Ich war Diener im Hause Hobbs

Verena Rossbacher
Das Bild zum Buch Ich war Diener im Hause Hobbs
Ich war Diener im Hause Hobbs – Bild zum Buch

Ein außergewöhnlicher Schreibstil, allerdings hält die Erzählung am Ende nicht, was sie zu Beginn verspricht. Die Geschichte plätschert zu gemütlich vor sich hin.

Christian Kauffmann wirft einen Blick zurück auf seine Jahre als Butler bei der reichen Züricher Familie Hobbs. Durch einen Skandal nimmt seine Anstellung ein jähes Ende. Nun versucht er im Rückblick, die Ereignisse zu rekonstruieren, um zu verstehen, ob er die Zeichen der Veränderung hätte erkennen müssen.

Nach seiner beendeten Ausbildung als Butler, tritt er bei den Hobbs seine erste Stelle an. Obwohl er anfänglich vorhat lediglich wenige Jahre zu bleiben, um dann weiterzuziehen, integriert er sich schon nach kurzer Zeit bestens in das Familienleben der Hobbs. Die Jahre vergehen und Christian Kauffmann ist zufrieden mit seinem Leben.

Er erinnert sich an Situationen, welche damals unbedeutend, nun aber in einem anderen Licht erscheinen. Jedoch sind es neben den Begebenheiten im Hause Hobbs, auch Erinnerungen an seine Kindheit und Jugend im Voralberger Feldkirch, die er Revue passieren lässt. Seine drei besten Freunde spielen sowohl in seiner Vergangenheit als auch bis zum Zeitpunkt des Skandals eine wichtige Rolle.

Verena Rossbacher erzählt mit ausgefeilter Komposition der Sätze, sodass manche Passagen des Romans sehr poetisch inszeniert sind. Auch ihre ungewöhnlichen Beschreibungen machen das Buch zu einer wahren Lesefreude. Oftmals hat mich die Erzählung vor allem mit ihren Dialogen zum Lachen gebracht. Der feine Humor, der abstruse Alltagsszenen herrlich offen legt, gefällt mir außerordentlich gut. Allerdings sind meiner Meinung nach einige Sätze zu ausgeartet lang. Bei manchen dieser Sätze fiel es mir schwer ihnen gedanklich zu folgen. Am Ende des Satzes fragte ich mich dann, wie dieser begonnen hatte.

Leider konnte mich auch die Erzählung nicht packen. Der anfänglich gut aufgebaute Spannungsbogen hat meine Erwartungen nicht erfüllt. Die Geschichte plätscherte zum Ende unspektakulär vor sich hin. Außerdem bleiben einige Figuren erzählerisch auf der Strecke. Das erwartete großen Finale, die angedeuteten Verstrickungen blieben einfach aus. Auch sonst fehlt dem Roman streckenweise der Pfiff. Alles im allen lässt mich der Roman enttäuscht zurück.

Rheinblick

Brigitte Glaser
Cover zum Roman Rheinblick
Roman Rheinblick

November 1972. Willy Brandt fährt nach dem Misstrauensvotum einen fulminanten Wahlsieg für die SPD ein. Der Hauch der Veränderung weht durch die Straßen der provinziellen Hauptstadt Bonn. Doch nach dem herausragenden Sieg, muss sich Brandt einer Operation unterziehen und bekommt für einige Woche Redeverbot. Dadurch wird sein Einfluss auf die Koalitionsverhandlungen stark geschwächte, denn federführend bei dem Geschacher um Macht, Ministerien und Posten sind Wehner und Schmidt.

In der Gutbürgerlichen Gaststätte „Rheinblick“ bei Hilde Kessel treffen alle Parteien aufeinander. Es ist Hildes wichtigstes Gebot, sie hört nichts, sie sieht nichts und sie sagt nichts. Aus ihrer Gaststätte dringt kein gesprochenes Wort nach außen. Wirklich kein Mucks? Auch für eine gestandene, rheinische Wirtin ist es schwer sich aus dem Bonner Gemauschel völlig herauszuhalten. Und mitten in diesen politischen Wirren wird ein unbekanntes, junges Mädchen erdrosselt aufgefunden. Ein Hinweis führt in die Machtzentrale der Bonner Politik.

