Und über uns das Nichts

Buchcover Und über uns das Nichts von Sibylle Baillon
Sibylle Baillon

Eine außergewöhnliche Liebesgeschichte, die zwei Menschen in einer Lebenskrise vereint. Aber auch eine Erzählung über soziale Missstände, Vorurteile und Gegensätze. Bemerkenswerte Geschichte, brillant erzählt.

Durch einen schweren Autounfall verliert Sarah nicht nur ihren Lebensgefährten, sondern auch ihr Gehvermögen. Seit sie auf den Rollstuhl angewiesen ist, lebt sie zurückgezogen von Freunden und Familie. Ihre Pariser Wohnung verlässt sie nur selten. Auch ihre Physiotherapie hat sie abgebrochen. Als sich am Weihnachtsabend eine Tüte in ihren Speichen verfängt und Sarah versteckt, hilft ihr ein freundlicher junger Mann aus der Klemme. Michel ist ein Obdachloser. Aus einer spontanen Intuition heraus, lädt Sarah ihn zu sich ein. Der Beginn einer außergewöhnlichen Liebesgeschichte zweier Menschen, die vom Schicksal einiges aufgebürdet bekommen haben. Gegenseitig geben sie sich Halt und Hoffnung.

Doch vom ersten Tag an müssen die beiden für ihr Glück kämpfen. Einerseits gegen eine Welle von Vorurteilen, andererseits sind ihre Lebensentwürfe sehr verschieden. Gerade als die Beziehung sich zu festigen scheint, beginnt die Bewegung der Gelbwesten. Michel wird von der Begeisterung für eine neue Revolution gegen sämtliche sozialen Missstände mitgerissen und setzt dabei alles, was er sich in den vergangenen Monaten aufgebaut hat, wieder aufs Spiel. Die Liebe von Sarah und Michel wird wiederholt auf die Probe gestellt. Kann die Liebe dem standhalten?

Im Prolog des Romans tauchen wir in die Gedankenwelt eines Obdachlosen ein. Es ist der Weihnachtsabend und er sieht von ganz unten in die hell erleuchteten Zimmer. Zur selben Zeit fährt Sarah mit ihrem Lebensgefährten nach Hause, dann geschieht der Unfall.

Ein Jahr später treffen Sarah und der Obdachlose aufeinander und es geschieht etwas magisches mit den beiden. Zwei verlorene Seelen finden sich und geben sich Halt. Alles könnte so romantisch sein, wären da nicht Sarahs konservative Eltern, die absolut kein Verständnis dafür haben, dass ihre querschnittsgelähmte Tochter einen Obdachlosen und Ex Sträfling bei sich beherbergt. Doch die beiden Verliebten lassen sich davon nicht beirren. Sarah nimmt ihre Physiotherapie wieder auf und Michel sucht sich einen Job. Sarah blüht während dieser Zeit mit Michel richtig auf und setzt sich Ziele.

Als die Gelbwesten in Paris das erste Mal streiken, sind Sarah und Michel mit dabei. Michel ist fasziniert von der Menge der Menschen, die gegen die soziale Ungerechtigkeit auf die Straße gehen. Sarah steht der ganzen Bewegung kritischer gegenüber, vor allen den Gewaltausbrüchen, die mit den Demonstrationen einhergehen.

Der Roman erzählt chronologisch vom Auf und Ab der Liebesbeziehung zwischen Sarah und Michel und macht deutlich wie schwer es ist, seine gewohnten Verhaltensmuster abzustreifen. Ein wichtiger Aspekt in der Geschichte ist die soziale Ungleichheit. Nicht nur, dass die Autorin gekonnt die Gelbwesten Bewegung in die Erzählung mit einbindet, nein, es sind auch die gegensätzlichen Erfahrungen, welche die Hauptfiguren gemacht haben. Sarah behütet aufgewachsen, hat eine gute Ausbildung genossen, die ihr einen guten Job eingebracht hat. Dem gegenüber steht Michel, der von einer Pflegefamilie zur anderen gereicht wurde, sich für den Tierschutz einsetzte, es zu weit trieb und die Spirale abwärts ging. Michel hat weder Familie noch einen stabilen Freundeskreis. Niemand, der ihn hätte auffangen können.

In feinen Nuancen zeigen sich diese Unterschiede immer wieder in der Erzählung und machen diese Liebesgeschichte so besonders. Auch ich war mir irgendwann nicht mehr sicher, ob die Liebe Bestand haben würde. Der Roman kann die Spannung bis zum Ende halten. Ein Ende, das von der Handlung her total schlüssig ist.

Für mich ist es eine absolut gelungene, packende Erzählung, die mit einigen Wendungen überrascht. Ich konnte die Geschichte kaum aus der Hand legen, weil meine Neugier darauf, wie es weitergeht groß war. Vielleicht bringt sie den einen oder anderen Leser*in dazu, seinen Umgang mit Obdachlosen zu hinterfragen.

Herzlichen Dank an die Autorin für das Rezensionexemplar.

