Neuleben

Katharina Fuchs

Zwei Frauen, die ihren eigenen Weg trotz Schwierigkeiten unbeirrt verfolgen. Die Fortsetzung der Familiengeschichte in den frühen 1950iger Jahren ist unterhaltsam verpackt.

Der zweite Teil der Familiengeschichte beginnt im Frühjahr 1953. Gisela und Felix stehen kurz vor ihrer Hochzeit. Therese, Felix Schwester, studiert als eine von zwei Frauen an der Freien Universität Berlin Jura. Während der Vorlesungen ist Therese oftmals der Häme ihrer Kommilitonen und der Professoren ausgesetzt. Nun steht sie kurz vor ihrem ersten Staatsexamen, das sie mit Prädikat bestehen muss, um ihren Traum, eines Tages Richterin zu werden, verwirklichen zu können. Dafür muss sie wesentlich mehr als die männlichen Mitstudenten leisten. Ein schlechter Zeitpunkt, um sich zu verlieben.

Auch Gisela strebt eine berufliche Karriere an, so wie ihre Mutter Anna es vorgelebt hat. Am liebsten würde sie sofort als Näherin bei einem modernen, angesagten Modelabel anfangen, doch zunächst nimmt sie eine Stelle bei der sehr konservativen Marke Engelmann an. Schon bald keimt in der jungen Frau ein Plan, wie sie es schaffen kann, der konservativen Linie mehr modernen Chic einzuhauchen. Dabei hilft ihr der gute Draht zur Tochter vom Chef.

Nach der Hochzeit überschlagen sich die Ereignisse. Felix und Thereses Großmutter Lisbeth stirbt. Das einst prächtige Gut Feltin ist heruntergekommen. Großvater Richard haust in einem ehemaligen Arbeiterkotten und wird von der LPG Leitung aufgefordert, das Gut einen Tag nach der Beerdigung zu verlassen. Felix hat sich auf eine undurchsichtige Schmuggelaktion eingelassen, die ihn auf der Rückreise nach West Berlin in große Schwierigkeiten bringt. Welche Rolle sein Bruder Klaus, ein überzeugter Sozialist, dabei spielt, wird er erst später erfahren.

Anna wird von der Vergangenheit eingeholt. Sie kehrt wieder an den Platz zurück, an dem ihre Karriere vor so vielen Jahren begann; das KaDeWe!

Ob sich wirklich alle Träume erfüllen? Wohin wird die neue Zeit die Familien Liedke und Trotha treiben, nachdem Feltin verloren und West Berlin von der DDR umschlossen ist?

Die Fortsetzung des Romans „Eine handvoll Leben“, welcher im vergangenen Jahr im DroemerKnaur Verlag erschienen ist, stellt nun die junge Generation in den Vordergrund. Wieder sind es zwei starke Frauen, die diesen Roman prägen. Therese, welche sich als Frau in ihrem Jura Studium einiges gefallen lassen muss und dennoch ihr Ziel nicht aus den Augen verliert. Ebenso wie sie gegen ihre eigenen Dämonen ankämpfen muss. Ihr Trauma, das sie kurz vor Kriegsende durchleben musste, hat sie noch nicht überwunden. Ihre Schwägerin Gisela ist ganz die Tochter ihrer Mutter. Sie hat den Sinn für Schnitte und Stoffe von Anna geerbt und möchte sich, wie ihre Mutter, beruflich verwirklichen. Die lebensfrohe, positiv denkende Gisela hat eine ganze Menge Schwung, der ihr hilft das Leben anzupacken. Für beide jungen Frauen ist ihr beruflicher Erfolg wichtig. Eine Einstellung, die für die 1950iger Jahre fast revolutionär ist. In den Jahren blieben Frauen zu Hause und sorgten sich um den Haushalt, die Kinder und das Wohlergehen des Mannes, ohne dessen schriftliche Einwilligung sie auch keine Arbeitsstelle annehmen durften.

Doch auch politische Themen kommen in diesem Roman nicht zu kurz. Der Aufstand der Arbeiter der DDR am 17. Juni 1953 wird in die Geschichte verwoben. Felix und seine Freunde lassen sich auf ein gefährliches Unternehmen ein, um der westlichen Welt zu zeigen, welches Unrecht in der DDR geschieht. Dabei lernen die Freunde, vor allem Felix, die neu gegründete Behörde der Staatssicherheit kennen, deren lange Arme auch bis nach West Berlin reichen.

Anschaulich schildert die Autorin Katharina Fuchs den Gegensatz von Zerstörung und Neuaufbau in den Städten. Die Hoffnung auf eine bessere Zukunft, die sich als erstes in den vollen Auslagen der Schaufenster widerspiegelt. Vorbei ist es mit dem Hunger und der Improvisation. Der Roman ist ein Wiedersehen mit den Protagonisten des letzten Teils, dennoch ist der Übergang zur jungen Generation wunderbar gelungen. Die Kapitel wechseln zwischen den jeweiligen Charakteren. Es fiel mir leicht mich in die Geschichte einzufinden. Durch die fabelhafte Beschreibung der Begebenheiten, hatte ich sogleich ein Bild der Szene vor Augen. Auf den ca. 400 Seiten verbirgt sich eine Mischung aus Aufbruch und Vergangenheitsbewältigung. Die Figuren sind keineswegs glattgebügelt, sondern haben ihre Narben, mit denen sie versuchen Frieden zu schließen.

