Wenn du mich heute wieder fragen würdest

Wenn du mich heute wieder fragen würdest ist ein besonderer Familienroman. Zwei Familien, Nachbarn, die durch ein schreckliches Schicksal und die Liebe miteinander verbunden sind
Ein besonderer Familienroman
Mary Beth Keane

aus dem amerikanischen Englisch übersetzt von Wibke Kuhn

erschienen im Eisele Verlag, 2020

Rezension

Kurzmeinung

„Wenn du mich heute wieder fragen würdest“ ist ein einfühlsamer, bewegender Roman über zwei Familien, der die Frage aufwirft, wie viel Schuld der Einzelne an seinem Schicksal trägt.

Inhalt

Francis und Brian, frisch von der Polizeiakademie, werden Kollegen bei der New Yorker Polizei. Fast zeitgleich gründen sie eine Familie und ziehen zufällig in den kleinen Vorort Gillam in benachbarte Häuser. Francis und Lena Gleeson bekommen drei quirlige Mädchen und führen ein glückliches Familienleben. Brian und Anne Stanhope haben einen Sohn. Schon kurz nach Peters Geburt beginnt es in der Ehe zu kriseln.

Anne ist sehr reserviert und blockt jeden nachbarschaftlichen Kontakt ab, sodass sich die Familien aus dem Weg gehen. Nur die gleichaltrigen Kinder Kate und Peter sind unzertrennlich. Diese Freundschaft ist Anne Stanhope ein Dorn im Auge und sie versucht Peter von Kate fernzuhalten, erfolglos. Anne leidet zunehmend unter der unglückliche Ehe und ihren psychischen Stimmungsschwankungen. Als Peter und Kate zu Teenagern heranwachsen verändert sich ihre Freundschaft. Sie verlieben sich ineinander. Anne versucht es mit allen Mitteln zu verhindern. Sämtliche, seit langer Zeit schwelenden Probleme, drängen nun mit aller Macht an die Oberfläche. Als die Situation eskaliert, ändert ein kurzer Moment das Leben beider Familien von Grund auf und scheinbar endgültig.

Handlung

Die Geschichte „Wenn du mich heute wieder fragen würdest“ beginnt 1973, kurz nachdem Francis Gleeson aus Irland nach New York kommt und dort Polizist wird. Er lernt die italienisch-polnisch stämmige Lena kennen und heiratet sie. Von seinem Kollegen Brian erfährt er von dem Gillam, einem ruhigen Vorort, der sich perfekt für Familien eignet. Einige Zeit nachdem sich Francis und Lena dort ein Haus gekauft haben, zieht auch Brian mit seiner Frau Anne dorthin. Wie es der Zufall will direkt ins Nebenhaus.

Eigentlich könnte man annehmen, dass die jungen Familien sich anfreunden. Die Männer sind Kollegen, die Ehepaare im gleichem Alter, doch jeder Versuch von Lena Gleeson eine freundschaftliche Beziehung aufzubauen, wird von Anne Stanhope abgeschmettert. So bleiben die Stanhopes in dem kleinen New Yorker Vorort weitestgehend isoliert. Francis und Lena führen ein glückliches Familienleben.

Brian und Anne hingegen scheinen Probleme zu haben. Auch mit ihrem Kinderwunsch dauert es eine Zeit. Ihr einziger Sohn Peter findet schwer Kontakt zu anderen Kindern. Seine beste Freundin ist ausgerechnet die jüngste Tochter von nebenan. Peter ist ein stiller, zurückhaltender Junge. Kate hingegen ist wagemutig und aufgeweckt.

Die Eheprobleme der Stanhopes machen auch vor Peter nicht Halt. Zudem hat Anne immer öfter depressive Phasen, die Peter aufzufangen versucht. Sein Vater Brian ist ihm kaum eine Hilfe. Nichts von diesen Problemen dringt nach Außen.

Als Peter und Kate sich kurz vor ihrem Highschool Abschluss ineinander verlieben, beginnt sich die Situation zwischen den Familien zuzuspitzen. Doch die Gleesons haben keine Ahnung davon, was bei den Stanhopes tatsächlich vor sich geht. Als Peter spät abends bei den Gleesons klopft, um die Polizei zu rufen, marschiert Francis wie selbstverständlich nach nebenan, um nach dem Rechten zu sehen. Nie hätte er für möglich gehalten, was ihn in dem Haus erwartet. Dieser Abend wird das Leben beider Familien grundlegend ändern. Auch die gerade aufblühende Liebe zwischen Kate und Peter findet an dem Abend ein jähes Ende. Ist es wirklich ein endgültiges Ende oder können Kate und Peter es schaffen, den scheinbar unüberbrückbaren Graben zwischen ihren Familien irgendwann zu überwinden?

Meinung

In dem Roman „Wenn du mich heute wieder fragen würdest“ begleiten wir zwei Familien über drei Jahrzehnte. Schnell wird deutlich, dass Anne unter schweren psychischen Problemen leidet, Brian dies jedoch konsequent ignoriert. Leidtragender ist Peter. Lange Zeit dringt nichts von diesen Problemen nach draußen. Auch als das Offensichtliche nicht mehr zu verbergen ist, bleibt es unter dem Deckmantel der Verschwiegenheit. Erst durch ein furchtbares Unglück löst sich die unerträgliche Situation bei den Stanhopes auf.

Die Heranwachsenden Kate und Peter werden abrupt auseinander gerissen und finden erst Jahre später wieder zueinander. Doch der Hass ihrer Familien sitzt tief. Erst müssen sie sich ihren Familien stellen und dann sich selbst, denn weder an Kate und schon gar nicht an Peter sind die damaligen Ereignisse spurlos vorbeigegangen. Jeder der Charaktere kämpft mit seinen Dämonen, die sich nicht einfach abschütteln lassen.

