Fuchs Acht

George Saunders

Eine kurze Geschichte, erzählt vom Fuchs, die eine bedeutende Frage aufwirft. Besonders.

Fuchs acht bewundert die Menschen und sucht ihre Nähe. Er hat sogar ihre Sprache gelernt. Doch eines Tages beginnt der Bau eines großen Einkaufszentrums, dem der Wald, in dem die Füchse leben, weichen muss. Lebensraum und Nahrung der Füchse werden knapp. So beschließt Fuchs 8 seine Freunde zu retten, in dem er zu den Menschen geht. Durch diese Entscheidung lernt er die Menschen von einer anderen Seite kennen.

Ein wunderbares, kleines Buch mit herrlichen Illustrationen von Chelsea Cardinal. Das Ende der Geschichte lässt einen nachdenklich zurück, denn Fuchs 8 stellt in seinem kindlichen Schreibstil eine existentielle Frage, die jeder für sich beantworten sollte. Lesenswert.

Links zum Buch:

Verlag: https://www.randomhouse.de/Buch/Fuchs-8/George-Saunders/Luchterhand-Literaturverlag/e559213.rhd

https://www.perlentaucher.de/buch/george-saunders/fuchs-8.html

Alles, was zu ihr gehört

Sara Sligar

Zu viele Themen für eine Geschichte. Am Ende wirkt der Roman dadurch zu gewollt. Was spannend beginnt, wird überflutet von Nebenschauplätzen.

Inhalt

Um den Nachlass der berühmten Fotografien Miranda Brand zu archivieren, verlässt Kate für einige Zeit New York und zieht an die Westküste. Um die Künstlerin kursieren etliche Gerüchte. Vor allem ihr Tod vor zwanzig Jahren sorgt immer noch für Gesprächsstoff. War es tatsächlich Suizid oder wurde sie getötet. Auch Kate kann sich diesen Spekulationen nicht entziehen und beginnt in dem Haus der Familie nach Beweisen zu suchen.

Doch sie muss vorsichtig sein, denn der Sohn der Künstlerin beobachtet sie und ihre Arbeit genau. Kate beginnt sich zu fragen, was er über den Tod seiner Mutter weiß.

Handlung

Als Kate an die Westküste zu ihrer Tante zieht, liegt eine schwere Zeit hinter ihr. Durch einen Skandal verlor sie ihren Arbeitsplatz bei einer renommierten New Yorker Zeitung. Deshalb stürzt Kate sich in die neue Arbeit. Und bald kommen ihr die ersten Gerüchte zu Ohren, welche sich um den Tod der bekannten Künstlerin handeln. Viele Leute der Kleinstadt bezweifeln auch zwanzig Jahre nach ihrem Tod die offizielle Version an. Beeinflusst von dem Gerede beginnt Kate neugierig zu werden.

Auch Theo, der Sohn der Künstlerin, ist wegen des Nachlasses zurückgekommen, um dessen Archivierung zu begleiten. Kates Verhältnis zu Theo ist anfänglich sehr distanziert, nur seine beiden Kindern fassen schnell Vertrauen zu ihr. Mit der Zeit verändert sich Theos Verhalten und sie kommen sich näher. Doch Theo weiß nicht, dass Kate heimlich nach Beweisen für den Mord an Miranda sucht und auch ihre Vergangenheit steht zwischen ihnen.

Als Kate ein Tagebuch findet, hofft Kate endlich alles zu erfahren. Doch es kommt anders.

Fazit

Die Geschichte verspricht ein spannendes Geheimnis. Ein ungeklärter Todesfall einer Künstlerin. Eine ehemalige Journalistin die sich auf die Suche nach der Wahrheit begibt, aber auch noch mit ihrer eignen Vergangenheit zu kämpfen hat.

Der Roman, erzählt aus der Sicht von Kate im Wechsel mit dem, was Kate im Nachlass findet. Daher ist der Leser grundsätzlich auf dem Wissensstand von Kate. Leider ändert sich das im letzten Drittel. Da erfahren wir plötzlich Dinge, die Kate noch nicht weiß, denn wir lesen Mirandas Tagebuch weiter.

Ab dem Moment, in dem ich dachte, jetzt geht die Geschichte richtig los eröffnete die Autorin so viele Nebenstränge, dass ich schlussendlich nicht mehr wusste, warum es denn nun eigentlich geht. Der Tod von Miranda rückte seltsam in den Hintergrund, kam dennoch immer wieder hervor. Dann wurde die Handlung wieder von Kates Beziehung zu Theo dominiert, wieder ein Wechsel zu Kates Vergangenheit, wieder zu Mirandas mieser Ehe, Theos Auffälligkeiten als Kind, Kunst, Kates Krankheit…ein ständiges Hin und Her der Prioritäten. Dabei verlor sich sowohl die Spannung als auch meine Lust zu lesen. Hinzu kamen die anstrengenden Formulierungen und Beschreibungen, die so wahnsinnig gewollt anders sein sollten. Anfänglich habe ich darüber hinweg gelesen, später gingen sie mir immer mehr auf die Nerven.

Die Erzählung hat ihre Höhepunkte, allerdings auch gravierende Tiefen. Und am Ende saß ich etwas ratlos da, denn das Hauptthema wurde zur Nebensächlichkeit und die Aufklärung am Ende uninteressant. Der Bogen zum Happy End ist zu groß, um glaubwürdig zu sein. Sehr schade.

