Deutsches Haus

Deutsches Haus Buchcover
Annette Hess

Schweigen ist keine Option! 20 Jahre nach dem Krieg beginnt der erste Auschwitz Prozess. Sensibel und detailgetreu schildert der Roman das Unfassbare. Lesen!

Eva Bruhns ist die Tochter von Wirtsleuten aus Frankfurt und verlobt mit dem Besitzer eines Versandhandels. Eva ist Dolmetscherin für polnisch. Eines Tages wird Eva kurzfristig bestellt, um die Aussage eines polnischen KZ Überlebenden ins Deutsche zu übersetzen. Sie ist erschrocken über das Gehörte.

Als Eva von der Staatsanwaltschaft die Anfrage erhält, ob sie als Übersetzerin für die polnischen Zeugen den Auschwitz Prozesses begleiten kann, nimmt sie gegen den Widerstand ihrer Familie das Angebot an. Im Laufe der Verhandlungstage erkennt Eva, dass auch sie eine Verbindung zum Lager hat. Der erste Auschwitz Prozess in Frankfurt ist ein Jahrhundert Prozess und er wird Evas Leben für immer verändern.

Eva eine etwas altbacken wirkende, junge Frau, lebt mit ihren Eltern, der älteren Schwester Annegret und ihrem jüngeren Bruder Stefan in der Wohnung über der Gaststätte. Seit dem Kriegsende betreiben die Eheleute Bruhns die Gaststätte „Deutsches Haus“ in Frankfurt. Eva absolvierte eine Ausbildung zur Dolmetscherin und lernte während eines Übersetzungsauftrags Jürgen kennen. Jürgen Schoormann übernahm vor kurzem die Leitung des Versandhandels von seinem erkrankten Vater. Nachdem Jürgen um ihre Hand angehalten hat, ist das Paar offiziell verlobt.

Evas Schwester Annegret lebt für ihre Arbeit auf der Säuglingsstation und unterhält ab und an eine Affaire, doch ans Heiraten denkt sie nicht.

Als Eva das Angebot bekommt, bei den ersten Auschwitz Prozessen als Dolmetscherin für die polnischsprachigen Zeugen tätig zu sein, ist ihre Familie und auch Jürgen strikt dagegen. Eva, durch die Berichterstattung aufmerksam geworden, nimmt dennoch die Stelle an. Die Aussagen der ehemaligen Häftlinge erschüttern sie. Allerdings ist da noch etwas anderes, dass Eva zu Beginn nicht zu fassen bekommt. Sie erinnert Begebenheiten aus ihrer Kindheit, meint Angeklagte zu kennen und auch der stets im Gerichtssaal präsente Lagerplan scheint ihr ungewöhnlich vertraut. Ihre Nachfragen stoßen bei ihrer Familie auf eine Wand des Schweigens. Auch in Jürgen findet sie bei diesem Thema sehr wenig Verständnis und Rückhalt. Evas Drang hinter das zu kommen, worüber ihre Familie so vehement schweigt, lässt sie mutig nach der Wahrheit suchen.

Annette Hess beschreibt das noch konservative Deutschland der 1960iger Jahre, welches fast 20 Jahre nach Kriegsende gespalten auf den ersten Auschwitz Prozess reagiert. Eine der Nebenfiguren im Buch beschreibt es sehr schön mit einem Bildnis. Diese hat alle schrecklichen Erlebnisse für immer in einer Kammer ihres Herzens weggeschlossen.

Sensibel und feinfühlig erzählt die Autorin die Lebensgeschichte ihrer Figuren. Bis kurz vorm Ende des Buches, bleibt der Ausgang für den Leser unvorhersehbar. Ich habe immer wieder in meiner Meinung geschwankt, welche Rolle Evas Eltern wirklich spielen und inwieweit die ältere Annegret sich erinnert.

In dem Buch bekommt jedes Schicksal seinen Raum. Vor allem erschüttern die Berichte der Häftlinge und die unmenschliche Gleichgültigkeit der Angeklagten. In Zeiten, in den Antisemitismus wieder gesellschaftsfähig zu werden scheint, ist das ein wichtiger Roman gegen das Vergessen.

http://www.ullstein-buchverlage.de/nc/buch/details/deutsches-haus-987-3-550050244

Der Apfelbaum

Der Apfelbaum Buchcover
Christian Berkel

Eine bewegende Geschichte, die es absolut wert ist aufgeschrieben und erzählt zu werden. In einer anschauliche Sprache verpackt.