Es ist eine Stück Zeitgeschichte, die der unterhaltsam geschriebene Roman seinen Lesern auf sehr bildhafte Weise näher bringt.

Links zum Buch:

https://lesepartie.de/zwei-handvoll-leben/

https://www.lesejury.de/katharina-fuchs/ebooks/neuleben/9783426453902

Der Empfänger

Romancover Der Empfänger von Ulla Lenze
Ulla Lenze

Ein Stück Zeitgeschichte, verpackt in eine großartige, szenische Romanerzählung. Beeindruckend!

Der Rheinländer Josef Klein, Mitte der 1920iger Jahre in die USA ausgewandert, lebt im New Yorker Viertel Harlem. Dort genießt Josef das multikulturelle Essen ebenso wie den Jazz. Sein Geld verdient er in einer Druckerei. Privat ist er ein begeisterter Amateurfunker. Mit seinem Funkgerät holt er sich die ganze Welt zu sich nach Hause.

Durch seine Arbeit in der Druckerei rutscht Josef in deutschnationale Kreise hinein. Denn auch in den USA findet das deutsche Naziregime immer mehr Anhänger. Obwohl Josef versucht sich von diesen Leuten fern zu halten, schafft er es nicht, sich deren Einfluss zu entziehen. So kommt es, dass Josef für die deutschen Nationalsozialisten als Funker tätig wird. Zu spät erkennt er, auf was er sich tatsächlich eingelassen hat. Es könnte sein freies New Yorker Leben mit einem Schlag zerstören.

Die Autorin Ulla Lenze greift ein kaum beschriebenes Thema auf. Die deutsche Nazibewegung in den USA, speziell in New York. Josef fühlt sich nach fünfzehn Jahren in New York mehr als Amerikaner denn als Deutscher. Dennoch wird er in die Machenschaften der deutschen Spionage hineingezogen.

Josef ist arglos und völlig naiv. Auf der Suche nach einer Arbeit, bei der er sein Hobby, den Amateurfunk, zum Beruf machen kann, rutscht er immer tiefer hinein. Dabei ist er das totale Gegenteil eines Nazis. Er mag die verschiedenen Kulturen, er liebt den schwarzen Jazz und er ist gerne mit der ganzen Welt vernetzt. Dennoch schafft Josef den Absprung nicht, sich aus den deutschen Kreisen zu lösen. Erst als er die Bedrohung für seine Freiheit erkennt, sucht Josef nach einem Ausweg. Zu spät. Viel zu tief ist er mittlerweile in die deutsche Sache verstrickt und bereits im Visier des FBIs. Dabei möchte Josef, wie er selbst sagt, niemand sein, er genügt sich selbst.

Zurück in Deutschland bemerkt man Josefs Unruhe. Er fühlt sich eingeengt in die familiären Strukturen. Es fällt ihm schwer mit seinem Bruder Carl über den Grund seiner Inhaftierung zu reden. Josef schweigt und gibt nur das nötigste Preis. Das führt zu starken Konflikten. Carl, obwohl in Deutschland geblieben, hatte weniger Berührungspunkte mit den Nazis als Josef in New York. Und die Verbindungen zu den Nazis sind nicht abgerissen, denn Josef möchte nicht in Deutschland bleiben, er will zurück und das kann er nur mit den alten Kontakten schaffen.

Ulla Lenze erzählt die Geschichte eines deutschen Auswanderers, der Jahre lang fast unsichtbar in der Großstadt New York lebt und plötzlich ungewollt von seinem Heimatland in die Pflicht genommen wird. Die Autorin hat eine großartige, szenische Erzählweise und lässt immer wieder bedeutsame Informationen in den Text einfließen. Für den Leser heißt es, mitdenken und aufmerksam sein. Vieles wird nicht unbedingt ausgesprochen, nur angedeutet. Ihr Schreibstil macht es möglich ganz in die Geschichte einzutauchen. Gerade den Charakter Josef habe ich gut nachvollziehen können. Seine Gedanken, sein sich selbst genügen und seine Unfähigkeit sich zu wehren.

Je Kapitel wechselt die Geschichte zwischen den Zeiten. In erster Linie zwischen New York 1939/1940 und Neuss 1949. Der Roman baut seine Spannung langsam auf, fast nebenbei. Ich habe ihn sehr schnell gelesen, weil ich wissen wollte, wie es weitergeht und konnte ihn nur schwer aus der Hand legen. Jedem Leser, der Interesse an Geschichten hat, die einen solchen historischen Hintergrund beleuchten, lege ich diesen Roman ans Herz. Eine großartige, und faszinierende Erzählung.

Ich bedanke mich bei Lovelybooks und dem Klett-Cotta Verlag, dass ich an der Leserunde teilnehmen durfte!

Links zum Buch

https://www.klett-cotta.de/buch/Gegenwartsliteratur/Der_Empfaenger/112104

https://www.deutschlandfunkkultur.de/ulla-lenze-der-empfaenger-signale-die-nicht-geortet-werden.950.de.html?dram:article_id=470794

Feuer und Sturm

Feuer und Sturm Romancover
Sibylle Baillon

Die Französische Revolution auf dem Höhepunkt der Schreckensherrschaft Robespierres und mittendrin die drei Schwestern Cotin. Die Geschichte vereint auf lebendige Weise die Historie mit den Einzelschicksalen ihrer Figuren. Spannend und Emotional.

