Das flüssige Land

Raphaela Edelbauer

Der Roman konnte mich nicht begeistern. Für mich eine farblose, sehr löchrige Erzählung mit offenem Ende.

Die Wienerin Ruth Schwarz ist Physiktheoretikerin und schreibt an ihrer Habilitation. Als sie die Nachricht vom Unfalltod ihrer Eltern bekommt, bricht sie zusammen. Sie erinnert sich an den Wunsch der Eltern, in der Heimat begraben zu werden. Damit beginnt die Suche nach Groß Einland, welches nirgendwo verzeichnet ist. Ruth packt das nötigste und fährt auf gut Glück los, um den Ort zu finden. Nach einigen Irrwegen landet sie tatsächlich in dem pittoresken Städtchen.

Dort scheint die Zeit stillzustehen. Es gibt keinerlei Einflüsse von Außen. Kein Internet, keine Zeitungen, keine Waren aus aller Welt. Die Geschicke des Ortes werden von der Gräfin gelenkt. Dennoch hat dieser herrliche Ort weit ab von Zeit und Raum ein großes Problem; das Loch. Jahrelanger Bergbau hat das ganze Städtchen unterhöhlt und nun droht es abzusinken. Ruth, die nur gekommen war, um das Begräbnis ihrer Eltern zu arrangieren, bleibt. Sie beginnt für die Gräfin zu arbeiten und soll eine geeignete Füllmenge für das Loch entwickeln, um den Ort zu retten. Während ihrer Tätigkeit stößt Ruth auf Sagen und Legenden und auf Unstimmigkeiten der Stadthistorie. Sie beginnt dies alles ebenso wie ihre Familiengeschichte zu erforschen.

Soweit eine kurze Zusammenfassung. Die Vergleiche mit Kafka sind ausreichend in anderen Rezensionen erörtert worden. Man kann sie ziehen, man kann es aber auch lassen. In diesen Roman kann jeder alles hinein deuten und irgendwie würde es stimmen. Ob es sich um das kollektive Gedächtnis bzw. Vergessen handelt, um Schuld, Ausarbeitung oder vieles mehr, dieser Roman bietet eine riesige Projektionsfläche. Doch leider gibt er auf nichts Antworten. Vielleicht muss er das auch nicht. Leider verpufft jeder Ansatz eines Spannungsbogen im Nichts. Ruths Nachforschungen verlaufen im Sande. Die Erzählstränge verlaufen sich im Niemandsland.

Keine der Charakteren und schon gar nicht die absolut farblose, langweilige Hauptfigur konnte mich packen. Ich habe mich während des Lesens häufig gelangweilt, denn auch der Sprachstil ist für meine Begriffe sehr ermüdend. Mir hat der Roman nichts sagen können. Immer wenn ich dachte, jetzt geht es endlich los, war es auch schon wieder vorbei. Ebenso wie der Roman ist das Ende, an dem rein gar nichts geklärt wird, für mich sehr enttäuschend.

Links zum Roman:

https://www.klett-cotta.de/buch/Gegenwartsliteratur/Das_fluessige_Land/106630

https://www.deutschlandfunkkultur.de/raphaela-edelbauer-ueber-das-fluessige-land-ein-kollektiv.1270.de.html?dram:article_id=458489

Weitere Rezensionen von Romanen der Longlist:

https://www.lesepartie.de/miroloi

https://www.lesepartie.de/vater-unser

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Ein Sommer wie dieser

Annette Hohberg

Fantasieloser Roman, der alle Klischees bereithält

Klara und Stephan sind jung und naiv, als sie sich an der italienischen Adriaküste begegnen. Es entwickelt sich eine romantische Sommerliebe, die durch Verkettung unvorhergesehener Umstände ein jähes Ende nimmt.
Über 20 Jahre später ist es so einer dieser Zufälle, der sie wieder zusammenführt. Der Literaturprofessor, bei dem Klaras Tochter ihre Abschlussarbeit schreiben möchte, ist ausgerechnet Stephan. Klara ist verheiratet, wohnt in einem schönen Haus und betreibt einen Buchladen.
Obwohl beide sich in ihrem Leben eingerichtet haben, können sie nicht umhin sich einzugestehen, dass sie auch noch nach all den Jahren eine tiefe Verbindung zueinander haben. Doch reicht dieses Gefühl aus, um ein Leben über den Haufen zu werfen, um ein anderes, ungewisses zu beginnen?

