Willkommen in Lake Success

Gary Shteyngart
Willkommen in Lake Success, Cover

Die Romanerzählung beginnt stark, doch leider kann mich das ideenlose Ende dann nicht überzeugen.

Barry Cohen, ein New Yorker Hedgefond Manager in den vierzigern, ist an der Börse reich geworden. Mit seiner jungen, hübschen Frau und seinem dreijährigen Sohn wohnt er in einem der teuersten Apartments der Stadt. Auf den ersten Blick wirkt Barrys Leben überaus perfekt, doch diese hübsche Fassade ist bei näherer Betrachtungen ziemlich brüchig.

Nach einem Streit mit seiner Ehefrau, packt Barry sein wertvollstes Gut, seine Sammlung von Luxusuhren, in einen Koffer und steigt in den Greyhound Bus nach Richmond. Wie damals als junger Student, will er zu seiner Jugendliebe Layla reisen. Barry hofft auf dieser Reise etwas finden, das er verloren glaubt; den wahren Barry. Doch diese Fahrt im Greyhound Bus verlangt dem Multimillionär einiges ab. Er trifft auf die unterschiedlichsten Menschen und auch sein Bargeld wird knapp. Was wird sein, wenn er Layla nach all den Jahren gegenüber steht? Gibt es für Barry die Chance sein Leben von Grund auf zu ändern?

Von seiner Ehefrau fühlt Barry sich verraten. Sein Sohn hat eine gesundheitliche Beeinträchtigung, die so gar nicht in Barrys perfektes Leben passen will. Außerdem hat er mit seinen Fonds hohe Verluste eingefahren, sodass das FBI ist hinter ihm her. Aus diesem Grund will Barry sein altes Leben hinter sich lassen. Nur seine Sammlung wertvoller Luxusuhren nimmt er mit. Mit dem Greyhound Bus fährt er quer durch die USA. Barry begegnet auf seiner Reise den „normalen“ Menschen, hört die wildesten Geschichten und er denkt über seine Kindheit und Jugend nach.

Barry ist erfolgreich, aber einsam. Als Sohn eines Poolreinigers hat er sich hoch gekämpft. Er studiert in Princeton und treibt danach seine Karriere in der Finanzbranche voran. Er hat es weit gebracht. Doch Barry ist unglücklich. Seine Familie droht zu zerbrechen und er sehnt sich nach einer Zeit zurück, in der für ihn noch alles möglich schien. Wir begleiten Barry auf seinem Weg, der ihn bestenfalls zu sich selbst führen soll. Er reist mit dem Bus durch ein Land kurz vor der Präsidentschaftswahl. Es scheint unsinnig, dass jemand wie Trump diese Wahl gewinnen könnte, dennoch trifft Barry auf seiner Reise immer wieder auf fanatische Befürworter.

Der Roman beginnt stark. Barry ist eine komplexe Figur, über die der Leser nur bruchstückhaft mehr erfährt. Zunächst ist Barry ein selbstgerechter, unsympathischer Fond Manager, für den in erster Linie das Geld zählt. Doch dann kommen hinter seiner glanzvollen Fassade seine Unsicherheiten, seine Einsamkeit hervor. Keiner, der im Roman vorkommenden, Charaktere ist darauf ausgelegt zu gefallen. Daher fällt es beim Lesen oft schwer echte Sympathien zu entwickeln. Jedoch wird die Romanerzählung für mich gerade dadurch interessant.

In der zweiten Hälfte des Romans verliert die Geschichte meiner Ansicht nach an Biss . Die Erzählstränge verlieren sich in einem gewollt wirkenden Konstrukt. Die Figuren werden oberflächlicher, viele Handlungen sind schwer nachzuvollziehen. Die Reaktionen der Charaktere empfand ich oft als völlig emotionslos. Bedauerlicherweise hatte ich den Eindruck, als ob dem Autor die zündende Idee für ein stimmiges Ende fehlte. Stattdessen hat er sich „durchgewurschtelt“.

