Und jeden Morgen das Meer

Buchcover Und jeden Morgen das Meer



Und jeden Morgen liegt es wieder da, das Meer, in seiner unendlichen Gleichgültigkeit.“
Karl-Heinz Ott

Eine starke Erzählung über Erfolg und über das Scheitern. Was bleibt vom Leben übrig?

Jeden Morgen steht Sonja Bräuning an den walisischen Klippen und schaut auf das ungestüme Meer. Einst führte sie mit ihrem Mann Bruno den Lindenhof, ein angesehenes Sternerestaurant am Bodensee. Doch vom einstigen Erfolg ist nichts mehr übrig. Nachdem ihr Mann den Stern verlor ging es bergab mit dem Restaurant und dem Hotel und vor allem mit ihm selbst. Nun ist er Tod und sie war allein mit dem heruntergewirtschafteten Gastronomiebetrieb und den Schulden. Ihr Schwager Arno übernimmt alles, auch die Schulden, dafür muss sie auf alles verzichten. In einem Alter, in dem andere in Rente gehen, ist Sonja Bräuninger gezwungen von vorne anzufangen. Ein Hostel in Wales bietet ihr die Einsamkeit, die sie braucht, um ihr Leben zu verstehen.

Der Roman ist beim Hanser Verlag erschienen. Auf seinen knapp über 100 Seiten erzählt der Autor Karl-Heinz Ott von einer Frau, die für ihren Gastronomiebetrieb gelebt hat und nach dem Tod ihres Mannes vor einem Scherbenhaufen steht. Alles was sie sich ein Leben lang aufgebaut hat, ist verloren.

In Wales, weit ab von allem, versucht sie Frieden zu finden. Aus der gegenwärtigen Perspektive schaut sie zurück auf bewegte Jahre. Der Roman erzählt das Leben seiner Hauptfigur in kurzen Rückschauen. Es sind Sonjas Gedanken, in die wir, als Leser, eintauchen. Mal erinnert sie sich an ihre Kindheit, mal an ihre erfolgreiche Zeit, als der Lindenhof zu den ersten Adressen gehörte, dann wieder an ihre Ausbildung in der Schweiz.

Ohne Mitleid, dafür gnadenlos ehrlich erzählt der Roman vom Scheitern und vom Weitermachen. Jeden Morgen steht Sonja Bräuning an den Klippen und schaut auf das Meer, nur ein Schritt, wäre ein Schritt zu weit. Sie hat einen weiten Weg zurückgelegt und ist sich darüber bewusst, dass sie ihr Schicksal immer noch selbst in den Händen hält. Ein starker Roman, der mir sicher im Gedächtnis bleiben wird.

Links zum Buch:

https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/und-jeden-morgen-das-meer/978-3-446-25995-9/

https://www.deutschlandfunkkultur.de/karl-heinz-ott-und-jeden-morgen-das-meer-detailreich-und.1270.de.html?dram:article_id=427234

Bielefelder Literaturtage https://lesepartie.de/und-jeden-morgen-das-meer/

Drehtür

Buchcover des Romans Drehtür
Katja Lange-Müller

Ein nachdenklicher Blick auf ein rastloses Leben, der mit viel Sprachgefühl und genauer Wortbetrachtung einhergeht.

Der Roman „Drehtür“ ist 2016 beim Verlag Kiepenheuer & Witsch erschienen.

Asta Arnold ist 63 Jahre alt und kehrt nach jahrzehntelangem Einsatz als Krankenschwester für diverse Hilfsorganisationen zurück nach Deutschland. Die Sprache ist ihr fremd geworden sowie auch der normale zwischenmenschliche Umgang.

Als sie am Münchner Flughafen landet, führt ihr erster Weg hinaus durch die Drehtür, um zu rauchen. Asta ist Kettenraucherin. Sie steckt sich eine Zigarette nach der anderen an und schaut dabei durch die Scheibe in das innere das Flughafengebäudes. Sie sieht die Menschen kommen und gehen, sitzen und liegen. Dabei entdeckt Asta Personen, die auf irgendeine Weise Leuten ähneln, die in ihrem Leben eine Rolle gespielt haben. So erinnert sie sich, während sie rauchend vor der Drehtür steht, an Fragmente ihres unsteten Lebens. Doch sind ihre Erinnerungen wahrhaftig?

