A. S. Tory und die verlorene Geschichte

S. Sagenroth

Der Roman erzählt seine Geschichte mit einer guten Mischung aus Spannung und Leichtigkeit. Doch am Ende ist man nachdenklich, denn der Inhalt ist erschreckend aktuell.

Kurz vor den Herbstferien bekommen Chiara und Sid eine E-Mail von Tory, ein hochbetagter, reicher Engländer, den die jungen Leute im vergangenen Jahr auf einer Reise kennengelernt haben.

Er schickt ihnen eine Adresse in Venedig, eine Geburtstagsanzeige und ein altes Foto. Dazu die Bitte sich auf die Spuren seiner Vergangenheit zu begeben. Eine jüdische Vergangenheit in den 1930iger Jahre in Deutschland. Herauszufinden, wer Tory wirklich ist, spornt Chiara und Sid an.

Neugierig machen sich die jungen Leute auf den Weg nach Venedig. Schnell erhalten sie weitere Anhaltspunkte, die sie nach Wien führen. Auch dort treffen Chiara und Sid auf Menschen, die ihnen helfen Puzzleteile zusammenzutragen. Spätestens jetzt wird den beiden allerdings bewusst, dass nicht jeder erfreut darüber ist, dass sie in der Vergangenheit stochern.

Chiara und Sid reisen weiter nach Berlin. Werden sie dort die letzten Informationen über die wahre Identität Torys erhalten oder ist die Geschichte zu lange her, um noch Spuren zu finden?

Der Roman erzählt in einer gelungenen Mischung aus jugendlicher Leichtigkeit, Spannung und Realitätssinn. Die Hauptfiguren Chiara und Sid sind jung und abenteuerlustig. Sie bewegen sich auf den Spuren der Vergangenheit und schärfen dabei ihren Blick für die Gegenwart. Die Gegenüberstellung von Gestern und Heute hat mir richtig gut gefallen. Da ist kein erhobener Zeigefinger, sondern alles fügt sich in die Geschichte ein. Gerade die Betrachtungsweise aus den Augen eines 17jährigen und einer 20jährigen ermöglicht dem Roman die leichtfüßige Erzählweise.

Zum anderen entzückten mich die Ortsbeschreibungen. Als Leser ist man drin in der Geschichte und bei den Entdeckungstouren der Figuren dabei. Ich bekam direkt Lust zu reisen.

Was die Autorin sich sicher nicht so gewünscht hat, ist wahrscheinlich die seit letzter Woche hochaktuelle Brisanz dieses Themas. Es wäre gut, wenn gerade jüngere Leute diesen Roman lesen. Meiner Meinung nach hat die Autorin sehr geschickt ein wichtiges Thema in einen lebendig geschriebenen Roman verpackt. Sehr gelungen!

Ich bedanke mich ganz herzlich bei der Autorin für das Rezensionsexemplar im e-Book Format.

Links zum Buch:

www.instagram.com/s.sage2018

sagenroth.wordpress.com

https://www.lovelybooks.de/autor/S.-Sagenroth/

NSA – Nationale Sicherheitsamt

Andreas Eschenbach

Gut durchdachte Charaktere machen deutlich, wie gefährlich es wird, wenn die falschen Menschen Zugriff auf unsere Daten bekommen.

Was wäre, wenn… wenn es im Dritten Reich Komputer gegeben hätte? Komputer die je nach Abfrage beliebige Auswerten auswerfen? Emotionslos, präzise im Dienste des Volkes. Was wäre, wenn es mobile Telephone im Dritten Reich gegeben hätte, die sich abhören lassen und an deren Bewegungsprofil sich nachvollziehen lässt, wo sein Besitzer sich rumtreibt?

Das NSA ist das Nationale Sicherheitsamt, gegründet im Kaiserreich, als die Komputer noch mit Lochkarten funktionierten. Die zahlreichen Datensilos im Amt sammeln alle möglichen Daten über die deutschen Bürger. Seit die Regierung das Bargeld abgeschafft hat, zahlen die Bürger mit den Telephonen, einfach und verfolgbar.