Der Titel des Buches versprach mir einen leichten Sommerroman. Leider wurde mir schon nach den ersten Seiten bewusst, dass der Roman mehr leicht als sommerlich werden würde. Die Geschichte greift wirklich auf jedes erdenkliche Klischee zurück, dass man bei so einer Konstellation erwarten kann. Es gab weder Überraschung noch machte sich die Autorin die Mühe die Erzählstränge wenigsten ein bisschen undurchsichtiger zu gestalten. Nach den ersten 20 Seiten wusste ich wie es ausgeht. Ebenso verhält es sich mit den Charakteren, belanglos, langweilig und ohne jegliche Tiefe.
Es ist ein ganz leichter Sommerroman, an den man keinerlei Erwartungen haben sollte.

Das unerhörte Leben des Alex Woods

…oder warum das Universum keinen Plan hat

Gavin Extence

Eine tiefgründige Erzählung, die sich mit einer guten Portion Humor an ein schwieriges Thema wagt.

Der zehnjährige Alex Woods wird von einem Meteoriten getroffen. Nach zweiwöchigem Koma und einer langwierigen Behandlung ist Alex wieder ein gesunder Junge. Seine epileptischen Anfälle bekommt er durch disziplinierte Meditation in den Griff. Doch Alex bleibt ein Außenseiter. Unter den Gleichaltrigen macht es ihn nicht sonderlich beliebt, dass seine Mutter einen Esoterikladen betreibt und Alex sich vorwiegend für Astrophysik und Neurologie interessiert. Durch Zufall lernt Alex Mr. Peterson kennen. Zwischen dem jugendlichen Außenseiter und dem alten, übellaunigen Mann entsteht eine echte Freundschaft. Mr. Peterson bringt Alex das Auto fahren ebenso bei wie den Anbau von Cannabispflanzen. Einige Jahre später ist es Mr. Peterson, welcher auf einen außergewöhnlichen Freundschaftsdienst von Alex angewiesen ist.

Als Alex mit einer Urne und jeder Menge Marihuana in Dover aufgegriffen wird, muss der 17jährige nicht nur der Polizei einiges erklären. Doch nichts kann Alex in der Gewissheit, absolut richtig gehandelt zu haben, erschüttern.

Zu Beginn erscheint die Handlung des Romans leicht abstrus. Ein Meteorit, der in ein Haus einschlägt und einen zehnjährigen trifft. Jedoch findet man als Leser – jedenfalls ging es mir so – schnell Zugang zu dem aufgeweckten, wissbegierigen Jungen. Vor allem steht er im kompletten Gegensatz zu seiner esoterischen Mutter. Dieser Umstand führt häufig zu herrlich komischen Situationen.

Die Entstehung und Vertiefung der Freundschaft zu Mr. Peterson ist dem Autor ganz wunderbar gelungen. Ohne diese Einleitung wäre die Entwicklung zum Kernpunkt der Geschichte nicht annähernd so wahrhaftig und nachvollziehbar.

Der Roman greift ein schwieriges und sehr kontrovers diskutiertes Thema mit einer Leichtigkeit auf, dass man sich als Leser auf jeder Seite gut aufgehoben fühlt. Es ist wirklich ein unerhört gutes und zu Herzen gehendes Buch mit einer passenden Portion Humor.

Stimmen zum Buch:

https://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article126943059/Oh-Herr-schick-Handlung-vom-Himmel.html

https://www.buecherrezensionen.org/buecher/rezension/gavin-extence-das-unerhoerte-leben-des-alex-woods-oder-warum-das-universum-keinen-plan-hat.htm

Sophia, der Tod und ich

Thees Uhlmann

Eine originelle Erzählung über die Begegnung mit dem Tod, die mit einer guten Portion Situationskomik großartig unterhält.

Es klingelt an der Tür und der Tod steht davor. Gerade als der Tod seine Arbeit machen will, klingelt es erneut und zwar Sturm. Sophia steht vor der Tür. Ex Freundin des Erzählers. Damit rettet Sophia ihm für’s Erste das Leben. Nun nimmt die Geschichte ihren Lauf, denn die drei sind auf unbestimmte Zeit unzertrennbar miteinander vereint. Noch schlimmer ist, dass der Tod aufgrund seiner unterbrochenen Arbeit seinen Job verlieren könnte. Es steht schon ein neuen Anwärter für die Stelle bereit.