Buchempfehlung zur Autorin: https://www.lesepartie.de/die-toechter-des-sturms

Links zum Buch:

https://www.lovelybooks.de/autor/Sibylle-Baillon/Und-%C3%BCber-uns-das-Nichts-Eine-ber%C3%BChrende-Geschichte-2433790173-w/leserunde/2433835002/2433835005/#thread

https://www.facebook.com/SibylleBaillonAutorin/

Franziskas Reise

Elke Vesper

Eine Roadtrip Erzählung über eine Frau, die erst spät den Mut aufbringt ihr Leben zu leben. Leider findet der Schluss kein Ende.

Franziska kauft sich einen gebrauchten Rolls Royce und fährt darin nach Monaco. Sie ist 57 Jahre alt, konservativ erzogen, früh verwitwet, die Beziehung zu ihrer Erwachsenen Tochter ist distanziert und ihre Mutter, die sie bis zum Ende gepflegt hat, ist kürzlich verstorben. Franziska ist niemanden mehr verpflichtet. Somit ist es an der Zeit ihr farbloses Leben hinter sich zu lassen. Als großer Grace Kelly Fan möchte sie endlich die Dächer über Nizza zu bewundern und sich den Ort der Reichen und Berühmten ansehen. Auslöser für diesen Bruch mit ihrem stillen, gleichförmigen Leben ist eine Krebsdiagnose, die ihr eine Lebenserwartung von einer Fußballsaison in Aussicht stellt. Also ist es ihre letzte Chance Träume zu leben. Für Franziska ein unfassbares Abenteuer.

Eines Abends taucht aus der Dunkelheit eine panische, junge Frau vor Franziskas Wagen auf. Mehr oder weniger freiwillig nimmt Franziska sie mit. Amira heißt die junge Frau und mit ihr bekommt Franziska eine ungeplante und anfangs ungewollte Reisebegleiterin. Durch ihre junge, unkonventionelle Begleiterin lernt Franziska den Reiz des Glücksspiels und die Kunst, den Moment zu leben, kennen. Die beiden Frauen reisen zuerst durch Frankreich und nach Monaco, dann weiter nach Venedig.

Doch wie lange dauert eine Fußballsaison? Wann kommt der Zeitpunkt, der Franziska zur Heimkehr zwingen wird? Fragen, die Franziska auf Schritt und Tritt begleiten.

Die Hauptfigur Franziska ist geprägt von der typisch konservativen Erziehung ihrer Generation. Für Frauen lohnt sich keine teure Ausbildung, da sie heiraten und dann für ihre Familie da sein müssen. Eine Frau fügt sich in die Gesellschaft und gibt keinen Grund für Gerede. Das sind die Maßstäbe, die Franziska seit Kindheitstagen zu hören bekommt. So fällt es Franziska schwer sich ihre eigenen Wünsche zu erfüllen, denn im Hinterkopf hört sie immer die Ermahnungen der Eltern. Ihr vor 15 Jahren verstorbener Mann ist immer noch ihre engste Bezugsperson, weil sie es nicht wagt, sich neu zu binden. Stundenlang sitzt sie an seinem Grab und führt endlose Monologe. Die Beziehung zu ihrer Tochter ist angespannt. Durch den fehlenden Vater, den Franziska nicht ersetzen konnte, haben sich Mutter und Tochter entfremdet.

Als Franziska bewusst wird, dass ihre Zeit abläuft, lässt sie ihr Leben Revue passieren, dabei stellt sie fest, dass sie ihr eigenes Glück immer hinten an gestellt hat. Diese Erkenntnis ist ihr Antrieb, endlich an sich selbst zu denken.

Amira ist in dieser Geschichte der Gegenpol. Sie ist jung, frei, unkonventionell und ungebunden. Mit ihrer Art reißt sie Franziska mit. Auch wenn die beiden Frauen hin und wieder aneinander geraten, erleben sie einen wunderbaren Sommer voller Leben.

Der Roman startet kraftvoll. Die zwei unterschiedlichen Frauen raufen sich mit der Zeit zusammen. Es ist herrlich mit ihnen gemütlich durch Südfrankreich zu fahren. Als Leser ist man der unsichtbare dritte Mitfahrer. Im regelmäßigen Turnus wechselt die Gegenwart sich mit der Vergangenheit ab. Die anachronistischen Rückschauen erzählen aus Franziskas Vergangenheit. Der Roman ist in keine Kapitel unterteilt, sondern besteht aus einem Gesamttext, der durch Absätze unterbrochen wird.

Die Hauptfigur Franziska fällt stets zurück in ihre alten Verhaltensmuster. Wenn man sich ein Leben lang in gewohnten Mustern bewegt, streift niemand diese von heute auf morgen ab, dessen bin ich mir bewusst. Jedoch empfand ich die ständigen Rückfälle in alte Verhaltensweisen irgendwann als zu viel. Franziskas Denkweise war für mich längst etabliert. Es nahm der Erzählung den Schwung und bremste die Weiterentwicklung aus. Ich hatte den Eindruck, die Erzählung kommt nicht recht voran und dreht sich im Kreis.

Der Charakter Amira blieb mir weitestgehend fremd. Ich fand keinen Zugang zu der Figur und empfand Amira häufig als unglaubwürdig und kindisch. Überhaupt nicht sympathisch waren mir die Charaktere Elena, Franziskas Tochter, und ihr Freund Tom. Beide verhielten sich oberflächlich und arrogant, auch sich selbst gegenüber. Im Bezug auf die beiden ist das Romanende schwer nachzuvollziehen. Der Schluss zeigt meiner Meinung nach etliche Schwächen. Ein Aspekt ist die fehlende ehrliche Auseinandersetzung von Mutter und Tochter. Plötzlich scheint alles gut.