Erinnert man sich tatsächlich nach vielen Jahren noch ganz genau? Dichtet die eigene Fantasie nicht manchmal etwas hinzu, um Erlebtes zu verschönern oder zu verdrängen. Asta blickt zurück auf ihr bewegtes Leben. Sie denkt über das Helfen nach, das sie zu ihrem Beruf gemacht hat. Ist Helfen in Wirklichkeit nur ein Reflex, der bei manchen Menschen nur stärker ausgeprägt ist.

Beim Lesen lernt an Asta besser kennen, doch man kommt ihr nicht nah. Allerdings ist niemand Asta jemals nah gekommen, das begreift man im Laufe des Buches. Die deutsche Sprache ist der Figur fremd geworden. Einzelne Wörter fallen ihr ein und sie seziert sie auf das Genauste. „Urlaub“, die Zusammensetzung scheint für sie trostlos; altes Laub, moderig, schimmelnd.

Es ist ein kurzweiliges Buch. Eine Momentaufnahme einer bisher rastlosen Frau, deren Leben zwischen Vergangenheit und ungewisser Zukunft schwebt, da sie keine Ahnung hat, wie ihre weiteres Leben als Rentnerin aussehen soll. Es ist eine melancholische, nachdenkliche Geschichte über eine einsame Frau.

Links zum Buch:

https://www.kiwi-verlag.de/buch/katja-lange-mueller-drehtuer-9783462049343

https://www.perlentaucher.de/buch/katja-lange-mueller/drehtuer.html

Schutzzone

Schutzzone das Buch
Nora Bossong

Dieser Roman nähert sich wichtigen Fragen des weltpolitischen Friedens in einer poetischen Sachlichkeit.

Während ihre Eltern die Trennung regeln, lebt die neunjährige Mira einige Monate in einer befreundeten Familie. Darius, Diplomat aus Familientradition, und seine Frau Lucia sowie deren 16 jähriger Sohn Milan nehmen das Mädchen freundlich auf. Vor allem Milan kümmert sich viel um Mira. Darius‘ Diplomatenleben, er ist oft unterwegs und reist an Orte, von denen die Kleine kaum etwas weiß, fasziniert Mira. Es ist das Jahr 1994 und Mira spürt nach Darius Heimkehr aus Ruanda, das sich etwas in der Familie verändert.

Jahre später beginnt Mira, voller Ideale, ihre berufliche Karriere bei der UN in New York. Darauf folgt eine Anstellung bei den Vereinten Nationen. Sie gilt als gute Zuhörerin und Vermittlerin. Aufgrund dessen wird sie nach Burundi geschickt, um dort die Wahrheitskommission zu leiten, die den Völkermord aufklären soll. Miras Glaube an den Nutzen der Institutionen, die sie dort vertritt, gerät in dieser Zeit ins Wanken. Sie stellt sich die Sinnfrage, ob UN und Vereinte Nationen tatsächlich etwas bewegen können? Mira wechselt nach Genf. Der Hauptsitz der Vereinten Nationen war Miras Traum, dort will sie sein.

Mira nimmt an den Gesprächsverhandlungen zur Zypernfrage teil. Es soll endlich eine Lösung für die geteilte Insel gefunden werden. Die schwierige Kompromissfindung setzt Miras Zweifeln weiter zu. Während eines Empfangs in Genf begegnet Mira Milan wieder. Milan quälen ähnliche Zweifel. Sie beginnen eine Affäre. Doch Milan ist verheiratet und Vater eines Sohnes. Er wird mit seiner Familie nach Den Haag ziehen und Mira muss eine Entscheidung treffen.

Der Roman „Schutzzone“ von Nora Bossong, erschienen im Suhrkamp Verlag, erzählt von einer Frau, die Kompromisse sucht, um Frieden herzustellen und Völkermorde zu verhindern. Jedoch muss sie erkennen, dass aller guter Wille manchmal nicht reicht und die einzig wahre Wahrheit nicht existiert. Auch ihre vermeintlich neutrale Verhandlungsposition kann Mira nicht in allen Situationen bewahren. Wir lernen eine Frau kennen, welche voller Sachlichkeit die großen Fragen der Zeit angeht, ihr Talent für den Frieden einsetzt und ihre Illusionen während zahlreicher Gespräche verloren hat.

