A.S. Tory und der letzte Sommer am Meer

A.S. Tory und der letzte Sommer am Meer Cover. Die Geschichte von Sid und Chiara
A.S. Tory und der letzte Sommer am Meer
S. Sagenroth

erschienen im tredition Verlag 2020

Rezension

Kurzmeinung

Mit gekonnter Leichtigkeit greift der Roman „A. S. Tory und der der letzte Sommer am Meer ein kontroverses Thema auf und stimmt nachdenklich. Ein schwieriges Thema fabelhaft erzählt.

Handlung

Diesmal lädt A.S. Tory Sid und Chiara zu sich nach England ein, ohne ihnen einen Auftrag zu erteilen. Der Sommer ist heiß, selbst in England, und Mr. Tory besitzt ein Haus am Meer, in dem die jungen Leute Ferien machen sollen. Alle Zeichen stehen auf ein unbeschwertes Urlaubsvergnügen. Am Strand lernen Sid und Chiara drei deutsche Mädchen kennen. Eines der Mädchen hat sich mit einem arabischen, jungen Mann angefreundet, der sich illegal im Land aufhält. Als zwei der Mädchen und der junge Mann spurlos verschwinden, beginnen Sid und Chiara ihre eigenen Nachforschungen, die sie bis nach Cornwall führen.

Inhalt

Auf der Suche nach der alten Single reisten Sid und Chiara quer durch Europa bis Marroko. Im zweiten Teil suchten die beiden eine verlorene Geschichte in Venedig, Wien und Berlin. Nun begleiten wir Sid und Chiara nach England. A.S. Tory lädt die beiden Abenteurer zu einem zweiwöchigen Urlaub nach England ein. Erst erkunden sie London und treffen auch Chan wieder, mit dem Sid seit seinem ersten London Aufenthalt Kontakt hat. Zu dritt verbringen sie dann einige Tage in Mr. Torys Haus am Meer.

Am Strand treffen sie drei Mädchen aus Hamburg. Zwischen den Mädchen kommt es immer häufiger zum Streit, seit Emily sich mit dem illegalen Flüchtling Laith angefreundet hat. Als Emily und Sarah spurlos verschwinden, fällt der Verdacht sofort auf Laith. Denn auch er ist nicht mehr auffindbar. Chiara und Sid machen sich auf die Suche nach den Vermissten. Ihre Spur führt sie nach Brighton, Stonehenge bis nach Cornwall.

Meinung

Diesmal gibt es keinen Auftrag, sondern nur die Frage; was bedeutet Freiheit? Für Chiara und Sid bedeutet es, selbst entscheiden zu dürfen, was sie tun. Der afghanischen Flüchtling Laith, der illegal in England eingereist ist, weil ihm und seiner Familie in Deutschland die Abschiebung droht, riskiert eine ganze Menge für seine Freiheit.

Die Kapitel werden begleitet von Nachrichtenmeldungen, kurzen Eintragungen aus Emilys Tagebuch oder Laith Gedanken. Jedoch erfahren wir als Leser nie mehr als nötig. Das hält die Spannung bis zum Ende aufrecht. Die Geschichte nimmt sich einem immer noch sehr aktuellen Thema an, nämlich wie wir in Europa mit Flüchtlingen umgehen. Dabei beleuchtet der Roman unterschiedliche Seiten und zeigt, dass es nicht nur schwarz und weiß gibt, sondern ganz viele Schattierungen dazwischen.

Fazit

Der Schuss von Teil drei hat mich nachdenklich zurückgelassen. Die Erzählung greift einige Themen auf, unbequeme, die sich dennoch mühelos ineinander fügen. Was als Sommerurlaub beginnt endet zwar mit einem Hoffnungsschimmer, über dem jedoch ein großer Schatten liegt. Das Ende hat mich überrascht, letztendlich habe ich den Sinn dahinter verstanden.

Besonders hat mir die Herangehensweise an das Thema gefallen. Nie hebt sich da ein moralischer Zeigefinger. Der Ton bleibt, wie bei den anderen beiden Teilen, locker und unterhaltsam. Es hat Spass gemacht mit den zwei Hauptcharakteren durch England zu fahren und mit ihnen diese verschiedenen Menschen kennenzulernen. Ihre offene, fast vorurteilsfreie Art ist erfrischend und macht den Roman zu einem Lesevergnügen. Ich verstehe die Geschichte als ein Appell an die Toleranz und für das Miteinander, damit wir alle unsere persönliche Freiheit leben dürfen.

Ich bedanke mich herzlich bei der Autorin für da Rezensionsexemplar.

Oktoberfest 1900

Träume und Wagnis

Oktoberfest 1900 Tradition und Fortschritt, Bierbude gegen Bierburg.
Cover Oktoberfest 1900
Petra Grill

erschienen bei FISCHER Krüger Verlag 08/2020

Rezension

Kurzmeinung

Oktoberfest 1900 erzählt vom Wandel eines Volksfestes. Tradition und Fortschritt stehen sich gegenüber, beide gewillt über Leichen zu gehen. Ein spannender Blick hinter die Kulissen inkl. Macht, Intrigen und Liebe. Facettenreiche Charaktere machen den Roman zu einem Erlebnis.

Handlung

München, Oktoberfest 1900. Der Nürnberger Brauerei Besitzer Curt Prank kommt nach München, um das Oktoberfest zu revolutionieren. Er will eine Bierburg für 3.000 Personen errichten. Das stößt vor allem bei den ortsansässigen Brauereien auf Widerstand. Ein Zugezogener, der sich auf ihrem Volksfest breit macht, dass lassen sie sich nicht bieten. Doch Prank ist nicht aufzuhalten. Dafür sind ihm alle Mittel recht. Sogar die Hand seiner Tochter Clara, weiß er geschickt zu vergeben. Clara hat jedoch ihre eigenen Vorstellungen vom Leben.

Colina Kandl ist ein Mädchen vom Lande und arbeitet als Biermadl in einem Wirtshaus. Doch sie ist clever und will mehr. Durch eine kluge Schummelei landet sie als Gouvernante bei den Pranks. Ihre Hoffnung nun ein besseres Leben gefunden zu haben, endet jäh, als herauskommt, dass Clara unter ihrer Aufsicht schwanger geworden ist.

Colina bleibt nichts weiter übrig, als wieder auf dem Oktoberfest 1900 zu kellnern. Sie besitzt Mut und Verstand und lässt sich von Rückschlägen nicht unterkriegen. Während auf der Wies’n der Kampf zwischen Tradition und Fortschritt tobt, versucht Colina die Welt im Kleinen ein Stück besser zu machen, für sich, aber auch für Clara. Ob ihre Pläne tatsächlich aufgehen, muss sich erst zeigen.

Inhalt

Colina Kandl, auf der Flucht vor ihrem gewalttätigen Ehemann in München gestrandet, arbeitet als Biermadl im Wirtshaus Lochner. Bei der Arbeit muss sich einiges gefallen lassen, denn als Kellnerin bekommt sie keinen festen Lohn, sondern ist auf das Trinkgeld angewiesen. Wenn sie sich etwas dazuverdienen möchte, steht ihr im Hinterhof der Schuppen für ein Schäferstündchen mit einem Gast zur Verfügung.