Hinzu kommt, dass die Geschichte im letzten Drittel den roten Faden verliert. Anstatt auf einen Abschluss hinzusteuern, werden neue Handlungsstränge, die in erster Linie Amira betreffen, eröffnet. Die Erzählung konzentriert sich zum Ende hin nicht mehr auf Franziskas Geschichte, den eigentlichen Hauptcharakter, stattdessen rückt Amira in den Mittelpunkt, Dadurch wirkt der Schluss völlig überladen und zieht sich endlos und unnötig in die Länge.

Nach der wirklich wunderbaren und unterhaltsamen ersten Hälfte, verknäult sich die Geschichte auf den letzten 50 Seiten in sich selbst. Das ist sehr schade, denn die Botschaft des Buches ist wichtig. Seine Träume sollte man im Leben nie aufschieben, weil niemand weiß, wie viel Zeit bleibt. Darüber hinaus gibt es diese Frauengeneration, die nie gelernt hat, ihre eigenen Bedürfnisse in den Vordergrund zu stellen. Gerade deshalb bin ich Franziska auf ihre Reise mit diesem wahnsinnigen Auto gerne gefolgt und habe beobachtet, wie sie sich immer weiter von diesen Dogmen entfernt und sie selbst geworden ist. Leider konnte die Geschichte meine Begeisterung nicht bis zum Ende halten.

Ich bedanke mich herzlich bei der Autorin für das Rezensionsexemplar.

Links zum Buch:

https://www.youtube.com/watch?v=CbrzdeTApJg

https://www.978-3.com/verlagsveroeffentlichungen/franziskas-reise

Das Beste, das mir nie passiert ist

Laura Tait und Jimmy Rice

Ein launiger Roman über verpasste Chancen. Frisch, ehrlich, unterhaltsam.

Holly und Alex sind seit Teenager Tagen beste Freunde. Als Holly auf die Uni wechselt, bricht der Kontakt abrupt ab. 11 Jahre später nimmt Alex, inzwischen Lehrer, eine Stelle an einer Londoner Schule an. Auch Holly wohnt mittlerweile in der Stadt. Sie ist Sekretärin in einer Marketing Agentur und hat ein Verhältnis mit ihrem Chef.

Angestoßen von ihren Eltern, nehmen die beiden wieder Kontakt auf, treffen sich und bemerkten, dass ihr Vertrauensverhältnis immer noch da ist. Sie werden wieder Freunde. Was beide allerdings nicht von einander wissen, sie waren damals heimlich in den jeweils anderen verliebt, verpassten jedoch den richtigen Zeitpunkt, es auszusprechen. Die Frage ist, ist die Gelegenheit vorüber oder gibt es noch eine zweite Chance für ihre Liebe?

Laura Tait und Jimmy Rice haben diesen Roman, der im Dumont Verlag erschienen ist, zusammen verfasst. Es ist ein launige Geschichte über ehemals beste Freunde, deren Lebenswege sich mit Ende 20 wieder treffen. Sowohl Holly als auch Alex haben ihre eigene Version, weshalb die Freundschaft damals so abrupt endete. Leider sprechen sie sich 11 Jahre später nicht aus, sondern halten an ihren alten Mustern fest. Das führt wieder zu einer Menge Missverständnissen, die ein Happy End in weite Ferne rücken lassen. Alex unerwartetes Auftauchen in Holly Leben, bringt sie dazu, sich an ihre Träume zu erinnern. Schnell wird Holly klar, dass sie keineswegs das Leben führt, das sie führen wollte. Beide Charaktere sind frisch und echt, sodass man gerne mit ihnen befreundet wäre. Meiner Meinung nach ist es ein tolles, sehr unterhaltsames Buch, das sich in die Tradition von Bridget Jones oder die Romane von Alex Shearer einreiht. In dem Buch steckt spürbar viel Freude am Schreiben drin. Die beiden Autoren sind ein wunderbares Team.

Links zum Buch:

https://www.dumont-buchverlag.de/buch/rice-tait-das-beste-das-mir-nie-passiert-ist-9783832188269/

https://www.lovelybooks.de/autor/Jimmy-Rice/Das-Beste-das-mir-nie-passiert-ist-1114757515-w/

Und jeden Morgen das Meer

Buchcover Und jeden Morgen das Meer



Und jeden Morgen liegt es wieder da, das Meer, in seiner unendlichen Gleichgültigkeit.“
Karl-Heinz Ott

Eine starke Erzählung über Erfolg und über das Scheitern. Was bleibt vom Leben übrig?

Jeden Morgen steht Sonja Bräuning an den walisischen Klippen und schaut auf das ungestüme Meer. Einst führte sie mit ihrem Mann Bruno den Lindenhof, ein angesehenes Sternerestaurant am Bodensee. Doch vom einstigen Erfolg ist nichts mehr übrig. Nachdem ihr Mann den Stern verlor ging es bergab mit dem Restaurant und dem Hotel und vor allem mit ihm selbst. Nun ist er Tod und sie war allein mit dem heruntergewirtschafteten Gastronomiebetrieb und den Schulden. Ihr Schwager Arno übernimmt alles, auch die Schulden, dafür muss sie auf alles verzichten. In einem Alter, in dem andere in Rente gehen, ist Sonja Bräuninger gezwungen von vorne anzufangen. Ein Hostel in Wales bietet ihr die Einsamkeit, die sie braucht, um ihr Leben zu verstehen.

