Das Mädchen aus dem Savoy

Hazel Gaynor
Das Mädchen aus dem Savoy
Hazel Gaynor
Ein unterhaltsamer Roman über die Generation des 1. Weltkrieges, dessen Geschichte leider ein zuckersüßes, unrealistisches Ende findet.
Ein unterhaltsamer Roman, dessen Geschichte am Ende leider schwächelt

London, Herbst 1923, Dorothy Lane tritt ihre neue Stelle als Zimmermädchen im Hotel Savoy an. Dolly, wie sie lieber genannt wird, ist voller Hoffnung auf ein besseres Leben. Der erste Schritt dahin soll ihre neue Stelle im Luxushotel sein, welche sie in die Nähe der Reichen und Berühmten bringt.
Auf dem Weg zu ihrem neuen Arbeitsort wird sie nicht nur vom Londoner Dauerregen durchweicht, sie stößt auch heftig mit einem Mann zusammen, dessen Notenblätter sich auf dem nassen Gehsteig verteilen. Obwohl er diese im Mülleimer entsorgt, nimmt Dolly die Blätter an sich und bewahrt sie auf. Eine spontane Entscheidung, die, wie sich später herausstellt, für beide zum Glücksfall wird
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Dorothy Lane ist eine junge Frau voller Träume, deren Herzschlag im Takt eines Schmetterlingsflügels schlägt. Durch den ersten Weltkrieg hat sie schmerzhafte Verluste erlitten und sucht nun nach ihrem Weg, der sie aus der Unsichtbarkeit heraustreten lässt. Dolly strebt nach einem besseren Leben. Daher ergreift sie die Chance als Zimmermädchen im Londoner Luxushotel Savoy zu arbeiten. Dort, wo berühmte Persönlichkeiten der Zeit ein- und ausgehen, hofft sie auf Begegnungen, welche sie ihrem Ziel von einer Bühnenkarriere näher bringen.

Auf dem Weg ins Savoy stößt sie unglücklich mit einem Komponisten zusammen, dessen Notenblätter sich auf dem regennassen Gehsteig verteilen. Er wirft die aufgesammelten Blätter in den Mülleimer. Einem Impuls folgend nimmt Dolly die Blätter an sich. Eine schicksalshafte Entscheidung für beide Beteiligten. Doch erst einmal muss Dolly den Alltag im Hotel meistern, denn als Zimmermädchen hat sie sich nicht nur allerlei zu merken, sondern muss für die Gäste unsichtbar sein. Nach vielen Enttäuschungen und Verlusten während und nach den Kriegsjahren, ist Dolly entschlossen sich nicht unterkriegen zu lassen. Doch immer wieder wird sie von ihrer Vergangenheit eingeholt, die Dolly selbst auch noch nicht loslassen kann.

Dolly trifft im Hotel auf den Broadway Agenten Snyder. Er ist ihr zwar unsympathisch, dennoch bittet sie um eine Gelegenheit zum Vortanzen. Wird er ihr die Chance geben, auf die sie hofft? Auch die Wege vom Komponisten Perry, dessen Notenblätter Dolly vor der Vernichtung bewahrt hat, und Dolly kreuzen sich abermals. Was Dolly nicht weiß, Perry ist der Bruder der berühmten Schauspielerin Loretta May. Dolly kommt ihren Träume vom Leben im Rampenlicht sehr nah, doch kann sie die Vergangenheit hinter sich lassen und zu neuen Ufern aufbrechen?

Dolly ist eine Träumerin und ein wenig chaotisch, allerdings vom ersten Moment an liebenswert. Deshalb leidet man als Leser direkt mit, wenn ihr Unrecht widerfährt oder sie zum wiederholten Male scheitert. Dolly ist eine mutige junge Frau, die einfach nicht aufgibt und ihre Kraft aus der Vergangenheit schöpft. Der Roman erzählt nicht nur von der lebenshungrigen Dolly, sondern auch von kriegsversehrten Soldaten, die das Trauma des ersten Weltkrieges nicht verarbeitet haben und von einer Generation, die versucht die Kriegsjahre abzuschütteln, um vorwärts gehen zu können. Mit viel Feingefühl wird der Leser an die Figuren herangeführt. Jedes Kapitel enthüllt Neues aus dem Leben der Protagonisten.

