Lotto – Lebenstraum

Lotto – ein Szenario in Stichpunkten

Lotto – Ziehung

sie sitzt vorm Fernseher, glaubt es kaum

wirft den Laptop an und geht auf Immobiliensuche

engagiert einen Markler

findet ihr Traumhaus auf dem Land und kauft es

Lotto – Überraschung

sie kocht, macht sich chic und legt ihrem Mann die Unterlagen vom Kauf vor

Entsetzen

er fühlt sich übergangen, hintergangen, schweigt

sie redet, erklärt, freut sich

sein Schweigen wird im Gegenzug lauter

sie redet immer noch, schwärmt vom Leben auf dem Land, von den Tieren, die sie haben werden

er sagt nur NEIN

Lotto – Streit

jetzt schweigt sie

dann stürzt ein Wortschwall von Argumenten auf ihn ein

Ruhe Garten Platz mehr Zeit zu Zweit

er sagt NEIN

er wird wütend

sie wird wütend

er fordert sie auf, vom Kauf zurück zu treten

sie sagt NEIN

er sagt ohne ihn

er hasst das Landleben von Hunden bekommt er asthmatische Anfälle keine Restaurant fehlende Kultur weiter Arbeitsweg

beide schweigen

keiner gibt nach

Ende

Albert, Bärbel und Christine

Ein Konflikt

Albert

„Früher war Christine hübsch. Damals hatte sie noch Auswahl an Männern. Aber keiner war ihr gut genug“, sagte Albert mürrisch. „Nun sei doch nicht so“, mahnte seine Frau Bärbel. Sie hantierte nebenbei in der Küche, um das Familientreffen zu Kaffee und Kuchen vorzubereiten. Diese Treffen fanden mittlerweile nicht mehr allzu häufig statt und jedes Mal gerieten Albert und seine jüngere Schwester Christine aneinander. Ein ums andere Mal war es an Bärbel den Streit zu schlichten oder von vornherein im Keim zu ersticken. Meist lief es darauf hinaus, dass Albert und Bärbel, nachdem die Familie wieder weg war, stritten.

Christine

„Immer nimmst du sie in Schutz“, kam es von Albert aus dem Wohnzimmer. Sein ärgerlicher Ton gab Bärbel eine Vorstellung davon, wie der Tag verlaufen würde. Albert würde Christine wieder darauf reduzieren, dass sie nie geheiratet hatte, dass sie im Job wenig erreicht hatte und und und. Dabei war Christine eine fröhliche Mitfünfzigerin, die mit beiden Beinen im Leben stand. Nur Albert sah das anders. In seiner konservativen Welt musste eine Frau wenigstens einmal verheiratet gewesen sein. Von dieser veralteten Ansicht ließ er nicht ab. „Ich nehme Christine nicht in Schutz, ich bin nur anderer Meinung als du!“ Auch Bärbels Tonfall nahm eine genervte Note an. „Ich bin es so leid, mir das anzuhören. Sei froh, dass Christine überhaupt noch zu den Treffen zu kommen.“

Bärbel

Bärbel öffnet den Backofen, um den Kuchen herauszunehmen. Ein Schwall heißer Luft ließ ihr Brille beschlagen. Als sie ins Wohnzimmer kam, saß Albert schon am gedeckten Tisch. Bärbel atmete tief durch. „Bitte halt dich heute einfach zurück. Ich möchte ein harmonischen, fröhliches Beisammensein.“ Alberts Blick sagte ihr, dass er ihre Bitte nicht nachkommen würde. Wann war ihr Mann zu so einem Ekel geworden?

Ende

Gedicht I

Ich weiß

Du meinst es gut mit mir

Schau mich bitte nicht so an

Ich kann nichts dafür

Es ist einfach in mir drin

Und ich kann mich nicht dagegen wehr’n

Nein

Ich möchte dir keinen Kummer machen

Es ist zu stark

Bitte nicht weinen

Es ist zu spät für Tränen

Ich kann nicht bleiben

Ich muss jetzt geh’n

Es zieht mich fort von hier

Testen wie das ist

So mit mir allein

Ohne Rücksicht

Mitten durch

Wo mein Ziel ist

fragst du mich

Ich habe keine Ahnung wohin mein Weg mich führt

Erwarten – wenig, Erhoffen – viel

Ich wünsche mir nur

dass wir uns noch einmal wiederseh’n

in diesem

oder einem ander’n Leben

Shakespears Strümpfe

Theodor Fontane

Laut gesungen, hoch gesprungen,
Ob verschimmelt auch und dumpf,
Seht, wir haben ihn errungen,
William Shakespeares wollnen Strumpf.


Seht, wir haben jetzt die Strümpfe,
Haben jetzt das heil’ge Ding,
Drinnen er durch Moor und Sümpfe
Sicher vor Erkältung ging.


Und wir huldigen jetzt dem Strumpfe,
Der der Strümpfe Shakespeare ist,
Denn er reicht uns bis zum Rumpfe,
Weil er fast zwei Ellen mißt.


Seht, wir haben jetzt die Strümpfe,
Dran er putzte, wischte, rieb
Ungezählte Federstümpfe,
Als er seinen Hamlet schrieb.


Drum herbei, was Arm und Beine,
Eurer harret schon Triumph,
Und dem »Shakespeare-Strumpfvereine«
Helft vielleicht ihr auf den Strumpf.

Nachtgesang

Erich Kästner
Nachtgesang des Kammervirtuosen

Du meine neunte letzte Sinfonie!
Wenn du das Hemd anhast mit rosa Streifen…
Komm wie ein Cello zwischen meine Knie,
Und lass mich zart in deine Seiten greifen.

Laß mich in deinen Partituren blättern.
(Sie sind voll Händel, Graun und Tremolo) –
Ich möchte dich in alle Winde schmettern,
Du meiner Sehnsucht dreigestrichnes Oh!

Komm lass uns durch Oktavengänge schreiten!
(Das Furioso, bitte, noch einmal!)
Darf ich dich mit der linken Hand begleiten?
Doch beim Crescendo etwas mehr Pedal!!

Oh deine Klangfigur! Oh die Akkorde!
Und der Synkopen rhythmischer Kontrast!
Nun senkst du deine Lider ohne Worte…
Sag einen Ton, falls du noch Töne hast!

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