Komputerprogramme für Abfragen zu stricken ist absolute Frauensache. Schon in der Schulzeit belegt die unscheinbare Helene Bodenkamp einen Programmstrickerinnen Kurs. Sie gewinnt sogar einen nationalen Preis. Weil Helenes Talent dadurch aufgefallen ist, bietet man ihr nach ihrem Schulabschluss eine Stelle im NSA an.

Helene ist keine glühende Anhängerin der Nazis. Als sie ihre Arbeit im NSA aufnimmt, sieht sie es als normale Tätigkeit. Eine Arbeit, die ihr aufgrund ihres analytischen Denkens liegt. Erst mit der Zeit wird ihr bewusst, welche Macht diese vielen gesammelten Daten haben. Spätestens als sie an der Aufspürung von versteckten Juden beteiligt ist, erkennt Helene, dass sie zu einem wesentlichen Teil des Systems geworden ist. Um ihr eigenes Geheimnis zu schützen, versucht sie die Programme zu manipulieren.

Eugen Lettke ist ein Vorzeigearier und Sohn eines Kriegshelden. Allerdings zieht es ihn nicht an die Front, so eine Art Held möchte er nicht werden. Er ist Analyst im NSA und hofft, die Anstellung schützt ihn vor dem Einberufungsbefehl. Als Analyst durchforstet er die vielen Meinungsforen im Weltnetz. In erster Linie manipuliert er das US amerikanische Forum. Doch nebenher verfolgt er noch private Interessen. Eugen befindet sich auf einem persönlichen Rachefeldzug. Grund dafür ist ein demütigender Nachmittag in seiner Jugendzeit, den er nicht vergessen kann. Niemand demütigt den Sohn eines Kriegshelden.

Durch seine privaten Recherchen macht Eugen eine brisante Entdeckung von nationalem Interesse. Zusammen mit Helene versucht er dieser Entdeckung nachzugehen. Die beiden schaffen es, sich in ein amerikanisches Komputersystem zu haken. Beide sind überwältigt von der Bedeutung ihrer Entdeckung. Als sie ihre Ergebnisse an die Regierung weitergeben, werden Eugen und Helene erst gefeiert, doch nur wenige Tage später kommt alles anders. Die Leben der beiden ändern sich schlagartig.

Andreas Eschenbach greift mit seinem Roman in die Geschichte ein, in dem er die modernen, technischen Errungenschaften ins Dritte Reich überträgt. Eine schreckliche Vorstellung, welche Möglichkeiten Hitler damit gehabt hätte. Genau diese Möglichkeiten greift der Roman auf. Dem Volk ist nicht bewusst, in welchem Umfang ihre Daten gespeichert und verarbeitet werden. Jeder Kauf, jede Bewegung und vieles mehr ist nachvollziehbar. Dennoch kann sich niemand dem entziehen. Was will man machen, wenn es kein Bargeld gibt?

Die Geschichte rund um das NSA macht nachdenklich. Ich hatte oft China vor Augen. Das chinesische Punktesystem für Bürger oder die Gesichtserkennung. Der Autor wirft etliche ethische und philosophische Fragen auf. Im letzten Drittel schneidet er sogar das Thema manipuliertes Denken an. Wird es möglich sein, das Gehirn eines Menschen zu steuern?

Die Geschichte führt dem Leser vor Augen, wie Daten genutzt werden können. Das ist Realität. Glücklicherweise leben wir noch in einem Land, in dem wir einigermaßen geschützt sind.

Hin und wieder hatte die Erzählung so ihre Schwachstellen, über die ich aufgrund des großen Ganzen hinweg gelesen habe. Die Geschichte der Hauptfiguren wird abwechselnd im Rückblick erzählt. So habe ich als Leser einen guten Zugang zu den beiden bekommen.Eugen Lettke ist als Charakter sehr ambivalent. Trotz seines oftmals widerlichen Verhaltens, ist er mir nie gänzlich unsympathisch geworden. Das Ende kommt völlig anders daher, als ich es erwartet habe. Meine erste Reaktion war leichte Enttäuschung, bis mir klar wurde, dass ein anderes Ende den Roman völlig verfälscht hätte.

