Wenn du mich heute wieder fragen würdest

Wenn du mich heute wieder fragen würdest ist ein besonderer Familienroman. Zwei Familien, Nachbarn, die durch ein schreckliches Schicksal und die Liebe miteinander verbunden sind
Ein besonderer Familienroman
Mary Beth Keane

aus dem amerikanischen Englisch übersetzt von Wibke Kuhn

erschienen im Eisele Verlag, 2020

Rezension

Kurzmeinung

„Wenn du mich heute wieder fragen würdest“ ist ein einfühlsamer, bewegender Roman über zwei Familien, der die Frage aufwirft, wie viel Schuld der Einzelne an seinem Schicksal trägt.

Inhalt

Francis und Brian, frisch von der Polizeiakademie, werden Kollegen bei der New Yorker Polizei. Fast zeitgleich gründen sie eine Familie und ziehen zufällig in den kleinen Vorort Gillam in benachbarte Häuser. Francis und Lena Gleeson bekommen drei quirlige Mädchen und führen ein glückliches Familienleben. Brian und Anne Stanhope haben einen Sohn. Schon kurz nach Peters Geburt beginnt es in der Ehe zu kriseln.

Anne ist sehr reserviert und blockt jeden nachbarschaftlichen Kontakt ab, sodass sich die Familien aus dem Weg gehen. Nur die gleichaltrigen Kinder Kate und Peter sind unzertrennlich. Diese Freundschaft ist Anne Stanhope ein Dorn im Auge und sie versucht Peter von Kate fernzuhalten, erfolglos. Anne leidet zunehmend unter der unglückliche Ehe und ihren psychischen Stimmungsschwankungen. Als Peter und Kate zu Teenagern heranwachsen verändert sich ihre Freundschaft. Sie verlieben sich ineinander. Anne versucht es mit allen Mitteln zu verhindern. Sämtliche, seit langer Zeit schwelenden Probleme, drängen nun mit aller Macht an die Oberfläche. Als die Situation eskaliert, ändert ein kurzer Moment das Leben beider Familien von Grund auf und scheinbar endgültig.

Handlung

Die Geschichte „Wenn du mich heute wieder fragen würdest“ beginnt 1973, kurz nachdem Francis Gleeson aus Irland nach New York kommt und dort Polizist wird. Er lernt die italienisch-polnisch stämmige Lena kennen und heiratet sie. Von seinem Kollegen Brian erfährt er von dem Gillam, einem ruhigen Vorort, der sich perfekt für Familien eignet. Einige Zeit nachdem sich Francis und Lena dort ein Haus gekauft haben, zieht auch Brian mit seiner Frau Anne dorthin. Wie es der Zufall will direkt ins Nebenhaus.

Eigentlich könnte man annehmen, dass die jungen Familien sich anfreunden. Die Männer sind Kollegen, die Ehepaare im gleichem Alter, doch jeder Versuch von Lena Gleeson eine freundschaftliche Beziehung aufzubauen, wird von Anne Stanhope abgeschmettert. So bleiben die Stanhopes in dem kleinen New Yorker Vorort weitestgehend isoliert. Francis und Lena führen ein glückliches Familienleben.

Brian und Anne hingegen scheinen Probleme zu haben. Auch mit ihrem Kinderwunsch dauert es eine Zeit. Ihr einziger Sohn Peter findet schwer Kontakt zu anderen Kindern. Seine beste Freundin ist ausgerechnet die jüngste Tochter von nebenan. Peter ist ein stiller, zurückhaltender Junge. Kate hingegen ist wagemutig und aufgeweckt.

Die Eheprobleme der Stanhopes machen auch vor Peter nicht Halt. Zudem hat Anne immer öfter depressive Phasen, die Peter aufzufangen versucht. Sein Vater Brian ist ihm kaum eine Hilfe. Nichts von diesen Problemen dringt nach Außen.