Die Autorin erzählt in „Wenn du mich heute wieder fragen würdest“ abwechselnd aus den unterschiedlichen Perspektiven ihrer Figuren. So bekommt der Leser Einblick in die Gedankenwelt und die Vergangenheit des jeweiligen Charakters. Der Roman erzählt seine Geschichte hauptsächlich chronologisch. Zeitsprünge entstehen durch die Erinnerungen der Figuren. Manches wird eher indirekt erzählt. Durch diese verschiedenartigen Erzählweisen, hält der Roman seinen Spannungsbogen über die 462 Seiten konstant aufrecht. Es ist die Feinfühligkeit des Buches, welche die Charaktere lebendig und authentisch wirken lässt. Zu keiner Zeit gibt es Schuldzuweisungen. Der Leser kann sich sein eigenes Bild machen.

Mary Beth Keane erzählt mit großer Sensibilität von zwei Familien und davon, wie sich das Leben in nur einem kurzen Moment grundlegend ändern kann. Trotz der fast unlösbaren Probleme, bleiben die Familien, vor allem durch Kate und Peter, miteinander verbunden.

Fazit

„Wenn du mich heute wieder fragen würdest“ ist einer der besten Romane, die ich in diesem Jahr lesen durfte. Von der ersten Seite an, hat mich die Geschichte gepackt. Besonders möchte ich die brillante Erzählweise hervorheben, die das Buch zu einem einzigen Lesevergnügen macht. Ich konnte mich gut in die Charaktere hineinversetzen.

Der Autorin ist es gelungen, die Entwicklung der Geschichte durch die abwechselnden Perspektiven nachvollziehbar zu inszenieren. Vor allem Anne, die auf mich zu Beginn arrogant und unsympathisch wirkt, konnte ich am Ende vieles verzeihen und Verständnis für sie entwickeln. Die Frage nach Schuld ist ein zentrales Thema in dem Buch. Was ist Schicksal, was die Summe der Entscheidungen und wer trägt die Schuld? Der Roman zeigt, dass es darauf nie nur eine Antwort geben kann, denn wir alle können die Zukunft nicht voraussehen. Manchmal muss man die Dinge nehmen, wie sie kommen und dann lernen damit umzugehen und zu verzeihen.

„Wenn du mich heute wieder fragen würdest“ ist ein außergewöhnlicher Roman, den ich nur empfehlen kann.

Ich bedanke mich bei „Was liest du“ und dem Eisele Verlag für die Möglichkeit der Teilnahme an der Leserunde.

Schatten der Welt

Schatten der Welt handelt von drei Freunden, die versuchen ihren Platz in der Welt zu finden. Kurz vorm Beginn des Ersten Weltkrieges scheint das Glück zum Greifen nah.
Schatten der Welt Buchcover
Andreas Izquierdo

erschienen im Dumont Verlag 2020

Rezension

Kurzmeinung

Großartige, eindrucksvolle Erzählung über Freunde, Mut, Träume und ein schonungsloser Blick auf Eitelkeiten und Standesdünkel.

Inhalt

Thorn, ein Ort in Westpreußen. Dort bestimmt im Jahr 1910 die preußische Ordnung das gesellschaftliche Leben und man ist kaisertreu. Der dreizehnjährige Carl Friedländer, Sohn des Schneiders, ist ein nachdenklicher, sensibler Junge. Mit seinem Vater verbindet ihn ein liebevolles Verhältnis. Oft schwelgt dieser in Erinnerung und erzählt von der Zeit, als er die beste Schneiderei Rigas besaß und Carls Mutter noch lebte. Carls bester Freund ist der um ein Jahr ältere Artur. Ein hochgewachsener, stämmiger Bursche, der sich Respekt verschafft. Er strebt nach Besserem, als dem ärmlichen Dasein seiner Familie.

Eines Tages lernen die beiden jungen Männer Isi kennen. Die Tochter eines Lehrers ist klug, ehrgeizig und mit allen Wassern gewaschen. Das Trio will eine bessere Zukunft, raus aus den jetzigen Verhältnissen, weg vom Joch der Eltern und der preußischen Disziplin. Die geschäftstüchtigen sind in erster Linie Artur und Isi, mit einer Spur Skrupellosigkeit. Sie beißen sich durch und gründen ein florierendes Unternehmen. Carl ist weniger Geschäftsmann als Künstler. Obwohl er am Unternehmen beteiligt ist, nutzt er seine Chance und lässt sich zum Fotografen ausbilden.

Es scheint, als würde ihr Plan vom besseren Leben aufgehen, bis der Ausbruch des Ersten Weltkrieges alles zunichte macht. Mit einem Schlag gibt es kein Geschäft mehr. Die Freunde werden auseinandergerissen. Carl und Artur sind nun Soldaten. Carl wird als Kriegsfotograf eingeteilt, somit bleibt ihm die vorderster Front erspart. Artur kommt an die Ostfront. Nur Isi bleibt in Thorn zurück und muss sich dort gegenüber ihrem gewalttätigen Vater und den Machenschaften des Großbauerns zur Wehr setzen.

Der Krieg zwingt die Freunde sich auf eigene Faust durchzuschlagen. Es ist ungewiss, ob sie sich je wiedersehen und ob sich ihr Wunsch von einem besseren, selbstbestimmten Leben jemals erfüllen wird.