Für Colina ist das keine dauerhafte Option. Clever wie sie ist, schummelt sie sich als Gouvernante in den Haushalt des gerade aus Nürnberg zugezogenen Brauereibesitzers Curt Prank. Sie soll der eigenwilligen, 19 jährigen Tochter Clara als Anstandsdame zur Seite stehen. Was allerdings gründlich schief geht, denn Clara wird schwanger.

Curt Prank will das Oktoberfest revolutionieren. Dafür benötigt er fünf Schanklizenzen, für die er im wahrsten Sinne des Wortes bereit ist über Leichen zu gehen. Besessen vom Bau seiner Bierburg räumt er alles und jeden aus dem Weg. Er will sogar seine Tochter gewinnbringend verheiraten. Clara hingegen hat sich in Roman Hoflinger verliebt, den Sohn eines Münchner Traditionsbrauers.

Als der alte Hoflinger unter mysteriösen Umständen ums Leben kommt, beschuldigt seine Witwe, Maria Hoflinger, Curt Prank als Mörder ihres Mannes. Auch wenn die Kriminalpolizei ihm nichts nachweisen kann, bleibt der Verdacht im Raum. Clara und Roman werden dadurch in eine Art Romeo und Julia Beziehung gedrängt. Beide sind starke Persönlichkeiten, die für ihre zukünftiges Glück kämpfen.

Colina hingegen ist wieder dort, wo sie angefangen hat. Auf der Wies’n in der Bierbude. Diesmal hat sie jedoch einen besseren Stand, weil der Wirt ein großes Werbeplakat mit ihrem Konterfei angefertigt hat, um gegen Pranks Bierburg zu bestehen. Leider lockt ihr Werbeplakat nicht nur Gäste, sondern auch ihren Mann an. Der bringt auch noch den gemeinsamen Sohn mit, den Colina der Obhut von guten Freunden überlassen hatte, um ihn vor dem gewaltbereiten Vater zu schützen. Colina muss ein für allemal einen Ausweg aus dieser Ehe finden, bevor ihr Mann ihr oder dem Jungen etwas antut.

Als Bindeglied aller Figuren agieren zwei Kriminalbeamte, die mit Abstand das Treiben rund um das Oktoberfest beobachten und ihre eigenen Ansichten zum Geschehen haben. Oftmals greifen sie rechtzeitig ein, dennoch können sie nicht jedes Unglück verhindern. Der Kampf der Münchner Traditionsbrauereien gegen den Fortschritt, die Intrigen und Seilschaften führen zu tragischen Ereignissen. Am Ende des Oktoberfestes sind die Weichen der Zukunft zwar neu gestellt, allerdings war der Preis dafür hoch.

Meinung

Der Roman Oktoberfest 1900 basiert auf dem gleichnamigen ARD Mehrteiler (Ausstrahlung am 15.09.2020 oder in der Mediathek). Es ist eine Zeitenwende, die auch vor einem traditionellem Volksfest nicht Halt macht. Im Prinzip stehen sich zwei Familien als Sinnbild für Fortschritt und Tradition gegenüber. Am Ende zerstört Hass und Machtwillen nicht nur alte Strukturen, sondern kostet auch Menschenleben.

Es ist kein seichter Roman, sondern einer, der es in sich hat. Vor allem lebt die Erzählung von den außergewöhnlichen, facettenreichen Figuren. Jeder Charakter erzählt seine eigene, vielschichtige Geschichte. Es gibt keine einfache Aufteilung in Gut und Böse. Jede Figur besitzt helle und dunkle Seiten. Bei welchen überwiegt die eine, bei welchen die andere Seite.

Ich bin geradezu eingetaucht in das München der Jahrhundertwende. Der sittsamen Doppelmoral der gutsituierten Gesellschaft steht die Schwabinger Bohème gegenüber. Der flüssige Schreibstil zieht den Leser in den Bann der Geschichte. Besonders gut hat mir die Wiedergabe der Münchner Mundart gefallen, was die Figuren noch authentischer und lebensechter macht. Es ist keine leichte Kost, denn es gibt einige brutale Szenen. Zimperlich sind die Protagonisten im Roman nicht. Das Leben ist ein Kampf und jeder Charakter kämpft seinen eigenen Kampf.

Herausheben möchte ich noch, dass im Roman einiges nur angedeutet, aber nicht konkretisiert wird. Es bleibt daher für die Fantasie des Leser genug Raum, um sich zu entfalten. Das habe ich als ganz wunderbar empfunden, denn so hatte ich die Möglichkeit meine Gedanken schweifen zu lassen.

Fazit

Alles in allem behandelt der Roman eine Zeit, über die bisher wenig geschrieben wurde. Sicher findet gerade beim Oktoberfest zu der Zeit ein Wandel statt – vom Volksfest zu der Geldmaschine, die es bis heute ist. In der Geschichte wird viel zerstört und gleichzeitig auch Gutes erreicht. Vielleicht muss manchmal etwas zerstört werden, um Neues darauf zu errichten. Es ist ein interessanter Einblick hinter die Kulissen. Roman und Mehrteiler ergänzen sich, erzählen aber mit unterschiedlichen Schwerpunkten. Der Roman hat mich begeistert, gefesselt und ich werde die Geschichte sicher noch einige Tage mit mir herum tragen. Lesenswert!

Ich bedanke mich herzlich bei dem Portal Lovelybooks und dem Verlag Fischer Krüger für das Rezensionsexemplar.

Kinder ihrer Zeit

Kinder ihrer Zeit Buchcover des Romans von Claire Winter über Spionage im geteilten Berlin
Kinder ihrer Zeit Buchcover
Claire Winter

erschienen im Diana Verlag 2020

Rezension

Kurzmeinung

Eine fesselnde Geschichte über Spionage im geteilten Berlin. Berührend und packend erzählt. Ein überragender Roman!

Handlung

Auf der Flucht nach Westen 1945 werden die Zwillingsmädchen Alice und Emma Lichtenberg getrennt. Emma wächst in West-Berlin bei ihrer Mutter Rosa auf. Mutter und Tochter halten Alice für tot. Nur Emma hat als Zwilling häufig so ein Gefühl, als ob Alice noch leben würde. Alice lebt tatsächlich und denkt ihrerseits, dass Mutter und Schwester gestorben sind. Ein russischer Offizier rettete Alice damals aus dem brennenden Haus. Wie viele elternlose Kinder ihrer Zeit kam Alice in ein Waisenhaus.

Erst Jahre später erfährt Alice, dass ihre Familie überlebt hat und in West-Berlin wohnt. Das Wiedersehen der Schwestern fällt nach all den Jahren reserviert aus. Ihre Mutter ist zu dem Zeitpunkt nicht mehr am Leben. Alice, in Kindheitstagen immer die lebendigere von den Mädchen, ist nun reserviert und kühl. Auch die unterschiedlichen politischen Einstellungen machen es den Schwestern nicht leicht, wieder zusammenzufinden.

