Das Albtraumschiff

Das Albtraumschiff ist eine Satire auf das Film und Fernsehbusiness
Das Albtraumschiff – Odyssee eines Drehbuchautors
Christoph Fromm

Primero Verlag, 2020

Rezension

Kurzmeinung

Das Schiff nimmt leider kaum Fahrt. Zu wenig Handlung, zu viel Klischee.

Inhalt

Max Grohl ist im Prinzip ein guter Drehbuchautor und dennoch nur mäßig erfolgreich in seinem Job. Obwohl seine Drehbücher qualitativ hochwertig sind, wird er von Fernsehredaktionen gegängelt und ständig zum Umschreiben gezwungen, bis am Ende kaum etwas von seiner ursprünglichen Idee übrig ist.


Grohl bekommt in dieser Hinsicht weder von seiner Agentin noch von den Produzenten Rückendeckung. Es ist ganz offensichtlich, dass sich innerhalb des Film- und Fernsehbetriebs jeder selbst der nächste ist. Hinter den Kulissen herrschen Intrigen und Machtgehabe. Es geht um Ruhm und natürlich ums Geld. Auch Grohl möchte wenigstens einmal ein Stück vom Kuchen und die Anerkennung für seine Arbeit bekommen, die ihm zusteht. Doch ob es jemals gelingen wird, eines seiner Drehbücher nach seinen Vorstellung umzusetzen, bleibt fraglich. Zu viele Personen haben in Sachen Drehbuch ein Mitspracherecht. Da wird das beliebte Traumschiff schnell zum Albtraumschiff.

Meinung

Das Albtraumschiff ist eine Satire auf das Film – und Fernsehbusiness, hinter dessen Fassade es in erster Linie um die Eitelkeiten der Beteiligten geht. Bei diesem Thema fällt einem natürlich Helmut Dietls Film „Rossini“ ein, in dem die Münchner Filmschickaria gekonnt vorgeführt wird.

Bei der Hauptfigur des Romans „Das Albtraumschiff“ handelt es sich um Max Grohl, ein durchaus begabter Drehbuchautor. Trotzdem ist er gezwungen sich der Meinung von Produzenten, Redakteuren, Regisseuren und sogar Schauspielern unterzuordnen. Seinem Frust kompensiert er durch Süßigkeiten. Dementsprechend ist sein Körper außer Form geraten. Natürlich kommen in dem Roman auch überspannte Darstellerinnen und alkoholsüchtige Autoren vor. Auch sonst spart das Buch kaum ein Klischee aus, das für dieses Business immer wieder hervorgeholt wird.

Der Beginn der Geschichte gestaltet sich interessant, doch nach ungefähr dem ersten Drittel zerfasert der rote Faden und löst sich rasant auf. Es kommen Figuren dazu und verschwinden dann wieder. Nach den ersten 150 Seiten hatte ich den Überblick über diese ganzen Charaktere vollends verloren. Zudem werden ständig neue Nebenschauplätze eröffnet. Für den Leser entsteht ein großes Wirrwarr an Figuren und Handlungssträngen, von denen die meisten den Erzählfluss unterbrechen, anstatt ihn voranzubringen Vieles verläuft sich im Nichts. Ich hatte Schwierigkeiten, der Geschichte weiterhin noch aufmerksam zu folgen.

Darin liegt wohl auch die Tatsache begründet, dass ich zu keinem der Charaktere Zugang gefunden habe. Auf mich wirkten die Figuren belanglos und ohne nennenswerten Tiefgang. Besonders Grohls Freundin Lisa, ging mir wahnsinnig auf die Nerven. Sie war beispielsweise eine der Figuren, auf die ich in der Form hätte verzichten können.

Fazit

„Das Albtraumschiff“ enthält für mich von allem zu viel; zu viele Klischees, zu viele Personen, zu viele unzusammenhängende Erzählstränge. Dem zu viel stehen ein sehr dünner, kaum zu verfolgender roter Faden, zu wenig Struktur und ein gänzlich fehlender Spannungsbogen gegenüber. Erwartet hatte ich in etwa eine Satire wie „Rossini“. Einen Blick hinter die Kulissen, etwas überzeichnet und böse, aber dennoch unterhaltsam und nachvollziehbar. Leider findet sich davon nichts in dem Buch wieder. Aus meiner Sicht wurde da sehr viel Potential verschenkt.

Ich bedanke mich beim Primero Verlag für das EPUB.

Wenn du mich heute wieder fragen würdest

Wenn du mich heute wieder fragen würdest ist ein besonderer Familienroman. Zwei Familien, Nachbarn, die durch ein schreckliches Schicksal und die Liebe miteinander verbunden sind
Ein besonderer Familienroman
Mary Beth Keane

aus dem amerikanischen Englisch übersetzt von Wibke Kuhn

erschienen im Eisele Verlag, 2020

Rezension

Kurzmeinung

„Wenn du mich heute wieder fragen würdest“ ist ein einfühlsamer, bewegender Roman über zwei Familien, der die Frage aufwirft, wie viel Schuld der Einzelne an seinem Schicksal trägt.

Inhalt

Francis und Brian, frisch von der Polizeiakademie, werden Kollegen bei der New Yorker Polizei. Fast zeitgleich gründen sie eine Familie und ziehen zufällig in den kleinen Vorort Gillam in benachbarte Häuser. Francis und Lena Gleeson bekommen drei quirlige Mädchen und führen ein glückliches Familienleben. Brian und Anne Stanhope haben einen Sohn. Schon kurz nach Peters Geburt beginnt es in der Ehe zu kriseln.

Anne ist sehr reserviert und blockt jeden nachbarschaftlichen Kontakt ab, sodass sich die Familien aus dem Weg gehen. Nur die gleichaltrigen Kinder Kate und Peter sind unzertrennlich. Diese Freundschaft ist Anne Stanhope ein Dorn im Auge und sie versucht Peter von Kate fernzuhalten, erfolglos. Anne leidet zunehmend unter der unglückliche Ehe und ihren psychischen Stimmungsschwankungen. Als Peter und Kate zu Teenagern heranwachsen verändert sich ihre Freundschaft. Sie verlieben sich ineinander. Anne versucht es mit allen Mitteln zu verhindern. Sämtliche, seit langer Zeit schwelenden Probleme, drängen nun mit aller Macht an die Oberfläche. Als die Situation eskaliert, ändert ein kurzer Moment das Leben beider Familien von Grund auf und scheinbar endgültig.

Handlung

Die Geschichte „Wenn du mich heute wieder fragen würdest“ beginnt 1973, kurz nachdem Francis Gleeson aus Irland nach New York kommt und dort Polizist wird. Er lernt die italienisch-polnisch stämmige Lena kennen und heiratet sie. Von seinem Kollegen Brian erfährt er von dem Gillam, einem ruhigen Vorort, der sich perfekt für Familien eignet. Einige Zeit nachdem sich Francis und Lena dort ein Haus gekauft haben, zieht auch Brian mit seiner Frau Anne dorthin. Wie es der Zufall will direkt ins Nebenhaus.

Eigentlich könnte man annehmen, dass die jungen Familien sich anfreunden. Die Männer sind Kollegen, die Ehepaare im gleichem Alter, doch jeder Versuch von Lena Gleeson eine freundschaftliche Beziehung aufzubauen, wird von Anne Stanhope abgeschmettert. So bleiben die Stanhopes in dem kleinen New Yorker Vorort weitestgehend isoliert. Francis und Lena führen ein glückliches Familienleben.

Brian und Anne hingegen scheinen Probleme zu haben. Auch mit ihrem Kinderwunsch dauert es eine Zeit. Ihr einziger Sohn Peter findet schwer Kontakt zu anderen Kindern. Seine beste Freundin ist ausgerechnet die jüngste Tochter von nebenan. Peter ist ein stiller, zurückhaltender Junge. Kate hingegen ist wagemutig und aufgeweckt.