Der Roman hat sehr starke Momente, der Schreibstil ist hervorragend, doch leider verliert die Geschichte auf den letzten Buchseiten an Kraft und Fantasie. Zu viele Themen werden angerissen, denen der Roman dann nicht gerecht wird. Das ist wirklich bedauerlich.

Die Liebe im Ernstfall

Daniela Krien
Die Liebe im Ernstfall – Cover- Diogenes Verlag

Fünf Frauen, fünf Geschichten. Authentisch und selbstbewusst erzählt. Bewegend und voll Zuversicht das Leben und die Liebe im Ernstfall zu meistern.

Paula, Judith, Brida, Malika und Jorinde, fünf Frauen in ihrer Lebensmitte, deren Wege auf unterschiedliche Weise lose miteinander verbunden sind. Sie erzählen von ihrer Jugend, von ihren Erwartungen ans Leben und von Enttäuschungen und Schicksalsschlägen.

Jede der Frauen hat ihren Weg gewählt, der sie durch Höhen und Tiefen geführt und sie geprägt hat. Jede von ihnen hat sich für einen Beruf entschieden, für oder gegen einen Mann, für oder gegen Kinder. Es ist die Summe der Entscheidungen, welche die Frauen Revue passieren lassen. Die Freiheit Entscheidungen treffen zu können, trifft dabei oftmals auf die vermeintlichen Erwartungen, die sie erfüllen wollen. Teils sind es die eigenen Erwartungen an das eigene Leben, teils sind es die Erwartungen anderer. Und nicht immer wird man diesen Erwartungen gerecht. Es gilt das Leben zu meistern wie es kommt, um das bestmögliche herauszuholen.

Daniela Krien erzählt die Geschichten von fünf Frauen, die voller Zuversicht ihren Weg gewählt haben und an den Umständen gescheitert sind. Jedoch haben sie sich nie geschlagen gegeben. Jede der Frauen vertraut darauf, dass das Leben ihr noch etwas zu bieten hat.

Das Buch offenbart mit der Wucht von Ehrlichkeit, was viele Frauen in der heutigen Gesellschaft umtreibt. Ausgeglichen und liebevoll sollen sie sich um die Erziehung der Kinder kümmern, dabei aber auch ihre eigene Karriere verfolgen und ihrem Partner eine leidenschaftliche Geliebte sein. Auch der Alltag mit Kindern, kann nicht täglich als ein wunderbares Geschenk wahrgenommen werden, so wie es vielfach propagiert wird. Die Freiheit der Wahl, sein Leben nach den eigenen Vorstellungen zu gestalten, erscheint oft vielfältig. Doch genau diese Vielfältigkeit schürt Erwartungen, vor allem an sich selbst, an denen man nur allzu oft scheitert.

Daniela Krien schreibt in einem beinahe emotionslosen Realismus, dennoch mit sensiblen Blick für Details über diese fünf Frauen, die sich dem Leben im Ernstfall stellen. Die fünf Geschichten handeln von losgelassenem und verpassten Glück, von Liebesbeziehungen, deren Haltbarkeit keine Ewigkeit ist und von der Suche nach dem richtigen Leben. Der Autorin ist ein bewundernswertes Portrait über diese fünf Frauen gelungen. Jede von ihnen ruft Verstehen hervor. Jede von ihnen ist wahrhaftig. Daniela Krien hat einen wunderbaren Erzählstil. Mich hat das Buch begeistert sowie mich die Autorin auf der Buchmesse Leipzig begeistert hat. Ich freue mich auf weitere Bücher von ihr.

Verlagseite https://www.diogenes.ch/leser/titel/daniela-krien/die-liebe-im-ernstfall-9783257070538.html

https://lesepartie.de/lbm-2019-2/

Infos zum Roman/zur Autorin:

https://www.ndr.de/kultur/buch/Daniela-Krien-Die-Liebe-im-Ernstfall-,liebeimernstfall102.html

https://www.lovelybooks.de/autor/Daniela-Krien/

https://www.perlentaucher.de/buch/daniela-krien/die-liebe-im-ernstfall.html

Die Kündigung

Hubertus Meyer – Burckhardt
Die Kündigung

Was bleibt vom Menschen, wenn er den Job, über den er sich definiert, plötzlich verliert? Ein Top Manager muss sich dieser Frage stellen. Ein nachdenklicher Roman über Sehnsüchte.

