Baba Dunjas letzte Liebe

Alina Bronsky
Baba Dunjas letzte Liebe Buchcover
Buchcover

Schnörkellos, mit viel Empathie wird die Geschichte einer mutigen alten Frau erzählt, die der Gesellschaft trotz, um selbstbestimmt zu leben.

Baba Dunja ist in ihre Heimat zurückgekehrt, wohl wissend, welche Auswirkungen es haben würde. Denn ihre Heimat liegt in der Todeszone von Tschernobyl. Dort hat sie ihr Leben verbracht, ihre Kinder groß gezogen und nun möchte sie an diesem Ort ihre letzten Jahre verbringen. Im Garten hinter ihrem Haus baut sie Obst und Gemüse an. Nur selten nimmt sie den beschwerlichen Weg in die nächstgelegene Großstadt auf sich, um einzukaufen. Mit ihr kamen auch andere Bewohner zurück, um in aller Ruhe, fernab der Welt, ihren Lebensabend zu genießen. An einem Sommertag versetzt die Ankunft von zwei Fremden die beschauliche Gemeinde in Aufruhr. In dieser heiklen Situation trifft Baba Dunja abermals eine mutige Entscheidung, damit alle Bewohner weiterhin an diesem Ort leben können.

Voller Feingefühl und mit einfachen, aber wirkungsvollen Worten beschreibt die Autorin Alina Bronsky das Leben der Bewohner in der Todeszone, in die sich kaum ein Mensch ohne Schutzausrüstung wagt. Alle eint der Wille eines selbstbestimmten Lebens, auch wenn sie damit auf Kontakte zur Außenwelt, ja sogar zu ihren Kindern, verzichten müssen. Die meisten haben schon vor 1986, dem Jahr des Reaktorunglücks, in Tschernobyl gewohnt und kehren nun als alte Leute zurück. Abgeschnitten vom Weltgeschehen führen sie ein beschauliches Leben. Baba Dunja war die erste, die zurückkehrte und hat dadurch eine gewisse Bekanntheit erlangt. Von den anderen Bewohnern wird sie als eine Art Bürgermeisterin betrachtet. Sie selbst hält sich für unbedeutend. Wir erfahren einiges aus Baba Dunjas Leben, über ihre Arbeit, ihren Mann und ihre beiden Kinder.

Es ist ein berührendes Buch über eine starke Frau, die auch im hohen Alter mutig und unbeirrt ihren Weg geht. Ich habe jede Seite genossen, denn der Roman ist voller Poesie und Lebensklugheit. Meinen Lesegeschmack hat diese Geschichte vollends getroffen. Absolute Leseempfehlung!

Links zum Buch:

https://www.kiwi-verlag.de/buch/alina-bronsky-baba-dunjas-letzte-liebe-9783462054729

https://www.dieterwunderlich.de/Bronsky-Baba-Dunjas-letzte-liebe.htm

https://frau-hemingway.de/alina-bronsky-und-baba-dunjas-letzte-liebe/

Der Empfänger

Romancover Der Empfänger von Ulla Lenze
Ulla Lenze

Ein Stück Zeitgeschichte, verpackt in eine großartige, szenische Romanerzählung. Beeindruckend!

Der Rheinländer Josef Klein, Mitte der 1920iger Jahre in die USA ausgewandert, lebt im New Yorker Viertel Harlem. Dort genießt Josef das multikulturelle Essen ebenso wie den Jazz. Sein Geld verdient er in einer Druckerei. Privat ist er ein begeisterter Amateurfunker. Mit seinem Funkgerät holt er sich die ganze Welt zu sich nach Hause.

Durch seine Arbeit in der Druckerei rutscht Josef in deutschnationale Kreise hinein. Denn auch in den USA findet das deutsche Naziregime immer mehr Anhänger. Obwohl Josef versucht sich von diesen Leuten fern zu halten, schafft er es nicht, sich deren Einfluss zu entziehen. So kommt es, dass Josef für die deutschen Nationalsozialisten als Funker tätig wird. Zu spät erkennt er, auf was er sich tatsächlich eingelassen hat. Es könnte sein freies New Yorker Leben mit einem Schlag zerstören.

Die Autorin Ulla Lenze greift ein kaum beschriebenes Thema auf. Die deutsche Nazibewegung in den USA, speziell in New York. Josef fühlt sich nach fünfzehn Jahren in New York mehr als Amerikaner denn als Deutscher. Dennoch wird er in die Machenschaften der deutschen Spionage hineingezogen.