Als überzeugte Kommunistin wird Alice dazu gebracht, ihre neuen Beziehungen in den Westen zu nutzen, um Informationen zu beschaffen. Als Dolmetscherin ist Emma eine gute Quelle für die Stasi und den KGB. Je tiefer die junge Frau in die Spionagetätigkeit hineinrutscht, desto heftiger regen sich Zweifel in ihr. Um ihre Schwester zu schützen, bricht sie den Kontakt ab. Wenige Tage vor dem Bau der Mauer sehen sich die Schwestern wieder. Von da an überschlagen sich die Ereignisse. Zusammen treffen Emma und Alice eine mutige Entscheidung.

Inhalt

Emma und Alice sind Zwillinge. Alice ist die forschere und Emma eher die anhängliche. Auf der Flucht von Ostpreußen Richtung Westen erkrankt Alice. Ihre Mutter Rosa sucht Zuflucht auf einem Bauernhof. Als sie mit Emma loszieht, um Lebensmittel zu besorgen, wird der Bauernhof von den Russen überfallen und in Brand gesetzt. Tatenlos müssen Rosa und Emma im Versteck zusehen wie alles in Flammen aufgeht.

Sie sind der festen Überzeugung, dass Alice tot ist. Ein schrecklicher Schicksalsschlag, den Mutter und Tochter kaum verkraften. In West-Berlin bauen sie sich ein neues Leben auf. Doch Rosa ist von der Flucht und dem Verlust ihrer Tochter, ihres Mannes und ihrer Heimat stark geschwächt. Damit Emma auf eigenen Beinen stehen kann, unterstützt sie das Sprachtalent ihrer Tochter und ermöglicht ihr eine Dolmetscherausbildung.

Als Emma mit ihrem besten Freund Max in Ost-Berlin unterwegs ist, wird sie von einem Russen angesprochen, der sie zu kennen scheint. Nach dieser Begegnung keimt Hoffnung in ihr auf, der Mann könnte sie mit ihrer Schwester verwechseln. Jedoch findet sie keine verfolgbare Spur. So vergehen Jahre, bevor ihre totgeglaubte Schwester Alice leibhaftig vor Emmas Tür in West- Berlin steht. Alice erfährt durch Zufall von einem alten Suchauftrag vom Roten Kreuz und macht sich daraufhin auf die Suche. Nachdem Sergej, ein russischen Offizier, Alice gerettet hatte, brachte er Alice in ein Kinderheim in Königsberg. Bis heute verbindet sie eine innige Freundschaft zu ihrem Lebensretter.

Die Nachricht, dass ihre Mutter erst vor kurzem verstorben ist, ist für Alice ein furchtbarer Schlag. Alice ist zurückhaltender als Emma und hinzu kommt ihre kommunistische Überzeugung, die eine Annäherung der Schwestern immens erschwert. Max, Emmas gutem Freund, fällt es leichter eine Beziehung zu Alice aufzubauen. Obwohl er sich neben seinem Jura Studium für die KgU, eine antikommunistische Organisation, engagiert. Durch die KgU knüpft er Kontakte zum BND, für den Max allzu gerne arbeiten würde. Allerdings steht ihm dabei die Vergangenheit seiner Eltern im Weg. Es ist bekannt, dass Max Eltern Gegner des Naziregimes waren. Der BND wiederum wurde von ehemaligen Nazis gegründet und setzt weiterhin auf die alten Verbindungen. Jemanden wie Max wollen sie in ihren Reihen nicht haben.

Auf einer Party in Ost-Berlin lernt Emma den Physiker Julius kennen und später auch lieben. Als Julius erleben muss, wie sein bester Freund auf offener Straße entführt wird, fühlt er sich in der DDR zunehmend unwohl. Er fühlt sich verfolgt und überwacht. Deshalb beschließt er aus der DDR zu fliehen, um sich mit Emma im Westen ein neues Leben aufzubauen. Aber anstatt wie geplant in den Westen zu kommen, trennt sich Julius plötzlich von Emma. Auch Alice bricht den Kontakt zu Emma abrupt ab und verschwindet auf mysteriöse Weise. Emma kämpft vergeblich, um ihre Liebe und um ihre Schwester. Sie ahnt nicht das Julius und Alice sich von ihr fern halten, nur um sie zu schützen.

Meinung

In einem bildhaften, leichten Schreibstil erzählt die Autorin Claire Winter die Geschichte der „Kinder ihrer Zeit“. Sowohl Emma als auch Alice werden in die Machenschaften der Besatzer hineingezogen. In einer Zeit, in dem es im gesamten Berlin vor Geheimagenten nur so wimmelt, nichts ungewöhnliches. Dabei wünschen sie sich nur ein unbeschwertes, langweiliges Leben und geraten dennoch in den Sog der Geheimdienste, die ohne jeglichen Skrupel über das Leben von Menschen bestimmen, als wären es Marionetten. Der Roman bleibt auf jeder Seite spannend, da die Autorin es versteht, dem Leser genau die richtige Portion Wissen an die Hand zu geben. Ich habe mit gefiebert, mitgerätselt und war dann wieder überrascht. Es ist eine Kunst Szenen so zu erzählen, dass ich als Leser sie genau vor mir sehe. Dabei verzichtet die Autorin auf allzu detailreiche Beschreibungen.

Herausragend ist die gewissenhafte historische Recherche, die diesem (sowie z.B. dem Vorgängerroman „Die geliehene Schuld“) Roman „Kinder ihrer Zeit“ zugrunde liegt. Ich bin in die Geschichte abgetaucht. Die Handlung spielt in den Jahren vor dem Mauerbau, als zahlreiche DDR Bürger die Chance in Berlin nutzen, um von Ost nach West zu fliehen. Natürlich werden am Rande wichtige Personen der Zeit, beispielsweise Willy Brandt, Walther Ulbricht oder auch Kennedy erwähnt. In erster Linie beschäftigt sich die Erzählung jedoch mit dem Spionage Hotspot Berlin. Normale Menschen werden für Spionagedienste angeworben und unter Druck gesetzt. Es hat mich erschreckt, wie schnell die Menschen in eine verzwickte und bedrohliche Lebenslage geraten konnten, obwohl sie nur ein kleines Rädchen im System waren.

Der Roman gliedert sich in 8 Hauptabschnitte plus Prolog und Epilog. Besonders der Prolog hat es in sich. Während des ganzen Romans habe ich gerätselt, wer da wem gegenüber steht. Übrigens, ich lag bis zum Schluss falsch! Die einzelnen Kapiteln tragen die jeweiligen Namen der Figuren, deren Situation behandelt wird. Das Buch ist sehr übersichtlich aufgebaut und erzählt zu keiner Zeit mehr als nötig.

Fazit

Der Roman ist eine Hommage an all die Menschen, die auf der Flucht mehr als nur ihre Heimat verloren, an all die, die unter dem geteilten Land gelitten haben – eben an die Kinder ihrer Zeit, die es vielfach schwer hatten, zum Teil traumatisiert waren und dennoch weitergemacht haben, um dass Land wieder voranzubringen.