Simon Kannstatt sitzt in der Business Lounge des Züricher Flughafens. Er erwartet seinen ehemaligen Chef, um ein weiteres Mal über seine Kündigung zu verhandeln. Simon Kannstatt bekommt eine großzügige Abfindung, doch seinen Job nicht zurück. Ein Top Manager ohne Aufgabe. Wer ist nun Simon Kannstatt

Im Flughafen Restaurant, unter all den Managern, fühlt er sich sicher. Er bleibt dort sitzen, unfähig eine Entscheidung über sein Leben zu treffen. In Gedanken beginnt er sein Leben zu hinterfragen. Seine Ehe, sein Verhältnis zu den Töchtern und zu den Eltern. Ab wann wurde die Arbeit sein Leben? Wo sind seine Zukunftsvisionen geblieben, die er als junger Mann anstrebte? Wann ist er zu dem Simon Kannstatt geworden, der nun hier am Flughafen feststeckt, weil er keine Idee hat, wie es mit ihm weitergehen soll – ohne seine Arbeitsstelle.

Hubertus Meyer – Burckhardt ist einem breiten Publikum in erster Linie als Film- und Fernsehproduzent und als Gastgeber der NDR Talkshow bekannt. Zudem veröffentlichte er einige Bücher. In dem Roman „Die Kündigung“ beschäftigt er sich mit einem Thema unserer Zeit. Viele Menschen definieren sich über das, was sie tun, ihre Arbeit. Es ist grundsätzlich die erste Frage, die man einem Gegenüber stellt. „Was arbeiten Sie/was arbeitest du?“

Es ist ein nachdenklicher Roman über einen Manager, der genug Geld auf dem Konto hat, dem allerdings der Lebenssinn genommen wurde. Die Erzählung wechselt zwischen Wirklichkeit und Vorstellung bzw. Traum der Hauptfigur. Trotz all der Melancholie des Romans, gibt es auch die humorvollen Stellen, die den Leser schmunzeln lassen. Das Buch erzählt auf eine tiefsinnige und außergewöhnliche Weise eine einfache Geschichte über den Sinn des Lebens. Es ist keine Lektüre, die sich leicht und locker lesen lässt. Es ist eine Lektüre die Fragen aufwirft. Es ist eine empfehlenswerte Lektüre.

Scharnow

Bela B. Felsenheimer
Buchcover Scharnow

Ein authentischer Roman über einen Ort und seine Bewohner, die so oder so ähnlich überall zu finden sind. Ein großartiges Buch!

Scharnow, ein Kaff irgendwo in Brandburg, besteht aus einem Hochhaus, einem Supermark, einem Dönerladen und einer Polizeistation. Viel passiert dort nicht. Das eintönige Leben der Bewohner plätschert vor sich hin. Doch innerhalb weniger Tage wird im Hochhaus ein Blogger tot aufgefunden, eine handvoll Männer überfällt nackt den Supermarkt, jemand schießt auf einen Hund und ein fliegender Mann wird gesichtet.

Bela. B. Felsenheimer hat seinen ersten Roman veröffentlicht. Auf der Leipziger Buchmesse erlebte ich Bela B. in einem Interview. Ich ließ mich von seiner riesigen Begeisterung für die eigene Geschichte anstecken und kaufte das Buch an Ort und Stelle. Um ehrlich zu sein, habe ich ein ganz unterhaltsames Buch mit einer völlig absurden Geschichte erwartet.

Ein unterhaltsamer Roman ist es, aber auch voller Humor, Tragik und mit ganz viel Wahrheit. Sein Blick auf die Gesellschaft kommt gänzlich ohne erhobenen Zeigefinger aus. Der Blick ist authentisch und aufrichtig. Bei jeder Figur des Romans spürt man, mit wie viel Sorgfalt und wie liebevoll sie entwickelt wurde. Mich hat es wahrhaft beeindruckt, dass es keinerlei schwarz – weiß Malerei gibt. Scharnow gibt es wahrscheinlich tausendfach, überall auf der Welt. Auch wenn die Romancharaktere manchmal skurril wirken, sie sind echt und liebenswert, jeder auf seine Art.

