A.S. Tory und der letzte Sommer am Meer

A.S. Tory und der letzte Sommer am Meer Cover. Die Geschichte von Sid und Chiara
A.S. Tory und der letzte Sommer am Meer
S. Sagenroth

erschienen im tredition Verlag 2020

Rezension

Kurzmeinung

Mit gekonnter Leichtigkeit greift der Roman „A. S. Tory und der der letzte Sommer am Meer ein kontroverses Thema auf und stimmt nachdenklich. Ein schwieriges Thema fabelhaft erzählt.

Handlung

Diesmal lädt A.S. Tory Sid und Chiara zu sich nach England ein, ohne ihnen einen Auftrag zu erteilen. Der Sommer ist heiß, selbst in England, und Mr. Tory besitzt ein Haus am Meer, in dem die jungen Leute Ferien machen sollen. Alle Zeichen stehen auf ein unbeschwertes Urlaubsvergnügen. Am Strand lernen Sid und Chiara drei deutsche Mädchen kennen. Eines der Mädchen hat sich mit einem arabischen, jungen Mann angefreundet, der sich illegal im Land aufhält. Als zwei der Mädchen und der junge Mann spurlos verschwinden, beginnen Sid und Chiara ihre eigenen Nachforschungen, die sie bis nach Cornwall führen.

Inhalt

Auf der Suche nach der alten Single reisten Sid und Chiara quer durch Europa bis Marroko. Im zweiten Teil suchten die beiden eine verlorene Geschichte in Venedig, Wien und Berlin. Nun begleiten wir Sid und Chiara nach England. A.S. Tory lädt die beiden Abenteurer zu einem zweiwöchigen Urlaub nach England ein. Erst erkunden sie London und treffen auch Chan wieder, mit dem Sid seit seinem ersten London Aufenthalt Kontakt hat. Zu dritt verbringen sie dann einige Tage in Mr. Torys Haus am Meer.

Am Strand treffen sie drei Mädchen aus Hamburg. Zwischen den Mädchen kommt es immer häufiger zum Streit, seit Emily sich mit dem illegalen Flüchtling Laith angefreundet hat. Als Emily und Sarah spurlos verschwinden, fällt der Verdacht sofort auf Laith. Denn auch er ist nicht mehr auffindbar. Chiara und Sid machen sich auf die Suche nach den Vermissten. Ihre Spur führt sie nach Brighton, Stonehenge bis nach Cornwall.

Meinung

Diesmal gibt es keinen Auftrag, sondern nur die Frage; was bedeutet Freiheit? Für Chiara und Sid bedeutet es, selbst entscheiden zu dürfen, was sie tun. Der afghanischen Flüchtling Laith, der illegal in England eingereist ist, weil ihm und seiner Familie in Deutschland die Abschiebung droht, riskiert eine ganze Menge für seine Freiheit.

Die Kapitel werden begleitet von Nachrichtenmeldungen, kurzen Eintragungen aus Emilys Tagebuch oder Laith Gedanken. Jedoch erfahren wir als Leser nie mehr als nötig. Das hält die Spannung bis zum Ende aufrecht. Die Geschichte nimmt sich einem immer noch sehr aktuellen Thema an, nämlich wie wir in Europa mit Flüchtlingen umgehen. Dabei beleuchtet der Roman unterschiedliche Seiten und zeigt, dass es nicht nur schwarz und weiß gibt, sondern ganz viele Schattierungen dazwischen.

Fazit

Der Schuss von Teil drei hat mich nachdenklich zurückgelassen. Die Erzählung greift einige Themen auf, unbequeme, die sich dennoch mühelos ineinander fügen. Was als Sommerurlaub beginnt endet zwar mit einem Hoffnungsschimmer, über dem jedoch ein großer Schatten liegt. Das Ende hat mich überrascht, letztendlich habe ich den Sinn dahinter verstanden.

Besonders hat mir die Herangehensweise an das Thema gefallen. Nie hebt sich da ein moralischer Zeigefinger. Der Ton bleibt, wie bei den anderen beiden Teilen, locker und unterhaltsam. Es hat Spass gemacht mit den zwei Hauptcharakteren durch England zu fahren und mit ihnen diese verschiedenen Menschen kennenzulernen. Ihre offene, fast vorurteilsfreie Art ist erfrischend und macht den Roman zu einem Lesevergnügen. Ich verstehe die Geschichte als ein Appell an die Toleranz und für das Miteinander, damit wir alle unsere persönliche Freiheit leben dürfen.

Ich bedanke mich herzlich bei der Autorin für da Rezensionsexemplar.

Kinder ihrer Zeit

Kinder ihrer Zeit Buchcover des Romans von Claire Winter über Spionage im geteilten Berlin
Kinder ihrer Zeit Buchcover
Claire Winter

erschienen im Diana Verlag 2020

Rezension

Kurzmeinung

Eine fesselnde Geschichte über Spionage im geteilten Berlin. Berührend und packend erzählt. Ein überragender Roman!

Handlung

Auf der Flucht nach Westen 1945 werden die Zwillingsmädchen Alice und Emma Lichtenberg getrennt. Emma wächst in West-Berlin bei ihrer Mutter Rosa auf. Mutter und Tochter halten Alice für tot. Nur Emma hat als Zwilling häufig so ein Gefühl, als ob Alice noch leben würde. Alice lebt tatsächlich und denkt ihrerseits, dass Mutter und Schwester gestorben sind. Ein russischer Offizier rettete Alice damals aus dem brennenden Haus. Wie viele elternlose Kinder ihrer Zeit kam Alice in ein Waisenhaus.