Nachdem die Schwestern Jeanne, Marianne und Madeleine viele Jahre getrennt waren, haben sie sich nun endlich wiedergefunden. Gemeinsam wohnen sie bei Madame Bertin, die vor den Revolutionären nach England floh. Paris steht ganz im Zeichen der Schreckensherrschaft von Robespierre. Täglich werden zahlreiche Menschen hingerichtet. Die Gefängnisse sind voll und die Angst vor Denunziationen groß.

Doch die gemeinsame Zeit dauert nicht lange an. Als erste macht sich Marianne heimlich ohne das Wissen ihrer Schwestern auf den Weg nach Cholet zu ihren Eltern. Gerade in der Gegend toben kriegerische Auseinandersetzungen der revolutionären Truppen und den Royalisten. Marianne begibt sich auf eine waghalsige Reise. Auch wenn sie ihre Eltern seit über zehn Jahre nicht gesehen hat, treibt Marianne die Ungewissheit, was aus ihnen geworden ist, fort aus Paris.

Madeleine wird aufgrund ihrer Tätigkeit bei der Schneiderin der Königin mit ihrer Kollegin Louisa verhaftet und ins Gefängnis gebracht. Jeanne bleibt mit Madeleines Baby allein zurück. Für die kleine Janmy findet Jeanne schnell eine Amme, doch über den verbleib von Madeleine kann sie nichts in Erfahrung bringen. Als Jeanne das Haus von Madame Bertin verlassen muss, verhilft ihr ein glücklicher Zufall zu einer Anstellung bei dem berühmten Maler Louis David, der auch in politischen Dingen mitmischt. Er bewahrt Jeanne vor dem Elend in den Straße Paris.

Jeder der drei Schwestern ist wieder auf sich allein gestellt und trifft auf Menschen, die ihnen mal mehr, mal weniger wohlgesinnt sind. Doch eine Eigenschaft eint sie, der Wille zu Überleben.

Wie schon im ersten Teil, trennen sich auch in der Fortsetzung die Wege der Schwestern gleich zu Beginn. Die älteste, Marianne, nimmt große Gefahren auf sich, um herauszufinden, was aus ihren Eltern und dem Hof geworden ist. Zu Hause angekommen, erwartet sie eine Überraschung. Sie kann nicht bleiben und schließt sich einer royalistischen Armeetruppe an. Aus nächster Nähe erlebt sie die gnadenlosen Kämpfe und gerät dabei mehrmals selbst in Lebensgefahr. Während diesen bedrohlichen Umständen entdeckt Marianne ihre Leidenschaft zu einem Mann. Doch wie lange kann eine Liebe den Krieg ausschließen?

Madeleine sitzt ohne Verhandlung im Gefängnis und bekommt dort hautnah zu spüren, wie wahllos Menschen zur Guillotine geführt werden. Jeden Abend, wenn die Namenslisten verlesen werden, erwartet sie ihren Namen zu hören. So sehr sich Jeanne auch bemüht, herauszufinden, wo Madeleine sich befindet, kann sie ihre Schwester nicht ausfindig machen. Glücklicherweise hat Jeanne die Anstellung beim Maler Davis im Louvre bekommen. Denn täglich nimmt das Elend auf den Pariser Straßen zu. Als Jeanne beobachtet, wie Kinder angesprochen und mitgenommen werden, erwacht ihr Misstrauen. Jeanne macht sich mit ihren Nachforschungen keine Freunde. Auch Jeannes Liebesbeziehung zu Camille wird durch die Trennung auf eine harte Probe gestellt.

Viele historische Themen und Personen dieser Zeit, finden ihren Platz im Roman. Die Geschichte beleuchtet auch unbekanntere Ereignisse der Revolution genauer. Das macht für mich den Reiz dieser Erzählung aus, weil sie versucht so lebensnah wie möglich das Leben von damals wiederzugeben. Als Leser habe ich den Eindruck direkt dabei zu sein. Der Roman ist spannend geschrieben, sodass man sich nur ungern beim Lesen unterbrechen lässt. Der Autorin ist ein authentisches Porträt dieser Zeit gelungen und ihre drei Protagonistinnen schlagen sich jede auf ihre Weise durch. Unerschrockene, pragmatische Frauen, deren Weg ich als Leserin mit Neugier begleite. Das Schicksal der drei Frauen bleibt ungewiss. Ich bin gespannt, welche Herausforderungen die Schwestern in der Fortsetzung meistern müssen.

Ich bedanke mich herzlich bei der Autorin Sibylle Baillon für die Bereitstellung des Ebookexempars.

Links zum Buch:

Teil I: https://lesepartie.de/die-toechter-des-sturms/

https://lesepartie.de/und-ueber-uns-das-nichts/

https://www.lovelybooks.de/autor/Sibylle-Baillon/

Die Tänzerin von Paris

Buchcover zum Roman Die Tänzerin von Paris
Annabel Abbs

Eine interessante, wahre Geschichte, allerdings viel zu sehr in die Länge gezogen.

