Die weiteren Aussichten

Robert Seethaler
Buchcover Die weiteren Aussichten, Robert Seethaler
Die weiteren Aussichten

Eine Geschichte über das, was auch das gleichförmigste Leben unberechenbar macht; Veränderung und Liebe. Herrlich echte Charaktere, trostlos mit viel Hoffnung für die weiteren Aussichten.

Herbert und seine Mutter betreiben mehr schlecht als recht eine Tankstelle am Rande einer Landstraße. In den 1970igern zählte das nächstgelegene Dorf zu einer aufstrebenden Region, von welcher außer dem Hallenbad und einem Parkplatz nicht viel geblieben ist. Herbert ist Ende zwanzig und die Tage reihen sich gleichförmig aneinander. Bis eines Tages eine rundliche Frau ohne Frisur auf einem blauen Klapprad in Herberts Leben radelt. Hilde heißt sie und Herberts Leben wird nie mehr das selbe sein.

Robert Seethaler nimmt uns mit an den Straßenrand, zur einsamen Tankstelle an der Landstraße, zu Menschen, die keinerlei Veränderung erwarten. Als die Veränderung dann doch eintrifft, wirbelt diese alles bisher gekannte durcheinander. Als Leser lacht man mit, leidet mit und hofft, dass Georg, der Fisch, das Abenteuer heile übersteht.

Es ist ein herrlicher Roman, der durch die Nähe zu seinen Figuren besticht. In dieser scheinbaren Trostlosigkeit ist so unendlich viel Platz für Hoffnung und Mut, sodass man das Buch am Ende mit einem Lächeln zu schlägt.

Es ist eine ungewohnt kurze Rezension, denn viel mehr brauche ich darüber nicht schreiben. Den Roman sollte man einfach lesen!

Links zum Buch: https://keinundaber.ch/de/literary-work/die-weiteren-aussichten/

weitere Rezension zu Robert Seethaler auf LesePartie: https://lesepartie.de/das-feld/

Zwei Handvoll Leben

Katharina Fuchs
Cover Zwei handvoll leben
Zwei Handvoll Leben

Beeindruckend und lebensnah schildert der Roman zwei Frauenschicksale im bewegten 20. Jahrhundert.

Deutschland 1914. Anna lebt mit ihrer Familie im Spreewald. Viel kann sich die Familie nicht leisten, aber ihre Mutter ermöglicht Anna eine Lehre zur Schneiderin. Charlotte ist die einzige Tochter eines sächsischen Gutsherren. Eines Tages wird sie den landwirtschaftlichen Besitz erben. Beide Mädchen stehen an der Schwelle des Erwachsenwerdens. Beide begegnen ihrer ersten, großen Liebe, bevor der Erste Weltkrieg ausbricht. Beide erleben die Veränderungen, die der Krieg und der darauffolgende Frieden mit sich bringt. Bei beiden verläuft das Leben anders, als sie es sich erträumt haben. Dennoch lassen sich weder Anna noch Charlotte davon nicht entmutigen und gehen in Zeiten der Unsicherheit und des Wandels konsequent ihren Weg.

Nach ihrer Schneiderlehre verlässt Anna 1919 ihre Familie und fährt nach Berlin, um dort Arbeit zu finden. Als das Berliner KaDeWe Verkäuferinnen sucht, ergreift sie ihre Chance. Anna kann durch ihr Wissen als Schneiderin überzeugen und bekommt die begehrte Stelle. Für Anna ist es der Beginn einer ungewöhnlichen beruflichen Karriere in diesen Zeiten.

Charlotte hat während des Krieges tatkräftig auf dem landwirtschaftlichen Gut mit angepackt. Nun wird es für ihren Vater Zeit, dass Charlotte sich nach einem geeigneten Ehemann umsieht. Ihre Tante lebt mit ihrem Mann Salomon und der gemeinsamen Tochter in Leipzig. Dort wird Charlotte in die Gesellschaft eingeführt. Da sie sich von ihrer großen Liebe betrogen fühlt, lässt sie sich von anderen, jungen Männern den Hof machen. Charlotte ist bewusste, es gilt nicht nur die richtige Entscheidung für sich selbst, sondern für die Zukunft des Gutes zu treffen.