Erst Jahre später erfährt Alice, dass ihre Familie überlebt hat und in West-Berlin wohnt. Das Wiedersehen der Schwestern fällt nach all den Jahren reserviert aus. Ihre Mutter ist zu dem Zeitpunkt nicht mehr am Leben. Alice, in Kindheitstagen immer die lebendigere von den Mädchen, ist nun reserviert und kühl. Auch die unterschiedlichen politischen Einstellungen machen es den Schwestern nicht leicht, wieder zusammenzufinden.

Als überzeugte Kommunistin wird Alice dazu gebracht, ihre neuen Beziehungen in den Westen zu nutzen, um Informationen zu beschaffen. Als Dolmetscherin ist Emma eine gute Quelle für die Stasi und den KGB. Je tiefer die junge Frau in die Spionagetätigkeit hineinrutscht, desto heftiger regen sich Zweifel in ihr. Um ihre Schwester zu schützen, bricht sie den Kontakt ab. Wenige Tage vor dem Bau der Mauer sehen sich die Schwestern wieder. Von da an überschlagen sich die Ereignisse. Zusammen treffen Emma und Alice eine mutige Entscheidung.

Inhalt

Emma und Alice sind Zwillinge. Alice ist die forschere und Emma eher die anhängliche. Auf der Flucht von Ostpreußen Richtung Westen erkrankt Alice. Ihre Mutter Rosa sucht Zuflucht auf einem Bauernhof. Als sie mit Emma loszieht, um Lebensmittel zu besorgen, wird der Bauernhof von den Russen überfallen und in Brand gesetzt. Tatenlos müssen Rosa und Emma im Versteck zusehen wie alles in Flammen aufgeht.

Sie sind der festen Überzeugung, dass Alice tot ist. Ein schrecklicher Schicksalsschlag, den Mutter und Tochter kaum verkraften. In West-Berlin bauen sie sich ein neues Leben auf. Doch Rosa ist von der Flucht und dem Verlust ihrer Tochter, ihres Mannes und ihrer Heimat stark geschwächt. Damit Emma auf eigenen Beinen stehen kann, unterstützt sie das Sprachtalent ihrer Tochter und ermöglicht ihr eine Dolmetscherausbildung.

Als Emma mit ihrem besten Freund Max in Ost-Berlin unterwegs ist, wird sie von einem Russen angesprochen, der sie zu kennen scheint. Nach dieser Begegnung keimt Hoffnung in ihr auf, der Mann könnte sie mit ihrer Schwester verwechseln. Jedoch findet sie keine verfolgbare Spur. So vergehen Jahre, bevor ihre totgeglaubte Schwester Alice leibhaftig vor Emmas Tür in West- Berlin steht. Alice erfährt durch Zufall von einem alten Suchauftrag vom Roten Kreuz und macht sich daraufhin auf die Suche. Nachdem Sergej, ein russischen Offizier, Alice gerettet hatte, brachte er Alice in ein Kinderheim in Königsberg. Bis heute verbindet sie eine innige Freundschaft zu ihrem Lebensretter.

Die Nachricht, dass ihre Mutter erst vor kurzem verstorben ist, ist für Alice ein furchtbarer Schlag. Alice ist zurückhaltender als Emma und hinzu kommt ihre kommunistische Überzeugung, die eine Annäherung der Schwestern immens erschwert. Max, Emmas gutem Freund, fällt es leichter eine Beziehung zu Alice aufzubauen. Obwohl er sich neben seinem Jura Studium für die KgU, eine antikommunistische Organisation, engagiert. Durch die KgU knüpft er Kontakte zum BND, für den Max allzu gerne arbeiten würde. Allerdings steht ihm dabei die Vergangenheit seiner Eltern im Weg. Es ist bekannt, dass Max Eltern Gegner des Naziregimes waren. Der BND wiederum wurde von ehemaligen Nazis gegründet und setzt weiterhin auf die alten Verbindungen. Jemanden wie Max wollen sie in ihren Reihen nicht haben.

Auf einer Party in Ost-Berlin lernt Emma den Physiker Julius kennen und später auch lieben. Als Julius erleben muss, wie sein bester Freund auf offener Straße entführt wird, fühlt er sich in der DDR zunehmend unwohl. Er fühlt sich verfolgt und überwacht. Deshalb beschließt er aus der DDR zu fliehen, um sich mit Emma im Westen ein neues Leben aufzubauen. Aber anstatt wie geplant in den Westen zu kommen, trennt sich Julius plötzlich von Emma. Auch Alice bricht den Kontakt zu Emma abrupt ab und verschwindet auf mysteriöse Weise. Emma kämpft vergeblich, um ihre Liebe und um ihre Schwester. Sie ahnt nicht das Julius und Alice sich von ihr fern halten, nur um sie zu schützen.

Meinung

In einem bildhaften, leichten Schreibstil erzählt die Autorin Claire Winter die Geschichte der „Kinder ihrer Zeit“. Sowohl Emma als auch Alice werden in die Machenschaften der Besatzer hineingezogen. In einer Zeit, in dem es im gesamten Berlin vor Geheimagenten nur so wimmelt, nichts ungewöhnliches. Dabei wünschen sie sich nur ein unbeschwertes, langweiliges Leben und geraten dennoch in den Sog der Geheimdienste, die ohne jeglichen Skrupel über das Leben von Menschen bestimmen, als wären es Marionetten. Der Roman bleibt auf jeder Seite spannend, da die Autorin es versteht, dem Leser genau die richtige Portion Wissen an die Hand zu geben. Ich habe mit gefiebert, mitgerätselt und war dann wieder überrascht. Es ist eine Kunst Szenen so zu erzählen, dass ich als Leser sie genau vor mir sehe. Dabei verzichtet die Autorin auf allzu detailreiche Beschreibungen.