Der Roman ist beim Hanser Verlag erschienen. Auf seinen knapp über 100 Seiten erzählt der Autor Karl-Heinz Ott von einer Frau, die für ihren Gastronomiebetrieb gelebt hat und nach dem Tod ihres Mannes vor einem Scherbenhaufen steht. Alles was sie sich ein Leben lang aufgebaut hat, ist verloren.

In Wales, weit ab von allem, versucht sie Frieden zu finden. Aus der gegenwärtigen Perspektive schaut sie zurück auf bewegte Jahre. Der Roman erzählt das Leben seiner Hauptfigur in kurzen Rückschauen. Es sind Sonjas Gedanken, in die wir, als Leser, eintauchen. Mal erinnert sie sich an ihre Kindheit, mal an ihre erfolgreiche Zeit, als der Lindenhof zu den ersten Adressen gehörte, dann wieder an ihre Ausbildung in der Schweiz.

Ohne Mitleid, dafür gnadenlos ehrlich erzählt der Roman vom Scheitern und vom Weitermachen. Jeden Morgen steht Sonja Bräuning an den Klippen und schaut auf das Meer, nur ein Schritt, wäre ein Schritt zu weit. Sie hat einen weiten Weg zurückgelegt und ist sich darüber bewusst, dass sie ihr Schicksal immer noch selbst in den Händen hält. Ein starker Roman, der mir sicher im Gedächtnis bleiben wird.

Links zum Buch:

https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/und-jeden-morgen-das-meer/978-3-446-25995-9/

https://www.deutschlandfunkkultur.de/karl-heinz-ott-und-jeden-morgen-das-meer-detailreich-und.1270.de.html?dram:article_id=427234

Bielefelder Literaturtage https://lesepartie.de/und-jeden-morgen-das-meer/

Wenn Martha tanzt

Buchcover Wenn Martha tanzt in Szene gesetzt
Tom Saller

Ein Roman, der das Thema Bauhaus aufgreift und um dessen Mythos eine Geschichte spinnt. Leider fehlt es dem Schluss an Fantasie.

Als seine Oma Hedi verstirbt, findet Thomas Wetzlaff in ihren Sachen eine Art Tagebuch auf Notenblättern. Dieses Notizbuch enthält neben zahlreichen Eintragungen auch diverse Zeichnungen. Als er zu lesen Beginnt, wird ihm bewusst, das Notizbuch gehört seiner Urgroßmutter. Martha wird seit dem Zweiten Weltkrieg vermisst. Bezeichnend dafür hören auch die Eintragungen im Januar 1945 abrupt auf.

Martha wächst in Pommern auf. Ihr Vater Otto ist Kapellmeister und beherbergt seine Musiker im Haus. Martha hört die Töne nicht nur, sondern sie sieht sie. Ein Ton, ein Dreieck, nächster Ton eine Kugel. Da ist es nur konsequent, dass sie sich als junge Frau nach Weimar aufmacht, um dort am neugegründeten Bauhaus zu studieren. Martha entdeckt eine neue Welt und sich selbst.

Kurz bevor das Bauhaus in Weimar seine Tore schließt, kehrt Martha nach Hause zurück. Mit ihrer neugeborenen Tochter Hedi. Über den Vater verliert sie kein Wort. Kurz vor Ende des Krieges fliehen Martha und Hedi Richtung Westen. Auf der Flucht werden die beiden getrennt.

Im Zuge der Lektüre wird Thomas klar, wer die Zeichnungen in Marthas Tagebuch verfasst hat. Die bekannten Bauhaus Künstler. Eine Sensation auf dem Kunstmarkt. Das Tagebuch erzielt in New York einen schwindelerregenden Auktionspreis. Der Käufer bleibt anonym, bis Thomas einen Anruf erhält, in dem der Käufer um ein Treffen bittet. Ohne zu wissen wer ihn erwartet, sagt Thomas zu.

Der Debütroman von Tom Saller ist zum 100jährigen Bauhaus Bestehen im List Verlag erschienen. Er erzählt zwei Geschichten, zunächst die von Martha. Neben ihr ist Thomas die zweite Hauptfigur. Er ist 25 Jahre alt und unsicher was das Leben betrifft. Er steht im Schatten seiner zielstrebigen Schwester. Bis er das Tagebuch findet. Fasziniert von seiner Urgroßmutter recherchiert er viel und schreibt Marthas Leben auf. Er ist es auch, der seine Familie in New York bei der Versteigerung vertritt. Durch das Notizheft gewinnt der zurückhaltende junge Mann an Selbstvertrauen.

Ganz anders Martha. Sie ergreift die Chance am Bauhaus zu studieren. Der Roman erzählt über den Aufbruch in die Neue Zeit, jedoch auch von den Anfeindungen und den finanziellen Krisen des Bauhauses. Gropius, Itten, Kandinsky, Schlemmer haben ihren Platz in dem Roman sowie die vielen Festen der Bauhäusler.