Ich bedanke mich herzlich beim Hanserblau Verlag und Lovelybooks für die Teilnahme an der Leserunde.

Links zum Buch:

https://www.lesejury.de/sara-sligar/ebooks/alles-was-zu-ihr-gehoert/9783446267473

https://www.readpack.de/2020/07/rezension-alles-was-zu-ihr-gehoert-von-sara-sligar.html/

Schatten der Welt

Andreas Izquierdo

Großartige, eindrucksvolle Erzählung über Freunde, Mut, Träume und ein schonungsloser Blick auf Eitelkeiten und Standesdünkel.

Inhalt

Thorn, ein Ort in Westpreußen. Dort bestimmt im Jahr 1910 die preußische Ordnung das gesellschaftliche Leben und man ist kaisertreu. Der dreizehnjährige Carl Friedländer, Sohn des Schneiders, ist ein nachdenklicher, sensibler Junge. Mit seinem Vater verbindet ihn ein liebevolles Verhältnis. Oft schwelgt dieser in Erinnerung und erzählt von der Zeit, als er die beste Schneiderei Rigas besaß und Carls Mutter noch lebte. Carls bester Freund ist der um ein Jahr ältere Artur. Ein hochgewachsener, stämmiger Bursche, der sich Respekt verschafft. Er strebt nach Besserem, als dem ärmlichen Dasein seiner Familie. Eines Tages lernen die beiden jungen Männer Isi kennen. Die Tochter eines Lehrers ist klug, ehrgeizig und mit allen Wassern gewaschen. Das Trio will eine bessere Zukunft, raus aus den jetzigen Verhältnissen, weg vom Joch der Eltern und der preußischen Disziplin. Die geschäftstüchtigen sind in erster Linie Artur und Isi, mit einer Spur Skrupellosigkeit. Sie beißen sich durch und gründen ein florierendes Unternehmen. Carl ist weniger Geschäftsmann als Künstler. Obwohl er am Unternehmen beteiligt ist, nutzt er seine Chance und lässt sich zum Fotografen ausbilden.

Es scheint, als würde ihr Plan vom besseren Leben aufgehen, bis der Ausbruch des Ersten Weltkrieges alles zunichte macht. Mit einem Schlag gibt es kein Geschäft mehr. Die Freunde werden auseinandergerissen. Carl und Artur sind nun Soldaten. Carl wird als Kriegsfotograf eingeteilt, somit bleibt ihm die vorderster Front erspart. Artur kommt an die Ostfront. Nur Isi bleibt in Thorn zurück und muss sich dort gegenüber ihrem gewalttätigen Vater und den Machenschaften des Großbauerns zur Wehr setzen.

Der Krieg zwingt die Freunde sich auf eigene Faust durchzuschlagen. Es ist ungewiss, ob sie sich je wiedersehen und ob sich ihr Wunsch von einem besseren, selbstbestimmten Leben jemals erfüllen wird.

Rezension

Mit dem Roman „Schatten der Welt“ gelingt dem Autor Andreas Izquierdo ein umfassendes Portrait jener strengen, preußischen Vorkriegsjahre und der Willkür des Ersten Weltkrieges zu zeichnen. Die drei Protagonisten, allen voran der sensible Carl, kommen aus ärmlichen Verhältnissen. Im damaligen Preußen gab es für die untere Klasse wenig Hoffnung, auf Veränderung ihrer Lebensumstände. Die moderne Technik bot da einen Ausweg. Man musste nur klug genug sein, um seine Chance zu ergreifen. Genau das tut der clevere Artur. Und tatsächlich scheint es, als ob die drei jungen Leute ihr Ziel erreichen. Bis der Krieg ihren Erfolg wieder zerstört. Plötzlich sehen sie sich einem sinnlosen Morden und erbarmungslosen Hunger gegenüber. An der Front sind die gesellschaftlichen Zustände wie gehabt. Das Sagen haben Adel und Großgrundbesitzer. Isi kämpft an der Heimatfront gegen Lebensmittelknappheit und die mächtigen Landbesitzer, die Profiteure des Krieges sind.

Auf über 500 Seiten erzählt der Roman von drei jungen Leuten, die ein Ziel verfolgen; ihr Leben selbstbestimmt gestalten zu können. Die Geschichte handelt von ihren Träumen, von ihrem Kampf gegen die Obrigkeit und die eigne Familie, aber auch von Freundschaft und den Mut etwas zu riskieren. Schonungslos wird sowohl der Umgang mit Dienstpersonal geschildert als auch die gesellschaftliche Rolle der Frau offengelegt, die in dieser Zeit wenige Rechte hat. Das Korsett der preußischen Ära ist eng, Titel sind alles.

Während des Krieges kämpft Artur an der Ostfront. Seine Erlebnisse werden detailgetreu wiedergegeben, sodass der Leser das Grauen der Schlachtfelder vor Augen hat. Das grausame, wahllose Morden und das Verheizen einer ganzen Generation, lässt der Autor in einer bildreichen Sprache auferstehen. Besonders herausheben möchte ich Carls Rolle während des Krieges. Als Fotograf und später als Filmregisseur schafft er Propagandabilder, die bis heute oftmals für bare Münze genommen werden. Doch es sind vielfach reine Inszenierungen. Der Erste Weltkrieg war ein Propagandakrieg. Carl verliert sich in seinen Inszenierungen und will diese weiter optimieren, ohne Bewusstsein dafür, was er tut. Seine Wandlung zu verfolgen, die dann jäh stoppt und Carl durch schreckliche Ereignisse wieder zu sich selbst findet, ist dem Autor fabelhaft gelungen.