Meinung

Mit dem Roman „Schatten der Welt“ gelingt dem Autor Andreas Izquierdo ein umfassendes Portrait jener strengen, preußischen Vorkriegsjahre und der Willkür des Ersten Weltkrieges zu zeichnen. Die drei Protagonisten, allen voran der sensible Carl, kommen aus ärmlichen Verhältnissen. Im damaligen Preußen gab es für die untere Klasse wenig Hoffnung, auf Veränderung ihrer Lebensumstände. Die moderne Technik bot da einen Ausweg. Man musste nur klug genug sein, um seine Chance zu ergreifen. Genau das tut der clevere Artur.

Und tatsächlich scheint es, als ob die drei jungen Leute ihr Ziel erreichen. Bis der Krieg ihren Erfolg wieder zerstört. Plötzlich sehen sie sich einem sinnlosen Morden und erbarmungslosen Hunger gegenüber. An der Front sind die gesellschaftlichen Zustände wie gehabt. Das Sagen haben Adel und Großgrundbesitzer. Isi kämpft an der Heimatfront gegen Lebensmittelknappheit und die mächtigen Landbesitzer, die Profiteure des Krieges sind.

Auf über 500 Seiten erzählt der Roman von drei jungen Leuten, die ein Ziel verfolgen; ihr Leben selbstbestimmt gestalten zu können. Die Geschichte handelt von ihren Träumen, von ihrem Kampf gegen die Obrigkeit und die eigne Familie, aber auch von Freundschaft und den Mut etwas zu riskieren. Schonungslos wird sowohl der Umgang mit Dienstpersonal geschildert als auch die gesellschaftliche Rolle der Frau offengelegt, die in dieser Zeit wenige Rechte hat. Das Korsett der preußischen Ära ist eng, Titel sind alles.

Während des Krieges kämpft Artur an der Ostfront. Seine Erlebnisse werden detailgetreu wiedergegeben, sodass der Leser das Grauen der Schlachtfelder vor Augen hat. Das grausame, wahllose Morden und das Verheizen einer ganzen Generation, lässt der Autor in einer bildreichen Sprache auferstehen. Besonders herausheben möchte ich Carls Rolle während des Krieges. Als Fotograf und später als Filmregisseur schafft er Propagandabilder, die bis heute oftmals für bare Münze genommen werden. Doch es sind vielfach reine Inszenierungen. Der Erste Weltkrieg war ein Propagandakrieg. Carl verliert sich in seinen Inszenierungen und will diese weiter optimieren, ohne Bewusstsein dafür, was er tut. Seine Wandlung zu verfolgen, die dann jäh stoppt und Carl durch schreckliche Ereignisse wieder zu sich selbst findet, ist dem Autor fabelhaft gelungen.

Isi, die Dritte im Bunde, hat es ohne ihre beiden Freunde zu Hause in Thorn schwer. Sie ist eine emanzipierte, junge Frau, die sich durch ihr rebellisches Wesen immer wieder in Schwierigkeiten bringt. Ihr unbeugsamer Mut, den sie oftmals an den Tag legt, verlangt Respekt. Ab und an hoffte ich, sie würde es diesmal nicht bis zum Äußersten ausreizen, trotzdem konnte ich ihr Tun und ihre Wut nachvollziehen.

Jeder der drei Freunde hat in diesen Kriegsjahren viele entsetzliche Dinge erlebt. Das Romanende lässt Hoffnung aufkeimen, dass Carl, Artur und Isi eines Tages wieder zusammen finden.

Fazit

Das Buch ist ein außergewöhnliches Stück Zeitgeschichte. Der Erzählbogen hält über die vielen Seiten seine Spannung aufrecht. Sein leichter, detaillierter Schreibstil führte mich in die Welt von Thorn. Besonders mochte ich die eingebauten Cliffhänger, die immer vorab erahnen ließen, dass da noch was kommt. Trotz vieler Ungerechtigkeiten und tragischen Momenten, habe ich auch oft gelacht. Vor allem aufgrund der Versessenheit einen Titel verpasst zu bekommen und der Unverfrorenheit der jungen Hauptfiguren. Ich habe das Buch nur ungern für eine Lesepause aus der Hand gelegt. Auch die Geschichte von Carl, Artur und Isi wird mich noch einige Zeit beschäftigen. Mich hat der Roman vollends gefangen genommen und begeistert. Ich kann diesen Roman uneingeschränkt empfehlen. Und ich freue mich sehr auf die Fortsetzung!

Links zum Buch

https://www.lovelybooks.de/autor/Andreas-Izquierdo/Schatten-der-Welt-2572237037-w/

Baba Dunjas letzte Liebe

Alina Bronsky
Baba Dunjas letzte Liebe Buchcover
Buchcover Baba Dunjas letzte Liebe
Alina Bronsky

Erschienen im Kiepenheuer & Witsch Verlag, 2020

Rezension

Kurzmeinung

Baba Dunjas letzte Liebe erzählt schnörkellos, mit viel Empathie die Geschichte einer mutigen alten Frau, die der Gesellschaft trotz, um selbstbestimmt zu leben.

Handlung

Baba Dunja ist in ihre Heimat zurückgekehrt, wohl wissend, welche Auswirkungen es haben würde. Denn ihre Heimat liegt in der Todeszone von Tschernobyl. Dort hat sie ihr Leben verbracht, ihre Kinder groß gezogen und nun möchte sie an diesem Ort ihre letzten Jahre verbringen. Im Garten hinter ihrem Haus baut sie Obst und Gemüse an.