Brigitte Glaser lässt die Bonner Republik wieder auferstehen. Anfang der 1970iger Jahre, nachdem Brandts Ostpolitik zu einer langsamen Annäherung zwischen West und Ost geführt hat, stellt man sich in der rheinischen Provinz darauf ein, Hauptstadt zu bleiben. Der Bauboom, der wiederkehrend im Roman erwähnt wird, setzt ein. Jedoch ist es nicht nur das Bonner Hauptstadtgeplänkel, sondern auch die Aufbruchstimmung nach Brandts grandiosen Wahlsieg im November 1972. Es ist vor allem die Jugend, die zahlreich hinter dem Demokraten und Widerstandskämpfer Brandt steht. Die Zeichen stehen auf Veränderung. Wunderbar inszeniert Brigitte Glaser einen Mix aus den unterschiedlichen Generationen. Die jungen Leute wohnen in einer WG und versuchen im kleinen, privaten Umfeld Demokratie und Gleichberechtigung zu leben. Auf der anderen Seite die Kriegsgeneration, erzogen zum Gehorsam und zum Durchhalten. Dabei treffen im Roman Welten aufeinander.

Die Geschichte kreist um die wenigen Wochen am Jahresende 1972, in denen die Koalitionsverhandlungen ohne den wirklichen Sieger Willy Brandt stattfinden müssen, da dieser wegen einer Stimmband OP im Krankenhaus verweilt und nicht sprechen darf. Es wird deutlich wie dicht Sieg und Niederlage in der Politik beieinander liegen und wie schnell man ins Abseits geraten kann. Es ist ein herrlich verwobener Roman, der es versteht, politische Geschehnisse mit dem gesellschaftlichen Leben der normalen Bürger zu verbinden und eine Zeit beleuchtet, in der vieles, was heute selbstverständlich scheint, noch täglich von neuem erkämpft werden musste. Ein gelungenes Aufleben der jüngsten Zeitgeschichte.

Links zum Buch: https://lesepartie.de/lbm-2019-2/ und https://lesepartie.de/lbm-2019/

Verlagsseite: https://www.ullstein-buchverlage.de/nc/buch/details/rheinblick-9783471351802.html

Die weiteren Aussichten

Robert Seethaler
Buchcover Die weiteren Aussichten, Robert Seethaler
Die weiteren Aussichten

Eine Geschichte über das, was auch das gleichförmigste Leben unberechenbar macht; Veränderung und Liebe. Herrlich echte Charaktere, trostlos mit viel Hoffnung für die weiteren Aussichten.

Herbert und seine Mutter betreiben mehr schlecht als recht eine Tankstelle am Rande einer Landstraße. In den 1970igern zählte das nächstgelegene Dorf zu einer aufstrebenden Region, von welcher außer dem Hallenbad und einem Parkplatz nicht viel geblieben ist. Herbert ist Ende zwanzig und die Tage reihen sich gleichförmig aneinander. Bis eines Tages eine rundliche Frau ohne Frisur auf einem blauen Klapprad in Herberts Leben radelt. Hilde heißt sie und Herberts Leben wird nie mehr das selbe sein.

Robert Seethaler nimmt uns mit an den Straßenrand, zur einsamen Tankstelle an der Landstraße, zu Menschen, die keinerlei Veränderung erwarten. Als die Veränderung dann doch eintrifft, wirbelt diese alles bisher gekannte durcheinander. Als Leser lacht man mit, leidet mit und hofft, dass Georg, der Fisch, das Abenteuer heile übersteht.

Es ist ein herrlicher Roman, der durch die Nähe zu seinen Figuren besticht. In dieser scheinbaren Trostlosigkeit ist so unendlich viel Platz für Hoffnung und Mut, sodass man das Buch am Ende mit einem Lächeln zu schlägt.