Lucia Joyce, Tochter des berühmten und viel diskutierten, irischen Schriftstellers James Joyce, lebt im Jahr 1928 mit ihrer gesamte Familie in Paris. Ihre Leidenschaft ist der Ausdruckstanz, mit dem sie große Erfolge feiert. Auch wenn Lucias eine erwachsene Frau und gefeierte Tänzerin ist, sind es ihre Eltern, die über ihr Leben bestimmen. Dem Schaffen des berühmten Vaters haben sich alle unterzuordnen. Durch sein schweres Augenleiden benötigt James Joyce Unterstützung beim Schreiben. So lernt Lucia eines Tages einen jungen, irischen Mann kennen; Samuel Beckett, welcher in Paris studiert. Auch er hat schriftstellerische Ambitionen und ist voller Bewunderung für seinen berühmten Landsmann Joyce. Lucia verliebt sich in Beckett und malt sich in ihrer Fantasie eine Zukunft mit ihm aus. Doch sie ist gefangen in den strengen moralischen Zwängen ihrer Familie. Lucia unternimmt etliche Versuche sich davon zu befreien, doch sie scheitert ein ums andere Mal. Als sie dann noch von der Lebenslüge ihrer Eltern erfährt, treten immer öfter psychische Probleme bei Lucia zu Tage.

Nach vielen Therapieversuchen übernimmt der bekannte Psychologe C.J. Jung 1934 Lucias Behandlung. Er versucht in Lucias Unterbewusstsein vorzudringen, weil er davon überzeugt ist, dass Lucia etwas verdrängt und diese Etwas den Therapieerfolg verhindert. Wird Lucia es schaffen, irgendwann wieder als Tänzerin auf der Bühne zu stehen und sich selbst verwirklichen?

Der Roman erzählt die Geschichte einer jungen Frau, der es nicht gelingt sich von ihrer Familie zu lösen. Wenn man die tragische Geschichte der Lucia Joyce verfolgt, bekommt man schnell den Eindruck, als wäre ihr jedes Recht auf Selbstbestimmung von Anfang an entzogen worden. Die Mutter wirkt oft hartherzig und verhält sehr ungerecht gegenüber Lucia. Das Mutter – Tochter – Verhältnis ist miserabel und die Mutter kann ihre Eifersucht auf die Tochter kaum verbergen. James Joyce behandelt Lucia wie sein kleines Mädchen, obwohl sie mittlerweile eine erwachsene Frau ist. Auch das von Lucia viel beschworene gute Verhältnis zu ihrem Bruder scheint einseitig zu sein. Ihr Bruder jedenfalls nimmt wenig Rücksicht auf seine Schwester. Sein Umgang mit Lucia ist kaltherzig und dominant.

Ebenfalls bleibt die Frage, ob Beckett nun tatsächlich die große Liebe ist. Für mich waren in dem Roman keinerlei Funke zwischen den beiden zu spüren, dazu waren ihre Begegnung zu distanziert. Ich würde diese Liebelei eher Lucias Traumwelt zuordnen. Auch der Tag, an dem Beckett und sie sich näher kamen erscheint mit mehr Traum als Realität. Ihr Wunsch endlich selbstbestimmt leben zu können, hat für mich viel mit den Gefühlen für Beckett zu tun. Eine Heirat scheint für sie der einzige Ausweg aus ihrer Familie zu sein. Aufgrund dessen steigert sie sich in diese „Liebe“ hinein.

Die Erzählung selbst verstrickt sich vielfach in die traumhafte Gedankenwelt der Hauptfigur, was sich endlos zieht und den Fluss der Geschichte hemmt. Seitenlang verfolgen wir Lucias Leben, ohne das etwas wesentliches geschieht. Das Tempo zieht erst im letzten Romandrittel an. In dem Teil verdichten sich Lucias Versuche ihr Leben zu ändern. Jedes Scheitern macht deutlich, wie sehr die junge Frau leidet.

Hinzu kommen die regelmäßigen Wechsel ins Jahr 1934 zu Doktor Jungs Therapiestunden, welche die Dramatik ihres Scheiterns erklärend unterstreichen. In dem Abschnitt zerbricht auch die moralische Instanz der Eltern, die für Lucia ein stetiger Leitfaden gewesen waren. Lucia begreift, dass ihre Eltern nicht frei von Fehlern sind. Diese Erkenntnis erschüttert die junge Frau zutiefst. Als ihre Eltern ihr weiterhin Vorschriften machen, setzt sich in Lucias Psyche etwas in Gang, das nicht mehr zu steuern ist.

In diesem letzten Teil fand ich endlich Zugang zu der Figur der Lucia. Davor ging sie mir oftmals auf die Nerven mit ihren wirren und seltsamen Gedanken. Ihr Dilemma macht wütend, dennoch beeindruckt mich ihrer Stärke, sich aufzulehnen, auch wenn es keinerlei Aussicht auf Erfolg gibt.

Alles in allem eine interessante Geschichte vor einem wahren, fast vergessenen Hintergrund. Doch leider hatte ich den Eindruck, als ob die Erzählung an vielen Stellen in die Länge gezogen wird, um Seiten zu füllen. Durch einige Passagen musste ich mich sehr quälen.

Links zum Buch:

https://www.aufbau-verlag.de/die-tanzerin-von-paris.html

https://issuu.com/aufbauverlag/docs/taenzerinvonparis

Auch aus der atb Reihe: https://lesepartie.de/madame-piaf-und-das-lied-der-liebe/

Wenn Martha tanzt

Buchcover Wenn Martha tanzt in Szene gesetzt
Tom Saller

Ein Roman, der das Thema Bauhaus aufgreift und um dessen Mythos eine Geschichte spinnt. Leider fehlt es dem Schluss an Fantasie.