Der Inhalt des Romans teilt sich fünf Abschnitten auf, die benannt sind nach FRIEDEN, WAHRHEIT, GERECHTIGKEIT, VERSÖHNUNG und ÜBERGANG. Weiterhin springt der Verlauf der Erzählung zwischen den Jahren und Orten hin und her. Einige Kapitel beschreiben ihr prägendes Leben im Jahr 1994 in Milans Familie, als Mira ein Kind ist. Wiederrum andere handeln von Miras Zeit in Bujumbura 2012, New York 2011 sowie in Genf 2017. So erfährt der Leser stückchenweise etwas über Miras Leben.

Ich habe mir für den Roman Zeit genommen, weil ich aus rein persönlichem Interesse viele Hintergründe nachgelesen habe. Der Roman an sich ist schlüssig, sodass es jedem selbst überlassen bleibt, darüber hinaus zu recherchieren. Die Figur der Mira hat mich gleich für sich eingenommen. Mira ist ein vielschichtiger Charakter. Manchmal wirkt sie zerbrechlich, fast verloren und dann wiederum stark und selbstbewusst. Ihre Stärke zeigt sich für mich noch einmal deutlich am Buchende.

Besonders hervorheben möchte ich den wundervollen literarischen Schreibstil der Autorin Nora Bossong. Manche Abschnitte habe ich mehrmals gelesen, weil die Beschreibungen mich sehr berührt haben. Als Beispiel heißt es auf der Seite 278: „[…]Ihre Hände waren sehnig und vertrocknet,eher wie etwas, auf dem Hund herumbissen, als das, was zugreift, streichelt, auf Dinge zeigt“. Die Sprache, welche die Autorin für diese Geschichte nutzt, ist melancholisch und hoffnungsvoll zugleich. Ein außergewöhnlicher Roman, der es schafft, die Frage nach weltweitem Frieden und die Suche nach Kompromissen facettenreich zu beleuchten. Dabei verzichtet der Roman völlig auf den moralischen Zeigefinger. Zwischen Resignation und Hoffnung, sieht der Leser am Ende des Buches dennoch das kleine Licht am Ende des Tunnels leuchten. Ohne die Institutionen von UN oder den Vereinten Nationen wäre das Leid wahrscheinlich noch größer. Der Roman greift ein wichtiges, jedoch komplexes Thema auf. Durch Miras Sachlichkeit entsteht ein nachvollziehbares, klares Bild der Arbeit in den erwähnten Institutionen. Daher ist dieser Roman meiner Ansicht nach ein überaus gelungenes literarischer und zeitgenössischer Werk!

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Suhrkamp Verlag für das Rezensionsexemplar.

Links zum Roman:

https://www.suhrkamp.de/buecher/schutzzone-nora_bossong_42882.html

https://www1.wdr.de/kultur/buecher/nora-bossong-schutzzone-100.html

Das flüssige Land

Buchcover das flüssige Land
Raphaela Edelbauer

Der Roman konnte mich nicht begeistern. Für mich eine farblose, sehr löchrige Erzählung mit offenem Ende.

Die Wienerin Ruth Schwarz ist Physiktheoretikerin und schreibt an ihrer Habilitation. Als sie die Nachricht vom Unfalltod ihrer Eltern bekommt, bricht sie zusammen. Sie erinnert sich an den Wunsch der Eltern, in der Heimat begraben zu werden. Damit beginnt die Suche nach Groß Einland, welches nirgendwo verzeichnet ist. Ruth packt das nötigste und fährt auf gut Glück los, um den Ort zu finden. Nach einigen Irrwegen landet sie tatsächlich in dem pittoresken Städtchen.

Dort scheint die Zeit stillzustehen. Es gibt keinerlei Einflüsse von Außen. Kein Internet, keine Zeitungen, keine Waren aus aller Welt. Die Geschicke des Ortes werden von der Gräfin gelenkt. Dennoch hat dieser herrliche Ort weit ab von Zeit und Raum ein großes Problem; das Loch. Jahrelanger Bergbau hat das ganze Städtchen unterhöhlt und nun droht es abzusinken. Ruth, die nur gekommen war, um das Begräbnis ihrer Eltern zu arrangieren, bleibt. Sie beginnt für die Gräfin zu arbeiten und soll eine geeignete Füllmenge für das Loch entwickeln, um den Ort zu retten. Während ihrer Tätigkeit stößt Ruth auf Sagen und Legenden und auf Unstimmigkeiten der Stadthistorie. Sie beginnt dies alles ebenso wie ihre Familiengeschichte zu erforschen.