Herausragend ist die gewissenhafte historische Recherche, die diesem (sowie z.B. dem Vorgängerroman „Die geliehene Schuld“) Roman „Kinder ihrer Zeit“ zugrunde liegt. Ich bin in die Geschichte abgetaucht. Die Handlung spielt in den Jahren vor dem Mauerbau, als zahlreiche DDR Bürger die Chance in Berlin nutzen, um von Ost nach West zu fliehen. Natürlich werden am Rande wichtige Personen der Zeit, beispielsweise Willy Brandt, Walther Ulbricht oder auch Kennedy erwähnt. In erster Linie beschäftigt sich die Erzählung jedoch mit dem Spionage Hotspot Berlin. Normale Menschen werden für Spionagedienste angeworben und unter Druck gesetzt. Es hat mich erschreckt, wie schnell die Menschen in eine verzwickte und bedrohliche Lebenslage geraten konnten, obwohl sie nur ein kleines Rädchen im System waren.

Der Roman gliedert sich in 8 Hauptabschnitte plus Prolog und Epilog. Besonders der Prolog hat es in sich. Während des ganzen Romans habe ich gerätselt, wer da wem gegenüber steht. Übrigens, ich lag bis zum Schluss falsch! Die einzelnen Kapiteln tragen die jeweiligen Namen der Figuren, deren Situation behandelt wird. Das Buch ist sehr übersichtlich aufgebaut und erzählt zu keiner Zeit mehr als nötig.

Fazit

Der Roman ist eine Hommage an all die Menschen, die auf der Flucht mehr als nur ihre Heimat verloren, an all die, die unter dem geteilten Land gelitten haben – eben an die Kinder ihrer Zeit, die es vielfach schwer hatten, zum Teil traumatisiert waren und dennoch weitergemacht haben, um dass Land wieder voranzubringen.

Ich kann den Roman uneingeschränkt und mit voller Überzeugung empfehlen!

A. S. Tory

Roadmovie um die Suche nach einer alten Single

A. S. Tory Roadmovie um die Suche nach einer alten Single Buchcover
Der Weg ist das Ziel
S. Sagenroth

Eine spannende Geschichte mit unerwarteter Wendung.

Vor dem fünfzehnjährigen Sid liegen zwei öde Wochen Herbstferien. Seine Freunde sind imUrlaub und ihm bleiben nur die Nachhilfestunden in Latein. Frustriert über seine Lage klickt er durch seine Mails. Dabei fällt ihm eine E-Mail von einem unbekannten Adressaten auf. Dieser Unbekannte verspricht Sid ein Abenteuer, wenn er sich entschließt eine Reise anzutreten. Die Kosten werden übernommen. Kurzentschlossen sagt Sid zu. Zuerst reist er nach London, wo er den mysteriösen Auftraggeber, A. S. Tory, ein älterer Herr im Rollstuhl, persönlich kennenlernt.

Sein Auftrag; Sid soll sich auf die Suche nach einer alten, französischen Single aus den 70igern machen. Sids erster Stopp auf seiner Suche ist die Toskana. Dort lernt er Chiara kennen, die sich ihm spontan anschließt. Zusammen reisen sie weiter nach Frankreich, Marrakesch und in die Niederlande. Auf ihrer Suche erleben sie abenteuerliche Geschichten und viele interessante Menschen kreuzen ihren Weg. Doch die Suche nach der Single entpuppt sich plötzlich als nicht so ungefährlich wie angenommen.

Der Roadmovie Roman über die Suche nach einer alten Single LP ist der erste von bislang zwei erschienen Teilen rund um die Abenteuer des Teenagers Siegmund Sagenroth, der sich lieber Sid nennt. In diesem Buch nimmt seine Bekanntschaft mit einem alten, augenscheinlich reichen Herren aus London, A. S. Tory, ihren Anfang. Aus purer Langeweile und in der Hoffnung auf etwas Urlaub nimmt Sid das mysteriöse Angebot an. Auf seiner Reise trifft er verschiedene Menschen. Vor allem zu Chiara entwickelt sich eine echte Freundschaft, obwohl sie vier Jahre älter ist. Es ist herrlich zu erleben, wie Sid, der zu Beginn eher introvertiert wirkt, richtig aufblüht und aus sich herauskommt. Seine Wandlung hat er in erster Linie der lebensfrohen und unkonventionellen Chiara zu verdanken.

Die Plätze und Orte, an denen sich Sid aufhält sind vollkommen authentisch beschrieben. Das belebte Soho, die italienische Winzergemeinschaft ebenso wie das farbenfrohe Marrakesch. Als Leser reist man mit Sid durch diese Orte und es fühlt sich an, als ob man tatsächlich mit dabei wäre.

Die Bedenken, dass der junge Sid einfach so einem Fremden vertraut, zerstreuen sich recht schnell, denn es wird klar, dass Sid zwar auf Abenteuerreise geht, trotzdem hat der alte Herr Tory ein Auge auf seinen Schützling. Was jedoch anfänglich recht harmlos wirkt, bekommt durch die nicht vorhersehbare Wendung am Ende, einen zusätzlichen Spannungskick. Die Geschichte reißt einen förmlich mit und es macht Freude zu sehen, wie sich der Hauptcharakter Sid während der Erzählung entwickelt.

