Die Physikerin

Moritz Hirche

Spannendes Thema. Allerdings viel zu langatmig, um die Spannung bis zum Ende halten zu können. Schade!

Dr. Helena Bartsch ist Physikerin am Kaiser Wilhelm Institut und forscht in Sachen Uran. Aufgrund dieser Forschung gerät sie in den Fokus des nationalsozialistischen Regimes. Im Sommer 1944 steht das Deutsche Reich unter Druck. Eine Uranbombe könnte den Krieg entscheiden.Auch die Amerikaner tüfteln an einer ähnlichen Bombe und sie sind nah am Ziel.

Helena Bartsch erkennt schnell, dass sie sich dem Regime nicht entziehen kann ohne ihr eigenes Todesurteil zu unterschreiben. Doch nicht nur die Nazis bekunden Interesse an ihr, sondern auch eine Widerstandsgruppe. Die Gruppe verlangt von ihr Informationen über das geheime Projekt. Unvermittelt gerät die junge Wissenschaftlerin zwischen die Fronten. Eine Situation, in der die Physikerin über sich hinaus wachsen muss, um zu überleben.

Die nuklearen Tests sind vom britischen Geheimdienst MI 6 nicht unbemerkt geblieben. Um mehr herauszufinden starten der MI 6 zusammen mit dem amerikanische Geheimdienst eine Aufklärungsoperation. Frederik Mercer, amerikanischer Spion, wird nach Deutschland geschleust. Als der Spion herausfindet, weshalb gerade er für diese Mission ausgewählt wurde, erkennt er seine Rolle als unbedeutende Figur in einem großen Spiel. Dennoch setzt er alles auf eine Karte, dass schlimmste zu verhindern.

Ein spannendes Thema für einen Agententhriller. Die erste Romanhälfte ist unterhaltsam und fesselnd geschrieben. Leider verliert sich die Geschichte dann in allzu detailreichen Beschreibungen. Die Entwicklung der Hauptfigur Helena Bartsch ist sehr oberflächlich ausgefallen. Als Leser fiel es mir manchmal schwer ihrer Taten nachzuvollziehen. Manche Handlungsstränge verwirren mehr, als dass sie der Erzählung gut tun. Bei einigen Ereignissen ist mir der Sinn nicht deutlich geworden.

Dem Roman hätten mindestens 100 Seiten weniger gut getan. Insbesondere das Ende zieht sich wie Kaugummi. Das letzte Kapitel ist meiner Meinung völlig unnötig und überzogen. Für den Roman hat es keinerlei Bedeutung. Alles in allem handelt der Roman über ein spannendes Thema. Eine Spannung, die der Roman leider nicht bis zum Ende beibehalten kann.

Der Wintersoldat

Daniel Mason
Hardcover Ausgabe von dem Roman Der Wintersoldat
Der Wintersoldat

Ein beeindruckender Roman, der zeigt, was Menschen leisten und aushalten können, wenn die Umstände es erfordern.

In der Medizin hat Lucius, jüngster Sprössling einer in Wien lebenden polnischen Fabrikantenfamilie, seine Berufung gefunden. Unter den Mitstudenten und Professoren fühlt er sich zum ersten Mal in seinem Leben verstanden. Sein Können und sein medizinischer Verstand machen aus ihm einen der begabtesten Studenten. Als der Erste Weltkrieg ausbricht, fehlt es der österreichischen Armee an Ärzten. So kommt es, dass Lucius möglich ist, sich ohne Studienabschluss als Assistenzarzt zur Armee zu melden. Aufgrund seiner polnischen Sprachkenntnisse, wird er Richtung Osten nach Galizien geschickt. Im Lazarett angekommen, muss er feststellen, das er dort der einzige Doktor ist. Lucius, dem es an jeglicher praktischen Erfahrung fehlt, ist nun gezwungen Diagnosen zu stellen, zu operieren und den verletzten Soldaten die richtigen Medikamente zu verabreichen. Glücklicherweise findet er Unterstützung in der Krankenschwester und Nonne Margarete.

Schnell lernt Lucius sich im Lazarettalltag zu behaupten. An einem Wintertag wird von Bauern ein völlig traumatisierter Soldat zu ihnen gebracht, der weder spricht noch isst oder trinken will, sondern nur starr da liegt. Der Soldat weckt sowohl Lucius Ehrgeiz als auch sein Mitgefühl. Um den Soldat vor einem weiteren Fronteinsatz zu schützen, begeht Lucius einen fatalen Fehler, der ihn über Jahre hinweg verfolgen wird.