Josef ist arglos und völlig naiv. Auf der Suche nach einer Arbeit, bei der er sein Hobby, den Amateurfunk, zum Beruf machen kann, rutscht er immer tiefer hinein. Dabei ist er das totale Gegenteil eines Nazis. Er mag die verschiedenen Kulturen, er liebt den schwarzen Jazz und er ist gerne mit der ganzen Welt vernetzt. Dennoch schafft Josef den Absprung nicht, sich aus den deutschen Kreisen zu lösen. Erst als er die Bedrohung für seine Freiheit erkennt, sucht Josef nach einem Ausweg. Zu spät. Viel zu tief ist er mittlerweile in die deutsche Sache verstrickt und bereits im Visier des FBIs. Dabei möchte Josef, wie er selbst sagt, niemand sein, er genügt sich selbst.

Zurück in Deutschland bemerkt man Josefs Unruhe. Er fühlt sich eingeengt in die familiären Strukturen. Es fällt ihm schwer mit seinem Bruder Carl über den Grund seiner Inhaftierung zu reden. Josef schweigt und gibt nur das nötigste Preis. Das führt zu starken Konflikten. Carl, obwohl in Deutschland geblieben, hatte weniger Berührungspunkte mit den Nazis als Josef in New York. Und die Verbindungen zu den Nazis sind nicht abgerissen, denn Josef möchte nicht in Deutschland bleiben, er will zurück und das kann er nur mit den alten Kontakten schaffen.

Ulla Lenze erzählt die Geschichte eines deutschen Auswanderers, der Jahre lang fast unsichtbar in der Großstadt New York lebt und plötzlich ungewollt von seinem Heimatland in die Pflicht genommen wird. Die Autorin hat eine großartige, szenische Erzählweise und lässt immer wieder bedeutsame Informationen in den Text einfließen. Für den Leser heißt es, mitdenken und aufmerksam sein. Vieles wird nicht unbedingt ausgesprochen, nur angedeutet. Ihr Schreibstil macht es möglich ganz in die Geschichte einzutauchen. Gerade den Charakter Josef habe ich gut nachvollziehen können. Seine Gedanken, sein sich selbst genügen und seine Unfähigkeit sich zu wehren.

Je Kapitel wechselt die Geschichte zwischen den Zeiten. In erster Linie zwischen New York 1939/1940 und Neuss 1949. Der Roman baut seine Spannung langsam auf, fast nebenbei. Ich habe ihn sehr schnell gelesen, weil ich wissen wollte, wie es weitergeht und konnte ihn nur schwer aus der Hand legen. Jedem Leser, der Interesse an Geschichten hat, die einen solchen historischen Hintergrund beleuchten, lege ich diesen Roman ans Herz. Eine großartige, und faszinierende Erzählung.

Ich bedanke mich bei Lovelybooks und dem Klett-Cotta Verlag, dass ich an der Leserunde teilnehmen durfte!

Links zum Buch

https://www.klett-cotta.de/buch/Gegenwartsliteratur/Der_Empfaenger/112104

https://www.deutschlandfunkkultur.de/ulla-lenze-der-empfaenger-signale-die-nicht-geortet-werden.950.de.html?dram:article_id=470794

Keiner hat gesagt, dass du ausziehen sollst

Romancover Nick Hornby Keiner hat gesagt, dass du ausziehen sollst

Eine Ehe in zehn Sitzungen

Nick Hornby

Schlagfertige Dialoge. Eheprobleme amüsant und erfrischend angepackt.

In der Ehe von Lousie und Tom steht es gerade nicht zum Besten. Tom ist arbeitslos und Louise ist fremdgegangen. Sie reden aneinander vorbei und stecken fest. Für Louise ist mit Mitte vierzig das Leben nicht vorbei. Um herauszufinden, wie sie ihre Ehe wieder auf Kurs bringen können, machen sie eine Paartherapie.

Jede Woche treffen sich die Eheleute vor der Therapie im gegenüberliegenden Pub. Während sie im Pub sitzen und warten, diskutieren sie über ihre Beziehung.

Voller Humor und schlagfertigen Dialogen lässt Nick Hornby seine Protagonisten auf einander los. Zehn Mal treffen sich Louise und Tom im Pub und sagen freiheraus, was sie an ihrer Ehe und dem anderen stört. Dabei geht nicht um die große Liebe oder Romantik, es geht um das alltägliche Leben. Sie erörtern Fragen, wieso sie überhaupt zusammen gekommen sind, warum sie keinen Sex mehr haben und warum wer wie für bzw. gegen den Brexit gestimmt hat.