Neben der spannenden Geschichte, möchte ich das grandios gestaltete Cover nicht unerwähnt lassen genauso wie die herrliche Idee eine Schallplatte als Lesezeichen hinzuzufügen. (Auch wenn es tatsächlich „nur“ ein Lesezeichen ist. Ich hatte den Drang sie auf den Plattenspieler zu legen, wovon die Autorin mir abgeraten hat ;-))

Ich bedanke mich bei der Autorin ganz herzlich für das Rezensionsexemplar!

Link zum Buch:

Teil II: https://lesepartie.de/a-s-tory-und-die-verlorene-geschichte/

Verlag: https://tredition.de/autoren/s-sagenroth-28630/a-s-tory-paperback-130769/

Heisses Pflaster

Heisses Pflaster Buchcover
Alex Pohl

Spannung bis zum Schluss. Nichts ist, wie es auf den ersten Blick scheint. Eine bunte Mischung aus allem, was ein guter Krimi braucht. Ein heisses Pflaster, auf das sich die Ermittler begeben.

Mord oder ein tragischer Unfall. Der Tod des Leiters des Liegenschaftsamtes polarisiert Leipzigs Bürger. Der beliebter Politiker war ein Verfechter eines bunten Stadtbildes. Im Stadtteil Connewitz hielt er die Hand über besetzte Häuser, die nach seinem Tod auffallend schnell an Bauunternehmer Wenger verkauft werden. Dieser zeigt offen seine Sympathie für rechte Gesinnung. Obwohl alles auf einen tragischen Unfall hindeutet, bleibt Kommissar Milo Novic skeptisch und ermittelt gegen die Anweisung seines Vorgesetztes weiter. Das bringt ihn und seine Kollegin Hanna Seiler zeitweise in Schwierigkeiten. Zu stark scheinen die Amtsträger miteinander vernetzt und es gibt einige, die vom Tod des Amtsleiters profitieren. Als ein Polizist bei einem Einsatz im Connewitzer Brennpunkt schwer verletzt wird, führen alle Hinweise zur linken Szene. Für die Beamten wird es ein heisses Pfaster, auf dem sie ihre Ermittlungen weiterführen. Bis ein Video auftaucht, das ein völlig anderes Licht auf den Fall wirft.

Hanna Seiler und Milo Novic ermitteln im Fall Guido Ehrlich und decken dabei etliche Seilschaften in Leipzigs Behörden auf. Aus diesem Grund werden die Kommissare von ihrem Vorgesetzten zurückgepfiffen. Die Verwicklungen der kommunalen Politiker sind jedoch nur oberflächlich. Um was es wirklich geht, erkennen die Kommissare erst in allerletzter Minute.

Seiler und Novic sind völlig unterschiedliche Charaktere, als Kollegen sind sie jedoch ein eingespieltes Team, das trotz starkem Gegenwind weiter ermittelt. Die Zusammenhänge innerhalb der Behörden machen den Fall interessant und die Geschichte lässt dem Leser viel Raum für Spekulationen. Jeder Charakter ist ausgesprochen feinsinnig erdacht. Bauunternehmer Wenger ist beispielsweise eine facettenreiche Figur, die mir zwar nicht sympathisch ist, dennoch mehr zu bieten hat, als nur den skrupellosen, rechten Typen zu geben. Das Ausmaß der Verwicklungen entwirrt sich tatsächlich erst zum Schluss. Meistens wissen wir als Leser nicht wesentlich mehr als die Kommissare.

Im Nebenstrang beginnt Hanna Seiler an dem Selbstmord ihres Mannes zu zweifeln und findet erste Indizien dafür. Hanna erkennt, dass es Parallelen zwischen dem jetzigen Fall und dem Tod ihres Mannes gibt. Die Geschichte ist der Cliffhanger zum nächsten Band, denn bisher hat Hanna keine Ahnung, was tatsächlich mit ihrem Mann geschehen ist.

Bis zur letzten Seite konnte mich die Geschichte fesseln. Mit viel Realitätssinn erzählt der Autor Alex Pohl von den Auseinandersetzungen zwischen den gesellschaftlichen Gegensätzen und wie leicht es sein kann, diese Kontroversen zu beeinflussen. Mich hat der Roman auf seinen über 450 Seiten vollends überzeugt, weil er bis zum Ende die Spannung aufrecht erhalten hat. Empfehlenswert.

Außerdem möchte ich das tolle, außergewöhnliche Buchcover hervorheben, das mich sehr begeistert hat!!!

Ich bedanke mich herzlich beim Penguin Verlag für das Rezensionsexemplar.

Links zum Buch:

https://alex-pohl.de/

https://www.lesejury.de/alex-pohl/buecher/heisses-pflaster/9783328103240

Haarmann

Haarmann Buchcover

Ein Kriminalroman

Dirk Kurbjuweit

Ein gut durchdachter und hervorragend erzählter Kriminalroman aus Sicht des Ermittlers. Absolut überzeugend.

Kommissar Robert Lahnstein wird aus dem Ruhrgebiet nach Hannover versetzt, weil die dortigen Beamten in einem mysteriösen Fall keinerlei Fortschritte machen. Seit geraumer Zeit verschwinden in der Stadt regelmäßig Jungs, ohne eine verfolgbare Spur zu hinterlassen. Anfang der 1920iger Jahre herrscht noch verheerende Armut und traumatisierte Männer, die die grausamen Schlachtfelder des Ersten Weltkrieges überstanden, prägen das Stadtbild.

