Das unerhörte Leben des Alex Woods

…oder warum das Universum keinen Plan hat

Gavin Extence

Eine tiefgründige Erzählung, die sich mit einer guten Portion Humor an ein schwieriges Thema wagt.

Der zehnjährige Alex Woods wird von einem Meteoriten getroffen. Nach zweiwöchigem Koma und einer langwierigen Behandlung ist Alex wieder ein gesunder Junge. Seine epileptischen Anfälle bekommt er durch disziplinierte Meditation in den Griff. Doch Alex bleibt ein Außenseiter. Unter den Gleichaltrigen macht es ihn nicht sonderlich beliebt, dass seine Mutter einen Esoterikladen betreibt und Alex sich vorwiegend für Astrophysik und Neurologie interessiert. Durch Zufall lernt Alex Mr. Peterson kennen. Zwischen dem jugendlichen Außenseiter und dem alten, übellaunigen Mann entsteht eine echte Freundschaft. Mr. Peterson bringt Alex das Auto fahren ebenso bei wie den Anbau von Cannabispflanzen. Einige Jahre später ist es Mr. Peterson, welcher auf einen außergewöhnlichen Freundschaftsdienst von Alex angewiesen ist.

Als Alex mit einer Urne und jeder Menge Marihuana in Dover aufgegriffen wird, muss der 17jährige nicht nur der Polizei einiges erklären. Doch nichts kann Alex in der Gewissheit, absolut richtig gehandelt zu haben, erschüttern.

Zu Beginn erscheint die Handlung des Romans leicht abstrus. Ein Meteorit, der in ein Haus einschlägt und einen zehnjährigen trifft. Jedoch findet man als Leser – jedenfalls ging es mir so – schnell Zugang zu dem aufgeweckten, wissbegierigen Jungen. Vor allem steht er im kompletten Gegensatz zu seiner esoterischen Mutter. Dieser Umstand führt häufig zu herrlich komischen Situationen.

Die Entstehung und Vertiefung der Freundschaft zu Mr. Peterson ist dem Autor ganz wunderbar gelungen. Ohne diese Einleitung wäre die Entwicklung zum Kernpunkt der Geschichte nicht annähernd so wahrhaftig und nachvollziehbar.

Der Roman greift ein schwieriges und sehr kontrovers diskutiertes Thema mit einer Leichtigkeit auf, dass man sich als Leser auf jeder Seite gut aufgehoben fühlt. Es ist wirklich ein unerhört gutes und zu Herzen gehendes Buch mit einer passenden Portion Humor.

Stimmen zum Buch:

https://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article126943059/Oh-Herr-schick-Handlung-vom-Himmel.html

https://www.buecherrezensionen.org/buecher/rezension/gavin-extence-das-unerhoerte-leben-des-alex-woods-oder-warum-das-universum-keinen-plan-hat.htm

Sophia, der Tod und ich

Thees Uhlmann

Eine originelle Erzählung über die Begegnung mit dem Tod, die mit einer guten Portion Situationskomik großartig unterhält.

Es klingelt an der Tür und der Tod steht davor. Gerade als der Tod seine Arbeit machen will, klingelt es erneut und zwar Sturm. Sophia steht vor der Tür. Ex Freundin des Erzählers. Damit rettet Sophia ihm für’s Erste das Leben. Nun nimmt die Geschichte ihren Lauf, denn die drei sind auf unbestimmte Zeit unzertrennbar miteinander vereint. Noch schlimmer ist, dass der Tod aufgrund seiner unterbrochenen Arbeit seinen Job verlieren könnte. Es steht schon ein neuen Anwärter für die Stelle bereit.

Der Debütroman von dem Musiker Thees Uhlmann ist ein wundersames Buch, voll mit dem ganz normalen Leben, einer Menge Situationskomik und nachdenklichen Momenten. Es ist ganz herrlich schräg, jedoch auch so wahr. Es passiert uns allen jeden Tag, das Leben, und man weiß nie, wann der Tod vor der Tür steht und klingelt.