„Der Wintersoldat“ spielt in einer verlassenen galizischen Berggegend. Eine Gegend, die selten Erwähnung in den Geschichten rund um den Ersten Weltkrieg findet. Doch auch hier tobt eine Art Stellungskrieg. Es wird um jeden quadratzentimeter Boden gekämpft. Die körperlichen und psychischen Verletzungen sind identisch mit denen der Westfront.

Mit viel Realismus und Detailtreue erzählt Daniel Mason die Erlebnisse des Medizinstudenten Lucius. Ein junger Mann aus reichem Haus, ein vielversprechender Medinziner, der, überrumpelt vom Kriegsausbruch, die alleinige Verantwortung für ein Frontlazarett übernimmt. Er wächst sprichwörtlich mit seinen Aufgaben, findet Freunde und verliebt sich zum ersten Mal. Es ist ein spannender Kriegsroman, welcher zeigt wie Menschen sich unter ungewöhnlichen Umständen finden, aber sich auch wieder verlieren. Ein großartig erzähltes Stück Zeitgeschichte, das mich bis zur letzten Seite in seinen Bann gezogen hat. Ein herausragender Roman. Ich danke dem C.H. Beck Verlag noch einmal ganz herzlich für den Gewinn dieses beeindruckenden Buches.

Ich kann es jedem interessierten Leser*in nur ans Herz legen.

Links zum Buch:

C.H. Beck Verlag https://www.chbeck.de/buehnen/daniel-mason-der-wintersoldat/

Der Autor https://www.lovelybooks.de/autor/Daniel-Mason/

Zwei Handvoll Leben

Katharina Fuchs
Cover Zwei handvoll leben
Zwei Handvoll Leben

Beeindruckend und lebensnah schildert der Roman zwei Frauenschicksale im bewegten 20. Jahrhundert.

Deutschland 1914. Anna lebt mit ihrer Familie im Spreewald. Viel kann sich die Familie nicht leisten, aber ihre Mutter ermöglicht Anna eine Lehre zur Schneiderin. Charlotte ist die einzige Tochter eines sächsischen Gutsherren. Eines Tages wird sie den landwirtschaftlichen Besitz erben. Beide Mädchen stehen an der Schwelle des Erwachsenwerdens. Beide begegnen ihrer ersten, großen Liebe, bevor der Erste Weltkrieg ausbricht. Beide erleben die Veränderungen, die der Krieg und der darauffolgende Frieden mit sich bringt. Bei beiden verläuft das Leben anders, als sie es sich erträumt haben. Dennoch lassen sich weder Anna noch Charlotte davon nicht entmutigen und gehen in Zeiten der Unsicherheit und des Wandels konsequent ihren Weg.

Nach ihrer Schneiderlehre verlässt Anna 1919 ihre Familie und fährt nach Berlin, um dort Arbeit zu finden. Als das Berliner KaDeWe Verkäuferinnen sucht, ergreift sie ihre Chance. Anna kann durch ihr Wissen als Schneiderin überzeugen und bekommt die begehrte Stelle. Für Anna ist es der Beginn einer ungewöhnlichen beruflichen Karriere in diesen Zeiten.

Charlotte hat während des Krieges tatkräftig auf dem landwirtschaftlichen Gut mit angepackt. Nun wird es für ihren Vater Zeit, dass Charlotte sich nach einem geeigneten Ehemann umsieht. Ihre Tante lebt mit ihrem Mann Salomon und der gemeinsamen Tochter in Leipzig. Dort wird Charlotte in die Gesellschaft eingeführt. Da sie sich von ihrer großen Liebe betrogen fühlt, lässt sie sich von anderen, jungen Männern den Hof machen. Charlotte ist bewusste, es gilt nicht nur die richtige Entscheidung für sich selbst, sondern für die Zukunft des Gutes zu treffen.

Anna und Charlotte wachsen völlig unterschiedlich auf, doch beide verbindet die erste unerfüllte Liebe, die Liebe zu ihren Familien und allem voran ihr starker Wille das Leben bestmöglich zu meistern. Der Roman beschreibt abwechselnd je Kapitel den Lebensweg der beiden Frauen, der durch die bewegte Zeit des 20. Jahrhunderts führt. Diese Erzählweise macht es dem Leser leicht, beiden Geschichten parallel zu folgen. So wie die Zeiten sind auch die Leben von Charlotte und Anna durch Hoffnung, Angst, Entbehrungen und dem Leben das Beste abzutrotzen geprägt.

Die Erzählung beginnt kurz vor dem Ersten Weltkrieg und endet 1953, als Charlotte und Anna bei der Heirat ihrer Kinder aufeinandertreffen. Die Handlung des Romans ist aus der Perspektive der Frauen geschrieben. Neben den Hauptcharakteren Anna und Charlotte gibt es noch weitere, wie beispielsweise Charlottes Cousine Edith oder Annas Freundin Ella. Alle Frauenfiguren sind hervorragend beschrieben. Es macht große Freude ihre Entwicklungen zu verfolgen. Jedoch stimmen ihre Geschichten nachdenklich, angesichts des ständigen Kampfes, um zu erhalten, was sie sich aufgebaut haben.

