Mittagsstunde

Dörte Hansen
Cover Mittagsstunde
Mittagsstunde

Ein starker Roman über den Lauf der Dinge, der auch vor dem Landleben nicht Halt macht.

In der Mittagsstunde liegt Stille über dem friesische Dorf Brinkebüll. Das war immer so, aber es bleibt nicht immer so. Ingwer Feddersen kommt für ein Jahr zurück in das Dorf, in dem er aufgewachsen ist. Das Dorf hat sich verändert. In der Bäckerei der Boysens backt schon längst niemand mehr Schwarz- oder Graubrot, Dora Koopmann verkauft seit Jahrzehnten weder Süßigkeiten noch Jagdwurst und auch die Gaststätte Feddersen hat ihre besten Zeiten hinter sich. Obwohl Sönke Feddersen mit über 90 Jahren weiterhin die Stellung hinter seiner Theke hält.

Ingwer hat das Dorf und die Gastwirtschaft verlassen, als er zum Studium nach Kiel zog. Dort lebt seit über 20 Jahren in der gleichen WG. Nun ist er zurück, um sich um seine Großeltern zu kümmern. Für ihn sind es seine Eltern. Sein Vater kennt niemand und seine Mutter hat Ingwer zeitlebens als Schwester wahrgenommen. Marrett, meist der Welt entrückt, wundersam gekleidet, predigte ständig den Untergang und sang leidenschaftlich die Schlager der 1960iger Jahre. Bis heute verfolgt Ingwer das schlechte Gewissen, weil er gegangen ist und sich gegen ein Leben als Gastwirt entschieden hat.

So kommt Ingwer in das Dorf seiner Kindheit, in dem nichts mehr so ist ,wie damals war, nicht einmal die Stille der Mittagsstunde. Dieses Jahr wird für Ingwer eine Rückbesinnung auf die wesentliche Dinge, in dem er sein eigenes Leben neu sortiert.

Dörte Hansen Debütroman „Altes Land“ hat mich schon begeistert. Nun nimmt sie den Leser mit in eine Zeit, die fast ausgestorben ist und dennoch immer noch spürbar. Die pointiert eingestreuten, plattdeutschen Sätze, geben den Roman eine ehrliche und humorvolle Note. Ich habe mich in Brinkebüll ausgesprochen wohl gefühlt. Außerdem erinnerte ich vieles aus meiner eigenen ländlichen Kindheit, die ich zwar nicht in Friesland verbrachte und auch ca. 20 Jahre später, doch ich gab es damals den Dorfladen, die Fleischerei und die nicht betonierten Bauernhöfe. Alles längst nicht mehr da.

Die sorgsame Entwicklung der Charaktere ist der Autorin ganz fabelhaft gelungen. Die Geschichte wechselt zwischen dem Jetzt und dem Damals ohne das man als Leser den faden verliert. Man wird eingemeindet als ein Teil dieser Dorfgemeinschaft. Mir hat das Lesen sehr viel Freude bereitet und nach dem letzten Satz kam Wehmut auf. Ich wäre gerne noch geblieben. Oder es mit Heidi Brühl zu sagen: „Wir wollen niemals auseinandergehen…“

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