Wie es für Dolly, und auch die anderen, beruflich und privat endet, bleibt fast bis zum Ende undurchschaubar. Doch auch, wenn das Ende unvorhersehbar ist, fällt es für meinen Geschmack etwas zu zuckersüß aus. Auf den letzten 50 Seiten häufen sich die Zufälle und erscheinen mir, wie Dollys Werdegang zum Schluss, realitätsfremd. Damit verliert das Buch zum Ende hin leider an Nachdenklichkeit und auch an Tiefe, was schade ist. „Das Mädchen aus dem Savoy“ ist ein unterhaltsamer Roman, der von einer Generation erzählt, die durch den ersten Weltkrieg verwundet wurde und von deren Träumen und Hoffnungen.

Die Töchter des Sturms

Baillon
Töchter des Sturms

Sibylle Baillon

Ein gelungener Roman überdas Schicksal dreier Frauen im revolutionären Frankreich des ausgehenden 18. Jahrhunderts

Der Romans „Töchter des Sturms“ beginnt wenige Jahre vor dem Ausbruch der Französischen Revolution. Eine bretonische Bauernfamilie sieht sich aufgrund der großen Hungersnot dazu gezwungen, ihre drei Töchter nach Paris zu schicken. Dort treten sie verschiedenartige Anstellungen an. Marianne, mit 14 Jahren die älteste, wird Gesellschafterin der etwa gleichaltrigen Tochter einer angesehenen französischen Familie. Madeleine wird Schneiderin im Atelier der Modeministerin und die 10jährige Jeanne soll in einem Krämerladen arbeiten. Die Eltern geben den Schwestern beim Anschied nicht preis, wo sich die jeweils Anderen befinden. Somit sind die Schwestern gezwungen, sich in ihrem neuen Leben einzurichten ohne Kontakt zu ihrer Familie halten zu können. Die beiden Älteren haben es im Gegensatz zu Jeanne gut getroffen. Die jüngste ist innerhalb kurzer Zeit ganz auf sich gestellt. Trotz der Umstände geben die drei ihre Hoffnung, die anderen so bald wie möglich wieder zu finden, nicht auf. Auch als die Jahre vergehen und die Revolution in Paris um sich greift, bleiben die Schwestern sich gedanklich in dem Wunsch, sich irgendwann wieder in die Arme schließen zu können, verbunden.

Marianne, Madeleine und Jeanne werden von ihren Eltern nach Paris gebracht. Dort treten sie werden sie in unterschiedlichen Anstellungen untergebracht, die sie vor dem Hungertod auf dem Land bewahren sollen.Die Eltern geben den Schwestern keine Auskunft über den Verbleib der anderen, so dass die Mädchen keinen Kontakt zueinander halten können. Gerade für die 10 jährige Jeanne ist die Trennung von ihrer Familie ein schwerer Schlag. Denn im Gegensatz zu ihren älteren Schwestern, hat sie es nicht gut getroffen. Der Krämer will sie an ein Bordell verkaufen. Die aufgeweckte Jeanne erkennt schnell die Bedrohung und flieht. Sie findet Unterschlupf bei der Prostituierten Claire. Auf sich allein gestellt entdeckt Jeanne ihren Geschäftssinn. Mit Raffinesse, Verkaufstalent und einem Ziel vor Augen strebt sie ihr eigenes Geschäft an.

Ihre Schwestern indessen müssen sich an das herrschaftliche Umfeld anpassen, in das sie geraten sind. Marianne, als Gesellschafterin der Tochter des französischen Finanzministers, befindet sich in einer vollkommen anderen, privilegierten Welt. Eine Welt des Überflusses, der intellektuellen Debatten und der Ausschweifungen.

