Die Hunrigen und die Satten

Timur Vermes

Ein Satireroman mit Schwächen. Böse, amüsant, unterhaltsam und politisch aktuell. Doch etwas zu lang geraten.

Europas Grenzen sind dicht. Deutschland hat die Obergrenze eingeführt. Die Flüchtlinge sitzen in riesigen Lagern in Afrika fest und kaum jemand kann noch die Kosten für einen Schlepper aufbringen. Ein junger afrikanischer Flüchtling sieht in einem deutschen TV Team, welches im Lager dreht, seine Chance. Es reift die Idee, sich, von dem Fernsehteam begleitet, zu Fuß nach Deutschland aufzumachen. Und dann marschieren sie los, 150.000 Flüchtlinge. Können sie alle Hindernisse überwinden und es bis nach Deutschland schaffen?

Ein TV Format plant ein Spezial. Der Sender schickt dazu sein TV Sternchen Nadeche Hackenbusch, der Engel im Elend, in eines der größten Flüchtlingslager jenseits der Sahara. Allerdings rechnet der private Fernsehsender nicht damit, dass der Engel sich als solcher entpuppt und plötzlich einen Flüchtlingstreck von 150.000 Menschen Richtung Deutschland anführt. Die Kameras halten drauf, exklusiv und täglich. Logistisch gut durchdacht, unterstützt von Spenden, marschiert der Tross durch Afrika. Jeden Tag 15 km.

Während der Zug marschiert, werden auch deutsche Politiker aufmerksam. Doch man wartet ab, ob die Menschenflut den Weg nach Deutschland wirklich zu Fuß bewältigen kann. Wenn die Versorgung nicht zusammenbricht, dann stoppt irgendeine Ländergrenze den Flüchtlingsstrom. So die Hoffnung. Aber die anderen Staaten lassen sie ziehen. Erst als die Flüchtlinge kurz vor Europas Grenzen sind, nimmt die Panik Fahrt auf. Sowohl in der Politik, als auch bei den besorgten Bürgern.

Nach „Er ist wieder da“ ist dies Timur Vermes zweiter Roman. Wieder ist es eine gesellschaftliche Satire über ein immer noch aktuelles Thema, die vor allem der zynischen Medienbranche und der ideenlosen Politik den Spiegel vorhält.

Nadeche Hackenbusch ist eine Mischung aus Gina Lisa Lohfink und Verona Pooth. Etwas naiv, dumm, aber wahnsinnig selbstbewusst und durchsetzungsfähig. Es ist nur schwer zu glauben, dass so jemand über ein Jahr hinweg unter den primitivsten Bedingungen bei diesem Flüchtlingstreck bleibt. Ebenso bezweifele ich, dass solch ein Format über diesen langen Zeitraum hinweg täglich hohe Einschaltquoten bekommt.

Begleitet wird Nadeche von der Boulevardjournalistin Astrid von Roëll. Der Roman enthält auch einige Artikel, deren Oberflächlichkeit kaum zu überbieten ist.

Der Produzent der Sendung ist kein geringer als der, aus dem ersten Roman bekannte, Sensenbrink. Er verkauft weit mehr Werbeminuten als er hat und das zu Höchstpreisen. Fäkalien will er nicht im Bild haben, aber wenn es Tote gibt, kann er ja nichts dafür. Die Menschen haben sich aus freiem Willen für diese Tortour entschieden.

Auf der politischen Seite gibt es den betagten Innenminister, der das Problem früh erkennt und dann mit einer guten Lösung überrascht. Leider stößt diese auf wütenden Protest. Sein Vertrauter, ein schwuler, ehrgeiziger Staatssekretär, versucht Härte zu zeigen. Sehr gelungen ist für mich die Gegenüberstellung der strategischen Besprechungen von Politik und TV.

Der Roman ist sehr böse und macht deutlich, dass Europa keinerlei Lösung hat, um den aktuellen Problemen zu begegnen. Die Dialoge und Zeitschriftenartikel lockern den Text auf. Dennoch zieht sich das letzten Drittel sehr in die Länge, als ob das Buch gar kein Ende nehmen will. Meiner Meinung nach wäre die Geschichte mit weit weniger Seiten erzählt. Darüber hinaus konnte mich das Ende wenig überzeugen.