Der Roman hat mich überrascht, das gebe ich zu, denn ich es ist eines der besten Bücher, die ich gelesen habe. Ich habe mich auf keiner Seite gelangweilt. Über die ein oder andere auftauchende Anspielungen musste ich schmunzeln. So heißen pöbelnde Jugendliche Tasso und Egmont und Rex Gildo singt ziemlich häufig „Hossa“.

Mein Fazit lautet: lesen! Die Geschichte stimmt. Der Schreibstil ist großartig.

Und lieber Bela, bitte mehr davon! (nie war ein Hosen Titel so wahr!)

https://lesepartie.de/lbm-2019-2/

Verlagsseite: https://www.randomhouse.de/Buch/Scharnow/Bela-B-Felsenheimer/Heyne-Hardcore/e522211.rhd

Infos zum Roman/zum Autor:

http://www.bela-b.de/scharnow

https://www.deutschlandfunkkultur.de/bela-felsenheimer-scharnow-der-etwas-andere-heimatroman.1270.de.html?dram:article_id=442132

Leninplatz

Mark Scheppert

Erzählungen aus dem Leben eines ganz normalen Ostberliner Teenagers in den 1980iger Jahren.

Mark ist ein Teenager in Ost Berlin und lebt mit seinen Eltern und dem jüngeren Bruder Benny in einem Neubau in Friedrichshain nahe des Leninplatzes.

Sein Teenager Alltag ist bestimmt von Schultagen, die nur durch Freunde erträglich sind, gute und schlechte Lehrer, erster Alkoholrausch, erste Liebeleien, Ferienlager, ein Kurzurlaub im westlich wirkenden Budapest und vor allem durch seine feste Clique.

Charmant und authentisch erzählt Mark Scheppert Geschichten über sein Heranwachsen in der DDR in den 80iger Jahren. Die Schilderungen von Familientreffen sind herrlich komisch. Doch am aller wichtigsten sind seine Freunde. Die Hand voll Jungs halten zusammen. Dabei geht es manchmal um ganz banale Dummheiten, mal um wirklich lebensentscheidende Momente.

Wer wissen möchte, wie dieser ganz normale Alltag in Ostberlin aussah, ohne Schnörkel, ohne die große Politik, der sollte zu diesem Buch greifen. In kurzweiligen Episoden erzählt Mark Scheppert über seine Teenager Zeit, wie er diese erlebte. Er berichtet glaubhaft, komisch und nachdenklich, sodass der Leser nachvollziehen kann, wie sich das Leben vor 30 Jahren im Stadtteil Friedrichshain abspielte.

Nochmals ein großes Dankeschön für das zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar an den Autor Mark Scheppert!

Mark Scheppert online: http://www.markscheppert.de

Deutsches Haus

Deutsches Haus Buchcover
Annette Hess

Schweigen ist keine Option! 20 Jahre nach dem Krieg beginnt der erste Auschwitz Prozess. Sensibel und detailgetreu schildert der Roman das Unfassbare. Lesen!

Eva Bruhns ist die Tochter von Wirtsleuten aus Frankfurt und verlobt mit dem Besitzer eines Versandhandels. Eva ist Dolmetscherin für polnisch. Eines Tages wird Eva kurzfristig bestellt, um die Aussage eines polnischen KZ Überlebenden ins Deutsche zu übersetzen. Sie ist erschrocken über das Gehörte.

Als Eva von der Staatsanwaltschaft die Anfrage erhält, ob sie als Übersetzerin für die polnischen Zeugen den Auschwitz Prozesses begleiten kann, nimmt sie gegen den Widerstand ihrer Familie das Angebot an. Im Laufe der Verhandlungstage erkennt Eva, dass auch sie eine Verbindung zum Lager hat. Der erste Auschwitz Prozess in Frankfurt ist ein Jahrhundert Prozess und er wird Evas Leben für immer verändern.