Madeleine hingegen muss sich in kürzester Zeit Wissen über Stoffe und Nähweisen aneignen, um den Ansprüchen der Atelierbesitzerin zu genügen. Madame Bertin ist eng mit dem Königshaus verbunden und wurde zur Modeministerin ernannt. Zudem beliefert sie auch den Adel über Frankreichs Grenzen hinaus.

Durch Jeannes Verschwinden verliert der Krämer seine Existenz. Sein Hass auf das Mädchen ist groß und wird dadurch geschürt, dass er sie sucht, immer wieder entdeckt, doch sie ihm jedes Mal wieder entwischt. Er will sie unbedingt in seine Gewalt bekommen. Wie ein böser Geist taucht er kontinuierlich in der Handlung auf. Ob Jeanne auf ihr Glück vertrauen kann, das sie vor seiner Rache bewahrt?

Die Jahre vergehen und die Schwestern haben sich in ihre Lebenssituationen eingefunden. Alle drei entdecken auch die Liebe für sich. Doch als die Revolution ausbricht, bringt diese auch ihre Leben gehörig durcheinander. Ob sie sich jemals wiedersehen werden, bleibt fraglich. Zu unterschiedlichen sind ihre Lebenswege verlaufen.

Der Roman umfasst eine Zeitspanne von etwa 10 Jahren. Jeanne, die sich nur auf ihren Verstand verlassen kann, ergreift jede sich ihr bietende Chance, um ihre Situation zu verbessern. Marianne, eher ruhig, lässt sich vom Überfluss und Reichtum nicht blenden. Sie bleibt ihrem inneren Wesen immer treu. Madeleine hingegen ist eine Träumerin, die in dem Modeatelier ihr kreatives Talent entdeckt. Allerdings bleibt die mittlere Schwester nach meiner Auffassung etwas zu blass im Vergleich zu den anderen.

Alle drei Mädchen sind nicht sonderlich an dem politischen Geschehen interessiert, auch wenn der gesellschaftliche Umbruch auch ihre Leben verändert.

In den Nebenrollen des Romans tauchen oftmals bekannte Persönlichkeiten auf. So ist Marianne die Gesellschafterin der späteren Madame de Staël, Tochter des Finanzministers Neckar. Jeanne trifft auf den Marquis de Sade. Und sowohl Madeleine als auch Marianne lernen Talleyrand kennen. Ein Charakter, welcher in der Erzählung mehrfach eine Rolle spielt, ist der junge Napoleon. Diese Persönlichkeiten sind von der Autorin auf wunderbare Weise in die Geschichte eingeflochten und gewähren Einblicke in politische Entwicklungen. Die unterschiedlichen Romanfiguren bewegen sich in allen Ständen; von der Aristokratie, den Soldaten, Kaufleuten bis zu den unteren Bevölkerungsschichten wie Bauern und Prostituierte. Somit erfährt der Leser vieles über die Lebensumstände dieser Zeit. Die Schicksale der Protagonisten sind fabelhaft mit einander verwoben. Durch die detaillierten Beschreibungen fühlt man sich in das Paris des ausgehenden 18. Jahrhunderts versetzt. Ich möchte zudem noch erwähnen, dass die Autorin zur Erläuterung der historischen Personen und Begebenheiten, einen informativen Anhang erstellt hat.

Die regelmäßigen Wechsel innerhalb der drei Erzählstränge – für jede Schwester einen – halten die Spannung aufrecht, so dass man wissen will, wie es weitergeht. Vor allem Jeannes Schicksal ist mir nah gegangen. Für mich ist sie die sympathischste Figur des Romans.

Meiner Meinung nach ist der Roman „Die Töchter des Sturms“ eine gelungene und teils aufwühlende Erzählung über drei Mädchen, die gezwungen sind, sich den Umständen ihrer Zeit anzupassen und dabei ihre Stärken entdecken. Ich bin gespannt auf die Fortsetzung.