Am meisten fehlt mir die eindeutige Abgrenzung nach Rechts. Das ist für mich zu schwammig. Natürlich kann man Tendenzen dahingehend erkennen, dass die eigentliche Bedrohung von dem wütenden Mob ausgeht mehr als von den friedlichen Flüchtlingen. Jedoch hätte ich mir in diesem Fall wesentlich mehr Klarheit gewünscht. Zudem sollte man erwähnen, dass nicht alle Flüchtlinge unbedingt und ausschließlich nach Deutschland wollen.

Alles in allem ein lesenswerter Roman, der nochmal einen zynischen, aber auch amüsierten Blick auf die aktuelle Lage wirft.

Hier ist noch alles möglich

Gianna Molinari

 

Der Roman kann die Distanz zwischen Figur und Leser nicht überbrücken. Die gezwungene Eigenartigkeit hat mich über weite Strecken gelangweilt.

Eine junge Frau beginnt ihre Arbeit als Nachtwächterin in einer Fabrik, welche kurz vor der Schließung steht. Sie bezieht ein geräumiges Zimmer in den Fabrikhallen. Nur noch wenige Mitarbeiter sind dort beschäftigt. Der Koch behauptet auf dem Gelände einen Wolf gesehen haben. Die Nachtwächterin hält die Augen nach dem Wolf offen und baut zusammen mit einem Kollegen eine Fallgrube. Wird der Wolf in diese Falle tappen?

Die Fabrik, in welcher die junge Frau ihre Arbeit als Nachtwächterin aufnimmt, wird nur noch kurze Zeit existieren. Es werden dort Verpackungen hergestellt, doch das Geschäft rentiert sich nicht mehr. Die Nachtwächterin freundet sich mit einigen der verbliebenen Mitarbeitern an. Auf dem Gelände soll sich ein Wolf herumtreiben. Einige Jahre zuvor fiel ein Mann vom Himmel, dessen Identität nie geklärt wurde. Die junge Frau denkt über den Wolf nach. Sie denkt darüber nach, wie ein Mann vom Himmel fallen kann und fragt sich, wer er war. Sie denkt nicht darüber nach, wohin sie nach der Schließung der Fabrik gehen soll.

Der Roman konnte mich leider nicht überzeugen. Besonders die Hauptfigur blieb mir fremd. Ich habe keinen Zugang finden können. Die eigene Denkweise der Protagonistin kam mir häufig zu gewollt vor. Streckenweise habe ich Seiten nur überflogen, weil ich nicht wusste, was ich damit anfangen soll. Sprachlich gut geschrieben, fehlt für mich das gewisse Etwas an der Erzählung, das mich fesselt, das mich berührt. Ob „von hier aus noch alles möglich ist“ bleibt fraglich, denn Zukunftsvisionen kommen in dem Roman nicht vor.

VOX

Christina Dalcher

Ein aufrüttelnder Roman, spannend erzählt, dessen Ende leider etwas konfus daherkommt.

Seit gut einem Jahr haben in den USA christliche Fundamentalisten, mehrheitlich gewählt, die Macht übernommen. Die Regierung legt besonderen Wert auf das traditionelle Rollenverständnis von Mann und Frau. Dementsprechend müssen alle Frauen ihre Arbeitsplätze räumen, um für ihre Familie zu sorgen. Damit die Frauen ihren neuen gesellschaftlichen Platz anerkennen, dürfen sie nur noch 100 Wörter pro Tag sprechen. Jede Frau und jedes Mädchen bekommt ein Armband angelegt, welches die Wörter zählt. Jede Überschreitung wird mit Stromstößen geahndet.

Dr. Jean McClellan, Wissenschaftlerin, lebt mit ihrem Mann und den 4 Kindern in einem Vorort von Washington. Jean leidet unter dem Regime und denkt täglich darüber nach, dass sie sich nie sonderlich für Politik begeistert hat. Zu ihrer Studentenzeit hat sie nie an Demonstrationen teilgenommen. Sie ist seit Ewigkeiten nicht mehr zur Wahl gegangen. Sie hat niemals geglaubt, sich jemals in solch einer Situation wiederzufinden. Nun ist sie wortlos gemacht. Ihr besonderes Augenmerk liegt auf ihrer sechsjährigen Tochter, die ebenfalls das Kontingent von 100 Wörtern nicht überschreiten darf.