Links zum Buch

https://www.lovelybooks.de/autor/Andreas-Eschbach/NSA-Nationales-Sicherheits-Amt-1569360209-w/rezension/2322477092/

http://www.andreaseschbach.de/werke/romane/nsa/nsa.html

Das flüssige Land

Raphaela Edelbauer

Der Roman konnte mich nicht begeistern. Für mich eine farblose, sehr löchrige Erzählung mit offenem Ende.

Die Wienerin Ruth Schwarz ist Physiktheoretikerin und schreibt an ihrer Habilitation. Als sie die Nachricht vom Unfalltod ihrer Eltern bekommt, bricht sie zusammen. Sie erinnert sich an den Wunsch der Eltern, in der Heimat begraben zu werden. Damit beginnt die Suche nach Groß Einland, welches nirgendwo verzeichnet ist. Ruth packt das nötigste und fährt auf gut Glück los, um den Ort zu finden. Nach einigen Irrwegen landet sie tatsächlich in dem pittoresken Städtchen.

Dort scheint die Zeit stillzustehen. Es gibt keinerlei Einflüsse von Außen. Kein Internet, keine Zeitungen, keine Waren aus aller Welt. Die Geschicke des Ortes werden von der Gräfin gelenkt. Dennoch hat dieser herrliche Ort weit ab von Zeit und Raum ein großes Problem; das Loch. Jahrelanger Bergbau hat das ganze Städtchen unterhöhlt und nun droht es abzusinken. Ruth, die nur gekommen war, um das Begräbnis ihrer Eltern zu arrangieren, bleibt. Sie beginnt für die Gräfin zu arbeiten und soll eine geeignete Füllmenge für das Loch entwickeln, um den Ort zu retten. Während ihrer Tätigkeit stößt Ruth auf Sagen und Legenden und auf Unstimmigkeiten der Stadthistorie. Sie beginnt dies alles ebenso wie ihre Familiengeschichte zu erforschen.

Soweit eine kurze Zusammenfassung. Die Vergleiche mit Kafka sind ausreichend in anderen Rezensionen erörtert worden. Man kann sie ziehen, man kann es aber auch lassen. In diesen Roman kann jeder alles hinein deuten und irgendwie würde es stimmen. Ob es sich um das kollektive Gedächtnis bzw. Vergessen handelt, um Schuld, Ausarbeitung oder vieles mehr, dieser Roman bietet eine riesige Projektionsfläche. Doch leider gibt er auf nichts Antworten. Vielleicht muss er das auch nicht. Leider verpufft jeder Ansatz eines Spannungsbogen im Nichts. Ruths Nachforschungen verlaufen im Sande. Die Erzählstränge verlaufen sich im Niemandsland.

Keine der Charakteren und schon gar nicht die absolut farblose, langweilige Hauptfigur konnte mich packen. Ich habe mich während des Lesens häufig gelangweilt, denn auch der Sprachstil ist für meine Begriffe sehr ermüdend. Mir hat der Roman nichts sagen können. Immer wenn ich dachte, jetzt geht es endlich los, war es auch schon wieder vorbei. Ebenso wie der Roman ist das Ende, an dem rein gar nichts geklärt wird, für mich sehr enttäuschend.

Links zum Roman:

https://www.klett-cotta.de/buch/Gegenwartsliteratur/Das_fluessige_Land/106630

https://www.deutschlandfunkkultur.de/raphaela-edelbauer-ueber-das-fluessige-land-ein-kollektiv.1270.de.html?dram:article_id=458489

Weitere Rezensionen von Romanen der Longlist:

https://www.lesepartie.de/miroloi

https://www.lesepartie.de/vater-unser

https://www.lesepartie.de/winterbienen

Winterbienen

Norbert Scheuer

Der Roman macht die Zerstörung und die Angst des letzten Kriegsjahrs spürbar. Authentische, schnörkellose Erzählung!

Egidius Arimond lebt in der Eifel nahe der belgischen Grenze. Die Bienenzucht erbte er vom Vater. Im Krieg erweist sich als Glück für ihn. Denn seit die Nazis an der Macht sind, darf der ehemalige Gymnasiallehrer nicht mehr unterrichten. Egidius Arimond ist Epileptiker. Das er nur zwangssterilisiert wurde, ist fast ein Wunder. Bisher haben Medikamente schlimme Anfälle verhindert, doch seine Bestände gehen zur Neige und es ist fast unmöglich die speziellen Medikamente zu beschaffen.