Immer wieder sitzen verzweifelte Eltern in Lahnsteins Büro, um ihren Sohn als vermisst zu melden. Der Kommissar beginnt zu resignieren, da alle Anhaltspunkte, jede Ermittlung ins Leere laufen. Seinen Instinkt folgend vermutet er, dass die Taten mit der Verrohung im Krieg und dem 175. Milieu zusammenhängen. Ständig kommen Lahnstein Gerüchte zu Ohren, dass jemand mit Menschenfleisch handle. Gibt es einen Zusammenhang zwischen den Vermissten und dem Fleischhandel? Der Kommissar kämpft sowohl gegen die Zeit als auch gegen Kollegen aus den eigenen Reihen. Schnell bemerkt Lahnstein, dass er niemanden vertrauen kann. Verschwundene Akten oder Aussagen von Zeugen, denen nicht nachgegangen wurde. Und immer wieder verschwindet ein Junge. Als überzeugter Demokrat sieht sich Lahnstein besonders gefordert. Viele Bürger glauben nicht an die neue Republik. Es ist auch an Lahnstein zu beweisen, dass diese demokratische Gesellschaft für Recht und Ordnung sorgen kann. Doch je länger er ohne Ergebnis bleibt, desto größer werden seine Zweifel, den Fall aufklären zu können. Auch die Bevölkerung von Hannover lässt ihn ihre steigende Wut spüren. Doch dann folgt er einer glaubhaften Spur, die ihn vielleicht endlich zum Täter führt.

Der Autor Dirk Kurbjuweit erzählt den Kriminalfall des Massenmörders Haarmann aus der Sicht des ermittelnden Kommissars. Aufgrund der Kriegsfolgen leben viele Deutsche 1923/24 in großer Armut. Lebensmittel sind teuer. Die neue Republik hat es schwer sich gegen die Monarchisten und rechte Strömungen zu behaupten. Um das Vertrauen der Bevölkerung nicht gänzlich zu verspielen, müssen in Hannover Ermittlungsergebnisse her. Seit Monaten gibt es keinerlei Hinweise auf den Verbleib der verschwundenen Jungs. Die 175. Szene in Hannover ist bekannt und in den letzten Jahren gewachsen. Immer wieder führen die wenigen Spuren in dieses Milieu, ohne Ergebnis. Lahnstein, im Krieg Flieger gewesen und dann in britische Gefangenschaft geraten, ist SPD Mitglied und von der Demokratie überzeugt. Auf dem Polizeipräsidium ist er mit dieser Einstellung nicht willkommen, was wiederum die Zusammenarbeit mit Kollegen erschwert.

Manche Passagen im Buch, in kursiver Schrift gedruckt, schildern die Geschehnisse aus Sicht des Täters sowie aus Sicht eines der Opfer. Zudem gibt es Zeitsprünge in Lahnsteins Geschichte. So erzählt der Roman von seiner Faszination für die ersten Flugzeuge, von seiner Familie, die er verlor, und von seiner Gefangenschaft. Für den Leser entsteht somit ein umfassende Biografie des Charakters Lahnstein. Dadurch fiel es mir leicht eine Verbindung zu der Hauptfigur aufzubauen und seine Handlungen nachzuvollziehen. Auch wirft der Roman die Frage auf, wo die moralischen Grenzen liegen, um einen dermaßen bestialischen Serienmörder zu überführen. Gerade Haarmanns Schilderungen, wie er die Jungs gesucht, gefunden, mitgenommen und am Ende „verarbeitet“ hat, geben Einblick in seine gestörte Wahrnehmung. Jemanden, der solche Morde verübt, muss man stoppen. Doch welche Mittel rechtfertigen am Ende das Ergebnis? Eine Frage, die sich Lahnstein im Verlauf des Romans stellen muss.

Der Fall des Serienmörders Haarmann ist in der Vergangenheit einige Male künstlerisch aufgegriffen worden. Am eindringlichsten und erschreckendsten wahrscheinlich im Film „Der Totmacher“ aus dem Jahr 1995, in dem Götz George Fritz Haarmann sehr authentisch spielt. Dieser Roman fokussiert sich eher auf die moralische Ebene, in einem stark gebeutelten Land, dass schwer an den Repressalien des Krieges zu tragen hat. In einer Demokratie, die jeden Tag ums Überleben kämpft. Die Sichtweise des Buches hat mich gänzlich überzeugt. Dirk Kurbjuweit erzählt eine fesselnde Geschichte ohne Partei zu ergreifen oder den Zeigefinger zu erheben. Die moralische Frage ist heute genauso aktuell wie damals. Angesichts solch grausamer Morde, ist die Versuchung groß, Mittel und Maß anders abzuwägen, als es die Vorschriften zulassen.

Mich hat der Roman vollends überzeugt. Eine durchweg stimmige Erzählung. Außerordentlich gut geschrieben und durchdacht. Die Geschichte Haarmanns ist mir bekannt, vor allem durch den erwähnten Film. Dieser Kriminalroman wirft ein anderes, sehr interessantes Licht auf die Geschehnisse. Ich bin begeistert und kann das Buch nur empfehlen!

Ich bedanke mich herzlich beim Penguin Verlag für das Rezensionsexemplar.

Links zum Buch:

https://www.randomhouse.de/Buch/Haarmann/Dirk-Kurbjuweit/Penguin/e547613.rhd

https://whatchareadin.de/buecher/haarmann-kriminalroman

A. S. Tory und die verlorene Geschichte

Buchcover A.S. Tory
S. Sagenroth

Der Roman erzählt seine Geschichte mit einer guten Mischung aus Spannung und Leichtigkeit. Doch am Ende ist man nachdenklich, denn der Inhalt ist erschreckend aktuell.

Kurz vor den Herbstferien bekommen Chiara und Sid eine E-Mail von Tory, ein hochbetagter, reicher Engländer, den die jungen Leute im vergangenen Jahr auf einer Reise kennengelernt haben.