Die erste Begegnung von Otto und Sala ist sehr kurz, beide sagen kein Wort und dennoch spüren beide sofort eine Verbundenheit.

Otto, ein Berliner Arbeiterkind, im dritten Hinterhof, in beengten Verhältnissen aufgewachsen, verliebt sich in Sala. Sie ist die Tochter eines Freigeistes aus der gehobenen, bürgerlichen Schicht. Otto ist ehrgeizig, macht das Abitur und beginnt ein Medizinstudium. Doch die braunen Wolken ziehen über Deutschland auf. Sala ist Halbjüdin. Als das Leben für sie in Berlin schwierig wird, beginnt für Sala eine Odyssee, die sobald nicht enden wird. Doch die Hoffnung eines Tages mit Otto leben zu können, bewahrt sie vor dem Aufgeben.

Otto und Sala sind ein ungleiches Paar. Er ein typisches Kind des Berliner Arbeitermilieus. Schon vor seiner Geburt fällt sein Vater im Ersten Weltkrieg. Sein Stiefvater kämpft mit den Dämonen des Krieges und lässt es oftmals an dem Stiefsohn aus. Doch Otto ist zäh und ehrgeizig. Er will raus aus dem Hinterhof.

Als er Sala begegnet, ändert sich sein Leben. Jean, Salas Vater, ist ein Freigeist und ein Forscher. Seine Bibliothek steht Otto offen. Salas Eltern sind geschieden. Otto ist auf dem Weg Arzt zu werden, als die Nationalsozialisten an die Macht gelangen. Sala ist Halbjüdin, auch wenn sie mit der mütterlichen, jüdischen Seite keinerlei Verbindung hat und somit auch nicht zu dem Glauben. Als das Leben für Juden gefährlicher wird, schickt ihr Vater sie zu ihrer Mutter nach Madrid. Damit beginnt Salas jahrelange Reise, die sie von Madrid zu ihrer Tante nach Paris, zurück nach Leipzig bis nach Buenos Aires führt. In diesen heimatlosen Jahren hält sie der Gedanke an Otto aufrecht. Irgendwann…ja irgendwann wird ihr Leben kommen.

Christian Berkel erzählt die Geschichte seiner Eltern und Großeltern. Dabei wechselt er zwischen den Zeiten. Er schildert das Vergessen seiner an Demenz erkrankten Mutter, mit welcher er immer wieder Gespräche über die Vergangenheit führt, um mehr über ihre Geschichte zu erfahren. Er erzählt von der Mutter, die sie in seiner Kindheit war und er erzählt von damals, wie seine Eltern aufwuchsen, von seinen Großeltern. Doch der Haupterzählstrang betrifft die Erlebnisse seiner Eltern in der Kriegszeit. Die Wechsel in Situationen der jetzigen Zeit sind für mich manchmal zu abrupt gekommen.

In eine wunderbare Sprache verpackt, versteht der Autor es, dem Leser ein Gefühl für die Protagonisten zu vermitteln, den Zeitgeist, die Ängste und die Hoffnungen. Neben den Hauptcharakteren sind es auch die mutigen, hoffnungsvollen und schimmernden Nebenfiguren, die dem Roman Wirklichkeit verleihen. Es ist ein bewegendes Stück Zeitgeschichte, das in diesem Buch erzählt wird. Und es macht vor allem deutlich wie viel Freiheit die Menschen ab 1933 eingebüßt haben, wie kalt und grausam das Regime war und wie viele Leben darunter leiden mussten. Ich kann diesen Roman nur empfehlen!

http://www.ullstein-buchverlage.de/nc/details/der-apfelbaum-9783550081965

Töchter

Töchter Buchcover

Lucy Fricke

Eine Reise, die dahin führt, wo es weh tut und wo alles wieder heil werden kann. Urkomisch, todtraurig und voller Leben. Ein gelungener Roman über die Tücken des Lebens Lesenswert!