Eva eine etwas altbacken wirkende, junge Frau, lebt mit ihren Eltern, der älteren Schwester Annegret und ihrem jüngeren Bruder Stefan in der Wohnung über der Gaststätte. Seit dem Kriegsende betreiben die Eheleute Bruhns die Gaststätte „Deutsches Haus“ in Frankfurt. Eva absolvierte eine Ausbildung zur Dolmetscherin und lernte während eines Übersetzungsauftrags Jürgen kennen. Jürgen Schoormann übernahm vor kurzem die Leitung des Versandhandels von seinem erkrankten Vater. Nachdem Jürgen um ihre Hand angehalten hat, ist das Paar offiziell verlobt.

Evas Schwester Annegret lebt für ihre Arbeit auf der Säuglingsstation und unterhält ab und an eine Affaire, doch ans Heiraten denkt sie nicht.

Als Eva das Angebot bekommt, bei den ersten Auschwitz Prozessen als Dolmetscherin für die polnischsprachigen Zeugen tätig zu sein, ist ihre Familie und auch Jürgen strikt dagegen. Eva, durch die Berichterstattung aufmerksam geworden, nimmt dennoch die Stelle an. Die Aussagen der ehemaligen Häftlinge erschüttern sie. Allerdings ist da noch etwas anderes, dass Eva zu Beginn nicht zu fassen bekommt. Sie erinnert Begebenheiten aus ihrer Kindheit, meint Angeklagte zu kennen und auch der stets im Gerichtssaal präsente Lagerplan scheint ihr ungewöhnlich vertraut. Ihre Nachfragen stoßen bei ihrer Familie auf eine Wand des Schweigens. Auch in Jürgen findet sie bei diesem Thema sehr wenig Verständnis und Rückhalt. Evas Drang hinter das zu kommen, worüber ihre Familie so vehement schweigt, lässt sie mutig nach der Wahrheit suchen.

Annette Hess beschreibt das noch konservative Deutschland der 1960iger Jahre, welches fast 20 Jahre nach Kriegsende gespalten auf den ersten Auschwitz Prozess reagiert. Eine der Nebenfiguren im Buch beschreibt es sehr schön mit einem Bildnis. Diese hat alle schrecklichen Erlebnisse für immer in einer Kammer ihres Herzens weggeschlossen.

Sensibel und feinfühlig erzählt die Autorin die Lebensgeschichte ihrer Figuren. Bis kurz vorm Ende des Buches, bleibt der Ausgang für den Leser unvorhersehbar. Ich habe immer wieder in meiner Meinung geschwankt, welche Rolle Evas Eltern wirklich spielen und inwieweit die ältere Annegret sich erinnert.

In dem Buch bekommt jedes Schicksal seinen Raum. Vor allem erschüttern die Berichte der Häftlinge und die unmenschliche Gleichgültigkeit der Angeklagten. In Zeiten, in den Antisemitismus wieder gesellschaftsfähig zu werden scheint, ist das ein wichtiger Roman gegen das Vergessen.

http://www.ullstein-buchverlage.de/nc/buch/details/deutsches-haus-987-3-550050244

Der Apfelbaum

Der Apfelbaum Buchcover
Christian Berkel

Eine bewegende Geschichte, die es absolut wert ist aufgeschrieben und erzählt zu werden. In einer anschauliche Sprache verpackt.

Die erste Begegnung von Otto und Sala ist sehr kurz, beide sagen kein Wort und dennoch spüren beide sofort eine Verbundenheit.

Otto, ein Berliner Arbeiterkind, im dritten Hinterhof, in beengten Verhältnissen aufgewachsen, verliebt sich in Sala. Sie ist die Tochter eines Freigeistes aus der gehobenen, bürgerlichen Schicht. Otto ist ehrgeizig, macht das Abitur und beginnt ein Medizinstudium. Doch die braunen Wolken ziehen über Deutschland auf. Sala ist Halbjüdin. Als das Leben für sie in Berlin schwierig wird, beginnt für Sala eine Odyssee, die sobald nicht enden wird. Doch die Hoffnung eines Tages mit Otto leben zu können, bewahrt sie vor dem Aufgeben.