Zudem verhilft er immer noch Juden zur Flucht über die belgische Grenze. Als Imker ist er im Besitz eines Passagierscheins, weil er zahlreiche Bienenstöcke an der Grenze zu versorgen hat. Getarnt durch die Bienen schmuggelt er die Flüchtlinge an den Grenzposten vorbei.

Egidius Arimond ist auch den Frauen nicht abgeneigt. Fast alle Männer im besten Alter sind im Krieg und Egidius sagt nicht nein, wenn eine Frau zu ihm kommt. Als er ein Auge auf die Frau des neuen NS-Kreisleiters wirft, riskiert er viel, vielleicht zu viel.


Anhand des Tagebuchs erzählt der Roman vom ewigen Zyklus der Bienen und vom näher kommenden Krieg. Die Einträge machen deutlich, wie die Angst der Bevölkerung zunimmt. Die Bombenangriffe, welche zuerst nur die großen Städte betreffen, dann mit aller Wucht auch das Eifelstädtchen erreichen. Die Bedrängnis der Hauptfigur wird ebenfalls intensiv geschildert. Als die Medikamente weniger werden, häufen sich die epileptischen Anfälle und damit wächst die Gefahr dem Euthanasie Programm zum Opfer zu fallen. Ebenso wird die Angst größer, als Fluchthelfer verraten zu werden.


Fast emotionslos ist im Tagebuch die Rede von Erschießungen, von an Bäumen baumelnden Deserteuren, vergewaltigten Frauen und Bombenkratern. Über allen schwebt spürbar die Angst vor Zerstörung. Da verwundert es nicht, dass jede Möglichkeit auf ein bisschen Leben genutzt wird.


Der Roman handelt von den Kriegsauswirkungen und von den Bienen, die immer alles dafür tun, ihr Volk am Leben zu halten.

Links zum Buch und zur Longlist des deutschen Buchpreises:

https://www.deutschlandfunkkultur.de/norbert-scheuer-winterbienen-ueber-der-eifel-kreisen-bienen.1270.de.html?dram:article_id=454272

https://www.deutscher-buchpreis.de/nominiert/

Vater Unser

Angela Lehner

Eine selbstbewusste, manipulierende Hauptfigur mit Familiensinn. Was ist Wahrheit, was Lüge? Großartiges Debüt

Eva Gruber wird in eine Wiener Psychiatrie eingeliefert , weil sie behauptet eine Kindergartengruppe getötet zu haben. Scheinbar passt sich Eva dem Klinikalltag an. In den Einzelstunden tritt sie ihrem Therapeuten Dr. Korb selbstbewusst und schlagfertig gegenüber. Auch Evas jüngerer Bruder Bernhard ist Patient in dieser Klinik. Der 22jährige leidet an akuter Magersucht. Als große Schwester fühlt sich Eva für ihren Bruder verantwortlich. Doch er will sie nicht in seiner Nähe haben.

Eva lügt immer! Dieser Meinung waren ihre Mitschüler im Kärntner Dorf, in dem Eva aufwuchs. Was ist Lüge, was ist Wahrheit und welche Rolle spielt dabei die individuelle Perspektive? In Evas Lügen findet sich viel Wahres, dennoch ist ihr Wesen durch und durch manipulativ.

Im Gefüge der Familie muss sie sich behaupten. Ist die Rolle, die sie schon als Kind übernahm, der Grund für ihr Verhalten? Wir, die Leser, lernen die Familie Gruber aus Evas Sicht kennen. Kurze Abschnitte unterbrechen die Gegenwart und erzählen aus dem vergangenen Alltag der Familie Gruber. Woher kommt der gegenwärtige Hass auf den Vater? Welche Erinnerung Evas ist echt, welche resultiert aus einem Schutzmechanismus heraus? Was ist mit der Familie geschehen, dass es beide Kinder bis jetzt verfolgt?

Als Leser weiß man nie genau, woran man bei dieser Eva Gruber ist. Sie ist über alle Fehler erhaben, arrogant und trotzdem entwickelt man großes Mitgefühl und Respekt für die junge Frau.

