Die Unschärfe der Welt

Die Unschärfe der Welt ist ein Roman über eine rumänische Familie, die wir Leser in kleinen Ausschnitten über Generationen begleiten.
Nominiert für den Deutschen Buchpreis: „Die Unschärfe der Welt“
Iris Wolff

erschienen im Klett-Cotta Verlag, 2020

Rezension

Kurzmeinung

„Die Unschärfe der Welt“ ist sehr unscharf geraten, was hauptsächlich die Charaktere betrifft. Die wenige Handlung, erzählt in kurzen Momentaufnahmen die Geschichte einer Familie wiedergeben, verpackt in gefühlvolle, poetische Sprache auf hohem Niveau.

Handlung

Der Roman „Die Unschärfe der Welt“ erzählt von einer Familie, die im rumänischen Banat verwurzelt ist, zu Zeiten der Diktatur. Hannes ist Pfarrer einer deutschen Gemeinde. Seine Frau Florentine kümmert sich um Haus und Garten. Das Paar bekommt nur einen Sohn, Samuel.

Das Dorfleben ist geprägt von tragischen und fröhlichen Momenten und von den Schwierigkeiten, die das Leben in diesem Teil der Welt mit sich bringt. Ein überschaubarer Kosmos. Als junger Mann hilft Samuel seinem besten Freund Oz aus diesem kleinen Kosmos auszubrechen, ohne zu wissen, was die beiden erwartet.

Meinung

Der Roman „Die Unschärfe der Welt“ von Iris Wolff steht auf der diesjährige Longlist des Deutschen Buchpreises. Dementsprechend hoch waren meine Erwartungen. Eine Familiengeschichte über mehrere Generationen auf 212 Seiten zu erzählen, machte mich neugierig.

Die ersten beiden Kapitel, oder besser gesagt, Episoden, zogen mich direkt in ihren Bann. Der Sprachstil ist bildhaft und transportiert eine sanfte, poetische Stimmung. Insgesamt sind es sieben Episoden, die im Gewand der Kurzgeschichte daherkommen und dennoch immer wieder den Bogen zur Familiengeschichte schlagen. Zwischen den jeweiligen Episoden liegen zumeist große Zeitsprünge. War Samuel in der einen Episode noch ein Kind, bekommt er in der folgenden schon seinen ersten Kuss. Aufgrund dessen kommt der Roman zeitlich schnell voran.

Leider werden die Lücken hierdurch immer größer. Auch führt es dazu, dass mir keine der Figuren sonderlich vertraut wurde. Aufgrund der Romanstruktur bleiben die Charaktere für den Leser unnahbar. Besonders bedauert habe ich die häufige schwarz-weiß Darstellung, da hätte ein bisschen Schattierung, gerade bei den Charakteren, gut getan.

Die Region Banat wird im Roman immer wieder genannt. Allerdings wird auf die Region kaum eingegangen ebenso wenig wie auf die deutschen Wurzeln der Familie. Warum also dieser Schauplatz und dieser Hintergrund, wenn der Roman nicht vorhat es aufzugreifen und mehr darüber zu erzählen? Hier wurde meiner Ansicht nach das meiste Potential verschenkt. Auch wenn das damalige Ceaușescu Regime an manchen Stellen deutlich und heftig kritisiert wird, bleiben zu viele offene Fragen.

Die kaum vorhandene Handlung lässt keinen Spielraum für die Entwicklung der Figuren zueinander. Es wird zwar über eine Familie berichtet, erzählt werden jedoch kurze, aneinandergereihte Geschichten, die nur einen schwachen roten Faden erkennen lassen. Den letzten Teil empfand ich als einen Bruch mit dem, bis dahin vorherrschenden, fast lyrischen Sprachstil. In aller Eile werden ca. 15 Jahre zusammengerafft. Alle sind glücklich, alle sind zufrieden, es herrscht Friede, Freude, Eierkuchen.

Der Fokus des Romans liegt eindeutig auf der Sprache und die ist wirklich ein Genuss. Poetisch, feinsinnig und gefühlvoll transportiert die Sprache den jeweiligen Moment.

Fazit

Manche Textpassagen empfand ich als lyrische Erzählkunst. Leider blieb durch diesen Fokus vieles andere auf der Strecke. Ich befürchte der Roman wird schnell verblassen, weil der Roman mich leider nicht berühren konnte. Zum einen fand ich keinen Zugang zu den Charakteren und zum anderen ist die Handlung zu dürftig, um als Familiengeschichte im Gedächtnis zu bleiben.

Wenn man seine Erwartungen an einen generationsübergreifenden Familienroman zurückschraubt und sich einfach der Stimmung, die von dem Schreibstil herbeigeführt wird, hingibt, kann der Roman „Die Unschärfe der Welt“ ein Lesegenuss sein. Aus meiner Sicht ist sehr viel an Potential verschenkt worden. Vor allem das zuckersüße Romanende passt nicht zum Rest und hat mich ziemlich ratlos zurückgelassen.

Ich kann den Roman weder empfehlen noch davon abraten, ihn zu lesen. Sprachlich bewegt sich die Erzählung auf hohem Niveau, inhaltlich gibt es entscheidende Defizite.

Ich bedanke mich bei dem Klett-Cotta Verlag und der Internetplattform für Bücherfreunde Lovelybooks für das Rezensionsexemplar und die Teilnahme an der Leserunde des Literatursalons, in der es einen regen Meinungsaustausch gab. Es hat mir viel Freude gemacht.

In den vergangenen Jahren habe ich einige Nominierte des Deutschen Buchpreises gelesen und nicht jeder Roman konnte mich überzeugen. „Miroloi“ scheidete im letzten Jahr ebenso die Geister wie „Das flüssige Land“.

Jeder sollte sich seine eigene Meinung bilden.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.