Er schickt ihnen eine Adresse in Venedig, eine Geburtstagsanzeige und ein altes Foto. Dazu die Bitte sich auf die Spuren seiner Vergangenheit zu begeben. Eine jüdische Vergangenheit in den 1930iger Jahre in Deutschland. Herauszufinden, wer Tory wirklich ist, spornt Chiara und Sid an.

Neugierig machen sich die jungen Leute auf den Weg nach Venedig. Schnell erhalten sie weitere Anhaltspunkte, die sie nach Wien führen. Auch dort treffen Chiara und Sid auf Menschen, die ihnen helfen Puzzleteile zusammenzutragen. Spätestens jetzt wird den beiden allerdings bewusst, dass nicht jeder erfreut darüber ist, dass sie in der Vergangenheit stochern.

Chiara und Sid reisen weiter nach Berlin. Werden sie dort die letzten Informationen über die wahre Identität Torys erhalten oder ist die Geschichte zu lange her, um noch Spuren zu finden?

Der Roman erzählt in einer gelungenen Mischung aus jugendlicher Leichtigkeit, Spannung und Realitätssinn. Die Hauptfiguren Chiara und Sid sind jung und abenteuerlustig. Sie bewegen sich auf den Spuren der Vergangenheit und schärfen dabei ihren Blick für die Gegenwart. Die Gegenüberstellung von Gestern und Heute hat mir richtig gut gefallen. Da ist kein erhobener Zeigefinger, sondern alles fügt sich in die Geschichte ein. Gerade die Betrachtungsweise aus den Augen eines 17jährigen und einer 20jährigen ermöglicht dem Roman die leichtfüßige Erzählweise.

Zum anderen entzückten mich die Ortsbeschreibungen. Als Leser ist man drin in der Geschichte und bei den Entdeckungstouren der Figuren dabei. Ich bekam direkt Lust zu reisen.

Was die Autorin sich sicher nicht so gewünscht hat, ist wahrscheinlich die seit letzter Woche hochaktuelle Brisanz dieses Themas. Es wäre gut, wenn gerade jüngere Leute diesen Roman lesen. Meiner Meinung nach hat die Autorin sehr geschickt ein wichtiges Thema in einen lebendig geschriebenen Roman verpackt. Sehr gelungen!

Ich bedanke mich ganz herzlich bei der Autorin für das Rezensionsexemplar im e-Book Format.

Links zum Buch:

www.instagram.com/s.sage2018

sagenroth.wordpress.com

https://www.lovelybooks.de/autor/S.-Sagenroth/

NSA – Nationale Sicherheitsamt

Buchcover NSA
Andreas Eschenbach

Gut durchdachte Charaktere machen deutlich, wie gefährlich es wird, wenn die falschen Menschen Zugriff auf unsere Daten bekommen.

Was wäre, wenn… wenn es im Dritten Reich Komputer gegeben hätte? Komputer die je nach Abfrage beliebige Auswerten auswerfen? Emotionslos, präzise im Dienste des Volkes. Was wäre, wenn es mobile Telephone im Dritten Reich gegeben hätte, die sich abhören lassen und an deren Bewegungsprofil sich nachvollziehen lässt, wo sein Besitzer sich rumtreibt?

Das NSA ist das Nationale Sicherheitsamt, gegründet im Kaiserreich, als die Komputer noch mit Lochkarten funktionierten. Die zahlreichen Datensilos im Amt sammeln alle möglichen Daten über die deutschen Bürger. Seit die Regierung das Bargeld abgeschafft hat, zahlen die Bürger mit den Telephonen, einfach und verfolgbar.

Komputerprogramme für Abfragen zu stricken ist absolute Frauensache. Schon in der Schulzeit belegt die unscheinbare Helene Bodenkamp einen Programmstrickerinnen Kurs. Sie gewinnt sogar einen nationalen Preis. Weil Helenes Talent dadurch aufgefallen ist, bietet man ihr nach ihrem Schulabschluss eine Stelle im NSA an.

Helene ist keine glühende Anhängerin der Nazis. Als sie ihre Arbeit im NSA aufnimmt, sieht sie es als normale Tätigkeit. Eine Arbeit, die ihr aufgrund ihres analytischen Denkens liegt. Erst mit der Zeit wird ihr bewusst, welche Macht diese vielen gesammelten Daten haben. Spätestens als sie an der Aufspürung von versteckten Juden beteiligt ist, erkennt Helene, dass sie zu einem wesentlichen Teil des Systems geworden ist. Um ihr eigenes Geheimnis zu schützen, versucht sie die Programme zu manipulieren.

Eugen Lettke ist ein Vorzeigearier und Sohn eines Kriegshelden. Allerdings zieht es ihn nicht an die Front, so eine Art Held möchte er nicht werden. Er ist Analyst im NSA und hofft, die Anstellung schützt ihn vor dem Einberufungsbefehl. Als Analyst durchforstet er die vielen Meinungsforen im Weltnetz. In erster Linie manipuliert er das US amerikanische Forum. Doch nebenher verfolgt er noch private Interessen. Eugen befindet sich auf einem persönlichen Rachefeldzug. Grund dafür ist ein demütigender Nachmittag in seiner Jugendzeit, den er nicht vergessen kann. Niemand demütigt den Sohn eines Kriegshelden.