Die Eheprobleme der Stanhopes machen auch vor Peter nicht Halt. Zudem hat Anne immer öfter depressive Phasen, die Peter aufzufangen versucht. Sein Vater Brian ist ihm kaum eine Hilfe. Nichts von diesen Problemen dringt nach Außen.

Als Peter und Kate sich kurz vor ihrem Highschool Abschluss ineinander verlieben, beginnt sich die Situation zwischen den Familien zuzuspitzen. Doch die Gleesons haben keine Ahnung davon, was bei den Stanhopes tatsächlich vor sich geht. Als Peter spät abends bei den Gleesons klopft, um die Polizei zu rufen, marschiert Francis wie selbstverständlich nach nebenan, um nach dem Rechten zu sehen. Nie hätte er für möglich gehalten, was ihn in dem Haus erwartet. Dieser Abend wird das Leben beider Familien grundlegend ändern. Auch die gerade aufblühende Liebe zwischen Kate und Peter findet an dem Abend ein jähes Ende. Ist es wirklich ein endgültiges Ende oder können Kate und Peter es schaffen, den scheinbar unüberbrückbaren Graben zwischen ihren Familien irgendwann zu überwinden?

Meinung

In dem Roman „Wenn du mich heute wieder fragen würdest“ begleiten wir zwei Familien über drei Jahrzehnte. Schnell wird deutlich, dass Anne unter schweren psychischen Problemen leidet, Brian dies jedoch konsequent ignoriert. Leidtragender ist Peter. Lange Zeit dringt nichts von diesen Problemen nach draußen. Auch als das Offensichtliche nicht mehr zu verbergen ist, bleibt es unter dem Deckmantel der Verschwiegenheit. Erst durch ein furchtbares Unglück löst sich die unerträgliche Situation bei den Stanhopes auf.

Die Heranwachsenden Kate und Peter werden abrupt auseinander gerissen und finden erst Jahre später wieder zueinander. Doch der Hass ihrer Familien sitzt tief. Erst müssen sie sich ihren Familien stellen und dann sich selbst, denn weder an Kate und schon gar nicht an Peter sind die damaligen Ereignisse spurlos vorbeigegangen. Jeder der Charaktere kämpft mit seinen Dämonen, die sich nicht einfach abschütteln lassen.

Die Autorin erzählt in „Wenn du mich heute wieder fragen würdest“ abwechselnd aus den unterschiedlichen Perspektiven ihrer Figuren. So bekommt der Leser Einblick in die Gedankenwelt und die Vergangenheit des jeweiligen Charakters. Der Roman erzählt seine Geschichte hauptsächlich chronologisch. Zeitsprünge entstehen durch die Erinnerungen der Figuren. Manches wird eher indirekt erzählt. Durch diese verschiedenartigen Erzählweisen, hält der Roman seinen Spannungsbogen über die 462 Seiten konstant aufrecht. Es ist die Feinfühligkeit des Buches, welche die Charaktere lebendig und authentisch wirken lässt. Zu keiner Zeit gibt es Schuldzuweisungen. Der Leser kann sich sein eigenes Bild machen.

Mary Beth Keane erzählt mit großer Sensibilität von zwei Familien und davon, wie sich das Leben in nur einem kurzen Moment grundlegend ändern kann. Trotz der fast unlösbaren Probleme, bleiben die Familien, vor allem durch Kate und Peter, miteinander verbunden.

Fazit

„Wenn du mich heute wieder fragen würdest“ ist einer der besten Romane, die ich in diesem Jahr lesen durfte. Von der ersten Seite an, hat mich die Geschichte gepackt. Besonders möchte ich die brillante Erzählweise hervorheben, die das Buch zu einem einzigen Lesevergnügen macht. Ich konnte mich gut in die Charaktere hineinversetzen.

Der Autorin ist es gelungen, die Entwicklung der Geschichte durch die abwechselnden Perspektiven nachvollziehbar zu inszenieren. Vor allem Anne, die auf mich zu Beginn arrogant und unsympathisch wirkt, konnte ich am Ende vieles verzeihen und Verständnis für sie entwickeln. Die Frage nach Schuld ist ein zentrales Thema in dem Buch. Was ist Schicksal, was die Summe der Entscheidungen und wer trägt die Schuld? Der Roman zeigt, dass es darauf nie nur eine Antwort geben kann, denn wir alle können die Zukunft nicht voraussehen. Manchmal muss man die Dinge nehmen, wie sie kommen und dann lernen damit umzugehen und zu verzeihen.

„Wenn du mich heute wieder fragen würdest“ ist ein außergewöhnlicher Roman, den ich nur empfehlen kann.

Ich bedanke mich bei „Was liest du“ und dem Eisele Verlag für die Möglichkeit der Teilnahme an der Leserunde.

Just like you

Just like you von Nick Hornby handelt von einer Beziehung zwischen zwei Menschen, die auf den ersten Blick nicht viel gemeinsam haben
Roman von Nick Hornby „Just like you“
Nick Hornby

aus dem englischen von Stephan Kleiner

erschienen im Kiepenheuer & Witsch Verlag, 2020

Rezension

Kurzmeinung

Nick Hornby schafft es in „Just like you„, eine unkonventionelle Liebe pragmatisch, ohne den romantischen Schnickschnack und mit viel Humor zu erzählen.

Handlung

In dem neuen Roman von Nick Hornby „Just like you“ geht es um zwei Menschen, die auf den ersten Blick unterschiedlicher nicht sein könnten.

Lucy, 42 Jahre alt, Mutter von zwei Jungs, getrennt lebend und Lehrerin an einer staatlichen, Londoner Schule. Ihre bisherigen Dates verliefen wenig erfolgreich.

Als sie zufällig den zwanzig Jahre jüngeren Joseph kennenlernt, entwickelt sich etwas zwischen ihnen, wogegen sich beide zunächst sträuben. Zu mächtig scheinen ihre Unterschiede:

Lucy kommt aus der klassischen Mittelschicht. Joseph ist dunkelhäutig und im sozialen Brennpunkt Tottenham zu Hause. Lucy ist gefestigt in ihrem Leben, Joseph ist noch auf der Suche. Er hat mehrere Jobs und nur eine vage Vorstellung von seinem beruflichen Ziel. Auch politisch sind Lucy und Joseph unterschiedlicher Auffassung. Er ist für den Brexit, sie dagegen. Trotzdem knistert es zwischen ihnen und sie sind mutig genug es zu versuchen. Doch wie lange kann eine solche Beziehung gut gehen?

Inhalt

Lucy tennte sich vor einiger Zeit von ihrem Mann. Sein immenses Alkoholproblem schadete der Familie, sodass Lucy konsequent handeln musste, um ihre zwei Jungs zu schützen. Lucy ist Lehrerin an einer staatlichen Schule in London, die eher zu den „Problemschulen“ zählt. Dennoch führt sie ein normales Mittelstandleben. Ihre Freunde haben gut dotierte Jobs, sind Intellektuelle und erfolgreiche Kulturschaffende.

Als Lucy in der Metzgerei den jungen Verkäufer Joseph kennenlernt, bittet sie ihn, einen Abend auf ihre Jungs aufzupassen. Joseph ist Anfang zwanzig und schlägt sich mit verschiedenen Jobs durch. Er trainiert eine Jugendmannschaft im Fußball, arbeitet im Freizeitzentrum und jeden Samstag in der Metzgerei. Nebenbei bastelt er an Musikstücken, um vielleicht einmal mit der Musik groß raus zukommen. Joseph wohnt bei seiner Mutter in Tottenham.