Isi, die Dritte im Bunde, hat es ohne ihre beiden Freunde zu Hause in Thorn schwer. Sie ist eine emanzipierte, junge Frau, die sich durch ihr rebellisches Wesen immer wieder in Schwierigkeiten bringt. Ihr unbeugsamer Mut, den sie oftmals an den Tag legt, verlangt Respekt. Ab und an hoffte ich, sie würde es diesmal nicht bis zum Äußersten ausreizen, trotzdem konnte ich ihr Tun und ihre Wut nachvollziehen.

Jeder der drei Freunde hat in diesen Kriegsjahren viele entsetzliche Dinge erlebt. Das Romanende lässt Hoffnung aufkeimen, dass Carl, Artur und Isi eines Tages wieder zusammen finden.

Fazit

Das Buch ist ein außergewöhnliches Stück Zeitgeschichte. Der Erzählbogen hält über die vielen Seiten seine Spannung aufrecht. Sein leichter, detaillierter Schreibstil führte mich in die Welt von Thorn. Besonders mochte ich die eingebauten Cliffhänger, die immer vorab erahnen ließen, dass da noch was kommt. Trotz vieler Ungerechtigkeiten und tragischen Momenten, habe ich auch oft gelacht. Vor allem aufgrund der Versessenheit einen Titel verpasst zu bekommen und der Unverfrorenheit der jungen Hauptfiguren. Ich habe das Buch nur ungern für eine Lesepause aus der Hand gelegt. Auch die Geschichte von Carl, Artur und Isi wird mich noch einige Zeit beschäftigen. Mich hat der Roman vollends gefangen genommen und begeistert. Ich kann diesen Roman uneingeschränkt empfehlen. Und ich freue mich sehr auf die Fortsetzung!

Links zum Buch

https://www.dumont-buchverlag.de/buch/izquierdo-schatten-der-welt-9783832170257/

https://www.lovelybooks.de/autor/Andreas-Izquierdo/Schatten-der-Welt-2572237037-w/

Der Delphi Code

Thomas Pyczak

Gute Idee, leider keine überzeugende Umsetzung. Spannungslos.

Im griechischem Delphi findet ein Treffen einer IT Firma statt, um eine neuentwickelte App vorzustellen. Diese App analysiert mit Hilfe von künstlicher Intelligenz Liebesbeziehungen in Echtzeit. Die eingeladenen Paare sollen ihre Beziehung mit der App auf den Prüfstand stellen. Es ist ein erster Testlauf für die App an realen Paaren.
Der Delphi Code, so der Name dieser App, wurde von Frauen entwickelt. Edelweiß und Victoria sind die Programmiererin, die übersinnliche Unterstützung von der Seherin Ada erhalten haben. Doch kann der Delphi Code, der ausschließlich auf Algorithmen der künstlichen Intelligenz aufbaut, tatsächlich zwischenmenschliche Beziehungen besser einschätzen als die Menschen?

Der Delphi Code, so der Name der App, wurde von Frauen entwickelt. Edelweiß und Victoria sind die Programmiererin, die übersinnliche Unterstützung von der Seherin Ada erhalten haben. Doch kann der Delphi Code, der ausschließlich auf Algorithmen der künstlichen Intelligenz aufbaut, tatsächlich zwischenmenschliche Beziehungen besser einschätzen als die Menschen?

Delphi, ein mystischer Ort, wurde passender Weise für dieses Treffen ausgewählt. Edelweiß, als eine der Hauptverantwortlichen für diese revolutionäre App, reist als erste dorthin und begegnet auf der Hinreise schon einer jungen Griechin, die ihr die Geschichte des Orakels näher bringt. Als am nächsten Tag die Paare eintreffen, beginnt der Testlauf der App, der schlussendlich aus dem Ruder läuft.

Das Thema des Romans klingt interessant. Künstliche Intelligenz ist eines der großen Zukunftsthemen. Leider baut der Roman keinerlei Spannung auf. Die ganze Geschichte bleibt oberflächlich, was meiner Meinung nach vor allem daran liegt, dass von Beginn an zu viele Geschichten mit einander verwoben werden. Damit verliert sich schon im ersten Drittel der rote Faden. Zudem bleiben die Figuren für mich nicht greifbar. Ich konnte weder zu den Figuren noch zur Geschichte an sich einen Zugang finden. Auf mich wirkt die Erzählung emotionslos. Ein Grund hierfür ist meiner Ansicht nach auch der sehr abgehakte Schreibstil, der eher an den Stil einer whatsapp Nachricht erinnert. Die Sätze sind unnatürlich kurz gehalten. Hinzu kommen zahlreiche stilistische und grammatikalische Fehler. Zum Beispiel heißt es auf S. 18: „[…] weil er in seiner Heimat Frankreich ein erfolgreicher Schriftsteller war.“ Wieso „war“, er lebt ja noch und er ist Schriftsteller. Solche Bespiele gibt es zuhauf in dem Buch. Der Text fliest nicht, was dazu führt, dass auch der Lesefluss nicht gegeben ist. Ich habe das Lesen als extrem anstrengend empfunden, da es mir nicht möglich war, in das Buch einzutauchen.

Auch die Geschichte konnte mich nicht überzeugen. Der Aufbau ist verwirrend und wirkt auf mich wenig durchdacht, sodass man ab der Mitte des Buches den Überblick verliert.

