna wendet sich eher an ihre Oma Lisbeth, sie ist ihre Vertraute in der Familie. Ich hatte nie das Gefühl, dass Lisbeth ihrer Schwiegertochter absichtlich das Leben schwer macht, doch auch ihr fehlen die Worte, die eine Brücke hätten schlagen können. Zu verschieden sind die Frauen auf dem Bethches Hof.

Die Geschichte wird abwechselnd aus Lisbeths oder Marlies Sicht geschildert. Ihre Gedanken und Erinnerungen geben Aufschluss über das Innenleben der Zwei, die ansonsten nie über sich reden. Der unaufgeregte Schreibstil der Autorin passt zur Geschichte und den Figuren, die allesamt wahrhaftig erscheinen. Die Männer treten nur am Rande in Erscheinung, manches muss man sich eher denken, als das es geschrieben steht. So bleiben manche Sätze unvollständig. Auch hier, lieber weniger als zu viele Worte. Die Romanerzählung erstreckt sich über ungefähr 25 Jahren und endet mit einem Hoffnungsschimmer für alle Charaktere.

Als Leser:in erfährt man viel über den Wandel des Hoflebens. Zu Lisbeths Zeiten beschäftigte der Hof viele Knechte und Mägde, dann kamen die Maschinen und die politischen Reglementierungen und dann das aus. Lisbeth war mir von den drei Frauen am nächsten. Ich konnte sie gut verstehen, vielleicht auch, weil ich Ähnlichkeiten zu meiner Oma entdeckte. Marlies empfand ich als anstrengend. Ihr fehlt meiner Meinung nach nicht nur das Gespür für ihre eigenen Bedürfnisse, sondern auch Empathie für die Menschen, die ihr Nahe stehen sollten.

Diese krankhafte Eifersucht auf Lisbeth, habe ich nur bedingt nachvollziehen können. Ich kann verstehen, dass sie das Beste für ihre Tochter will, allerdings ahmt sie das Verhalten ihrer Eltern nach und fragt nie danach, was Joanna will. Ebenso zeigt sie kaum Interesse an Konrad. Sie entscheidet allein. Was er möchte, übergeht sie einfach. Dabei versucht er sie in allem zu unterstützen. Er nimmt wesentlich mehr Rücksicht auf sie als sie auf ihn. Für mich ist Marlies die einsamste Person in dem Roman, weil sie nie gelernt hat, Dinge zu auszusprechen oder sich Konflikten zu stellen.

„Wildtriebe“ ist ein ruhiger Roman, der von drei Frauen erzählt, die versuchen den Erwartungen ihrer Zeit gerecht zu werden und darüber ihre eigenen Bedürfnisse aus den Blick verlieren. Ihre Generationenkonflikte entstehen vor allem durch ihre Unfähigkeit miteinander zu reden.

Fazit

Ein ganz wunderbarer, lebensechter Roman. Wem beispielsweise die Romane von Dörte Hansen gefallen haben, wird „Wildtriebe“ ebenso gerne lesen. Für mich ein vollkommenes Lesevergnügen und eines der besten Bücher.

Ich bedanke mich beim dtv Verlag und der Internetplattform „Lovelybooks“ für das Rezensionsexemplar

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