Nur selten nimmt sie den beschwerlichen Weg in die nächstgelegene Großstadt auf sich, um einzukaufen. Mit Baba Dunja kamen auch andere Bewohner zurück, um in aller Ruhe, fernab der Welt, ihren Lebensabend zu genießen. An einem Sommertag versetzt die Ankunft von zwei Fremden die beschauliche Gemeinde in Aufruhr. In dieser heiklen Situation trifft Baba Dunja abermals eine mutige Entscheidung, damit alle Bewohner weiterhin an diesem Ort leben können.

Meinung

Voller Feingefühl und mit einfachen, aber wirkungsvollen Worten beschreibt die Autorin Alina Bronsky das Leben der Bewohner in der Todeszone, in die sich kaum ein Mensch ohne Schutzausrüstung wagt. Alle eint der Wille eines selbstbestimmten Lebens, auch wenn sie damit auf Kontakte zur Außenwelt, ja sogar zu ihren Kindern, verzichten müssen.

Die meisten haben schon vor 1986, dem Jahr des Reaktorunglücks, in Tschernobyl gewohnt und kehren nun als alte Leute zurück. Abgeschnitten vom Weltgeschehen führen sie ein beschauliches Leben. Baba Dunja war die erste, die zurückkehrte und hat dadurch eine gewisse Bekanntheit erlangt. Von den anderen Bewohnern wird sie als eine Art Bürgermeisterin betrachtet. Sie selbst hält sich für unbedeutend. Wir erfahren einiges aus Baba Dunjas Leben, über ihre Arbeit, ihren Mann und ihre beiden Kinder.

Fazit

Es ist ein berührendes Buch über eine starke Frau, die auch im hohen Alter mutig und unbeirrt ihren Weg geht. Ich habe jede Seite genossen, denn der Roman ist voller Poesie und Lebensklugheit. Meinen Lesegeschmack hat diese Geschichte vollends getroffen. Absolute Leseempfehlung!

Der Empfänger

Romancover Der Empfänger von Ulla Lenze
Ulla Lenze

Ein Stück Zeitgeschichte, verpackt in eine großartige, szenische Romanerzählung. Beeindruckend!

Der Rheinländer Josef Klein, Mitte der 1920iger Jahre in die USA ausgewandert, lebt im New Yorker Viertel Harlem. Dort genießt Josef das multikulturelle Essen ebenso wie den Jazz. Sein Geld verdient er in einer Druckerei. Privat ist er ein begeisterter Amateurfunker. Mit seinem Funkgerät holt er sich die ganze Welt zu sich nach Hause.

Durch seine Arbeit in der Druckerei rutscht Josef in deutschnationale Kreise hinein. Denn auch in den USA findet das deutsche Naziregime immer mehr Anhänger. Obwohl Josef versucht sich von diesen Leuten fern zu halten, schafft er es nicht, sich deren Einfluss zu entziehen. So kommt es, dass Josef für die deutschen Nationalsozialisten als Funker tätig wird. Zu spät erkennt er, auf was er sich tatsächlich eingelassen hat. Es könnte sein freies New Yorker Leben mit einem Schlag zerstören.

Die Autorin Ulla Lenze greift ein kaum beschriebenes Thema auf. Die deutsche Nazibewegung in den USA, speziell in New York. Josef fühlt sich nach fünfzehn Jahren in New York mehr als Amerikaner denn als Deutscher. Dennoch wird er in die Machenschaften der deutschen Spionage hineingezogen.

Josef ist arglos und völlig naiv. Auf der Suche nach einer Arbeit, bei der er sein Hobby, den Amateurfunk, zum Beruf machen kann, rutscht er immer tiefer hinein. Dabei ist er das totale Gegenteil eines Nazis. Er mag die verschiedenen Kulturen, er liebt den schwarzen Jazz und er ist gerne mit der ganzen Welt vernetzt. Dennoch schafft Josef den Absprung nicht, sich aus den deutschen Kreisen zu lösen. Erst als er die Bedrohung für seine Freiheit erkennt, sucht Josef nach einem Ausweg. Zu spät. Viel zu tief ist er mittlerweile in die deutsche Sache verstrickt und bereits im Visier des FBIs. Dabei möchte Josef, wie er selbst sagt, niemand sein, er genügt sich selbst.

Zurück in Deutschland bemerkt man Josefs Unruhe. Er fühlt sich eingeengt in die familiären Strukturen. Es fällt ihm schwer mit seinem Bruder Carl über den Grund seiner Inhaftierung zu reden. Josef schweigt und gibt nur das nötigste Preis. Das führt zu starken Konflikten. Carl, obwohl in Deutschland geblieben, hatte weniger Berührungspunkte mit den Nazis als Josef in New York. Und die Verbindungen zu den Nazis sind nicht abgerissen, denn Josef möchte nicht in Deutschland bleiben, er will zurück und das kann er nur mit den alten Kontakten schaffen.

Ulla Lenze erzählt die Geschichte eines deutschen Auswanderers, der Jahre lang fast unsichtbar in der Großstadt New York lebt und plötzlich ungewollt von seinem Heimatland in die Pflicht genommen wird. Die Autorin hat eine großartige, szenische Erzählweise und lässt immer wieder bedeutsame Informationen in den Text einfließen. Für den Leser heißt es, mitdenken und aufmerksam sein. Vieles wird nicht unbedingt ausgesprochen, nur angedeutet. Ihr Schreibstil macht es möglich ganz in die Geschichte einzutauchen. Gerade den Charakter Josef habe ich gut nachvollziehen können. Seine Gedanken, sein sich selbst genügen und seine Unfähigkeit sich zu wehren.