Die Dialoge, aus denen das Buch hauptsächlich besteht, sind witzig und dennoch gibt es auch viel Tiefgang. Bis zum Schluss war mir nicht klar, wie es ausgeht. Aber auch das Ende ist weder romantisch noch tragisch, sondern ein aufmunterndes Augenzwinkern. Eine lange Beziehung funktioniert nicht ohne Humor und den hat Nick Hornby auf seine unvergleichliche Weise wieder fabelhaft gezeigt.

Es hat mir richtig Spaß gemacht die Treffen im Pub zu begleiten. Ja, ich hatte Spaß beim Lesen und habe manches Mal lachen müssen. Nick Hornby findet den richtigen Ton und das richtige Maß von dem, was er uns Lesern mitteilt. Die 158 Seiten erzählen kurz und knackig alles, was relevant ist. Der Rest obliegt dem Leser. Bis zur letzten Seite ist es eine amüsante und erfrischende Erzählung. Einfach großartig.

Links zum Buch:

https://www.kiwi-verlag.de/buch/nick-hornby-keiner-hat-gesagt-dass-du-ausziehen-sollst-9783462054101

https://www.deutschlandfunkkultur.de/nick-hornby-keiner-hat-gesagt-dass-du-ausziehen-sollst-der.950.de.html?dram:article_id=471739

https://lesepartie.de/juliet-naked/

Und jeden Morgen das Meer

Buchcover Und jeden Morgen das Meer



Und jeden Morgen liegt es wieder da, das Meer, in seiner unendlichen Gleichgültigkeit.“
Karl-Heinz Ott

Eine starke Erzählung über Erfolg und über das Scheitern. Was bleibt vom Leben übrig?

Jeden Morgen steht Sonja Bräuning an den walisischen Klippen und schaut auf das ungestüme Meer. Einst führte sie mit ihrem Mann Bruno den Lindenhof, ein angesehenes Sternerestaurant am Bodensee. Doch vom einstigen Erfolg ist nichts mehr übrig. Nachdem ihr Mann den Stern verlor ging es bergab mit dem Restaurant und dem Hotel und vor allem mit ihm selbst. Nun ist er Tod und sie war allein mit dem heruntergewirtschafteten Gastronomiebetrieb und den Schulden. Ihr Schwager Arno übernimmt alles, auch die Schulden, dafür muss sie auf alles verzichten. In einem Alter, in dem andere in Rente gehen, ist Sonja Bräuninger gezwungen von vorne anzufangen. Ein Hostel in Wales bietet ihr die Einsamkeit, die sie braucht, um ihr Leben zu verstehen.

Der Roman ist beim Hanser Verlag erschienen. Auf seinen knapp über 100 Seiten erzählt der Autor Karl-Heinz Ott von einer Frau, die für ihren Gastronomiebetrieb gelebt hat und nach dem Tod ihres Mannes vor einem Scherbenhaufen steht. Alles was sie sich ein Leben lang aufgebaut hat, ist verloren.

In Wales, weit ab von allem, versucht sie Frieden zu finden. Aus der gegenwärtigen Perspektive schaut sie zurück auf bewegte Jahre. Der Roman erzählt das Leben seiner Hauptfigur in kurzen Rückschauen. Es sind Sonjas Gedanken, in die wir, als Leser, eintauchen. Mal erinnert sie sich an ihre Kindheit, mal an ihre erfolgreiche Zeit, als der Lindenhof zu den ersten Adressen gehörte, dann wieder an ihre Ausbildung in der Schweiz.

Ohne Mitleid, dafür gnadenlos ehrlich erzählt der Roman vom Scheitern und vom Weitermachen. Jeden Morgen steht Sonja Bräuning an den Klippen und schaut auf das Meer, nur ein Schritt, wäre ein Schritt zu weit. Sie hat einen weiten Weg zurückgelegt und ist sich darüber bewusst, dass sie ihr Schicksal immer noch selbst in den Händen hält. Ein starker Roman, der mir sicher im Gedächtnis bleiben wird.

Links zum Buch:

https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/und-jeden-morgen-das-meer/978-3-446-25995-9/

https://www.deutschlandfunkkultur.de/karl-heinz-ott-und-jeden-morgen-das-meer-detailreich-und.1270.de.html?dram:article_id=427234

Bielefelder Literaturtage https://lesepartie.de/und-jeden-morgen-das-meer/

Die Nähmaschine

Das Buchcover Die Nähmaschine
in Szene gesetzt
Natalie Fergie

Ein gelungener, hoffnungsvoller Roman, der seine Erzählstränge sehr geschickt und unterhaltsam miteinander verflechtet.