Es ist eine ungewohnt kurze Rezension, denn viel mehr brauche ich darüber nicht schreiben. Den Roman sollte man einfach lesen!

Links zum Buch: https://keinundaber.ch/de/literary-work/die-weiteren-aussichten/

weitere Rezension zu Robert Seethaler auf LesePartie: https://lesepartie.de/das-feld/

Willkommen in Lake Success

Willkommen in Lake Success, Cover
Gary Shteyngart

Die Romanerzählung beginnt stark, doch leider kann mich das ideenlose Ende dann nicht überzeugen.

Barry Cohen, ein New Yorker Hedgefond Manager in den vierzigern, ist an der Börse reich geworden. Mit seiner jungen, hübschen Frau und seinem dreijährigen Sohn wohnt er in einem der teuersten Apartments der Stadt. Auf den ersten Blick wirkt Barrys Leben überaus perfekt, doch diese hübsche Fassade ist bei näherer Betrachtungen ziemlich brüchig.

Nach einem Streit mit seiner Ehefrau, packt Barry sein wertvollstes Gut, seine Sammlung von Luxusuhren, in einen Koffer und steigt in den Greyhound Bus nach Richmond. Wie damals als junger Student, will er zu seiner Jugendliebe Layla reisen. Barry hofft auf dieser Reise etwas finden, das er verloren glaubt; den wahren Barry. Doch diese Fahrt im Greyhound Bus verlangt dem Multimillionär einiges ab. Er trifft auf die unterschiedlichsten Menschen und auch sein Bargeld wird knapp. Was wird sein, wenn er Layla nach all den Jahren gegenüber steht? Gibt es für Barry die Chance sein Leben von Grund auf zu ändern?

Von seiner Ehefrau fühlt Barry sich verraten. Sein Sohn hat eine gesundheitliche Beeinträchtigung, die so gar nicht in Barrys perfektes Leben passen will. Außerdem hat er mit seinen Fonds hohe Verluste eingefahren, sodass das FBI ist hinter ihm her. Aus diesem Grund will Barry sein altes Leben hinter sich lassen. Nur seine Sammlung wertvoller Luxusuhren nimmt er mit. Mit dem Greyhound Bus fährt er quer durch die USA. Barry begegnet auf seiner Reise den „normalen“ Menschen, hört die wildesten Geschichten und er denkt über seine Kindheit und Jugend nach.

Barry ist erfolgreich, aber einsam. Als Sohn eines Poolreinigers hat er sich hoch gekämpft. Er studiert in Princeton und treibt danach seine Karriere in der Finanzbranche voran. Er hat es weit gebracht. Doch Barry ist unglücklich. Seine Familie droht zu zerbrechen und er sehnt sich nach einer Zeit zurück, in der für ihn noch alles möglich schien. Wir begleiten Barry auf seinem Weg, der ihn bestenfalls zu sich selbst führen soll. Er reist mit dem Bus durch ein Land kurz vor der Präsidentschaftswahl. Es scheint unsinnig, dass jemand wie Trump diese Wahl gewinnen könnte, dennoch trifft Barry auf seiner Reise immer wieder auf fanatische Befürworter.

Der Roman beginnt stark. Barry ist eine komplexe Figur, über die der Leser nur bruchstückhaft mehr erfährt. Zunächst ist Barry ein selbstgerechter, unsympathischer Fond Manager, für den in erster Linie das Geld zählt. Doch dann kommen hinter seiner glanzvollen Fassade seine Unsicherheiten, seine Einsamkeit hervor. Keiner, der im Roman vorkommenden, Charaktere ist darauf ausgelegt zu gefallen. Daher fällt es beim Lesen oft schwer echte Sympathien zu entwickeln. Jedoch wird die Romanerzählung für mich gerade dadurch interessant.

