Und über uns das Nichts

Buchcover Und über uns das Nichts von Sibylle Baillon
Sibylle Baillon

Eine außergewöhnliche Liebesgeschichte, die zwei Menschen in einer Lebenskrise vereint. Aber auch eine Erzählung über soziale Missstände, Vorurteile und Gegensätze. Bemerkenswerte Geschichte, brillant erzählt.

Durch einen schweren Autounfall verliert Sarah nicht nur ihren Lebensgefährten, sondern auch ihr Gehvermögen. Seit sie auf den Rollstuhl angewiesen ist, lebt sie zurückgezogen von Freunden und Familie. Ihre Pariser Wohnung verlässt sie nur selten. Auch ihre Physiotherapie hat sie abgebrochen. Als sich am Weihnachtsabend eine Tüte in ihren Speichen verfängt und Sarah versteckt, hilft ihr ein freundlicher junger Mann aus der Klemme. Michel ist ein Obdachloser. Aus einer spontanen Intuition heraus, lädt Sarah ihn zu sich ein. Der Beginn einer außergewöhnlichen Liebesgeschichte zweier Menschen, die vom Schicksal einiges aufgebürdet bekommen haben. Gegenseitig geben sie sich Halt und Hoffnung.

Doch vom ersten Tag an müssen die beiden für ihr Glück kämpfen. Einerseits gegen eine Welle von Vorurteilen, andererseits sind ihre Lebensentwürfe sehr verschieden. Gerade als die Beziehung sich zu festigen scheint, beginnt die Bewegung der Gelbwesten. Michel wird von der Begeisterung für eine neue Revolution gegen sämtliche sozialen Missstände mitgerissen und setzt dabei alles, was er sich in den vergangenen Monaten aufgebaut hat, wieder aufs Spiel. Die Liebe von Sarah und Michel wird wiederholt auf die Probe gestellt. Kann die Liebe dem standhalten?

Im Prolog des Romans tauchen wir in die Gedankenwelt eines Obdachlosen ein. Es ist der Weihnachtsabend und er sieht von ganz unten in die hell erleuchteten Zimmer. Zur selben Zeit fährt Sarah mit ihrem Lebensgefährten nach Hause, dann geschieht der Unfall.

Ein Jahr später treffen Sarah und der Obdachlose aufeinander und es geschieht etwas magisches mit den beiden. Zwei verlorene Seelen finden sich und geben sich Halt. Alles könnte so romantisch sein, wären da nicht Sarahs konservative Eltern, die absolut kein Verständnis dafür haben, dass ihre querschnittsgelähmte Tochter einen Obdachlosen und Ex Sträfling bei sich beherbergt. Doch die beiden Verliebten lassen sich davon nicht beirren. Sarah nimmt ihre Physiotherapie wieder auf und Michel sucht sich einen Job. Sarah blüht während dieser Zeit mit Michel richtig auf und setzt sich Ziele.

Als die Gelbwesten in Paris das erste Mal streiken, sind Sarah und Michel mit dabei. Michel ist fasziniert von der Menge der Menschen, die gegen die soziale Ungerechtigkeit auf die Straße gehen. Sarah steht der ganzen Bewegung kritischer gegenüber, vor allen den Gewaltausbrüchen, die mit den Demonstrationen einhergehen.

Der Roman erzählt chronologisch vom Auf und Ab der Liebesbeziehung zwischen Sarah und Michel und macht deutlich wie schwer es ist, seine gewohnten Verhaltensmuster abzustreifen. Ein wichtiger Aspekt in der Geschichte ist die soziale Ungleichheit. Nicht nur, dass die Autorin gekonnt die Gelbwesten Bewegung in die Erzählung mit einbindet, nein, es sind auch die gegensätzlichen Erfahrungen, welche die Hauptfiguren gemacht haben. Sarah behütet aufgewachsen, hat eine gute Ausbildung genossen, die ihr einen guten Job eingebracht hat. Dem gegenüber steht Michel, der von einer Pflegefamilie zur anderen gereicht wurde, sich für den Tierschutz einsetzte, es zu weit trieb und die Spirale abwärts ging. Michel hat weder Familie noch einen stabilen Freundeskreis. Niemand, der ihn hätte auffangen können.

In feinen Nuancen zeigen sich diese Unterschiede immer wieder in der Erzählung und machen diese Liebesgeschichte so besonders. Auch ich war mir irgendwann nicht mehr sicher, ob die Liebe Bestand haben würde. Der Roman kann die Spannung bis zum Ende halten. Ein Ende, das von der Handlung her total schlüssig ist.