Als der Bruder des Präsidenten schwer verunglückt und Teile seines Gehirns in Mitleidenschaft gezogen sind, kommt die Regierung auf Jean zu. Ein Jahr zuvor gehörte Jean dem Team zur Erforschung eines Serums an, welches die Sprachfähigkeit nach schwerwiegender Gehirnschädigung wieder herstellt. Jean stimmt zu weiter zu forschen und bekommt im Gegenzug für diese Zeit ihre Stimme wieder. Doch schnell erkennt Jean, dass es der Regierung um viel mehr geht, als um ihr Serum. Auch den angeblichen Unfall zweifelt Jean an. Ihr bleibt nicht viel Zeit, um den Kampf für ihre Freiheit endlich aufzunehmen.

Christina Dalcher beschreibt in ihrem Roman eine rückwärtsgewandte Regierung, welche Frauen, Homosexuelle und anders Denkende mit allen Konsequenzen aussortiert. Die Schikane der Wortzähler ist nur eine von vielen. Frauen haben keinen Zugang zu Büchern, PCs, Mobiltelefonen, es gibt Arbeitslager und Kameras, auch auf Privatgrundstücken. Eindringlich schildert der Roman zu Beginn wie schleichend es zu den Veränderungen gekommen ist. Das Buch hat eine deutliche Aussage

„Das Böse triumphiert allein dadurch, dass gute Menschen nichts unternehmen“

Schon nach den ersten Seiten hat mich der Roman gefesselt. Am meisten hat mich allerdings die Tatsache erschreckt, dass mir das dort aufgezeigte Szenario überhaupt nicht absurd vorkam. Bis ungefähr zur Buchmitte ist die Geschichte schlüssig erzählt. Ab dem Zeitpunkt, als Jean beginnt im Institut zu arbeiten, wird die Handlung stellenweise konfus. Vielfach fiel es mir schwer zu folgen, da mir z.B. teils das wissenschaftliche Wissen fehlt, um alles nachvollziehen zu können. Hinzu kommt, dass im letzten Drittel viele Handlungsstränge zusammenkommen. Für mich ist das Ende ein wenig verwirrend und es kommen zu viele Figuren zusammen, dadurch wirkt es teilweise konstruiert.

Alles in allem ist es ein lesenswerter Roman, der dem Leser vor Augen hält, was passiert, wenn man den Geschehnissen um sich herum mit Gleichgültigkeit begegnet. Was würdest du tun, um frei zu sein? Eine zentrale Frage im Buch!

Was man von hier aus sehen kann

Mariana Leky

„Eine nachdenkliche und zugleich fröhliche Erzählung über facettenreiche, eigenwillige Dorfbewohner.“

Wenn Selma in der Nacht von einem Okapi träumt, wird in den folgenden 24 Stunden ein Dorfbewohner sterben. Niemand weiß, wen es treffen wird. Für manche ist es der Ansporn Unausgesprochenes zu offenbaren, für andere wiederum, sich bis auf Weiteres keinerlei Gefahr auszusetzen.

In dem kleinen Dorf im Westerwald kennt jeder jeden und jeder weiß über den anderen Bescheid. Außenseiter werden integriert, den jeder besetzt eine gleichwertige Rolle in der Gemeinschaft.

Luise ist 10 Jahre alt, als ihre Großmutter Selma von einem Okapi träumt. Luise erfährt daraufhin zum ersten Mal, was Verlust bedeutet. Als die erwachsene Luise sich ernsthaft verliebt, könnte es nicht ungünstiger sein. Denn Frederik ist buddhistischer Mönch und entschlossen, sein Leben in einem japanischen Kloster zu verbringen. Es ist wie bei einem Okapi, im Prinzip passt nichts zusammen und ergibt doch ein Ganzes.

Mariana Leky schildert die eigenwilligen Dorfbewohnern mit all ihren Facetten, in glücklichen und traurigen Zeiten. Die einzelnen Figuren sind mit viel Liebe beschrieben, niemals überzogen oder lächerlich. Zugleich ein nachdenkliches und fröhliches Buch. Manche Kapitel waren mir etwas zu langatmig, dennoch ist die Romanerzählung ganz wunderbar. Nach der letzten Seite, lässt das Buch den Leser mit einem seligen Gefühl zurück. Eine Geschichte mit viel Tiefgang und Charme.