Je Kapitel wechselt die Geschichte zwischen den Zeiten. In erster Linie zwischen New York 1939/1940 und Neuss 1949. Der Roman baut seine Spannung langsam auf, fast nebenbei. Ich habe ihn sehr schnell gelesen, weil ich wissen wollte, wie es weitergeht und konnte ihn nur schwer aus der Hand legen. Jedem Leser, der Interesse an Geschichten hat, die einen solchen historischen Hintergrund beleuchten, lege ich diesen Roman ans Herz. Eine großartige, und faszinierende Erzählung.

Ich bedanke mich bei Lovelybooks und dem Klett-Cotta Verlag, dass ich an der Leserunde teilnehmen durfte!

Links zum Buch

https://www.klett-cotta.de/buch/Gegenwartsliteratur/Der_Empfaenger/112104

https://www.deutschlandfunkkultur.de/ulla-lenze-der-empfaenger-signale-die-nicht-geortet-werden.950.de.html?dram:article_id=470794

Keiner hat gesagt, dass du ausziehen sollst

Romancover Nick Hornby Keiner hat gesagt, dass du ausziehen sollst

Eine Ehe in zehn Sitzungen

Nick Hornby

Schlagfertige Dialoge. Eheprobleme amüsant und erfrischend angepackt.

In der Ehe von Lousie und Tom steht es gerade nicht zum Besten. Tom ist arbeitslos und Louise ist fremdgegangen. Sie reden aneinander vorbei und stecken fest. Für Louise ist mit Mitte vierzig das Leben nicht vorbei. Um herauszufinden, wie sie ihre Ehe wieder auf Kurs bringen können, machen sie eine Paartherapie.

Jede Woche treffen sich die Eheleute vor der Therapie im gegenüberliegenden Pub. Während sie im Pub sitzen und warten, diskutieren sie über ihre Beziehung.

Voller Humor und schlagfertigen Dialogen lässt Nick Hornby seine Protagonisten auf einander los. Zehn Mal treffen sich Louise und Tom im Pub und sagen freiheraus, was sie an ihrer Ehe und dem anderen stört. Dabei geht nicht um die große Liebe oder Romantik, es geht um das alltägliche Leben. Sie erörtern Fragen, wieso sie überhaupt zusammen gekommen sind, warum sie keinen Sex mehr haben und warum wer wie für bzw. gegen den Brexit gestimmt hat.

Die Dialoge, aus denen das Buch hauptsächlich besteht, sind witzig und dennoch gibt es auch viel Tiefgang. Bis zum Schluss war mir nicht klar, wie es ausgeht. Aber auch das Ende ist weder romantisch noch tragisch, sondern ein aufmunterndes Augenzwinkern. Eine lange Beziehung funktioniert nicht ohne Humor und den hat Nick Hornby auf seine unvergleichliche Weise wieder fabelhaft gezeigt.

Es hat mir richtig Spaß gemacht die Treffen im Pub zu begleiten. Ja, ich hatte Spaß beim Lesen und habe manches Mal lachen müssen. Nick Hornby findet den richtigen Ton und das richtige Maß von dem, was er uns Lesern mitteilt. Die 158 Seiten erzählen kurz und knackig alles, was relevant ist. Der Rest obliegt dem Leser. Bis zur letzten Seite ist es eine amüsante und erfrischende Erzählung. Einfach großartig.

Links zum Buch:

https://www.kiwi-verlag.de/buch/nick-hornby-keiner-hat-gesagt-dass-du-ausziehen-sollst-9783462054101

https://www.deutschlandfunkkultur.de/nick-hornby-keiner-hat-gesagt-dass-du-ausziehen-sollst-der.950.de.html?dram:article_id=471739

https://lesepartie.de/juliet-naked/

Und jeden Morgen das Meer

Buchcover Und jeden Morgen das Meer



Und jeden Morgen liegt es wieder da, das Meer, in seiner unendlichen Gleichgültigkeit.“
Karl-Heinz Ott

Eine starke Erzählung über Erfolg und über das Scheitern. Was bleibt vom Leben übrig?

Jeden Morgen steht Sonja Bräuning an den walisischen Klippen und schaut auf das ungestüme Meer. Einst führte sie mit ihrem Mann Bruno den Lindenhof, ein angesehenes Sternerestaurant am Bodensee. Doch vom einstigen Erfolg ist nichts mehr übrig. Nachdem ihr Mann den Stern verlor ging es bergab mit dem Restaurant und dem Hotel und vor allem mit ihm selbst. Nun ist er Tod und sie war allein mit dem heruntergewirtschafteten Gastronomiebetrieb und den Schulden. Ihr Schwager Arno übernimmt alles, auch die Schulden, dafür muss sie auf alles verzichten. In einem Alter, in dem andere in Rente gehen, ist Sonja Bräuninger gezwungen von vorne anzufangen. Ein Hostel in Wales bietet ihr die Einsamkeit, die sie braucht, um ihr Leben zu verstehen.

Der Roman ist beim Hanser Verlag erschienen. Auf seinen knapp über 100 Seiten erzählt der Autor Karl-Heinz Ott von einer Frau, die für ihren Gastronomiebetrieb gelebt hat und nach dem Tod ihres Mannes vor einem Scherbenhaufen steht. Alles was sie sich ein Leben lang aufgebaut hat, ist verloren.

In Wales, weit ab von allem, versucht sie Frieden zu finden. Aus der gegenwärtigen Perspektive schaut sie zurück auf bewegte Jahre. Der Roman erzählt das Leben seiner Hauptfigur in kurzen Rückschauen. Es sind Sonjas Gedanken, in die wir, als Leser, eintauchen. Mal erinnert sie sich an ihre Kindheit, mal an ihre erfolgreiche Zeit, als der Lindenhof zu den ersten Adressen gehörte, dann wieder an ihre Ausbildung in der Schweiz.