In der zweiten Hälfte des Romans verliert die Geschichte meiner Ansicht nach an Biss . Die Erzählstränge verlieren sich in einem gewollt wirkenden Konstrukt. Die Figuren werden oberflächlicher, viele Handlungen sind schwer nachzuvollziehen. Die Reaktionen der Charaktere empfand ich oft als völlig emotionslos. Bedauerlicherweise hatte ich den Eindruck, als ob dem Autor die zündende Idee für ein stimmiges Ende fehlte. Stattdessen hat er sich „durchgewurschtelt“.

Der Roman hat sehr starke Momente, der Schreibstil ist hervorragend, doch leider verliert die Geschichte auf den letzten Buchseiten an Kraft und Fantasie. Zu viele Themen werden angerissen, denen der Roman dann nicht gerecht wird. Das ist wirklich bedauerlich.

Die Liebe im Ernstfall

Die Liebe im Ernstfall – Cover- Diogenes Verlag
Daniela Krien

Fünf Frauen, fünf Geschichten. Authentisch und selbstbewusst erzählt. Bewegend und voll Zuversicht das Leben und die Liebe im Ernstfall zu meistern.

Paula, Judith, Brida, Malika und Jorinde, fünf Frauen in ihrer Lebensmitte, deren Wege auf unterschiedliche Weise lose miteinander verbunden sind. Sie erzählen von ihrer Jugend, von ihren Erwartungen ans Leben und von Enttäuschungen und Schicksalsschlägen.

Jede der Frauen hat ihren Weg gewählt, der sie durch Höhen und Tiefen geführt und sie geprägt hat. Jede von ihnen hat sich für einen Beruf entschieden, für oder gegen einen Mann, für oder gegen Kinder. Es ist die Summe der Entscheidungen, welche die Frauen Revue passieren lassen. Die Freiheit Entscheidungen treffen zu können, trifft dabei oftmals auf die vermeintlichen Erwartungen, die sie erfüllen wollen. Teils sind es die eigenen Erwartungen an das eigene Leben, teils sind es die Erwartungen anderer. Und nicht immer wird man diesen Erwartungen gerecht. Es gilt das Leben zu meistern wie es kommt, um das bestmögliche herauszuholen.

Daniela Krien erzählt die Geschichten von fünf Frauen, die voller Zuversicht ihren Weg gewählt haben und an den Umständen gescheitert sind. Jedoch haben sie sich nie geschlagen gegeben. Jede der Frauen vertraut darauf, dass das Leben ihr noch etwas zu bieten hat.

Das Buch offenbart mit der Wucht von Ehrlichkeit, was viele Frauen in der heutigen Gesellschaft umtreibt. Ausgeglichen und liebevoll sollen sie sich um die Erziehung der Kinder kümmern, dabei aber auch ihre eigene Karriere verfolgen und ihrem Partner eine leidenschaftliche Geliebte sein. Auch der Alltag mit Kindern, kann nicht täglich als ein wunderbares Geschenk wahrgenommen werden, so wie es vielfach propagiert wird. Die Freiheit der Wahl, sein Leben nach den eigenen Vorstellungen zu gestalten, erscheint oft vielfältig. Doch genau diese Vielfältigkeit schürt Erwartungen, vor allem an sich selbst, an denen man nur allzu oft scheitert.

Daniela Krien schreibt in einem beinahe emotionslosen Realismus, dennoch mit sensiblen Blick für Details über diese fünf Frauen, die sich dem Leben im Ernstfall stellen. Die fünf Geschichten handeln von losgelassenem und verpassten Glück, von Liebesbeziehungen, deren Haltbarkeit keine Ewigkeit ist und von der Suche nach dem richtigen Leben. Der Autorin ist ein bewundernswertes Portrait über diese fünf Frauen gelungen. Jede von ihnen ruft Verstehen hervor. Jede von ihnen ist wahrhaftig. Daniela Krien hat einen wunderbaren Erzählstil. Mich hat das Buch begeistert sowie mich die Autorin auf der Buchmesse Leipzig begeistert hat. Ich freue mich auf weitere Bücher von ihr.