Als Peter und Kate sich kurz vor ihrem Highschool Abschluss ineinander verlieben, beginnt sich die Situation zwischen den Familien zuzuspitzen. Doch die Gleesons haben keine Ahnung davon, was bei den Stanhopes tatsächlich vor sich geht. Als Peter spät abends bei den Gleesons klopft, um die Polizei zu rufen, marschiert Francis wie selbstverständlich nach nebenan, um nach dem Rechten zu sehen. Nie hätte er für möglich gehalten, was ihn in dem Haus erwartet. Dieser Abend wird das Leben beider Familien grundlegend ändern. Auch die gerade aufblühende Liebe zwischen Kate und Peter findet an dem Abend ein jähes Ende. Ist es wirklich ein endgültiges Ende oder können Kate und Peter es schaffen, den scheinbar unüberbrückbaren Graben zwischen ihren Familien irgendwann zu überwinden?

Meinung

In dem Roman „Wenn du mich heute wieder fragen würdest“ begleiten wir zwei Familien über drei Jahrzehnte. Schnell wird deutlich, dass Anne unter schweren psychischen Problemen leidet, Brian dies jedoch konsequent ignoriert. Leidtragender ist Peter. Lange Zeit dringt nichts von diesen Problemen nach draußen. Auch als das Offensichtliche nicht mehr zu verbergen ist, bleibt es unter dem Deckmantel der Verschwiegenheit. Erst durch ein furchtbares Unglück löst sich die unerträgliche Situation bei den Stanhopes auf.

Die Heranwachsenden Kate und Peter werden abrupt auseinander gerissen und finden erst Jahre später wieder zueinander. Doch der Hass ihrer Familien sitzt tief. Erst müssen sie sich ihren Familien stellen und dann sich selbst, denn weder an Kate und schon gar nicht an Peter sind die damaligen Ereignisse spurlos vorbeigegangen. Jeder der Charaktere kämpft mit seinen Dämonen, die sich nicht einfach abschütteln lassen.

Die Autorin erzählt in „Wenn du mich heute wieder fragen würdest“ abwechselnd aus den unterschiedlichen Perspektiven ihrer Figuren. So bekommt der Leser Einblick in die Gedankenwelt und die Vergangenheit des jeweiligen Charakters. Der Roman erzählt seine Geschichte hauptsächlich chronologisch. Zeitsprünge entstehen durch die Erinnerungen der Figuren. Manches wird eher indirekt erzählt. Durch diese verschiedenartigen Erzählweisen, hält der Roman seinen Spannungsbogen über die 462 Seiten konstant aufrecht. Es ist die Feinfühligkeit des Buches, welche die Charaktere lebendig und authentisch wirken lässt. Zu keiner Zeit gibt es Schuldzuweisungen. Der Leser kann sich sein eigenes Bild machen.

Mary Beth Keane erzählt mit großer Sensibilität von zwei Familien und davon, wie sich das Leben in nur einem kurzen Moment grundlegend ändern kann. Trotz der fast unlösbaren Probleme, bleiben die Familien, vor allem durch Kate und Peter, miteinander verbunden.

Fazit

„Wenn du mich heute wieder fragen würdest“ ist einer der besten Romane, die ich in diesem Jahr lesen durfte. Von der ersten Seite an, hat mich die Geschichte gepackt. Besonders möchte ich die brillante Erzählweise hervorheben, die das Buch zu einem einzigen Lesevergnügen macht. Ich konnte mich gut in die Charaktere hineinversetzen.

Der Autorin ist es gelungen, die Entwicklung der Geschichte durch die abwechselnden Perspektiven nachvollziehbar zu inszenieren. Vor allem Anne, die auf mich zu Beginn arrogant und unsympathisch wirkt, konnte ich am Ende vieles verzeihen und Verständnis für sie entwickeln. Die Frage nach Schuld ist ein zentrales Thema in dem Buch. Was ist Schicksal, was die Summe der Entscheidungen und wer trägt die Schuld? Der Roman zeigt, dass es darauf nie nur eine Antwort geben kann, denn wir alle können die Zukunft nicht voraussehen. Manchmal muss man die Dinge nehmen, wie sie kommen und dann lernen damit umzugehen und zu verzeihen.

„Wenn du mich heute wieder fragen würdest“ ist ein außergewöhnlicher Roman, den ich nur empfehlen kann.

Ich bedanke mich bei „Was liest du“ und dem Eisele Verlag für die Möglichkeit der Teilnahme an der Leserunde.

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