Joseph versteht sich gut mit Lucys Jungs und kommt nun öfter zum Aufpassen. Dadurch lernen sich auch Lucy und Joseph besser kennen. Es knistert zwischen ihnen, was beide vorerst ignorieren. Es kommt schließlich, wie es kommen muss, sie verlieben sich und halten ihre Affäre zunächst geheim. Zu groß erscheinen beiden ihre Unterschiede. Ihre Lebensweise, ihre politische Einstellung und der Altersunterschied von 20 Jahren.

Angesichts dessen scheint es nur eine Frage der Zeit, bis sie wieder getrennte Wege gehen. Doch die Liebe fragt nicht nach solchen Nichtigkeiten und verfolgt ihren eigenen Plan.

Meinung

Ich mochte Lucy auf Anhieb. Sie ist unprätentiös, pragmatisch und steht mit beiden Beinen im Leben. Ebenso mochte ich Joseph. Auf den ersten Blick wirkt er ziellos, auf dem zweiten merkt man, dass sich hinter seiner Fassade ein suchender, junger Mann verbirgt, der noch viele Unsicherheiten mit sich herumträgt. Trotz allem ist er mutig genug die richtigen Fragen zu stellen. Joseph ist wie Lucy pragmatisch, aber auch nachdenklich. Beide Figuren haben mehr gemeinsam, als es den Anschein hat. Beide suchen jemanden just like you, ohne es zu wissen.

Nick Hornby ist ein präziser Beobachter des Alltäglichen. Und so sind seine Romane von der Komik des Alltags geprägt. Auf äußerst unterhaltsame Weise schafft er es auch in „Just like you“, die auftauchenden Konflikte unterhaltsam zu behandeln. Dabei überlässt er es den Figuren sich ihren Meinungsverschiedenheiten zu stellen und gibt ihnen sehr glaubhafte Argumente an die Hand. Als Autor verzichtet Nick Hornby darauf Stellung zu beziehen oder eine Wertung abzugeben.

Eine Frau, mit einem wesentlichen jüngeren Mann, birgt auch heute noch Konfliktpotential. Wohingegen Männer mit sehr jungen Frauen toleriert werden. Ich finde es gut, dass es zum Thema wird, denn all ihre Widersprüchlichkeiten sind beim näheren Hinsehen gar nicht allzu schwerwiegend. Die größte Hürde wird wohl sein, dass Joseph vielleicht eines Tages eine Familie bzw. eigene Kinder haben will.

Der Roman verzichtet auf jeglichen romantischen Schnickschnack. Dieser hätte auch nicht zu den Figuren gepasst. Es gibt keine Rosenblätter auf dem Bett oder ausführliche Beschreibungen des ersten Kusses. Der Fokus liegt auf den wirklichen und den gemachten Problemen und auf dem Mut, den es braucht, sich auf eine Liebesbeziehung einzulassen. Denn ein Wagnis ist es immer. Genauso ist man bei einem neuen Partner unsicher, was Familie und Freunde sagen. Es ist eine völlig schnörkellose und echte Liebesgeschichte. Es sind die kleinen Gesten und Veränderungen, welche die Liebe zwischen den beiden meiner Ansicht nach hinreichend ausdrückt. So achtet z.B. Joseph bei einer SMS an Lucy auf seine Schreibweise. Sie ist schließlich Lehrerin, auch wenn sie das nie betont.

Fazit

Seit 1996 „High Fidelity“ gelesen habe, liebe ich Nick Hornby. Seine Figuren sind in all ihren Emotionen immer authentisch. Zudem liebe ich seinen Humor, der mich auch in „Just like you“ begeistern konnte. Viele Dialoge zeugen von einer großartigen Situationskomik. Da ich im selben Alter wie Lucy bin, konnte ich mich sehr gut gerade in ihre Figur hineinversetzen. Ich denke, es ist ein Geschenk, wenn man sich verliebt und man sollte dabei mehr im Hier und Jetzt leben. Sowie es Lucys Jungs tun, die ich übrigens super finde.

Meiner Meinung nach ist es Nick Hornby fabelhaft gelungen alle Positionen zum Brexit verständlich darzulegen. Er zeigt, wie wichtig es ist, einander zu zuhören, bevor man sein Urteil über eine Person fällt. Er schneidet in diesem Roman viele aktuelle Themen, wie beispielsweise Rassismus, an, ohne das sie den Roman dominieren. Ich denke, dass es die wichtigste Botschaft des Romans ist, den Mut zu haben, sich auf jemanden einzulassen, jemanden zu zuhören, der auf dem ersten Blick vielleicht das genaue Gegenteil von einem selbst ist.

Für mich ist es ein absolut gelungener Roman, weil mich die Normalität dieser Geschichte vollkommen in ihren Bann gezogen hat. Ich kann gar nicht glauben, dass Lucy und Joseph nur im Roman leben.

Ich bedanke mich herzlich bei dem Internetportal Lovelybooks und dem Kiepenheuer & Witsch Verlag für das Rezensionsexemplar.

Zu Beginn des Jahres erschien von Nick Hornby der Roman „Keiner hat gesagt, dass du ausziehen sollst„. Auch hier geht’s um Beziehungsprobleme. Hier meine Rezension.

Turbulenzen

Turbulenzen erzählt von kurzen Begegnungen zwischen Menschen und umspannt damit die ganze Welt
Turbulenzen
David Szalay

aus dem engl. übersetzt von Henning Ahrens

Carl Hanser Verlag, 2020

Rezension

Kurzmeinung

Einmal um die Welt. Kurze Geschichten, kurze Begegnungen mit Personen, virtous miteinander verknüpft. Kurze Einblicke in private Welten.

Inhalt

Erste Turbulenzen gibt es auf dem Flug von London nach Madrid. Eine ältere Dame mit Flugangst, versucht diese mit Bloody Marys zu betäuben und kommt ins Gespräch mit einem afrikanischen Geschäftsmann. Die Dame verlassen wir in Madrid und begleiten den Geschäftsmann weiter nach Dakar, wo ihn eine schrecklich Nachricht erwartet.

In dieser Weise wird der Stab jeweils an eine andere Person weitergereicht, einmal rund um den Globus. Ausschnitthaft erzählt der Roman von den unterschiedlichsten Menschen.

Handlung

In kurzen Episoden gibt „Turbulenzen“ Einblicke in die jeweilige Lebenssituationen von verschiedenartigen Menschen. Wie ein Staffelstab übergibt der eine Charakter an den nächsten. Turbulenzen gibt es auf den Flügen, sie sind jedoch ebenso übertragbar auf die Menschen, von denen wir nur diese eine Momentaufnahme sehen.

Da ist der einsame Flugkapitän, der den Tod seiner jüngeren Schwester in der Kindheit bis heute nicht verarbeitet hat, die Frau, die sich nach langjähriger Ehe neu verliebt und zwischen den Stühlen sitzt und der Gärtner, der im Ausland arbeitet und seiner Familie zu Hause verschweigt, dass er homosexuell ist.

Meinung

Der Roman „Turbulenzen“ erzählt auf 134 Seiten von den Turbulenzen des Lebens. Manche Menschen beuteln sie stark, manche erfahren nur einen kleinen Windhauch und manche werden von ihnen komplett aus der Bahn geworfen.

Als Leser bekommen wir nur einen kleinen Ausschnitt aus dem Leben der jeweiligen Figur erzählt. Es gibt kein davor oder danach. Wir erfahren nicht, wie die Geschichte, welche knapp angerissen wird, ausgeht. Das beflügelt die Fantasie jedes einzelnen Lesers.

Ich reise gerne und ich habe dadurch schon etliche Menschen kennenlernen dürfen, mit denen ich ähnliche Momentaufnahmen erlebt habe. Wenn man im Zug oder Flugzeug nebeneinander sitzt und ins Plaudern kommt. Wo kommt man her, wo will man hin und warum. Kleine Episoden aus dem Leben und schon ist die gemeinsame Reisezeit vorbei, die Wege trennen sich wieder.