Der Roman teilt sich in zwei sich abwechselnde Abschnitte auf; 2001 berichtet Thomas über seinen Aufenthalt in New York und Marthas Geschichte, die Thomas nach seinen Recherchen verfasst hat.

Dem Autor ist ein fundiertes Porträt einer Frau dieser Zeit gelungen. Sensibel erzählt er von verbotener Liebe und vom damaligen Lebensgefühl. Dabei vergisst er nicht die Schatten, die über der Lehranstalt Bauhaus schwebten. Doch wir verfolgen auch Marthas Leben vor und nach dem Bauhaus. Mit Neugier habe ich Marthas Geschichte verfolgt. Allerdings ist zwischen mir als Leserin und dem Charakter Martha immer eine gewisse Distanz geblieben. Zudem fehlt der Geschichte meiner Ansicht nach das gewisse Etwas, das den Roman besonders macht. Dazu gehört vor allem das Romanende, denn es ist leider ziemlich vorhersehbar. Alles in allem ist es eine solide, charmante Erzählung.

Links zum Buch:

https://www.lesejury.de/saller/buecher/wenn-martha-tanzt/9783471351673

https://www.ndr.de/ndrkultur/sendungen/hoerspiel/Hoerspiel-Bauhaus-100-Wenn-Martha-tanzt,sendung861900.html

Die Nähmaschine

Das Buchcover Die Nähmaschine
in Szene gesetzt
Natalie Fergie

Ein gelungener, hoffnungsvoller Roman, der seine Erzählstränge sehr geschickt und unterhaltsam miteinander verflechtet.

Die junge Jean arbeitet 1911 in den Singer Werken in Clydebank. Sie prüft die fertiggestellten Nähmaschinen, bevor diese ausgeliefert werden. Bis es zum großen Streik kommt. Jeans Verlobter Donald ist einer der Streikführer. Als nach zwei Wochen der normale Arbeitsbetrieb wieder aufgenommen wird, verliert Donald seine Arbeit. Gemeinsam mit Jean wagt er einen Neuanfang in Edinburgh. An ihrem letzten Arbeitstag versteckt Jean eine Nachricht in einer der Nähmaschinen.

Kathleen und ihre Tochter Connie sind geschickt im Umgang mit ihrer alten Nähmaschine der Marke Singer. Sie halten alle Arbeiten, die sie auf dieser Nähmaschine ausführen penibel in Notizbüchern fest.

Diese Notizbücher fallen Fred in die Hände, als er nach dem Tod seines Großvaters dessen Wohnung in Edinburgh ausmistet. Auf der ersten Seite des allerersten Notizbuches findet er einen vergilbten Zettel mit einer Nachricht drauf. Fasziniert von den Büchern und der sehr alten, aber funktionstüchtigen Nähmaschine, versucht auch er sich am Nähen.

Der Roman „Die Nähmaschine“ ist im Wunderraum Verlag erschienen. Die Geschichte handelt von einer Nähmaschine, die nach dem großen Streik in den Singer Werken die Fabrik 1911 mit einer kurzen Nachricht verlässt. Der Roman teilt sich in vier Geschichten auf, die jeweils in anderen Zeiten spielen. Je Kapitel springt die Geschichte zwischen den Zeiten. Es beginnt 1911 mit der Geschichte von Jean und Donald, macht einen Sprung in die 1950iger Jahre zu Kathleen und Connie und führt uns immer wieder in das Jahr 2016, in dem Fred nach dem Tod seines Großvaters Ordnung in dessen Wohnung bringt. Die erste Hälfte des Romans beschäftigt sich in erster Linie mit den Lebenssituationen dieser Charaktere. Ab der zweiten Hälfte kommt Ruth hinzu, die 1980 kurz vor ihrem Ausbildungsende als Krankenschwester steht. Alle Erzählstränge finden zum Ende des Buches zusammen und berichten von schwierigen als auch von glücklichen Zeiten. Alle eint die Passion zu nähen und zwar auf einer alten Singer Nähmaschine.

Die Autorin Natalie Fergie, selbst begeisterte Näherin, hat mit diesem Roman der Nähmaschine ein Denkmal gesetzt. Einer Maschine, die noch heute aus vielen Haushalten kaum wegzudenken ist. Flicken, umnähen, neu nähen, etwas erschaffen – eine Nähmaschine macht vieles möglich. Auf kluge und unterhaltsame Weise verflechtet die Autorin die unterschiedlichen Schicksale miteinander. Es ist für den Leser keineswegs auf den ersten Blick zu erraten wie die Zusammenhänge aussehen. Für mich sehr erfrischend, dass die Geschichte fast bis zum Ende hin undurchschaubar bleibt. Meiner Ansicht nach ist der Autorin eine hervorragende, hoffnungsvolle Erzählung über das auf und ab im Leben gelungen.

Links zum Buch:

https://www.randomhouse.de/Buch/Die-Naehmaschine/Natalie-Fergie/Wunderraum/e544144.rhd

https://www.buechereule.de/wbb/thread/100505-natalie-fergie-die-naehmaschine/

Madame Piaf und das Lied der Liebe

Buchcover
Michelle Marly

Für eine Liebesgeschichte zweier Ausnahmekünstler viel zu sachlich. Überbordende, detailreiche Beschreibungen ermüden den Leser.