Betty und Martha, zwei Frauen in der Mitte ihres Lebens, sind im Laufe ihrer Freundschaft durch alle Hochs und Tiefs gemeinsam gegangen. Als Marthas Vater Kurt, zu dem sie erst seit wenigen Jahren wieder regelmäßigen Kontakt hat, seine Tochter bittet, ihn zum Sterben in die Schweiz zu fahren, ist es für Betty Ehrensache ihrer Freundin auf dieser Fahrt beizustehen. In Kurts altem Golf beginnen die drei eine Reise, die so ganz anders verläuft als geplant und unerwartete Erkenntnisse mit sich bringt.

Mit Humor und viel verzweifelten Lebensmut brechen die beiden Frauen mit dem todkranken, röchelnden Mann auf der Rückbank auf zu der letzten Reise. Doch der ursprüngliche Plan vom Tod in der Schweiz, wird alsbald über den Haufen geworfen. Ein Roadtrip ins Ungewisse beginnt. Der Weg führt sie durch die Schweiz, nach Italien und schlussendlich auf eine entlegene, griechische Insel. Zeitweise trennen sich ihre Wege sogar.
Betty, allein lebend, depressiv, ist auf der Suche nach dem italienischen Exfreund ihrer Mutter, der vor fast 30 Jahren ohne Abschied aus ihrem Leben verschwunden ist. Die einzige Vaterfigur, die Betty je hatte. Kurt blüht am Largo Maggiore noch einmal auf. Martha versucht an der gesamten Situation nicht zu verzweifeln.

Eine Geschichte über die Fehler der Eltern, über das Verzeihen und die Tücken des Lebens im Allgemeinen. Lucy Fricke zeichnet ein Portrait zweier Frauen, die sich ihrer Kindheit stellen, um sich endlich aus der Vergangenheit befreien zu können.

Eine 100% Romanempfehlung. Manchmal ist die Erzählung unheimlich komisch und manchmal absurd und manchmal einfach nur tragisch. Ich habe das Buch kaum aus der Hand legen können. Da steckt das Leben drin. Das oftmals nicht vorhersehbare Schicksal, das jeden von uns einmal erwischt. Welche Dinge lassen uns zu den Personen werden, die wir sind und was haben wir selbst in der Hand.

Zitat aus dem Roman:

Meine Liebe kannte keine Rache. Aber es hatte nicht gereicht. Ich musste ihm diese Geschichte nicht einmal glauben, um zu sehen, dass es mit dem Glück nichts geworden war.“

http://www.rowohlt.de/hardcover/lucy-fricke-toechter

Die Bücherweltsaga – Verliebt

Bücherwelt - verliebt Buchcover

Stefanie Straßburger

Belanglose Geschichte – naiv und oberflächlich, einfach gestrickt

Thilda Hummel arbeitet in einer Werbeagentur als Empfangssekretärin, hat eine Bettgeschichte mit Leon und ist mit ihrer Kollegin Mia dick befreundet. Eines Tages entdeckt die junge Frau ein Buch in ihrer Handtasche, das nicht ihres ist. Ihr fällt keine plausible Erklärung dafür ein, wie das Buch in ihre Tasche gekommen ist. Als sie darin herumblättert, bemerkt sie, dass der Inhalt von ihrem eigenen Leben handelt.

Thilda führt das normale Leben einer jungen Frau Anfang zwanzig. Bis sie das Buch in ihrer Tasche findet, welches sich als ihr Lebensbuch herausstellt. Titus, ein Wesen aus der Bücherwelt, tritt in ihr Leben und wirbelt damit einiges durcheinander. Auch ihre Kollegin und beste Freundin Mia scheint etwas über diese geheime Welt der Bücherwesen zu wissen. Als das Buch Thilda die Begegnung mit ihrer großen Liebe voraussagt, gerät Thilda immer tiefer in die Verstrickungen rund um die sagenhafte Bücherwelt. Sie muss entscheiden, wer Freund und wer Feind ist, und sie muss erst in die Bücherwelt reisen, um die Liebe zu finden. Doch was ist, wenn der Schein trügt?

„Die Bücherweltsaga – Verliebt“ ist der erste Band einer voraussichtlichen Trilogie. Die Zusammenfassung hat mich interessiert. Allerdings hat sich die Geschichte schnell als oberflächlich und trivial herausgestellt. Die Schreibweise ist sehr einfach gehalten und es fehlt jegliche Spannung. Die Figuren sind belanglos konzipiert und ohne jeden Charme. Selbst Thilda ist mir zumeist eher unsympathisch gewesen. Ich halte sie für naiv, albern und dumm.