Die Seiten flogen nur so dahin, ich habe mich so richtig vom Lesefluss tragen lassen. Während des Lesens musste ich viel lachen, wirklich lachen. Der Roman hat einen großen Unterhaltungswert, allerdings enthält er einen nachdenklichen Kern.

Links zum Buch:

Literaturkritik: https://literaturkritik.de/id/21780

KiWi Verlag: https://www.kiwi-verlag.de/buch/sophia-der-tod-und-ich/978-3-462-04793-6/

Vintage

Grégoire Hervier

Eine spannende und kurzweilige Exkursion durch knapp 100 Jahre Blues- und Rockgeschichte. Ein Roman wie eine gutes Musikstück, man hört es rauf und runter, nonstop.

Thomas träumt vom Durchbruch als Gitarrist. Bisher verdient er sein Geld als Musikjournalist. Nebenbei hilft in einem angesehenen Pariser Gitarrengeschäft aus. Dort repariert er zum Teil sehr seltene und wertvolle Gitarren. Eine dieser Gitarren transportiert er persönlich nach Schottland. Der Käufer entpuppt sich als ein Sammler berühmter Gitarren. Er bietet Thomas eine Million, wenn Thomas es schafft ihm einen eindeutigen Beweis für die Existenz der legendärsten Gitarre, der „Moderne“ der Marke Gibson von 1957, zu liefern.

Thomas beginnt sofort mit der Recherche. Die Suche nach der „Modernen“ führt ihn von Frankreich nach Australien und durch den Großteil der USA. Immer auf den Spuren der größten Blues- und Rockmusiker der letzten 100 Jahre. Auf seinem Roadtrip begegnet er Menschen, die auf verschiedenste Weise Musik zu ihrem Lebensthema gemacht haben. Manche Begegnungen sind aufschlussreich, andere wiederum entwickeln sich zu unberechenbaren, sogar zu gefährlichen Treffen. Es wäre allerdings nicht die weltweit legendärste Gitarre, wenn es einen einfachen Weg zu ihr gäbe.

Hervier komponiert einen sehr spannenden Roman rund um eine Gitarre, von der man nicht genau weiß, ob sie je hergestellt wurde. Jedenfalls war sie ihrer Zeit angeblich weit voraus. Die Erzählung steckt voller Musikgeschichte und nimmt den Leser mit in die großen Jahre des Blues und des Rock’n’Rolls. Es ist eine wahre Freude dem Protagonisten auf seiner Suche zu begleiten. Auch wenn man kein absoluter Kenner der Musikszene ist, bietet das Buch viele interessante und faszinierende Einblicke. Ich habe mitgefiebert, mitgelitten und mich über jeden neuen Anhaltspunkt mitgefreut. Der Roman ist keiner zum Tanzen, sondern eher ein Stück zum genauen Hinhören und trotzdem ein großer Spaß!

Links zum Buch:

Diogenes Verlag: https://www.diogenes.ch/leser/titel/gregoire-hervier/vintage-9783257608120.html

weitere Rezensionen: https://www.lovelybooks.de/autor/Gr%C3%A9goire-Hervier/Vintage-1456437273-w/

Im Freibad

Libby Page
Im Freibad

Zwei Frauen, zwei Generationen, eine Freundschaft, ein Ziel; das Freibad retten. Um sich freizuschwimmen, braucht es manchmal den Mut für einen kleinen Schritt. Die perfekte Lektüre fürs Freibad!

Seit drei Jahren wohnt Kate nun in einer WG im Londoner Stadtteil Brixton. Als junge Journalistin arbeitet sie bei der lokalen Zeitung und verfasst meist kurze, unbedeutende Artikel für die letzte Seite.

Als die Stadtverwaltung ankündigt, aufgrund der schlechten, finanziellen Lage das Freibad zu schließen und das Grundstück an eine Immobilienfirma zu verkaufen, bekommt Kate die langersehnte Chance auf einen großen Artikel. Gleich zu Beginn ihrer Recherchen trifft sie auf Rosemary. Rosemary ist mit dem Freibad verwachsen, denn sie schwimmt seit der Eröffnung 1937 fast täglich in diesem Freibad. Dort schwamm sie während des Krieges, dort verbrachte sie viel Zeit mit ihrem Mann George, dort ist Rosemary zu Hause.