Anna und Charlotte wachsen völlig unterschiedlich auf, doch beide verbindet die erste unerfüllte Liebe, die Liebe zu ihren Familien und allem voran ihr starker Wille das Leben bestmöglich zu meistern. Der Roman beschreibt abwechselnd je Kapitel den Lebensweg der beiden Frauen, der durch die bewegte Zeit des 20. Jahrhunderts führt. Diese Erzählweise macht es dem Leser leicht, beiden Geschichten parallel zu folgen. So wie die Zeiten sind auch die Leben von Charlotte und Anna durch Hoffnung, Angst, Entbehrungen und dem Leben das Beste abzutrotzen geprägt.

Die Erzählung beginnt kurz vor dem Ersten Weltkrieg und endet 1953, als Charlotte und Anna bei der Heirat ihrer Kinder aufeinandertreffen. Die Handlung des Romans ist aus der Perspektive der Frauen geschrieben. Neben den Hauptcharakteren Anna und Charlotte gibt es noch weitere, wie beispielsweise Charlottes Cousine Edith oder Annas Freundin Ella. Alle Frauenfiguren sind hervorragend beschrieben. Es macht große Freude ihre Entwicklungen zu verfolgen. Jedoch stimmen ihre Geschichten nachdenklich, angesichts des ständigen Kampfes, um zu erhalten, was sie sich aufgebaut haben.

Das Buch beruht auf der wahren Familiengeschichte der Autorin Katharina Fuchs, die sich auf die Suche nach der Geschichte ihrer Großmütter begeben hat. Mich hat das Buch gänzlich überzeugt. Ich konnte es nur schwer aus der Hand legen. Nicht nur die Charaktere sind lebensnah, sondern auch die Orte, die Stimmungen sind fast fühlbar in Worte gefasst. Allerdings musste ich die Geschichte eine Zeit wirken lassen, nachdem ich das Buch gelesen und zugeklappt hatte. Es zeigt für mich ein weiteres Mal, wie viel gerade diese Frauengeneration geleistet hat und wie viel Leid die Kriege gebracht haben. Ich halte es für wichtig immer wieder daran zu erinnern. Das Buch ist sehr lesenswert und da sich schon eine Fortsetzung ankündigt, bin ich sehr gespannt und freue mich darauf.

Links zum Roman:

Drömer Knaur Verlag: https://www.droemer-knaur.de/buch/9622627/zwei-handvoll-leben

Katharina Fuchs: https://www.instagram.com/katharina_fuchs_books/

Ein Monat auf dem Land

Ein literarisches Kleinod
J. L. Carr

Das Buch ist ein Kleinod. Geschrieben mit der Leichtigkeit des Sommers, erzählt es vom Wert des Lebens.

Es ist Sommer 1920, als Tom Birkin seine Arbeit in einem kleinen Ort in Yorkshire antritt. Man hat ihm die Aufgabe anvertraut in der hiesigen Kirche ein mittelalterliches Deckengemälde freizulegen.

Immer noch gezeichnet vom Krieg, von seiner Frau verlassen, versucht der junge Londoner in dieser beschaulichen, ländlichen Idylle seinen inneren Frieden zurückzugewinnen. Voller Eifer und Sorgfalt beginnt er mit der Freilegung des vor ewigen Zeiten übertünchten Bildes hoch oben im Altarraum.

Täglich finden sich neugierige Dorfbewohner ein, die ihm bei der Arbeit zuschauen. Schnell wird Tom Birkin in ihre Gemeinschaft aufgenommen, findet Freunde und Anerkennung. Besonders genießt er die Gespräche mit der jungen Pfarrersfrau.

Es ist ein wundersamer Sommer, voller Licht und Wärme. Als dieser langsam dem ersten Herbsttau weicht, hat auch Tom Birkin seine Arbeit erledigt. Schweren Herzens nimmt er Abschied von diesem Ort, der die Ruhe und die Hoffnung in sein Leben zurückgebracht hat.