Die junge Jean arbeitet 1911 in den Singer Werken in Clydebank. Sie prüft die fertiggestellten Nähmaschinen, bevor diese ausgeliefert werden. Bis es zum großen Streik kommt. Jeans Verlobter Donald ist einer der Streikführer. Als nach zwei Wochen der normale Arbeitsbetrieb wieder aufgenommen wird, verliert Donald seine Arbeit. Gemeinsam mit Jean wagt er einen Neuanfang in Edinburgh. An ihrem letzten Arbeitstag versteckt Jean eine Nachricht in einer der Nähmaschinen.

Kathleen und ihre Tochter Connie sind geschickt im Umgang mit ihrer alten Nähmaschine der Marke Singer. Sie halten alle Arbeiten, die sie auf dieser Nähmaschine ausführen penibel in Notizbüchern fest.

Diese Notizbücher fallen Fred in die Hände, als er nach dem Tod seines Großvaters dessen Wohnung in Edinburgh ausmistet. Auf der ersten Seite des allerersten Notizbuches findet er einen vergilbten Zettel mit einer Nachricht drauf. Fasziniert von den Büchern und der sehr alten, aber funktionstüchtigen Nähmaschine, versucht auch er sich am Nähen.

Der Roman „Die Nähmaschine“ ist im Wunderraum Verlag erschienen. Die Geschichte handelt von einer Nähmaschine, die nach dem großen Streik in den Singer Werken die Fabrik 1911 mit einer kurzen Nachricht verlässt. Der Roman teilt sich in vier Geschichten auf, die jeweils in anderen Zeiten spielen. Je Kapitel springt die Geschichte zwischen den Zeiten. Es beginnt 1911 mit der Geschichte von Jean und Donald, macht einen Sprung in die 1950iger Jahre zu Kathleen und Connie und führt uns immer wieder in das Jahr 2016, in dem Fred nach dem Tod seines Großvaters Ordnung in dessen Wohnung bringt. Die erste Hälfte des Romans beschäftigt sich in erster Linie mit den Lebenssituationen dieser Charaktere. Ab der zweiten Hälfte kommt Ruth hinzu, die 1980 kurz vor ihrem Ausbildungsende als Krankenschwester steht. Alle Erzählstränge finden zum Ende des Buches zusammen und berichten von schwierigen als auch von glücklichen Zeiten. Alle eint die Passion zu nähen und zwar auf einer alten Singer Nähmaschine.

Die Autorin Natalie Fergie, selbst begeisterte Näherin, hat mit diesem Roman der Nähmaschine ein Denkmal gesetzt. Einer Maschine, die noch heute aus vielen Haushalten kaum wegzudenken ist. Flicken, umnähen, neu nähen, etwas erschaffen – eine Nähmaschine macht vieles möglich. Auf kluge und unterhaltsame Weise verflechtet die Autorin die unterschiedlichen Schicksale miteinander. Es ist für den Leser keineswegs auf den ersten Blick zu erraten wie die Zusammenhänge aussehen. Für mich sehr erfrischend, dass die Geschichte fast bis zum Ende hin undurchschaubar bleibt. Meiner Ansicht nach ist der Autorin eine hervorragende, hoffnungsvolle Erzählung über das auf und ab im Leben gelungen.

Links zum Buch:

https://www.randomhouse.de/Buch/Die-Naehmaschine/Natalie-Fergie/Wunderraum/e544144.rhd

https://www.buechereule.de/wbb/thread/100505-natalie-fergie-die-naehmaschine/

Die Toten Hosen

Buchcover die Toten Hosen aus der Reihe KIWI Musikbibliothek
Thees Uhlmann

Beste Unterhaltung! Wahrhaftig und komisch, aus dem Leben erzählt.

Autoren schreiben über ihre Lieblingsmusik. Das ist das Konzept der KiWi Musikbibliothek. Im Fall von Thees Uhlmann schreibt ein Autor und Musiker über seine Lieblingsband; Die Toten Hosen.

Wer nun eine Art Bandbiografie oder zahlreiche Insider Anekdoten in diesem Buch erwartet, liegt falsch. Es ist ein, wie ich finde, höchst persönliches Buch vom Autor.