Die deutschen Besatzer haben Paris verlassen und die Stadt gehört 1944 wieder den Franzosen. Das legendäre Moulin Rouge soll wieder zu seinem vorherigen Glanz zurückfinden. Für diese Neueröffnung ist Edith Piaf engagiert. Für ihren Auftritt benötigt die kleine, große Sängerin noch einen Anheizer. Von ihrem Manager wird ihr ein junger Sänger mit italienischen Wurzeln vorgeschlagen, der in Marseille aufwuchs. Edith Piaf sieht sich einen Auftritt des jungen Künstlers an und ist entsetzt, denn sein Talent scheint mäßig zu sein. Doch auf den zweiten Blick entdeckt die Piaf Potential und sie beschließt den jungen Sänger unter ihre Fittiche zu nehmen. Yves Montand, wie sich der Sänger nennt, ist zuerst wenig begeistert von der berühmten Sängerin und ihren befehlsmäßigen Vorgaben. Doch er braucht das Geld und die Chance und lässt sich zunächst widerwillig auf den Unterricht ein.

Schon nach kurzer Zeit entwickelt sich zwischen den beiden mehr als nur eine professionelle, künstlerische Zusammenarbeit. Sie gehen zusammen auf Tournee durch das vom Krieg stark mitgenommene Frankreich. Yves Montand lernt, baut ein neues Repertoire auf und ergattert mit der Hilfe von Edith Piaf seine erste Filmrolle. Lange Zeit sind beide unzertrennlich, bis der Tag kommt, an dem sich erst künstlerisch dann privat ihre Wege wieder trennen.

Der Roman von Michelle Marly ist in der Reihe „Mutige Frauen zwischen Kunst und Liebe“ im Aufbau Verlag erschienen und befasst sich mit zwei französischen Ausnahmekünstlern. Edith Piaf, welche als Chansonsängerin auf dem Höhepunkt ihrer Karriere ist, und dem noch unbekannten Yves Montand. Diese Beziehung inspirierte Edith Piaf zu ihrem weltberühmten Chanson „La vie en rose“.

Leider bleiben die Figuren und die Geschichte ohne wirklichen Tiefgang. Ich habe keinen Zugang finden können. Es ist eine schön erzählte Geschichte, die mich aber kein bisschen gepackt hat. Oftmals wurden die Beschreibungen zu detailreich und die Geschichte zog sich, konzentrierte sich auf unwesentliches, sodass ich die Sätze an einigen Stellen nur überflog. Warum sich die beiden in einander verliebt haben, hat sich mir nicht erschlossen. Gelegenheit? Passte gerade? Das Buch ist zu sachlich für große, echte Gefühle.

Die Autorin hat für diesen Roman sehr genau recherchiert. Einerseits ist dies meiner Meinung nach wichtig für einen historischen Roman, anderseits hat sich vielleicht genau dadurch eine Sachlichkeit eingeschlichen, die den Roman zu steif und gewollt wirken lässt. Mich konnte die Geschichte nicht überzeugen.

Links zum Roman:

https://www.aufbau-verlag.de/frauenkunstliebe

https://www.vorablesen.de/buecher/madame-piaf-und-das-lied-der-liebe/rezensionen/die-besten-jahre-der-grossen-kleinen-saengerin

Drehtür

Buchcover des Romans Drehtür
Katja Lange-Müller

Ein nachdenklicher Blick auf ein rastloses Leben, der mit viel Sprachgefühl und genauer Wortbetrachtung einhergeht.

Der Roman „Drehtür“ ist 2016 beim Verlag Kiepenheuer & Witsch erschienen.

Asta Arnold ist 63 Jahre alt und kehrt nach jahrzehntelangem Einsatz als Krankenschwester für diverse Hilfsorganisationen zurück nach Deutschland. Die Sprache ist ihr fremd geworden sowie auch der normale zwischenmenschliche Umgang.

Als sie am Münchner Flughafen landet, führt ihr erster Weg hinaus durch die Drehtür, um zu rauchen. Asta ist Kettenraucherin. Sie steckt sich eine Zigarette nach der anderen an und schaut dabei durch die Scheibe in das innere das Flughafengebäudes. Sie sieht die Menschen kommen und gehen, sitzen und liegen. Dabei entdeckt Asta Personen, die auf irgendeine Weise Leuten ähneln, die in ihrem Leben eine Rolle gespielt haben. So erinnert sie sich, während sie rauchend vor der Drehtür steht, an Fragmente ihres unsteten Lebens. Doch sind ihre Erinnerungen wahrhaftig?

Erinnert man sich tatsächlich nach vielen Jahren noch ganz genau? Dichtet die eigene Fantasie nicht manchmal etwas hinzu, um Erlebtes zu verschönern oder zu verdrängen. Asta blickt zurück auf ihr bewegtes Leben. Sie denkt über das Helfen nach, das sie zu ihrem Beruf gemacht hat. Ist Helfen in Wirklichkeit nur ein Reflex, der bei manchen Menschen nur stärker ausgeprägt ist.

Beim Lesen lernt an Asta besser kennen, doch man kommt ihr nicht nah. Allerdings ist niemand Asta jemals nah gekommen, das begreift man im Laufe des Buches. Die deutsche Sprache ist der Figur fremd geworden. Einzelne Wörter fallen ihr ein und sie seziert sie auf das Genauste. „Urlaub“, die Zusammensetzung scheint für sie trostlos; altes Laub, moderig, schimmelnd.