Für mich ist es eine absolut gelungene, packende Erzählung, die mit einigen Wendungen überrascht. Ich konnte die Geschichte kaum aus der Hand legen, weil meine Neugier darauf, wie es weitergeht groß war. Vielleicht bringt sie den einen oder anderen Leser*in dazu, seinen Umgang mit Obdachlosen zu hinterfragen.

Herzlichen Dank an die Autorin für das Rezensionexemplar.

Buchempfehlung zur Autorin: https://www.lesepartie.de/die-toechter-des-sturms

Links zum Buch:

https://www.lovelybooks.de/autor/Sibylle-Baillon/Und-%C3%BCber-uns-das-Nichts-Eine-ber%C3%BChrende-Geschichte-2433790173-w/leserunde/2433835002/2433835005/#thread

https://www.facebook.com/SibylleBaillonAutorin/

Franziskas Reise

Elke Vesper

Eine Roadtrip Erzählung über eine Frau, die erst spät den Mut aufbringt ihr Leben zu leben. Leider findet der Schluss kein Ende.

Franziska kauft sich einen gebrauchten Rolls Royce und fährt darin nach Monaco. Sie ist 57 Jahre alt, konservativ erzogen, früh verwitwet, die Beziehung zu ihrer Erwachsenen Tochter ist distanziert und ihre Mutter, die sie bis zum Ende gepflegt hat, ist kürzlich verstorben. Franziska ist niemanden mehr verpflichtet. Somit ist es an der Zeit ihr farbloses Leben hinter sich zu lassen. Als großer Grace Kelly Fan möchte sie endlich die Dächer über Nizza zu bewundern und sich den Ort der Reichen und Berühmten ansehen. Auslöser für diesen Bruch mit ihrem stillen, gleichförmigen Leben ist eine Krebsdiagnose, die ihr eine Lebenserwartung von einer Fußballsaison in Aussicht stellt. Also ist es ihre letzte Chance Träume zu leben. Für Franziska ein unfassbares Abenteuer.

Eines Abends taucht aus der Dunkelheit eine panische, junge Frau vor Franziskas Wagen auf. Mehr oder weniger freiwillig nimmt Franziska sie mit. Amira heißt die junge Frau und mit ihr bekommt Franziska eine ungeplante und anfangs ungewollte Reisebegleiterin. Durch ihre junge, unkonventionelle Begleiterin lernt Franziska den Reiz des Glücksspiels und die Kunst, den Moment zu leben, kennen. Die beiden Frauen reisen zuerst durch Frankreich und nach Monaco, dann weiter nach Venedig.

Doch wie lange dauert eine Fußballsaison? Wann kommt der Zeitpunkt, der Franziska zur Heimkehr zwingen wird? Fragen, die Franziska auf Schritt und Tritt begleiten.

Die Hauptfigur Franziska ist geprägt von der typisch konservativen Erziehung ihrer Generation. Für Frauen lohnt sich keine teure Ausbildung, da sie heiraten und dann für ihre Familie da sein müssen. Eine Frau fügt sich in die Gesellschaft und gibt keinen Grund für Gerede. Das sind die Maßstäbe, die Franziska seit Kindheitstagen zu hören bekommt. So fällt es Franziska schwer sich ihre eigenen Wünsche zu erfüllen, denn im Hinterkopf hört sie immer die Ermahnungen der Eltern. Ihr vor 15 Jahren verstorbener Mann ist immer noch ihre engste Bezugsperson, weil sie es nicht wagt, sich neu zu binden. Stundenlang sitzt sie an seinem Grab und führt endlose Monologe. Die Beziehung zu ihrer Tochter ist angespannt. Durch den fehlenden Vater, den Franziska nicht ersetzen konnte, haben sich Mutter und Tochter entfremdet.

Als Franziska bewusst wird, dass ihre Zeit abläuft, lässt sie ihr Leben Revue passieren, dabei stellt sie fest, dass sie ihr eigenes Glück immer hinten an gestellt hat. Diese Erkenntnis ist ihr Antrieb, endlich an sich selbst zu denken.

Amira ist in dieser Geschichte der Gegenpol. Sie ist jung, frei, unkonventionell und ungebunden. Mit ihrer Art reißt sie Franziska mit. Auch wenn die beiden Frauen hin und wieder aneinander geraten, erleben sie einen wunderbaren Sommer voller Leben.