Mein Fazit ist, dass die Idee hinter dem Thema interessant ist, doch leider konnte die Umsetzung mich in keiner Weise überzeugen. Ich habe mich durch das Buch gequält. Ich glaube nicht, dass künstliche Intelligenz Gefühle beurteilen kann, dafür ist sie auch nicht gemacht. Sie kann uns jedoch im Alltag eine große Hilfe sein, wenn man sie richtig einsetzt. Bei der Partnerwahl sollte man sich nicht auf die Technik verlassen, außer man strebt eine leidenschaftslose Beziehung an. Es braucht Gemeinsamkeiten, aber auch Unterschiede, damit Reibungspunkte entstehen, an denen man wachsen und sich weiterentwickeln kann. Manchmal geschieht das zusammen und manchmal treibt es Paare voneinander weg. Das ist nun mal das Leben.

Leider bleiben viele interessante Erkenntnisse in dem Roman nur oberflächlich erwähnt. Es fehlt an Spannung, an Tiefe und an nachvollziehbaren Emotionen. Daher kann ich den Roman nicht besser bewerten.

Ich bedanke mich dennoch beim Autor und beim Mainwunder Team für das Rezensionsexemplar und für die Mühe.

A. S. Tory

Roadmovie um die Suche nach einer alten Single

A. S. Tory Roadmovie um die Suche nach einer alten Single Buchcover
Der Weg ist das Ziel
S. Sagenroth

Eine spannende Geschichte mit unerwarteter Wendung.

Vor dem fünfzehnjährigen Sid liegen zwei öde Wochen Herbstferien. Seine Freunde sind imUrlaub und ihm bleiben nur die Nachhilfestunden in Latein. Frustriert über seine Lage klickt er durch seine Mails. Dabei fällt ihm eine E-Mail von einem unbekannten Adressaten auf. Dieser Unbekannte verspricht Sid ein Abenteuer, wenn er sich entschließt eine Reise anzutreten. Die Kosten werden übernommen. Kurzentschlossen sagt Sid zu. Zuerst reist er nach London, wo er den mysteriösen Auftraggeber, A. S. Tory, ein älterer Herr im Rollstuhl, persönlich kennenlernt.

Sein Auftrag; Sid soll sich auf die Suche nach einer alten, französischen Single aus den 70igern machen. Sids erster Stopp auf seiner Suche ist die Toskana. Dort lernt er Chiara kennen, die sich ihm spontan anschließt. Zusammen reisen sie weiter nach Frankreich, Marrakesch und in die Niederlande. Auf ihrer Suche erleben sie abenteuerliche Geschichten und viele interessante Menschen kreuzen ihren Weg. Doch die Suche nach der Single entpuppt sich plötzlich als nicht so ungefährlich wie angenommen.

Der Roadmovie Roman über die Suche nach einer alten Single LP ist der erste von bislang zwei erschienen Teilen rund um die Abenteuer des Teenagers Siegmund Sagenroth, der sich lieber Sid nennt. In diesem Buch nimmt seine Bekanntschaft mit einem alten, augenscheinlich reichen Herren aus London, A. S. Tory, ihren Anfang. Aus purer Langeweile und in der Hoffnung auf etwas Urlaub nimmt Sid das mysteriöse Angebot an. Auf seiner Reise trifft er verschiedene Menschen. Vor allem zu Chiara entwickelt sich eine echte Freundschaft, obwohl sie vier Jahre älter ist. Es ist herrlich zu erleben, wie Sid, der zu Beginn eher introvertiert wirkt, richtig aufblüht und aus sich herauskommt. Seine Wandlung hat er in erster Linie der lebensfrohen und unkonventionellen Chiara zu verdanken.

Die Plätze und Orte, an denen sich Sid aufhält sind vollkommen authentisch beschrieben. Das belebte Soho, die italienische Winzergemeinschaft ebenso wie das farbenfrohe Marrakesch. Als Leser reist man mit Sid durch diese Orte und es fühlt sich an, als ob man tatsächlich mit dabei wäre.

Die Bedenken, dass der junge Sid einfach so einem Fremden vertraut, zerstreuen sich recht schnell, denn es wird klar, dass Sid zwar auf Abenteuerreise geht, trotzdem hat der alte Herr Tory ein Auge auf seinen Schützling. Was jedoch anfänglich recht harmlos wirkt, bekommt durch die nicht vorhersehbare Wendung am Ende, einen zusätzlichen Spannungskick. Die Geschichte reißt einen förmlich mit und es macht Freude zu sehen, wie sich der Hauptcharakter Sid während der Erzählung entwickelt.

Neben der spannenden Geschichte, möchte ich das grandios gestaltete Cover nicht unerwähnt lassen genauso wie die herrliche Idee eine Schallplatte als Lesezeichen hinzuzufügen. (Auch wenn es tatsächlich „nur“ ein Lesezeichen ist. Ich hatte den Drang sie auf den Plattenspieler zu legen, wovon die Autorin mir abgeraten hat ;-))

Ich bedanke mich bei der Autorin ganz herzlich für das Rezensionsexemplar!