 

Wolkenrath Teil 4

Elke Vesper

Eine wundervolle, realistische Erzählung, die sich leider am Ende zu sehr im historischen Detail verliert

Die Familiensaga der Wolkenraths in den politischen Wirrungen des 20. Jahrhunderts geht weiter. Der vierte Teil beginnt mit den Beerdigungen der Tante, welche mit ihren über 100 Jahren Lebenserfahrung eine wertvolle Stütze der Familie war, und dem Vater, Alexander Wolkenrath. Beide starben binnen weniger Tage. Von nun an sind Eckhardt, Lysbeth, Dritter und Stella in diesen schwierigen Zeiten auf sich selbst gestellt. Hamburg wird von den Alliierten nicht verschont und die Bombennächte verlangen ihnen einiges ab. Doch nicht nur die Alliierten, sondern auch die Nazis, beeinträchtigen das Leben der Familie. Lysbeths Mann Aaron ist Jude und sie versucht mit der Unterstützung der ganzen Familie alles, um ihn zu beschützen. Trotz politisch unterschiedlichen Einstellungen schweißen die Geschehnisse die Wolkenraths zusammen.

Das Buch beginnt 1941, mitten im zweiten Weltkrieg. Im Haus in der Kippingstraße wohnen Lysbeth und Aron, Eckhardt und Cynthia sowie Stella und Kapitän Jonny Maukesch. Als Kapitän der Marine befindet er im Kriegseinsatz auf einem Schiff. Eckhardt und vor allem seine Frau Cynthia sind begeisterte Anhänger des Nationalsozialismus. Derweil versucht Lysbeth alles ihr Mögliche, um ihren jüdischen Mann vor der Deportation zu bewahren. Dennoch kann sie nicht verhindern, dass Aron in Hamburg einer Arbeiterkolone zugewiesen wird und unter unmenschlichen Bedingungen schuften muss. Dritter verlässt mit seiner jungen Frau Marthe Hamburg, als diese schwanger ist und kommt in einem Hotel in Scharbeutz an der Ostsee unter. Dort verbringt er mit seiner wachsenden Familie die Dauer des Krieges und bleibt auch danach dort, um sich etwas aufzubauen.

Kurz vor ihrem Tod hat die Tante Lysbeth und Stella eindringlich mit auf den Weg gegeben, dass die beiden den Krieg unter allen Umständen überleben müssen und keine leichtsinnigen Gefahren eingehen sollen. Auch wenn dies die Schwestern oftmals in Gewissenskonflikte bringt, versuchen sie sich dementsprechend zu verhalten.

Die gemeinsamen Bombennächte im Kohlenkeller und die Angst das Dach über den Kopf zu verlieren eint die Geschwister in der Kippingstraße. Selbst Stellas Verhältnis zu ihrem verhassten Mann nimmt freundschaftliche Züge an. Sie ist sich der Bedeutung von Jonnys Einfluss als NSDAP Mitglied und Marinekapitän bewusst, welchen die Familie mehrmals für Aron nutzen muss. Häufig kreisen Stellas Gedanken um ihren britischen Geliebten Anthony sowie ihrer Tochter und Enkelin, welche sich in England aufhalten. Die jahrelange Trennung von den drei wichtigsten Menschen ihres Lebens und die Ungewissheit, wie es ihnen geht, ist für Stella eine schwere persönliche Prüfung.

Nach dem Krieg liegt Hamburg in Schutt und Asche. Viele Menschen sind traumatisiert. Es folgt der Einzug der britischen Besatzer, die Neuregelung des gesellschaftlichen Lebens und die Hoffnung auf einen neuen Anfang.