Ähnlich ist es auch in dem Roman. Wir treffen die Charaktere, sehen einen Ausschnitt ihres Lebens und wünschen ihnen alles Gute, wenn wir weiterziehen. Die kurzen Kapiteln beleuchten je eine Figur, die in dieser Episode den Stab an eine andere weiterreicht. Benannt sind die Kapitel nach den Abkürzungen der Flughäfen. Wir fliegen mit den 12 Charakteren einmal um den Globus und am Ende schließt sich der Kreis wieder in London, von wo aus wir gestartet sind.

Fazit

Ich habe „Turbulenzen“ mit offener Neugier gelesen. In Gedanken bin ich mit den Charakteren um die Welt gereist. Trotz der Kürze konnten mich die einzelnen Schicksale berühren. Hauptsächlich, weil dem Autor eine großartige Komposition aus Begegnungen und Befindlichkeiten unterschiedlichster Menschen, über alle Kontinente verteilt, gelungen ist. Die unerwarteten Wendungen machen das Buch kurzweilig und halten es spannend. Als Leser kann man die angerissenen Geschichten weiterspinnen. Dieses Buch macht nachdenklich und lehrt uns, dass es egal ist, wo auf dieser Welt wir leben, im Grunde sind wir alle miteinander verbunden. Mir hat die Erzählweise des Romans, die Idee dahinter und die Umsetzung sehr gefallen.

Ich bedanke mich beim Carl Hanser Verlag und dem Internetportal für Lesewütige Lovelybooks für die Teilnahme an der Leserunde und das Rezensionsexemplar.

Wer sich für ähnliche Bücher, mit kurzen Geschichten und verwobenen Charakteren oder für Flughafengedanken interessiert, empfehle ich „Das Feld“ von Robert Seethaler oder den Roman „Drehtür“ von Katja Lange-Müller.

Die Unschärfe der Welt

Die Unschärfe der Welt ist ein Roman über eine rumänische Familie, die wir Leser in kleinen Ausschnitten über Generationen begleiten.
Nominiert für den Deutschen Buchpreis: „Die Unschärfe der Welt“
Iris Wolff

erschienen im Klett-Cotta Verlag, 2020

Rezension

Kurzmeinung

„Die Unschärfe der Welt“ ist sehr unscharf geraten, was hauptsächlich die Charaktere betrifft. Die wenige Handlung, erzählt in kurzen Momentaufnahmen die Geschichte einer Familie wiedergeben, verpackt in gefühlvolle, poetische Sprache auf hohem Niveau.

Handlung

Der Roman „Die Unschärfe der Welt“ erzählt von einer Familie, die im rumänischen Banat verwurzelt ist, zu Zeiten der Diktatur. Hannes ist Pfarrer einer deutschen Gemeinde. Seine Frau Florentine kümmert sich um Haus und Garten. Das Paar bekommt nur einen Sohn, Samuel.

Das Dorfleben ist geprägt von tragischen und fröhlichen Momenten und von den Schwierigkeiten, die das Leben in diesem Teil der Welt mit sich bringt. Ein überschaubarer Kosmos. Als junger Mann hilft Samuel seinem besten Freund Oz aus diesem kleinen Kosmos auszubrechen, ohne zu wissen, was die beiden erwartet.

Meinung

Der Roman „Die Unschärfe der Welt“ von Iris Wolff steht auf der diesjährige Longlist des Deutschen Buchpreises. Dementsprechend hoch waren meine Erwartungen. Eine Familiengeschichte über mehrere Generationen auf 212 Seiten zu erzählen, machte mich neugierig.

Die ersten beiden Kapitel, oder besser gesagt, Episoden, zogen mich direkt in ihren Bann. Der Sprachstil ist bildhaft und transportiert eine sanfte, poetische Stimmung. Insgesamt sind es sieben Episoden, die im Gewand der Kurzgeschichte daherkommen und dennoch immer wieder den Bogen zur Familiengeschichte schlagen. Zwischen den jeweiligen Episoden liegen zumeist große Zeitsprünge. War Samuel in der einen Episode noch ein Kind, bekommt er in der folgenden schon seinen ersten Kuss. Aufgrund dessen kommt der Roman zeitlich schnell voran.

Leider werden die Lücken hierdurch immer größer. Auch führt es dazu, dass mir keine der Figuren sonderlich vertraut wurde. Aufgrund der Romanstruktur bleiben die Charaktere für den Leser unnahbar. Besonders bedauert habe ich die häufige schwarz-weiß Darstellung, da hätte ein bisschen Schattierung, gerade bei den Charakteren, gut getan.

Die Region Banat wird im Roman immer wieder genannt. Allerdings wird auf die Region kaum eingegangen ebenso wenig wie auf die deutschen Wurzeln der Familie. Warum also dieser Schauplatz und dieser Hintergrund, wenn der Roman nicht vorhat es aufzugreifen und mehr darüber zu erzählen? Hier wurde meiner Ansicht nach das meiste Potential verschenkt. Auch wenn das damalige Ceaușescu Regime an manchen Stellen deutlich und heftig kritisiert wird, bleiben zu viele offene Fragen.

Die kaum vorhandene Handlung lässt keinen Spielraum für die Entwicklung der Figuren zueinander. Es wird zwar über eine Familie berichtet, erzählt werden jedoch kurze, aneinandergereihte Geschichten, die nur einen schwachen roten Faden erkennen lassen. Den letzten Teil empfand ich als einen Bruch mit dem, bis dahin vorherrschenden, fast lyrischen Sprachstil. In aller Eile werden ca. 15 Jahre zusammengerafft. Alle sind glücklich, alle sind zufrieden, es herrscht Friede, Freude, Eierkuchen.

Der Fokus des Romans liegt eindeutig auf der Sprache und die ist wirklich ein Genuss. Poetisch, feinsinnig und gefühlvoll transportiert die Sprache den jeweiligen Moment.

Fazit

Manche Textpassagen empfand ich als lyrische Erzählkunst. Leider blieb durch diesen Fokus vieles andere auf der Strecke. Ich befürchte der Roman wird schnell verblassen, weil der Roman mich leider nicht berühren konnte. Zum einen fand ich keinen Zugang zu den Charakteren und zum anderen ist die Handlung zu dürftig, um als Familiengeschichte im Gedächtnis zu bleiben.

Wenn man seine Erwartungen an einen generationsübergreifenden Familienroman zurückschraubt und sich einfach der Stimmung, die von dem Schreibstil herbeigeführt wird, hingibt, kann der Roman „Die Unschärfe der Welt“ ein Lesegenuss sein. Aus meiner Sicht ist sehr viel an Potential verschenkt worden. Vor allem das zuckersüße Romanende passt nicht zum Rest und hat mich ziemlich ratlos zurückgelassen.

Ich kann den Roman weder empfehlen noch davon abraten, ihn zu lesen. Sprachlich bewegt sich die Erzählung auf hohem Niveau, inhaltlich gibt es entscheidende Defizite.

Ich bedanke mich bei dem Klett-Cotta Verlag und der Internetplattform für Bücherfreunde Lovelybooks für das Rezensionsexemplar und die Teilnahme an der Leserunde des Literatursalons, in der es einen regen Meinungsaustausch gab. Es hat mir viel Freude gemacht.

In den vergangenen Jahren habe ich einige Nominierte des Deutschen Buchpreises gelesen und nicht jeder Roman konnte mich überzeugen. „Miroloi“ scheidete im letzten Jahr ebenso die Geister wie „Das flüssige Land“.

Jeder sollte sich seine eigene Meinung bilden.

A.S. Tory und der letzte Sommer am Meer

A.S. Tory und der letzte Sommer am Meer Cover. Die Geschichte von Sid und Chiara
A.S. Tory und der letzte Sommer am Meer
S. Sagenroth

erschienen im tredition Verlag 2020

Rezension

Kurzmeinung

Mit gekonnter Leichtigkeit greift der Roman „A. S. Tory und der der letzte Sommer am Meer ein kontroverses Thema auf und stimmt nachdenklich. Ein schwieriges Thema fabelhaft erzählt.