Das Buch beruht auf der wahren Familiengeschichte der Autorin Katharina Fuchs, die sich auf die Suche nach der Geschichte ihrer Großmütter begeben hat. Mich hat das Buch gänzlich überzeugt. Ich konnte es nur schwer aus der Hand legen. Nicht nur die Charaktere sind lebensnah, sondern auch die Orte, die Stimmungen sind fast fühlbar in Worte gefasst. Allerdings musste ich die Geschichte eine Zeit wirken lassen, nachdem ich das Buch gelesen und zugeklappt hatte. Es zeigt für mich ein weiteres Mal, wie viel gerade diese Frauengeneration geleistet hat und wie viel Leid die Kriege gebracht haben. Ich halte es für wichtig immer wieder daran zu erinnern. Das Buch ist sehr lesenswert und da sich schon eine Fortsetzung ankündigt, bin ich sehr gespannt und freue mich darauf.

Links zum Roman:

Drömer Knaur Verlag: https://www.droemer-knaur.de/buch/9622627/zwei-handvoll-leben

Katharina Fuchs: https://www.instagram.com/katharina_fuchs_books/

Sommer in Wien

Sommer in Wien Cover
Petra Hartlieb

Maries Geschichte geht weiter, bezaubernd, doch der Wandel der Zeit wird spürbar.

Im Sommer 1912 verlässt Marie Wien, um die Familie Schnitzler in den Sommerurlaub zu begleiten. Urlaub, für Marie eine völlig neue Erfahrung. Zum ersten Mal sieht sie das Meer, fährt erstmalig in einem Automobil und wohnt im Hotel. Dennoch vermisst sie in diesen Wochen ihren Oskar, welcher in Wien sehnsüchtig auf ihrer Briefe wartet. Als Marie am Ende des Sommers zurück in Wien ist, sind sich die beiden Verliebten darüber einig, das sie ihr Leben zusammen verbringen wollen. Doch noch scheint dieser Wunsch in weiter Ferne, den ihr Einkommen reicht für eine Familiengründung nicht aus. Ausgerechnet ein tragischer Schicksalsschlag lässt eine Hochzeit in greifbare Nähe rücken.

Anders als in den beiden Vorgänger Bände umfasst „Sommer in Wien“ eine Zeitspanne von zwei Jahren. Der Roman beginnt im Sommer 1912 und endet im Sommer 1914. Marie entwickelt sich zusehends weiter. Ihr anerzogenes Weltbild wird in zaghaften Schritten verändert. Die von gottgewollte Ordnung, an die sie den Großteil ihres Leben geglaubt hat, bekommt feine Risse. Marie sieht mehr von der Welt und lernt und liest. Immer weiter entfernt sie sich von dem Bauernmädchen, das sie einst war. Häufig ist ihre eigene Entwicklung Marie unheimlich. Dann wird sie unsicher und fühlt sich fast wie eine Hochstaplerin. Gerade dieser Zwiespalt macht sie als Charakter glaubwürdig. Sie nimmt nichts als selbstverständlich.

Petra Hartlieb erzählt die bezaubernde Geschichte von Marie in einem ebenso herrlich schnörkellos Schreibstil weiter. Dennoch spürt man als Leser den Wandel der Zeit. Es ist eine Zeit des Aufbruchs. Gewohnte Strukturen werden in Frage gestellt und an einigen Stellen des Romans wird deutlich, dass der Vielvölkerstaat wankt. Auch die Familie Schnitzler rückt in ein anders Licht.

Die Autorin hat diese Stimmung aufgenommen und Marie dafür sensibilisiert. Marie verkörpert sowohl den Aufbruch als auch die Unsicherheit dieser Zeit.

Der Roman endet im Sommer 1914. Im vierten Teil der Romanreihe wird einiges auf Marie zukommen und auch der Erzählton wird sich weiter wandeln. Ich hoffe auf einen vierten Teil und freue mich sehr darauf.

Rezension der beiden vorherigen Bände:

https://lesepartie.de/ein-winter-in-wien/

https://lesepartie.de/wenn-es-fruehling-wird-in-wien/

Zur Autorin:

https://hartliebs.at/

http://www.dumont-buchverlag.de/buch/hartlieb-sommer-in-wien-9783832183721/

Das Lied der neuen Welt

Starke Frauen, die ein neues Leben in der neuen Welt wagen

Das Lied der neuen Welt Buchcover
Pamela Schoenewaldt

Zwei starke Frauen, die ein neues Leben wagen. Eine gut erzählte Auswanderergeschichte.