Zwischen diesen unterschiedlichen Frauen, die das Freibad zusammengebracht hat, entsteht eine wahre Freundschaft. Für Kate ist es die Rettung aus ihrer Einsamkeit, welche sie seit ihrer Ankunft in London umgibt. Beide kämpfen für den Erhalt des Freibades und sie bekommen Unterstützung von Freunden und Schwimmern. Wird es reichen, um die kommunale Verwaltung umzustimmen oder ist es ein Kampf gegen Windmühlen?

Libby Page beschreibt etwas, von dem jeder schon einmal mehr oder weniger betroffen war. Der Lieblingsladen, der schließt, das Schwimmbad, das sich nicht mehr trägt, das Kulturzentrum, für das kein Geld mehr übrig ist, die Liste ist endlos. Jede Stadt und jedes Dorf unterliegt dem Wandel.

Diesen Umstand greift die Autorin auf und entwickelt drum herum eine Geschichte zweier, sympathischer Frauen aus unterschiedlichen Generationen, die sich nicht nur wegen des Bades miteinander verbunden fühlen. Ihre Freundschaft macht sie stark, um zusammen gegen die Schließung des Freibades vorzugehen.

Rosemary verbinden ihre Erinnerungen mit dem Freibad, für Kate ist es die Chance ihrem Leben eine Wendung zu geben, sich freizuschwimmen. Die Geschichte bewegt, denn sie erzählt vom Wandel und von den Dingen, die es wert sind, an ihnen festzuhalten. Ein unterhaltsamer Roman für die sonnigen Tage im Freibad, das man nach der Lektüre vielleicht mit anderen Augen sieht.

Mittagsstunde

Dörte Hansen
Cover Mittagsstunde
Mittagsstunde

Ein starker Roman über den Lauf der Dinge, der auch vor dem Landleben nicht Halt macht.

In der Mittagsstunde liegt Stille über dem friesische Dorf Brinkebüll. Das war immer so, aber es bleibt nicht immer so. Ingwer Feddersen kommt für ein Jahr zurück in das Dorf, in dem er aufgewachsen ist. Das Dorf hat sich verändert. In der Bäckerei der Boysens backt schon längst niemand mehr Schwarz- oder Graubrot, Dora Koopmann verkauft seit Jahrzehnten weder Süßigkeiten noch Jagdwurst und auch die Gaststätte Feddersen hat ihre besten Zeiten hinter sich. Obwohl Sönke Feddersen mit über 90 Jahren weiterhin die Stellung hinter seiner Theke hält.

Ingwer hat das Dorf und die Gastwirtschaft verlassen, als er zum Studium nach Kiel zog. Dort lebt seit über 20 Jahren in der gleichen WG. Nun ist er zurück, um sich um seine Großeltern zu kümmern. Für ihn sind es seine Eltern. Sein Vater kennt niemand und seine Mutter hat Ingwer zeitlebens als Schwester wahrgenommen. Marrett, meist der Welt entrückt, wundersam gekleidet, predigte ständig den Untergang und sang leidenschaftlich die Schlager der 1960iger Jahre. Bis heute verfolgt Ingwer das schlechte Gewissen, weil er gegangen ist und sich gegen ein Leben als Gastwirt entschieden hat.

So kommt Ingwer in das Dorf seiner Kindheit, in dem nichts mehr so ist ,wie damals war, nicht einmal die Stille der Mittagsstunde. Dieses Jahr wird für Ingwer eine Rückbesinnung auf die wesentliche Dinge, in dem er sein eigenes Leben neu sortiert.

Dörte Hansen Debütroman „Altes Land“ hat mich schon begeistert. Nun nimmt sie den Leser mit in eine Zeit, die fast ausgestorben ist und dennoch immer noch spürbar. Die pointiert eingestreuten, plattdeutschen Sätze, geben den Roman eine ehrliche und humorvolle Note. Ich habe mich in Brinkebüll ausgesprochen wohl gefühlt. Außerdem erinnerte ich vieles aus meiner eigenen ländlichen Kindheit, die ich zwar nicht in Friesland verbrachte und auch ca. 20 Jahre später, doch ich gab es damals den Dorfladen, die Fleischerei und die nicht betonierten Bauernhöfe. Alles längst nicht mehr da.