Verlagseite https://www.diogenes.ch/leser/titel/daniela-krien/die-liebe-im-ernstfall-9783257070538.html

https://lesepartie.de/lbm-2019-2/

Infos zum Roman/zur Autorin:

https://www.ndr.de/kultur/buch/Daniela-Krien-Die-Liebe-im-Ernstfall-,liebeimernstfall102.html

https://www.lovelybooks.de/autor/Daniela-Krien/

https://www.perlentaucher.de/buch/daniela-krien/die-liebe-im-ernstfall.html

Die Kündigung

Die Kündigung
Hubertus Meyer – Burckhardt

Was bleibt vom Menschen, wenn er den Job, über den er sich definiert, plötzlich verliert? Ein Top Manager muss sich dieser Frage stellen. Ein nachdenklicher Roman über Sehnsüchte.

Simon Kannstatt sitzt in der Business Lounge des Züricher Flughafens. Er erwartet seinen ehemaligen Chef, um ein weiteres Mal über seine Kündigung zu verhandeln. Simon Kannstatt bekommt eine großzügige Abfindung, doch seinen Job nicht zurück. Ein Top Manager ohne Aufgabe. Wer ist nun Simon Kannstatt

Im Flughafen Restaurant, unter all den Managern, fühlt er sich sicher. Er bleibt dort sitzen, unfähig eine Entscheidung über sein Leben zu treffen. In Gedanken beginnt er sein Leben zu hinterfragen. Seine Ehe, sein Verhältnis zu den Töchtern und zu den Eltern. Ab wann wurde die Arbeit sein Leben? Wo sind seine Zukunftsvisionen geblieben, die er als junger Mann anstrebte? Wann ist er zu dem Simon Kannstatt geworden, der nun hier am Flughafen feststeckt, weil er keine Idee hat, wie es mit ihm weitergehen soll – ohne seine Arbeitsstelle.

Hubertus Meyer – Burckhardt ist einem breiten Publikum in erster Linie als Film- und Fernsehproduzent und als Gastgeber der NDR Talkshow bekannt. Zudem veröffentlichte er einige Bücher. In dem Roman „Die Kündigung“ beschäftigt er sich mit einem Thema unserer Zeit. Viele Menschen definieren sich über das, was sie tun, ihre Arbeit. Es ist grundsätzlich die erste Frage, die man einem Gegenüber stellt. „Was arbeiten Sie/was arbeitest du?“

Es ist ein nachdenklicher Roman über einen Manager, der genug Geld auf dem Konto hat, dem allerdings der Lebenssinn genommen wurde. Die Erzählung wechselt zwischen Wirklichkeit und Vorstellung bzw. Traum der Hauptfigur. Trotz all der Melancholie des Romans, gibt es auch die humorvollen Stellen, die den Leser schmunzeln lassen. Das Buch erzählt auf eine tiefsinnige und außergewöhnliche Weise eine einfache Geschichte über den Sinn des Lebens. Es ist keine Lektüre, die sich leicht und locker lesen lässt. Es ist eine Lektüre die Fragen aufwirft. Es ist eine empfehlenswerte Lektüre.

Scharnow

Buchcover Scharnow
Bela B. Felsenheimer

Ein authentischer Roman über einen Ort und seine Bewohner, die so oder so ähnlich überall zu finden sind. Ein großartiges Buch!

Scharnow, ein Kaff irgendwo in Brandburg, besteht aus einem Hochhaus, einem Supermark, einem Dönerladen und einer Polizeistation. Viel passiert dort nicht. Das eintönige Leben der Bewohner plätschert vor sich hin. Doch innerhalb weniger Tage wird im Hochhaus ein Blogger tot aufgefunden, eine handvoll Männer überfällt nackt den Supermarkt, jemand schießt auf einen Hund und ein fliegender Mann wird gesichtet.