Theresa und ihre Tochter Lucia müssen eines Tages ihre Heimat Neapel fluchtartig verlassen. Wie viele andere Europäer um 1900 suchen sie ihr Glück in Amerika. Zunächst scheint ihnen das Schicksal beiden die ersehnten Chancen zuzuspielen, die sie mutig ergreifen. Doch manche Träume zerplatzen unerwartet wie Seifenblasen. Werden Mutter und Tochter ihren Platz in der neuen Welt finden?

Theresa Esposito dient Hausmädchen in einer neapolitanischen Adelsfamilie. Sie lebt mit ihrer Tochter Lucia im Dienstbotentrakt der Villa. Das Meer vor der Tür, den Vesuv stets vor Augen. Mutter und Tochter haben ein sehr enges Verhältnis, obwohl Theresa mit 14 Jahren durch eine Vergewaltigung schwanger wurde.

Der Herr des Hauses ist launenhaft und grausam, doch die Gräfin hält schützend die Hand über das Mutter-Tochter-Gespann. Lucia, mittlerweile ein Teenager, lernte sogar schreiben und lesen. Nach einem schrecklichen Vorfall mit dem Grafen müssen Theresa und Lucia Neapel, ihre Heimat, verlassen. Finanziell von der Gräfin unterstützt, besteigen sie ein Schiff nach Amerika, in der Tasche eine Adresse in Cleveland, an die sie sich wenden können.

In der neuen Welt angekommen, ändern sie als Erstes ihren Namen in D’Angelo und sind fest entschlossen ein neues Leben zu beginnen. Lucia beherrscht schnell die englische Sprache. Sie ergreift die Möglichkeit zur Highschool zu gehen und diese, als eine der wenigen Auswanderer, erfolgreich abzuschließen. Theresa, die eine wundervolle Singstimme hat, bekommt ein Engagement im Varieté. Zunächst scheinen sich all ihre Träume von einem neuen Leben zu erfüllen, doch Theresa verfällt immer häufiger Stimmungsschwankungen und Wahnvorstellungen. Lucia übernimmt die Verantwortung für ihre labile Mutter und gibt ihren Traum vom College auf.

Stattdessen engagiert sich die junge Frau für die Gewerkschaft und kämpft für bessere Arbeitsbedingungen der Arbeiterinnen in den Textilfabriken. Lucia gibt die Hoffnung, auf Heilung ihrer Mutter nicht auf. Sie glaubt fest an ihre Zukunft und kämpft für ihren Platz in der Welt.

Lucia ist eine starke Protagonistin, welche, trotz Zweifel und Rückschläge, nie aufgibt. Im Laufe des Romans durchläuft sie eine Wandlung. Als sie aus ihrer geregelten, kleinen Dienstbotenwelt herausgerissen wird, erkennt sie schnell die Chance, die ihr das Schicksal bietet. Nämlich die Chance auf Bildung. Lucia will mehr vom Leben, als eine Fabrikarbeiterin zu sein oder zu heiraten. Sie träumt vom College, obwohl sie keinerlei finanzielle Mittel besitzt und es als Einwanderin sehr schwer haben wird.

Lucia nutzt ihre Talente, um ihren Weg zu finden. Von Rückschlägen lässt sie sich nicht unterkriegen. Sie übernimmt die Verantwortung für ihre geisteskranke Mutter, in einer Zeit, in der das für eine junge, alleinstehende Frau sicher nicht selbstverständlich ist.

Der Roman handelt von zwei Frauen. Die eine zerbricht am neuen Leben, die andere kämpft dafür. Als Leser erfährt man viele Details der damaligen Arbeitsbedingungen für Einwanderer. Teilweise erschreckend ist auch der ausgrenzende und feindliche Umgang der unterschiedlichen Einwanderer untereinander und der „alteingesessenen“ Amerikanern. Auch die Behandlungsmethoden für geistig erkrankten Menschen zu der Zeit stimmen nachdenklich. Pamela Schoenewaldt hat einen lesenswerten Roman erschaffen, der ohne Schönmalerei vom Traum eines neuen Lebens in einer neuen Welt erzählt.

http://www.harpercollins.de/buecher/gegenwartsliteratur/das-lied-der-neune-welt

Unter der Drachenwand

Arno Geiger

1944. Wie lange dauert der Krieg noch, was kommt danach, wer wird es überleben? Tagebuchähnlich erzählt, gibt der Roman Einblicke in die Gefühlswelt eines jungen Soldaten, der in einem österreichischen Dorf nahe der Drachenwand seine Verwundung auskuriert und langsam wieder beginnt selbstbestimmt zu leben.