Otto und Sala sind ein ungleiches Paar. Er ein typisches Kind des Berliner Arbeitermilieus. Schon vor seiner Geburt fällt sein Vater im Ersten Weltkrieg. Sein Stiefvater kämpft mit den Dämonen des Krieges und lässt es oftmals an dem Stiefsohn aus. Doch Otto ist zäh und ehrgeizig. Er will raus aus dem Hinterhof.

Als er Sala begegnet, ändert sich sein Leben. Jean, Salas Vater, ist ein Freigeist und ein Forscher. Seine Bibliothek steht Otto offen. Salas Eltern sind geschieden. Otto ist auf dem Weg Arzt zu werden, als die Nationalsozialisten an die Macht gelangen. Sala ist Halbjüdin, auch wenn sie mit der mütterlichen, jüdischen Seite keinerlei Verbindung hat und somit auch nicht zu dem Glauben. Als das Leben für Juden gefährlicher wird, schickt ihr Vater sie zu ihrer Mutter nach Madrid. Damit beginnt Salas jahrelange Reise, die sie von Madrid zu ihrer Tante nach Paris, zurück nach Leipzig bis nach Buenos Aires führt. In diesen heimatlosen Jahren hält sie der Gedanke an Otto aufrecht. Irgendwann…ja irgendwann wird ihr Leben kommen.

Christian Berkel erzählt die Geschichte seiner Eltern und Großeltern. Dabei wechselt er zwischen den Zeiten. Er schildert das Vergessen seiner an Demenz erkrankten Mutter, mit welcher er immer wieder Gespräche über die Vergangenheit führt, um mehr über ihre Geschichte zu erfahren. Er erzählt von der Mutter, die sie in seiner Kindheit war und er erzählt von damals, wie seine Eltern aufwuchsen, von seinen Großeltern. Doch der Haupterzählstrang betrifft die Erlebnisse seiner Eltern in der Kriegszeit. Die Wechsel in Situationen der jetzigen Zeit sind für mich manchmal zu abrupt gekommen.

In eine wunderbare Sprache verpackt, versteht der Autor es, dem Leser ein Gefühl für die Protagonisten zu vermitteln, den Zeitgeist, die Ängste und die Hoffnungen. Neben den Hauptcharakteren sind es auch die mutigen, hoffnungsvollen und schimmernden Nebenfiguren, die dem Roman Wirklichkeit verleihen. Es ist ein bewegendes Stück Zeitgeschichte, das in diesem Buch erzählt wird. Und es macht vor allem deutlich wie viel Freiheit die Menschen ab 1933 eingebüßt haben, wie kalt und grausam das Regime war und wie viele Leben darunter leiden mussten. Ich kann diesen Roman nur empfehlen!

http://www.ullstein-buchverlage.de/nc/details/der-apfelbaum-9783550081965

Töchter

Töchter Buchcover

Lucy Fricke

Eine Reise, die dahin führt, wo es weh tut und wo alles wieder heil werden kann. Urkomisch, todtraurig und voller Leben. Ein gelungener Roman über die Tücken des Lebens Lesenswert!

Betty und Martha, zwei Frauen in der Mitte ihres Lebens, sind im Laufe ihrer Freundschaft durch alle Hochs und Tiefs gemeinsam gegangen. Als Marthas Vater Kurt, zu dem sie erst seit wenigen Jahren wieder regelmäßigen Kontakt hat, seine Tochter bittet, ihn zum Sterben in die Schweiz zu fahren, ist es für Betty Ehrensache ihrer Freundin auf dieser Fahrt beizustehen. In Kurts altem Golf beginnen die drei eine Reise, die so ganz anders verläuft als geplant und unerwartete Erkenntnisse mit sich bringt.