J.L. Carr hat mit unendlicher Leichtigkeit und spürbarer Lebensfröhlichkeit eine fast märchenhafte Geschichte komponiert. Man riecht förmlich den Duft des Sommers, spürt die kühle Mauer hoch oben in der Kirche und wird zu einem Teil dieser Geschichte.


Dieses Buch ist ein großer Schatz. Das Cover ist zwar schlicht, aber mit so viel Liebe gestaltet, das es ebenso entzückt, wie die Geschichte im Inneren.

Infos zum Buch

http://www.dumont-buchverlag.de/suche/?q=ein+monat+auf+dem+land

https://www.independent.co.uk/news/people/obituary-j-l-carr-1397014.html

gekauft auf der Frankfurter Buchmesse: http://www.lesepartie.de/unterwegs-auf-der-fbm-2018

Die Liebe im Ernstfall

Die Liebe im Ernstfall – Cover- Diogenes Verlag
Daniela Krien

Fünf Frauen, fünf Geschichten. Authentisch und selbstbewusst erzählt. Bewegend und voll Zuversicht das Leben und die Liebe im Ernstfall zu meistern.

Paula, Judith, Brida, Malika und Jorinde, fünf Frauen in ihrer Lebensmitte, deren Wege auf unterschiedliche Weise lose miteinander verbunden sind. Sie erzählen von ihrer Jugend, von ihren Erwartungen ans Leben und von Enttäuschungen und Schicksalsschlägen.

Jede der Frauen hat ihren Weg gewählt, der sie durch Höhen und Tiefen geführt und sie geprägt hat. Jede von ihnen hat sich für einen Beruf entschieden, für oder gegen einen Mann, für oder gegen Kinder. Es ist die Summe der Entscheidungen, welche die Frauen Revue passieren lassen. Die Freiheit Entscheidungen treffen zu können, trifft dabei oftmals auf die vermeintlichen Erwartungen, die sie erfüllen wollen. Teils sind es die eigenen Erwartungen an das eigene Leben, teils sind es die Erwartungen anderer. Und nicht immer wird man diesen Erwartungen gerecht. Es gilt das Leben zu meistern wie es kommt, um das bestmögliche herauszuholen.

Daniela Krien erzählt die Geschichten von fünf Frauen, die voller Zuversicht ihren Weg gewählt haben und an den Umständen gescheitert sind. Jedoch haben sie sich nie geschlagen gegeben. Jede der Frauen vertraut darauf, dass das Leben ihr noch etwas zu bieten hat.

Das Buch offenbart mit der Wucht von Ehrlichkeit, was viele Frauen in der heutigen Gesellschaft umtreibt. Ausgeglichen und liebevoll sollen sie sich um die Erziehung der Kinder kümmern, dabei aber auch ihre eigene Karriere verfolgen und ihrem Partner eine leidenschaftliche Geliebte sein. Auch der Alltag mit Kindern, kann nicht täglich als ein wunderbares Geschenk wahrgenommen werden, so wie es vielfach propagiert wird. Die Freiheit der Wahl, sein Leben nach den eigenen Vorstellungen zu gestalten, erscheint oft vielfältig. Doch genau diese Vielfältigkeit schürt Erwartungen, vor allem an sich selbst, an denen man nur allzu oft scheitert.

Daniela Krien schreibt in einem beinahe emotionslosen Realismus, dennoch mit sensiblen Blick für Details über diese fünf Frauen, die sich dem Leben im Ernstfall stellen. Die fünf Geschichten handeln von losgelassenem und verpassten Glück, von Liebesbeziehungen, deren Haltbarkeit keine Ewigkeit ist und von der Suche nach dem richtigen Leben. Der Autorin ist ein bewundernswertes Portrait über diese fünf Frauen gelungen. Jede von ihnen ruft Verstehen hervor. Jede von ihnen ist wahrhaftig. Daniela Krien hat einen wunderbaren Erzählstil. Mich hat das Buch begeistert sowie mich die Autorin auf der Buchmesse Leipzig begeistert hat. Ich freue mich auf weitere Bücher von ihr.