 

1944 läutet das Ende des Krieges ein. Doch wann kommt das Ende und wie wird es aussehen? Veit Kolbe, ein junger Soldat, verwundet in Russland, ist auf Heimaturlaub, um sich auszukurieren. Fünf Jahre Front haben ihm alle Illusionen geraubt. Wird er jemals ein selbstbestimmtes Leben führen, in dem er eigene Entscheidungen treffen kann?

Nach seiner schweren Verwundung bekommt Veit Kolbe Heimaturlaub und fährt zu seinen Eltern nach Wien. Seit fünf Jahren ist er Soldat. Zuvor war er Schüler. Mittlerweile zweifelt er an einer selbstbestimmten Zukunft, fühlt sich um diese Jahre betrogen. Die Erfahrungen an der Front lassen ihn an dem Regime zweifeln. Häufig gerät er mit seinem Vater, einem überzeugten Nationalsozialist, aneinander. Deshalb beschließt Veit in das kleine Dorf Mondsee umzusiedeln. Dort ist sein Onkel Polizist und beschafft ihm eine Unterkunft. In diesen Monaten in Mondsee erfährt Veit erstmals so etwas wie ein normales, erwachsenes Leben. Er findet einen Freund, den „Brasilianer“, welcher davon träumt ein weiteres Mal nach Südamerika zu reisen, um dann dort zu bleiben. Und Veit findet eine Frau, Margot aus Darmstadt, die er lieben lernt. Im Laufe 1944 rückt die Front näher heran. Das letzte soldatische Aufgebot wird verpflichtet. Wie lange kann er sich noch auf seine Verletzung berufen?

Eindringlich schildert Arno Geiger die Gefühlswelt dieses jungen Mannes, der es leid ist, sein Leben für eine Sache zu opfern, an die er längst nicht mehr glaubt. Er fühlt sich um sein Leben und seine Träume betrogen. Geplagt von schrecklichen Bildern des Erlebten, kämpft er mit Angstzustände und Panikattacken.

Neben Veit Kolbes tagebuchähnlichen Erzählungen, geben auch die Briefe von Margots Mutter aus Darmstadt Einblicke in das tägliche Leben. 1944 verstärken sich die Luftangriffe und die Front kommt näher.

Auch über das tragische Schicksal eines aus Wien stammenden, verschickten Mädchens und dessen Familie berichtet der Roman.

Die Briefe des Wiener Juden Oskar Meyer, der nach Budapest flieht und dort vom Nationalsozialismus wieder eingeholt wird, stechen aus der Erzählung heraus und haben sich mir nicht erschlossen. Oskar Meyer steht für mich in keinerlei Verbindung zu den anderen Figuren. Natürlich ist auch sein Schicksal es wert erzählt zu werden, doch sein Auftauchen in dem Roman erklärt sich nicht. Somit ist es jedes Mal eine Unterbrechung des Erzählflusses, wenn er zu Wort kommt. Die einzige Verbindung, die ich erkennen konnte, ist der gleiche Wiener Bezirk, aus dem die meisten Figuren stammen.

Mich hat die Geschichte tief berührt. Sich bewusst zu machen, wie sehr der Lauf der Geschichte einzelne Lebensläufe beeinflusst hat. Veit Kolbes Angstzustände und seine Hoffnung auf das Kriegsende, sind eindringlich und realistisch geschildert. Ich habe mit ihm gehofft, dass er es schafft sich weiter „zu drücken“. In den Bemerkungen auf den letzten Romanseiten erfährt der Leser, was aus den Protagonisten geworden ist.

Alles in allem ein empfehlenswerter und berührender Roman, der vom Alltag, mit all seiner Brutalität und Normalität, der Menschen im Jahr 1944 erzählt.

 

Und Marx stand still in Darwins Garten

Darwin und Marx
Und Marx stand still in Darwins Garten

Ilona Jerger

„Ein eindrucksvoller, nachdenklicher Roman über zwei Persönlichkeiten, die das moderne Denken stark beeinflussten“

Und Marx stand still in Darwins Garten“ erzählt von einer fiktiven Begegnung zweier bedeutenden Personen der neuzeitlichen Wissenschaft, die im Temperament nicht unterschiedlicher hätten sein könnten. Beide befinden sich in ihren letzten Lebensjahren und haben mit allerlei körperlichen Gebrechen zu kämpfen.

Durch Zufall werden sie von einem Arzt, Dr. Beckett, behandelt. Ein moderner, der Wissenschaft zugeneigter Mann, welcher bei seinen Diagnosen den ganzen Menschen in Betracht zieht. Durch seinen Behandlungsansatz nimmt Dr. Beckett sich die Zeit für Gespräche. Durch sein Interesse und seine Neugier an den Forschungen Darwins und dem Wesen Marx, kommt es häufig zu Diskussionen über moderne Thesen. Die alles bestimmende Frage: Gibt es Gott?