Bela. B. Felsenheimer hat seinen ersten Roman veröffentlicht. Auf der Leipziger Buchmesse erlebte ich Bela B. in einem Interview. Ich ließ mich von seiner riesigen Begeisterung für die eigene Geschichte anstecken und kaufte das Buch an Ort und Stelle. Um ehrlich zu sein, habe ich ein ganz unterhaltsames Buch mit einer völlig absurden Geschichte erwartet.

Ein unterhaltsamer Roman ist es, aber auch voller Humor, Tragik und mit ganz viel Wahrheit. Sein Blick auf die Gesellschaft kommt gänzlich ohne erhobenen Zeigefinger aus. Der Blick ist authentisch und aufrichtig. Bei jeder Figur des Romans spürt man, mit wie viel Sorgfalt und wie liebevoll sie entwickelt wurde. Mich hat es wahrhaft beeindruckt, dass es keinerlei schwarz – weiß Malerei gibt. Scharnow gibt es wahrscheinlich tausendfach, überall auf der Welt. Auch wenn die Romancharaktere manchmal skurril wirken, sie sind echt und liebenswert, jeder auf seine Art.

Der Roman hat mich überrascht, das gebe ich zu, denn ich es ist eines der besten Bücher, die ich gelesen habe. Ich habe mich auf keiner Seite gelangweilt. Über die ein oder andere auftauchende Anspielungen musste ich schmunzeln. So heißen pöbelnde Jugendliche Tasso und Egmont und Rex Gildo singt ziemlich häufig „Hossa“.

Mein Fazit lautet: lesen! Die Geschichte stimmt. Der Schreibstil ist großartig.

Und lieber Bela, bitte mehr davon! (nie war ein Hosen Titel so wahr!)

https://lesepartie.de/lbm-2019-2/

Verlagsseite: https://www.randomhouse.de/Buch/Scharnow/Bela-B-Felsenheimer/Heyne-Hardcore/e522211.rhd

Infos zum Roman/zum Autor:

http://www.bela-b.de/scharnow

https://www.deutschlandfunkkultur.de/bela-felsenheimer-scharnow-der-etwas-andere-heimatroman.1270.de.html?dram:article_id=442132

Leninplatz

Mark Scheppert

Erzählungen aus dem Leben eines ganz normalen Ostberliner Teenagers in den 1980iger Jahren.

Mark ist ein Teenager in Ost Berlin und lebt mit seinen Eltern und dem jüngeren Bruder Benny in einem Neubau in Friedrichshain nahe des Leninplatzes.

Sein Teenager Alltag ist bestimmt von Schultagen, die nur durch Freunde erträglich sind, gute und schlechte Lehrer, erster Alkoholrausch, erste Liebeleien, Ferienlager, ein Kurzurlaub im westlich wirkenden Budapest und vor allem durch seine feste Clique.

Charmant und authentisch erzählt Mark Scheppert Geschichten über sein Heranwachsen in der DDR in den 80iger Jahren. Die Schilderungen von Familientreffen sind herrlich komisch. Doch am aller wichtigsten sind seine Freunde. Die Hand voll Jungs halten zusammen. Dabei geht es manchmal um ganz banale Dummheiten, mal um wirklich lebensentscheidende Momente.

Wer wissen möchte, wie dieser ganz normale Alltag in Ostberlin aussah, ohne Schnörkel, ohne die große Politik, der sollte zu diesem Buch greifen. In kurzweiligen Episoden erzählt Mark Scheppert über seine Teenager Zeit, wie er diese erlebte. Er berichtet glaubhaft, komisch und nachdenklich, sodass der Leser nachvollziehen kann, wie sich das Leben vor 30 Jahren im Stadtteil Friedrichshain abspielte.

Nochmals ein großes Dankeschön für das zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar an den Autor Mark Scheppert!

Mark Scheppert online: http://www.markscheppert.de

Deutsches Haus

Deutsches Haus Buchcover
Annette Hess

Schweigen ist keine Option! 20 Jahre nach dem Krieg beginnt der erste Auschwitz Prozess. Sensibel und detailgetreu schildert der Roman das Unfassbare. Lesen!