Es ist ein kurzweiliges Buch. Eine Momentaufnahme einer bisher rastlosen Frau, deren Leben zwischen Vergangenheit und ungewisser Zukunft schwebt, da sie keine Ahnung hat, wie ihre weiteres Leben als Rentnerin aussehen soll. Es ist eine melancholische, nachdenkliche Geschichte über eine einsame Frau.

Links zum Buch:

https://www.kiwi-verlag.de/buch/katja-lange-mueller-drehtuer-9783462049343

https://www.perlentaucher.de/buch/katja-lange-mueller/drehtuer.html

Nachtleuchten

Buchcover Nachtleuchten
María C. Barbetta

Der Roman zeichnet sich durch seine wunderbare Sprache aus. Leider folgt die Handlung keinem roten Faden. Zu viele Charaktere, zu viele Geschichten, ein unübersichtliches Wirrwarr.

In Ballester, ein Ort unweit von Buenos Aires entfernt, leben Einwanderer aus aller Welt. Dort haben sie sich eine Existenz aufgebaut und blicken, nach Perons Rückkehr aus dem Exil, hoffnungsvoll in die Zukunft. Der Roman spielt in der Zeit am Vorabend der argentinischen Militärdiktatur.

In Ballester gibt es eine Klosterschule, in der die Arzttochter Teresa geht. Teresa ist eines der Mädchen, die Externe genannt wird, da sie nach dem Unterricht nach Hause gehen kann. Die Internen leben im Klosterinternat. Neuen Wind bringt eine junge Nonne namens Maria in die Klosterschule. Sie redet von den Neuerungen für die katholische Kirche, die der Papst einführt. Auch fährt sie ganz selbstbewusst Motorroller. Mit dem Roller fährt sie in ein Armenviertel, um dort dem ansässigen Pfarrer zu unterstützen. Schwester Maria ist so ganz anders als die anderen Schwestern im Kloster. Beeindruckt und inspiriert von Schwester Maria möchte Teresa Gutes für die Bewohner von Ballester tun. So nimmt sie ihr Plastikmadonna, welche im Dunkeln leuchtet, und bringt diese alle 7 Tage zu jemand anderen. In dieser Zeit soll die Madonna für ihre temporären Besitzer ein Wunder bewirken.

Teresas Großvater betreibt die „Autopia“, die Werkstatt von Ballester. Nach Perons Tod nur wenige Monate nach seiner Rückkehr, verfinstert sich die Atmosphäre im Land. In der Autopia, ein Treffpunkt im Viertel, wird über all die politischen Geschehnisse debattiert. Neben der Autowerkstatt gibt es in Ballester eine Reinigung mit dem Namen „Clean Eastwood“ oder der Friseursalon „Zur ewigen Schönheit“.

Der Roman besteht aus drei Teilen: Bloody Mary, Autopia und Die Basiliken. Der Beginn ist recht vielversprechend. Der erste Teil handelt in erster Linie von den Klosterschülerinnen, über die wir auch die Bewohner von Ballester kennenlernen. Der zweite Teil spielt, wie der Titel vermuten lässt, in der Autopia. Doch leider wurde es für mich in diesem Abschnitt viel zu unübersichtlich. Es fehlt der rote Faden. Es wirkt wie viele kleine Kurzgeschichten, die zu einer zusammengeflickt wurden. Der dritte Teil ist für mich unverständlich geblieben, was vor allem daran lag, dass ich die Lust verloren hatte, mir noch mehr Protagonisten zu merken. Aus meiner Sicht fehlt die Handlung und auch die erwartete politische Entwicklung ist kaum erkennbar. Ich konnte zu keiner der Figuren wirklich Zugang finden, dafür waren es zu viele. Durch die letzte Hälfte des Buches habe ich mich eher durchgequält, als das ich Freude am Lesen hatte. Aufgrund der Lesung von María C. Barbetta während der Bielefeld Literaturtage https://lesepartie.de/wir-lesen-laut/ hatte ich eine völlig andere Erwartung an den Roman. Ich bedauere das sehr, weil mir die Autorin überaus sympathisch ist. Wie sie die deutsche Sprache einsetzt ist ganz großartig, dennoch sind einige Sätze sehr ausufernd und zu blumig geraten.

Alles in allem hat mich der Roman nicht überzeugt. Die Distanz zwischen der Geschichte und mir als Leser blieb zu groß. Die meisten Namen der Figuren habe ich schnell wieder vergessen. Auch von der Handlung an sich, blieb kaum etwas in meinem Gedächtnis hängen.

Links zum Buch

https://www.fischerverlage.de/buch/nachtleuchten/9783103972894

https://www.deutschlandfunkkultur.de/maria-cecilia-barbetta-nachtleuchten-ein-roman-wie-ein.950.de.html?dram:article_id=425518

Schutzzone

Schutzzone das Buch
Nora Bossong

Dieser Roman nähert sich wichtigen Fragen des weltpolitischen Friedens in einer poetischen Sachlichkeit.