Verlagseite https://www.diogenes.ch/leser/titel/daniela-krien/die-liebe-im-ernstfall-9783257070538.html

https://lesepartie.de/lbm-2019-2/

Infos zum Roman/zur Autorin:

https://www.ndr.de/kultur/buch/Daniela-Krien-Die-Liebe-im-Ernstfall-,liebeimernstfall102.html

https://www.lovelybooks.de/autor/Daniela-Krien/

https://www.perlentaucher.de/buch/daniela-krien/die-liebe-im-ernstfall.html

Scharnow

Buchcover Scharnow
Bela B. Felsenheimer

Ein authentischer Roman über einen Ort und seine Bewohner, die so oder so ähnlich überall zu finden sind. Ein großartiges Buch!

Scharnow, ein Kaff irgendwo in Brandburg, besteht aus einem Hochhaus, einem Supermark, einem Dönerladen und einer Polizeistation. Viel passiert dort nicht. Das eintönige Leben der Bewohner plätschert vor sich hin. Doch innerhalb weniger Tage wird im Hochhaus ein Blogger tot aufgefunden, eine handvoll Männer überfällt nackt den Supermarkt, jemand schießt auf einen Hund und ein fliegender Mann wird gesichtet.

Bela. B. Felsenheimer hat seinen ersten Roman veröffentlicht. Auf der Leipziger Buchmesse erlebte ich Bela B. in einem Interview. Ich ließ mich von seiner riesigen Begeisterung für die eigene Geschichte anstecken und kaufte das Buch an Ort und Stelle. Um ehrlich zu sein, habe ich ein ganz unterhaltsames Buch mit einer völlig absurden Geschichte erwartet.

Ein unterhaltsamer Roman ist es, aber auch voller Humor, Tragik und mit ganz viel Wahrheit. Sein Blick auf die Gesellschaft kommt gänzlich ohne erhobenen Zeigefinger aus. Der Blick ist authentisch und aufrichtig. Bei jeder Figur des Romans spürt man, mit wie viel Sorgfalt und wie liebevoll sie entwickelt wurde. Mich hat es wahrhaft beeindruckt, dass es keinerlei schwarz – weiß Malerei gibt. Scharnow gibt es wahrscheinlich tausendfach, überall auf der Welt. Auch wenn die Romancharaktere manchmal skurril wirken, sie sind echt und liebenswert, jeder auf seine Art.

Der Roman hat mich überrascht, das gebe ich zu, denn ich es ist eines der besten Bücher, die ich gelesen habe. Ich habe mich auf keiner Seite gelangweilt. Über die ein oder andere auftauchende Anspielungen musste ich schmunzeln. So heißen pöbelnde Jugendliche Tasso und Egmont und Rex Gildo singt ziemlich häufig „Hossa“.

Mein Fazit lautet: lesen! Die Geschichte stimmt. Der Schreibstil ist großartig.

Und lieber Bela, bitte mehr davon! (nie war ein Hosen Titel so wahr!)

https://lesepartie.de/lbm-2019-2/

Verlagsseite: https://www.randomhouse.de/Buch/Scharnow/Bela-B-Felsenheimer/Heyne-Hardcore/e522211.rhd

Infos zum Roman/zum Autor:

http://www.bela-b.de/scharnow

https://www.deutschlandfunkkultur.de/bela-felsenheimer-scharnow-der-etwas-andere-heimatroman.1270.de.html?dram:article_id=442132

Deutsches Haus

Deutsches Haus Buchcover
Annette Hess

Schweigen ist keine Option! 20 Jahre nach dem Krieg beginnt der erste Auschwitz Prozess. Sensibel und detailgetreu schildert der Roman das Unfassbare. Lesen!

Eva Bruhns ist die Tochter von Wirtsleuten aus Frankfurt und verlobt mit dem Besitzer eines Versandhandels. Eva ist Dolmetscherin für polnisch. Eines Tages wird Eva kurzfristig bestellt, um die Aussage eines polnischen KZ Überlebenden ins Deutsche zu übersetzen. Sie ist erschrocken über das Gehörte.