Mit Humor und viel verzweifelten Lebensmut brechen die beiden Frauen mit dem todkranken, röchelnden Mann auf der Rückbank auf zu der letzten Reise. Doch der ursprüngliche Plan vom Tod in der Schweiz, wird alsbald über den Haufen geworfen. Ein Roadtrip ins Ungewisse beginnt. Der Weg führt sie durch die Schweiz, nach Italien und schlussendlich auf eine entlegene, griechische Insel. Zeitweise trennen sich ihre Wege sogar.
Betty, allein lebend, depressiv, ist auf der Suche nach dem italienischen Exfreund ihrer Mutter, der vor fast 30 Jahren ohne Abschied aus ihrem Leben verschwunden ist. Die einzige Vaterfigur, die Betty je hatte. Kurt blüht am Largo Maggiore noch einmal auf. Martha versucht an der gesamten Situation nicht zu verzweifeln.

Eine Geschichte über die Fehler der Eltern, über das Verzeihen und die Tücken des Lebens im Allgemeinen. Lucy Fricke zeichnet ein Portrait zweier Frauen, die sich ihrer Kindheit stellen, um sich endlich aus der Vergangenheit befreien zu können.

Eine 100% Romanempfehlung. Manchmal ist die Erzählung unheimlich komisch und manchmal absurd und manchmal einfach nur tragisch. Ich habe das Buch kaum aus der Hand legen können. Da steckt das Leben drin. Das oftmals nicht vorhersehbare Schicksal, das jeden von uns einmal erwischt. Welche Dinge lassen uns zu den Personen werden, die wir sind und was haben wir selbst in der Hand.

Zitat aus dem Roman:

Meine Liebe kannte keine Rache. Aber es hatte nicht gereicht. Ich musste ihm diese Geschichte nicht einmal glauben, um zu sehen, dass es mit dem Glück nichts geworden war.“

http://www.rowohlt.de/hardcover/lucy-fricke-toechter

Die Bücherweltsaga – Verliebt

Bücherwelt - verliebt Buchcover

Stefanie Straßburger

Belanglose Geschichte – naiv und oberflächlich, einfach gestrickt

Thilda Hummel arbeitet in einer Werbeagentur als Empfangssekretärin, hat eine Bettgeschichte mit Leon und ist mit ihrer Kollegin Mia dick befreundet. Eines Tages entdeckt die junge Frau ein Buch in ihrer Handtasche, das nicht ihres ist. Ihr fällt keine plausible Erklärung dafür ein, wie das Buch in ihre Tasche gekommen ist. Als sie darin herumblättert, bemerkt sie, dass der Inhalt von ihrem eigenen Leben handelt.

Thilda führt das normale Leben einer jungen Frau Anfang zwanzig. Bis sie das Buch in ihrer Tasche findet, welches sich als ihr Lebensbuch herausstellt. Titus, ein Wesen aus der Bücherwelt, tritt in ihr Leben und wirbelt damit einiges durcheinander. Auch ihre Kollegin und beste Freundin Mia scheint etwas über diese geheime Welt der Bücherwesen zu wissen. Als das Buch Thilda die Begegnung mit ihrer großen Liebe voraussagt, gerät Thilda immer tiefer in die Verstrickungen rund um die sagenhafte Bücherwelt. Sie muss entscheiden, wer Freund und wer Feind ist, und sie muss erst in die Bücherwelt reisen, um die Liebe zu finden. Doch was ist, wenn der Schein trügt?

„Die Bücherweltsaga – Verliebt“ ist der erste Band einer voraussichtlichen Trilogie. Die Zusammenfassung hat mich interessiert. Allerdings hat sich die Geschichte schnell als oberflächlich und trivial herausgestellt. Die Schreibweise ist sehr einfach gehalten und es fehlt jegliche Spannung. Die Figuren sind belanglos konzipiert und ohne jeden Charme. Selbst Thilda ist mir zumeist eher unsympathisch gewesen. Ich halte sie für naiv, albern und dumm.