Ich kann den Roman uneingeschränkt und mit voller Überzeugung empfehlen!

Die unglaubliche Flucht des Uriah Heep

Die unglaubliche Flucht des Uriah Heep handelt von Charles Sutherland, der die Gabe besitzt Figuren aus Romanen herauslesen zu können.
Die unglaubliche Flucht des Uriah Heep Buchcover
Autorin H.G. Parry

aus dem amerikanischen übersetzt von Michael Pfingstl

erschienen im Heyne Verlag 05/2020

Rezension

Kurzmeinung

Die unglaubliche Flucht des Uriah Heep deutet darauf hin, dass alles eine Sache der Interpretation ist. Für Literaturliebhaber zu empfehlen. Ein Buch über Bücher, Romanfiguren und die Frage, ist nicht alles so, wie wir es interpretieren.

Handlung

Robert Sutherland führt ein ganz normales Leben. Er ist Jurist und lebt mit seine Freundin Lydia in Wellington. Eines nachts bekommt Robert wieder einmal einen Anruf von seinem jüngeren Bruder Charley, der ihn um Hilfe bittet. Charley ist Literaturprofessor an der Universität und literarisch ein absoluter Überflieger. Schon mit zwei Jahren konnte er lesen und als 13jähriger ging er nach Oxford, um dort zu studieren. Es ist nicht der erste nächtliche Anruf, seit Charley zurück aus England ist. Wie jedes Mal eilt Robert als der ältere seinem Bruder zur Hilfe.

Charley, Literaturprofessor an der Universität, besitzt seit frühster Kindheit die besondere Gabe Romanfiguren aus Büchern herauslesen zu können. Die Figuren erscheinen in seiner Interpretation als reale Wesen. Diesmal ist es ausgerechnet Uriah Heep, der unangenehme Bösewicht aus David Copperfield, den er versehentlich zum Leben erweckt hat. Mit aller Macht setzt sich Uriah Heep zur Wehr, denn er will nicht wieder zurück in seine Geschichte. Er erzählt den Brüdern von einer neuen Welt, die bald über Wellington kommen wird. Doch es nützt ihm nichts. Charley liest ihn unbeeindruckt zurück ins Buch.

Als Robert am nächsten Morgen in der Anwaltskanzlei neue Praktikanten begrüßt, steht ihm überraschender Weise Uriah Heep wieder gegenüber. Doch dieser Uriah Heep ist keine Schöpfung seines Bruders. Wer außer Charley verfügt in Wellington noch über die Gabe? Als Charley in seinem Haus vom Hund von Baskerville bedroht wird, ist klar, dass es tatsächlich noch jemand anderen gibt, der Romanfiguren heraufbeschwören kann. Dieser Jemand scheint Charley herausfordern zu wollen. Stimmt die Behauptung Uriah Heeps, dass eine neue Welt bevorsteht.

Von Neugier getrieben machen sich die Brüder daran, dass Geheimnis zu ergründen. Dabei stoßen sie auf eine geheime Straße mitten in Wellington, in der ausschließlich Romanfiguren leben. Woher kommen all die Figuren? Robert und Charley ahnen nicht, in welche Gefahr sie sich begeben und welche bedeutende Rolle ihr Verhältnis zueinander dabei spielt wird.

Inhalt

Robert ist nicht sonderlich erfreut, dass sein jüngere Bruder Charley wieder in Wellington wohnt. Charley ist der Überflieger in der Familie. Er übersprang einige Klassen und brach schon mit 13 Jahren zum Studium nach Oxford auf. Doch nicht nur das Charley ein Wunderkind war, nein, er besitzt auch noch eine außergewöhnliche Gabe. Schon als zweijähriger konnte er lesen und war in der Lage, Romanfiguren aus Büchern herauszulesen und sie zum Leben zu erwecken. Seine Eltern und Robert bemühten sich, Charleys Besonderheit zu verbergen.

Mittlerweile ist Charley Literaturprofessor und angesehener Charles Dickens Experte. Nur passiert es ihm immer wieder, vor allem, wenn er müde ist, dass die geschrieben Wörter Realität werden. Diesmal ist es nun ausgerechnet der Widerling Uriah Heep. Es kostet die beiden Brüder viel Mühe, in wieder einzufangen und dahin zu lesen, wohin er gehört.

Am nächsten Tag erscheint eine andere Uriah Heep Version in Roberts Anwaltsbüro und stellt sich als der neue Praktikant Eric vor. Dieser Uriah Heep ist allerdings keine von Charleys Interpretationen. Also woher kommt er und was will er ausgerechnet in Roberts Kanzlei?

Am selben Tag taucht der Hund von Baskerville in Charleys Haus auf und bedroht ihn. Irgendetwas stimmt nicht. Zusammen machen sich die Brüder auf, um dem Geheimnis auf die Spur zu kommen und stoßen auf eine verborgene Straße mitten in Wellingtons Ausgehviertel. Dort treffen sie auf zahlreiche Romanfiguren, sogar in verschiedenen Ausführungen. Allein von Janes Austens Mr. Darcy gibt’s fünf Versionen. In der Straße wohnt auch Millie. Sie ist aus einen Abenteuerbuch für Kinder und Charleys Entwurf. Vor vielen Jahren ist sie ihm entwischt. Mittlerweile ist aus dem jungen Mädchen tatsächlich eine erwachsene Frau geworden, die als Finanzberaterin arbeitet. Gemeinsam ergründen sie die seltsamen Veränderungen, die in Wellington voranschreiten. In erster Linie werden diese in der geheimen Straße, die Dickens Vorstellung von London entsprungen scheint, sichtbar. Die Bewohner haben Angst entdeckt zu werden.

Es ist unübersehbar, dass der anderer Beschwörer Charley herausfordern will. Er nutzt für die Erschaffung seiner Welt, Charleys Werk über die Interpretation der fiktiven Welt in Charles Dickens Romanen. Doch wer ist der andere Beschwörer und woher weiß er von Charley? Robert ahnt, dass hinter der Gabe seines Bruders mehr steckt, als er bisher vermutete. Ohne Charleys Wissen beginnt er Nachforschungen anzustellen. Was er herausfindet, ist fast undenkbar und stellt alles in Frage. Dennoch können sich die beiden Brüder dem Widersacher nur gemeinsam stellen. Dabei erhalten sie Unterstützung von den Bewohnern der Straße, die für ihre Rechte einstehen wollen.

Meinung

Auf den ersten Blick wirkt dieses Buch eigenartig. Romanfiguren aus Büchern herauszulesen, die dann lebendig werden und die man wieder zurück lesen kann. Dazu ein heraufziehender Kampf zwischen der realen und der fiktiven Wirklichkeit. Lange Zeit habe ich mich gefragt, was genau die Erzählung will. Worauf läuft es hinaus? Natürlich steckt das Buch voller Humor (die Darcys sind herrlich!) und häufig ist ein literarisches Augenzwinkern zu finden. Zugegebenermaßen konnte ich nicht jede Figur auf Anhieb zuordnen. Doch wer sich mit englischer Literatur befasst, wird sicher nicht enttäuscht.