Als Eva von der Staatsanwaltschaft die Anfrage erhält, ob sie als Übersetzerin für die polnischen Zeugen den Auschwitz Prozesses begleiten kann, nimmt sie gegen den Widerstand ihrer Familie das Angebot an. Im Laufe der Verhandlungstage erkennt Eva, dass auch sie eine Verbindung zum Lager hat. Der erste Auschwitz Prozess in Frankfurt ist ein Jahrhundert Prozess und er wird Evas Leben für immer verändern.

Eva eine etwas altbacken wirkende, junge Frau, lebt mit ihren Eltern, der älteren Schwester Annegret und ihrem jüngeren Bruder Stefan in der Wohnung über der Gaststätte. Seit dem Kriegsende betreiben die Eheleute Bruhns die Gaststätte „Deutsches Haus“ in Frankfurt. Eva absolvierte eine Ausbildung zur Dolmetscherin und lernte während eines Übersetzungsauftrags Jürgen kennen. Jürgen Schoormann übernahm vor kurzem die Leitung des Versandhandels von seinem erkrankten Vater. Nachdem Jürgen um ihre Hand angehalten hat, ist das Paar offiziell verlobt.

Evas Schwester Annegret lebt für ihre Arbeit auf der Säuglingsstation und unterhält ab und an eine Affaire, doch ans Heiraten denkt sie nicht.

Als Eva das Angebot bekommt, bei den ersten Auschwitz Prozessen als Dolmetscherin für die polnischsprachigen Zeugen tätig zu sein, ist ihre Familie und auch Jürgen strikt dagegen. Eva, durch die Berichterstattung aufmerksam geworden, nimmt dennoch die Stelle an. Die Aussagen der ehemaligen Häftlinge erschüttern sie. Allerdings ist da noch etwas anderes, dass Eva zu Beginn nicht zu fassen bekommt. Sie erinnert Begebenheiten aus ihrer Kindheit, meint Angeklagte zu kennen und auch der stets im Gerichtssaal präsente Lagerplan scheint ihr ungewöhnlich vertraut. Ihre Nachfragen stoßen bei ihrer Familie auf eine Wand des Schweigens. Auch in Jürgen findet sie bei diesem Thema sehr wenig Verständnis und Rückhalt. Evas Drang hinter das zu kommen, worüber ihre Familie so vehement schweigt, lässt sie mutig nach der Wahrheit suchen.

Annette Hess beschreibt das noch konservative Deutschland der 1960iger Jahre, welches fast 20 Jahre nach Kriegsende gespalten auf den ersten Auschwitz Prozess reagiert. Eine der Nebenfiguren im Buch beschreibt es sehr schön mit einem Bildnis. Diese hat alle schrecklichen Erlebnisse für immer in einer Kammer ihres Herzens weggeschlossen.

Sensibel und feinfühlig erzählt die Autorin die Lebensgeschichte ihrer Figuren. Bis kurz vorm Ende des Buches, bleibt der Ausgang für den Leser unvorhersehbar. Ich habe immer wieder in meiner Meinung geschwankt, welche Rolle Evas Eltern wirklich spielen und inwieweit die ältere Annegret sich erinnert.

In dem Buch bekommt jedes Schicksal seinen Raum. Vor allem erschüttern die Berichte der Häftlinge und die unmenschliche Gleichgültigkeit der Angeklagten. In Zeiten, in den Antisemitismus wieder gesellschaftsfähig zu werden scheint, ist das ein wichtiger Roman gegen das Vergessen.

http://www.ullstein-buchverlage.de/nc/buch/details/deutsches-haus-987-3-550050244

Der Apfelbaum

Der Apfelbaum Buchcover
Christian Berkel

Eine bewegende Geschichte, die es absolut wert ist aufgeschrieben und erzählt zu werden. In einer anschauliche Sprache verpackt.

Die erste Begegnung von Otto und Sala ist sehr kurz, beide sagen kein Wort und dennoch spüren beide sofort eine Verbundenheit.