Der Debütroman von dem Musiker Thees Uhlmann ist ein wundersames Buch, voll mit dem ganz normalen Leben, einer Menge Situationskomik und nachdenklichen Momenten. Es ist ganz herrlich schräg, jedoch auch so wahr. Es passiert uns allen jeden Tag, das Leben, und man weiß nie, wann der Tod vor der Tür steht und klingelt.

Die Seiten flogen nur so dahin, ich habe mich so richtig vom Lesefluss tragen lassen. Während des Lesens musste ich viel lachen, wirklich lachen. Der Roman hat einen großen Unterhaltungswert, allerdings enthält er einen nachdenklichen Kern.

Links zum Buch:

Literaturkritik: https://literaturkritik.de/id/21780

KiWi Verlag: https://www.kiwi-verlag.de/buch/sophia-der-tod-und-ich/978-3-462-04793-6/

Vintage

Grégoire Hervier

Eine spannende und kurzweilige Exkursion durch knapp 100 Jahre Blues- und Rockgeschichte. Ein Roman wie eine gutes Musikstück, man hört es rauf und runter, nonstop.

Thomas träumt vom Durchbruch als Gitarrist. Bisher verdient er sein Geld als Musikjournalist. Nebenbei hilft in einem angesehenen Pariser Gitarrengeschäft aus. Dort repariert er zum Teil sehr seltene und wertvolle Gitarren. Eine dieser Gitarren transportiert er persönlich nach Schottland. Der Käufer entpuppt sich als ein Sammler berühmter Gitarren. Er bietet Thomas eine Million, wenn Thomas es schafft ihm einen eindeutigen Beweis für die Existenz der legendärsten Gitarre, der „Moderne“ der Marke Gibson von 1957, zu liefern.

Thomas beginnt sofort mit der Recherche. Die Suche nach der „Modernen“ führt ihn von Frankreich nach Australien und durch den Großteil der USA. Immer auf den Spuren der größten Blues- und Rockmusiker der letzten 100 Jahre. Auf seinem Roadtrip begegnet er Menschen, die auf verschiedenste Weise Musik zu ihrem Lebensthema gemacht haben. Manche Begegnungen sind aufschlussreich, andere wiederum entwickeln sich zu unberechenbaren, sogar zu gefährlichen Treffen. Es wäre allerdings nicht die weltweit legendärste Gitarre, wenn es einen einfachen Weg zu ihr gäbe.

Hervier komponiert einen sehr spannenden Roman rund um eine Gitarre, von der man nicht genau weiß, ob sie je hergestellt wurde. Jedenfalls war sie ihrer Zeit angeblich weit voraus. Die Erzählung steckt voller Musikgeschichte und nimmt den Leser mit in die großen Jahre des Blues und des Rock’n’Rolls. Es ist eine wahre Freude dem Protagonisten auf seiner Suche zu begleiten. Auch wenn man kein absoluter Kenner der Musikszene ist, bietet das Buch viele interessante und faszinierende Einblicke. Ich habe mitgefiebert, mitgelitten und mich über jeden neuen Anhaltspunkt mitgefreut. Der Roman ist keiner zum Tanzen, sondern eher ein Stück zum genauen Hinhören und trotzdem ein großer Spaß!

Links zum Buch:

Diogenes Verlag: https://www.diogenes.ch/leser/titel/gregoire-hervier/vintage-9783257608120.html

weitere Rezensionen: https://www.lovelybooks.de/autor/Gr%C3%A9goire-Hervier/Vintage-1456437273-w/

Im Freibad

Libby Page
Im Freibad

Zwei Frauen, zwei Generationen, eine Freundschaft, ein Ziel; das Freibad retten. Um sich freizuschwimmen, braucht es manchmal den Mut für einen kleinen Schritt. Die perfekte Lektüre fürs Freibad!

Seit drei Jahren wohnt Kate nun in einer WG im Londoner Stadtteil Brixton. Als junge Journalistin arbeitet sie bei der lokalen Zeitung und verfasst meist kurze, unbedeutende Artikel für die letzte Seite.

Als die Stadtverwaltung ankündigt, aufgrund der schlechten, finanziellen Lage das Freibad zu schließen und das Grundstück an eine Immobilienfirma zu verkaufen, bekommt Kate die langersehnte Chance auf einen großen Artikel. Gleich zu Beginn ihrer Recherchen trifft sie auf Rosemary. Rosemary ist mit dem Freibad verwachsen, denn sie schwimmt seit der Eröffnung 1937 fast täglich in diesem Freibad. Dort schwamm sie während des Krieges, dort verbrachte sie viel Zeit mit ihrem Mann George, dort ist Rosemary zu Hause.