Alles beginnt mit einem Zettel am Schwarzen Brett der Schule. Wer Lust hat zum Toten Hosen Konzert nach Hamburg mitzukommen, soll sich in die Liste eintragen. Es ist 1988 und der 14-jährige Thees Uhlmann trägt sich ein. Es wird sein aller erstes Konzert werden.

In dem Buch erzählt Thees Uhlmann von Erlebnissen, die auf vielfältige Weise mit den Toten Hosen zu tun haben. Es handelt von Begegnungen mit Menschen, von besuchten oder eigenen Konzerten, von der Jugend und vom Fan sein. Die Mitglieder der Toten Hosen an sich tauchen wie Alfred Hitchcock in seinen Filmen, nur am Rande des Geschehens auf. Sie laufen kurz durch die Szene und sind schon wieder weg.

Manche Passagen sind herrlich ehrlich. Ich habe beim Lesen zahlreiche Male sehr lachen müssen. Kein Auslachen, sondern ein Mitlachen. Ich muss zugeben, dass ich das deutsche Projekt Band Aid völlig verdrängt hatte. Manchmal zählt das große Ganze eben mehr als alles andere. Auch ist es jedem mindestens schon einmal passiert, dass er eine Textstelle im Lied jahrelang total falsch verstanden und jedes Mal voller Überzeugung falsch mitgesungen hat. Die Erklärung, warum der Autor Hausboot herausgehört hat, finde ich großartig. Es sind diese fast alltäglichen Geschichten, die das Buch so unterhaltsam machen.

Ganz nebenbei zeigt das kleine, handlich Buch, was die Band Die Toten Hosen über die Musik hinaus auszeichnet. Sie sind nett und auch ich meine damit nicht die kleine Schwester von…, sondern tatsächlich nett. Ein gutes Beispiel hierfür ist der freundschaftliche Umgang mit ihren Musikerkollegen, die als Vorgruppen auftreten. Genau das überträgt sich auf das Publikum. Es wird nur eine gute Party, wenn man sie zusammen feiert. Und wenn die Toten Hosen eins wirklich meisterhaft können, dann ist es eine Party feiern, egal ob im kleinen Rahmen (SO36) oder im Stadion (Köln).

Genauso wie bei seinem vorherigen Roman schafft es Thees Uhlmann mit seiner klaren, wahrhaftigen Art seine Leser bestens zu unterhalten. Man muss kein Hosen Fan sein (mehr sein), um es zu lesen. Thees Uhlmann gibt Einblicke ins Musikerdasein, in sein Leben als Vater, Freund und Fan. Ich habe das Buch fast in einem Rutsch durchgelesen und es hat mich begeistert.

PS: Am 09.11.2008 spielten die Hosen im Ringlokschuppen (mittlerweile hat der Laden das „Ring“ gestrichen) ihr erstes Konzert der Mach Mal Lauter Tour. Und genau in dem Laden werde ich auch am 19.12.2019 sein und ich freue mich wahnsinnig auf den Abend!!!

Links zum Buch:

https://www.kiwi-verlag.de/buch/thees-uhlmann-thees-uhlmann-ueber-die-toten-hosen-9783462053692

https://www.kiwi-verlag.de/musikbibliothek

http://www.ghvc.de/index.php?id=theesuhlmann

https://www.dietotenhosen.de/magazin/thees-uhlmann

Schutzzone

Schutzzone das Buch
Nora Bossong

Dieser Roman nähert sich wichtigen Fragen des weltpolitischen Friedens in einer poetischen Sachlichkeit.

Während ihre Eltern die Trennung regeln, lebt die neunjährige Mira einige Monate in einer befreundeten Familie. Darius, Diplomat aus Familientradition, und seine Frau Lucia sowie deren 16 jähriger Sohn Milan nehmen das Mädchen freundlich auf. Vor allem Milan kümmert sich viel um Mira. Darius‘ Diplomatenleben, er ist oft unterwegs und reist an Orte, von denen die Kleine kaum etwas weiß, fasziniert Mira. Es ist das Jahr 1994 und Mira spürt nach Darius Heimkehr aus Ruanda, das sich etwas in der Familie verändert.