Schon zu Beginn störte mich die Musikempfehlung der Autorin. Der Roman hat keinen Bezug zur Musik, auch wenn an einigen Stellen Musikstücke genannt werden, was ich übrigens für völlig deplatziert halte. Musikgeschmäcker sind zum Glück verschieden, darum sollten Autoren Titel oder Musiker nur nennen, wenn sie für die Erzählung relevant sind, alles andere wirkt kindisch. Weiterhin haben mich die vielen Produktnennungen genervt. Ich habe mich gefragt, ob die Autorin Werbeverträge mit Apple oder BMW abgeschlossen hat?!

Ich habe den Großteil des Romans mehr überflogen als gelesen, denn das lohnt sich meines Erachtens nicht sonderlich. Ich werde es bei dem ersten Teil belassen.

http://www.isegrim-buecher.de/buecherweltsaga-verliebt

4321

Buchcover 4321 Paul Auster

Paul Auster

Ein guter Roman, aber für mein Empfinden oftmals viel zu ausufernd, so dass ich irgendwann nur noch fertig lesen wollte.

Archibald Fergusen ist in dem über 1.000 Seiten starken Roman „4321“ von Paul Auster der Protagonist und zwar gleich 4 Mal. Denn Auster geht der Frage nach, wie kleinste Entscheidungen ein ganzes Leben beeinflussen.

Zu Beginn des Romans lernt der Leser etwas über die Familiengeschichte. Der Großvater verlässt 1900 seine Heimatstadt Minsk und wandert in die USA aus. Dort gründet er eine Familie. Ende der 20iger Jahre wird er erschossen. Zurück bleibt seine dominante Frau mit den drei Söhnen. Stanley ist der ehrgeizigste von den dreien und macht sich mit einem Geschäft für Haushaltswaren selbstständig. Er lernt Rose kennen und lieben und die beiden heiraten. Die beiden sind die Eltern von Archibald Ferguson, dessen Leben der Leser nun in vier unterschiedlichen Varianten verfolgt.

Archi ist in jedem Leben ein aufgeweckter, kluger Junge, der einen Faible für das geschriebene Wort hat. Als Leser begleiten wir ihm viermal beim Aufwachsen, durch seine Schul- und auch Collegezeit.

Archi wächst in einer Vorstadt unweit von New York in einer bewegten Zeit auf. Die amerikanische Gesellschaft befindet sich im Umbruch. Die dunkelhäutige Bevölkerung beginnt sich gegen die Diskriminierung zu wehren. J. F. Kennedy wird erschossen, der erste Mann landet auf dem Mond, der Vietnamkrieg beginnt und die Proteste in der Heimat werden lauter. Das Buch enthält viele spannende Details zur amerikanische Geschichte und gibt Einblicke in die zwiegespaltene Gesellschaft.

Die philosophische Grundidee des Romans ist zwar nicht neu, dennoch durchaus interessant. Es sind vier Romane in einem. In jeder Version verläuft Archis Leben anders. Doch nicht nur seines, sondern auch das seiner Eltern, Großeltern, Tanten, Onkeln, Freunde etc. Alles greift ineinander.

Bis zum ersten Drittel war ich begeistert von diesem Roman. Leider ebbte diese Begeisterung stetig ab, da nach meinem Empfinden kein Ende in Sicht war. Die Erzählung ufert meines Erachtens viel zu sehr aus. Auch wenn die beschriebenen Umstände interessant sind, zieht es sich zu oft unverhältnismäßig in die Länge, so dass ich gestehen muss, einige Seiten nur überflogen zu haben. Trotz des Vorblätterns habe ich nichts wesentliches verpasst.

Es sind vier gutgeschriebene Versionen von einem einzigen Leben. Doch in Anbetracht dieser Idee, hätten die einzelnen Erzählungen etwas knapper ausfallen können, um für den Leser den Spannungsbogen zu erhalten. Ich war auf alle Fälle froh, als ich das Buch endlich zuklappen konnte. Es ist ein gutes Buch und ich habe einiges für mich mitgenommen. Bedauerlicherweise begann es mich aufgrund der Länge irgendwann zu nerven. Ich wollte es einfach nur noch beenden.

http://www.instagram.com/lesepartie_lit.blog

Herausgegeben vom Rowohlt Verlag

http://www.rowohlt.de/autor/paul-auster