Soweit eine kurze Zusammenfassung. Die Vergleiche mit Kafka sind ausreichend in anderen Rezensionen erörtert worden. Man kann sie ziehen, man kann es aber auch lassen. In diesen Roman kann jeder alles hinein deuten und irgendwie würde es stimmen. Ob es sich um das kollektive Gedächtnis bzw. Vergessen handelt, um Schuld, Ausarbeitung oder vieles mehr, dieser Roman bietet eine riesige Projektionsfläche. Doch leider gibt er auf nichts Antworten. Vielleicht muss er das auch nicht. Leider verpufft jeder Ansatz eines Spannungsbogen im Nichts. Ruths Nachforschungen verlaufen im Sande. Die Erzählstränge verlaufen sich im Niemandsland.

Keine der Charakteren und schon gar nicht die absolut farblose, langweilige Hauptfigur konnte mich packen. Ich habe mich während des Lesens häufig gelangweilt, denn auch der Sprachstil ist für meine Begriffe sehr ermüdend. Mir hat der Roman nichts sagen können. Immer wenn ich dachte, jetzt geht es endlich los, war es auch schon wieder vorbei. Ebenso wie der Roman ist das Ende, an dem rein gar nichts geklärt wird, für mich sehr enttäuschend.

Links zum Roman:

https://www.klett-cotta.de/buch/Gegenwartsliteratur/Das_fluessige_Land/106630

https://www.deutschlandfunkkultur.de/raphaela-edelbauer-ueber-das-fluessige-land-ein-kollektiv.1270.de.html?dram:article_id=458489

Weitere Rezensionen von Romanen der Longlist:

https://www.lesepartie.de/miroloi

https://www.lesepartie.de/vater-unser

https://www.lesepartie.de/winterbienen

Ein Sommer wie dieser

Buchcover ein Sommer wie dieser
Annette Hohberg

Fantasieloser Roman, der alle Klischees bereithält

Klara und Stephan sind jung und naiv, als sie sich an der italienischen Adriaküste begegnen. Es entwickelt sich eine romantische Sommerliebe, die durch Verkettung unvorhergesehener Umstände ein jähes Ende nimmt.
Über 20 Jahre später ist es so einer dieser Zufälle, der sie wieder zusammenführt. Der Literaturprofessor, bei dem Klaras Tochter ihre Abschlussarbeit schreiben möchte, ist ausgerechnet Stephan. Klara ist verheiratet, wohnt in einem schönen Haus und betreibt einen Buchladen.
Obwohl beide sich in ihrem Leben eingerichtet haben, können sie nicht umhin sich einzugestehen, dass sie auch noch nach all den Jahren eine tiefe Verbindung zueinander haben. Doch reicht dieses Gefühl aus, um ein Leben über den Haufen zu werfen, um ein anderes, ungewisses zu beginnen?

Der Titel des Buches versprach mir einen leichten Sommerroman. Leider wurde mir schon nach den ersten Seiten bewusst, dass der Roman mehr leicht als sommerlich werden würde. Die Geschichte greift wirklich auf jedes erdenkliche Klischee zurück, dass man bei so einer Konstellation erwarten kann. Es gab weder Überraschung noch machte sich die Autorin die Mühe die Erzählstränge wenigsten ein bisschen undurchsichtiger zu gestalten. Nach den ersten 20 Seiten wusste ich wie es ausgeht. Ebenso verhält es sich mit den Charakteren, belanglos, langweilig und ohne jegliche Tiefe.
Es ist ein ganz leichter Sommerroman, an den man keinerlei Erwartungen haben sollte.

Das unerhörte Leben des Alex Woods

Buchcover Alex Woods

…oder warum das Universum keinen Plan hat

Gavin Extence

Eine tiefgründige Erzählung, die sich mit einer guten Portion Humor an ein schwieriges Thema wagt.