Ohne Mitleid, dafür gnadenlos ehrlich erzählt der Roman vom Scheitern und vom Weitermachen. Jeden Morgen steht Sonja Bräuning an den Klippen und schaut auf das Meer, nur ein Schritt, wäre ein Schritt zu weit. Sie hat einen weiten Weg zurückgelegt und ist sich darüber bewusst, dass sie ihr Schicksal immer noch selbst in den Händen hält. Ein starker Roman, der mir sicher im Gedächtnis bleiben wird.

Links zum Buch:

https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/und-jeden-morgen-das-meer/978-3-446-25995-9/

https://www.deutschlandfunkkultur.de/karl-heinz-ott-und-jeden-morgen-das-meer-detailreich-und.1270.de.html?dram:article_id=427234

Bielefelder Literaturtage https://lesepartie.de/und-jeden-morgen-das-meer/

Die Nähmaschine

Das Buchcover Die Nähmaschine
in Szene gesetzt
Natalie Fergie

Ein gelungener, hoffnungsvoller Roman, der seine Erzählstränge sehr geschickt und unterhaltsam miteinander verflechtet.

Die junge Jean arbeitet 1911 in den Singer Werken in Clydebank. Sie prüft die fertiggestellten Nähmaschinen, bevor diese ausgeliefert werden. Bis es zum großen Streik kommt. Jeans Verlobter Donald ist einer der Streikführer. Als nach zwei Wochen der normale Arbeitsbetrieb wieder aufgenommen wird, verliert Donald seine Arbeit. Gemeinsam mit Jean wagt er einen Neuanfang in Edinburgh. An ihrem letzten Arbeitstag versteckt Jean eine Nachricht in einer der Nähmaschinen.

Kathleen und ihre Tochter Connie sind geschickt im Umgang mit ihrer alten Nähmaschine der Marke Singer. Sie halten alle Arbeiten, die sie auf dieser Nähmaschine ausführen penibel in Notizbüchern fest.

Diese Notizbücher fallen Fred in die Hände, als er nach dem Tod seines Großvaters dessen Wohnung in Edinburgh ausmistet. Auf der ersten Seite des allerersten Notizbuches findet er einen vergilbten Zettel mit einer Nachricht drauf. Fasziniert von den Büchern und der sehr alten, aber funktionstüchtigen Nähmaschine, versucht auch er sich am Nähen.

Der Roman „Die Nähmaschine“ ist im Wunderraum Verlag erschienen. Die Geschichte handelt von einer Nähmaschine, die nach dem großen Streik in den Singer Werken die Fabrik 1911 mit einer kurzen Nachricht verlässt. Der Roman teilt sich in vier Geschichten auf, die jeweils in anderen Zeiten spielen. Je Kapitel springt die Geschichte zwischen den Zeiten. Es beginnt 1911 mit der Geschichte von Jean und Donald, macht einen Sprung in die 1950iger Jahre zu Kathleen und Connie und führt uns immer wieder in das Jahr 2016, in dem Fred nach dem Tod seines Großvaters Ordnung in dessen Wohnung bringt. Die erste Hälfte des Romans beschäftigt sich in erster Linie mit den Lebenssituationen dieser Charaktere. Ab der zweiten Hälfte kommt Ruth hinzu, die 1980 kurz vor ihrem Ausbildungsende als Krankenschwester steht. Alle Erzählstränge finden zum Ende des Buches zusammen und berichten von schwierigen als auch von glücklichen Zeiten. Alle eint die Passion zu nähen und zwar auf einer alten Singer Nähmaschine.

Die Autorin Natalie Fergie, selbst begeisterte Näherin, hat mit diesem Roman der Nähmaschine ein Denkmal gesetzt. Einer Maschine, die noch heute aus vielen Haushalten kaum wegzudenken ist. Flicken, umnähen, neu nähen, etwas erschaffen – eine Nähmaschine macht vieles möglich. Auf kluge und unterhaltsame Weise verflechtet die Autorin die unterschiedlichen Schicksale miteinander. Es ist für den Leser keineswegs auf den ersten Blick zu erraten wie die Zusammenhänge aussehen. Für mich sehr erfrischend, dass die Geschichte fast bis zum Ende hin undurchschaubar bleibt. Meiner Ansicht nach ist der Autorin eine hervorragende, hoffnungsvolle Erzählung über das auf und ab im Leben gelungen.

Links zum Buch:

https://www.randomhouse.de/Buch/Die-Naehmaschine/Natalie-Fergie/Wunderraum/e544144.rhd

https://www.buechereule.de/wbb/thread/100505-natalie-fergie-die-naehmaschine/

Die Toten Hosen

Buchcover die Toten Hosen aus der Reihe KIWI Musikbibliothek
Thees Uhlmann

Beste Unterhaltung! Wahrhaftig und komisch, aus dem Leben erzählt.

Autoren schreiben über ihre Lieblingsmusik. Das ist das Konzept der KiWi Musikbibliothek. Im Fall von Thees Uhlmann schreibt ein Autor und Musiker über seine Lieblingsband; Die Toten Hosen.

Wer nun eine Art Bandbiografie oder zahlreiche Insider Anekdoten in diesem Buch erwartet, liegt falsch. Es ist ein, wie ich finde, höchst persönliches Buch vom Autor.

Alles beginnt mit einem Zettel am Schwarzen Brett der Schule. Wer Lust hat zum Toten Hosen Konzert nach Hamburg mitzukommen, soll sich in die Liste eintragen. Es ist 1988 und der 14-jährige Thees Uhlmann trägt sich ein. Es wird sein aller erstes Konzert werden.