Zwischen diesen unterschiedlichen Frauen, die das Freibad zusammengebracht hat, entsteht eine wahre Freundschaft. Für Kate ist es die Rettung aus ihrer Einsamkeit, welche sie seit ihrer Ankunft in London umgibt. Beide kämpfen für den Erhalt des Freibades und sie bekommen Unterstützung von Freunden und Schwimmern. Wird es reichen, um die kommunale Verwaltung umzustimmen oder ist es ein Kampf gegen Windmühlen?

Libby Page beschreibt etwas, von dem jeder schon einmal mehr oder weniger betroffen war. Der Lieblingsladen, der schließt, das Schwimmbad, das sich nicht mehr trägt, das Kulturzentrum, für das kein Geld mehr übrig ist, die Liste ist endlos. Jede Stadt und jedes Dorf unterliegt dem Wandel.

Diesen Umstand greift die Autorin auf und entwickelt drum herum eine Geschichte zweier, sympathischer Frauen aus unterschiedlichen Generationen, die sich nicht nur wegen des Bades miteinander verbunden fühlen. Ihre Freundschaft macht sie stark, um zusammen gegen die Schließung des Freibades vorzugehen.

Rosemary verbinden ihre Erinnerungen mit dem Freibad, für Kate ist es die Chance ihrem Leben eine Wendung zu geben, sich freizuschwimmen. Die Geschichte bewegt, denn sie erzählt vom Wandel und von den Dingen, die es wert sind, an ihnen festzuhalten. Ein unterhaltsamer Roman für die sonnigen Tage im Freibad, das man nach der Lektüre vielleicht mit anderen Augen sieht.

Mittagsstunde

Dörte Hansen
Cover Mittagsstunde
Mittagsstunde

Ein starker Roman über den Lauf der Dinge, der auch vor dem Landleben nicht Halt macht.

In der Mittagsstunde liegt Stille über dem friesische Dorf Brinkebüll. Das war immer so, aber es bleibt nicht immer so. Ingwer Feddersen kommt für ein Jahr zurück in das Dorf, in dem er aufgewachsen ist. Das Dorf hat sich verändert. In der Bäckerei der Boysens backt schon längst niemand mehr Schwarz- oder Graubrot, Dora Koopmann verkauft seit Jahrzehnten weder Süßigkeiten noch Jagdwurst und auch die Gaststätte Feddersen hat ihre besten Zeiten hinter sich. Obwohl Sönke Feddersen mit über 90 Jahren weiterhin die Stellung hinter seiner Theke hält.

Ingwer hat das Dorf und die Gastwirtschaft verlassen, als er zum Studium nach Kiel zog. Dort lebt seit über 20 Jahren in der gleichen WG. Nun ist er zurück, um sich um seine Großeltern zu kümmern. Für ihn sind es seine Eltern. Sein Vater kennt niemand und seine Mutter hat Ingwer zeitlebens als Schwester wahrgenommen. Marrett, meist der Welt entrückt, wundersam gekleidet, predigte ständig den Untergang und sang leidenschaftlich die Schlager der 1960iger Jahre. Bis heute verfolgt Ingwer das schlechte Gewissen, weil er gegangen ist und sich gegen ein Leben als Gastwirt entschieden hat.

So kommt Ingwer in das Dorf seiner Kindheit, in dem nichts mehr so ist ,wie damals war, nicht einmal die Stille der Mittagsstunde. Dieses Jahr wird für Ingwer eine Rückbesinnung auf die wesentliche Dinge, in dem er sein eigenes Leben neu sortiert.

Dörte Hansen Debütroman „Altes Land“ hat mich schon begeistert. Nun nimmt sie den Leser mit in eine Zeit, die fast ausgestorben ist und dennoch immer noch spürbar. Die pointiert eingestreuten, plattdeutschen Sätze, geben den Roman eine ehrliche und humorvolle Note. Ich habe mich in Brinkebüll ausgesprochen wohl gefühlt. Außerdem erinnerte ich vieles aus meiner eigenen ländlichen Kindheit, die ich zwar nicht in Friesland verbrachte und auch ca. 20 Jahre später, doch ich gab es damals den Dorfladen, die Fleischerei und die nicht betonierten Bauernhöfe. Alles längst nicht mehr da.