Der Roman startet kraftvoll. Die zwei unterschiedlichen Frauen raufen sich mit der Zeit zusammen. Es ist herrlich mit ihnen gemütlich durch Südfrankreich zu fahren. Als Leser ist man der unsichtbare dritte Mitfahrer. Im regelmäßigen Turnus wechselt die Gegenwart sich mit der Vergangenheit ab. Die anachronistischen Rückschauen erzählen aus Franziskas Vergangenheit. Der Roman ist in keine Kapitel unterteilt, sondern besteht aus einem Gesamttext, der durch Absätze unterbrochen wird.

Die Hauptfigur Franziska fällt stets zurück in ihre alten Verhaltensmuster. Wenn man sich ein Leben lang in gewohnten Mustern bewegt, streift niemand diese von heute auf morgen ab, dessen bin ich mir bewusst. Jedoch empfand ich die ständigen Rückfälle in alte Verhaltensweisen irgendwann als zu viel. Franziskas Denkweise war für mich längst etabliert. Es nahm der Erzählung den Schwung und bremste die Weiterentwicklung aus. Ich hatte den Eindruck, die Erzählung kommt nicht recht voran und dreht sich im Kreis.

Der Charakter Amira blieb mir weitestgehend fremd. Ich fand keinen Zugang zu der Figur und empfand Amira häufig als unglaubwürdig und kindisch. Überhaupt nicht sympathisch waren mir die Charaktere Elena, Franziskas Tochter, und ihr Freund Tom. Beide verhielten sich oberflächlich und arrogant, auch sich selbst gegenüber. Im Bezug auf die beiden ist das Romanende schwer nachzuvollziehen. Der Schluss zeigt meiner Meinung nach etliche Schwächen. Ein Aspekt ist die fehlende ehrliche Auseinandersetzung von Mutter und Tochter. Plötzlich scheint alles gut.

Hinzu kommt, dass die Geschichte im letzten Drittel den roten Faden verliert. Anstatt auf einen Abschluss hinzusteuern, werden neue Handlungsstränge, die in erster Linie Amira betreffen, eröffnet. Die Erzählung konzentriert sich zum Ende hin nicht mehr auf Franziskas Geschichte, den eigentlichen Hauptcharakter, stattdessen rückt Amira in den Mittelpunkt, Dadurch wirkt der Schluss völlig überladen und zieht sich endlos und unnötig in die Länge.

Nach der wirklich wunderbaren und unterhaltsamen ersten Hälfte, verknäult sich die Geschichte auf den letzten 50 Seiten in sich selbst. Das ist sehr schade, denn die Botschaft des Buches ist wichtig. Seine Träume sollte man im Leben nie aufschieben, weil niemand weiß, wie viel Zeit bleibt. Darüber hinaus gibt es diese Frauengeneration, die nie gelernt hat, ihre eigenen Bedürfnisse in den Vordergrund zu stellen. Gerade deshalb bin ich Franziska auf ihre Reise mit diesem wahnsinnigen Auto gerne gefolgt und habe beobachtet, wie sie sich immer weiter von diesen Dogmen entfernt und sie selbst geworden ist. Leider konnte die Geschichte meine Begeisterung nicht bis zum Ende halten.

Ich bedanke mich herzlich bei der Autorin für das Rezensionsexemplar.

Links zum Buch:

https://www.youtube.com/watch?v=CbrzdeTApJg

https://www.978-3.com/verlagsveroeffentlichungen/franziskas-reise

Das Beste, das mir nie passiert ist

Laura Tait und Jimmy Rice

Ein launiger Roman über verpasste Chancen. Frisch, ehrlich, unterhaltsam.

Holly und Alex sind seit Teenager Tagen beste Freunde. Als Holly auf die Uni wechselt, bricht der Kontakt abrupt ab. 11 Jahre später nimmt Alex, inzwischen Lehrer, eine Stelle an einer Londoner Schule an. Auch Holly wohnt mittlerweile in der Stadt. Sie ist Sekretärin in einer Marketing Agentur und hat ein Verhältnis mit ihrem Chef.

Angestoßen von ihren Eltern, nehmen die beiden wieder Kontakt auf, treffen sich und bemerkten, dass ihr Vertrauensverhältnis immer noch da ist. Sie werden wieder Freunde. Was beide allerdings nicht von einander wissen, sie waren damals heimlich in den jeweils anderen verliebt, verpassten jedoch den richtigen Zeitpunkt, es auszusprechen. Die Frage ist, ist die Gelegenheit vorüber oder gibt es noch eine zweite Chance für ihre Liebe?