Ein großes Thema des Buches ist sicher die Beziehung zwischen Geschwistern. Wie der eine den anderen sieht und wie man selbst meint, wie der andere einen sieht. Ich selbst bin eine „kleine“ Schwester. Jeder der Geschwister hat, kennt das sicherlich. Egal wie alt man ist, wenn man unter Geschwistern ist, nimmt jeder automatisch seine Rolle ein. So ergeht es auch Robert. Seit Charleys Geburt sieht er sich als sein Beschützer. Nur ein einziges Mal hat er seiner Ansicht nach darin versagt. Die Situation damals auf dem Schulhof, ist lange her, doch sie ist bei beiden Brüdern immer noch präsent. Kein Wunder, dass der andere Beschwörer genau in diese Wunde trifft. Doch der Plan geht nicht auf. Das Band zwischen den beiden ist stark.

Ein weiterer Aspekt ist die Art und Weise, wie man Figuren, Menschen und die Welt um sich herum interpretiert. Was ist Wahrheit? Ist unsere eigene Wahrheit nicht das, was wir in das, was wir erleben, sehen, fühlen hinein interpretieren? Im Grunde ist alles eine Sache der Interpretation. Das könnte ich endlos ausführen, doch es ist ein Denkanstoß, den der Roman gibt, den jeder für sich verfolgen sollte.

Fazit

Es ist ein komisches, philosophisches und familiäres Buch. Mit einer Leichtigkeit und einer spürbaren tiefen Liebe zur Literatur geschrieben. Wunderbare Figuren, so meine Interpretation. Am Ende verstand ich sogar Uriah Heep, irgendwie. Ich hatte viel Freude beim Lesen. Darüber hinaus hat mich der Roman zum Nachdenken angeregt. Zwischen den Zeilen sind viele wichtige Fragen versteckt. Ein grandioses Buch, dass durch die vielen literarischen Figuren lebendig wird.

Fuchs Acht

Fuchs Acht ist ein Roman über Fuchs Acht, der nur das gute in den Menschen sieht bis er eines besseren belehrt wird.
Das herrliche Buchcover des Romans Fuchs acht
George Saunders

Rezension

Kurzmeinung

Eine kurze Geschichte, erzählt vom Fuchs, die eine bedeutende Frage aufwirft. Besonders.

Handlung

Fuchs acht bewundert die Menschen und sucht ihre Nähe. Er hat sogar ihre Sprache gelernt. Doch eines Tages beginnt der Bau eines großen Einkaufszentrums, dem der Wald, in dem die Füchse leben, weichen muss. Lebensraum und Nahrung der Füchse werden knapp. So beschließt Fuchs 8 seine Freunde zu retten, in dem er zu den Menschen geht. Durch diese Entscheidung lernt er die Menschen von einer anderen Seite kennen.

Inhalt

Ein wunderbares, kleines Buch mit herrlichen Illustrationen von Chelsea Cardinal. Das Ende der Geschichte lässt einen nachdenklich zurück, denn Fuchs 8 stellt in seinem kindlichen Schreibstil eine existentielle Frage, die jeder für sich beantworten sollte. Lesenswert.

Links zum Buch:

Verlag: https://www.randomhouse.de/Buch/Fuchs-8/George-Saunders/Luchterhand-Literaturverlag/e559213.rhd

https://www.perlentaucher.de/buch/george-saunders/fuchs-8.html

Alles, was zu ihr gehört

Alles, was zu ihr gehört handelt von zwei Frauen. Die eine längst tot und die andere, die versucht ein Geheimnis zu lüften
Alles, was zu ihr gehört Buchcover
Sara Sligar

Rezension

Kurzmeinung

Der Roman „Alles, was zu ihr gehört“ behandelt zu viele Themen gleichzeitig für eine Geschichte. Am Ende wirkt es dadurch zu gewollt. Was spannend beginnt, wird überflutet von Nebenschauplätzen.

Inhalt

Um den Nachlass der berühmten Fotografien Miranda Brand zu archivieren, verlässt Kate für einige Zeit New York und zieht an die Westküste. Um die Künstlerin kursieren etliche Gerüchte. Vor allem ihr Tod vor zwanzig Jahren sorgt immer noch für Gesprächsstoff. War es tatsächlich Suizid oder wurde sie getötet. Auch Kate kann sich diesen Spekulationen nicht entziehen und beginnt in dem Haus der Familie nach Beweisen zu suchen. Alles was zu ihr gehört ist der Titel, aber Kate muss vieles sichten, um das ausschlaggebende Detail zu finden. Dabei muss sie vorsichtig sein, denn der Sohn der Künstlerin beobachtet sie und ihre Arbeit genau. Kate beginnt sich zu fragen, was er über den Tod seiner Mutter weiß.

Handlung

Als Kate an die Westküste zu ihrer Tante zieht, liegt eine schwere Zeit hinter ihr. Durch einen Skandal verlor sie ihren Arbeitsplatz bei einer renommierten New Yorker Zeitung. Deshalb stürzt Kate sich in die neue Arbeit. Und bald kommen ihr die ersten Gerüchte zu Ohren, welche sich um den Tod der bekannten Künstlerin handeln. Viele Leute der Kleinstadt bezweifeln auch zwanzig Jahre nach ihrem Tod die offizielle Version an. Beeinflusst von dem Gerede beginnt Kate neugierig zu werden.

Auch Theo, der Sohn der Künstlerin, ist wegen des Nachlasses zurückgekommen, um dessen Archivierung zu begleiten. Kates Verhältnis zu Theo ist anfänglich sehr distanziert, nur seine beiden Kindern fassen schnell Vertrauen zu ihr. Mit der Zeit verändert sich Theos Verhalten und sie kommen sich näher. Doch Theo weiß nicht, dass Kate heimlich nach Beweisen für den Mord an Miranda sucht und auch ihre Vergangenheit steht zwischen ihnen.

Als Kate ein Tagebuch findet, hofft Kate endlich alles zu erfahren. Doch es kommt anders.

Fazit

Die Geschichte verspricht ein spannendes Geheimnis. Ein ungeklärter Todesfall einer Künstlerin. Eine ehemalige Journalistin die sich auf die Suche nach der Wahrheit begibt, aber auch noch mit ihrer eignen Vergangenheit zu kämpfen hat.

Der Roman, erzählt aus der Sicht von Kate im Wechsel mit dem, was Kate im Nachlass findet. Daher ist der Leser grundsätzlich auf dem Wissensstand von Kate. Leider ändert sich das im letzten Drittel. Da erfahren wir plötzlich Dinge, die Kate noch nicht weiß, denn wir lesen Mirandas Tagebuch weiter.