Schon zu Beginn störte mich die Musikempfehlung der Autorin. Der Roman hat keinen Bezug zur Musik, auch wenn an einigen Stellen Musikstücke genannt werden, was ich übrigens für völlig deplatziert halte. Musikgeschmäcker sind zum Glück verschieden, darum sollten Autoren Titel oder Musiker nur nennen, wenn sie für die Erzählung relevant sind, alles andere wirkt kindisch. Weiterhin haben mich die vielen Produktnennungen genervt. Ich habe mich gefragt, ob die Autorin Werbeverträge mit Apple oder BMW abgeschlossen hat?!

Ich habe den Großteil des Romans mehr überflogen als gelesen, denn das lohnt sich meines Erachtens nicht sonderlich. Ich werde es bei dem ersten Teil belassen.

http://www.isegrim-buecher.de/buecherweltsaga-verliebt

4321

Buchcover 4321 Paul Auster

Paul Auster

Ein guter Roman, aber für mein Empfinden oftmals viel zu ausufernd, so dass ich irgendwann nur noch fertig lesen wollte.

Archibald Fergusen ist in dem über 1.000 Seiten starken Roman „4321“ von Paul Auster der Protagonist und zwar gleich 4 Mal. Denn Auster geht der Frage nach, wie kleinste Entscheidungen ein ganzes Leben beeinflussen.

Zu Beginn des Romans lernt der Leser etwas über die Familiengeschichte. Der Großvater verlässt 1900 seine Heimatstadt Minsk und wandert in die USA aus. Dort gründet er eine Familie. Ende der 20iger Jahre wird er erschossen. Zurück bleibt seine dominante Frau mit den drei Söhnen. Stanley ist der ehrgeizigste von den dreien und macht sich mit einem Geschäft für Haushaltswaren selbstständig. Er lernt Rose kennen und lieben und die beiden heiraten. Die beiden sind die Eltern von Archibald Ferguson, dessen Leben der Leser nun in vier unterschiedlichen Varianten verfolgt.

Archi ist in jedem Leben ein aufgeweckter, kluger Junge, der einen Faible für das geschriebene Wort hat. Als Leser begleiten wir ihm viermal beim Aufwachsen, durch seine Schul- und auch Collegezeit.

Archi wächst in einer Vorstadt unweit von New York in einer bewegten Zeit auf. Die amerikanische Gesellschaft befindet sich im Umbruch. Die dunkelhäutige Bevölkerung beginnt sich gegen die Diskriminierung zu wehren. J. F. Kennedy wird erschossen, der erste Mann landet auf dem Mond, der Vietnamkrieg beginnt und die Proteste in der Heimat werden lauter. Das Buch enthält viele spannende Details zur amerikanische Geschichte und gibt Einblicke in die zwiegespaltene Gesellschaft.

Die philosophische Grundidee des Romans ist zwar nicht neu, dennoch durchaus interessant. Es sind vier Romane in einem. In jeder Version verläuft Archis Leben anders. Doch nicht nur seines, sondern auch das seiner Eltern, Großeltern, Tanten, Onkeln, Freunde etc. Alles greift ineinander.

Bis zum ersten Drittel war ich begeistert von diesem Roman. Leider ebbte diese Begeisterung stetig ab, da nach meinem Empfinden kein Ende in Sicht war. Die Erzählung ufert meines Erachtens viel zu sehr aus. Auch wenn die beschriebenen Umstände interessant sind, zieht es sich zu oft unverhältnismäßig in die Länge, so dass ich gestehen muss, einige Seiten nur überflogen zu haben. Trotz des Vorblätterns habe ich nichts wesentliches verpasst.

Es sind vier gutgeschriebene Versionen von einem einzigen Leben. Doch in Anbetracht dieser Idee, hätten die einzelnen Erzählungen etwas knapper ausfallen können, um für den Leser den Spannungsbogen zu erhalten. Ich war auf alle Fälle froh, als ich das Buch endlich zuklappen konnte. Es ist ein gutes Buch und ich habe einiges für mich mitgenommen. Bedauerlicherweise begann es mich aufgrund der Länge irgendwann zu nerven. Ich wollte es einfach nur noch beenden.

http://www.instagram.com/lesepartie_lit.blog

Herausgegeben vom Rowohlt Verlag

http://www.rowohlt.de/autor/paul-auster

Was wäre ich ohne dich

Guillaume Musso

Ich habe immer auf eine Wendung im Roman gewartet, die der Geschichte einen Sinn gibt – leider vergeblich. Aber die Ortsbeschreibungen sind toll.