Laura Tait und Jimmy Rice haben diesen Roman, der im Dumont Verlag erschienen ist, zusammen verfasst. Es ist ein launige Geschichte über ehemals beste Freunde, deren Lebenswege sich mit Ende 20 wieder treffen. Sowohl Holly als auch Alex haben ihre eigene Version, weshalb die Freundschaft damals so abrupt endete. Leider sprechen sie sich 11 Jahre später nicht aus, sondern halten an ihren alten Mustern fest. Das führt wieder zu einer Menge Missverständnissen, die ein Happy End in weite Ferne rücken lassen. Alex unerwartetes Auftauchen in Holly Leben, bringt sie dazu, sich an ihre Träume zu erinnern. Schnell wird Holly klar, dass sie keineswegs das Leben führt, das sie führen wollte. Beide Charaktere sind frisch und echt, sodass man gerne mit ihnen befreundet wäre. Meiner Meinung nach ist es ein tolles, sehr unterhaltsames Buch, das sich in die Tradition von Bridget Jones oder die Romane von Alex Shearer einreiht. In dem Buch steckt spürbar viel Freude am Schreiben drin. Die beiden Autoren sind ein wunderbares Team.

Links zum Buch:

https://www.dumont-buchverlag.de/buch/rice-tait-das-beste-das-mir-nie-passiert-ist-9783832188269/

https://www.lovelybooks.de/autor/Jimmy-Rice/Das-Beste-das-mir-nie-passiert-ist-1114757515-w/

Und jeden Morgen das Meer

Buchcover Und jeden Morgen das Meer



Und jeden Morgen liegt es wieder da, das Meer, in seiner unendlichen Gleichgültigkeit.“
Karl-Heinz Ott

Eine starke Erzählung über Erfolg und über das Scheitern. Was bleibt vom Leben übrig?

Jeden Morgen steht Sonja Bräuning an den walisischen Klippen und schaut auf das ungestüme Meer. Einst führte sie mit ihrem Mann Bruno den Lindenhof, ein angesehenes Sternerestaurant am Bodensee. Doch vom einstigen Erfolg ist nichts mehr übrig. Nachdem ihr Mann den Stern verlor ging es bergab mit dem Restaurant und dem Hotel und vor allem mit ihm selbst. Nun ist er Tod und sie war allein mit dem heruntergewirtschafteten Gastronomiebetrieb und den Schulden. Ihr Schwager Arno übernimmt alles, auch die Schulden, dafür muss sie auf alles verzichten. In einem Alter, in dem andere in Rente gehen, ist Sonja Bräuninger gezwungen von vorne anzufangen. Ein Hostel in Wales bietet ihr die Einsamkeit, die sie braucht, um ihr Leben zu verstehen.

Der Roman ist beim Hanser Verlag erschienen. Auf seinen knapp über 100 Seiten erzählt der Autor Karl-Heinz Ott von einer Frau, die für ihren Gastronomiebetrieb gelebt hat und nach dem Tod ihres Mannes vor einem Scherbenhaufen steht. Alles was sie sich ein Leben lang aufgebaut hat, ist verloren.

In Wales, weit ab von allem, versucht sie Frieden zu finden. Aus der gegenwärtigen Perspektive schaut sie zurück auf bewegte Jahre. Der Roman erzählt das Leben seiner Hauptfigur in kurzen Rückschauen. Es sind Sonjas Gedanken, in die wir, als Leser, eintauchen. Mal erinnert sie sich an ihre Kindheit, mal an ihre erfolgreiche Zeit, als der Lindenhof zu den ersten Adressen gehörte, dann wieder an ihre Ausbildung in der Schweiz.

Ohne Mitleid, dafür gnadenlos ehrlich erzählt der Roman vom Scheitern und vom Weitermachen. Jeden Morgen steht Sonja Bräuning an den Klippen und schaut auf das Meer, nur ein Schritt, wäre ein Schritt zu weit. Sie hat einen weiten Weg zurückgelegt und ist sich darüber bewusst, dass sie ihr Schicksal immer noch selbst in den Händen hält. Ein starker Roman, der mir sicher im Gedächtnis bleiben wird.

Links zum Buch:

https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/und-jeden-morgen-das-meer/978-3-446-25995-9/

https://www.deutschlandfunkkultur.de/karl-heinz-ott-und-jeden-morgen-das-meer-detailreich-und.1270.de.html?dram:article_id=427234

Bielefelder Literaturtage https://lesepartie.de/und-jeden-morgen-das-meer/

Drehtür

Buchcover des Romans Drehtür
Katja Lange-Müller

Ein nachdenklicher Blick auf ein rastloses Leben, der mit viel Sprachgefühl und genauer Wortbetrachtung einhergeht.