Der zehnjährige Alex Woods wird von einem Meteoriten getroffen. Nach zweiwöchigem Koma und einer langwierigen Behandlung ist Alex wieder ein gesunder Junge. Seine epileptischen Anfälle bekommt er durch disziplinierte Meditation in den Griff. Doch Alex bleibt ein Außenseiter. Unter den Gleichaltrigen macht es ihn nicht sonderlich beliebt, dass seine Mutter einen Esoterikladen betreibt und Alex sich vorwiegend für Astrophysik und Neurologie interessiert. Durch Zufall lernt Alex Mr. Peterson kennen. Zwischen dem jugendlichen Außenseiter und dem alten, übellaunigen Mann entsteht eine echte Freundschaft. Mr. Peterson bringt Alex das Auto fahren ebenso bei wie den Anbau von Cannabispflanzen. Einige Jahre später ist es Mr. Peterson, welcher auf einen außergewöhnlichen Freundschaftsdienst von Alex angewiesen ist.

Als Alex mit einer Urne und jeder Menge Marihuana in Dover aufgegriffen wird, muss der 17jährige nicht nur der Polizei einiges erklären. Doch nichts kann Alex in der Gewissheit, absolut richtig gehandelt zu haben, erschüttern.

Zu Beginn erscheint die Handlung des Romans leicht abstrus. Ein Meteorit, der in ein Haus einschlägt und einen zehnjährigen trifft. Jedoch findet man als Leser – jedenfalls ging es mir so – schnell Zugang zu dem aufgeweckten, wissbegierigen Jungen. Vor allem steht er im kompletten Gegensatz zu seiner esoterischen Mutter. Dieser Umstand führt häufig zu herrlich komischen Situationen.

Die Entstehung und Vertiefung der Freundschaft zu Mr. Peterson ist dem Autor ganz wunderbar gelungen. Ohne diese Einleitung wäre die Entwicklung zum Kernpunkt der Geschichte nicht annähernd so wahrhaftig und nachvollziehbar.

Der Roman greift ein schwieriges und sehr kontrovers diskutiertes Thema mit einer Leichtigkeit auf, dass man sich als Leser auf jeder Seite gut aufgehoben fühlt. Es ist wirklich ein unerhört gutes und zu Herzen gehendes Buch mit einer passenden Portion Humor.

Stimmen zum Buch:

https://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article126943059/Oh-Herr-schick-Handlung-vom-Himmel.html

https://www.buecherrezensionen.org/buecher/rezension/gavin-extence-das-unerhoerte-leben-des-alex-woods-oder-warum-das-universum-keinen-plan-hat.htm

Sophia, der Tod und ich

Buchcover Sophia, der Tod und ich
Thees Uhlmann

Eine originelle Erzählung über die Begegnung mit dem Tod, die mit einer guten Portion Situationskomik großartig unterhält.

Es klingelt an der Tür und der Tod steht davor. Gerade als der Tod seine Arbeit machen will, klingelt es erneut und zwar Sturm. Sophia steht vor der Tür. Ex Freundin des Erzählers. Damit rettet Sophia ihm für’s Erste das Leben. Nun nimmt die Geschichte ihren Lauf, denn die drei sind auf unbestimmte Zeit unzertrennbar miteinander vereint. Noch schlimmer ist, dass der Tod aufgrund seiner unterbrochenen Arbeit seinen Job verlieren könnte. Es steht schon ein neuen Anwärter für die Stelle bereit.

Der Debütroman von dem Musiker Thees Uhlmann ist ein wundersames Buch, voll mit dem ganz normalen Leben, einer Menge Situationskomik und nachdenklichen Momenten. Es ist ganz herrlich schräg, jedoch auch so wahr. Es passiert uns allen jeden Tag, das Leben, und man weiß nie, wann der Tod vor der Tür steht und klingelt.

Die Seiten flogen nur so dahin, ich habe mich so richtig vom Lesefluss tragen lassen. Während des Lesens musste ich viel lachen, wirklich lachen. Der Roman hat einen großen Unterhaltungswert, allerdings enthält er einen nachdenklichen Kern.

Links zum Buch:

Literaturkritik: https://literaturkritik.de/id/21780

KiWi Verlag: https://www.kiwi-verlag.de/buch/sophia-der-tod-und-ich/978-3-462-04793-6/

Vintage

Vintage Buchcover
Grégoire Hervier

Eine spannende und kurzweilige Exkursion durch knapp 100 Jahre Blues- und Rockgeschichte. Ein Roman wie eine gutes Musikstück, man hört es rauf und runter, nonstop.