Link zum Buch:

Teil II: https://lesepartie.de/a-s-tory-und-die-verlorene-geschichte/

Verlag: https://tredition.de/autoren/s-sagenroth-28630/a-s-tory-paperback-130769/

Neun Tage und ein Jahr

Taylor Jenkins Reid
Neun Tage und ein Jahr Buchcover
Wenn das Schicksal dir nur eine kurze Zeit Glück gewährt

Gefühlvolle Erzählung über den Verlust eines Menschen und das Loslassen, um weiterzuleben.

Die Liebe erwischt Elsie und Ben unerwartet, aber heftig. Ziemlich schnell ist beiden klar, dass sie zusammen gehören. Keine sechs Monate nach dem Kennenlernen sind sie zusammengezogen und heiraten. Vor ihnen liegt ihr gemeinsames Leben. Sie schmieden Pläne und sind glücklich sich gefunden zu haben.

Doch dann wird Ben durch einen Unfall aus dem Leben gerissen. Elsie ist fassungslos vor Schock und Trauer. Sie ist Witwe, nach nur neun Tagen Ehe. Ist sie überhaupt eine richtige Witwe nach einer so kurzen Ehe? Hinzu kommt eine Schwiegermutter, die nichts von ihrer Existenz weiß. Kann Elsie es schaffen ohne Ben zu leben?

„Neun Tage und ein Jahr“ schildert abwechselnd die Geschichte vom Kennenlernen bis zur Hochzeit, und Elsies Leben nach Bens Tod. Der Roman erzählt von den sechs Monaten mit Ben und den sechs Monaten ohne Ben. Ein Jahr, das Elsie zur Hälfte im Liebesrausch und zur anderen Hälfte in völliger Trauer verbringt.

Es beginnt mit dem Abend, an dem Ben stirbt. Neun Tage sind sie verheiratet. Elsie und Ben sind perfekt füreinander, dessen wird man sich beim Lesen ihrer sechsmonatigen Beziehung bewusst. Umso mehr trifft einen die Trauer, in der Elsie gefangen ist. Ihre Zweifel, dass sie nach der Kürze der Zeit gar keine „richtige“ Ehefrau ist. Ihre Schuldgefühle, weil Ben nur für sie noch einmal losgefahren ist. Hinzu kommt ihre Schwiegermutter, die erst vor wenigen Jahren ihren Mann verloren hat und keine Ahnung von der Ehe ihres Sohnes hatte. Ben hatte nie den richtigen Zeitpunkt gefunden, seiner immer noch trauernden Mutter von seinem Glück zu erzählen. Dennoch überwinden die beiden Frauen diese Hürde und versuchen sich gegenseitig in ihrer Trauer zu unterstützen.

Das Buch ist berührend und gefühlvoll geschrieben. Es nimmt sich dem Thema Trauer auf eine pragmatische und reale Weise an. Elsie, die nur eine kurze Zeit vollkommen glücklich war und jäh aus ihrer Liebesblase herausgerissen wird. Susan, Bens Mutter, die nach dem Tod ihres Sohns plötzlich ohne Familie dasteht. Das Leben muss für beide weitergehen, aber wie das gehen soll, ist die Frage mit der sich der Roman auseinandersetzt. Der Schreibstil ist trotz des schweren Themas leicht und unterhaltsam und es gibt durchaus humorvolle Abschnitte, Es ist eine Liebesgeschichte der anderen Art, die zeigt, dass es nicht wichtig ist, wie lange man sich geliebt hat, sondern nur das man sich geliebt hat.

Links zum Buch:

https://www.randomhouse.de/Hoerbuch-Download/Neun-Tage-und-ein-Jahr/Taylor-Jenkins-Reid/Random-House-Audio/e470047.rhd

https://reading-books.de/neun-tage-und-ein-jahr/

Mädelsabend

Anne Gesthuysen
Mädelsabend Buchcover

Großmutter und Enkelin, Vertreterinnen zweier Frauengenerationen, zwischen patriarchaler Macht und Selbstbestimmtheit. Ich bin mit der Geschichte nicht warm geworden.

Seit kurzer Zeit wohnen Ruth und Walter van Rennings auf Burg Winnenthal im betreuten Wohnen. Wo Ruth in ihrem hohen Alter nochmal richtig aufblüht, fühlt sich Walter fremd. Zunehmend klammert er sich an seine Frau, die wiederum endlich ein wenig Freiheit genießen will. Sie blickt zurück auf 65 Ehejahre, die für Ruth mehr von Verzicht als von Glück geprägt waren.

Ihre Enkelin Sara kümmert sich, sooft es ihre Zeit zulässt, um die beiden alten Herrschaften. Sara hat ein inniges Verhältnis zu ihren Großeltern, nimmt jedoch deren Spannung befremdlich zur Kenntnis. Als sie selbst vor der Entscheidung steht, sich beruflich zu profilieren oder bei ihrer Familie zu bleiben, muss sie entscheiden, welchen Preis sie für ihre Selbstverwirklichung zu zahlen bereit ist.

