FLUTwelle

Flutwelle ein Resumee über das Leben, über Identität, und das Scheitern an Erwartungen
Linda Lê

aus dem Französischen von Brigitte Große

Dörlemann Verlag, 2014

Rezension

Kurzmeinung

Der Roman „Flutwelle“ erzählt aus vier Perspektiven über die Suche nach Identität, über die eigenen Erwartungen an ein perfektes Leben und über das Scheitern an genau diesen.

Inhalt

Van sieht den Austin seiner Frau Lou direkt auf ihn zu fahren. Wenn sie ihn überfahren würde, er hätte es verdient. Lou ist außer sich und überfordert mit der Situation. Sie handelt irrational, denkt nicht nach, als sie auf das Gas drückt. Ihre Ehe ist nicht mehr so wie zu Beginn, aber Van und sie haben sich geschworen sich nicht zu trennen, zumindest nicht bevor die gemeinsame Tochter Laure aus dem Haus ist.

Seit Vans Halbschwester Ulma auf der Bildfläche erschienen ist, entfernt sich Van immer weiter von seiner Familie. Seine Verbindung zu Ulma ist eng und intensiv, es scheint, als hätte er etwas gefunden, was er bei Lou vermisst. Seine Vergangenheit in Vietnam steht plötzlich zwischen ihnen. Lou erträgt es einfach nicht mehr und fährt mit hohem Tempo auf Van zu.

Handlung

Als Heranwachsender verließ Van Vietnam. Sein Vater, den er nie kennenlernte, war ein treuer Anhänger der kommunistischen Regierung. Um ihren Sohn vor dem Krieg zu retten und ihm eine Zukunft zu ermöglichen, schickt ihn seine Mutter nach Frankreich. Dort arbeitet Van hart, um studieren und eines Tages seine Mutter nachholen zu können. Doch bevor er seine Pläne umsetzen kann, stirbt seine Mutter bei einem Verkehrsunfall.

Van wird Lektor, heiratet Lou und wird Vater. Er ist in der multikulturellen, Pariser Gemeinschaft zu Hause. Er nimmt sich vor ein anderer Vater zu sein, als es seiner war. Er will sich kümmern, er will präsent sein, er will es einfach besser machen als sein Vater. Nun ist er Mitte vierzig, seine Tochter in der Pubertät und seine Ehe ist alltäglich geworden. Da tritt Ulma in sein Leben, seine Halbschwester. Durch sie findet Van ein Stück verlorengegangene Identität wieder. Doch ihre Beziehung geht über geschwisterliche Zuneigung hinaus.

Lou bemerkt Vans Verwandlung. Sie setzt einen Detektiv auf ihren Mann an und erfährt alles über seine Treffen mit Ulma. Außer sich vor Verzweiflung überfährt sie ihren Mann. Entsetzt über ihre Tat lässt sie das Leben mit Van Revue passieren. Auch ihre Tochter Laure denkt über ihren Vater nach, erinnert sich an die vielen Streitereien der letzten Jahre.

Ulma hingegen schreibt einen langen Brief an ihren Psychiater, in dem sie ihm vor allem von dem ambivalenten Verhältnis zu ihrer Mutter erzählt.

Drei Frauen betrauern auf ihre eigene Weise den Tod eines Mannes, der für jede von ihnen eine bedeutende Rolle spielte. Und auch Van zieht aus dem Jenseits Bilanz.

Meinung

Es ist der Tag der Beerdigung. In den vier Teilen des Romans „Flutwelle“:

„Tiefe Nacht“, „Morgengrauen“, „Mittag“ und „Abenddämmerung“

wird die Situation aus vier unterschiedlichen Perspektiven erzählt. Zum einen blickt der tote Van auf sein Leben zurück. Daneben lässt Lou ihre Ehe Revue passieren, Laure erkennt, dass Van kein schlechter Vater war und Ulma setzt sich in erster Linie mit dem Verhältnis zu ihrer Mutter auseinander.

Die ungeheuerliche Tat von Lou, die ihren Mann überfahren hat, schwebt über allen. Wie konnte es soweit kommen? Für mich die dringendste Frage. Die Autorin Linda Lê gibt ihren Figuren ausreichend Raum, um sich zu erklären. Dabei passt sie ihren Schreibstil der jeweiligen Figur an, was ihr jedoch nicht durchgehend gelingt.

Die Kapitel von Lou und Laure sind für mich am ergiebigsten. In denen wird die gesamte Beziehung von Lou und Van noch einmal aufgerollt, wir bekommen einen Überblick über die prägenden Erfahrungen beider und warum sie es besser machen wollten, als ihre Eltern. Laure ist zwar die jüngste und die am meisten von der Situation Betroffene, und doch ist sie die Person, die das Geschehen wirklich zu begreifen scheint. Sie analysiert ihre Eltern auf den Punkt genau, zeigt Empathie und Verständnis. Ihre Gedanken zu verfolgen machte mir einiges in dieser Erzählung verständlicher.

Ulma hingegen blieb mir fremd. Ihre Kapitel sind der Schwachpunkt des Romans, denn eigentlich ist es die Geschichte ihrer Mutter, die sie erzählt, von ihren eigenen Gedanken erfahren wir so gut wie nichts. Meiner Meinung nach ist es sehr schade, dass Ulma sich dauerhaft über ihre Mutter definiert und sie keine eigene Geschichte entwickelt. Diesen Mutter-Tochter-Konflikt empfand ich im Laufe des Buches immer störender. Aus meiner Sicht passen Ulmas Kapitel nur bedingt zur Geschichte. Ich habe beim letzten Teil sogar Seiten überblättert. Dabei ist Ulma der Auslöser des Dramas, was ihr eine besondere Rolle zukommen lässt, der sie leider meiner Ansicht nach nicht gerecht wird. Dafür bleibt sie als Person zu sehr im Hintergrund und zu blass.

Fazit

Mit einigen Schwächen und Längen, aber eine interessante Konstellation.

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