Thomas träumt vom Durchbruch als Gitarrist. Bisher verdient er sein Geld als Musikjournalist. Nebenbei hilft in einem angesehenen Pariser Gitarrengeschäft aus. Dort repariert er zum Teil sehr seltene und wertvolle Gitarren. Eine dieser Gitarren transportiert er persönlich nach Schottland. Der Käufer entpuppt sich als ein Sammler berühmter Gitarren. Er bietet Thomas eine Million, wenn Thomas es schafft ihm einen eindeutigen Beweis für die Existenz der legendärsten Gitarre, der „Moderne“ der Marke Gibson von 1957, zu liefern.

Thomas beginnt sofort mit der Recherche. Die Suche nach der „Modernen“ führt ihn von Frankreich nach Australien und durch den Großteil der USA. Immer auf den Spuren der größten Blues- und Rockmusiker der letzten 100 Jahre. Auf seinem Roadtrip begegnet er Menschen, die auf verschiedenste Weise Musik zu ihrem Lebensthema gemacht haben. Manche Begegnungen sind aufschlussreich, andere wiederum entwickeln sich zu unberechenbaren, sogar zu gefährlichen Treffen. Es wäre allerdings nicht die weltweit legendärste Gitarre, wenn es einen einfachen Weg zu ihr gäbe.

Hervier komponiert einen sehr spannenden Roman rund um eine Gitarre, von der man nicht genau weiß, ob sie je hergestellt wurde. Jedenfalls war sie ihrer Zeit angeblich weit voraus. Die Erzählung steckt voller Musikgeschichte und nimmt den Leser mit in die großen Jahre des Blues und des Rock’n’Rolls. Es ist eine wahre Freude dem Protagonisten auf seiner Suche zu begleiten. Auch wenn man kein absoluter Kenner der Musikszene ist, bietet das Buch viele interessante und faszinierende Einblicke. Ich habe mitgefiebert, mitgelitten und mich über jeden neuen Anhaltspunkt mitgefreut. Der Roman ist keiner zum Tanzen, sondern eher ein Stück zum genauen Hinhören und trotzdem ein großer Spaß!

Links zum Buch:

Diogenes Verlag: https://www.diogenes.ch/leser/titel/gregoire-hervier/vintage-9783257608120.html

weitere Rezensionen: https://www.lovelybooks.de/autor/Gr%C3%A9goire-Hervier/Vintage-1456437273-w/

Im Freibad

Libby Page
Im Freibad

Zwei Frauen, zwei Generationen, eine Freundschaft, ein Ziel; das Freibad retten. Um sich freizuschwimmen, braucht es manchmal den Mut für einen kleinen Schritt. Die perfekte Lektüre fürs Freibad!

Seit drei Jahren wohnt Kate nun in einer WG im Londoner Stadtteil Brixton. Als junge Journalistin arbeitet sie bei der lokalen Zeitung und verfasst meist kurze, unbedeutende Artikel für die letzte Seite.

Als die Stadtverwaltung ankündigt, aufgrund der schlechten, finanziellen Lage das Freibad zu schließen und das Grundstück an eine Immobilienfirma zu verkaufen, bekommt Kate die langersehnte Chance auf einen großen Artikel. Gleich zu Beginn ihrer Recherchen trifft sie auf Rosemary. Rosemary ist mit dem Freibad verwachsen, denn sie schwimmt seit der Eröffnung 1937 fast täglich in diesem Freibad. Dort schwamm sie während des Krieges, dort verbrachte sie viel Zeit mit ihrem Mann George, dort ist Rosemary zu Hause.

Zwischen diesen unterschiedlichen Frauen, die das Freibad zusammengebracht hat, entsteht eine wahre Freundschaft. Für Kate ist es die Rettung aus ihrer Einsamkeit, welche sie seit ihrer Ankunft in London umgibt. Beide kämpfen für den Erhalt des Freibades und sie bekommen Unterstützung von Freunden und Schwimmern. Wird es reichen, um die kommunale Verwaltung umzustimmen oder ist es ein Kampf gegen Windmühlen?

