Die Neunziger

Teil I

In den letzten Monaten landete ich beim Zappen durchs Fernsehprogramm oft bei Rückblicken zu den Neunziger Jahre. Mittlerweile haben die 80iger mit der Ökobewegung und der Neuen Deutschen Welle ihr dokumentarisches Potenzial wohl erschöpft. Resultierend aus den Ereignissen im Herbst 1989, in dem die Mauern zum Osten fielen und wir uns alle in den Armen lagen, begannen die Neunziger mit einem Hochgefühl von Freiheit. Alles schien möglich. Vor uns lagen blühende Landschaften und ewiger Friede. Vorbei war es mit dem kalten Krieg, der Front zwischen Ost und West, zwischen Kapitalismus und Kommunismus.

Aus dem „Jetzt wird alles besser“ Traum wachten wir relativ schnell wieder auf. So friedlich die Grenzen zum Ostblock gefallen waren, so brüchig war das neue Konstrukt.

Die US Amerikaner machten schnell einen neuen Feind aus. Den Irak. Mit seinem diktatorischen Regenten der Staat im Nahen Osten nun der neue Dorn im Auge der USA. Natürlich interessiert sich die USA weniger für das Regime, sondern mehr für die Ölvorkommen. Als der Irak in Kuwait einmarschierte, ebenfalls eine Öloase, begann das Jahr 1991 mit dem ersten Irakkrieg.

Als sich die Ostblockstaaten nach 40 Jahren sowjetischer Herrschaft neu sortieren mussten, passierte in dem Vielvölkerstaat Jugoslawien das unerwartete, es kam zu kriegerischen Auseinandersetzungen. Das zerfallende Jugoslawien spaltet sich in verfeindete Kleinstaaten. Historische Städte lagen in Schutt und Asche und Gräueltaten an der Bevölkerung beherrschten die Nachrichten und wurden später vor dem europäischen Gerichtshof angeklagt. Das ganze Jahrzehnt fand die Region keine Ruhe.

In einer rückwärtsgewandten Zeit, in der oftmals eine „Früher war alles besser“ Stimmung aufkommt, muss man sich die tatsächlichen Geschehnisse in Erinnerung rufen. Denn wie sooft bleiben die guten Erinnerungen eher haften.

So wie es ist, bleibt es nie

Vor kurzem habe ich den Roman „Die Nähmaschine“ gelesen, dessen Rezension auf dem Blog nachzulesen ist (https://lesepartie.de/die-naehmaschine/). Einer der Hauptcharaktere ist Fred. Sein Großvater ist verstorben und er reist zum Begräbnis nach Edinburgh. Als er sich etwas mehr Zeit nimmt, um rechtlichen Dinge zu klären, erhält er kurz darauf seine Kündigung. Fred erbt die Eigentumswohnung, welche seit Generationen im Besitz der Familie ist. Er sortiert sich neu und die Wohnung aus, in der so viele Erinnerungen an seine Kindheit stecken.

Fred ist Mitte dreißig und verliert nach dem Job auch seine Freundin, die wenig gefallen an der Wohnung und Edinburgh findet. Alles auf Anfang. Bisher arbeitete Fred ausschließlich für Personalvermittlungsagenturen. Dies erweist sich nun als Makel in seinem Lebenslauf, weil es ihn offenbar als unstet kennzeichnet. Nach zahllosen Bewerbungen und einigen Vorstellungsgesprächen, ist immer noch kein Job in Sicht.

Fred entdeckt die alte Nähmaschine und näht als erstes einen Turnbeutel für einen Nachbarsjungen. Er näht und er flickt und wird mit der Zeit immer geschickter. Er macht Pläne für die Wohnung und besinnt sich auf sich selbst. Er findet neue Freunde. Obwohl er keinen Job hat, geht sein Leben weiter und es ist kein trostloses oder einsames Leben. Nein, er entdeckt Neues, lernt dazu und lässt sich inspirieren. Fred ist gezwungen inne zu halten und sein bisheriges Leben zu hinterfragen.

Am Ende wagt er den Schritt sich nochmal an der Uni einzuschreiben und zu studieren. Nichts mit Finanzen,den Bereich lässt er hinter sich, sondern Geschichte. Für diese Entscheidung erhält er von allen Seiten Unterstützung. Denn es nie zu spät für den Neuanfang!

Auch ich wünsche Fred alles Gute, da ich weiß, wie es ist auf der Suche zu sein. Es gibt viele Gründe einen Job zu machen. An erster Stelle steht wohl das Einkommen. Dann folgen die Karrieregründe, wie die Firma oder die Position machen sich gut im Lebenslauf, man hat Aufstiegschancen etc. Doch wie viele hinterfragen ihr Tun? Heutzutage gibt es zahlreiche Ratgeber, wie man sich optimiert und wie man den perfekten „Traumjob“ findet. Das wichtigste dabei ist wohl bei sich selbst anzufangen und die Bereitschaft das Wagnis einzugehen noch einmal von Neuem zu beginnen. Doch wer hat den Mut ein bestehendes Gefüge und die vermeintliche finanzielle Absicherung für eine unberechenbare Veränderung aufs Spiel zu setzen? Was wir alle vergessen, ist, dass nur eines sicher ist, die Zukunft ist ungewiss. Jeder kann seinen Arbeitsplatz verlieren, jeder kann morgen schon nicht mehr am Leben sein sowie jede Beziehung scheitern kann.