Unter der Drachenwand

Arno Geiger

1944. Wie lange dauert der Krieg noch, was kommt danach, wer wird es überleben? Tagebuchähnlich erzählt, gibt der Roman Einblicke in die Gefühlswelt eines jungen Soldaten, der in einem österreichischen Dorf nahe der Drachenwand seine Verwundung auskuriert und langsam wieder beginnt selbstbestimmt zu leben.

 

1944 läutet das Ende des Krieges ein. Doch wann kommt das Ende und wie wird es aussehen? Veit Kolbe, ein junger Soldat, verwundet in Russland, ist auf Heimaturlaub, um sich auszukurieren. Fünf Jahre Front haben ihm alle Illusionen geraubt. Wird er jemals ein selbstbestimmtes Leben führen, in dem er eigene Entscheidungen treffen kann?

Nach seiner schweren Verwundung bekommt Veit Kolbe Heimaturlaub und fährt zu seinen Eltern nach Wien. Seit fünf Jahren ist er Soldat. Zuvor war er Schüler. Mittlerweile zweifelt er an einer selbstbestimmten Zukunft, fühlt sich um diese Jahre betrogen. Die Erfahrungen an der Front lassen ihn an dem Regime zweifeln. Häufig gerät er mit seinem Vater, einem überzeugten Nationalsozialist, aneinander. Deshalb beschließt Veit in das kleine Dorf Mondsee umzusiedeln. Dort ist sein Onkel Polizist und beschafft ihm eine Unterkunft. In diesen Monaten in Mondsee erfährt Veit erstmals so etwas wie ein normales, erwachsenes Leben. Er findet einen Freund, den „Brasilianer“, welcher davon träumt ein weiteres Mal nach Südamerika zu reisen, um dann dort zu bleiben. Und Veit findet eine Frau, Margot aus Darmstadt, die er lieben lernt. Im Laufe 1944 rückt die Front näher heran. Das letzte soldatische Aufgebot wird verpflichtet. Wie lange kann er sich noch auf seine Verletzung berufen?

Eindringlich schildert Arno Geiger die Gefühlswelt dieses jungen Mannes, der es leid ist, sein Leben für eine Sache zu opfern, an die er längst nicht mehr glaubt. Er fühlt sich um sein Leben und seine Träume betrogen. Geplagt von schrecklichen Bildern des Erlebten, kämpft er mit Angstzustände und Panikattacken.

Neben Veit Kolbes tagebuchähnlichen Erzählungen, geben auch die Briefe von Margots Mutter aus Darmstadt Einblicke in das tägliche Leben. 1944 verstärken sich die Luftangriffe und die Front kommt näher.

Auch über das tragische Schicksal eines aus Wien stammenden, verschickten Mädchens und dessen Familie berichtet der Roman.

Die Briefe des Wiener Juden Oskar Meyer, der nach Budapest flieht und dort vom Nationalsozialismus wieder eingeholt wird, stechen aus der Erzählung heraus und haben sich mir nicht erschlossen. Oskar Meyer steht für mich in keinerlei Verbindung zu den anderen Figuren. Natürlich ist auch sein Schicksal es wert erzählt zu werden, doch sein Auftauchen in dem Roman erklärt sich nicht. Somit ist es jedes Mal eine Unterbrechung des Erzählflusses, wenn er zu Wort kommt. Die einzige Verbindung, die ich erkennen konnte, ist der gleiche Wiener Bezirk, aus dem die meisten Figuren stammen.

Mich hat die Geschichte tief berührt. Sich bewusst zu machen, wie sehr der Lauf der Geschichte einzelne Lebensläufe beeinflusst hat. Veit Kolbes Angstzustände und seine Hoffnung auf das Kriegsende, sind eindringlich und realistisch geschildert. Ich habe mit ihm gehofft, dass er es schafft sich weiter „zu drücken“. In den Bemerkungen auf den letzten Romanseiten erfährt der Leser, was aus den Protagonisten geworden ist.

Alles in allem ein empfehlenswerter und berührender Roman, der vom Alltag, mit all seiner Brutalität und Normalität, der Menschen im Jahr 1944 erzählt.