Durch seine privaten Recherchen macht Eugen eine brisante Entdeckung von nationalem Interesse. Zusammen mit Helene versucht er dieser Entdeckung nachzugehen. Die beiden schaffen es, sich in ein amerikanisches Komputersystem zu haken. Beide sind überwältigt von der Bedeutung ihrer Entdeckung. Als sie ihre Ergebnisse an die Regierung weitergeben, werden Eugen und Helene erst gefeiert, doch nur wenige Tage später kommt alles anders. Die Leben der beiden ändern sich schlagartig.

Andreas Eschenbach greift mit seinem Roman in die Geschichte ein, in dem er die modernen, technischen Errungenschaften ins Dritte Reich überträgt. Eine schreckliche Vorstellung, welche Möglichkeiten Hitler damit gehabt hätte. Genau diese Möglichkeiten greift der Roman auf. Dem Volk ist nicht bewusst, in welchem Umfang ihre Daten gespeichert und verarbeitet werden. Jeder Kauf, jede Bewegung und vieles mehr ist nachvollziehbar. Dennoch kann sich niemand dem entziehen. Was will man machen, wenn es kein Bargeld gibt?

Die Geschichte rund um das NSA macht nachdenklich. Ich hatte oft China vor Augen. Das chinesische Punktesystem für Bürger oder die Gesichtserkennung. Der Autor wirft etliche ethische und philosophische Fragen auf. Im letzten Drittel schneidet er sogar das Thema manipuliertes Denken an. Wird es möglich sein, das Gehirn eines Menschen zu steuern?

Die Geschichte führt dem Leser vor Augen, wie Daten genutzt werden können. Das ist Realität. Glücklicherweise leben wir noch in einem Land, in dem wir einigermaßen geschützt sind.

Hin und wieder hatte die Erzählung so ihre Schwachstellen, über die ich aufgrund des großen Ganzen hinweg gelesen habe. Die Geschichte der Hauptfiguren wird abwechselnd im Rückblick erzählt. So habe ich als Leser einen guten Zugang zu den beiden bekommen.Eugen Lettke ist als Charakter sehr ambivalent. Trotz seines oftmals widerlichen Verhaltens, ist er mir nie gänzlich unsympathisch geworden. Das Ende kommt völlig anders daher, als ich es erwartet habe. Meine erste Reaktion war leichte Enttäuschung, bis mir klar wurde, dass ein anderes Ende den Roman völlig verfälscht hätte.

Links zum Buch

https://www.lovelybooks.de/autor/Andreas-Eschbach/NSA-Nationales-Sicherheits-Amt-1569360209-w/rezension/2322477092/

http://www.andreaseschbach.de/werke/romane/nsa/nsa.html

Die Physikerin

Buchcover Die Physikerin
Moritz Hirche

Spannendes Thema. Allerdings viel zu langatmig, um die Spannung bis zum Ende halten zu können. Schade!

Dr. Helena Bartsch ist Physikerin am Kaiser Wilhelm Institut und forscht in Sachen Uran. Aufgrund dieser Forschung gerät sie in den Fokus des nationalsozialistischen Regimes. Im Sommer 1944 steht das Deutsche Reich unter Druck. Eine Uranbombe könnte den Krieg entscheiden.Auch die Amerikaner tüfteln an einer ähnlichen Bombe und sie sind nah am Ziel.

Helena Bartsch erkennt schnell, dass sie sich dem Regime nicht entziehen kann ohne ihr eigenes Todesurteil zu unterschreiben. Doch nicht nur die Nazis bekunden Interesse an ihr, sondern auch eine Widerstandsgruppe. Die Gruppe verlangt von ihr Informationen über das geheime Projekt. Unvermittelt gerät die junge Wissenschaftlerin zwischen die Fronten. Eine Situation, in der die Physikerin über sich hinaus wachsen muss, um zu überleben.

Die nuklearen Tests sind vom britischen Geheimdienst MI 6 nicht unbemerkt geblieben. Um mehr herauszufinden starten der MI 6 zusammen mit dem amerikanische Geheimdienst eine Aufklärungsoperation. Frederik Mercer, amerikanischer Spion, wird nach Deutschland geschleust. Als der Spion herausfindet, weshalb gerade er für diese Mission ausgewählt wurde, erkennt er seine Rolle als unbedeutende Figur in einem großen Spiel. Dennoch setzt er alles auf eine Karte, dass schlimmste zu verhindern.

Ein spannendes Thema für einen Agententhriller. Die erste Romanhälfte ist unterhaltsam und fesselnd geschrieben. Leider verliert sich die Geschichte dann in allzu detailreichen Beschreibungen. Die Entwicklung der Hauptfigur Helena Bartsch ist sehr oberflächlich ausgefallen. Als Leser fiel es mir manchmal schwer ihrer Taten nachzuvollziehen. Manche Handlungsstränge verwirren mehr, als dass sie der Erzählung gut tun. Bei einigen Ereignissen ist mir der Sinn nicht deutlich geworden.

Dem Roman hätten mindestens 100 Seiten weniger gut getan. Insbesondere das Ende zieht sich wie Kaugummi. Das letzte Kapitel ist meiner Meinung völlig unnötig und überzogen. Für den Roman hat es keinerlei Bedeutung. Alles in allem handelt der Roman über ein spannendes Thema. Eine Spannung, die der Roman leider nicht bis zum Ende beibehalten kann.

Die junge Frau und die Nacht

Guillaume Musso

Bis zur letzten Seite ein spannendes Buch, dessen Geschichte immer neue Wendungen nimmt.

Anlässlich eines Schuljubiläums reist Thomas in seine Heimat an die Côte d’Azur. Seit Jahren lebt er als Schriftsteller in New York und besucht den Süden Frankreichs und seine Familie nur, wenn er sich auf Lesereise befindet. Diesmal hat eine E-Mail seines ehemaligen besten Freundes Maxime Thomas dazu bewogen zu kommen. Die beiden Männer teilen seit Jahrzehnten ein dunkles Geheimnis, dass im Zuge dieses Jubiläums ans Licht kommen könnte.