Der Roman „Drehtür“ ist 2016 beim Verlag Kiepenheuer & Witsch erschienen.

Asta Arnold ist 63 Jahre alt und kehrt nach jahrzehntelangem Einsatz als Krankenschwester für diverse Hilfsorganisationen zurück nach Deutschland. Die Sprache ist ihr fremd geworden sowie auch der normale zwischenmenschliche Umgang.

Als sie am Münchner Flughafen landet, führt ihr erster Weg hinaus durch die Drehtür, um zu rauchen. Asta ist Kettenraucherin. Sie steckt sich eine Zigarette nach der anderen an und schaut dabei durch die Scheibe in das innere das Flughafengebäudes. Sie sieht die Menschen kommen und gehen, sitzen und liegen. Dabei entdeckt Asta Personen, die auf irgendeine Weise Leuten ähneln, die in ihrem Leben eine Rolle gespielt haben. So erinnert sie sich, während sie rauchend vor der Drehtür steht, an Fragmente ihres unsteten Lebens. Doch sind ihre Erinnerungen wahrhaftig?

Erinnert man sich tatsächlich nach vielen Jahren noch ganz genau? Dichtet die eigene Fantasie nicht manchmal etwas hinzu, um Erlebtes zu verschönern oder zu verdrängen. Asta blickt zurück auf ihr bewegtes Leben. Sie denkt über das Helfen nach, das sie zu ihrem Beruf gemacht hat. Ist Helfen in Wirklichkeit nur ein Reflex, der bei manchen Menschen nur stärker ausgeprägt ist.

Beim Lesen lernt an Asta besser kennen, doch man kommt ihr nicht nah. Allerdings ist niemand Asta jemals nah gekommen, das begreift man im Laufe des Buches. Die deutsche Sprache ist der Figur fremd geworden. Einzelne Wörter fallen ihr ein und sie seziert sie auf das Genauste. „Urlaub“, die Zusammensetzung scheint für sie trostlos; altes Laub, moderig, schimmelnd.

Es ist ein kurzweiliges Buch. Eine Momentaufnahme einer bisher rastlosen Frau, deren Leben zwischen Vergangenheit und ungewisser Zukunft schwebt, da sie keine Ahnung hat, wie ihre weiteres Leben als Rentnerin aussehen soll. Es ist eine melancholische, nachdenkliche Geschichte über eine einsame Frau.

Links zum Buch:

https://www.kiwi-verlag.de/buch/katja-lange-mueller-drehtuer-9783462049343

https://www.perlentaucher.de/buch/katja-lange-mueller/drehtuer.html

Schutzzone

Schutzzone das Buch
Nora Bossong

Dieser Roman nähert sich wichtigen Fragen des weltpolitischen Friedens in einer poetischen Sachlichkeit.

Während ihre Eltern die Trennung regeln, lebt die neunjährige Mira einige Monate in einer befreundeten Familie. Darius, Diplomat aus Familientradition, und seine Frau Lucia sowie deren 16 jähriger Sohn Milan nehmen das Mädchen freundlich auf. Vor allem Milan kümmert sich viel um Mira. Darius‘ Diplomatenleben, er ist oft unterwegs und reist an Orte, von denen die Kleine kaum etwas weiß, fasziniert Mira. Es ist das Jahr 1994 und Mira spürt nach Darius Heimkehr aus Ruanda, das sich etwas in der Familie verändert.

Jahre später beginnt Mira, voller Ideale, ihre berufliche Karriere bei der UN in New York. Darauf folgt eine Anstellung bei den Vereinten Nationen. Sie gilt als gute Zuhörerin und Vermittlerin. Aufgrund dessen wird sie nach Burundi geschickt, um dort die Wahrheitskommission zu leiten, die den Völkermord aufklären soll. Miras Glaube an den Nutzen der Institutionen, die sie dort vertritt, gerät in dieser Zeit ins Wanken. Sie stellt sich die Sinnfrage, ob UN und Vereinte Nationen tatsächlich etwas bewegen können? Mira wechselt nach Genf. Der Hauptsitz der Vereinten Nationen war Miras Traum, dort will sie sein.

Mira nimmt an den Gesprächsverhandlungen zur Zypernfrage teil. Es soll endlich eine Lösung für die geteilte Insel gefunden werden. Die schwierige Kompromissfindung setzt Miras Zweifeln weiter zu. Während eines Empfangs in Genf begegnet Mira Milan wieder. Milan quälen ähnliche Zweifel. Sie beginnen eine Affäre. Doch Milan ist verheiratet und Vater eines Sohnes. Er wird mit seiner Familie nach Den Haag ziehen und Mira muss eine Entscheidung treffen.