 

Und Marx stand still in Darwins Garten

Darwin und Marx
Und Marx stand still in Darwins Garten

Ilona Jerger

„Ein eindrucksvoller, nachdenklicher Roman über zwei Persönlichkeiten, die das moderne Denken stark beeinflussten“

Und Marx stand still in Darwins Garten“ erzählt von einer fiktiven Begegnung zweier bedeutenden Personen der neuzeitlichen Wissenschaft, die im Temperament nicht unterschiedlicher hätten sein könnten. Beide befinden sich in ihren letzten Lebensjahren und haben mit allerlei körperlichen Gebrechen zu kämpfen.

Durch Zufall werden sie von einem Arzt, Dr. Beckett, behandelt. Ein moderner, der Wissenschaft zugeneigter Mann, welcher bei seinen Diagnosen den ganzen Menschen in Betracht zieht. Durch seinen Behandlungsansatz nimmt Dr. Beckett sich die Zeit für Gespräche. Durch sein Interesse und seine Neugier an den Forschungen Darwins und dem Wesen Marx, kommt es häufig zu Diskussionen über moderne Thesen. Die alles bestimmende Frage: Gibt es Gott?

Charles Darwin ist alt geworden. Sein Körper gibt ihm das auf vielfältige Weise zu verstehen. Kurz vor seinem Abschluss zur Erforschung der Regenwürmer, lässt er sein Leben Revue passieren. Seine Evolutionstheorie widerlegt die Schöpfungsgeschichte und stellt damit die Existenz Gottes in Frage. Seine zutiefst gläubige Frau, versucht ihn am Ende des Lebens zu bekehren. Atheisten versuchen Darwin als Vorbild zu nutzen. Doch Darwin selbst weigert sich seine Forschungen in einem anderen Kontext als den naturwissenschaftlichen zu sehen.
Marx kämpft in seinem Londoner Exil, nur wenige Meilen von Darwin entfernt, mit dem zweiten Band des Kapitals. Ihn plagt eine schwere Lungenentzündung. Ohne die Zuwendungen seines Freundes Engels käme Marx kaum über die Runden.

Ilona Jerger beschreibt die letzten Monate zweier großer Wissenschaftler. Darwin ein gut situierter, konservativer Mann der Upperclass. Marx stets pleite, aufbrausend und mit revolutionären Gedanken. Durch die anschauliche Erzählung der Autorin kommt man der Persönlichkeit der beiden Männer näher, die trotz aller Unterschiede auch viel gemein haben.

Der gemeinsame Arzt als verbindende Figur, nimmt durch seine eigenen Gedanken zu Gott und der modernen Arbeitswelt, eine vermittelnde Stellung ein. Der Roman erzählt auf ruhige, nachdenkliche Art von den damals vorherrschenden Themen. Vor allem die naturwissenschaftlichen Forschungen, stellen die alte Grundordnung in Frage.

Zwar erklärt der sehr gut recherchierte Roman vieles, dennoch ist es von Vorteil ein Grundwissen über die Theorien der Zeit zu haben. Ebenfalls sollte man ein gewisses Interesse für das Thema mitbringen, ansonsten wird es anstrengend. Ich für meinen Teil habe einige bemerkenswerte Details über die Person Darwins erfahren. Es ist auf jeden Fall ein Buch, das zum Nachdenken anregt und den Leser am Ende etwas klüger gemacht hat.

 

Sechs Koffer

Roman Sechs Koffer
Sechs Koffer von Maxim Biller

Direkt. Schnörkellos. Auf den Punkt gebracht schildert der Roman eine Familie, die in ihren Reihen einen Verräter vermutet.

Der Autor Maxim Biller erzählt in seinem aktuellen Roman „Sechs Koffer“ wie die Umstände, welche zu dem gewaltsamen Tod des Großvaters führten, die Familie spalten.

Zu Beginn der 1960iger Jahre. Der Tate, sein Großvater, lebte in der Sowjetunion. Zwei seiner vier Söhne leben in Prag, so auch Maxim Billers Vater. Die beiden anderen Brüder haben sich rechtzeitig in den Westen abgesetzt. Der Tate war geschäftstüchtig und er „handelte“ unter anderem mit westlichen Devisen und Sachwerten. Irgendjemand hat seine Geschäfte an den Geheimdienst verraten, denn der Tate wurde verhaftet und zum Tode verurteilt. Jeder in der Familie stellt im Geheimen für sich Mutmaßungen darüber an, wer den Tate verraten hat. Ein offenes Gespräch sucht keiner und so zerrütten unausgesprochene Verdächtigungen die Familie.