Die sorgsame Entwicklung der Charaktere ist der Autorin ganz fabelhaft gelungen. Die Geschichte wechselt zwischen dem Jetzt und dem Damals ohne das man als Leser den faden verliert. Man wird eingemeindet als ein Teil dieser Dorfgemeinschaft. Mir hat das Lesen sehr viel Freude bereitet und nach dem letzten Satz kam Wehmut auf. Ich wäre gerne noch geblieben. Oder es mit Heidi Brühl zu sagen: „Wir wollen niemals auseinandergehen…“

Ich war Diener im Hause Hobbs

Verena Rossbacher
Das Bild zum Buch Ich war Diener im Hause Hobbs
Ich war Diener im Hause Hobbs – Bild zum Buch

Ein außergewöhnlicher Schreibstil, allerdings hält die Erzählung am Ende nicht, was sie zu Beginn verspricht. Die Geschichte plätschert zu gemütlich vor sich hin.

Christian Kauffmann wirft einen Blick zurück auf seine Jahre als Butler bei der reichen Züricher Familie Hobbs. Durch einen Skandal nimmt seine Anstellung ein jähes Ende. Nun versucht er im Rückblick, die Ereignisse zu rekonstruieren, um zu verstehen, ob er die Zeichen der Veränderung hätte erkennen müssen.

Nach seiner beendeten Ausbildung als Butler, tritt er bei den Hobbs seine erste Stelle an. Obwohl er anfänglich vorhat lediglich wenige Jahre zu bleiben, um dann weiterzuziehen, integriert er sich schon nach kurzer Zeit bestens in das Familienleben der Hobbs. Die Jahre vergehen und Christian Kauffmann ist zufrieden mit seinem Leben.

Er erinnert sich an Situationen, welche damals unbedeutend, nun aber in einem anderen Licht erscheinen. Jedoch sind es neben den Begebenheiten im Hause Hobbs, auch Erinnerungen an seine Kindheit und Jugend im Voralberger Feldkirch, die er Revue passieren lässt. Seine drei besten Freunde spielen sowohl in seiner Vergangenheit als auch bis zum Zeitpunkt des Skandals eine wichtige Rolle.

Verena Rossbacher erzählt mit ausgefeilter Komposition der Sätze, sodass manche Passagen des Romans sehr poetisch inszeniert sind. Auch ihre ungewöhnlichen Beschreibungen machen das Buch zu einer wahren Lesefreude. Oftmals hat mich die Erzählung vor allem mit ihren Dialogen zum Lachen gebracht. Der feine Humor, der abstruse Alltagsszenen herrlich offen legt, gefällt mir außerordentlich gut. Allerdings sind meiner Meinung nach einige Sätze zu ausgeartet lang. Bei manchen dieser Sätze fiel es mir schwer ihnen gedanklich zu folgen. Am Ende des Satzes fragte ich mich dann, wie dieser begonnen hatte.

Leider konnte mich auch die Erzählung nicht packen. Der anfänglich gut aufgebaute Spannungsbogen hat meine Erwartungen nicht erfüllt. Die Geschichte plätscherte zum Ende unspektakulär vor sich hin. Außerdem bleiben einige Figuren erzählerisch auf der Strecke. Das erwartete großen Finale, die angedeuteten Verstrickungen blieben einfach aus. Auch sonst fehlt dem Roman streckenweise der Pfiff. Alles im allen lässt mich der Roman enttäuscht zurück.

Rheinblick

Brigitte Glaser
Cover zum Roman Rheinblick
Roman Rheinblick

November 1972. Willy Brandt fährt nach dem Misstrauensvotum einen fulminanten Wahlsieg für die SPD ein. Der Hauch der Veränderung weht durch die Straßen der provinziellen Hauptstadt Bonn. Doch nach dem herausragenden Sieg, muss sich Brandt einer Operation unterziehen und bekommt für einige Woche Redeverbot. Dadurch wird sein Einfluss auf die Koalitionsverhandlungen stark geschwächte, denn federführend bei dem Geschacher um Macht, Ministerien und Posten sind Wehner und Schmidt.

In der Gutbürgerlichen Gaststätte „Rheinblick“ bei Hilde Kessel treffen alle Parteien aufeinander. Es ist Hildes wichtigstes Gebot, sie hört nichts, sie sieht nichts und sie sagt nichts. Aus ihrer Gaststätte dringt kein gesprochenes Wort nach außen. Wirklich kein Mucks? Auch für eine gestandene, rheinische Wirtin ist es schwer sich aus dem Bonner Gemauschel völlig herauszuhalten. Und mitten in diesen politischen Wirren wird ein unbekanntes, junges Mädchen erdrosselt aufgefunden. Ein Hinweis führt in die Machtzentrale der Bonner Politik.