Der Leser wird in das Leben der Familie Wolkenrath mitgenommen. Der Roman erzählt von den Sorgen und Nöten der Menschen in der Kippingstraße, von den Entbehrungen, von schlimmen Bombennächten während der Operation Gomorrha, der Angst, den morgigen Tag nicht mehr zu erleben, keine Wohnung mehr zu haben, aber auch von Hoffnung und Liebe und dem Vertrauen den Krieg zu Überleben. Jeder der Wolkenraths meistert die Zeit auf seine Weise. Der Leser erlebt emotionale Höhen und Tiefen der Protagonisten. Über den Großteil des Buches hinweg nimmt die  Erzählung einen gefangen. Hervorzuheben sind die vielfältigen historischen Details, welche die Autorin geschickt in die Geschichte verwebt.

Allerdings treten diese detaillierten, historischen Begebenheiten ab dem Ende des Krieges zu stark in den Vordergrund. Beispielsweise ist die ausführliche Beschreibung der Entnazifizierung der Hamburger Ärzteschaft meiner Meinung nach in dieser Form für einen Roman zu umfangreich. Es sollte bekannt sein, dass viele Nazis wieder auf ihre Posten zurückgekehrt sind. Auch wenn es gerade bei Ärzten, welche Euthanasie befürworteten, heute noch empörend ist, hätte es dennoch gereicht diese Tatsache zu erwähnen, jedoch nicht wiederholt und in vielen Einzelheiten. Leider rücken die Figuren und folglich auch die ganze Erzählung dadurch Zusehens in die zweite Reihe. Die letzten Kapitel behandeln die Jahre nach dem Krieg bis 1950. Doch diese Zeitspanne wird zügig abgehandelt, so dass für mich viele Handlungen nicht nachvollziehbar bzw. unverständlich sind. Bedauerlicherweise verlieren dabei auch die Figuren an Tiefe.

Die vorherigen Teile der Reihe sind ebenfalls politisch und historisch sehr ausgearbeitet, dennoch fügen sich die Informationen unauffälliger in die Geschichte hinein als in dieser Erzählung. Dem Ende des Romans nach zu urteilen wird die Geschichte der Wolkenraths weitergehen. Ich freue mich darauf.

 

https://www.lovelybooks.de/autor/Elke-Vesper/reihe/Die-Wolkenrath-Saga-in-Reihenfolge-1139794749/

Der Frauenchor von Chilbury

Jennifer Ryan

Ein sehr oberflächlicher und weichgespülter Roman, der mehr langweilt als Interesse weckt.

1940, die letzten Männer verlassen das englischen Dorf Chilbury, um in den Krieg zu ziehen. Die Frauen müssen ihren Alltag neu organisieren und auch der Chor muss nun nur noch mit den Frauenstimmen auskommen. In diesem einem Jahr überschatten einige Ereignisse das kleine Dorf. Ein unvorhergesehener Bombenangriff zerstört Teile der kleinen Gemeinde. Es gibt Tote und Verletzte zu beklagen. Fremde müssen einquartiert werden. Und alle diese Ereignisse lassen die Frauen erstarken und geben ihnen neues Selbstbewusstsein.

Die vorwiegend positive Resonanz auf den Roman kann ich leider absolut nicht teilen. Der im Titel des Buches genannte Chor spielt in der gesamten Erzählung nur eine nebensächliche Rolle. Es wird wenig deutlich, welche Bedeutung dieser Chor eigentlich für die Frauen haben soll. Weite Teile der Geschichte versinken im oberflächlichem Bla Bla. Weder jegliche Beschreibungen vom Krieg oder den Folgen noch einzelne Geschehnisse weisen wirkliche Tiefe auf. Ebenso bleiben die Figuren dem Leser im wesentlichen fremd. Im historischem Bezug fehlt die Liebe zum Detail. Gerade eingezogen, aber sofort sind die Soldaten wieder auf Urlaub zu Hause – schwer vorstellbar. Solche Ungereimtheiten finden sich viele – für mich zu viele – in dem Roman.