Der Großteil des Buches ist in der „Ich-Form“ formuliert. Der Autor erzählt von seiner Kindheit im kommunistisch geprägten Prag . Schon als Kind macht auch er sich Gedanken um die Schuldfrage. Wer hat den Großvater verraten? In den 1970iger Jahren, die gesamte Familie wohnt im Westen, macht er als Heranwachsender eine Entdeckungen, welche seine Kindheitstheorie in Frage stellt.

Schnörkellos und direkt formuliert Maxim Biller die Geschichte seiner Familie. Sechs Charaktere der Familie schildern ihre Perspektive zu den damaligen Vorgängen. Dem Autor ist es gelungen die Stimmungen in seiner Familie einzufangen. Zudem zeigt er antisemitische Strömungen im Kommunismus auf sowie er auch kurz das frauenfeindliche Benehmen in der tschechischen Filmindustrie erwähnt.

Der Roman macht deutlich wie sehr ein diktatorischer Überwachungsstaat das private Familienleben beeinflussen kann, auch wenn die Familie es schafft dem Staat zu entfliehen. Beeindruckend!

Der Roman ist auf der Longlist des deutschen Buchpreises erschienen.

 

Sturmzeit – Die Stunde der Erben

Romancover
Sturmzeit – Die Stunde der Erben

Charlotte Link

Im wahrsten Sinne handelt dieser Teil von der Stunde der Erben. Die nächste Generation muss ihren Platz in der Welt finden und Schicksalsschläge überstehen. Der dritte Teil steht den Vorgängern in nichts nach.

Die Patriarchin Felicia Lavergne ist alt geworden. Sie sucht nach einem würdigen Nachfolger in der Geschäftsführung der Spielwarenfabrik Wolff & Lavergne. Chris, der Sohn ihrer Tochter Belle, die Andreas Rathenberg geheiratet hat, erscheint Felicia eine gute Wahl zu sein. Der idealistische junge Mann folgt gerne dem Ruf seiner Großmutter und verlässt Los Angeles, um in München zu studieren. Doch statt Betriebswirtschaft entscheidet Chris sich für Jura. Darüber hinaus passen seine politischen Aktivitäten so gar nicht zu einem zukünftigen Unternehmer. Allerdings rückt auch Alexandra, Chris‘ jüngere Schwester und Felicia sehr ähnlich, in den Blick der Großmutter. Ist sie die richtige Person, um das Erbe anzutreten?

Der dritte Teil der Familiensaga spielt in erster Linie in den 1980iger Jahren. Die beiden alten und weiterhin verfeindeten Damen Felicia und Kassandra leiten gemeinsam die Spielwarenfabrik. Kassandra übergibt ihren Anteil an Dan Liliencron, den Sohn von Peter Liliencron. Auch Felicia möchte ihr Erbe in guten Händen wissen. Susannes Töchter kommen dafür nicht in Frage. Die Kinder von Belle haben da weit mehr Potential.

Belle wohnt mit ihrem Mann Andreas Rathenberg in Los Angeles. Ihre Träume von einer Schauspielkarriere haben sich nicht erfüllt. Ferner plagen Belle immer noch starke Schuldgefühle gegenüber ihrem ersten Mann, von dem sie seit Stalingrad nie wieder etwas gehört hat.

Susanne ist über die Taten ihres Ehemanns, SS Sturmführer Hans Velin, nie hinweggekommen. Auch über ihren Töchtern liegt der Fluch des Vaters. Besonders der jüngsten, Sigrid, fällt es schwer ihren Weg zu finden. Als sie auf einem von Felicias Festen unerwartet auf Martin Elias trifft, welcher Deutschland verlassen hat und nun in einem israelischen Kibbuz lebt, verändert sich ihr Leben von Grund auf.

Nicola und Sergej leben bis zu ihrem Rentenalter in der DDR und ergreifen dann die Chance an den Ammersee überzusiedeln. Nur ihre Tochter Julia und ihrer Familie bleiben in der DDR. Doch Julias Hass auf das System wird mit der Zeit größer, so dass sie ihre Flucht plant.

Belles Tochter Alexandra ist Felicia sehr ähnlich. Somit ist es nicht überraschend, dass sie in deren Fußstapfen tritt und sich in der Geschäftswelt behauptet. Jedoch setzt sie alles auf eine Karte und es scheint, als ob sie zu hoch gepokert hat.