Handlung

Diesmal lädt A.S. Tory Sid und Chiara zu sich nach England ein, ohne ihnen einen Auftrag zu erteilen. Der Sommer ist heiß, selbst in England, und Mr. Tory besitzt ein Haus am Meer, in dem die jungen Leute Ferien machen sollen. Alle Zeichen stehen auf ein unbeschwertes Urlaubsvergnügen. Am Strand lernen Sid und Chiara drei deutsche Mädchen kennen. Eines der Mädchen hat sich mit einem arabischen, jungen Mann angefreundet, der sich illegal im Land aufhält. Als zwei der Mädchen und der junge Mann spurlos verschwinden, beginnen Sid und Chiara ihre eigenen Nachforschungen, die sie bis nach Cornwall führen.

Inhalt

Auf der Suche nach der alten Single reisten Sid und Chiara quer durch Europa bis Marroko. Im zweiten Teil suchten die beiden eine verlorene Geschichte in Venedig, Wien und Berlin. Nun begleiten wir Sid und Chiara nach England. A.S. Tory lädt die beiden Abenteurer zu einem zweiwöchigen Urlaub nach England ein. Erst erkunden sie London und treffen auch Chan wieder, mit dem Sid seit seinem ersten London Aufenthalt Kontakt hat. Zu dritt verbringen sie dann einige Tage in Mr. Torys Haus am Meer.

Am Strand treffen sie drei Mädchen aus Hamburg. Zwischen den Mädchen kommt es immer häufiger zum Streit, seit Emily sich mit dem illegalen Flüchtling Laith angefreundet hat. Als Emily und Sarah spurlos verschwinden, fällt der Verdacht sofort auf Laith. Denn auch er ist nicht mehr auffindbar. Chiara und Sid machen sich auf die Suche nach den Vermissten. Ihre Spur führt sie nach Brighton, Stonehenge bis nach Cornwall.

Meinung

Diesmal gibt es keinen Auftrag, sondern nur die Frage; was bedeutet Freiheit? Für Chiara und Sid bedeutet es, selbst entscheiden zu dürfen, was sie tun. Der afghanischen Flüchtling Laith, der illegal in England eingereist ist, weil ihm und seiner Familie in Deutschland die Abschiebung droht, riskiert eine ganze Menge für seine Freiheit.

Die Kapitel werden begleitet von Nachrichtenmeldungen, kurzen Eintragungen aus Emilys Tagebuch oder Laith Gedanken. Jedoch erfahren wir als Leser nie mehr als nötig. Das hält die Spannung bis zum Ende aufrecht. Die Geschichte nimmt sich einem immer noch sehr aktuellen Thema an, nämlich wie wir in Europa mit Flüchtlingen umgehen. Dabei beleuchtet der Roman unterschiedliche Seiten und zeigt, dass es nicht nur schwarz und weiß gibt, sondern ganz viele Schattierungen dazwischen.

Fazit

Der Schuss von Teil drei hat mich nachdenklich zurückgelassen. Die Erzählung greift einige Themen auf, unbequeme, die sich dennoch mühelos ineinander fügen. Was als Sommerurlaub beginnt endet zwar mit einem Hoffnungsschimmer, über dem jedoch ein großer Schatten liegt. Das Ende hat mich überrascht, letztendlich habe ich den Sinn dahinter verstanden.

Besonders hat mir die Herangehensweise an das Thema gefallen. Nie hebt sich da ein moralischer Zeigefinger. Der Ton bleibt, wie bei den anderen beiden Teilen, locker und unterhaltsam. Es hat Spass gemacht mit den zwei Hauptcharakteren durch England zu fahren und mit ihnen diese verschiedenen Menschen kennenzulernen. Ihre offene, fast vorurteilsfreie Art ist erfrischend und macht den Roman zu einem Lesevergnügen. Ich verstehe die Geschichte als ein Appell an die Toleranz und für das Miteinander, damit wir alle unsere persönliche Freiheit leben dürfen.

Ich bedanke mich herzlich bei der Autorin für da Rezensionsexemplar.

Oktoberfest 1900

Träume und Wagnis

Oktoberfest 1900 Tradition und Fortschritt, Bierbude gegen Bierburg.
Cover Oktoberfest 1900
Petra Grill

erschienen bei FISCHER Krüger Verlag 08/2020

Rezension

Kurzmeinung

Oktoberfest 1900 erzählt vom Wandel eines Volksfestes. Tradition und Fortschritt stehen sich gegenüber, beide gewillt über Leichen zu gehen. Ein spannender Blick hinter die Kulissen inkl. Macht, Intrigen und Liebe. Facettenreiche Charaktere machen den Roman zu einem Erlebnis.

Handlung

München, Oktoberfest 1900. Der Nürnberger Brauerei Besitzer Curt Prank kommt nach München, um das Oktoberfest zu revolutionieren. Er will eine Bierburg für 3.000 Personen errichten. Das stößt vor allem bei den ortsansässigen Brauereien auf Widerstand. Ein Zugezogener, der sich auf ihrem Volksfest breit macht, dass lassen sie sich nicht bieten. Doch Prank ist nicht aufzuhalten. Dafür sind ihm alle Mittel recht. Sogar die Hand seiner Tochter Clara, weiß er geschickt zu vergeben. Clara hat jedoch ihre eigenen Vorstellungen vom Leben.

Colina Kandl ist ein Mädchen vom Lande und arbeitet als Biermadl in einem Wirtshaus. Doch sie ist clever und will mehr. Durch eine kluge Schummelei landet sie als Gouvernante bei den Pranks. Ihre Hoffnung nun ein besseres Leben gefunden zu haben, endet jäh, als herauskommt, dass Clara unter ihrer Aufsicht schwanger geworden ist.

Colina bleibt nichts weiter übrig, als wieder auf dem Oktoberfest 1900 zu kellnern. Sie besitzt Mut und Verstand und lässt sich von Rückschlägen nicht unterkriegen. Während auf der Wies’n der Kampf zwischen Tradition und Fortschritt tobt, versucht Colina die Welt im Kleinen ein Stück besser zu machen, für sich, aber auch für Clara. Ob ihre Pläne tatsächlich aufgehen, muss sich erst zeigen.

Inhalt

Colina Kandl, auf der Flucht vor ihrem gewalttätigen Ehemann in München gestrandet, arbeitet als Biermadl im Wirtshaus Lochner. Bei der Arbeit muss sich einiges gefallen lassen, denn als Kellnerin bekommt sie keinen festen Lohn, sondern ist auf das Trinkgeld angewiesen. Wenn sie sich etwas dazuverdienen möchte, steht ihr im Hinterhof der Schuppen für ein Schäferstündchen mit einem Gast zur Verfügung.

Für Colina ist das keine dauerhafte Option. Clever wie sie ist, schummelt sie sich als Gouvernante in den Haushalt des gerade aus Nürnberg zugezogenen Brauereibesitzers Curt Prank. Sie soll der eigenwilligen, 19 jährigen Tochter Clara als Anstandsdame zur Seite stehen. Was allerdings gründlich schief geht, denn Clara wird schwanger.

Curt Prank will das Oktoberfest revolutionieren. Dafür benötigt er fünf Schanklizenzen, für die er im wahrsten Sinne des Wortes bereit ist über Leichen zu gehen. Besessen vom Bau seiner Bierburg räumt er alles und jeden aus dem Weg. Er will sogar seine Tochter gewinnbringend verheiraten. Clara hingegen hat sich in Roman Hoflinger verliebt, den Sohn eines Münchner Traditionsbrauers.