Mitte der 1990iger Jahre verbringt Martin seine Semesterferien in den USA, um sein Englisch zu verbessern. Der junge Mann stammt aus Frankreich und wuchs in sozial schwachen Verhältnissen auf. Bei einem seiner zahlreichen Jobs lernt er in San Francisco Gabrielle kennen und lieben. Doch Martin muss zurück nach Frankreich. Über zehn Jahre später verfolgt Martin als Polizist einen Meisterdieb. Er verfolgt ihn bis San Francisco, die Stadt, in der auch Gabrielle immer noch lebt. Ist das alles nur Zufall?

Gleich zu Beginn möchte ich erwähnen, dass mich die meisten Romane von Musso begeistert haben. Doch auch schon „Das Atelier in Paris“ hat mich nur bedingt überzeugt. Daher war ich gespannt auf diesen Roman, der schon 2009 in Frankreich erschienen ist und erst vor knapp einer Woche in Deutschland.

Der Beginn der Geschichte ist vielversprechend. Martin, ein französischer Polizist, jagt einen Meisterdieb. Leider wird ganz schnell klar, dass die Geschichte sich in Kleinigkeiten verliert, keine Tiefe besitzt, Handlungen wahllos aneinandergereiht werden. Es fehlt die Spannung. Die Geschichte ist durchschaubar und beliebig erzählt. Ganz absurd wird es im letzten Drittel. Ich habe ernsthaft überlegt, das Buch nicht weiter zu lesen – Zeitverschwendung. Dennoch habe ich bis zum Ende durchgehalten und ich kann nun behaupten: Das hat sich nicht gelohnt! Ich kann nicht mal sagen, dass es wenigstens eine schöne Liebesgeschichte war.

Ich bin maßlos enttäuscht und hoffe, dass der Autor zu seiner Art fesselnde Geschichten zu erzählen zurückfindet.

 

Die Erinnerung des Felsens

Mauricio Lyrio

Ein Roman der leisen, melancholischen Töne.

Philosophieprofessor Eduardo lebt in Rio de Janeiro und Unterrichtet an der Universität. Er lebt mit der Malerin Laura zusammen. Eines morgens, als er sich durch den dichten Stadtverkehr kämpft, fällt Eduardo an einer Ampelkreuzung ein Straßenjunge auf. Der Junge verkauft mit viel Geschick Limetten. Der Junge geht Eduardo nicht mehr aus dem Kopf. Bei der nächsten Gelegenheit lädt er ihn zu sich nach Hause ein. Er lässt den Jungen im Gästezimmer schlafen, kauft ihm neue Kleidung und kümmert sich um ihn. Seine Lebensgefährtin Laura stellt Eduardo mit dieser Entscheidung vor vollendete Tatsachen.
Ist das Vertrauen, das der Professor in den Straßenjunge setzt, gerechtfertigt? Was sieht Eduardo, der als Kind seine Eltern verlor, in dem Jungen?

Eines Morgens, im täglichen Verkehrsstau auf Rios Straßen, beobachtet der Philosophieprofessor Eduardo einen Straßenjungen. Etwas fasziniert ihn an der direkten Art des Jungen. So lädt er eines Tages den Jungen zu sich nach Hause ein und bietet ihm das Gästezimmer an. Seine Lebensgefährtin Laura übergeht er bei der Entscheidung. Als Kind verlor Eduardo seine Eltern bei einem schweren Unfall. Dieses tragische Ereignis veränderte sein Leben. War es tatsächlich ein Unfall oder Selbstmord? Bisher konnte ihm niemand diese Frage beantworten.

Romário, der Straßenjunge, der seine 13 Lebensjahre auf der Straße und in einem Versteck im Tunnel zugebrachte, täglich um sein Überleben kämpfte, steht im Gegensatz zu den Problemen von Eduardo, Laura und deren Freundeskreis. Trotz des Luxus, in dem sie leben, wird jeder von ihnen von den Schatten der Vergangenheit verfolgt. Wird es gelingen ihre Vergangenheit eines Tages hinter sich zu lassen?