Die Sprache im Buch ist deutlich und oftmals mit österreichischen Ausdrücken angereichert. Jedoch täuscht sie nicht über die Dramatik dieses Romans hinweg. Es ist ein unbequemer Roman, mit einer sehr starken Hauptfigur. Was für ein Debüt!

Longlist des Deutschen Buchpreises 2019:

https://lesepartie.de/miroloi/

https://www.deutscher-buchpreis.de/nominiert/

Link zum Buch: https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/vater-unser/978-3-446-26259-1/

Miroloi

Karen Köhler

Ein aufwühlender Roman. Ein eindrucksvolles Plädoyer für Menschlichkeit, Gerechtigkeit und für ein selbstbestimmtes Leben.

Eine Insel im Meer. Entfernt vom fortschrittlichen Festland. Das Dorf auf der Insel unterliegt seinen eigenen Gesetzen, bestimmt durch den Ältestenrat.
Ein junges Mädchen wohnt in diesem Dorf fernab der Welt. Sie ist ein Findelkind und kennt weder Mutter noch Vater. Es ist bei ihrem Finder, dem Bethausvater aufgewachsen. Sie darf keinen Namen bekommen. Auch Besitz ist ihr untersagt. Das Mädchen ist aufgrund ihrer unbekannten Herkunft im Dorf nicht anerkannt. Sie wird beschimpft und gedemütigt, aber sie ist stark und sie kämpft. Sie hat nur wenige Vertraute, die zu ihr stehen.


Den Frauen der Insel ist es verboten lesen und schreiben zu lernen. Männer dominieren das Dorf. Niemand darf die Dorfgemeinschaft verlassen. Dafür sorgen die Wächter. Wer versucht das Dorf und die Insel zu verlassen, wird hart bestraft. Das Mädchen hat es am eigenen Leib erfahren. So ist das Leben im Dorf auf der Insel seit ewigen Zeiten. Die Sehnsucht nach Freiheit und einem selbstbestimmten Leben treibt das Mädchen an. Doch was geschieht, wenn gerade die gehasste Außenseiterin beginnt, an diesen festgeschriebenen Gesetzen zu rütteln?

Karen Köhler hat mit ihrem Debütroman einen bewegenden und sehr aufwühlenden Roman erschaffen. Zuerst findet man dieses rückständige Dorf seltsam und aus der Zeit gefallen. Nach und nach kommt es einem in den Sinn, dass es auf dieser vermeintlich freien und aufgeklärten Welt wahrscheinlich noch sehr viele dieser „Dörfer“ gibt. Unterdrückung ist dort an der Tagesordnung. Als Legitimation dient wie so oft der Wille der Götter, der natürlich von Männern niedergeschrieben wird. Eine Weltordnung wie im Mittelalter, aktueller denn je.

Ein Waisenmädchen ohne Rechte, welches tagtäglich viel schlimmes erfährt, ist die starke Hauptfigur dieses Romans. Es ist bewundernswert, wie sie versucht im Kleinen ihre persönliche Freiheit zu leben. Manchmal musste ich mit dem Lesen aufhören, weil ich wütend wurde, weil ich nicht weiter lesen wollte, weil die Menschen im Dorf so ungerecht und hartherzig waren. Trotz dieser erschreckenden Dorfdiktatur, bewahrt sich die Geschichte immer den Funken Hoffnung.
Es ist ein Roman, der in einem außergewöhnlichen, zu Herzen gehenden Schreibstil verfasst ist. Dieser Debütroman steht zu Recht auf der Longlist des Deutschen Buchpreises.

Links zum Roman:

https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/miroloi/978-3-446-26171-6/

https://www.deutschlandfunk.de/karen-koehler-miroloi-klagelied-fuer-die-literatur.700.de.html?dram:article_id=456679

Die Physikerin

Moritz Hirche

Spannendes Thema. Allerdings viel zu langatmig, um die Spannung bis zum Ende halten zu können. Schade!

Dr. Helena Bartsch ist Physikerin am Kaiser Wilhelm Institut und forscht in Sachen Uran. Aufgrund dieser Forschung gerät sie in den Fokus des nationalsozialistischen Regimes. Im Sommer 1944 steht das Deutsche Reich unter Druck. Eine Uranbombe könnte den Krieg entscheiden.Auch die Amerikaner tüfteln an einer ähnlichen Bombe und sie sind nah am Ziel.