Charles Darwin ist alt geworden. Sein Körper gibt ihm das auf vielfältige Weise zu verstehen. Kurz vor seinem Abschluss zur Erforschung der Regenwürmer, lässt er sein Leben Revue passieren. Seine Evolutionstheorie widerlegt die Schöpfungsgeschichte und stellt damit die Existenz Gottes in Frage. Seine zutiefst gläubige Frau, versucht ihn am Ende des Lebens zu bekehren. Atheisten versuchen Darwin als Vorbild zu nutzen. Doch Darwin selbst weigert sich seine Forschungen in einem anderen Kontext als den naturwissenschaftlichen zu sehen.
Marx kämpft in seinem Londoner Exil, nur wenige Meilen von Darwin entfernt, mit dem zweiten Band des Kapitals. Ihn plagt eine schwere Lungenentzündung. Ohne die Zuwendungen seines Freundes Engels käme Marx kaum über die Runden.

Ilona Jerger beschreibt die letzten Monate zweier großer Wissenschaftler. Darwin ein gut situierter, konservativer Mann der Upperclass. Marx stets pleite, aufbrausend und mit revolutionären Gedanken. Durch die anschauliche Erzählung der Autorin kommt man der Persönlichkeit der beiden Männer näher, die trotz aller Unterschiede auch viel gemein haben.

Der gemeinsame Arzt als verbindende Figur, nimmt durch seine eigenen Gedanken zu Gott und der modernen Arbeitswelt, eine vermittelnde Stellung ein. Der Roman erzählt auf ruhige, nachdenkliche Art von den damals vorherrschenden Themen. Vor allem die naturwissenschaftlichen Forschungen, stellen die alte Grundordnung in Frage.

Zwar erklärt der sehr gut recherchierte Roman vieles, dennoch ist es von Vorteil ein Grundwissen über die Theorien der Zeit zu haben. Ebenfalls sollte man ein gewisses Interesse für das Thema mitbringen, ansonsten wird es anstrengend. Ich für meinen Teil habe einige bemerkenswerte Details über die Person Darwins erfahren. Es ist auf jeden Fall ein Buch, das zum Nachdenken anregt und den Leser am Ende etwas klüger gemacht hat.

 

Sturmzeit – Die Stunde der Erben

Romancover
Sturmzeit – Die Stunde der Erben

Charlotte Link

Im wahrsten Sinne handelt dieser Teil von der Stunde der Erben. Die nächste Generation muss ihren Platz in der Welt finden und Schicksalsschläge überstehen. Der dritte Teil steht den Vorgängern in nichts nach.

Die Patriarchin Felicia Lavergne ist alt geworden. Sie sucht nach einem würdigen Nachfolger in der Geschäftsführung der Spielwarenfabrik Wolff & Lavergne. Chris, der Sohn ihrer Tochter Belle, die Andreas Rathenberg geheiratet hat, erscheint Felicia eine gute Wahl zu sein. Der idealistische junge Mann folgt gerne dem Ruf seiner Großmutter und verlässt Los Angeles, um in München zu studieren. Doch statt Betriebswirtschaft entscheidet Chris sich für Jura. Darüber hinaus passen seine politischen Aktivitäten so gar nicht zu einem zukünftigen Unternehmer. Allerdings rückt auch Alexandra, Chris‘ jüngere Schwester und Felicia sehr ähnlich, in den Blick der Großmutter. Ist sie die richtige Person, um das Erbe anzutreten?

Der dritte Teil der Familiensaga spielt in erster Linie in den 1980iger Jahren. Die beiden alten und weiterhin verfeindeten Damen Felicia und Kassandra leiten gemeinsam die Spielwarenfabrik. Kassandra übergibt ihren Anteil an Dan Liliencron, den Sohn von Peter Liliencron. Auch Felicia möchte ihr Erbe in guten Händen wissen. Susannes Töchter kommen dafür nicht in Frage. Die Kinder von Belle haben da weit mehr Potential.

Belle wohnt mit ihrem Mann Andreas Rathenberg in Los Angeles. Ihre Träume von einer Schauspielkarriere haben sich nicht erfüllt. Ferner plagen Belle immer noch starke Schuldgefühle gegenüber ihrem ersten Mann, von dem sie seit Stalingrad nie wieder etwas gehört hat.

Susanne ist über die Taten ihres Ehemanns, SS Sturmführer Hans Velin, nie hinweggekommen. Auch über ihren Töchtern liegt der Fluch des Vaters. Besonders der jüngsten, Sigrid, fällt es schwer ihren Weg zu finden. Als sie auf einem von Felicias Festen unerwartet auf Martin Elias trifft, welcher Deutschland verlassen hat und nun in einem israelischen Kibbuz lebt, verändert sich ihr Leben von Grund auf.