Ab dem Moment, in dem ich dachte, jetzt geht die Geschichte richtig los eröffnete die Autorin so viele Nebenstränge, dass ich schlussendlich nicht mehr wusste, warum es denn nun eigentlich geht. Der Tod von Miranda rückte seltsam in den Hintergrund, kam dennoch immer wieder hervor. Dann wurde die Handlung wieder von Kates Beziehung zu Theo dominiert, wieder ein Wechsel zu Kates Vergangenheit, wieder zu Mirandas mieser Ehe, Theos Auffälligkeiten als Kind, Kunst, Kates Krankheit…ein ständiges Hin und Her der Prioritäten. Dabei verlor sich sowohl die Spannung als auch meine Lust zu lesen. Hinzu kamen die anstrengenden Formulierungen und Beschreibungen, die so wahnsinnig gewollt anders sein sollten. Anfänglich habe ich darüber hinweg gelesen, später gingen sie mir immer mehr auf die Nerven.

Die Erzählung hat ihre Höhepunkte, allerdings auch gravierende Tiefen. Und am Ende saß ich etwas ratlos da, denn das Hauptthema wurde zur Nebensächlichkeit und die Aufklärung am Ende uninteressant. Der Bogen zum Happy End ist zu groß, um glaubwürdig zu sein. Sehr schade.

Ich bedanke mich herzlich beim Hanserblau Verlag und Lovelybooks für die Teilnahme an der Leserunde.

Links zum Buch:

https://www.lesejury.de/sara-sligar/ebooks/alles-was-zu-ihr-gehoert/9783446267473

https://www.readpack.de/2020/07/rezension-alles-was-zu-ihr-gehoert-von-sara-sligar.html/

Schatten der Welt

Schatten der Welt handelt von drei Freunden, die versuchen ihren Platz in der Welt zu finden. Kurz vorm Beginn des Ersten Weltkrieges scheint das Glück zum Greifen nah.
Schatten der Welt Buchcover
Andreas Izquierdo

erschienen im Dumont Verlag 2020

Rezension

Kurzmeinung

Großartige, eindrucksvolle Erzählung über Freunde, Mut, Träume und ein schonungsloser Blick auf Eitelkeiten und Standesdünkel.

Inhalt

Thorn, ein Ort in Westpreußen. Dort bestimmt im Jahr 1910 die preußische Ordnung das gesellschaftliche Leben und man ist kaisertreu. Der dreizehnjährige Carl Friedländer, Sohn des Schneiders, ist ein nachdenklicher, sensibler Junge. Mit seinem Vater verbindet ihn ein liebevolles Verhältnis. Oft schwelgt dieser in Erinnerung und erzählt von der Zeit, als er die beste Schneiderei Rigas besaß und Carls Mutter noch lebte. Carls bester Freund ist der um ein Jahr ältere Artur. Ein hochgewachsener, stämmiger Bursche, der sich Respekt verschafft. Er strebt nach Besserem, als dem ärmlichen Dasein seiner Familie.

Eines Tages lernen die beiden jungen Männer Isi kennen. Die Tochter eines Lehrers ist klug, ehrgeizig und mit allen Wassern gewaschen. Das Trio will eine bessere Zukunft, raus aus den jetzigen Verhältnissen, weg vom Joch der Eltern und der preußischen Disziplin. Die geschäftstüchtigen sind in erster Linie Artur und Isi, mit einer Spur Skrupellosigkeit. Sie beißen sich durch und gründen ein florierendes Unternehmen. Carl ist weniger Geschäftsmann als Künstler. Obwohl er am Unternehmen beteiligt ist, nutzt er seine Chance und lässt sich zum Fotografen ausbilden.

Es scheint, als würde ihr Plan vom besseren Leben aufgehen, bis der Ausbruch des Ersten Weltkrieges alles zunichte macht. Mit einem Schlag gibt es kein Geschäft mehr. Die Freunde werden auseinandergerissen. Carl und Artur sind nun Soldaten. Carl wird als Kriegsfotograf eingeteilt, somit bleibt ihm die vorderster Front erspart. Artur kommt an die Ostfront. Nur Isi bleibt in Thorn zurück und muss sich dort gegenüber ihrem gewalttätigen Vater und den Machenschaften des Großbauerns zur Wehr setzen.

Der Krieg zwingt die Freunde sich auf eigene Faust durchzuschlagen. Es ist ungewiss, ob sie sich je wiedersehen und ob sich ihr Wunsch von einem besseren, selbstbestimmten Leben jemals erfüllen wird.

Meinung

Mit dem Roman „Schatten der Welt“ gelingt dem Autor Andreas Izquierdo ein umfassendes Portrait jener strengen, preußischen Vorkriegsjahre und der Willkür des Ersten Weltkrieges zu zeichnen. Die drei Protagonisten, allen voran der sensible Carl, kommen aus ärmlichen Verhältnissen. Im damaligen Preußen gab es für die untere Klasse wenig Hoffnung, auf Veränderung ihrer Lebensumstände. Die moderne Technik bot da einen Ausweg. Man musste nur klug genug sein, um seine Chance zu ergreifen. Genau das tut der clevere Artur.

Und tatsächlich scheint es, als ob die drei jungen Leute ihr Ziel erreichen. Bis der Krieg ihren Erfolg wieder zerstört. Plötzlich sehen sie sich einem sinnlosen Morden und erbarmungslosen Hunger gegenüber. An der Front sind die gesellschaftlichen Zustände wie gehabt. Das Sagen haben Adel und Großgrundbesitzer. Isi kämpft an der Heimatfront gegen Lebensmittelknappheit und die mächtigen Landbesitzer, die Profiteure des Krieges sind.

Auf über 500 Seiten erzählt der Roman von drei jungen Leuten, die ein Ziel verfolgen; ihr Leben selbstbestimmt gestalten zu können. Die Geschichte handelt von ihren Träumen, von ihrem Kampf gegen die Obrigkeit und die eigne Familie, aber auch von Freundschaft und den Mut etwas zu riskieren. Schonungslos wird sowohl der Umgang mit Dienstpersonal geschildert als auch die gesellschaftliche Rolle der Frau offengelegt, die in dieser Zeit wenige Rechte hat. Das Korsett der preußischen Ära ist eng, Titel sind alles.

Während des Krieges kämpft Artur an der Ostfront. Seine Erlebnisse werden detailgetreu wiedergegeben, sodass der Leser das Grauen der Schlachtfelder vor Augen hat. Das grausame, wahllose Morden und das Verheizen einer ganzen Generation, lässt der Autor in einer bildreichen Sprache auferstehen. Besonders herausheben möchte ich Carls Rolle während des Krieges. Als Fotograf und später als Filmregisseur schafft er Propagandabilder, die bis heute oftmals für bare Münze genommen werden. Doch es sind vielfach reine Inszenierungen. Der Erste Weltkrieg war ein Propagandakrieg. Carl verliert sich in seinen Inszenierungen und will diese weiter optimieren, ohne Bewusstsein dafür, was er tut. Seine Wandlung zu verfolgen, die dann jäh stoppt und Carl durch schreckliche Ereignisse wieder zu sich selbst findet, ist dem Autor fabelhaft gelungen.