In dem Buch erzählt Thees Uhlmann von Erlebnissen, die auf vielfältige Weise mit den Toten Hosen zu tun haben. Es handelt von Begegnungen mit Menschen, von besuchten oder eigenen Konzerten, von der Jugend und vom Fan sein. Die Mitglieder der Toten Hosen an sich tauchen wie Alfred Hitchcock in seinen Filmen, nur am Rande des Geschehens auf. Sie laufen kurz durch die Szene und sind schon wieder weg.

Manche Passagen sind herrlich ehrlich. Ich habe beim Lesen zahlreiche Male sehr lachen müssen. Kein Auslachen, sondern ein Mitlachen. Ich muss zugeben, dass ich das deutsche Projekt Band Aid völlig verdrängt hatte. Manchmal zählt das große Ganze eben mehr als alles andere. Auch ist es jedem mindestens schon einmal passiert, dass er eine Textstelle im Lied jahrelang total falsch verstanden und jedes Mal voller Überzeugung falsch mitgesungen hat. Die Erklärung, warum der Autor Hausboot herausgehört hat, finde ich großartig. Es sind diese fast alltäglichen Geschichten, die das Buch so unterhaltsam machen.

Ganz nebenbei zeigt das kleine, handlich Buch, was die Band Die Toten Hosen über die Musik hinaus auszeichnet. Sie sind nett und auch ich meine damit nicht die kleine Schwester von…, sondern tatsächlich nett. Ein gutes Beispiel hierfür ist der freundschaftliche Umgang mit ihren Musikerkollegen, die als Vorgruppen auftreten. Genau das überträgt sich auf das Publikum. Es wird nur eine gute Party, wenn man sie zusammen feiert. Und wenn die Toten Hosen eins wirklich meisterhaft können, dann ist es eine Party feiern, egal ob im kleinen Rahmen (SO36) oder im Stadion (Köln).

Genauso wie bei seinem vorherigen Roman schafft es Thees Uhlmann mit seiner klaren, wahrhaftigen Art seine Leser bestens zu unterhalten. Man muss kein Hosen Fan sein (mehr sein), um es zu lesen. Thees Uhlmann gibt Einblicke ins Musikerdasein, in sein Leben als Vater, Freund und Fan. Ich habe das Buch fast in einem Rutsch durchgelesen und es hat mich begeistert.

PS: Am 09.11.2008 spielten die Hosen im Ringlokschuppen (mittlerweile hat der Laden das „Ring“ gestrichen) ihr erstes Konzert der Mach Mal Lauter Tour. Und genau in dem Laden werde ich auch am 19.12.2019 sein und ich freue mich wahnsinnig auf den Abend!!!

Links zum Buch:

https://www.kiwi-verlag.de/buch/thees-uhlmann-thees-uhlmann-ueber-die-toten-hosen-9783462053692

https://www.kiwi-verlag.de/musikbibliothek

http://www.ghvc.de/index.php?id=theesuhlmann

https://www.dietotenhosen.de/magazin/thees-uhlmann

Schutzzone

Schutzzone das Buch
Nora Bossong

Dieser Roman nähert sich wichtigen Fragen des weltpolitischen Friedens in einer poetischen Sachlichkeit.

Während ihre Eltern die Trennung regeln, lebt die neunjährige Mira einige Monate in einer befreundeten Familie. Darius, Diplomat aus Familientradition, und seine Frau Lucia sowie deren 16 jähriger Sohn Milan nehmen das Mädchen freundlich auf. Vor allem Milan kümmert sich viel um Mira. Darius‘ Diplomatenleben, er ist oft unterwegs und reist an Orte, von denen die Kleine kaum etwas weiß, fasziniert Mira. Es ist das Jahr 1994 und Mira spürt nach Darius Heimkehr aus Ruanda, das sich etwas in der Familie verändert.

Jahre später beginnt Mira, voller Ideale, ihre berufliche Karriere bei der UN in New York. Darauf folgt eine Anstellung bei den Vereinten Nationen. Sie gilt als gute Zuhörerin und Vermittlerin. Aufgrund dessen wird sie nach Burundi geschickt, um dort die Wahrheitskommission zu leiten, die den Völkermord aufklären soll. Miras Glaube an den Nutzen der Institutionen, die sie dort vertritt, gerät in dieser Zeit ins Wanken. Sie stellt sich die Sinnfrage, ob UN und Vereinte Nationen tatsächlich etwas bewegen können? Mira wechselt nach Genf. Der Hauptsitz der Vereinten Nationen war Miras Traum, dort will sie sein.

Mira nimmt an den Gesprächsverhandlungen zur Zypernfrage teil. Es soll endlich eine Lösung für die geteilte Insel gefunden werden. Die schwierige Kompromissfindung setzt Miras Zweifeln weiter zu. Während eines Empfangs in Genf begegnet Mira Milan wieder. Milan quälen ähnliche Zweifel. Sie beginnen eine Affäre. Doch Milan ist verheiratet und Vater eines Sohnes. Er wird mit seiner Familie nach Den Haag ziehen und Mira muss eine Entscheidung treffen.

Der Roman „Schutzzone“ von Nora Bossong, erschienen im Suhrkamp Verlag, erzählt von einer Frau, die Kompromisse sucht, um Frieden herzustellen und Völkermorde zu verhindern. Jedoch muss sie erkennen, dass aller guter Wille manchmal nicht reicht und die einzig wahre Wahrheit nicht existiert. Auch ihre vermeintlich neutrale Verhandlungsposition kann Mira nicht in allen Situationen bewahren. Wir lernen eine Frau kennen, welche voller Sachlichkeit die großen Fragen der Zeit angeht, ihr Talent für den Frieden einsetzt und ihre Illusionen während zahlreicher Gespräche verloren hat.