Jahre später beginnt Mira, voller Ideale, ihre berufliche Karriere bei der UN in New York. Darauf folgt eine Anstellung bei den Vereinten Nationen. Sie gilt als gute Zuhörerin und Vermittlerin. Aufgrund dessen wird sie nach Burundi geschickt, um dort die Wahrheitskommission zu leiten, die den Völkermord aufklären soll. Miras Glaube an den Nutzen der Institutionen, die sie dort vertritt, gerät in dieser Zeit ins Wanken. Sie stellt sich die Sinnfrage, ob UN und Vereinte Nationen tatsächlich etwas bewegen können? Mira wechselt nach Genf. Der Hauptsitz der Vereinten Nationen war Miras Traum, dort will sie sein.

Mira nimmt an den Gesprächsverhandlungen zur Zypernfrage teil. Es soll endlich eine Lösung für die geteilte Insel gefunden werden. Die schwierige Kompromissfindung setzt Miras Zweifeln weiter zu. Während eines Empfangs in Genf begegnet Mira Milan wieder. Milan quälen ähnliche Zweifel. Sie beginnen eine Affäre. Doch Milan ist verheiratet und Vater eines Sohnes. Er wird mit seiner Familie nach Den Haag ziehen und Mira muss eine Entscheidung treffen.

Der Roman „Schutzzone“ von Nora Bossong, erschienen im Suhrkamp Verlag, erzählt von einer Frau, die Kompromisse sucht, um Frieden herzustellen und Völkermorde zu verhindern. Jedoch muss sie erkennen, dass aller guter Wille manchmal nicht reicht und die einzig wahre Wahrheit nicht existiert. Auch ihre vermeintlich neutrale Verhandlungsposition kann Mira nicht in allen Situationen bewahren. Wir lernen eine Frau kennen, welche voller Sachlichkeit die großen Fragen der Zeit angeht, ihr Talent für den Frieden einsetzt und ihre Illusionen während zahlreicher Gespräche verloren hat.

Der Inhalt des Romans teilt sich fünf Abschnitten auf, die benannt sind nach FRIEDEN, WAHRHEIT, GERECHTIGKEIT, VERSÖHNUNG und ÜBERGANG. Weiterhin springt der Verlauf der Erzählung zwischen den Jahren und Orten hin und her. Einige Kapitel beschreiben ihr prägendes Leben im Jahr 1994 in Milans Familie, als Mira ein Kind ist. Wiederrum andere handeln von Miras Zeit in Bujumbura 2012, New York 2011 sowie in Genf 2017. So erfährt der Leser stückchenweise etwas über Miras Leben.

Ich habe mir für den Roman Zeit genommen, weil ich aus rein persönlichem Interesse viele Hintergründe nachgelesen habe. Der Roman an sich ist schlüssig, sodass es jedem selbst überlassen bleibt, darüber hinaus zu recherchieren. Die Figur der Mira hat mich gleich für sich eingenommen. Mira ist ein vielschichtiger Charakter. Manchmal wirkt sie zerbrechlich, fast verloren und dann wiederum stark und selbstbewusst. Ihre Stärke zeigt sich für mich noch einmal deutlich am Buchende.

Besonders hervorheben möchte ich den wundervollen literarischen Schreibstil der Autorin Nora Bossong. Manche Abschnitte habe ich mehrmals gelesen, weil die Beschreibungen mich sehr berührt haben. Als Beispiel heißt es auf der Seite 278: „[…]Ihre Hände waren sehnig und vertrocknet,eher wie etwas, auf dem Hund herumbissen, als das, was zugreift, streichelt, auf Dinge zeigt“. Die Sprache, welche die Autorin für diese Geschichte nutzt, ist melancholisch und hoffnungsvoll zugleich. Ein außergewöhnlicher Roman, der es schafft, die Frage nach weltweitem Frieden und die Suche nach Kompromissen facettenreich zu beleuchten. Dabei verzichtet der Roman völlig auf den moralischen Zeigefinger. Zwischen Resignation und Hoffnung, sieht der Leser am Ende des Buches dennoch das kleine Licht am Ende des Tunnels leuchten. Ohne die Institutionen von UN oder den Vereinten Nationen wäre das Leid wahrscheinlich noch größer. Der Roman greift ein wichtiges, jedoch komplexes Thema auf. Durch Miras Sachlichkeit entsteht ein nachvollziehbares, klares Bild der Arbeit in den erwähnten Institutionen. Daher ist dieser Roman meiner Ansicht nach ein überaus gelungenes literarischer und zeitgenössischer Werk!

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Suhrkamp Verlag für das Rezensionsexemplar.