In „Die Stunde der Erben“ ist die Handlung hauptsächlich von Felicias Enkel bestimmt. Die 1980iger Jahre stehen im Zeichen von Friedensdemonstrationen und dem Zusammenfall des Ostblocks. Die Generationskonflikte ebenso wie die Themen der Zeit sind unaufdringlich in die Erzählung eingeflochten. Die Hauptfiguren der ersten beiden Teile rücken dezent in den Hintergrund und bleiben dennoch nicht farblos. Manch einer, wie beispielsweise Martin Elias, bekommt eine Schlüsselrolle, denn ohne seinen kurzen Auftritt würde Sigrid der Impuls für die Veränderung fehlen.

Somit ist auch dieser Teil hervorragend durchdacht, nachvollziehbar und flüssig erzählt. Die unterschiedlichen Charaktere sowie deren menschlichen Schwächen haben mich, wie in den beiden vorherigen Sturmzeit Romanen, begeistert. Alles in allem ein fantastischer Streifzug durch ein aufregendes Jahrhundert deutscher Geschichte, erzählt anhand einer Familie, deren Mitglieder trotz Differenzen zusammenstehen.

Die Neuauflage dieser Romanreihe ist zu Recht ein Erfolg!

Die Rezesionen der ersten Teile findet ihr unter

http://www.lesepartie.de/sturmzeit-wilde-lupinen

http://www.lesepartie.de/sturmzeit

 

Das rote Adressbuch

Romancover
Das rote Adressbuch

Sofia Lundberg

Der Roman konnte mich mit seiner Geschichte und den Figuren nicht überzeugen. Leider wird es ab dem Mittelteil völlig unglaubwürdig

Doris ist eine alte Dame und lebt allein in ihrer Stockholmer Wohnung. Als sie stürzt, muss sie operiert werden. Keine Kleinigkeit in dem ihrem hohen Alter. Um Doris beistehen zu können, reist Großnichte Jenny aus San Francisco an. In Doris Wohnung findet Jenny ein Manuskript, das Doris eigens für sie verfasst hat. Es erzählt von Doris Jugend und dem Verlauf, den ihr Leben nach dem Tod des Vaters, nahm.

Doris wertvollster Besitz ist ihr rotes Adressbuch, welches sie einst vom Vater zum Geburtstag bekam. Darin stehen Adressen von den Menschen, die in ihrem Leben eine Rolle spielten. Anhand dieses Adressbuch verfasst Doris ihre Lebensgeschichte. Sie möchte ihre Erinnerung für ihre Großnichte Jenny bewahren.
Geboren und aufgewachsen ist Doris in Stockholm, als Jugendliche kommt sie nach Paris und wird aufgrund ihres guten Aussehens als Mannequin entdeckt. Kurz nach dem Ausbruch des 2. Weltkrieges verlässt sie Europa und flieht in die USA.

Sofia Lundbergs Roman wechselt in seiner Erzählung regelmäßig zwischen den Zeiten. Es beginnt mit der alten, schon gebrechlichen Doris und führt in Rückblenden zurück zu der jungen Doris. Die chronologische Erzählung der Vergangenheit, macht es dem Leser leicht die Zeitsprünge nachzuvollziehen. Der Schreibstil der Autorin ist einfach und klar. Verschachtelte Sätze gibt es nicht. Zudem sind auch die Kapitel recht kurz gehalten.

Zu Anfang kann der Roman durch deine detaillierte, lebensnahe Schilderung überzeugen. Die alte Dame, die allein in ihrer Wohnung sitzt, sich kaum noch allein zur Toilette bewegen kann und deren einzige Abwechslung der Pflegedienst ist, berührt beim Lesen. Leider kippt die Geschichte für mich ab der Mitte des Buches. Die Geschichten rund um die junge Doris sind völlig unrealistisch und sind in keiner Weise nachvollziehbar. Es ist eine Aneinanderreihung von Geschehnissen ohne Sinn und Verstand. Dadurch werden die weiteren Kapitel langatmig und langweilig. Der Schluss setzt dann dem Ganzen noch die Krone auf und macht die Figuren vollends unglaubwürdig und fast schon lächerlich.