Der Inhalt des Romans teilt sich fünf Abschnitten auf, die benannt sind nach FRIEDEN, WAHRHEIT, GERECHTIGKEIT, VERSÖHNUNG und ÜBERGANG. Weiterhin springt der Verlauf der Erzählung zwischen den Jahren und Orten hin und her. Einige Kapitel beschreiben ihr prägendes Leben im Jahr 1994 in Milans Familie, als Mira ein Kind ist. Wiederrum andere handeln von Miras Zeit in Bujumbura 2012, New York 2011 sowie in Genf 2017. So erfährt der Leser stückchenweise etwas über Miras Leben.

Ich habe mir für den Roman Zeit genommen, weil ich aus rein persönlichem Interesse viele Hintergründe nachgelesen habe. Der Roman an sich ist schlüssig, sodass es jedem selbst überlassen bleibt, darüber hinaus zu recherchieren. Die Figur der Mira hat mich gleich für sich eingenommen. Mira ist ein vielschichtiger Charakter. Manchmal wirkt sie zerbrechlich, fast verloren und dann wiederum stark und selbstbewusst. Ihre Stärke zeigt sich für mich noch einmal deutlich am Buchende.

Besonders hervorheben möchte ich den wundervollen literarischen Schreibstil der Autorin Nora Bossong. Manche Abschnitte habe ich mehrmals gelesen, weil die Beschreibungen mich sehr berührt haben. Als Beispiel heißt es auf der Seite 278: „[…]Ihre Hände waren sehnig und vertrocknet,eher wie etwas, auf dem Hund herumbissen, als das, was zugreift, streichelt, auf Dinge zeigt“. Die Sprache, welche die Autorin für diese Geschichte nutzt, ist melancholisch und hoffnungsvoll zugleich. Ein außergewöhnlicher Roman, der es schafft, die Frage nach weltweitem Frieden und die Suche nach Kompromissen facettenreich zu beleuchten. Dabei verzichtet der Roman völlig auf den moralischen Zeigefinger. Zwischen Resignation und Hoffnung, sieht der Leser am Ende des Buches dennoch das kleine Licht am Ende des Tunnels leuchten. Ohne die Institutionen von UN oder den Vereinten Nationen wäre das Leid wahrscheinlich noch größer. Der Roman greift ein wichtiges, jedoch komplexes Thema auf. Durch Miras Sachlichkeit entsteht ein nachvollziehbares, klares Bild der Arbeit in den erwähnten Institutionen. Daher ist dieser Roman meiner Ansicht nach ein überaus gelungenes literarischer und zeitgenössischer Werk!

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Suhrkamp Verlag für das Rezensionsexemplar.

Links zum Roman:

https://www.suhrkamp.de/buecher/schutzzone-nora_bossong_42882.html

https://www1.wdr.de/kultur/buecher/nora-bossong-schutzzone-100.html

Vater Unser

Buchcover Vater unser
Angela Lehner

Eine selbstbewusste, manipulierende Hauptfigur mit Familiensinn. Was ist Wahrheit, was Lüge? Großartiges Debüt

Eva Gruber wird in eine Wiener Psychiatrie eingeliefert , weil sie behauptet eine Kindergartengruppe getötet zu haben. Scheinbar passt sich Eva dem Klinikalltag an. In den Einzelstunden tritt sie ihrem Therapeuten Dr. Korb selbstbewusst und schlagfertig gegenüber. Auch Evas jüngerer Bruder Bernhard ist Patient in dieser Klinik. Der 22jährige leidet an akuter Magersucht. Als große Schwester fühlt sich Eva für ihren Bruder verantwortlich. Doch er will sie nicht in seiner Nähe haben.

Eva lügt immer! Dieser Meinung waren ihre Mitschüler im Kärntner Dorf, in dem Eva aufwuchs. Was ist Lüge, was ist Wahrheit und welche Rolle spielt dabei die individuelle Perspektive? In Evas Lügen findet sich viel Wahres, dennoch ist ihr Wesen durch und durch manipulativ.

Im Gefüge der Familie muss sie sich behaupten. Ist die Rolle, die sie schon als Kind übernahm, der Grund für ihr Verhalten? Wir, die Leser, lernen die Familie Gruber aus Evas Sicht kennen. Kurze Abschnitte unterbrechen die Gegenwart und erzählen aus dem vergangenen Alltag der Familie Gruber. Woher kommt der gegenwärtige Hass auf den Vater? Welche Erinnerung Evas ist echt, welche resultiert aus einem Schutzmechanismus heraus? Was ist mit der Familie geschehen, dass es beide Kinder bis jetzt verfolgt?

Als Leser weiß man nie genau, woran man bei dieser Eva Gruber ist. Sie ist über alle Fehler erhaben, arrogant und trotzdem entwickelt man großes Mitgefühl und Respekt für die junge Frau.

Die Sprache im Buch ist deutlich und oftmals mit österreichischen Ausdrücken angereichert. Jedoch täuscht sie nicht über die Dramatik dieses Romans hinweg. Es ist ein unbequemer Roman, mit einer sehr starken Hauptfigur. Was für ein Debüt!

Longlist des Deutschen Buchpreises 2019:

https://lesepartie.de/miroloi/

https://www.deutscher-buchpreis.de/nominiert/

Link zum Buch: https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/vater-unser/978-3-446-26259-1/