Links zum Roman:

https://www.suhrkamp.de/buecher/schutzzone-nora_bossong_42882.html

https://www1.wdr.de/kultur/buecher/nora-bossong-schutzzone-100.html

Vater Unser

Buchcover Vater unser
Angela Lehner

Eine selbstbewusste, manipulierende Hauptfigur mit Familiensinn. Was ist Wahrheit, was Lüge? Großartiges Debüt

Eva Gruber wird in eine Wiener Psychiatrie eingeliefert , weil sie behauptet eine Kindergartengruppe getötet zu haben. Scheinbar passt sich Eva dem Klinikalltag an. In den Einzelstunden tritt sie ihrem Therapeuten Dr. Korb selbstbewusst und schlagfertig gegenüber. Auch Evas jüngerer Bruder Bernhard ist Patient in dieser Klinik. Der 22jährige leidet an akuter Magersucht. Als große Schwester fühlt sich Eva für ihren Bruder verantwortlich. Doch er will sie nicht in seiner Nähe haben.

Eva lügt immer! Dieser Meinung waren ihre Mitschüler im Kärntner Dorf, in dem Eva aufwuchs. Was ist Lüge, was ist Wahrheit und welche Rolle spielt dabei die individuelle Perspektive? In Evas Lügen findet sich viel Wahres, dennoch ist ihr Wesen durch und durch manipulativ.

Im Gefüge der Familie muss sie sich behaupten. Ist die Rolle, die sie schon als Kind übernahm, der Grund für ihr Verhalten? Wir, die Leser, lernen die Familie Gruber aus Evas Sicht kennen. Kurze Abschnitte unterbrechen die Gegenwart und erzählen aus dem vergangenen Alltag der Familie Gruber. Woher kommt der gegenwärtige Hass auf den Vater? Welche Erinnerung Evas ist echt, welche resultiert aus einem Schutzmechanismus heraus? Was ist mit der Familie geschehen, dass es beide Kinder bis jetzt verfolgt?

Als Leser weiß man nie genau, woran man bei dieser Eva Gruber ist. Sie ist über alle Fehler erhaben, arrogant und trotzdem entwickelt man großes Mitgefühl und Respekt für die junge Frau.

Die Sprache im Buch ist deutlich und oftmals mit österreichischen Ausdrücken angereichert. Jedoch täuscht sie nicht über die Dramatik dieses Romans hinweg. Es ist ein unbequemer Roman, mit einer sehr starken Hauptfigur. Was für ein Debüt!

Longlist des Deutschen Buchpreises 2019:

https://lesepartie.de/miroloi/

https://www.deutscher-buchpreis.de/nominiert/

Link zum Buch: https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/vater-unser/978-3-446-26259-1/

Miroloi

Buchcover Miroloi
Karen Köhler

Ein aufwühlender Roman. Ein eindrucksvolles Plädoyer für Menschlichkeit, Gerechtigkeit und für ein selbstbestimmtes Leben.

Eine Insel im Meer. Entfernt vom fortschrittlichen Festland. Das Dorf auf der Insel unterliegt seinen eigenen Gesetzen, bestimmt durch den Ältestenrat.
Ein junges Mädchen wohnt in diesem Dorf fernab der Welt. Sie ist ein Findelkind und kennt weder Mutter noch Vater. Es ist bei ihrem Finder, dem Bethausvater aufgewachsen. Sie darf keinen Namen bekommen. Auch Besitz ist ihr untersagt. Das Mädchen ist aufgrund ihrer unbekannten Herkunft im Dorf nicht anerkannt. Sie wird beschimpft und gedemütigt, aber sie ist stark und sie kämpft. Sie hat nur wenige Vertraute, die zu ihr stehen.


Den Frauen der Insel ist es verboten lesen und schreiben zu lernen. Männer dominieren das Dorf. Niemand darf die Dorfgemeinschaft verlassen. Dafür sorgen die Wächter. Wer versucht das Dorf und die Insel zu verlassen, wird hart bestraft. Das Mädchen hat es am eigenen Leib erfahren. So ist das Leben im Dorf auf der Insel seit ewigen Zeiten. Die Sehnsucht nach Freiheit und einem selbstbestimmten Leben treibt das Mädchen an. Doch was geschieht, wenn gerade die gehasste Außenseiterin beginnt, an diesen festgeschriebenen Gesetzen zu rütteln?