Auch die ganze Erzählweise wirkt wenig durchdacht. Sowohl die Tagebucheintragungen als auch die Briefe wirken keineswegs authentisch. Ein Eintrag in ein Tagebuch liest sich nicht wie ein Roman, mit detaillierter Beschreibung der Situation und wörtlicher Rede. Auf die Vielzahl der Briefe kommt anscheinend auch nie Antwort von den Adressaten. Die Briefeschreiberinnen treten nie in den Dialog oder beziehen sich auf ein Antwortschreiben. Sehr seltsam!
Die ganzen Handlungsstränge sind klinisch und ohne jede Spannung erzählt und wirken auf mich oftmals sehr konstruiert. Es fehlt Tiefe, historisches Hintergrundwissen und vor allem lebendige Figuren, die den Leser berühren.

Mein Fazit des Romans, den ich nur mit großer Disziplin zu Ende gelesen habe, ist, eine vielversprechende Geschichte, die bedauerlicherweise unzählige Schwachstellen aufweist und dadurch sehr weit hinter meinen Erwartungen zurück.

 

https://www.kiwi-verlag.de/buch/der-frauenchor-von-chilbury/978-3-462-04884-1/

 

Wenn es Frühling wird in Wien

Hartlieb
Wenn es Frühling wird in Wien

Petra Hartlieb

Der Frühling im Jahr 1912 lässt erst mal auf sich warten, denn es wird nicht so richtig warm in Wien. In der Fortsetzung von der Erzählung „Ein Winter in Wien“ rund um das Kindermädchen Marie, erlebt diese viele neue Eindrücke. Das Haus der Schnitzlers ist mittlerweile ein zu Hause für Marie geworden und auch ihre Verbindung zu dem mittellosen Buchhändler Oskar vertieft sich. Doch als Oskar die reiche Buchhändlertochter Fanni kennen lernt, stehen die jungen Leute vor einer wichtigen Entscheidung.

Marie ist nun seit einigen Monaten Kindermädchen im Hause des Schriftstellers Arthur Schnitzlers. Durch ihr herzliches und liebevolles Verhältnis zu der fast dreijährigen Lilli und dem neunjährigen Heini, hat sich ihre Stellung gefestigt. In diesem Frühjahr erlebt Marie vieles zum ersten Mal. Ob es der Besuch einer Aufführung im Theater ist oder das erste Glas Wein, der erste Kuss oder der Ausflug in den Tiergarten Schönbrunn mit den Kindern. Marie entdeckt ihre Möglichkeiten.

Im Haus der Schnitzlers geht es zeitweise turbulent zu, so dass Marie Aufgaben des Hausmädchens übernehmen muss. Dennoch fühlt sie sich bei den Schnitzlers zu Hause. Dazu trägt auch die wachsende Vertrautheit unter den drei Hausangestellten bei. Der junge und mittellose Buchverkäufer Oskar bemüht sich weiterhin sehr um Marie und versteht es ihre Leidenschaft für Bücher zu wecken. Doch dann lernt er Fanni Gold kennen, die Tochter eines reichen Buchhändlers und dessen Alleinerbin. Oskar muss eine Entscheidung für seine Zukunft treffen.

„Wenn es Frühling wird in Wien“ setzt mit viel Liebe zum Detail die wunderbare Erzählung über Marie fort. In diesem Roman erlebt Marie erstmalig die Vorzüge ihres Lebens in der Hauptstadt. Durch die Eindrücke, die sie sammelt, entwickelt sie Selbstbewusstsein und bleibt dennoch zutiefst menschlich und bescheiden in ihrem Wesen.