Helena Bartsch erkennt schnell, dass sie sich dem Regime nicht entziehen kann ohne ihr eigenes Todesurteil zu unterschreiben. Doch nicht nur die Nazis bekunden Interesse an ihr, sondern auch eine Widerstandsgruppe. Die Gruppe verlangt von ihr Informationen über das geheime Projekt. Unvermittelt gerät die junge Wissenschaftlerin zwischen die Fronten. Eine Situation, in der die Physikerin über sich hinaus wachsen muss, um zu überleben.

Die nuklearen Tests sind vom britischen Geheimdienst MI 6 nicht unbemerkt geblieben. Um mehr herauszufinden starten der MI 6 zusammen mit dem amerikanische Geheimdienst eine Aufklärungsoperation. Frederik Mercer, amerikanischer Spion, wird nach Deutschland geschleust. Als der Spion herausfindet, weshalb gerade er für diese Mission ausgewählt wurde, erkennt er seine Rolle als unbedeutende Figur in einem großen Spiel. Dennoch setzt er alles auf eine Karte, dass schlimmste zu verhindern.

Ein spannendes Thema für einen Agententhriller. Die erste Romanhälfte ist unterhaltsam und fesselnd geschrieben. Leider verliert sich die Geschichte dann in allzu detailreichen Beschreibungen. Die Entwicklung der Hauptfigur Helena Bartsch ist sehr oberflächlich ausgefallen. Als Leser fiel es mir manchmal schwer ihrer Taten nachzuvollziehen. Manche Handlungsstränge verwirren mehr, als dass sie der Erzählung gut tun. Bei einigen Ereignissen ist mir der Sinn nicht deutlich geworden.

Dem Roman hätten mindestens 100 Seiten weniger gut getan. Insbesondere das Ende zieht sich wie Kaugummi. Das letzte Kapitel ist meiner Meinung völlig unnötig und überzogen. Für den Roman hat es keinerlei Bedeutung. Alles in allem handelt der Roman über ein spannendes Thema. Eine Spannung, die der Roman leider nicht bis zum Ende beibehalten kann.

Ein Sommer wie dieser

Annette Hohberg

Fantasieloser Roman, der alle Klischees bereithält

Klara und Stephan sind jung und naiv, als sie sich an der italienischen Adriaküste begegnen. Es entwickelt sich eine romantische Sommerliebe, die durch Verkettung unvorhergesehener Umstände ein jähes Ende nimmt.
Über 20 Jahre später ist es so einer dieser Zufälle, der sie wieder zusammenführt. Der Literaturprofessor, bei dem Klaras Tochter ihre Abschlussarbeit schreiben möchte, ist ausgerechnet Stephan. Klara ist verheiratet, wohnt in einem schönen Haus und betreibt einen Buchladen.
Obwohl beide sich in ihrem Leben eingerichtet haben, können sie nicht umhin sich einzugestehen, dass sie auch noch nach all den Jahren eine tiefe Verbindung zueinander haben. Doch reicht dieses Gefühl aus, um ein Leben über den Haufen zu werfen, um ein anderes, ungewisses zu beginnen?

Der Titel des Buches versprach mir einen leichten Sommerroman. Leider wurde mir schon nach den ersten Seiten bewusst, dass der Roman mehr leicht als sommerlich werden würde. Die Geschichte greift wirklich auf jedes erdenkliche Klischee zurück, dass man bei so einer Konstellation erwarten kann. Es gab weder Überraschung noch machte sich die Autorin die Mühe die Erzählstränge wenigsten ein bisschen undurchsichtiger zu gestalten. Nach den ersten 20 Seiten wusste ich wie es ausgeht. Ebenso verhält es sich mit den Charakteren, belanglos, langweilig und ohne jegliche Tiefe.
Es ist ein ganz leichter Sommerroman, an den man keinerlei Erwartungen haben sollte.

Das unerhörte Leben des Alex Woods

…oder warum das Universum keinen Plan hat

Gavin Extence

Eine tiefgründige Erzählung, die sich mit einer guten Portion Humor an ein schwieriges Thema wagt.