Als seine Oma Hedi verstirbt, findet Thomas Wetzlaff in ihren Sachen eine Art Tagebuch auf Notenblättern. Dieses Notizbuch enthält neben zahlreichen Eintragungen auch diverse Zeichnungen. Als er zu lesen Beginnt, wird ihm bewusst, das Notizbuch gehört seiner Urgroßmutter. Martha wird seit dem Zweiten Weltkrieg vermisst. Bezeichnend dafür hören auch die Eintragungen im Januar 1945 abrupt auf.

Martha wächst in Pommern auf. Ihr Vater Otto ist Kapellmeister und beherbergt seine Musiker im Haus. Martha hört die Töne nicht nur, sondern sie sieht sie. Ein Ton, ein Dreieck, nächster Ton eine Kugel. Da ist es nur konsequent, dass sie sich als junge Frau nach Weimar aufmacht, um dort am neugegründeten Bauhaus zu studieren. Martha entdeckt eine neue Welt und sich selbst.

Kurz bevor das Bauhaus in Weimar seine Tore schließt, kehrt Martha nach Hause zurück. Mit ihrer neugeborenen Tochter Hedi. Über den Vater verliert sie kein Wort. Kurz vor Ende des Krieges fliehen Martha und Hedi Richtung Westen. Auf der Flucht werden die beiden getrennt.

Im Zuge der Lektüre wird Thomas klar, wer die Zeichnungen in Marthas Tagebuch verfasst hat. Die bekannten Bauhaus Künstler. Eine Sensation auf dem Kunstmarkt. Das Tagebuch erzielt in New York einen schwindelerregenden Auktionspreis. Der Käufer bleibt anonym, bis Thomas einen Anruf erhält, in dem der Käufer um ein Treffen bittet. Ohne zu wissen wer ihn erwartet, sagt Thomas zu.

Der Debütroman von Tom Saller ist zum 100jährigen Bauhaus Bestehen im List Verlag erschienen. Er erzählt zwei Geschichten, zunächst die von Martha. Neben ihr ist Thomas die zweite Hauptfigur. Er ist 25 Jahre alt und unsicher was das Leben betrifft. Er steht im Schatten seiner zielstrebigen Schwester. Bis er das Tagebuch findet. Fasziniert von seiner Urgroßmutter recherchiert er viel und schreibt Marthas Leben auf. Er ist es auch, der seine Familie in New York bei der Versteigerung vertritt. Durch das Notizheft gewinnt der zurückhaltende junge Mann an Selbstvertrauen.

Ganz anders Martha. Sie ergreift die Chance am Bauhaus zu studieren. Der Roman erzählt über den Aufbruch in die Neue Zeit, jedoch auch von den Anfeindungen und den finanziellen Krisen des Bauhauses. Gropius, Itten, Kandinsky, Schlemmer haben ihren Platz in dem Roman sowie die vielen Festen der Bauhäusler.

Der Roman teilt sich in zwei sich abwechselnde Abschnitte auf; 2001 berichtet Thomas über seinen Aufenthalt in New York und Marthas Geschichte, die Thomas nach seinen Recherchen verfasst hat.

Dem Autor ist ein fundiertes Porträt einer Frau dieser Zeit gelungen. Sensibel erzählt er von verbotener Liebe und vom damaligen Lebensgefühl. Dabei vergisst er nicht die Schatten, die über der Lehranstalt Bauhaus schwebten. Doch wir verfolgen auch Marthas Leben vor und nach dem Bauhaus. Mit Neugier habe ich Marthas Geschichte verfolgt. Allerdings ist zwischen mir als Leserin und dem Charakter Martha immer eine gewisse Distanz geblieben. Zudem fehlt der Geschichte meiner Ansicht nach das gewisse Etwas, das den Roman besonders macht. Dazu gehört vor allem das Romanende, denn es ist leider ziemlich vorhersehbar. Alles in allem ist es eine solide, charmante Erzählung.

Links zum Buch:

https://www.lesejury.de/saller/buecher/wenn-martha-tanzt/9783471351673

https://www.ndr.de/ndrkultur/sendungen/hoerspiel/Hoerspiel-Bauhaus-100-Wenn-Martha-tanzt,sendung861900.html

Madame Piaf und das Lied der Liebe

Buchcover
Michelle Marly

Für eine Liebesgeschichte zweier Ausnahmekünstler viel zu sachlich. Überbordende, detailreiche Beschreibungen ermüden den Leser.

Die deutschen Besatzer haben Paris verlassen und die Stadt gehört 1944 wieder den Franzosen. Das legendäre Moulin Rouge soll wieder zu seinem vorherigen Glanz zurückfinden. Für diese Neueröffnung ist Edith Piaf engagiert. Für ihren Auftritt benötigt die kleine, große Sängerin noch einen Anheizer. Von ihrem Manager wird ihr ein junger Sänger mit italienischen Wurzeln vorgeschlagen, der in Marseille aufwuchs. Edith Piaf sieht sich einen Auftritt des jungen Künstlers an und ist entsetzt, denn sein Talent scheint mäßig zu sein. Doch auf den zweiten Blick entdeckt die Piaf Potential und sie beschließt den jungen Sänger unter ihre Fittiche zu nehmen. Yves Montand, wie sich der Sänger nennt, ist zuerst wenig begeistert von der berühmten Sängerin und ihren befehlsmäßigen Vorgaben. Doch er braucht das Geld und die Chance und lässt sich zunächst widerwillig auf den Unterricht ein.