Die sorgsame Entwicklung der Charaktere ist der Autorin ganz fabelhaft gelungen. Die Geschichte wechselt zwischen dem Jetzt und dem Damals ohne das man als Leser den faden verliert. Man wird eingemeindet als ein Teil dieser Dorfgemeinschaft. Mir hat das Lesen sehr viel Freude bereitet und nach dem letzten Satz kam Wehmut auf. Ich wäre gerne noch geblieben. Oder es mit Heidi Brühl zu sagen: „Wir wollen niemals auseinandergehen…“

Ich war Diener im Hause Hobbs

Verena Rossbacher
Das Bild zum Buch Ich war Diener im Hause Hobbs
Ich war Diener im Hause Hobbs – Bild zum Buch

Ein außergewöhnlicher Schreibstil, allerdings hält die Erzählung am Ende nicht, was sie zu Beginn verspricht. Die Geschichte plätschert zu gemütlich vor sich hin.

Christian Kauffmann wirft einen Blick zurück auf seine Jahre als Butler bei der reichen Züricher Familie Hobbs. Durch einen Skandal nimmt seine Anstellung ein jähes Ende. Nun versucht er im Rückblick, die Ereignisse zu rekonstruieren, um zu verstehen, ob er die Zeichen der Veränderung hätte erkennen müssen.

Nach seiner beendeten Ausbildung als Butler, tritt er bei den Hobbs seine erste Stelle an. Obwohl er anfänglich vorhat lediglich wenige Jahre zu bleiben, um dann weiterzuziehen, integriert er sich schon nach kurzer Zeit bestens in das Familienleben der Hobbs. Die Jahre vergehen und Christian Kauffmann ist zufrieden mit seinem Leben.

Er erinnert sich an Situationen, welche damals unbedeutend, nun aber in einem anderen Licht erscheinen. Jedoch sind es neben den Begebenheiten im Hause Hobbs, auch Erinnerungen an seine Kindheit und Jugend im Voralberger Feldkirch, die er Revue passieren lässt. Seine drei besten Freunde spielen sowohl in seiner Vergangenheit als auch bis zum Zeitpunkt des Skandals eine wichtige Rolle.

Verena Rossbacher erzählt mit ausgefeilter Komposition der Sätze, sodass manche Passagen des Romans sehr poetisch inszeniert sind. Auch ihre ungewöhnlichen Beschreibungen machen das Buch zu einer wahren Lesefreude. Oftmals hat mich die Erzählung vor allem mit ihren Dialogen zum Lachen gebracht. Der feine Humor, der abstruse Alltagsszenen herrlich offen legt, gefällt mir außerordentlich gut. Allerdings sind meiner Meinung nach einige Sätze zu ausgeartet lang. Bei manchen dieser Sätze fiel es mir schwer ihnen gedanklich zu folgen. Am Ende des Satzes fragte ich mich dann, wie dieser begonnen hatte.

Leider konnte mich auch die Erzählung nicht packen. Der anfänglich gut aufgebaute Spannungsbogen hat meine Erwartungen nicht erfüllt. Die Geschichte plätscherte zum Ende unspektakulär vor sich hin. Außerdem bleiben einige Figuren erzählerisch auf der Strecke. Das erwartete großen Finale, die angedeuteten Verstrickungen blieben einfach aus. Auch sonst fehlt dem Roman streckenweise der Pfiff. Alles im allen lässt mich der Roman enttäuscht zurück.

Der Wintersoldat

Daniel Mason
Hardcover Ausgabe von dem Roman Der Wintersoldat
Der Wintersoldat

Ein beeindruckender Roman, der zeigt, was Menschen leisten und aushalten können, wenn die Umstände es erfordern.