Ich habe den Eindruck, als ob die Autorin sich weder Mühe bei der Recherche noch bei der Entwicklung der Figuren gegeben hat. Die Hauptfigur wird im Verlauf des Romans zusehends uninteressant und farblos. Doris wirkt verantwortungslos und dumm. Sie ist eine der schwächsten Hauptfiguren, über die ich je ein Buch gelesen habe.
Leider sind meine Erwartungen an den Roman total enttäuscht worden. Sehr schade!

 

Sturmzeit – Wilde Lupinen

Charlotte Link
Sturmzeit – Wilde Lupinen

Charlotte Link

Auch der zweite Teil der Romanreihe überzeugt durch seine Figuren!

Sturmzeit – Wilde Lupinen, der zweite Teil der Familiensaga, steht ganz im Zeichen des 1.000jährigen Reiches. Felicia hat sich von dem Börsencrash erholt. In der Firma hat sie einen neuen Teilhaber, der jüdischstämmige Peter Liliencron, und ihr Ex Mann Alexander Lombard hat Lulinn gekauft. Tom Wolff hat mit seinem Geschäftssinn eine Spielwarenfabrik wieder konkurrenzfähig gemacht hat und fungiert dort als Geschäftsführer. Nebenbei unterhält er ein Verhältnis mit der Witwe des Firmengründers, in der Hoffnung, die Fabrik eines Tages sein Eigen nennen zu können.

 

Philip Rath ist nach Frankreich zurückgekehrt. Modeste lebt mit ihrem Mann und Großmutter Laetitia auf Lulinn. Sie ist von den Idealen der Nazis beseelt und schenkt dem Führer regelmäßig ein Kind.

 

Die 18 jährige Belle versucht sich als Schauspielerin bei der UFA. Belle heiratet den Theaterschauspieler Max Marty. Ihre Ehe mit dem idealistischen Max, welcher schon früh die Gefahr erkennt, die von den Nazis ausgeht, entwickelt sich nicht nach Belles Vorstellungen. Als sie zufällig Andreas Rathenberg kennenlernt, beginnt sie ein schon nach wenigen Ehemonaten ein Verhältnis.

 

Susanne wohnt bei ihrer Mutter Felicia in München. Nach dem Abitur lernt sie den SS Sturmführer Hans kennen und heiratet ihn.

Maksim ist im deutschen Widerstand aktiv und bringt auch Felicia einige Male in Gefahr. Nach dem Kriegsausbruch taucht Alexander Lombard wieder in München auf. Für Felicia wird er in den ereignisreichen Kriegsjahren eine unverzichtbare Stütze.

 

Nach der deutschen Kapitulation ist für die Familie nichts mehr wie zuvor. Viele Familienmitglieder haben den Krieg nicht überlebt und auch der ostpreußische Stammsitz Lulinn ist verloren. Die Familie muss sich neu finden und das Erlebte verarbeiten. Selbst Felicia erreicht nach all den Schicksalsschlägen ihre persönliche Grenze.

 

Der zweite Teil von Charlotte Links Familiensaga zeigt deutlich die Schrecken des Krieges und was Menschen in Extremsituationen aushalten können. Verständlich lässt sie die Figuren agieren. Vor allem zeichnet die Autorin nicht nur schwarzweiß Bilder, sondern gibt den Charakteren mit unterschiedlichen Facetten Tiefgang. Charlotte Link versteht es mit ihrer Erzählweise den Leser in den Kessel von Stalingrad zu schicken sowie ihn auch am französischen Widerstand teilhaben zu lassen. Zudem entlarvt die Autorin in unterschiedlichen Situationen die unbarmherzige Brutalität des Regimes, welche bis zum bitteren Ende ungebrochen ist.

 

Als Leser wird man sofort von der Geschichte gefangen genommen. Die Figuren sind, wie schon im ersten Teil, ganz wunderbar, nachvollziehbar und facettenreich kreiert. Ebenso ist der historische Hintergrund gründlich recherchiert. Ich gehe davon aus, dass die Autorin sich einige Interviews bzw. Zeitzeugenberichte durchgelesen hat, da sie die Gefühls- und Gedankenwelt der Charaktere authentisch wiedergibt. Meiner Meinung nach ist genau das der Punkt, der diese Romanreihe auszeichnet; die authentischen Figuren, ohne Schnörkel. Diese Familie wirkt echt.

Ich freue mich nun auf den dritten Teil, in der Hoffnung, dass die Familie nach den Kriegsjahren zur Ruhe kommt.

 

http://lesepartie.de/sturmzeit/