Eva Bruhns ist die Tochter von Wirtsleuten aus Frankfurt und verlobt mit dem Besitzer eines Versandhandels. Eva ist Dolmetscherin für polnisch. Eines Tages wird Eva kurzfristig bestellt, um die Aussage eines polnischen KZ Überlebenden ins Deutsche zu übersetzen. Sie ist erschrocken über das Gehörte.

Als Eva von der Staatsanwaltschaft die Anfrage erhält, ob sie als Übersetzerin für die polnischen Zeugen den Auschwitz Prozesses begleiten kann, nimmt sie gegen den Widerstand ihrer Familie das Angebot an. Im Laufe der Verhandlungstage erkennt Eva, dass auch sie eine Verbindung zum Lager hat. Der erste Auschwitz Prozess in Frankfurt ist ein Jahrhundert Prozess und er wird Evas Leben für immer verändern.

Eva eine etwas altbacken wirkende, junge Frau, lebt mit ihren Eltern, der älteren Schwester Annegret und ihrem jüngeren Bruder Stefan in der Wohnung über der Gaststätte. Seit dem Kriegsende betreiben die Eheleute Bruhns die Gaststätte „Deutsches Haus“ in Frankfurt. Eva absolvierte eine Ausbildung zur Dolmetscherin und lernte während eines Übersetzungsauftrags Jürgen kennen. Jürgen Schoormann übernahm vor kurzem die Leitung des Versandhandels von seinem erkrankten Vater. Nachdem Jürgen um ihre Hand angehalten hat, ist das Paar offiziell verlobt.

Evas Schwester Annegret lebt für ihre Arbeit auf der Säuglingsstation und unterhält ab und an eine Affaire, doch ans Heiraten denkt sie nicht.

Als Eva das Angebot bekommt, bei den ersten Auschwitz Prozessen als Dolmetscherin für die polnischsprachigen Zeugen tätig zu sein, ist ihre Familie und auch Jürgen strikt dagegen. Eva, durch die Berichterstattung aufmerksam geworden, nimmt dennoch die Stelle an. Die Aussagen der ehemaligen Häftlinge erschüttern sie. Allerdings ist da noch etwas anderes, dass Eva zu Beginn nicht zu fassen bekommt. Sie erinnert Begebenheiten aus ihrer Kindheit, meint Angeklagte zu kennen und auch der stets im Gerichtssaal präsente Lagerplan scheint ihr ungewöhnlich vertraut. Ihre Nachfragen stoßen bei ihrer Familie auf eine Wand des Schweigens. Auch in Jürgen findet sie bei diesem Thema sehr wenig Verständnis und Rückhalt. Evas Drang hinter das zu kommen, worüber ihre Familie so vehement schweigt, lässt sie mutig nach der Wahrheit suchen.

Annette Hess beschreibt das noch konservative Deutschland der 1960iger Jahre, welches fast 20 Jahre nach Kriegsende gespalten auf den ersten Auschwitz Prozess reagiert. Eine der Nebenfiguren im Buch beschreibt es sehr schön mit einem Bildnis. Diese hat alle schrecklichen Erlebnisse für immer in einer Kammer ihres Herzens weggeschlossen.

Sensibel und feinfühlig erzählt die Autorin die Lebensgeschichte ihrer Figuren. Bis kurz vorm Ende des Buches, bleibt der Ausgang für den Leser unvorhersehbar. Ich habe immer wieder in meiner Meinung geschwankt, welche Rolle Evas Eltern wirklich spielen und inwieweit die ältere Annegret sich erinnert.

In dem Buch bekommt jedes Schicksal seinen Raum. Vor allem erschüttern die Berichte der Häftlinge und die unmenschliche Gleichgültigkeit der Angeklagten. In Zeiten, in den Antisemitismus wieder gesellschaftsfähig zu werden scheint, ist das ein wichtiger Roman gegen das Vergessen.

http://www.ullstein-buchverlage.de/nc/buch/details/deutsches-haus-987-3-550050244

Der Apfelbaum

Der Apfelbaum Buchcover
Christian Berkel

Eine bewegende Geschichte, die es absolut wert ist aufgeschrieben und erzählt zu werden. In einer anschauliche Sprache verpackt.