Otto, ein Berliner Arbeiterkind, im dritten Hinterhof, in beengten Verhältnissen aufgewachsen, verliebt sich in Sala. Sie ist die Tochter eines Freigeistes aus der gehobenen, bürgerlichen Schicht. Otto ist ehrgeizig, macht das Abitur und beginnt ein Medizinstudium. Doch die braunen Wolken ziehen über Deutschland auf. Sala ist Halbjüdin. Als das Leben für sie in Berlin schwierig wird, beginnt für Sala eine Odyssee, die sobald nicht enden wird. Doch die Hoffnung eines Tages mit Otto leben zu können, bewahrt sie vor dem Aufgeben.

Otto und Sala sind ein ungleiches Paar. Er ein typisches Kind des Berliner Arbeitermilieus. Schon vor seiner Geburt fällt sein Vater im Ersten Weltkrieg. Sein Stiefvater kämpft mit den Dämonen des Krieges und lässt es oftmals an dem Stiefsohn aus. Doch Otto ist zäh und ehrgeizig. Er will raus aus dem Hinterhof.

Als er Sala begegnet, ändert sich sein Leben. Jean, Salas Vater, ist ein Freigeist und ein Forscher. Seine Bibliothek steht Otto offen. Salas Eltern sind geschieden. Otto ist auf dem Weg Arzt zu werden, als die Nationalsozialisten an die Macht gelangen. Sala ist Halbjüdin, auch wenn sie mit der mütterlichen, jüdischen Seite keinerlei Verbindung hat und somit auch nicht zu dem Glauben. Als das Leben für Juden gefährlicher wird, schickt ihr Vater sie zu ihrer Mutter nach Madrid. Damit beginnt Salas jahrelange Reise, die sie von Madrid zu ihrer Tante nach Paris, zurück nach Leipzig bis nach Buenos Aires führt. In diesen heimatlosen Jahren hält sie der Gedanke an Otto aufrecht. Irgendwann…ja irgendwann wird ihr Leben kommen.

Christian Berkel erzählt die Geschichte seiner Eltern und Großeltern. Dabei wechselt er zwischen den Zeiten. Er schildert das Vergessen seiner an Demenz erkrankten Mutter, mit welcher er immer wieder Gespräche über die Vergangenheit führt, um mehr über ihre Geschichte zu erfahren. Er erzählt von der Mutter, die sie in seiner Kindheit war und er erzählt von damals, wie seine Eltern aufwuchsen, von seinen Großeltern. Doch der Haupterzählstrang betrifft die Erlebnisse seiner Eltern in der Kriegszeit. Die Wechsel in Situationen der jetzigen Zeit sind für mich manchmal zu abrupt gekommen.

In eine wunderbare Sprache verpackt, versteht der Autor es, dem Leser ein Gefühl für die Protagonisten zu vermitteln, den Zeitgeist, die Ängste und die Hoffnungen. Neben den Hauptcharakteren sind es auch die mutigen, hoffnungsvollen und schimmernden Nebenfiguren, die dem Roman Wirklichkeit verleihen. Es ist ein bewegendes Stück Zeitgeschichte, das in diesem Buch erzählt wird. Und es macht vor allem deutlich wie viel Freiheit die Menschen ab 1933 eingebüßt haben, wie kalt und grausam das Regime war und wie viele Leben darunter leiden mussten. Ich kann diesen Roman nur empfehlen!

http://www.ullstein-buchverlage.de/nc/details/der-apfelbaum-9783550081965

Töchter

Töchter Buchcover

Lucy Fricke

Eine Reise, die dahin führt, wo es weh tut und wo alles wieder heil werden kann. Urkomisch, todtraurig und voller Leben. Ein gelungener Roman über die Tücken des Lebens Lesenswert!