Brigitte Glaser lässt die Bonner Republik wieder auferstehen. Anfang der 1970iger Jahre, nachdem Brandts Ostpolitik zu einer langsamen Annäherung zwischen West und Ost geführt hat, stellt man sich in der rheinischen Provinz darauf ein, Hauptstadt zu bleiben. Der Bauboom, der wiederkehrend im Roman erwähnt wird, setzt ein. Jedoch ist es nicht nur das Bonner Hauptstadtgeplänkel, sondern auch die Aufbruchstimmung nach Brandts grandiosen Wahlsieg im November 1972. Es ist vor allem die Jugend, die zahlreich hinter dem Demokraten und Widerstandskämpfer Brandt steht. Die Zeichen stehen auf Veränderung. Wunderbar inszeniert Brigitte Glaser einen Mix aus den unterschiedlichen Generationen. Die jungen Leute wohnen in einer WG und versuchen im kleinen, privaten Umfeld Demokratie und Gleichberechtigung zu leben. Auf der anderen Seite die Kriegsgeneration, erzogen zum Gehorsam und zum Durchhalten. Dabei treffen im Roman Welten aufeinander.

Die Geschichte kreist um die wenigen Wochen am Jahresende 1972, in denen die Koalitionsverhandlungen ohne den wirklichen Sieger Willy Brandt stattfinden müssen, da dieser wegen einer Stimmband OP im Krankenhaus verweilt und nicht sprechen darf. Es wird deutlich wie dicht Sieg und Niederlage in der Politik beieinander liegen und wie schnell man ins Abseits geraten kann. Es ist ein herrlich verwobener Roman, der es versteht, politische Geschehnisse mit dem gesellschaftlichen Leben der normalen Bürger zu verbinden und eine Zeit beleuchtet, in der vieles, was heute selbstverständlich scheint, noch täglich von neuem erkämpft werden musste. Ein gelungenes Aufleben der jüngsten Zeitgeschichte.

Links zum Buch: https://lesepartie.de/lbm-2019-2/ und https://lesepartie.de/lbm-2019/

Verlagsseite: https://www.ullstein-buchverlage.de/nc/buch/details/rheinblick-9783471351802.html

Die weiteren Aussichten

Robert Seethaler
Buchcover Die weiteren Aussichten, Robert Seethaler
Die weiteren Aussichten

Eine Geschichte über das, was auch das gleichförmigste Leben unberechenbar macht; Veränderung und Liebe. Herrlich echte Charaktere, trostlos mit viel Hoffnung für die weiteren Aussichten.

Herbert und seine Mutter betreiben mehr schlecht als recht eine Tankstelle am Rande einer Landstraße. In den 1970igern zählte das nächstgelegene Dorf zu einer aufstrebenden Region, von welcher außer dem Hallenbad und einem Parkplatz nicht viel geblieben ist. Herbert ist Ende zwanzig und die Tage reihen sich gleichförmig aneinander. Bis eines Tages eine rundliche Frau ohne Frisur auf einem blauen Klapprad in Herberts Leben radelt. Hilde heißt sie und Herberts Leben wird nie mehr das selbe sein.

Robert Seethaler nimmt uns mit an den Straßenrand, zur einsamen Tankstelle an der Landstraße, zu Menschen, die keinerlei Veränderung erwarten. Als die Veränderung dann doch eintrifft, wirbelt diese alles bisher gekannte durcheinander. Als Leser lacht man mit, leidet mit und hofft, dass Georg, der Fisch, das Abenteuer heile übersteht.

Es ist ein herrlicher Roman, der durch die Nähe zu seinen Figuren besticht. In dieser scheinbaren Trostlosigkeit ist so unendlich viel Platz für Hoffnung und Mut, sodass man das Buch am Ende mit einem Lächeln zu schlägt.

Es ist eine ungewohnt kurze Rezension, denn viel mehr brauche ich darüber nicht schreiben. Den Roman sollte man einfach lesen!

Links zum Buch: https://keinundaber.ch/de/literary-work/die-weiteren-aussichten/

weitere Rezension zu Robert Seethaler auf LesePartie: https://lesepartie.de/das-feld/