Der Roman „Die Erinnerung des Felsens“ beschreibt das Leben in den Straßen Rios. Die Armut, die dort allgegenwärtig ist. Romàrio schildert seine Erlebnisse schnörkellos und direkt. In Rückblenden erzählt der Roman von Eduardos Suche nach Antworten zu dem Tod seiner Eltern, von der Freundschaft zu dem Arzt Gilberto und dessen Frau Marina. Die Geschichte erzählt in teils poetischer Weise, teils in melancholischer Stimmung von der Sehnsucht die Einsamkeit zu überwinden.

Der Roman von Mauricio Lyrio handelt von der Frage, die wir uns alle irgendwann stellen; wo kommen wir her, wo gehen wir hin und wie leben wir dazwischen. Auf sensible Weise beschreibt der Autor die Vergangenheitsbewältigung der Hauptfiguren. Als Gegenpol agiert Romàrio, welcher im Hier und Jetzt lebt und die Chance auf ein besseres Leben ergreift. Seine Sprache setzt sich auch im geschriebenen Wort von den Figuren ab. Romàrios direkte und pragmatische Art steht im Gegensatz zu den gedankenschwer agierenden Erwachsenen, die zwar nie das Leid der Straße, aber anderes Leid erfahren mussten.

Es ist ein poetischer Roman der eher leisen Zwischentöne, auf die man sich als Leser einlassen muss.

Den Roman habe ich am Verlagsstand „Arara“ auf der diesjährigen Buchmesse in Frankfurt gekauft. Ich möchte mich nochmals herzlich für die Empfehlung und das freundliche Gespräch bedanken.

Die Hunrigen und die Satten

Timur Vermes

Ein Satireroman mit Schwächen. Böse, amüsant, unterhaltsam und politisch aktuell. Doch etwas zu lang geraten.

Europas Grenzen sind dicht. Deutschland hat die Obergrenze eingeführt. Die Flüchtlinge sitzen in riesigen Lagern in Afrika fest und kaum jemand kann noch die Kosten für einen Schlepper aufbringen. Ein junger afrikanischer Flüchtling sieht in einem deutschen TV Team, welches im Lager dreht, seine Chance. Es reift die Idee, sich, von dem Fernsehteam begleitet, zu Fuß nach Deutschland aufzumachen. Und dann marschieren sie los, 150.000 Flüchtlinge. Können sie alle Hindernisse überwinden und es bis nach Deutschland schaffen?

Ein TV Format plant ein Spezial. Der Sender schickt dazu sein TV Sternchen Nadeche Hackenbusch, der Engel im Elend, in eines der größten Flüchtlingslager jenseits der Sahara. Allerdings rechnet der private Fernsehsender nicht damit, dass der Engel sich als solcher entpuppt und plötzlich einen Flüchtlingstreck von 150.000 Menschen Richtung Deutschland anführt. Die Kameras halten drauf, exklusiv und täglich. Logistisch gut durchdacht, unterstützt von Spenden, marschiert der Tross durch Afrika. Jeden Tag 15 km.

Während der Zug marschiert, werden auch deutsche Politiker aufmerksam. Doch man wartet ab, ob die Menschenflut den Weg nach Deutschland wirklich zu Fuß bewältigen kann. Wenn die Versorgung nicht zusammenbricht, dann stoppt irgendeine Ländergrenze den Flüchtlingsstrom. So die Hoffnung. Aber die anderen Staaten lassen sie ziehen. Erst als die Flüchtlinge kurz vor Europas Grenzen sind, nimmt die Panik Fahrt auf. Sowohl in der Politik, als auch bei den besorgten Bürgern.

Nach „Er ist wieder da“ ist dies Timur Vermes zweiter Roman. Wieder ist es eine gesellschaftliche Satire über ein immer noch aktuelles Thema, die vor allem der zynischen Medienbranche und der ideenlosen Politik den Spiegel vorhält.