Karen Köhler hat mit ihrem Debütroman einen bewegenden und sehr aufwühlenden Roman erschaffen. Zuerst findet man dieses rückständige Dorf seltsam und aus der Zeit gefallen. Nach und nach kommt es einem in den Sinn, dass es auf dieser vermeintlich freien und aufgeklärten Welt wahrscheinlich noch sehr viele dieser „Dörfer“ gibt. Unterdrückung ist dort an der Tagesordnung. Als Legitimation dient wie so oft der Wille der Götter, der natürlich von Männern niedergeschrieben wird. Eine Weltordnung wie im Mittelalter, aktueller denn je.

Ein Waisenmädchen ohne Rechte, welches tagtäglich viel schlimmes erfährt, ist die starke Hauptfigur dieses Romans. Es ist bewundernswert, wie sie versucht im Kleinen ihre persönliche Freiheit zu leben. Manchmal musste ich mit dem Lesen aufhören, weil ich wütend wurde, weil ich nicht weiter lesen wollte, weil die Menschen im Dorf so ungerecht und hartherzig waren. Trotz dieser erschreckenden Dorfdiktatur, bewahrt sich die Geschichte immer den Funken Hoffnung.
Es ist ein Roman, der in einem außergewöhnlichen, zu Herzen gehenden Schreibstil verfasst ist. Dieser Debütroman steht zu Recht auf der Longlist des Deutschen Buchpreises.

Links zum Roman:

https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/miroloi/978-3-446-26171-6/

https://www.deutschlandfunk.de/karen-koehler-miroloi-klagelied-fuer-die-literatur.700.de.html?dram:article_id=456679

Mittagsstunde

Dörte Hansen
Cover Mittagsstunde
Mittagsstunde

Ein starker Roman über den Lauf der Dinge, der auch vor dem Landleben nicht Halt macht.

In der Mittagsstunde liegt Stille über dem friesische Dorf Brinkebüll. Das war immer so, aber es bleibt nicht immer so. Ingwer Feddersen kommt für ein Jahr zurück in das Dorf, in dem er aufgewachsen ist. Das Dorf hat sich verändert. In der Bäckerei der Boysens backt schon längst niemand mehr Schwarz- oder Graubrot, Dora Koopmann verkauft seit Jahrzehnten weder Süßigkeiten noch Jagdwurst und auch die Gaststätte Feddersen hat ihre besten Zeiten hinter sich. Obwohl Sönke Feddersen mit über 90 Jahren weiterhin die Stellung hinter seiner Theke hält.

Ingwer hat das Dorf und die Gastwirtschaft verlassen, als er zum Studium nach Kiel zog. Dort lebt seit über 20 Jahren in der gleichen WG. Nun ist er zurück, um sich um seine Großeltern zu kümmern. Für ihn sind es seine Eltern. Sein Vater kennt niemand und seine Mutter hat Ingwer zeitlebens als Schwester wahrgenommen. Marrett, meist der Welt entrückt, wundersam gekleidet, predigte ständig den Untergang und sang leidenschaftlich die Schlager der 1960iger Jahre. Bis heute verfolgt Ingwer das schlechte Gewissen, weil er gegangen ist und sich gegen ein Leben als Gastwirt entschieden hat.

So kommt Ingwer in das Dorf seiner Kindheit, in dem nichts mehr so ist ,wie damals war, nicht einmal die Stille der Mittagsstunde. Dieses Jahr wird für Ingwer eine Rückbesinnung auf die wesentliche Dinge, in dem er sein eigenes Leben neu sortiert.

Dörte Hansen Debütroman „Altes Land“ hat mich schon begeistert. Nun nimmt sie den Leser mit in eine Zeit, die fast ausgestorben ist und dennoch immer noch spürbar. Die pointiert eingestreuten, plattdeutschen Sätze, geben den Roman eine ehrliche und humorvolle Note. Ich habe mich in Brinkebüll ausgesprochen wohl gefühlt. Außerdem erinnerte ich vieles aus meiner eigenen ländlichen Kindheit, die ich zwar nicht in Friesland verbrachte und auch ca. 20 Jahre später, doch ich gab es damals den Dorfladen, die Fleischerei und die nicht betonierten Bauernhöfe. Alles längst nicht mehr da.

Die sorgsame Entwicklung der Charaktere ist der Autorin ganz fabelhaft gelungen. Die Geschichte wechselt zwischen dem Jetzt und dem Damals ohne das man als Leser den faden verliert. Man wird eingemeindet als ein Teil dieser Dorfgemeinschaft. Mir hat das Lesen sehr viel Freude bereitet und nach dem letzten Satz kam Wehmut auf. Ich wäre gerne noch geblieben. Oder es mit Heidi Brühl zu sagen: „Wir wollen niemals auseinandergehen…“