Während ihre Eltern die Trennung regeln, lebt die neunjährige Mira einige Monate in einer befreundeten Familie. Darius, Diplomat aus Familientradition, und seine Frau Lucia sowie deren 16 jähriger Sohn Milan nehmen das Mädchen freundlich auf. Vor allem Milan kümmert sich viel um Mira. Darius‘ Diplomatenleben, er ist oft unterwegs und reist an Orte, von denen die Kleine kaum etwas weiß, fasziniert Mira. Es ist das Jahr 1994 und Mira spürt nach Darius Heimkehr aus Ruanda, das sich etwas in der Familie verändert.

Jahre später beginnt Mira, voller Ideale, ihre berufliche Karriere bei der UN in New York. Darauf folgt eine Anstellung bei den Vereinten Nationen. Sie gilt als gute Zuhörerin und Vermittlerin. Aufgrund dessen wird sie nach Burundi geschickt, um dort die Wahrheitskommission zu leiten, die den Völkermord aufklären soll. Miras Glaube an den Nutzen der Institutionen, die sie dort vertritt, gerät in dieser Zeit ins Wanken. Sie stellt sich die Sinnfrage, ob UN und Vereinte Nationen tatsächlich etwas bewegen können? Mira wechselt nach Genf. Der Hauptsitz der Vereinten Nationen war Miras Traum, dort will sie sein.

Mira nimmt an den Gesprächsverhandlungen zur Zypernfrage teil. Es soll endlich eine Lösung für die geteilte Insel gefunden werden. Die schwierige Kompromissfindung setzt Miras Zweifeln weiter zu. Während eines Empfangs in Genf begegnet Mira Milan wieder. Milan quälen ähnliche Zweifel. Sie beginnen eine Affäre. Doch Milan ist verheiratet und Vater eines Sohnes. Er wird mit seiner Familie nach Den Haag ziehen und Mira muss eine Entscheidung treffen.

Der Roman „Schutzzone“ von Nora Bossong, erschienen im Suhrkamp Verlag, erzählt von einer Frau, die Kompromisse sucht, um Frieden herzustellen und Völkermorde zu verhindern. Jedoch muss sie erkennen, dass aller guter Wille manchmal nicht reicht und die einzig wahre Wahrheit nicht existiert. Auch ihre vermeintlich neutrale Verhandlungsposition kann Mira nicht in allen Situationen bewahren. Wir lernen eine Frau kennen, welche voller Sachlichkeit die großen Fragen der Zeit angeht, ihr Talent für den Frieden einsetzt und ihre Illusionen während zahlreicher Gespräche verloren hat.

Der Inhalt des Romans teilt sich fünf Abschnitten auf, die benannt sind nach FRIEDEN, WAHRHEIT, GERECHTIGKEIT, VERSÖHNUNG und ÜBERGANG. Weiterhin springt der Verlauf der Erzählung zwischen den Jahren und Orten hin und her. Einige Kapitel beschreiben ihr prägendes Leben im Jahr 1994 in Milans Familie, als Mira ein Kind ist. Wiederrum andere handeln von Miras Zeit in Bujumbura 2012, New York 2011 sowie in Genf 2017. So erfährt der Leser stückchenweise etwas über Miras Leben.

Ich habe mir für den Roman Zeit genommen, weil ich aus rein persönlichem Interesse viele Hintergründe nachgelesen habe. Der Roman an sich ist schlüssig, sodass es jedem selbst überlassen bleibt, darüber hinaus zu recherchieren. Die Figur der Mira hat mich gleich für sich eingenommen. Mira ist ein vielschichtiger Charakter. Manchmal wirkt sie zerbrechlich, fast verloren und dann wiederum stark und selbstbewusst. Ihre Stärke zeigt sich für mich noch einmal deutlich am Buchende.

Besonders hervorheben möchte ich den wundervollen literarischen Schreibstil der Autorin Nora Bossong. Manche Abschnitte habe ich mehrmals gelesen, weil die Beschreibungen mich sehr berührt haben. Als Beispiel heißt es auf der Seite 278: „[…]Ihre Hände waren sehnig und vertrocknet,eher wie etwas, auf dem Hund herumbissen, als das, was zugreift, streichelt, auf Dinge zeigt“. Die Sprache, welche die Autorin für diese Geschichte nutzt, ist melancholisch und hoffnungsvoll zugleich. Ein außergewöhnlicher Roman, der es schafft, die Frage nach weltweitem Frieden und die Suche nach Kompromissen facettenreich zu beleuchten. Dabei verzichtet der Roman völlig auf den moralischen Zeigefinger. Zwischen Resignation und Hoffnung, sieht der Leser am Ende des Buches dennoch das kleine Licht am Ende des Tunnels leuchten. Ohne die Institutionen von UN oder den Vereinten Nationen wäre das Leid wahrscheinlich noch größer. Der Roman greift ein wichtiges, jedoch komplexes Thema auf. Durch Miras Sachlichkeit entsteht ein nachvollziehbares, klares Bild der Arbeit in den erwähnten Institutionen. Daher ist dieser Roman meiner Ansicht nach ein überaus gelungenes literarischer und zeitgenössischer Werk!

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Suhrkamp Verlag für das Rezensionsexemplar.

Links zum Roman:

https://www.suhrkamp.de/buecher/schutzzone-nora_bossong_42882.html

https://www1.wdr.de/kultur/buecher/nora-bossong-schutzzone-100.html