Als der alte Hoflinger unter mysteriösen Umständen ums Leben kommt, beschuldigt seine Witwe, Maria Hoflinger, Curt Prank als Mörder ihres Mannes. Auch wenn die Kriminalpolizei ihm nichts nachweisen kann, bleibt der Verdacht im Raum. Clara und Roman werden dadurch in eine Art Romeo und Julia Beziehung gedrängt. Beide sind starke Persönlichkeiten, die für ihre zukünftiges Glück kämpfen.

Colina hingegen ist wieder dort, wo sie angefangen hat. Auf der Wies’n in der Bierbude. Diesmal hat sie jedoch einen besseren Stand, weil der Wirt ein großes Werbeplakat mit ihrem Konterfei angefertigt hat, um gegen Pranks Bierburg zu bestehen. Leider lockt ihr Werbeplakat nicht nur Gäste, sondern auch ihren Mann an. Der bringt auch noch den gemeinsamen Sohn mit, den Colina der Obhut von guten Freunden überlassen hatte, um ihn vor dem gewaltbereiten Vater zu schützen. Colina muss ein für allemal einen Ausweg aus dieser Ehe finden, bevor ihr Mann ihr oder dem Jungen etwas antut.

Als Bindeglied aller Figuren agieren zwei Kriminalbeamte, die mit Abstand das Treiben rund um das Oktoberfest beobachten und ihre eigenen Ansichten zum Geschehen haben. Oftmals greifen sie rechtzeitig ein, dennoch können sie nicht jedes Unglück verhindern. Der Kampf der Münchner Traditionsbrauereien gegen den Fortschritt, die Intrigen und Seilschaften führen zu tragischen Ereignissen. Am Ende des Oktoberfestes sind die Weichen der Zukunft zwar neu gestellt, allerdings war der Preis dafür hoch.

Meinung

Der Roman Oktoberfest 1900 basiert auf dem gleichnamigen ARD Mehrteiler (Ausstrahlung am 15.09.2020 oder in der Mediathek). Es ist eine Zeitenwende, die auch vor einem traditionellem Volksfest nicht Halt macht. Im Prinzip stehen sich zwei Familien als Sinnbild für Fortschritt und Tradition gegenüber. Am Ende zerstört Hass und Machtwillen nicht nur alte Strukturen, sondern kostet auch Menschenleben.

Es ist kein seichter Roman, sondern einer, der es in sich hat. Vor allem lebt die Erzählung von den außergewöhnlichen, facettenreichen Figuren. Jeder Charakter erzählt seine eigene, vielschichtige Geschichte. Es gibt keine einfache Aufteilung in Gut und Böse. Jede Figur besitzt helle und dunkle Seiten. Bei welchen überwiegt die eine, bei welchen die andere Seite.

Ich bin geradezu eingetaucht in das München der Jahrhundertwende. Der sittsamen Doppelmoral der gutsituierten Gesellschaft steht die Schwabinger Bohème gegenüber. Der flüssige Schreibstil zieht den Leser in den Bann der Geschichte. Besonders gut hat mir die Wiedergabe der Münchner Mundart gefallen, was die Figuren noch authentischer und lebensechter macht. Es ist keine leichte Kost, denn es gibt einige brutale Szenen. Zimperlich sind die Protagonisten im Roman nicht. Das Leben ist ein Kampf und jeder Charakter kämpft seinen eigenen Kampf.

Herausheben möchte ich noch, dass im Roman einiges nur angedeutet, aber nicht konkretisiert wird. Es bleibt daher für die Fantasie des Leser genug Raum, um sich zu entfalten. Das habe ich als ganz wunderbar empfunden, denn so hatte ich die Möglichkeit meine Gedanken schweifen zu lassen.

Fazit

Alles in allem behandelt der Roman eine Zeit, über die bisher wenig geschrieben wurde. Sicher findet gerade beim Oktoberfest zu der Zeit ein Wandel statt – vom Volksfest zu der Geldmaschine, die es bis heute ist. In der Geschichte wird viel zerstört und gleichzeitig auch Gutes erreicht. Vielleicht muss manchmal etwas zerstört werden, um Neues darauf zu errichten. Es ist ein interessanter Einblick hinter die Kulissen. Roman und Mehrteiler ergänzen sich, erzählen aber mit unterschiedlichen Schwerpunkten. Der Roman hat mich begeistert, gefesselt und ich werde die Geschichte sicher noch einige Tage mit mir herum tragen. Lesenswert!

Ich bedanke mich herzlich bei dem Portal Lovelybooks und dem Verlag Fischer Krüger für das Rezensionsexemplar.

Kinder ihrer Zeit

Kinder ihrer Zeit Buchcover des Romans von Claire Winter über Spionage im geteilten Berlin
Kinder ihrer Zeit Buchcover
Claire Winter

erschienen im Diana Verlag 2020

Rezension

Kurzmeinung

Eine fesselnde Geschichte über Spionage im geteilten Berlin. Berührend und packend erzählt. Ein überragender Roman!

Handlung

Auf der Flucht nach Westen 1945 werden die Zwillingsmädchen Alice und Emma Lichtenberg getrennt. Emma wächst in West-Berlin bei ihrer Mutter Rosa auf. Mutter und Tochter halten Alice für tot. Nur Emma hat als Zwilling häufig so ein Gefühl, als ob Alice noch leben würde. Alice lebt tatsächlich und denkt ihrerseits, dass Mutter und Schwester gestorben sind. Ein russischer Offizier rettete Alice damals aus dem brennenden Haus. Wie viele elternlose Kinder ihrer Zeit kam Alice in ein Waisenhaus.

Erst Jahre später erfährt Alice, dass ihre Familie überlebt hat und in West-Berlin wohnt. Das Wiedersehen der Schwestern fällt nach all den Jahren reserviert aus. Ihre Mutter ist zu dem Zeitpunkt nicht mehr am Leben. Alice, in Kindheitstagen immer die lebendigere von den Mädchen, ist nun reserviert und kühl. Auch die unterschiedlichen politischen Einstellungen machen es den Schwestern nicht leicht, wieder zusammenzufinden.

Als überzeugte Kommunistin wird Alice dazu gebracht, ihre neuen Beziehungen in den Westen zu nutzen, um Informationen zu beschaffen. Als Dolmetscherin ist Emma eine gute Quelle für die Stasi und den KGB. Je tiefer die junge Frau in die Spionagetätigkeit hineinrutscht, desto heftiger regen sich Zweifel in ihr. Um ihre Schwester zu schützen, bricht sie den Kontakt ab. Wenige Tage vor dem Bau der Mauer sehen sich die Schwestern wieder. Von da an überschlagen sich die Ereignisse. Zusammen treffen Emma und Alice eine mutige Entscheidung.

Inhalt

Emma und Alice sind Zwillinge. Alice ist die forschere und Emma eher die anhängliche. Auf der Flucht von Ostpreußen Richtung Westen erkrankt Alice. Ihre Mutter Rosa sucht Zuflucht auf einem Bauernhof. Als sie mit Emma loszieht, um Lebensmittel zu besorgen, wird der Bauernhof von den Russen überfallen und in Brand gesetzt. Tatenlos müssen Rosa und Emma im Versteck zusehen wie alles in Flammen aufgeht.

Sie sind der festen Überzeugung, dass Alice tot ist. Ein schrecklicher Schicksalsschlag, den Mutter und Tochter kaum verkraften. In West-Berlin bauen sie sich ein neues Leben auf. Doch Rosa ist von der Flucht und dem Verlust ihrer Tochter, ihres Mannes und ihrer Heimat stark geschwächt. Damit Emma auf eigenen Beinen stehen kann, unterstützt sie das Sprachtalent ihrer Tochter und ermöglicht ihr eine Dolmetscherausbildung.