Libby Page beschreibt etwas, von dem jeder schon einmal mehr oder weniger betroffen war. Der Lieblingsladen, der schließt, das Schwimmbad, das sich nicht mehr trägt, das Kulturzentrum, für das kein Geld mehr übrig ist, die Liste ist endlos. Jede Stadt und jedes Dorf unterliegt dem Wandel.

Diesen Umstand greift die Autorin auf und entwickelt drum herum eine Geschichte zweier, sympathischer Frauen aus unterschiedlichen Generationen, die sich nicht nur wegen des Bades miteinander verbunden fühlen. Ihre Freundschaft macht sie stark, um zusammen gegen die Schließung des Freibades vorzugehen.

Rosemary verbinden ihre Erinnerungen mit dem Freibad, für Kate ist es die Chance ihrem Leben eine Wendung zu geben, sich freizuschwimmen. Die Geschichte bewegt, denn sie erzählt vom Wandel und von den Dingen, die es wert sind, an ihnen festzuhalten. Ein unterhaltsamer Roman für die sonnigen Tage im Freibad, das man nach der Lektüre vielleicht mit anderen Augen sieht.

Mittagsstunde

Dörte Hansen
Cover Mittagsstunde
Mittagsstunde

Ein starker Roman über den Lauf der Dinge, der auch vor dem Landleben nicht Halt macht.

In der Mittagsstunde liegt Stille über dem friesische Dorf Brinkebüll. Das war immer so, aber es bleibt nicht immer so. Ingwer Feddersen kommt für ein Jahr zurück in das Dorf, in dem er aufgewachsen ist. Das Dorf hat sich verändert. In der Bäckerei der Boysens backt schon längst niemand mehr Schwarz- oder Graubrot, Dora Koopmann verkauft seit Jahrzehnten weder Süßigkeiten noch Jagdwurst und auch die Gaststätte Feddersen hat ihre besten Zeiten hinter sich. Obwohl Sönke Feddersen mit über 90 Jahren weiterhin die Stellung hinter seiner Theke hält.

Ingwer hat das Dorf und die Gastwirtschaft verlassen, als er zum Studium nach Kiel zog. Dort lebt seit über 20 Jahren in der gleichen WG. Nun ist er zurück, um sich um seine Großeltern zu kümmern. Für ihn sind es seine Eltern. Sein Vater kennt niemand und seine Mutter hat Ingwer zeitlebens als Schwester wahrgenommen. Marrett, meist der Welt entrückt, wundersam gekleidet, predigte ständig den Untergang und sang leidenschaftlich die Schlager der 1960iger Jahre. Bis heute verfolgt Ingwer das schlechte Gewissen, weil er gegangen ist und sich gegen ein Leben als Gastwirt entschieden hat.

So kommt Ingwer in das Dorf seiner Kindheit, in dem nichts mehr so ist ,wie damals war, nicht einmal die Stille der Mittagsstunde. Dieses Jahr wird für Ingwer eine Rückbesinnung auf die wesentliche Dinge, in dem er sein eigenes Leben neu sortiert.

Dörte Hansen Debütroman „Altes Land“ hat mich schon begeistert. Nun nimmt sie den Leser mit in eine Zeit, die fast ausgestorben ist und dennoch immer noch spürbar. Die pointiert eingestreuten, plattdeutschen Sätze, geben den Roman eine ehrliche und humorvolle Note. Ich habe mich in Brinkebüll ausgesprochen wohl gefühlt. Außerdem erinnerte ich vieles aus meiner eigenen ländlichen Kindheit, die ich zwar nicht in Friesland verbrachte und auch ca. 20 Jahre später, doch ich gab es damals den Dorfladen, die Fleischerei und die nicht betonierten Bauernhöfe. Alles längst nicht mehr da.

Die sorgsame Entwicklung der Charaktere ist der Autorin ganz fabelhaft gelungen. Die Geschichte wechselt zwischen dem Jetzt und dem Damals ohne das man als Leser den faden verliert. Man wird eingemeindet als ein Teil dieser Dorfgemeinschaft. Mir hat das Lesen sehr viel Freude bereitet und nach dem letzten Satz kam Wehmut auf. Ich wäre gerne noch geblieben. Oder es mit Heidi Brühl zu sagen: „Wir wollen niemals auseinandergehen…“