In der Medizin hat Lucius, jüngster Sprössling einer in Wien lebenden polnischen Fabrikantenfamilie, seine Berufung gefunden. Unter den Mitstudenten und Professoren fühlt er sich zum ersten Mal in seinem Leben verstanden. Sein Können und sein medizinischer Verstand machen aus ihm einen der begabtesten Studenten. Als der Erste Weltkrieg ausbricht, fehlt es der österreichischen Armee an Ärzten. So kommt es, dass Lucius möglich ist, sich ohne Studienabschluss als Assistenzarzt zur Armee zu melden. Aufgrund seiner polnischen Sprachkenntnisse, wird er Richtung Osten nach Galizien geschickt. Im Lazarett angekommen, muss er feststellen, das er dort der einzige Doktor ist. Lucius, dem es an jeglicher praktischen Erfahrung fehlt, ist nun gezwungen Diagnosen zu stellen, zu operieren und den verletzten Soldaten die richtigen Medikamente zu verabreichen. Glücklicherweise findet er Unterstützung in der Krankenschwester und Nonne Margarete.

Schnell lernt Lucius sich im Lazarettalltag zu behaupten. An einem Wintertag wird von Bauern ein völlig traumatisierter Soldat zu ihnen gebracht, der weder spricht noch isst oder trinken will, sondern nur starr da liegt. Der Soldat weckt sowohl Lucius Ehrgeiz als auch sein Mitgefühl. Um den Soldat vor einem weiteren Fronteinsatz zu schützen, begeht Lucius einen fatalen Fehler, der ihn über Jahre hinweg verfolgen wird.

„Der Wintersoldat“ spielt in einer verlassenen galizischen Berggegend. Eine Gegend, die selten Erwähnung in den Geschichten rund um den Ersten Weltkrieg findet. Doch auch hier tobt eine Art Stellungskrieg. Es wird um jeden quadratzentimeter Boden gekämpft. Die körperlichen und psychischen Verletzungen sind identisch mit denen der Westfront.

Mit viel Realismus und Detailtreue erzählt Daniel Mason die Erlebnisse des Medizinstudenten Lucius. Ein junger Mann aus reichem Haus, ein vielversprechender Medinziner, der, überrumpelt vom Kriegsausbruch, die alleinige Verantwortung für ein Frontlazarett übernimmt. Er wächst sprichwörtlich mit seinen Aufgaben, findet Freunde und verliebt sich zum ersten Mal. Es ist ein spannender Kriegsroman, welcher zeigt wie Menschen sich unter ungewöhnlichen Umständen finden, aber sich auch wieder verlieren. Ein großartig erzähltes Stück Zeitgeschichte, das mich bis zur letzten Seite in seinen Bann gezogen hat. Ein herausragender Roman. Ich danke dem C.H. Beck Verlag noch einmal ganz herzlich für den Gewinn dieses beeindruckenden Buches.

Ich kann es jedem interessierten Leser*in nur ans Herz legen.

Links zum Buch:

C.H. Beck Verlag https://www.chbeck.de/buehnen/daniel-mason-der-wintersoldat/

Der Autor https://www.lovelybooks.de/autor/Daniel-Mason/

Rheinblick

Brigitte Glaser
Cover zum Roman Rheinblick
Roman Rheinblick

November 1972. Willy Brandt fährt nach dem Misstrauensvotum einen fulminanten Wahlsieg für die SPD ein. Der Hauch der Veränderung weht durch die Straßen der provinziellen Hauptstadt Bonn. Doch nach dem herausragenden Sieg, muss sich Brandt einer Operation unterziehen und bekommt für einige Woche Redeverbot. Dadurch wird sein Einfluss auf die Koalitionsverhandlungen stark geschwächte, denn federführend bei dem Geschacher um Macht, Ministerien und Posten sind Wehner und Schmidt.

In der Gutbürgerlichen Gaststätte „Rheinblick“ bei Hilde Kessel treffen alle Parteien aufeinander. Es ist Hildes wichtigstes Gebot, sie hört nichts, sie sieht nichts und sie sagt nichts. Aus ihrer Gaststätte dringt kein gesprochenes Wort nach außen. Wirklich kein Mucks? Auch für eine gestandene, rheinische Wirtin ist es schwer sich aus dem Bonner Gemauschel völlig herauszuhalten. Und mitten in diesen politischen Wirren wird ein unbekanntes, junges Mädchen erdrosselt aufgefunden. Ein Hinweis führt in die Machtzentrale der Bonner Politik.