Betty und Martha, zwei Frauen in der Mitte ihres Lebens, sind im Laufe ihrer Freundschaft durch alle Hochs und Tiefs gemeinsam gegangen. Als Marthas Vater Kurt, zu dem sie erst seit wenigen Jahren wieder regelmäßigen Kontakt hat, seine Tochter bittet, ihn zum Sterben in die Schweiz zu fahren, ist es für Betty Ehrensache ihrer Freundin auf dieser Fahrt beizustehen. In Kurts altem Golf beginnen die drei eine Reise, die so ganz anders verläuft als geplant und unerwartete Erkenntnisse mit sich bringt.

Mit Humor und viel verzweifelten Lebensmut brechen die beiden Frauen mit dem todkranken, röchelnden Mann auf der Rückbank auf zu der letzten Reise. Doch der ursprüngliche Plan vom Tod in der Schweiz, wird alsbald über den Haufen geworfen. Ein Roadtrip ins Ungewisse beginnt. Der Weg führt sie durch die Schweiz, nach Italien und schlussendlich auf eine entlegene, griechische Insel. Zeitweise trennen sich ihre Wege sogar.
Betty, allein lebend, depressiv, ist auf der Suche nach dem italienischen Exfreund ihrer Mutter, der vor fast 30 Jahren ohne Abschied aus ihrem Leben verschwunden ist. Die einzige Vaterfigur, die Betty je hatte. Kurt blüht am Largo Maggiore noch einmal auf. Martha versucht an der gesamten Situation nicht zu verzweifeln.

Eine Geschichte über die Fehler der Eltern, über das Verzeihen und die Tücken des Lebens im Allgemeinen. Lucy Fricke zeichnet ein Portrait zweier Frauen, die sich ihrer Kindheit stellen, um sich endlich aus der Vergangenheit befreien zu können.

Eine 100% Romanempfehlung. Manchmal ist die Erzählung unheimlich komisch und manchmal absurd und manchmal einfach nur tragisch. Ich habe das Buch kaum aus der Hand legen können. Da steckt das Leben drin. Das oftmals nicht vorhersehbare Schicksal, das jeden von uns einmal erwischt. Welche Dinge lassen uns zu den Personen werden, die wir sind und was haben wir selbst in der Hand.

Zitat aus dem Roman:

Meine Liebe kannte keine Rache. Aber es hatte nicht gereicht. Ich musste ihm diese Geschichte nicht einmal glauben, um zu sehen, dass es mit dem Glück nichts geworden war.“

http://www.rowohlt.de/hardcover/lucy-fricke-toechter

Das Feld

Das Feld Buchcover
Robert Seethaler

Wenn Tote zu uns sprechen…ein eindringlicher, berührender, skurriler, menschlicher, wahrhaftiger Roman.

Das Feld, so nennen die Paulstädter ihren alten Friedhof. Täglich sitzt Harry Stevens dort auf der Holzbank unter der krumgewachsenen Birke. Er sinniert über die Toten und fragt sich, was sie wohl erzählen würden, hätten sie noch ein einziges Mal die Gelegenheit ihre Stimme zu erheben.

Und sie reden. Über ihre verpassten Chancen, über ihr Unglück oder glückliche Zeiten, über Begegnungen und Liebe, wie sie die Welt verlassen haben und über das Alter und den Tod. Der Roman ist voller Leben, auch wenn die Charaktere allesamt unter der Erde liegen. Sie erzählen von ihrer Stadt, von ihren Schicksalen und geben damit einen umfassenden Einblick hinter die Fassaden einer Kleinstadt.

Robert Seethaler nimmt uns mit in die Welt der Menschen, die ihr Leben hinter sich haben.Was ist nach dem Tod noch wichtig? Manche Geschichten berühren, manche lassen den Leser schmunzeln, doch alle sind wahrhaftig. Robert Seethaler versteht es das facettenreiche Leben mit all den kleinen Unzulänglichkeiten, Hoffnungen und Enttäuschungen in wundersame Worte zu verpacken. Ich konnte das Buch kaum aus der Hand legen. Es hat mich sehr bewegt und ich kann es nur empfehlen

http://www.hanser-literaturverlage.de/buch/das-feld/978-3-446-26038-2

Unter der Drachenwand

Arno Geiger

1944. Wie lange dauert der Krieg noch, was kommt danach, wer wird es überleben? Tagebuchähnlich erzählt, gibt der Roman Einblicke in die Gefühlswelt eines jungen Soldaten, der in einem österreichischen Dorf nahe der Drachenwand seine Verwundung auskuriert und langsam wieder beginnt selbstbestimmt zu leben.