Die erste Begegnung von Otto und Sala ist sehr kurz, beide sagen kein Wort und dennoch spüren beide sofort eine Verbundenheit.

Otto, ein Berliner Arbeiterkind, im dritten Hinterhof, in beengten Verhältnissen aufgewachsen, verliebt sich in Sala. Sie ist die Tochter eines Freigeistes aus der gehobenen, bürgerlichen Schicht. Otto ist ehrgeizig, macht das Abitur und beginnt ein Medizinstudium. Doch die braunen Wolken ziehen über Deutschland auf. Sala ist Halbjüdin. Als das Leben für sie in Berlin schwierig wird, beginnt für Sala eine Odyssee, die sobald nicht enden wird. Doch die Hoffnung eines Tages mit Otto leben zu können, bewahrt sie vor dem Aufgeben.

Otto und Sala sind ein ungleiches Paar. Er ein typisches Kind des Berliner Arbeitermilieus. Schon vor seiner Geburt fällt sein Vater im Ersten Weltkrieg. Sein Stiefvater kämpft mit den Dämonen des Krieges und lässt es oftmals an dem Stiefsohn aus. Doch Otto ist zäh und ehrgeizig. Er will raus aus dem Hinterhof.

Als er Sala begegnet, ändert sich sein Leben. Jean, Salas Vater, ist ein Freigeist und ein Forscher. Seine Bibliothek steht Otto offen. Salas Eltern sind geschieden. Otto ist auf dem Weg Arzt zu werden, als die Nationalsozialisten an die Macht gelangen. Sala ist Halbjüdin, auch wenn sie mit der mütterlichen, jüdischen Seite keinerlei Verbindung hat und somit auch nicht zu dem Glauben. Als das Leben für Juden gefährlicher wird, schickt ihr Vater sie zu ihrer Mutter nach Madrid. Damit beginnt Salas jahrelange Reise, die sie von Madrid zu ihrer Tante nach Paris, zurück nach Leipzig bis nach Buenos Aires führt. In diesen heimatlosen Jahren hält sie der Gedanke an Otto aufrecht. Irgendwann…ja irgendwann wird ihr Leben kommen.

Christian Berkel erzählt die Geschichte seiner Eltern und Großeltern. Dabei wechselt er zwischen den Zeiten. Er schildert das Vergessen seiner an Demenz erkrankten Mutter, mit welcher er immer wieder Gespräche über die Vergangenheit führt, um mehr über ihre Geschichte zu erfahren. Er erzählt von der Mutter, die sie in seiner Kindheit war und er erzählt von damals, wie seine Eltern aufwuchsen, von seinen Großeltern. Doch der Haupterzählstrang betrifft die Erlebnisse seiner Eltern in der Kriegszeit. Die Wechsel in Situationen der jetzigen Zeit sind für mich manchmal zu abrupt gekommen.

In eine wunderbare Sprache verpackt, versteht der Autor es, dem Leser ein Gefühl für die Protagonisten zu vermitteln, den Zeitgeist, die Ängste und die Hoffnungen. Neben den Hauptcharakteren sind es auch die mutigen, hoffnungsvollen und schimmernden Nebenfiguren, die dem Roman Wirklichkeit verleihen. Es ist ein bewegendes Stück Zeitgeschichte, das in diesem Buch erzählt wird. Und es macht vor allem deutlich wie viel Freiheit die Menschen ab 1933 eingebüßt haben, wie kalt und grausam das Regime war und wie viele Leben darunter leiden mussten. Ich kann diesen Roman nur empfehlen!

http://www.ullstein-buchverlage.de/nc/details/der-apfelbaum-9783550081965