Nadeche Hackenbusch ist eine Mischung aus Gina Lisa Lohfink und Verona Pooth. Etwas naiv, dumm, aber wahnsinnig selbstbewusst und durchsetzungsfähig. Es ist nur schwer zu glauben, dass so jemand über ein Jahr hinweg unter den primitivsten Bedingungen bei diesem Flüchtlingstreck bleibt. Ebenso bezweifele ich, dass solch ein Format über diesen langen Zeitraum hinweg täglich hohe Einschaltquoten bekommt.

Begleitet wird Nadeche von der Boulevardjournalistin Astrid von Roëll. Der Roman enthält auch einige Artikel, deren Oberflächlichkeit kaum zu überbieten ist.

Der Produzent der Sendung ist kein geringer als der, aus dem ersten Roman bekannte, Sensenbrink. Er verkauft weit mehr Werbeminuten als er hat und das zu Höchstpreisen. Fäkalien will er nicht im Bild haben, aber wenn es Tote gibt, kann er ja nichts dafür. Die Menschen haben sich aus freiem Willen für diese Tortour entschieden.

Auf der politischen Seite gibt es den betagten Innenminister, der das Problem früh erkennt und dann mit einer guten Lösung überrascht. Leider stößt diese auf wütenden Protest. Sein Vertrauter, ein schwuler, ehrgeiziger Staatssekretär, versucht Härte zu zeigen. Sehr gelungen ist für mich die Gegenüberstellung der strategischen Besprechungen von Politik und TV.

Der Roman ist sehr böse und macht deutlich, dass Europa keinerlei Lösung hat, um den aktuellen Problemen zu begegnen. Die Dialoge und Zeitschriftenartikel lockern den Text auf. Dennoch zieht sich das letzten Drittel sehr in die Länge, als ob das Buch gar kein Ende nehmen will. Meiner Meinung nach wäre die Geschichte mit weit weniger Seiten erzählt. Darüber hinaus konnte mich das Ende wenig überzeugen.

Am meisten fehlt mir die eindeutige Abgrenzung nach Rechts. Das ist für mich zu schwammig. Natürlich kann man Tendenzen dahingehend erkennen, dass die eigentliche Bedrohung von dem wütenden Mob ausgeht mehr als von den friedlichen Flüchtlingen. Jedoch hätte ich mir in diesem Fall wesentlich mehr Klarheit gewünscht. Zudem sollte man erwähnen, dass nicht alle Flüchtlinge unbedingt und ausschließlich nach Deutschland wollen.

Alles in allem ein lesenswerter Roman, der nochmal einen zynischen, aber auch amüsierten Blick auf die aktuelle Lage wirft.

Hier ist noch alles möglich

Gianna Molinari

 

Der Roman kann die Distanz zwischen Figur und Leser nicht überbrücken. Die gezwungene Eigenartigkeit hat mich über weite Strecken gelangweilt.

Eine junge Frau beginnt ihre Arbeit als Nachtwächterin in einer Fabrik, welche kurz vor der Schließung steht. Sie bezieht ein geräumiges Zimmer in den Fabrikhallen. Nur noch wenige Mitarbeiter sind dort beschäftigt. Der Koch behauptet auf dem Gelände einen Wolf gesehen haben. Die Nachtwächterin hält die Augen nach dem Wolf offen und baut zusammen mit einem Kollegen eine Fallgrube. Wird der Wolf in diese Falle tappen?

Die Fabrik, in welcher die junge Frau ihre Arbeit als Nachtwächterin aufnimmt, wird nur noch kurze Zeit existieren. Es werden dort Verpackungen hergestellt, doch das Geschäft rentiert sich nicht mehr. Die Nachtwächterin freundet sich mit einigen der verbliebenen Mitarbeitern an. Auf dem Gelände soll sich ein Wolf herumtreiben. Einige Jahre zuvor fiel ein Mann vom Himmel, dessen Identität nie geklärt wurde. Die junge Frau denkt über den Wolf nach. Sie denkt darüber nach, wie ein Mann vom Himmel fallen kann und fragt sich, wer er war. Sie denkt nicht darüber nach, wohin sie nach der Schließung der Fabrik gehen soll.

Der Roman konnte mich leider nicht überzeugen. Besonders die Hauptfigur blieb mir fremd. Ich habe keinen Zugang finden können. Die eigene Denkweise der Protagonistin kam mir häufig zu gewollt vor. Streckenweise habe ich Seiten nur überflogen, weil ich nicht wusste, was ich damit anfangen soll. Sprachlich gut geschrieben, fehlt für mich das gewisse Etwas an der Erzählung, das mich fesselt, das mich berührt. Ob „von hier aus noch alles möglich ist“ bleibt fraglich, denn Zukunftsvisionen kommen in dem Roman nicht vor.