Der Roman „Schutzzone“ von Nora Bossong, erschienen im Suhrkamp Verlag, erzählt von einer Frau, die Kompromisse sucht, um Frieden herzustellen und Völkermorde zu verhindern. Jedoch muss sie erkennen, dass aller guter Wille manchmal nicht reicht und die einzig wahre Wahrheit nicht existiert. Auch ihre vermeintlich neutrale Verhandlungsposition kann Mira nicht in allen Situationen bewahren. Wir lernen eine Frau kennen, welche voller Sachlichkeit die großen Fragen der Zeit angeht, ihr Talent für den Frieden einsetzt und ihre Illusionen während zahlreicher Gespräche verloren hat.

Der Inhalt des Romans teilt sich fünf Abschnitten auf, die benannt sind nach FRIEDEN, WAHRHEIT, GERECHTIGKEIT, VERSÖHNUNG und ÜBERGANG. Weiterhin springt der Verlauf der Erzählung zwischen den Jahren und Orten hin und her. Einige Kapitel beschreiben ihr prägendes Leben im Jahr 1994 in Milans Familie, als Mira ein Kind ist. Wiederrum andere handeln von Miras Zeit in Bujumbura 2012, New York 2011 sowie in Genf 2017. So erfährt der Leser stückchenweise etwas über Miras Leben.

Ich habe mir für den Roman Zeit genommen, weil ich aus rein persönlichem Interesse viele Hintergründe nachgelesen habe. Der Roman an sich ist schlüssig, sodass es jedem selbst überlassen bleibt, darüber hinaus zu recherchieren. Die Figur der Mira hat mich gleich für sich eingenommen. Mira ist ein vielschichtiger Charakter. Manchmal wirkt sie zerbrechlich, fast verloren und dann wiederum stark und selbstbewusst. Ihre Stärke zeigt sich für mich noch einmal deutlich am Buchende.

Besonders hervorheben möchte ich den wundervollen literarischen Schreibstil der Autorin Nora Bossong. Manche Abschnitte habe ich mehrmals gelesen, weil die Beschreibungen mich sehr berührt haben. Als Beispiel heißt es auf der Seite 278: „[…]Ihre Hände waren sehnig und vertrocknet,eher wie etwas, auf dem Hund herumbissen, als das, was zugreift, streichelt, auf Dinge zeigt“. Die Sprache, welche die Autorin für diese Geschichte nutzt, ist melancholisch und hoffnungsvoll zugleich. Ein außergewöhnlicher Roman, der es schafft, die Frage nach weltweitem Frieden und die Suche nach Kompromissen facettenreich zu beleuchten. Dabei verzichtet der Roman völlig auf den moralischen Zeigefinger. Zwischen Resignation und Hoffnung, sieht der Leser am Ende des Buches dennoch das kleine Licht am Ende des Tunnels leuchten. Ohne die Institutionen von UN oder den Vereinten Nationen wäre das Leid wahrscheinlich noch größer. Der Roman greift ein wichtiges, jedoch komplexes Thema auf. Durch Miras Sachlichkeit entsteht ein nachvollziehbares, klares Bild der Arbeit in den erwähnten Institutionen. Daher ist dieser Roman meiner Ansicht nach ein überaus gelungenes literarischer und zeitgenössischer Werk!

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Suhrkamp Verlag für das Rezensionsexemplar.

Links zum Roman:

https://www.suhrkamp.de/buecher/schutzzone-nora_bossong_42882.html

https://www1.wdr.de/kultur/buecher/nora-bossong-schutzzone-100.html

Das flüssige Land

Buchcover das flüssige Land
Raphaela Edelbauer

Der Roman konnte mich nicht begeistern. Für mich eine farblose, sehr löchrige Erzählung mit offenem Ende.

Die Wienerin Ruth Schwarz ist Physiktheoretikerin und schreibt an ihrer Habilitation. Als sie die Nachricht vom Unfalltod ihrer Eltern bekommt, bricht sie zusammen. Sie erinnert sich an den Wunsch der Eltern, in der Heimat begraben zu werden. Damit beginnt die Suche nach Groß Einland, welches nirgendwo verzeichnet ist. Ruth packt das nötigste und fährt auf gut Glück los, um den Ort zu finden. Nach einigen Irrwegen landet sie tatsächlich in dem pittoresken Städtchen.