Schon nach kurzer Zeit entwickelt sich zwischen den beiden mehr als nur eine professionelle, künstlerische Zusammenarbeit. Sie gehen zusammen auf Tournee durch das vom Krieg stark mitgenommene Frankreich. Yves Montand lernt, baut ein neues Repertoire auf und ergattert mit der Hilfe von Edith Piaf seine erste Filmrolle. Lange Zeit sind beide unzertrennlich, bis der Tag kommt, an dem sich erst künstlerisch dann privat ihre Wege wieder trennen.

Der Roman von Michelle Marly ist in der Reihe „Mutige Frauen zwischen Kunst und Liebe“ im Aufbau Verlag erschienen und befasst sich mit zwei französischen Ausnahmekünstlern. Edith Piaf, welche als Chansonsängerin auf dem Höhepunkt ihrer Karriere ist, und dem noch unbekannten Yves Montand. Diese Beziehung inspirierte Edith Piaf zu ihrem weltberühmten Chanson „La vie en rose“.

Leider bleiben die Figuren und die Geschichte ohne wirklichen Tiefgang. Ich habe keinen Zugang finden können. Es ist eine schön erzählte Geschichte, die mich aber kein bisschen gepackt hat. Oftmals wurden die Beschreibungen zu detailreich und die Geschichte zog sich, konzentrierte sich auf unwesentliches, sodass ich die Sätze an einigen Stellen nur überflog. Warum sich die beiden in einander verliebt haben, hat sich mir nicht erschlossen. Gelegenheit? Passte gerade? Das Buch ist zu sachlich für große, echte Gefühle.

Die Autorin hat für diesen Roman sehr genau recherchiert. Einerseits ist dies meiner Meinung nach wichtig für einen historischen Roman, anderseits hat sich vielleicht genau dadurch eine Sachlichkeit eingeschlichen, die den Roman zu steif und gewollt wirken lässt. Mich konnte die Geschichte nicht überzeugen.

Links zum Roman:

https://www.aufbau-verlag.de/frauenkunstliebe

https://www.vorablesen.de/buecher/madame-piaf-und-das-lied-der-liebe/rezensionen/die-besten-jahre-der-grossen-kleinen-saengerin

Die Physikerin

Buchcover Die Physikerin
Moritz Hirche

Spannendes Thema. Allerdings viel zu langatmig, um die Spannung bis zum Ende halten zu können. Schade!

Dr. Helena Bartsch ist Physikerin am Kaiser Wilhelm Institut und forscht in Sachen Uran. Aufgrund dieser Forschung gerät sie in den Fokus des nationalsozialistischen Regimes. Im Sommer 1944 steht das Deutsche Reich unter Druck. Eine Uranbombe könnte den Krieg entscheiden.Auch die Amerikaner tüfteln an einer ähnlichen Bombe und sie sind nah am Ziel.

Helena Bartsch erkennt schnell, dass sie sich dem Regime nicht entziehen kann ohne ihr eigenes Todesurteil zu unterschreiben. Doch nicht nur die Nazis bekunden Interesse an ihr, sondern auch eine Widerstandsgruppe. Die Gruppe verlangt von ihr Informationen über das geheime Projekt. Unvermittelt gerät die junge Wissenschaftlerin zwischen die Fronten. Eine Situation, in der die Physikerin über sich hinaus wachsen muss, um zu überleben.

Die nuklearen Tests sind vom britischen Geheimdienst MI 6 nicht unbemerkt geblieben. Um mehr herauszufinden starten der MI 6 zusammen mit dem amerikanische Geheimdienst eine Aufklärungsoperation. Frederik Mercer, amerikanischer Spion, wird nach Deutschland geschleust. Als der Spion herausfindet, weshalb gerade er für diese Mission ausgewählt wurde, erkennt er seine Rolle als unbedeutende Figur in einem großen Spiel. Dennoch setzt er alles auf eine Karte, dass schlimmste zu verhindern.

Ein spannendes Thema für einen Agententhriller. Die erste Romanhälfte ist unterhaltsam und fesselnd geschrieben. Leider verliert sich die Geschichte dann in allzu detailreichen Beschreibungen. Die Entwicklung der Hauptfigur Helena Bartsch ist sehr oberflächlich ausgefallen. Als Leser fiel es mir manchmal schwer ihrer Taten nachzuvollziehen. Manche Handlungsstränge verwirren mehr, als dass sie der Erzählung gut tun. Bei einigen Ereignissen ist mir der Sinn nicht deutlich geworden.

Dem Roman hätten mindestens 100 Seiten weniger gut getan. Insbesondere das Ende zieht sich wie Kaugummi. Das letzte Kapitel ist meiner Meinung völlig unnötig und überzogen. Für den Roman hat es keinerlei Bedeutung. Alles in allem handelt der Roman über ein spannendes Thema. Eine Spannung, die der Roman leider nicht bis zum Ende beibehalten kann.

Der Wintersoldat

Daniel Mason
Hardcover Ausgabe von dem Roman Der Wintersoldat
Der Wintersoldat

Ein beeindruckender Roman, der zeigt, was Menschen leisten und aushalten können, wenn die Umstände es erfordern.