VOX

Christina Dalcher

Ein aufrüttelnder Roman, spannend erzählt, dessen Ende leider etwas konfus daherkommt.

Seit gut einem Jahr haben in den USA christliche Fundamentalisten, mehrheitlich gewählt, die Macht übernommen. Die Regierung legt besonderen Wert auf das traditionelle Rollenverständnis von Mann und Frau. Dementsprechend müssen alle Frauen ihre Arbeitsplätze räumen, um für ihre Familie zu sorgen. Damit die Frauen ihren neuen gesellschaftlichen Platz anerkennen, dürfen sie nur noch 100 Wörter pro Tag sprechen. Jede Frau und jedes Mädchen bekommt ein Armband angelegt, welches die Wörter zählt. Jede Überschreitung wird mit Stromstößen geahndet.

Dr. Jean McClellan, Wissenschaftlerin, lebt mit ihrem Mann und den 4 Kindern in einem Vorort von Washington. Jean leidet unter dem Regime und denkt täglich darüber nach, dass sie sich nie sonderlich für Politik begeistert hat. Zu ihrer Studentenzeit hat sie nie an Demonstrationen teilgenommen. Sie ist seit Ewigkeiten nicht mehr zur Wahl gegangen. Sie hat niemals geglaubt, sich jemals in solch einer Situation wiederzufinden. Nun ist sie wortlos gemacht. Ihr besonderes Augenmerk liegt auf ihrer sechsjährigen Tochter, die ebenfalls das Kontingent von 100 Wörtern nicht überschreiten darf.

Als der Bruder des Präsidenten schwer verunglückt und Teile seines Gehirns in Mitleidenschaft gezogen sind, kommt die Regierung auf Jean zu. Ein Jahr zuvor gehörte Jean dem Team zur Erforschung eines Serums an, welches die Sprachfähigkeit nach schwerwiegender Gehirnschädigung wieder herstellt. Jean stimmt zu weiter zu forschen und bekommt im Gegenzug für diese Zeit ihre Stimme wieder. Doch schnell erkennt Jean, dass es der Regierung um viel mehr geht, als um ihr Serum. Auch den angeblichen Unfall zweifelt Jean an. Ihr bleibt nicht viel Zeit, um den Kampf für ihre Freiheit endlich aufzunehmen.

Christina Dalcher beschreibt in ihrem Roman eine rückwärtsgewandte Regierung, welche Frauen, Homosexuelle und anders Denkende mit allen Konsequenzen aussortiert. Die Schikane der Wortzähler ist nur eine von vielen. Frauen haben keinen Zugang zu Büchern, PCs, Mobiltelefonen, es gibt Arbeitslager und Kameras, auch auf Privatgrundstücken. Eindringlich schildert der Roman zu Beginn wie schleichend es zu den Veränderungen gekommen ist. Das Buch hat eine deutliche Aussage

„Das Böse triumphiert allein dadurch, dass gute Menschen nichts unternehmen“

Schon nach den ersten Seiten hat mich der Roman gefesselt. Am meisten hat mich allerdings die Tatsache erschreckt, dass mir das dort aufgezeigte Szenario überhaupt nicht absurd vorkam. Bis ungefähr zur Buchmitte ist die Geschichte schlüssig erzählt. Ab dem Zeitpunkt, als Jean beginnt im Institut zu arbeiten, wird die Handlung stellenweise konfus. Vielfach fiel es mir schwer zu folgen, da mir z.B. teils das wissenschaftliche Wissen fehlt, um alles nachvollziehen zu können. Hinzu kommt, dass im letzten Drittel viele Handlungsstränge zusammenkommen. Für mich ist das Ende ein wenig verwirrend und es kommen zu viele Figuren zusammen, dadurch wirkt es teilweise konstruiert.

Alles in allem ist es ein lesenswerter Roman, der dem Leser vor Augen hält, was passiert, wenn man den Geschehnissen um sich herum mit Gleichgültigkeit begegnet. Was würdest du tun, um frei zu sein? Eine zentrale Frage im Buch!