Dort scheint die Zeit stillzustehen. Es gibt keinerlei Einflüsse von Außen. Kein Internet, keine Zeitungen, keine Waren aus aller Welt. Die Geschicke des Ortes werden von der Gräfin gelenkt. Dennoch hat dieser herrliche Ort weit ab von Zeit und Raum ein großes Problem; das Loch. Jahrelanger Bergbau hat das ganze Städtchen unterhöhlt und nun droht es abzusinken. Ruth, die nur gekommen war, um das Begräbnis ihrer Eltern zu arrangieren, bleibt. Sie beginnt für die Gräfin zu arbeiten und soll eine geeignete Füllmenge für das Loch entwickeln, um den Ort zu retten. Während ihrer Tätigkeit stößt Ruth auf Sagen und Legenden und auf Unstimmigkeiten der Stadthistorie. Sie beginnt dies alles ebenso wie ihre Familiengeschichte zu erforschen.

Soweit eine kurze Zusammenfassung. Die Vergleiche mit Kafka sind ausreichend in anderen Rezensionen erörtert worden. Man kann sie ziehen, man kann es aber auch lassen. In diesen Roman kann jeder alles hinein deuten und irgendwie würde es stimmen. Ob es sich um das kollektive Gedächtnis bzw. Vergessen handelt, um Schuld, Ausarbeitung oder vieles mehr, dieser Roman bietet eine riesige Projektionsfläche. Doch leider gibt er auf nichts Antworten. Vielleicht muss er das auch nicht. Leider verpufft jeder Ansatz eines Spannungsbogen im Nichts. Ruths Nachforschungen verlaufen im Sande. Die Erzählstränge verlaufen sich im Niemandsland.

Keine der Charakteren und schon gar nicht die absolut farblose, langweilige Hauptfigur konnte mich packen. Ich habe mich während des Lesens häufig gelangweilt, denn auch der Sprachstil ist für meine Begriffe sehr ermüdend. Mir hat der Roman nichts sagen können. Immer wenn ich dachte, jetzt geht es endlich los, war es auch schon wieder vorbei. Ebenso wie der Roman ist das Ende, an dem rein gar nichts geklärt wird, für mich sehr enttäuschend.

Links zum Roman:

https://www.klett-cotta.de/buch/Gegenwartsliteratur/Das_fluessige_Land/106630

https://www.deutschlandfunkkultur.de/raphaela-edelbauer-ueber-das-fluessige-land-ein-kollektiv.1270.de.html?dram:article_id=458489

Weitere Rezensionen von Romanen der Longlist:

https://www.lesepartie.de/miroloi

https://www.lesepartie.de/vater-unser

https://www.lesepartie.de/winterbienen

Ein Sommer wie dieser

Buchcover ein Sommer wie dieser
Annette Hohberg

Fantasieloser Roman, der alle Klischees bereithält

Klara und Stephan sind jung und naiv, als sie sich an der italienischen Adriaküste begegnen. Es entwickelt sich eine romantische Sommerliebe, die durch Verkettung unvorhergesehener Umstände ein jähes Ende nimmt.
Über 20 Jahre später ist es so einer dieser Zufälle, der sie wieder zusammenführt. Der Literaturprofessor, bei dem Klaras Tochter ihre Abschlussarbeit schreiben möchte, ist ausgerechnet Stephan. Klara ist verheiratet, wohnt in einem schönen Haus und betreibt einen Buchladen.
Obwohl beide sich in ihrem Leben eingerichtet haben, können sie nicht umhin sich einzugestehen, dass sie auch noch nach all den Jahren eine tiefe Verbindung zueinander haben. Doch reicht dieses Gefühl aus, um ein Leben über den Haufen zu werfen, um ein anderes, ungewisses zu beginnen?

Der Titel des Buches versprach mir einen leichten Sommerroman. Leider wurde mir schon nach den ersten Seiten bewusst, dass der Roman mehr leicht als sommerlich werden würde. Die Geschichte greift wirklich auf jedes erdenkliche Klischee zurück, dass man bei so einer Konstellation erwarten kann. Es gab weder Überraschung noch machte sich die Autorin die Mühe die Erzählstränge wenigsten ein bisschen undurchsichtiger zu gestalten. Nach den ersten 20 Seiten wusste ich wie es ausgeht. Ebenso verhält es sich mit den Charakteren, belanglos, langweilig und ohne jegliche Tiefe.
Es ist ein ganz leichter Sommerroman, an den man keinerlei Erwartungen haben sollte.