Nicola und Sergej leben bis zu ihrem Rentenalter in der DDR und ergreifen dann die Chance an den Ammersee überzusiedeln. Nur ihre Tochter Julia und ihrer Familie bleiben in der DDR. Doch Julias Hass auf das System wird mit der Zeit größer, so dass sie ihre Flucht plant.

Belles Tochter Alexandra ist Felicia sehr ähnlich. Somit ist es nicht überraschend, dass sie in deren Fußstapfen tritt und sich in der Geschäftswelt behauptet. Jedoch setzt sie alles auf eine Karte und es scheint, als ob sie zu hoch gepokert hat.

In „Die Stunde der Erben“ ist die Handlung hauptsächlich von Felicias Enkel bestimmt. Die 1980iger Jahre stehen im Zeichen von Friedensdemonstrationen und dem Zusammenfall des Ostblocks. Die Generationskonflikte ebenso wie die Themen der Zeit sind unaufdringlich in die Erzählung eingeflochten. Die Hauptfiguren der ersten beiden Teile rücken dezent in den Hintergrund und bleiben dennoch nicht farblos. Manch einer, wie beispielsweise Martin Elias, bekommt eine Schlüsselrolle, denn ohne seinen kurzen Auftritt würde Sigrid der Impuls für die Veränderung fehlen.

Somit ist auch dieser Teil hervorragend durchdacht, nachvollziehbar und flüssig erzählt. Die unterschiedlichen Charaktere sowie deren menschlichen Schwächen haben mich, wie in den beiden vorherigen Sturmzeit Romanen, begeistert. Alles in allem ein fantastischer Streifzug durch ein aufregendes Jahrhundert deutscher Geschichte, erzählt anhand einer Familie, deren Mitglieder trotz Differenzen zusammenstehen.

Die Neuauflage dieser Romanreihe ist zu Recht ein Erfolg!

Die Rezesionen der ersten Teile findet ihr unter

http://www.lesepartie.de/sturmzeit-wilde-lupinen

http://www.lesepartie.de/sturmzeit

 

Sturmzeit – Wilde Lupinen

Charlotte Link
Sturmzeit – Wilde Lupinen

Charlotte Link

Auch der zweite Teil der Romanreihe überzeugt durch seine Figuren!

Sturmzeit – Wilde Lupinen, der zweite Teil der Familiensaga, steht ganz im Zeichen des 1.000jährigen Reiches. Felicia hat sich von dem Börsencrash erholt. In der Firma hat sie einen neuen Teilhaber, der jüdischstämmige Peter Liliencron, und ihr Ex Mann Alexander Lombard hat Lulinn gekauft. Tom Wolff hat mit seinem Geschäftssinn eine Spielwarenfabrik wieder konkurrenzfähig gemacht hat und fungiert dort als Geschäftsführer. Nebenbei unterhält er ein Verhältnis mit der Witwe des Firmengründers, in der Hoffnung, die Fabrik eines Tages sein Eigen nennen zu können.

 

Philip Rath ist nach Frankreich zurückgekehrt. Modeste lebt mit ihrem Mann und Großmutter Laetitia auf Lulinn. Sie ist von den Idealen der Nazis beseelt und schenkt dem Führer regelmäßig ein Kind.

 

Die 18 jährige Belle versucht sich als Schauspielerin bei der UFA. Belle heiratet den Theaterschauspieler Max Marty. Ihre Ehe mit dem idealistischen Max, welcher schon früh die Gefahr erkennt, die von den Nazis ausgeht, entwickelt sich nicht nach Belles Vorstellungen. Als sie zufällig Andreas Rathenberg kennenlernt, beginnt sie ein schon nach wenigen Ehemonaten ein Verhältnis.

 

Susanne wohnt bei ihrer Mutter Felicia in München. Nach dem Abitur lernt sie den SS Sturmführer Hans kennen und heiratet ihn.

Maksim ist im deutschen Widerstand aktiv und bringt auch Felicia einige Male in Gefahr. Nach dem Kriegsausbruch taucht Alexander Lombard wieder in München auf. Für Felicia wird er in den ereignisreichen Kriegsjahren eine unverzichtbare Stütze.

 

Nach der deutschen Kapitulation ist für die Familie nichts mehr wie zuvor. Viele Familienmitglieder haben den Krieg nicht überlebt und auch der ostpreußische Stammsitz Lulinn ist verloren. Die Familie muss sich neu finden und das Erlebte verarbeiten. Selbst Felicia erreicht nach all den Schicksalsschlägen ihre persönliche Grenze.