Petra Hartlieb findet auch in der Fortsetzung die richtigen Töne, um den Leser auf die Reise in die damalige Zeit mitzunehmen. Der Roman lebt von den Figuren, die wunderbar, authentisch erdacht und erzählt sind. Oftmals fühlt man sich als Leser direkt in die Erzählung hineingezogen. Denn genauso kann es sich zugetragen haben, damals im Frühjahr 1912 in Wien.

https://lesepartie.de/sommer-in-wien/

Ein Winter in Wien

Petra Hartlieb

Es ist Winter in Wien, das Weihnachtsfest 1911 steht bevor. Die achtzehnjährige Marie hat vor kurzem ihre Stellung als Kindermädchen bei der Familie des Schriftstellers Arthur Schnitzler angetreten. Als sie für Herrn Schnitzler ein Buch abholen soll, trifft sie auf den Buchhändler Oskar. Oskar ist auf den ersten Blick von dem jungen, etwas scheuen Mädchen beeindruckt. Um ihr näher zu kommen, schenkt er ihr ein Buch und somit nimmt die Geschichte ihren Lauf.

Marie ist mit ihren achtzehn Jahren ganz auf sich gestellt. Glücklicherweise hat sie trotz ihrer ärmlich – ländlichen Herkunft Lesen und Schreiben gelernt. Dieses Wissen verhilft ihr zu einer Stelle als Kindermädchen bei der Familie Schnitzler. Die beiden Kinder Heinrich, ein aufgeweckter neunjähriger, und Lilli, das zweijährige Nesthäkchen, haben Marie sofort ins Herz geschlossen ebenso wie die Köchin Anna. Für Marie ist diese Stelle ein Glücksfall. Zum ersten Mal in ihrem Leben bekommt sie genügend zu essen und hat ein Bett für sich allein. Im Buchladen lernt sie den Verkäufer Oskar kennen, welcher auf den ersten Blick von der jungen Frau fasziniert ist. Er schenkt ihr ein Gedichtband von Rilke und versucht Marie näher kennenzulernen. Jedoch ist diese unsicher und zögert. Oskar bleibt hartnäckig und als Marie ihn wirklich braucht, steht Oskar ihr zur Seite.

„Ein Winter in Wien“ erzählt eine unaufgeregte Geschichte, die im Wien des letzten Jahrhunderts spielt. Der Roman erzählt vom Leben einer jungen Frau, die in ärmlichen Verhältnissen auf dem Land aufgewachsen ist und nun das Leben einer wohlhabenden Familie in Wien kennenlernt. Wien um 1910 war ein Ort für Träume und Hoffnungen, von denen sich manche erfüllten, manche aber verpufften. Der Leser erfährt im Laufe der Erzählung sowohl Maries Werdegang als auch einiges über Oskars Schicksal. Im Kontext zu dem Leben, welches die Schnitzlers führen, wird deutlich wie gegensätzlich die Leben in der Großstadt sind.

Petra Hartlieb findet die richtige Sprache und Töne, um den Leser in diese Zeit zurückzuversetzen. Der Roman lebt von den Figuren, die wunderbar erdacht und erzählt sind. Es braucht nicht viel um die Stimmungen für den Leser spürbar zu machen. Das Buch ist eine kleine, feine Geschichte, die liebevoll niedergeschrieben wurde.

Zu den beiden anderen Bänden:
 https://lesepartie.de/sommer-in-wien/ 
https://lesepartie.de/wenn-es-fruehling-wird-in-wien/

Animant Crumbs Staubchronik

Lin Rina

Ein Roman über eine außergewöhnliche junge Frau, die mit Wissen und Mut punktet.

Animant Crumbs Staubchronik handelt von der 19jährigen Animant Crumb, welche sich nur für Bücher anstatt, wie es für junge Damen der Gesellschaft üblich ist, für die Eroberung eines Ehemann interessiert. Animants Gleichgültigkeit hinsichtlich eines Ehemanns, führt zu dauernden Auseinandersetzungen mit ihrer Mutter. Da scheint es eine glückliche Fügung zu sein, als ihr Onkel, verantwortlich für Personalfragen an der Londoner Universität, händeringend einen Assistenten für den launischen Bibliothekar sucht. Animant soll diese Stelle für einen Monat annehmen.