Anne Gesthuysens Roman spielt wieder am Niederrhein. Er erzählt vornehmlich die Geschichte von Ruth, die im hohen Alter mit ihrem Mann ins betreute Wohnen zieht. Endlich kann sie ungezwungen soziale Kontakte knüpfen und tritt dem Singkreis der Senioren bei. Ihr Mann Walter beäugt ihr Tun argwöhnisch und versucht seiner Frau den Umgang zu verbieten. In Rückblenden erfahren wir einiges über das Eheleben der beiden. Ruth kommt aus einer angesehenen Familie. Von Beginn an steht ihre Ehe unter keinem guten Stern. Schon beim ersten Treffen erscheint Walter nicht. Das sie dennoch zusammenkommen, bleibt für mich wenig nachvollziehbar. Meiner Meinung nach haben sie wenig gemeinsam, zudem hatte ich zu keinem Zeitpunkt den Eindruck, als wäre einer der beiden in den anderen verliebt. Gerade Ruth, die als hübsch beschrieben wird, zudem auch gut situiert, hätte sicher jemand anderen finden können. Warum sie den erst Besten nimmt, ist mit nicht deutlich geworden. Die Ehe ist lieblos und Ruth leidet unter dem patriarchalischen Schwiegervater, der ein strenges Regiment führt, dem sich jeder unterzuordnen hat. Die Jahre vergehen und Ruth wird Zusehens zu einer folgsamen Frau. Bis sie in das Seniorenheim kommt und Freunde findet.

Auf der anderen Seite steht ihre Enkelin Sara, die als Ärztin in der Welt herumgekommen ist. Nun lebt sie mit ihrem Lebensgefährten und ihrem einjährigen Sohn zusammen, Ihre Karriere liegt zur Zeit auf Eis. Bis sie das Angebot erhält an einer Studie teilzunehmen. Sie ist unsicher, wie sie sich entscheiden soll, denn wenn sie annimmt, würde ihr Familienleben darunter leiden.

Leider konnte ich mit den Figuren im Roman sowie mit der gesamten Geschichte nicht warm werden. Mir fehlte gerade bei Ruth der Hintergrund, warum sie so handelt und sich alles gefallen lässt, obwohl sie scheinbar viel selbstbewusster erzogen wurde. Mir ist bewusst, dass es diese Art von Ehen häufig gab, dennoch passt es nicht zu der Figur der Ruth. Ebenso verhält es sich mit Sara. Sie blieb für mich nichtssagend. Zudem hatte ich auch bei ihr das Gefühl, sie ordnet sich schnell unter. Mir fehlten die Argumente, die Debatten. Ihr Lebensgefährte findet ihre Karriereambitionen nicht gut, aber es findet keine Diskussion oder klärendes Gespräch statt. Er sagt seine Meinung und basta. Auch zwischen Ruth und ihrer Enkelin kommt es zu keinem bedeutenden Gespräch. Jeder bleibt für sich. Das ist mir alles zu einfach gestrickt und nimmt den Figuren meiner Ansicht nach jegliche Spannung.

Schon am Anfang des Buches fand ich nur schwerlich in die Geschichte hinein. Die Erzählung konnte mich nicht packen. Ich habe auf etwas gewartet, was mich in die Geschichte zieht. Da kam leider nichts. Es ist definitiv kein Buch über starke Frauen oder Selbstbestimmtheit. Die Figuren bleiben blass. Ich hätte mir mehr Auseinandersetzungen gewünscht, nicht nur Hinnahme.

Ich bedanke mich herzlich beim KiWi Verlag für das Rezensionsexemplar.

Links zum Buch:

https://www.kiwi-verlag.de/buch/anne-gesthuysen-maedelsabend-9783462054149

https://www.lesejury.de/anne-gesthuysen/buecher/maedelsabend/9783462051506

Baba Dunjas letzte Liebe

Alina Bronsky
Baba Dunjas letzte Liebe Buchcover
Buchcover

Schnörkellos, mit viel Empathie wird die Geschichte einer mutigen alten Frau erzählt, die der Gesellschaft trotz, um selbstbestimmt zu leben.

Baba Dunja ist in ihre Heimat zurückgekehrt, wohl wissend, welche Auswirkungen es haben würde. Denn ihre Heimat liegt in der Todeszone von Tschernobyl. Dort hat sie ihr Leben verbracht, ihre Kinder groß gezogen und nun möchte sie an diesem Ort ihre letzten Jahre verbringen. Im Garten hinter ihrem Haus baut sie Obst und Gemüse an. Nur selten nimmt sie den beschwerlichen Weg in die nächstgelegene Großstadt auf sich, um einzukaufen. Mit ihr kamen auch andere Bewohner zurück, um in aller Ruhe, fernab der Welt, ihren Lebensabend zu genießen. An einem Sommertag versetzt die Ankunft von zwei Fremden die beschauliche Gemeinde in Aufruhr. In dieser heiklen Situation trifft Baba Dunja abermals eine mutige Entscheidung, damit alle Bewohner weiterhin an diesem Ort leben können.

Voller Feingefühl und mit einfachen, aber wirkungsvollen Worten beschreibt die Autorin Alina Bronsky das Leben der Bewohner in der Todeszone, in die sich kaum ein Mensch ohne Schutzausrüstung wagt. Alle eint der Wille eines selbstbestimmten Lebens, auch wenn sie damit auf Kontakte zur Außenwelt, ja sogar zu ihren Kindern, verzichten müssen. Die meisten haben schon vor 1986, dem Jahr des Reaktorunglücks, in Tschernobyl gewohnt und kehren nun als alte Leute zurück. Abgeschnitten vom Weltgeschehen führen sie ein beschauliches Leben. Baba Dunja war die erste, die zurückkehrte und hat dadurch eine gewisse Bekanntheit erlangt. Von den anderen Bewohnern wird sie als eine Art Bürgermeisterin betrachtet. Sie selbst hält sich für unbedeutend. Wir erfahren einiges aus Baba Dunjas Leben, über ihre Arbeit, ihren Mann und ihre beiden Kinder.