Isi, die Dritte im Bunde, hat es ohne ihre beiden Freunde zu Hause in Thorn schwer. Sie ist eine emanzipierte, junge Frau, die sich durch ihr rebellisches Wesen immer wieder in Schwierigkeiten bringt. Ihr unbeugsamer Mut, den sie oftmals an den Tag legt, verlangt Respekt. Ab und an hoffte ich, sie würde es diesmal nicht bis zum Äußersten ausreizen, trotzdem konnte ich ihr Tun und ihre Wut nachvollziehen.

Jeder der drei Freunde hat in diesen Kriegsjahren viele entsetzliche Dinge erlebt. Das Romanende lässt Hoffnung aufkeimen, dass Carl, Artur und Isi eines Tages wieder zusammen finden.

Fazit

Das Buch ist ein außergewöhnliches Stück Zeitgeschichte. Der Erzählbogen hält über die vielen Seiten seine Spannung aufrecht. Sein leichter, detaillierter Schreibstil führte mich in die Welt von Thorn. Besonders mochte ich die eingebauten Cliffhänger, die immer vorab erahnen ließen, dass da noch was kommt. Trotz vieler Ungerechtigkeiten und tragischen Momenten, habe ich auch oft gelacht. Vor allem aufgrund der Versessenheit einen Titel verpasst zu bekommen und der Unverfrorenheit der jungen Hauptfiguren. Ich habe das Buch nur ungern für eine Lesepause aus der Hand gelegt. Auch die Geschichte von Carl, Artur und Isi wird mich noch einige Zeit beschäftigen. Mich hat der Roman vollends gefangen genommen und begeistert. Ich kann diesen Roman uneingeschränkt empfehlen. Und ich freue mich sehr auf die Fortsetzung!

Links zum Buch

https://www.lovelybooks.de/autor/Andreas-Izquierdo/Schatten-der-Welt-2572237037-w/

Der Delphi Code

Der Delphi Code handelt von einer App, die bestimmt, wen du liebst
Der Delphi Code Buchcover
Thomas Pyczak

Rezension

Kurzmeinung

Gute Idee, leider keine überzeugende Umsetzung. Spannungslos.

Handlung

Im griechischem Delphi findet ein Treffen einer IT Firma statt, um eine neuentwickelte App „Der Delphi Code“ vorzustellen. Diese App analysiert mit Hilfe von künstlicher Intelligenz Liebesbeziehungen in Echtzeit. Die eingeladenen Paare sollen ihre Beziehung mit der App auf den Prüfstand stellen. Es ist ein erster Testlauf für die App an realen Paaren.


Der Delphi Code, so der Name dieser App, wurde von Frauen entwickelt. Edelweiß und Victoria sind die Programmiererin, die übersinnliche Unterstützung von der Seherin Ada erhalten haben. Doch kann der Delphi Code, der ausschließlich auf Algorithmen der künstlichen Intelligenz aufbaut, tatsächlich zwischenmenschliche Beziehungen besser einschätzen als die Menschen?

Der Delphi Code, so der Name der App, wurde von Frauen entwickelt. Edelweiß und Victoria sind die Programmiererin, die übersinnliche Unterstützung von der Seherin Ada erhalten haben. Doch kann der Delphi Code, der ausschließlich auf Algorithmen der künstlichen Intelligenz aufbaut, tatsächlich zwischenmenschliche Beziehungen besser einschätzen als die Menschen?

Delphi, ein mystischer Ort, wurde passender Weise für dieses Treffen ausgewählt. Edelweiß, als eine der Hauptverantwortlichen für diese revolutionäre App, reist als erste dorthin und begegnet auf der Hinreise schon einer jungen Griechin, die ihr die Geschichte des Orakels näher bringt. Als am nächsten Tag die Paare eintreffen, beginnt der Testlauf der App, der schlussendlich aus dem Ruder läuft.

Meinung

Das Thema des Romans klingt interessant. Künstliche Intelligenz ist eines der großen Zukunftsthemen. Leider baut der Roman keinerlei Spannung auf. Die ganze Geschichte bleibt oberflächlich, was meiner Meinung nach vor allem daran liegt, dass von Beginn an zu viele Geschichten mit einander verwoben werden. Damit verliert sich schon im ersten Drittel der rote Faden.

Zudem bleiben die Figuren für mich nicht greifbar. Ich konnte weder zu den Figuren noch zur Geschichte an sich einen Zugang finden. Auf mich wirkt die Erzählung emotionslos. Ein Grund hierfür ist meiner Ansicht nach auch der sehr abgehakte Schreibstil, der eher an den Stil einer whatsapp Nachricht erinnert. Die Sätze sind unnatürlich kurz gehalten. Hinzu kommen zahlreiche stilistische und grammatikalische Fehler. Zum Beispiel heißt es auf S. 18: „[…] weil er in seiner Heimat Frankreich ein erfolgreicher Schriftsteller war.“ Wieso „war“, er lebt ja noch und er ist Schriftsteller. Solche Bespiele gibt es zuhauf in dem Buch. Der Text fliest nicht, was dazu führt, dass auch der Lesefluss nicht gegeben ist. Ich habe das Lesen als extrem anstrengend empfunden, da es mir nicht möglich war, in das Buch einzutauchen.

Auch die Geschichte konnte mich nicht überzeugen. Der Aufbau ist verwirrend und wirkt auf mich wenig durchdacht, sodass man ab der Mitte des Buches den Überblick verliert.

Fazit

Mein Fazit ist, dass die Idee hinter dem Thema interessant ist, doch leider konnte die Umsetzung mich in keiner Weise überzeugen. Ich habe mich durch das Buch gequält. Ich glaube nicht, dass künstliche Intelligenz Gefühle beurteilen kann, dafür ist sie auch nicht gemacht. Sie kann uns jedoch im Alltag eine große Hilfe sein, wenn man sie richtig einsetzt. Bei der Partnerwahl sollte man sich nicht auf die Technik verlassen, außer man strebt eine leidenschaftslose Beziehung an. Es braucht Gemeinsamkeiten, aber auch Unterschiede, damit Reibungspunkte entstehen, an denen man wachsen und sich weiterentwickeln kann. Manchmal geschieht das zusammen und manchmal treibt es Paare voneinander weg. Das ist nun mal das Leben.

Leider bleiben viele interessante Erkenntnisse in dem Roman nur oberflächlich erwähnt. Es fehlt an Spannung, an Tiefe und an nachvollziehbaren Emotionen. Daher kann ich den Roman nicht besser bewerten.

Ich bedanke mich dennoch beim Autor und beim Mainwunder Team für das Rezensionsexemplar und für die Mühe.

A. S. Tory

Roadmovie um die Suche nach einer alten Single

A. S. Tory Roadmovie um die Suche nach einer alten Single Buchcover
Der Weg ist das Ziel
S. Sagenroth

Eine spannende Geschichte mit unerwarteter Wendung.