Brigitte Glaser lässt die Bonner Republik wieder auferstehen. Anfang der 1970iger Jahre, nachdem Brandts Ostpolitik zu einer langsamen Annäherung zwischen West und Ost geführt hat, stellt man sich in der rheinischen Provinz darauf ein, Hauptstadt zu bleiben. Der Bauboom, der wiederkehrend im Roman erwähnt wird, setzt ein. Jedoch ist es nicht nur das Bonner Hauptstadtgeplänkel, sondern auch die Aufbruchstimmung nach Brandts grandiosen Wahlsieg im November 1972. Es ist vor allem die Jugend, die zahlreich hinter dem Demokraten und Widerstandskämpfer Brandt steht. Die Zeichen stehen auf Veränderung. Wunderbar inszeniert Brigitte Glaser einen Mix aus den unterschiedlichen Generationen. Die jungen Leute wohnen in einer WG und versuchen im kleinen, privaten Umfeld Demokratie und Gleichberechtigung zu leben. Auf der anderen Seite die Kriegsgeneration, erzogen zum Gehorsam und zum Durchhalten. Dabei treffen im Roman Welten aufeinander.

Die Geschichte kreist um die wenigen Wochen am Jahresende 1972, in denen die Koalitionsverhandlungen ohne den wirklichen Sieger Willy Brandt stattfinden müssen, da dieser wegen einer Stimmband OP im Krankenhaus verweilt und nicht sprechen darf. Es wird deutlich wie dicht Sieg und Niederlage in der Politik beieinander liegen und wie schnell man ins Abseits geraten kann. Es ist ein herrlich verwobener Roman, der es versteht, politische Geschehnisse mit dem gesellschaftlichen Leben der normalen Bürger zu verbinden und eine Zeit beleuchtet, in der vieles, was heute selbstverständlich scheint, noch täglich von neuem erkämpft werden musste. Ein gelungenes Aufleben der jüngsten Zeitgeschichte.

Links zum Buch: https://lesepartie.de/lbm-2019-2/ und https://lesepartie.de/lbm-2019/

Verlagsseite: https://www.ullstein-buchverlage.de/nc/buch/details/rheinblick-9783471351802.html

Die junge Frau und die Nacht

Guillaume Musso

Bis zur letzten Seite ein spannendes Buch, dessen Geschichte immer neue Wendungen nimmt.

Anlässlich eines Schuljubiläums reist Thomas in seine Heimat an die Côte d’Azur. Seit Jahren lebt er als Schriftsteller in New York und besucht den Süden Frankreichs und seine Familie nur, wenn er sich auf Lesereise befindet. Diesmal hat eine E-Mail seines ehemaligen besten Freundes Maxime Thomas dazu bewogen zu kommen. Die beiden Männer teilen seit Jahrzehnten ein dunkles Geheimnis, dass im Zuge dieses Jubiläums ans Licht kommen könnte.

Um das zu verhindern beginnen die beide Freunde das Geschehen von damals noch einmal neu zu betrachten. Alles begann mit dem spurlosen Verschwinden einer Mitschülerin. Die 19jährige Vinca war Thomas unerfüllte Jugendliebe, deren plötzliches Verschwinden eine noch immer tiefe Wunde bei ihm hinterlassen hat. Tatsächlich entdecken Thomas und Maxim neue Hinweise und haben durch den Abstand der Jahre eine andere Sichtweise auf die Dinge entwickeln. Es stellt sich heraus, dass der schicksalhafte Tag vor 25 Jahren bis in die jetzige Zeit hineinreicht und mehr Menschen betrifft, als Thomas und Maxim bisher angenommen haben.

In seinem neuen Roman läuft Guillaume Musso wieder zur Höchstform auf. Geschickt kombiniert er ein undurchsichtiges Gewirr von Verstrickungen rund um das Verschwinden der jungen Frau. Nichts ist so, wie es auf den ersten Blick scheint. In einem gewohnt flüssigen, gut lesbaren Schreibstil, entwickelt sich die Geschichte zu einem spannenden Krimi, welcher bis zur letzten Seite seine Intensität nicht verliert. Und natürlich lernt man ganz nebenbei auch einiges über die Gegend rund um Antibes. Ein wirklich gelungener Krimi, perfekt für den Sommerurlaub.