 

Der zweite Teil von Charlotte Links Familiensaga zeigt deutlich die Schrecken des Krieges und was Menschen in Extremsituationen aushalten können. Verständlich lässt sie die Figuren agieren. Vor allem zeichnet die Autorin nicht nur schwarzweiß Bilder, sondern gibt den Charakteren mit unterschiedlichen Facetten Tiefgang. Charlotte Link versteht es mit ihrer Erzählweise den Leser in den Kessel von Stalingrad zu schicken sowie ihn auch am französischen Widerstand teilhaben zu lassen. Zudem entlarvt die Autorin in unterschiedlichen Situationen die unbarmherzige Brutalität des Regimes, welche bis zum bitteren Ende ungebrochen ist.

 

Als Leser wird man sofort von der Geschichte gefangen genommen. Die Figuren sind, wie schon im ersten Teil, ganz wunderbar, nachvollziehbar und facettenreich kreiert. Ebenso ist der historische Hintergrund gründlich recherchiert. Ich gehe davon aus, dass die Autorin sich einige Interviews bzw. Zeitzeugenberichte durchgelesen hat, da sie die Gefühls- und Gedankenwelt der Charaktere authentisch wiedergibt. Meiner Meinung nach ist genau das der Punkt, der diese Romanreihe auszeichnet; die authentischen Figuren, ohne Schnörkel. Diese Familie wirkt echt.

Ich freue mich nun auf den dritten Teil, in der Hoffnung, dass die Familie nach den Kriegsjahren zur Ruhe kommt.

 

http://lesepartie.de/sturmzeit/

Sturmzeit

Charlotte Link
Sturmzeit

Charlotte Link

Der erste Teil der Trilogiebesticht durch seine Protagonisten

Alljährlich im Sommer kommt die weit verstreute Familie auf dem ostpreußischen Landgut Lulinn nahe der russischen Grenze zusammen. So auch im Sommer 1914. Es wird gestritten, sich verliebt und vor allem genießt die familiäre Gesellschaft die Annehmlichkeiten des Landlebens. Die Ferien enden jäh, als im August die Mobilmachung ausgerufen wird. Bis auf Felicia und ihre Großeltern verlassen alle das Gut, um in ihr eigenes Heim zurückzukehren. Felicia bleibt, denn ihr Großvater liegt im Sterben. Gemeinsam mit ihrer Großmutter harrt sie aus. Als die Russen das Gut erreichen, ist es Felicias erste Prüfung in diesem Krieg, der ihr noch einiges abverlangen wird. Aus dem verwöhnten, reichen Mädchen, formen die Kriegsereignisse eine eigensinnige, pragmatische Frau. Ihrem Geschäftssinn und ihrer Initiative ist es zu verdanken, dass die Familie nach dem Krieg einer sicheren Zukunft entgegensehen kann. In den 1920iger Jahren wird aus Felicia eine reiche Geschäftsfrau. Doch mit dem Ende des goldenen Jahrzehnts, verliert auch sie am schwarzen Freitag ihr ganzes Vermögen.

Charlotte Link erschafft eine großartige Familiensaga mit einer herausragenden Protagonistin. Felicia besteht aus so vielen Facetten, welche oft widersprüchlich sind und trotz allem die Figur erst lebendig werden lassen. Ebenso sind weitere Figuren des Romans in ihrem Wesen fabelhaft erdacht und beschrieben. Darunter finden sich Opportunisten und Träumer, aber auch Realisten und Zyniker.

„Sturmzeit“ ist eine Trilogie über all das, was das 20. Jahrhundert zu bieten hat. Von der Schlacht um Verdun, der Russischen Revolution bis zur Inflation und dem Börsencrash, alles findet seinen Platz in dem ersten Teil der Romanreihe. Als Leser wird man mit hineingezogen in diese große Familie und verfolgt gespannt ihren Wandel.

Felicia erinnert mich sehr an Scarlett O’Hara aus „Vom Winde verweht“. Ähnlich ist Felicias Eigensinn, ihre Ruhelosigkeit, die ihrem Familiensinn und vor allem dem unbedingten Erhalt des Gutes Lulinn im nichts nachstehen. Nicht nur in diesem Punkt gleichen sich die beiden Frauenfiguren. In Bezug auf ihr Liebesleben kann man ebenfalls Parallelen finden. Auch Felicia heiratet das erste Mal aus Trotz und das zweite Mal aus Sicherheit und dennoch denkt sie stets an ihre Jugendliebe.

Die Erzählweise ist spannend, verständlich und die Hintergründe gut recherchiert. Besonders haben mir die Dialoge gefallen. Als Leser ist man immer mitten drin. Die Romantrilogie spricht vor allem die Leserschaft historischer Literatur an. Der erste Teil ist ein großes Lesevergnügen gewesen und ich kann es kaum erwarten, wie es weitergeht.