Vor dem fünfzehnjährigen Sid liegen zwei öde Wochen Herbstferien. Seine Freunde sind imUrlaub und ihm bleiben nur die Nachhilfestunden in Latein. Frustriert über seine Lage klickt er durch seine Mails. Dabei fällt ihm eine E-Mail von einem unbekannten Adressaten auf. Dieser Unbekannte verspricht Sid ein Abenteuer, wenn er sich entschließt eine Reise anzutreten. Die Kosten werden übernommen. Kurzentschlossen sagt Sid zu. Zuerst reist er nach London, wo er den mysteriösen Auftraggeber, A. S. Tory, ein älterer Herr im Rollstuhl, persönlich kennenlernt.

Sein Auftrag; Sid soll sich auf die Suche nach einer alten, französischen Single aus den 70igern machen. Sids erster Stopp auf seiner Suche ist die Toskana. Dort lernt er Chiara kennen, die sich ihm spontan anschließt. Zusammen reisen sie weiter nach Frankreich, Marrakesch und in die Niederlande. Auf ihrer Suche erleben sie abenteuerliche Geschichten und viele interessante Menschen kreuzen ihren Weg. Doch die Suche nach der Single entpuppt sich plötzlich als nicht so ungefährlich wie angenommen.

Der Roadmovie Roman über die Suche nach einer alten Single LP ist der erste von bislang zwei erschienen Teilen rund um die Abenteuer des Teenagers Siegmund Sagenroth, der sich lieber Sid nennt. In diesem Buch nimmt seine Bekanntschaft mit einem alten, augenscheinlich reichen Herren aus London, A. S. Tory, ihren Anfang. Aus purer Langeweile und in der Hoffnung auf etwas Urlaub nimmt Sid das mysteriöse Angebot an. Auf seiner Reise trifft er verschiedene Menschen. Vor allem zu Chiara entwickelt sich eine echte Freundschaft, obwohl sie vier Jahre älter ist. Es ist herrlich zu erleben, wie Sid, der zu Beginn eher introvertiert wirkt, richtig aufblüht und aus sich herauskommt. Seine Wandlung hat er in erster Linie der lebensfrohen und unkonventionellen Chiara zu verdanken.

Die Plätze und Orte, an denen sich Sid aufhält sind vollkommen authentisch beschrieben. Das belebte Soho, die italienische Winzergemeinschaft ebenso wie das farbenfrohe Marrakesch. Als Leser reist man mit Sid durch diese Orte und es fühlt sich an, als ob man tatsächlich mit dabei wäre.

Die Bedenken, dass der junge Sid einfach so einem Fremden vertraut, zerstreuen sich recht schnell, denn es wird klar, dass Sid zwar auf Abenteuerreise geht, trotzdem hat der alte Herr Tory ein Auge auf seinen Schützling. Was jedoch anfänglich recht harmlos wirkt, bekommt durch die nicht vorhersehbare Wendung am Ende, einen zusätzlichen Spannungskick. Die Geschichte reißt einen förmlich mit und es macht Freude zu sehen, wie sich der Hauptcharakter Sid während der Erzählung entwickelt.

Neben der spannenden Geschichte, möchte ich das grandios gestaltete Cover nicht unerwähnt lassen genauso wie die herrliche Idee eine Schallplatte als Lesezeichen hinzuzufügen. (Auch wenn es tatsächlich „nur“ ein Lesezeichen ist. Ich hatte den Drang sie auf den Plattenspieler zu legen, wovon die Autorin mir abgeraten hat ;-))

Ich bedanke mich bei der Autorin ganz herzlich für das Rezensionsexemplar!

Link zum Buch:

Teil II: https://lesepartie.de/a-s-tory-und-die-verlorene-geschichte/

Verlag: https://tredition.de/autoren/s-sagenroth-28630/a-s-tory-paperback-130769/

Neun Tage und ein Jahr

Taylor Jenkins Reid
Neun Tage und ein Jahr Buchcover
Wenn das Schicksal dir nur eine kurze Zeit Glück gewährt

Gefühlvolle Erzählung über den Verlust eines Menschen und das Loslassen, um weiterzuleben.

Die Liebe erwischt Elsie und Ben unerwartet, aber heftig. Ziemlich schnell ist beiden klar, dass sie zusammen gehören. Keine sechs Monate nach dem Kennenlernen sind sie zusammengezogen und heiraten. Vor ihnen liegt ihr gemeinsames Leben. Sie schmieden Pläne und sind glücklich sich gefunden zu haben.

Doch dann wird Ben durch einen Unfall aus dem Leben gerissen. Elsie ist fassungslos vor Schock und Trauer. Sie ist Witwe, nach nur neun Tagen Ehe. Ist sie überhaupt eine richtige Witwe nach einer so kurzen Ehe? Hinzu kommt eine Schwiegermutter, die nichts von ihrer Existenz weiß. Kann Elsie es schaffen ohne Ben zu leben?

„Neun Tage und ein Jahr“ schildert abwechselnd die Geschichte vom Kennenlernen bis zur Hochzeit, und Elsies Leben nach Bens Tod. Der Roman erzählt von den sechs Monaten mit Ben und den sechs Monaten ohne Ben. Ein Jahr, das Elsie zur Hälfte im Liebesrausch und zur anderen Hälfte in völliger Trauer verbringt.

Es beginnt mit dem Abend, an dem Ben stirbt. Neun Tage sind sie verheiratet. Elsie und Ben sind perfekt füreinander, dessen wird man sich beim Lesen ihrer sechsmonatigen Beziehung bewusst. Umso mehr trifft einen die Trauer, in der Elsie gefangen ist. Ihre Zweifel, dass sie nach der Kürze der Zeit gar keine „richtige“ Ehefrau ist. Ihre Schuldgefühle, weil Ben nur für sie noch einmal losgefahren ist. Hinzu kommt ihre Schwiegermutter, die erst vor wenigen Jahren ihren Mann verloren hat und keine Ahnung von der Ehe ihres Sohnes hatte. Ben hatte nie den richtigen Zeitpunkt gefunden, seiner immer noch trauernden Mutter von seinem Glück zu erzählen. Dennoch überwinden die beiden Frauen diese Hürde und versuchen sich gegenseitig in ihrer Trauer zu unterstützen.

Das Buch ist berührend und gefühlvoll geschrieben. Es nimmt sich dem Thema Trauer auf eine pragmatische und reale Weise an. Elsie, die nur eine kurze Zeit vollkommen glücklich war und jäh aus ihrer Liebesblase herausgerissen wird. Susan, Bens Mutter, die nach dem Tod ihres Sohns plötzlich ohne Familie dasteht. Das Leben muss für beide weitergehen, aber wie das gehen soll, ist die Frage mit der sich der Roman auseinandersetzt. Der Schreibstil ist trotz des schweren Themas leicht und unterhaltsam und es gibt durchaus humorvolle Abschnitte, Es ist eine Liebesgeschichte der anderen Art, die zeigt, dass es nicht wichtig ist, wie lange man sich geliebt hat, sondern nur das man sich geliebt hat.

Links zum Buch:

https://www.randomhouse.de/Hoerbuch-Download/Neun-Tage-und-ein-Jahr/Taylor-Jenkins-Reid/Random-House-Audio/e470047.rhd

https://reading-books.de/neun-tage-und-ein-jahr/