Als Emma mit ihrem besten Freund Max in Ost-Berlin unterwegs ist, wird sie von einem Russen angesprochen, der sie zu kennen scheint. Nach dieser Begegnung keimt Hoffnung in ihr auf, der Mann könnte sie mit ihrer Schwester verwechseln. Jedoch findet sie keine verfolgbare Spur. So vergehen Jahre, bevor ihre totgeglaubte Schwester Alice leibhaftig vor Emmas Tür in West- Berlin steht. Alice erfährt durch Zufall von einem alten Suchauftrag vom Roten Kreuz und macht sich daraufhin auf die Suche. Nachdem Sergej, ein russischen Offizier, Alice gerettet hatte, brachte er Alice in ein Kinderheim in Königsberg. Bis heute verbindet sie eine innige Freundschaft zu ihrem Lebensretter.

Die Nachricht, dass ihre Mutter erst vor kurzem verstorben ist, ist für Alice ein furchtbarer Schlag. Alice ist zurückhaltender als Emma und hinzu kommt ihre kommunistische Überzeugung, die eine Annäherung der Schwestern immens erschwert. Max, Emmas gutem Freund, fällt es leichter eine Beziehung zu Alice aufzubauen. Obwohl er sich neben seinem Jura Studium für die KgU, eine antikommunistische Organisation, engagiert. Durch die KgU knüpft er Kontakte zum BND, für den Max allzu gerne arbeiten würde. Allerdings steht ihm dabei die Vergangenheit seiner Eltern im Weg. Es ist bekannt, dass Max Eltern Gegner des Naziregimes waren. Der BND wiederum wurde von ehemaligen Nazis gegründet und setzt weiterhin auf die alten Verbindungen. Jemanden wie Max wollen sie in ihren Reihen nicht haben.

Auf einer Party in Ost-Berlin lernt Emma den Physiker Julius kennen und später auch lieben. Als Julius erleben muss, wie sein bester Freund auf offener Straße entführt wird, fühlt er sich in der DDR zunehmend unwohl. Er fühlt sich verfolgt und überwacht. Deshalb beschließt er aus der DDR zu fliehen, um sich mit Emma im Westen ein neues Leben aufzubauen. Aber anstatt wie geplant in den Westen zu kommen, trennt sich Julius plötzlich von Emma. Auch Alice bricht den Kontakt zu Emma abrupt ab und verschwindet auf mysteriöse Weise. Emma kämpft vergeblich, um ihre Liebe und um ihre Schwester. Sie ahnt nicht das Julius und Alice sich von ihr fern halten, nur um sie zu schützen.

Meinung

In einem bildhaften, leichten Schreibstil erzählt die Autorin Claire Winter die Geschichte der „Kinder ihrer Zeit“. Sowohl Emma als auch Alice werden in die Machenschaften der Besatzer hineingezogen. In einer Zeit, in dem es im gesamten Berlin vor Geheimagenten nur so wimmelt, nichts ungewöhnliches. Dabei wünschen sie sich nur ein unbeschwertes, langweiliges Leben und geraten dennoch in den Sog der Geheimdienste, die ohne jeglichen Skrupel über das Leben von Menschen bestimmen, als wären es Marionetten. Der Roman bleibt auf jeder Seite spannend, da die Autorin es versteht, dem Leser genau die richtige Portion Wissen an die Hand zu geben. Ich habe mit gefiebert, mitgerätselt und war dann wieder überrascht. Es ist eine Kunst Szenen so zu erzählen, dass ich als Leser sie genau vor mir sehe. Dabei verzichtet die Autorin auf allzu detailreiche Beschreibungen.

Herausragend ist die gewissenhafte historische Recherche, die diesem (sowie z.B. dem Vorgängerroman „Die geliehene Schuld“) Roman „Kinder ihrer Zeit“ zugrunde liegt. Ich bin in die Geschichte abgetaucht. Die Handlung spielt in den Jahren vor dem Mauerbau, als zahlreiche DDR Bürger die Chance in Berlin nutzen, um von Ost nach West zu fliehen. Natürlich werden am Rande wichtige Personen der Zeit, beispielsweise Willy Brandt, Walther Ulbricht oder auch Kennedy erwähnt. In erster Linie beschäftigt sich die Erzählung jedoch mit dem Spionage Hotspot Berlin. Normale Menschen werden für Spionagedienste angeworben und unter Druck gesetzt. Es hat mich erschreckt, wie schnell die Menschen in eine verzwickte und bedrohliche Lebenslage geraten konnten, obwohl sie nur ein kleines Rädchen im System waren.

Der Roman gliedert sich in 8 Hauptabschnitte plus Prolog und Epilog. Besonders der Prolog hat es in sich. Während des ganzen Romans habe ich gerätselt, wer da wem gegenüber steht. Übrigens, ich lag bis zum Schluss falsch! Die einzelnen Kapiteln tragen die jeweiligen Namen der Figuren, deren Situation behandelt wird. Das Buch ist sehr übersichtlich aufgebaut und erzählt zu keiner Zeit mehr als nötig.

Fazit

Der Roman ist eine Hommage an all die Menschen, die auf der Flucht mehr als nur ihre Heimat verloren, an all die, die unter dem geteilten Land gelitten haben – eben an die Kinder ihrer Zeit, die es vielfach schwer hatten, zum Teil traumatisiert waren und dennoch weitergemacht haben, um dass Land wieder voranzubringen.

Ich kann den Roman uneingeschränkt und mit voller Überzeugung empfehlen!

Die unglaubliche Flucht des Uriah Heep

Die unglaubliche Flucht des Uriah Heep handelt von Charles Sutherland, der die Gabe besitzt Figuren aus Romanen herauslesen zu können.
Die unglaubliche Flucht des Uriah Heep Buchcover
Autorin H.G. Parry

aus dem amerikanischen übersetzt von Michael Pfingstl

erschienen im Heyne Verlag 05/2020

Rezension

Kurzmeinung

Die unglaubliche Flucht des Uriah Heep deutet darauf hin, dass alles eine Sache der Interpretation ist. Für Literaturliebhaber zu empfehlen. Ein Buch über Bücher, Romanfiguren und die Frage, ist nicht alles so, wie wir es interpretieren.

Handlung

Robert Sutherland führt ein ganz normales Leben. Er ist Jurist und lebt mit seine Freundin Lydia in Wellington. Eines nachts bekommt Robert wieder einmal einen Anruf von seinem jüngeren Bruder Charley, der ihn um Hilfe bittet. Charley ist Literaturprofessor an der Universität und literarisch ein absoluter Überflieger. Schon mit zwei Jahren konnte er lesen und als 13jähriger ging er nach Oxford, um dort zu studieren. Es ist nicht der erste nächtliche Anruf, seit Charley zurück aus England ist. Wie jedes Mal eilt Robert als der ältere seinem Bruder zur Hilfe.

Charley, Literaturprofessor an der Universität, besitzt seit frühster Kindheit die besondere Gabe Romanfiguren aus Büchern herauslesen zu können. Die Figuren erscheinen in seiner Interpretation als reale Wesen. Diesmal ist es ausgerechnet Uriah Heep, der unangenehme Bösewicht aus David Copperfield, den er versehentlich zum Leben erweckt hat. Mit aller Macht setzt sich Uriah Heep zur Wehr, denn er will nicht wieder zurück in seine Geschichte. Er erzählt den Brüdern von einer neuen Welt, die bald über Wellington kommen wird. Doch es nützt ihm nichts. Charley liest ihn unbeeindruckt zurück ins Buch.

Als Robert am nächsten Morgen in der Anwaltskanzlei neue Praktikanten begrüßt, steht ihm überraschender Weise Uriah Heep wieder gegenüber. Doch dieser Uriah Heep ist keine Schöpfung seines Bruders. Wer außer Charley verfügt in Wellington noch über die Gabe? Als Charley in seinem Haus vom Hund von Baskerville bedroht wird, ist klar, dass es tatsächlich noch jemand anderen gibt, der Romanfiguren heraufbeschwören kann. Dieser Jemand scheint Charley herausfordern zu wollen. Stimmt die Behauptung Uriah Heeps, dass eine neue Welt bevorsteht.