Die verborgenen Stimmen der Bücher

Bridget Collins
Die verborgenen Stimmen der Bücher
Coverbild „Die verborgenen Stimmen der Bücher“

Ein außergewöhnlicher Roman, der nicht den üblichen Erwartungen entspricht. Der Roman kann begeistern, wenn man es zulässt.

Bücher werden verachtet. Das wird dem Bauernsohn Emmet schon als Kind eingeschärft, als er mit einem Buch in Berührung kam. Mittlerweile ist er ein junger Mann und wird den Bauernhof seiner Familie übernehmen. Doch dann ereilt Emmet ein schweres Fieber, welches ihn lange ans Bett fesselt. Er hat kaum Erinnerung an diese oder die unmittelbare Zeit davor. Zwar ist das Fieber überstanden, trotzdem kann er seiner Arbeit auf dem Hof schwerlich gerecht werden. Er empfindet sich selbst als Last für seine Familie und schämt sich dessen. Mitten in der Erntezeit erhält die Familie einen Brief. Emmet soll eine Lehre machen; ausgerechnet als Buchbinder. Sein Vater stimmt zu. Eine Zustimmung, die Emmet darin bestärkt, dass er aufgrund seiner seltsamen Verfassung kein geeigneter Erbe mehr ist.

Binnen weniger Tage beginnt er die Ausbildung bei einer alten Binderin, deren Haus fern ab in den Sümpfen steht. Schon nach kurzer Zeit begreift Emmet, dass das Buchbinden weit mehr ist, als nur beschriebene Seiten aneinander zuheften. Es sind die Schicksale der Menschen, die in den Büchern gebunden werden. Diese wertvollen Schätzen gilt es zu bewahren, damit Bücher nicht in unbefugte Hände geraten. Auch Emmet hat die Gabe, Erinnerungen zu binden und somit das Erlebte aus dem Gedächtnis des jeweiligen Menschen zu löschen. Noch bevor er seine Lehre beenden kann, stirbt die Buchbinderin und Emmet ist gezwungen seine Lehre bei dem windigen Buchbinder in der Stadt fortzusetzen. Dort trifft er auf den Sohn eines reichen Geschäftsmannes, zu dem er eine unerklärliche, tiefe Verbindung verspürt. Emmet fragt sich, woher dieses Gefühl der Verbundenheit herkommt. Was könnte einen Bauernsohn wie ihn mit diesem reichen Burschen verbinden? Die Wahrheit liegt in einem Buch. Doch dieses Buch muss Emmet erst finden, bevor seine Geschichte weitergehen kann.

Es ist ein ungewöhnliches Buch, das eine ungewöhnliche Geschichte erzählt. Bücher, welche die Erinnerungen von Menschen beherbergen, welche diese vergessen wollen oder sollen. Der sehr gut erzählte Roman handelt von Macht. Die Macht über Menschen, die Macht der Geschichten und vor allem die weitaus überlegenste Macht, nämlich die der Liebe. Das mag kitschig klingen, doch auch das ist ein Aspekt des Romans. Eine Liebe, die es nicht geben darf, eine Liebe, die nicht den Konventionen entspricht und deren Stärke allem trotzt.

Als ich anfing das Buch zu lesen, hatte ich eine komplett andere Vorstellung von dem Buch. Je tiefer ich in die Geschichte eintauchte, desto mehr Freude hatte ich beim Lesen. Ich wollte unbedingt wissen, wie es weitergeht. Das Buch ist sicherlich eine Überraschung und zwar ein sehr gelungene. Es wird alle begeistern, die einen ungewöhnlichen und nicht unbedingt leicht zu durchschauenden Roman lesen wollen, welcher aus den allgemeinen Konventionen ausbricht.

Link zum Buch: https://www.aufbau-verlag.de/die-verborgenen-stimmen-der-bucher.html