Das Londoner Stadtleben unterscheidet sich erheblich von dem beschaulichen Landleben, dass Animant bislang gewöhnt ist. Tapfer stellt sie sich allen Herausforderungen, die größte ist der griesgrämige Bibliothekar, welcher ihr das Leben schwer macht. Dennoch zeigt sich das Leben in London auch von anderen Seiten, so schließt Animant schnell neue Freundschaften und entdeckt so manch Neues. Ihre vier Wochen in London sind voller neuer Eindrücke und Animant entdeckt Seiten an sich selbst, die sie nie für möglich gehalten hätte. Ausgerechnet der fürchterliche Bibliothekar hat einen großen Anteil daran.

Ende des 19. Jahrhunderts ist es für junge Frauen von gesellschaftlichen Stand erstrebenswert eine gute Partie zu machen. Nur Animant Crumbs hat überhaupt kein Interesse an Männer, die sie in den meisten Fällen für Langweiler und Dummköpfe hält. Sie verbringt ihre Zeit am liebsten mit ihren Büchern auf dem Dachboden. Durch ihr vielfältiges Wissen entlarvt sie nur allzu schnell jeden, der lediglich prahlerische Absichten hegt. Dieser Wesenszug führt zu ständigen Streitereien zwischen Animant und ihrer Mutter. Als eines Tages ihr Onkel zu Besuch ist, klagt er der Familie sein Leid. Er ist verantwortlich für Personalangelegenheiten innerhalb der Londoner Universität und ist andauernd auf der Suche nach einem Assistenten für den Bibliothekar. Dieser hat ein unleidliches Wesen und vergrault nach kurzer Zeit alle Anwärter auf die Stelle. Schnell fassen Animants Vater und Onkel den Plan, dass Animant einen Monat diese Stelle übernehmen soll.

Somit lernt Animant eine zentrale Stelle des Wissens kennen, die ansonsten Frauen zu dieser Zeit verwehrt bleibt. Die Bibliothek steht nur den männliche Studenten zur Verfügung. Es könnte für sie der schönste Platz auf Erden sein, wenn da nicht der übellaunige Bibliothekar wäre, der sie häufig schikaniert. Doch Animant ist gewillt durchzuhalten und ihr bestes zu geben. Auch das Stadtleben ist ein ganz anderes als sie es gewohnt ist. In der wissbegierigen und freiheitsliebenden Elisa findet sie schnell eine gleichgesinnte Freundin. In diesem Monat prasseln viele Eindrücke und neue Erfahrungen auf die junge Frau ein, die Animant erwachsen werden lassen. Sie lernt viel über sich selbst und das Leben, und zum ersten Mal im Leben ist Animant verliebt.

Animant ist eine willensstarke Persönlichkeit, die sich von den Regeln ihrer Zeit nicht unterkriegen lässt. Sie verkörpert eine junge, aufgeschlossene und wissbegierige junge Frau, die sich vor allem für Sachbücher rund um naturwissenschaftliche Themen interessiert. Sie war mir sofort sympathisch, auch wenn sie manchmal in verstaubte Muster zurückfällt, ist sie eine außerordentlich liebenswerte Person. In ihrer Londoner Zeit passieren ihr Dinge, die auf dem Land undenkbar gewesen wären. An einigen Stellen habe ich sehr lachen müssen, denn so groß ist der Unterschied zu der heutigen Zeit auch nicht.

Ebenso lebensbejahend und mutig ist auch Elisa. Manchmal vielleicht zu derb oder zu laut, aber eine tolle Frau und Freundin. Manche Männer kommen in dieser Erzählung nicht gut weg und das zu Recht! Es ist ein Roman über das Erwachsen werden, sich selbst finden und erkennen, aber auch über Emanzipation. Leider ist vieles, was in diesem Buch unterschwellig beschrieben wird, heute noch genauso. Wir erleben es aktuell bei dem Fall einer weiblichen Sportmoderatorin, die Fussballspiele kommentiert.

Ein außergewöhnlicher Roman!