In der Medizin hat Lucius, jüngster Sprössling einer in Wien lebenden polnischen Fabrikantenfamilie, seine Berufung gefunden. Unter den Mitstudenten und Professoren fühlt er sich zum ersten Mal in seinem Leben verstanden. Sein Können und sein medizinischer Verstand machen aus ihm einen der begabtesten Studenten. Als der Erste Weltkrieg ausbricht, fehlt es der österreichischen Armee an Ärzten. So kommt es, dass Lucius möglich ist, sich ohne Studienabschluss als Assistenzarzt zur Armee zu melden. Aufgrund seiner polnischen Sprachkenntnisse, wird er Richtung Osten nach Galizien geschickt. Im Lazarett angekommen, muss er feststellen, das er dort der einzige Doktor ist. Lucius, dem es an jeglicher praktischen Erfahrung fehlt, ist nun gezwungen Diagnosen zu stellen, zu operieren und den verletzten Soldaten die richtigen Medikamente zu verabreichen. Glücklicherweise findet er Unterstützung in der Krankenschwester und Nonne Margarete.

Schnell lernt Lucius sich im Lazarettalltag zu behaupten. An einem Wintertag wird von Bauern ein völlig traumatisierter Soldat zu ihnen gebracht, der weder spricht noch isst oder trinken will, sondern nur starr da liegt. Der Soldat weckt sowohl Lucius Ehrgeiz als auch sein Mitgefühl. Um den Soldat vor einem weiteren Fronteinsatz zu schützen, begeht Lucius einen fatalen Fehler, der ihn über Jahre hinweg verfolgen wird.

„Der Wintersoldat“ spielt in einer verlassenen galizischen Berggegend. Eine Gegend, die selten Erwähnung in den Geschichten rund um den Ersten Weltkrieg findet. Doch auch hier tobt eine Art Stellungskrieg. Es wird um jeden quadratzentimeter Boden gekämpft. Die körperlichen und psychischen Verletzungen sind identisch mit denen der Westfront.

Mit viel Realismus und Detailtreue erzählt Daniel Mason die Erlebnisse des Medizinstudenten Lucius. Ein junger Mann aus reichem Haus, ein vielversprechender Medinziner, der, überrumpelt vom Kriegsausbruch, die alleinige Verantwortung für ein Frontlazarett übernimmt. Er wächst sprichwörtlich mit seinen Aufgaben, findet Freunde und verliebt sich zum ersten Mal. Es ist ein spannender Kriegsroman, welcher zeigt wie Menschen sich unter ungewöhnlichen Umständen finden, aber sich auch wieder verlieren. Ein großartig erzähltes Stück Zeitgeschichte, das mich bis zur letzten Seite in seinen Bann gezogen hat. Ein herausragender Roman. Ich danke dem C.H. Beck Verlag noch einmal ganz herzlich für den Gewinn dieses beeindruckenden Buches.

Ich kann es jedem interessierten Leser*in nur ans Herz legen.

Links zum Buch:

C.H. Beck Verlag https://www.chbeck.de/buehnen/daniel-mason-der-wintersoldat/

Der Autor https://www.lovelybooks.de/autor/Daniel-Mason/

Zwei Handvoll Leben

Katharina Fuchs
Cover Zwei handvoll leben
Zwei Handvoll Leben

Beeindruckend und lebensnah schildert der Roman zwei Frauenschicksale im bewegten 20. Jahrhundert.

Deutschland 1914. Anna lebt mit ihrer Familie im Spreewald. Viel kann sich die Familie nicht leisten, aber ihre Mutter ermöglicht Anna eine Lehre zur Schneiderin. Charlotte ist die einzige Tochter eines sächsischen Gutsherren. Eines Tages wird sie den landwirtschaftlichen Besitz erben. Beide Mädchen stehen an der Schwelle des Erwachsenwerdens. Beide begegnen ihrer ersten, großen Liebe, bevor der Erste Weltkrieg ausbricht. Beide erleben die Veränderungen, die der Krieg und der darauffolgende Frieden mit sich bringt. Bei beiden verläuft das Leben anders, als sie es sich erträumt haben. Dennoch lassen sich weder Anna noch Charlotte davon nicht entmutigen und gehen in Zeiten der Unsicherheit und des Wandels konsequent ihren Weg.

Nach ihrer Schneiderlehre verlässt Anna 1919 ihre Familie und fährt nach Berlin, um dort Arbeit zu finden. Als das Berliner KaDeWe Verkäuferinnen sucht, ergreift sie ihre Chance. Anna kann durch ihr Wissen als Schneiderin überzeugen und bekommt die begehrte Stelle. Für Anna ist es der Beginn einer ungewöhnlichen beruflichen Karriere in diesen Zeiten.

Charlotte hat während des Krieges tatkräftig auf dem landwirtschaftlichen Gut mit angepackt. Nun wird es für ihren Vater Zeit, dass Charlotte sich nach einem geeigneten Ehemann umsieht. Ihre Tante lebt mit ihrem Mann Salomon und der gemeinsamen Tochter in Leipzig. Dort wird Charlotte in die Gesellschaft eingeführt. Da sie sich von ihrer großen Liebe betrogen fühlt, lässt sie sich von anderen, jungen Männern den Hof machen. Charlotte ist bewusste, es gilt nicht nur die richtige Entscheidung für sich selbst, sondern für die Zukunft des Gutes zu treffen.