Das unerhörte Leben des Alex Woods

Buchcover Alex Woods

…oder warum das Universum keinen Plan hat

Gavin Extence

Eine tiefgründige Erzählung, die sich mit einer guten Portion Humor an ein schwieriges Thema wagt.

Der zehnjährige Alex Woods wird von einem Meteoriten getroffen. Nach zweiwöchigem Koma und einer langwierigen Behandlung ist Alex wieder ein gesunder Junge. Seine epileptischen Anfälle bekommt er durch disziplinierte Meditation in den Griff. Doch Alex bleibt ein Außenseiter. Unter den Gleichaltrigen macht es ihn nicht sonderlich beliebt, dass seine Mutter einen Esoterikladen betreibt und Alex sich vorwiegend für Astrophysik und Neurologie interessiert. Durch Zufall lernt Alex Mr. Peterson kennen. Zwischen dem jugendlichen Außenseiter und dem alten, übellaunigen Mann entsteht eine echte Freundschaft. Mr. Peterson bringt Alex das Auto fahren ebenso bei wie den Anbau von Cannabispflanzen. Einige Jahre später ist es Mr. Peterson, welcher auf einen außergewöhnlichen Freundschaftsdienst von Alex angewiesen ist.

Als Alex mit einer Urne und jeder Menge Marihuana in Dover aufgegriffen wird, muss der 17jährige nicht nur der Polizei einiges erklären. Doch nichts kann Alex in der Gewissheit, absolut richtig gehandelt zu haben, erschüttern.

Zu Beginn erscheint die Handlung des Romans leicht abstrus. Ein Meteorit, der in ein Haus einschlägt und einen zehnjährigen trifft. Jedoch findet man als Leser – jedenfalls ging es mir so – schnell Zugang zu dem aufgeweckten, wissbegierigen Jungen. Vor allem steht er im kompletten Gegensatz zu seiner esoterischen Mutter. Dieser Umstand führt häufig zu herrlich komischen Situationen.

Die Entstehung und Vertiefung der Freundschaft zu Mr. Peterson ist dem Autor ganz wunderbar gelungen. Ohne diese Einleitung wäre die Entwicklung zum Kernpunkt der Geschichte nicht annähernd so wahrhaftig und nachvollziehbar.

Der Roman greift ein schwieriges und sehr kontrovers diskutiertes Thema mit einer Leichtigkeit auf, dass man sich als Leser auf jeder Seite gut aufgehoben fühlt. Es ist wirklich ein unerhört gutes und zu Herzen gehendes Buch mit einer passenden Portion Humor.

Stimmen zum Buch:

https://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article126943059/Oh-Herr-schick-Handlung-vom-Himmel.html

https://www.buecherrezensionen.org/buecher/rezension/gavin-extence-das-unerhoerte-leben-des-alex-woods-oder-warum-das-universum-keinen-plan-hat.htm

Sophia, der Tod und ich

Buchcover Sophia, der Tod und ich
Thees Uhlmann

Eine originelle Erzählung über die Begegnung mit dem Tod, die mit einer guten Portion Situationskomik großartig unterhält.

Es klingelt an der Tür und der Tod steht davor. Gerade als der Tod seine Arbeit machen will, klingelt es erneut und zwar Sturm. Sophia steht vor der Tür. Ex Freundin des Erzählers. Damit rettet Sophia ihm für’s Erste das Leben. Nun nimmt die Geschichte ihren Lauf, denn die drei sind auf unbestimmte Zeit unzertrennbar miteinander vereint. Noch schlimmer ist, dass der Tod aufgrund seiner unterbrochenen Arbeit seinen Job verlieren könnte. Es steht schon ein neuen Anwärter für die Stelle bereit.

Der Debütroman von dem Musiker Thees Uhlmann ist ein wundersames Buch, voll mit dem ganz normalen Leben, einer Menge Situationskomik und nachdenklichen Momenten. Es ist ganz herrlich schräg, jedoch auch so wahr. Es passiert uns allen jeden Tag, das Leben, und man weiß nie, wann der Tod vor der Tür steht und klingelt.

Die Seiten flogen nur so dahin, ich habe mich so richtig vom Lesefluss tragen lassen. Während des Lesens musste ich viel lachen, wirklich lachen. Der Roman hat einen großen Unterhaltungswert, allerdings enthält er einen nachdenklichen Kern.

Links zum Buch:

Literaturkritik: https://literaturkritik.de/id/21780

KiWi Verlag: https://www.kiwi-verlag.de/buch/sophia-der-tod-und-ich/978-3-462-04793-6/