Der zehnjährige Alex Woods wird von einem Meteoriten getroffen. Nach zweiwöchigem Koma und einer langwierigen Behandlung ist Alex wieder ein gesunder Junge. Seine epileptischen Anfälle bekommt er durch disziplinierte Meditation in den Griff. Doch Alex bleibt ein Außenseiter. Unter den Gleichaltrigen macht es ihn nicht sonderlich beliebt, dass seine Mutter einen Esoterikladen betreibt und Alex sich vorwiegend für Astrophysik und Neurologie interessiert. Durch Zufall lernt Alex Mr. Peterson kennen. Zwischen dem jugendlichen Außenseiter und dem alten, übellaunigen Mann entsteht eine echte Freundschaft. Mr. Peterson bringt Alex das Auto fahren ebenso bei wie den Anbau von Cannabispflanzen. Einige Jahre später ist es Mr. Peterson, welcher auf einen außergewöhnlichen Freundschaftsdienst von Alex angewiesen ist.

Als Alex mit einer Urne und jeder Menge Marihuana in Dover aufgegriffen wird, muss der 17jährige nicht nur der Polizei einiges erklären. Doch nichts kann Alex in der Gewissheit, absolut richtig gehandelt zu haben, erschüttern.

Zu Beginn erscheint die Handlung des Romans leicht abstrus. Ein Meteorit, der in ein Haus einschlägt und einen zehnjährigen trifft. Jedoch findet man als Leser – jedenfalls ging es mir so – schnell Zugang zu dem aufgeweckten, wissbegierigen Jungen. Vor allem steht er im kompletten Gegensatz zu seiner esoterischen Mutter. Dieser Umstand führt häufig zu herrlich komischen Situationen.

Die Entstehung und Vertiefung der Freundschaft zu Mr. Peterson ist dem Autor ganz wunderbar gelungen. Ohne diese Einleitung wäre die Entwicklung zum Kernpunkt der Geschichte nicht annähernd so wahrhaftig und nachvollziehbar.

Der Roman greift ein schwieriges und sehr kontrovers diskutiertes Thema mit einer Leichtigkeit auf, dass man sich als Leser auf jeder Seite gut aufgehoben fühlt. Es ist wirklich ein unerhört gutes und zu Herzen gehendes Buch mit einer passenden Portion Humor.

Stimmen zum Buch:

https://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article126943059/Oh-Herr-schick-Handlung-vom-Himmel.html

https://www.buecherrezensionen.org/buecher/rezension/gavin-extence-das-unerhoerte-leben-des-alex-woods-oder-warum-das-universum-keinen-plan-hat.htm

Sophia, der Tod und ich

Thees Uhlmann

Eine originelle Erzählung über die Begegnung mit dem Tod, die mit einer guten Portion Situationskomik großartig unterhält.

Es klingelt an der Tür und der Tod steht davor. Gerade als der Tod seine Arbeit machen will, klingelt es erneut und zwar Sturm. Sophia steht vor der Tür. Ex Freundin des Erzählers. Damit rettet Sophia ihm für’s Erste das Leben. Nun nimmt die Geschichte ihren Lauf, denn die drei sind auf unbestimmte Zeit unzertrennbar miteinander vereint. Noch schlimmer ist, dass der Tod aufgrund seiner unterbrochenen Arbeit seinen Job verlieren könnte. Es steht schon ein neuen Anwärter für die Stelle bereit.

Der Debütroman von dem Musiker Thees Uhlmann ist ein wundersames Buch, voll mit dem ganz normalen Leben, einer Menge Situationskomik und nachdenklichen Momenten. Es ist ganz herrlich schräg, jedoch auch so wahr. Es passiert uns allen jeden Tag, das Leben, und man weiß nie, wann der Tod vor der Tür steht und klingelt.

Die Seiten flogen nur so dahin, ich habe mich so richtig vom Lesefluss tragen lassen. Während des Lesens musste ich viel lachen, wirklich lachen. Der Roman hat einen großen Unterhaltungswert, allerdings enthält er einen nachdenklichen Kern.

Links zum Buch:

Literaturkritik: https://literaturkritik.de/id/21780

KiWi Verlag: https://www.kiwi-verlag.de/buch/sophia-der-tod-und-ich/978-3-462-04793-6/