Um das zu verhindern beginnen die beide Freunde das Geschehen von damals noch einmal neu zu betrachten. Alles begann mit dem spurlosen Verschwinden einer Mitschülerin. Die 19jährige Vinca war Thomas unerfüllte Jugendliebe, deren plötzliches Verschwinden eine noch immer tiefe Wunde bei ihm hinterlassen hat. Tatsächlich entdecken Thomas und Maxim neue Hinweise und haben durch den Abstand der Jahre eine andere Sichtweise auf die Dinge entwickeln. Es stellt sich heraus, dass der schicksalhafte Tag vor 25 Jahren bis in die jetzige Zeit hineinreicht und mehr Menschen betrifft, als Thomas und Maxim bisher angenommen haben.

In seinem neuen Roman läuft Guillaume Musso wieder zur Höchstform auf. Geschickt kombiniert er ein undurchsichtiges Gewirr von Verstrickungen rund um das Verschwinden der jungen Frau. Nichts ist so, wie es auf den ersten Blick scheint. In einem gewohnt flüssigen, gut lesbaren Schreibstil, entwickelt sich die Geschichte zu einem spannenden Krimi, welcher bis zur letzten Seite seine Intensität nicht verliert. Und natürlich lernt man ganz nebenbei auch einiges über die Gegend rund um Antibes. Ein wirklich gelungener Krimi, perfekt für den Sommerurlaub.

VOX

Christina Dalcher

Ein aufrüttelnder Roman, spannend erzählt, dessen Ende leider etwas konfus daherkommt.

Seit gut einem Jahr haben in den USA christliche Fundamentalisten, mehrheitlich gewählt, die Macht übernommen. Die Regierung legt besonderen Wert auf das traditionelle Rollenverständnis von Mann und Frau. Dementsprechend müssen alle Frauen ihre Arbeitsplätze räumen, um für ihre Familie zu sorgen. Damit die Frauen ihren neuen gesellschaftlichen Platz anerkennen, dürfen sie nur noch 100 Wörter pro Tag sprechen. Jede Frau und jedes Mädchen bekommt ein Armband angelegt, welches die Wörter zählt. Jede Überschreitung wird mit Stromstößen geahndet.

Dr. Jean McClellan, Wissenschaftlerin, lebt mit ihrem Mann und den 4 Kindern in einem Vorort von Washington. Jean leidet unter dem Regime und denkt täglich darüber nach, dass sie sich nie sonderlich für Politik begeistert hat. Zu ihrer Studentenzeit hat sie nie an Demonstrationen teilgenommen. Sie ist seit Ewigkeiten nicht mehr zur Wahl gegangen. Sie hat niemals geglaubt, sich jemals in solch einer Situation wiederzufinden. Nun ist sie wortlos gemacht. Ihr besonderes Augenmerk liegt auf ihrer sechsjährigen Tochter, die ebenfalls das Kontingent von 100 Wörtern nicht überschreiten darf.

Als der Bruder des Präsidenten schwer verunglückt und Teile seines Gehirns in Mitleidenschaft gezogen sind, kommt die Regierung auf Jean zu. Ein Jahr zuvor gehörte Jean dem Team zur Erforschung eines Serums an, welches die Sprachfähigkeit nach schwerwiegender Gehirnschädigung wieder herstellt. Jean stimmt zu weiter zu forschen und bekommt im Gegenzug für diese Zeit ihre Stimme wieder. Doch schnell erkennt Jean, dass es der Regierung um viel mehr geht, als um ihr Serum. Auch den angeblichen Unfall zweifelt Jean an. Ihr bleibt nicht viel Zeit, um den Kampf für ihre Freiheit endlich aufzunehmen.

Christina Dalcher beschreibt in ihrem Roman eine rückwärtsgewandte Regierung, welche Frauen, Homosexuelle und anders Denkende mit allen Konsequenzen aussortiert. Die Schikane der Wortzähler ist nur eine von vielen. Frauen haben keinen Zugang zu Büchern, PCs, Mobiltelefonen, es gibt Arbeitslager und Kameras, auch auf Privatgrundstücken. Eindringlich schildert der Roman zu Beginn wie schleichend es zu den Veränderungen gekommen ist. Das Buch hat eine deutliche Aussage

„Das Böse triumphiert allein dadurch, dass gute Menschen nichts unternehmen“

Schon nach den ersten Seiten hat mich der Roman gefesselt. Am meisten hat mich allerdings die Tatsache erschreckt, dass mir das dort aufgezeigte Szenario überhaupt nicht absurd vorkam. Bis ungefähr zur Buchmitte ist die Geschichte schlüssig erzählt. Ab dem Zeitpunkt, als Jean beginnt im Institut zu arbeiten, wird die Handlung stellenweise konfus. Vielfach fiel es mir schwer zu folgen, da mir z.B. teils das wissenschaftliche Wissen fehlt, um alles nachvollziehen zu können. Hinzu kommt, dass im letzten Drittel viele Handlungsstränge zusammenkommen. Für mich ist das Ende ein wenig verwirrend und es kommen zu viele Figuren zusammen, dadurch wirkt es teilweise konstruiert.

Alles in allem ist es ein lesenswerter Roman, der dem Leser vor Augen hält, was passiert, wenn man den Geschehnissen um sich herum mit Gleichgültigkeit begegnet. Was würdest du tun, um frei zu sein? Eine zentrale Frage im Buch!