Von Neugier getrieben machen sich die Brüder daran, dass Geheimnis zu ergründen. Dabei stoßen sie auf eine geheime Straße mitten in Wellington, in der ausschließlich Romanfiguren leben. Woher kommen all die Figuren? Robert und Charley ahnen nicht, in welche Gefahr sie sich begeben und welche bedeutende Rolle ihr Verhältnis zueinander dabei spielt wird.

Inhalt

Robert ist nicht sonderlich erfreut, dass sein jüngere Bruder Charley wieder in Wellington wohnt. Charley ist der Überflieger in der Familie. Er übersprang einige Klassen und brach schon mit 13 Jahren zum Studium nach Oxford auf. Doch nicht nur das Charley ein Wunderkind war, nein, er besitzt auch noch eine außergewöhnliche Gabe. Schon als zweijähriger konnte er lesen und war in der Lage, Romanfiguren aus Büchern herauszulesen und sie zum Leben zu erwecken. Seine Eltern und Robert bemühten sich, Charleys Besonderheit zu verbergen.

Mittlerweile ist Charley Literaturprofessor und angesehener Charles Dickens Experte. Nur passiert es ihm immer wieder, vor allem, wenn er müde ist, dass die geschrieben Wörter Realität werden. Diesmal ist es nun ausgerechnet der Widerling Uriah Heep. Es kostet die beiden Brüder viel Mühe, in wieder einzufangen und dahin zu lesen, wohin er gehört.

Am nächsten Tag erscheint eine andere Uriah Heep Version in Roberts Anwaltsbüro und stellt sich als der neue Praktikant Eric vor. Dieser Uriah Heep ist allerdings keine von Charleys Interpretationen. Also woher kommt er und was will er ausgerechnet in Roberts Kanzlei?

Am selben Tag taucht der Hund von Baskerville in Charleys Haus auf und bedroht ihn. Irgendetwas stimmt nicht. Zusammen machen sich die Brüder auf, um dem Geheimnis auf die Spur zu kommen und stoßen auf eine verborgene Straße mitten in Wellingtons Ausgehviertel. Dort treffen sie auf zahlreiche Romanfiguren, sogar in verschiedenen Ausführungen. Allein von Janes Austens Mr. Darcy gibt’s fünf Versionen. In der Straße wohnt auch Millie. Sie ist aus einen Abenteuerbuch für Kinder und Charleys Entwurf. Vor vielen Jahren ist sie ihm entwischt. Mittlerweile ist aus dem jungen Mädchen tatsächlich eine erwachsene Frau geworden, die als Finanzberaterin arbeitet. Gemeinsam ergründen sie die seltsamen Veränderungen, die in Wellington voranschreiten. In erster Linie werden diese in der geheimen Straße, die Dickens Vorstellung von London entsprungen scheint, sichtbar. Die Bewohner haben Angst entdeckt zu werden.

Es ist unübersehbar, dass der anderer Beschwörer Charley herausfordern will. Er nutzt für die Erschaffung seiner Welt, Charleys Werk über die Interpretation der fiktiven Welt in Charles Dickens Romanen. Doch wer ist der andere Beschwörer und woher weiß er von Charley? Robert ahnt, dass hinter der Gabe seines Bruders mehr steckt, als er bisher vermutete. Ohne Charleys Wissen beginnt er Nachforschungen anzustellen. Was er herausfindet, ist fast undenkbar und stellt alles in Frage. Dennoch können sich die beiden Brüder dem Widersacher nur gemeinsam stellen. Dabei erhalten sie Unterstützung von den Bewohnern der Straße, die für ihre Rechte einstehen wollen.

Meinung

Auf den ersten Blick wirkt dieses Buch eigenartig. Romanfiguren aus Büchern herauszulesen, die dann lebendig werden und die man wieder zurück lesen kann. Dazu ein heraufziehender Kampf zwischen der realen und der fiktiven Wirklichkeit. Lange Zeit habe ich mich gefragt, was genau die Erzählung will. Worauf läuft es hinaus? Natürlich steckt das Buch voller Humor (die Darcys sind herrlich!) und häufig ist ein literarisches Augenzwinkern zu finden. Zugegebenermaßen konnte ich nicht jede Figur auf Anhieb zuordnen. Doch wer sich mit englischer Literatur befasst, wird sicher nicht enttäuscht.

Ein großes Thema des Buches ist sicher die Beziehung zwischen Geschwistern. Wie der eine den anderen sieht und wie man selbst meint, wie der andere einen sieht. Ich selbst bin eine „kleine“ Schwester. Jeder der Geschwister hat, kennt das sicherlich. Egal wie alt man ist, wenn man unter Geschwistern ist, nimmt jeder automatisch seine Rolle ein. So ergeht es auch Robert. Seit Charleys Geburt sieht er sich als sein Beschützer. Nur ein einziges Mal hat er seiner Ansicht nach darin versagt. Die Situation damals auf dem Schulhof, ist lange her, doch sie ist bei beiden Brüdern immer noch präsent. Kein Wunder, dass der andere Beschwörer genau in diese Wunde trifft. Doch der Plan geht nicht auf. Das Band zwischen den beiden ist stark.

Ein weiterer Aspekt ist die Art und Weise, wie man Figuren, Menschen und die Welt um sich herum interpretiert. Was ist Wahrheit? Ist unsere eigene Wahrheit nicht das, was wir in das, was wir erleben, sehen, fühlen hinein interpretieren? Im Grunde ist alles eine Sache der Interpretation. Das könnte ich endlos ausführen, doch es ist ein Denkanstoß, den der Roman gibt, den jeder für sich verfolgen sollte.

Fazit

Es ist ein komisches, philosophisches und familiäres Buch. Mit einer Leichtigkeit und einer spürbaren tiefen Liebe zur Literatur geschrieben. Wunderbare Figuren, so meine Interpretation. Am Ende verstand ich sogar Uriah Heep, irgendwie. Ich hatte viel Freude beim Lesen. Darüber hinaus hat mich der Roman zum Nachdenken angeregt. Zwischen den Zeilen sind viele wichtige Fragen versteckt. Ein grandioses Buch, dass durch die vielen literarischen Figuren lebendig wird.

Fuchs Acht

Fuchs Acht ist ein Roman über Fuchs Acht, der nur das gute in den Menschen sieht bis er eines besseren belehrt wird.
Das herrliche Buchcover des Romans Fuchs acht
George Saunders

Rezension

Kurzmeinung

Eine kurze Geschichte, erzählt vom Fuchs, die eine bedeutende Frage aufwirft. Besonders.

Handlung

Fuchs acht bewundert die Menschen und sucht ihre Nähe. Er hat sogar ihre Sprache gelernt. Doch eines Tages beginnt der Bau eines großen Einkaufszentrums, dem der Wald, in dem die Füchse leben, weichen muss. Lebensraum und Nahrung der Füchse werden knapp. So beschließt Fuchs 8 seine Freunde zu retten, in dem er zu den Menschen geht. Durch diese Entscheidung lernt er die Menschen von einer anderen Seite kennen.

Inhalt

Ein wunderbares, kleines Buch mit herrlichen Illustrationen von Chelsea Cardinal. Das Ende der Geschichte lässt einen nachdenklich zurück, denn Fuchs 8 stellt in seinem kindlichen Schreibstil eine existentielle Frage, die jeder für sich beantworten sollte. Lesenswert.

Links zum Buch:

Verlag: https://www.randomhouse.de/Buch/Fuchs-8/George-Saunders/Luchterhand-Literaturverlag/e559213.rhd

https://www.perlentaucher.de/buch/george-saunders/fuchs-8.html