Anna und Charlotte wachsen völlig unterschiedlich auf, doch beide verbindet die erste unerfüllte Liebe, die Liebe zu ihren Familien und allem voran ihr starker Wille das Leben bestmöglich zu meistern. Der Roman beschreibt abwechselnd je Kapitel den Lebensweg der beiden Frauen, der durch die bewegte Zeit des 20. Jahrhunderts führt. Diese Erzählweise macht es dem Leser leicht, beiden Geschichten parallel zu folgen. So wie die Zeiten sind auch die Leben von Charlotte und Anna durch Hoffnung, Angst, Entbehrungen und dem Leben das Beste abzutrotzen geprägt.

Die Erzählung beginnt kurz vor dem Ersten Weltkrieg und endet 1953, als Charlotte und Anna bei der Heirat ihrer Kinder aufeinandertreffen. Die Handlung des Romans ist aus der Perspektive der Frauen geschrieben. Neben den Hauptcharakteren Anna und Charlotte gibt es noch weitere, wie beispielsweise Charlottes Cousine Edith oder Annas Freundin Ella. Alle Frauenfiguren sind hervorragend beschrieben. Es macht große Freude ihre Entwicklungen zu verfolgen. Jedoch stimmen ihre Geschichten nachdenklich, angesichts des ständigen Kampfes, um zu erhalten, was sie sich aufgebaut haben.

Das Buch beruht auf der wahren Familiengeschichte der Autorin Katharina Fuchs, die sich auf die Suche nach der Geschichte ihrer Großmütter begeben hat. Mich hat das Buch gänzlich überzeugt. Ich konnte es nur schwer aus der Hand legen. Nicht nur die Charaktere sind lebensnah, sondern auch die Orte, die Stimmungen sind fast fühlbar in Worte gefasst. Allerdings musste ich die Geschichte eine Zeit wirken lassen, nachdem ich das Buch gelesen und zugeklappt hatte. Es zeigt für mich ein weiteres Mal, wie viel gerade diese Frauengeneration geleistet hat und wie viel Leid die Kriege gebracht haben. Ich halte es für wichtig immer wieder daran zu erinnern. Das Buch ist sehr lesenswert und da sich schon eine Fortsetzung ankündigt, bin ich sehr gespannt und freue mich darauf.

Links zum Roman:

Drömer Knaur Verlag: https://www.droemer-knaur.de/buch/9622627/zwei-handvoll-leben

Katharina Fuchs: https://www.instagram.com/katharina_fuchs_books/

Sommer in Wien

Sommer in Wien Cover
Petra Hartlieb

Maries Geschichte geht weiter, bezaubernd, doch der Wandel der Zeit wird spürbar.

Im Sommer 1912 verlässt Marie Wien, um die Familie Schnitzler in den Sommerurlaub zu begleiten. Urlaub, für Marie eine völlig neue Erfahrung. Zum ersten Mal sieht sie das Meer, fährt erstmalig in einem Automobil und wohnt im Hotel. Dennoch vermisst sie in diesen Wochen ihren Oskar, welcher in Wien sehnsüchtig auf ihrer Briefe wartet. Als Marie am Ende des Sommers zurück in Wien ist, sind sich die beiden Verliebten darüber einig, das sie ihr Leben zusammen verbringen wollen. Doch noch scheint dieser Wunsch in weiter Ferne, den ihr Einkommen reicht für eine Familiengründung nicht aus. Ausgerechnet ein tragischer Schicksalsschlag lässt eine Hochzeit in greifbare Nähe rücken.

Anders als in den beiden Vorgänger Bände umfasst „Sommer in Wien“ eine Zeitspanne von zwei Jahren. Der Roman beginnt im Sommer 1912 und endet im Sommer 1914. Marie entwickelt sich zusehends weiter. Ihr anerzogenes Weltbild wird in zaghaften Schritten verändert. Die von gottgewollte Ordnung, an die sie den Großteil ihres Leben geglaubt hat, bekommt feine Risse. Marie sieht mehr von der Welt und lernt und liest. Immer weiter entfernt sie sich von dem Bauernmädchen, das sie einst war. Häufig ist ihre eigene Entwicklung Marie unheimlich. Dann wird sie unsicher und fühlt sich fast wie eine Hochstaplerin. Gerade dieser Zwiespalt macht sie als Charakter glaubwürdig. Sie nimmt nichts als selbstverständlich.

Petra Hartlieb erzählt die bezaubernde Geschichte von Marie in einem ebenso herrlich schnörkellos Schreibstil weiter. Dennoch spürt man als Leser den Wandel der Zeit. Es ist eine Zeit des Aufbruchs. Gewohnte Strukturen werden in Frage gestellt und an einigen Stellen des Romans wird deutlich, dass der Vielvölkerstaat wankt. Auch die Familie Schnitzler rückt in ein anders Licht.

Die Autorin hat diese Stimmung aufgenommen und Marie dafür sensibilisiert. Marie verkörpert sowohl den Aufbruch als auch die Unsicherheit dieser Zeit.

Der Roman endet im Sommer 1914. Im vierten Teil der Romanreihe wird einiges auf Marie zukommen und auch der Erzählton wird sich weiter wandeln. Ich hoffe auf einen vierten Teil und freue mich sehr darauf.

Rezension der beiden vorherigen Bände:

https://lesepartie.de/ein-winter-in-wien/

https://lesepartie.de/wenn-es-fruehling-wird-in-wien/

Zur Autorin:

https://hartliebs.at/

http://www.dumont-buchverlag.de/buch/hartlieb-sommer-in-wien-9783832183721/