 

1944 läutet das Ende des Krieges ein. Doch wann kommt das Ende und wie wird es aussehen? Veit Kolbe, ein junger Soldat, verwundet in Russland, ist auf Heimaturlaub, um sich auszukurieren. Fünf Jahre Front haben ihm alle Illusionen geraubt. Wird er jemals ein selbstbestimmtes Leben führen, in dem er eigene Entscheidungen treffen kann?

Nach seiner schweren Verwundung bekommt Veit Kolbe Heimaturlaub und fährt zu seinen Eltern nach Wien. Seit fünf Jahren ist er Soldat. Zuvor war er Schüler. Mittlerweile zweifelt er an einer selbstbestimmten Zukunft, fühlt sich um diese Jahre betrogen. Die Erfahrungen an der Front lassen ihn an dem Regime zweifeln. Häufig gerät er mit seinem Vater, einem überzeugten Nationalsozialist, aneinander. Deshalb beschließt Veit in das kleine Dorf Mondsee umzusiedeln. Dort ist sein Onkel Polizist und beschafft ihm eine Unterkunft. In diesen Monaten in Mondsee erfährt Veit erstmals so etwas wie ein normales, erwachsenes Leben. Er findet einen Freund, den „Brasilianer“, welcher davon träumt ein weiteres Mal nach Südamerika zu reisen, um dann dort zu bleiben. Und Veit findet eine Frau, Margot aus Darmstadt, die er lieben lernt. Im Laufe 1944 rückt die Front näher heran. Das letzte soldatische Aufgebot wird verpflichtet. Wie lange kann er sich noch auf seine Verletzung berufen?

Eindringlich schildert Arno Geiger die Gefühlswelt dieses jungen Mannes, der es leid ist, sein Leben für eine Sache zu opfern, an die er längst nicht mehr glaubt. Er fühlt sich um sein Leben und seine Träume betrogen. Geplagt von schrecklichen Bildern des Erlebten, kämpft er mit Angstzustände und Panikattacken.

Neben Veit Kolbes tagebuchähnlichen Erzählungen, geben auch die Briefe von Margots Mutter aus Darmstadt Einblicke in das tägliche Leben. 1944 verstärken sich die Luftangriffe und die Front kommt näher.

Auch über das tragische Schicksal eines aus Wien stammenden, verschickten Mädchens und dessen Familie berichtet der Roman.

Die Briefe des Wiener Juden Oskar Meyer, der nach Budapest flieht und dort vom Nationalsozialismus wieder eingeholt wird, stechen aus der Erzählung heraus und haben sich mir nicht erschlossen. Oskar Meyer steht für mich in keinerlei Verbindung zu den anderen Figuren. Natürlich ist auch sein Schicksal es wert erzählt zu werden, doch sein Auftauchen in dem Roman erklärt sich nicht. Somit ist es jedes Mal eine Unterbrechung des Erzählflusses, wenn er zu Wort kommt. Die einzige Verbindung, die ich erkennen konnte, ist der gleiche Wiener Bezirk, aus dem die meisten Figuren stammen.

Mich hat die Geschichte tief berührt. Sich bewusst zu machen, wie sehr der Lauf der Geschichte einzelne Lebensläufe beeinflusst hat. Veit Kolbes Angstzustände und seine Hoffnung auf das Kriegsende, sind eindringlich und realistisch geschildert. Ich habe mit ihm gehofft, dass er es schafft sich weiter „zu drücken“. In den Bemerkungen auf den letzten Romanseiten erfährt der Leser, was aus den Protagonisten geworden ist.

Alles in allem ein empfehlenswerter und berührender Roman, der vom Alltag, mit all seiner Brutalität und Normalität, der Menschen im Jahr 1944 erzählt.