Es ist ein berührendes Buch über eine starke Frau, die auch im hohen Alter mutig und unbeirrt ihren Weg geht. Ich habe jede Seite genossen, denn der Roman ist voller Poesie und Lebensklugheit. Meinen Lesegeschmack hat diese Geschichte vollends getroffen. Absolute Leseempfehlung!

Links zum Buch:

https://www.kiwi-verlag.de/buch/alina-bronsky-baba-dunjas-letzte-liebe-9783462054729

https://www.dieterwunderlich.de/Bronsky-Baba-Dunjas-letzte-liebe.htm

https://frau-hemingway.de/alina-bronsky-und-baba-dunjas-letzte-liebe/

Heisses Pflaster

Heisses Pflaster Buchcover
Alex Pohl

Spannung bis zum Schluss. Nichts ist, wie es auf den ersten Blick scheint. Eine bunte Mischung aus allem, was ein guter Krimi braucht. Ein heisses Pflaster, auf das sich die Ermittler begeben.

Mord oder ein tragischer Unfall. Der Tod des Leiters des Liegenschaftsamtes polarisiert Leipzigs Bürger. Der beliebter Politiker war ein Verfechter eines bunten Stadtbildes. Im Stadtteil Connewitz hielt er die Hand über besetzte Häuser, die nach seinem Tod auffallend schnell an Bauunternehmer Wenger verkauft werden. Dieser zeigt offen seine Sympathie für rechte Gesinnung. Obwohl alles auf einen tragischen Unfall hindeutet, bleibt Kommissar Milo Novic skeptisch und ermittelt gegen die Anweisung seines Vorgesetztes weiter. Das bringt ihn und seine Kollegin Hanna Seiler zeitweise in Schwierigkeiten. Zu stark scheinen die Amtsträger miteinander vernetzt und es gibt einige, die vom Tod des Amtsleiters profitieren. Als ein Polizist bei einem Einsatz im Connewitzer Brennpunkt schwer verletzt wird, führen alle Hinweise zur linken Szene. Für die Beamten wird es ein heisses Pfaster, auf dem sie ihre Ermittlungen weiterführen. Bis ein Video auftaucht, das ein völlig anderes Licht auf den Fall wirft.

Hanna Seiler und Milo Novic ermitteln im Fall Guido Ehrlich und decken dabei etliche Seilschaften in Leipzigs Behörden auf. Aus diesem Grund werden die Kommissare von ihrem Vorgesetzten zurückgepfiffen. Die Verwicklungen der kommunalen Politiker sind jedoch nur oberflächlich. Um was es wirklich geht, erkennen die Kommissare erst in allerletzter Minute.

Seiler und Novic sind völlig unterschiedliche Charaktere, als Kollegen sind sie jedoch ein eingespieltes Team, das trotz starkem Gegenwind weiter ermittelt. Die Zusammenhänge innerhalb der Behörden machen den Fall interessant und die Geschichte lässt dem Leser viel Raum für Spekulationen. Jeder Charakter ist ausgesprochen feinsinnig erdacht. Bauunternehmer Wenger ist beispielsweise eine facettenreiche Figur, die mir zwar nicht sympathisch ist, dennoch mehr zu bieten hat, als nur den skrupellosen, rechten Typen zu geben. Das Ausmaß der Verwicklungen entwirrt sich tatsächlich erst zum Schluss. Meistens wissen wir als Leser nicht wesentlich mehr als die Kommissare.

Im Nebenstrang beginnt Hanna Seiler an dem Selbstmord ihres Mannes zu zweifeln und findet erste Indizien dafür. Hanna erkennt, dass es Parallelen zwischen dem jetzigen Fall und dem Tod ihres Mannes gibt. Die Geschichte ist der Cliffhanger zum nächsten Band, denn bisher hat Hanna keine Ahnung, was tatsächlich mit ihrem Mann geschehen ist.

Bis zur letzten Seite konnte mich die Geschichte fesseln. Mit viel Realitätssinn erzählt der Autor Alex Pohl von den Auseinandersetzungen zwischen den gesellschaftlichen Gegensätzen und wie leicht es sein kann, diese Kontroversen zu beeinflussen. Mich hat der Roman auf seinen über 450 Seiten vollends überzeugt, weil er bis zum Ende die Spannung aufrecht erhalten hat. Empfehlenswert.

Außerdem möchte ich das tolle, außergewöhnliche Buchcover hervorheben, das mich sehr begeistert hat!!!

Ich bedanke mich herzlich beim Penguin Verlag für das Rezensionsexemplar.

Links zum Buch:

https://alex-pohl.de/

https://www.lesejury.de/alex-pohl/buecher/heisses-pflaster/9783328103240

Haarmann

Haarmann Buchcover

Ein Kriminalroman

Dirk Kurbjuweit

Ein gut durchdachter und hervorragend erzählter Kriminalroman aus Sicht des Ermittlers. Absolut überzeugend.

Kommissar Robert Lahnstein wird aus dem Ruhrgebiet nach Hannover versetzt, weil die dortigen Beamten in einem mysteriösen Fall keinerlei Fortschritte machen. Seit geraumer Zeit verschwinden in der Stadt regelmäßig Jungs, ohne eine verfolgbare Spur zu hinterlassen. Anfang der 1920iger Jahre herrscht noch verheerende Armut und traumatisierte Männer, die die grausamen Schlachtfelder des Ersten Weltkrieges überstanden, prägen das Stadtbild.

Immer wieder sitzen verzweifelte Eltern in Lahnsteins Büro, um ihren Sohn als vermisst zu melden. Der Kommissar beginnt zu resignieren, da alle Anhaltspunkte, jede Ermittlung ins Leere laufen. Seinen Instinkt folgend vermutet er, dass die Taten mit der Verrohung im Krieg und dem 175. Milieu zusammenhängen. Ständig kommen Lahnstein Gerüchte zu Ohren, dass jemand mit Menschenfleisch handle. Gibt es einen Zusammenhang zwischen den Vermissten und dem Fleischhandel? Der Kommissar kämpft sowohl gegen die Zeit als auch gegen Kollegen aus den eigenen Reihen. Schnell bemerkt Lahnstein, dass er niemanden vertrauen kann. Verschwundene Akten oder Aussagen von Zeugen, denen nicht nachgegangen wurde. Und immer wieder verschwindet ein Junge. Als überzeugter Demokrat sieht sich Lahnstein besonders gefordert. Viele Bürger glauben nicht an die neue Republik. Es ist auch an Lahnstein zu beweisen, dass diese demokratische Gesellschaft für Recht und Ordnung sorgen kann. Doch je länger er ohne Ergebnis bleibt, desto größer werden seine Zweifel, den Fall aufklären zu können. Auch die Bevölkerung von Hannover lässt ihn ihre steigende Wut spüren. Doch dann folgt er einer glaubhaften Spur, die ihn vielleicht endlich zum Täter führt.

Der Autor Dirk Kurbjuweit erzählt den Kriminalfall des Massenmörders Haarmann aus der Sicht des ermittelnden Kommissars. Aufgrund der Kriegsfolgen leben viele Deutsche 1923/24 in großer Armut. Lebensmittel sind teuer. Die neue Republik hat es schwer sich gegen die Monarchisten und rechte Strömungen zu behaupten. Um das Vertrauen der Bevölkerung nicht gänzlich zu verspielen, müssen in Hannover Ermittlungsergebnisse her. Seit Monaten gibt es keinerlei Hinweise auf den Verbleib der verschwundenen Jungs. Die 175. Szene in Hannover ist bekannt und in den letzten Jahren gewachsen. Immer wieder führen die wenigen Spuren in dieses Milieu, ohne Ergebnis. Lahnstein, im Krieg Flieger gewesen und dann in britische Gefangenschaft geraten, ist SPD Mitglied und von der Demokratie überzeugt. Auf dem Polizeipräsidium ist er mit dieser Einstellung nicht willkommen, was wiederum die Zusammenarbeit mit Kollegen erschwert.

Manche Passagen im Buch, in kursiver Schrift gedruckt, schildern die Geschehnisse aus Sicht des Täters sowie aus Sicht eines der Opfer. Zudem gibt es Zeitsprünge in Lahnsteins Geschichte. So erzählt der Roman von seiner Faszination für die ersten Flugzeuge, von seiner Familie, die er verlor, und von seiner Gefangenschaft. Für den Leser entsteht somit ein umfassende Biografie des Charakters Lahnstein. Dadurch fiel es mir leicht eine Verbindung zu der Hauptfigur aufzubauen und seine Handlungen nachzuvollziehen. Auch wirft der Roman die Frage auf, wo die moralischen Grenzen liegen, um einen dermaßen bestialischen Serienmörder zu überführen. Gerade Haarmanns Schilderungen, wie er die Jungs gesucht, gefunden, mitgenommen und am Ende „verarbeitet“ hat, geben Einblick in seine gestörte Wahrnehmung. Jemanden, der solche Morde verübt, muss man stoppen. Doch welche Mittel rechtfertigen am Ende das Ergebnis? Eine Frage, die sich Lahnstein im Verlauf des Romans stellen muss.

Der Fall des Serienmörders Haarmann ist in der Vergangenheit einige Male künstlerisch aufgegriffen worden. Am eindringlichsten und erschreckendsten wahrscheinlich im Film „Der Totmacher“ aus dem Jahr 1995, in dem Götz George Fritz Haarmann sehr authentisch spielt. Dieser Roman fokussiert sich eher auf die moralische Ebene, in einem stark gebeutelten Land, dass schwer an den Repressalien des Krieges zu tragen hat. In einer Demokratie, die jeden Tag ums Überleben kämpft. Die Sichtweise des Buches hat mich gänzlich überzeugt. Dirk Kurbjuweit erzählt eine fesselnde Geschichte ohne Partei zu ergreifen oder den Zeigefinger zu erheben. Die moralische Frage ist heute genauso aktuell wie damals. Angesichts solch grausamer Morde, ist die Versuchung groß, Mittel und Maß anders abzuwägen, als es die Vorschriften zulassen.

Mich hat der Roman vollends überzeugt. Eine durchweg stimmige Erzählung. Außerordentlich gut geschrieben und durchdacht. Die Geschichte Haarmanns ist mir bekannt, vor allem durch den erwähnten Film. Dieser Kriminalroman wirft ein anderes, sehr interessantes Licht auf die Geschehnisse. Ich bin begeistert und kann das Buch nur empfehlen!

Ich bedanke mich herzlich beim Penguin Verlag für das Rezensionsexemplar.

Links zum Buch:

https://www.randomhouse.de/Buch/Haarmann/Dirk-Kurbjuweit/Penguin/e547613.rhd

https://whatchareadin.de/buecher/haarmann-kriminalroman