Fred wird durch den Tod seines Großvaters ausgebremst. Wenn er nicht für eine Personalagentur gearbeitet hätte, wäre er wahrscheinlich nicht aus dem Projekt abgezogen und gekündigt worden. Auf keiner Seite des Buches gewinnt man als Leser den Eindruck, dass er viel Herzblut in seine Arbeit investiert hat. Er hat den Job wegen des Geldes gemacht und weil man eben einer geregelten Arbeit nachgeht. Dieser Schicksalsschlag bringt ihn dazu, noch einmal neu zu überlegen, ob er den eingeschlagenen Weg weitergehen möchte. Da ich selbst in einer ähnlich Situation stecke, habe ich mich dieser Romanfigur sehr verbunden gefühlt. Wichtig ist zu begreifen, dass man sein Leben selbst in der Hand hat. Nie war es leichter als heute, seinen eigenen Weg zu gehen. Dafür muss man sich nicht stetig optimieren, sondern nur man selbst sein!

Jahresvorsätze

Nein, hier geht es nicht um die althergebrachten Vorsätze mehr Sport machen oder weniger Alkohol trinken oder keine Zigaretten mehr. Ich habe mir für das kommende Jahr zum Ziel gesetzt meinen Mitmenschen mit viel Freundlichkeit zu begegnen.

Zwar habe ich das zuvor auch getan, doch oftmals ärgerte mich über das egoistische Verhalten der anderen. Dem möchte ich nun mit noch mehr Freundlichkeit entgegentreten, denn meckern und aufregen hilft auch nichts.

Im WDR habe ich in den vergangenen Tagen eine kurze Nachricht gesehen, in der berichtet wurde, wie an der Kasse eines Supermarktes jemand zusammenbrach, wiederbelebt werden musste und die Leute lautstark schimpften und den Retter bedrängten Platz zu machen. Kaum verständlich, aber Zeit haben heute die wenigsten.

Als ich am Freitag an der Kasse meines Supermarktes stand, habe ich eine alte Dame vorgelassen, die nur eine Glückwunschkarte kaufen wollte. Die Karte kostete 1,50 Euro. Das Portemonnaie der Dame war sehr klein. Ein schwarzlederndes, kleines Viereck. Die Dame suchte im Kleingeld, fand nicht die gewünschten Münzen und kippte alles vor der Kassiererin aus. Beide Frauen sammelten erst die Münzen wieder ein und begannen dann die 1,50 Euro abzuzählen. Dieser Bezahlvorgang dauerte so 5 Minuten, die Schlange hinter mir wurde länger.

Jedenfalls hat sich die Dame nochmals bei mir bedankt. Und ich dachte, dass neben Freundlichkeit auch Gelassenheit und Geduld zu meinen Vorsätzen gehören sollten.

Alle Jahre wieder

Ich erinnere mich daran, dass meine Mutter in ihren letzten Lebensjahren die Adventszeit mit dem Satz einläutete: „Gerade erst habe ich die Weihnachtsdekoration in den Keller geräumt, schon hole ich sie wieder hervor.“ Sie meinte, die Zeit würde immer schneller vergehen. Dabei dauert ein Jahr immer 12 Monate.

Nun ertappe ich mich bei ähnlichen Gedanken. Gerade erst weggeräumt, packe ich alles wieder aus. Auch der Weihnachtsbaumkauf vom letzten Jahr ist mir noch sehr gut in Erinnerung. Nur wenige hundert Meter von meiner Wohnung entfernt, werden regionale Bäume verkauft. Ich möchte aus Platzgründen gerne einen schmalen Baum. Hoch darf er sein, aber eben schmal. Die Aussage hat letztes Jahr dazu geführt, dass ich einen sehr langen Baum hinter mir her zog und als ich ihn in der Wohnung aufstellen wollte, wurde mir klar, dass ich mindestens 10 cm kürzen musste.

An der Messbarkeit der Zeit ändert sich nichts, nur an meinem Gefühl von Zeit. Vielleicht liegt es daran, dass man mit zunehmendem Alter weniger Neues erlebt. Früher hatte ich keinen Weihnachtsbaum, weil ich über die Feiertage zu Hause und nicht in meiner Wohnung war. Nun ist es schon mein vierter Baum, den ich gekauft und geschmückt habe. Ist es die Routine, die einen glauben lässt, dass Zeit schneller vergeht. Was würde geschehen, wenn wir diese Routine durchbrechen und Neues wagen würden? Würde die Zeit wieder langsamer verstreichen, weil wir wieder entdecken und staunen?

Dabei ist es doch der Sinn der Weihnachtszeit sich zu entschleunigen, inne zu halten und zur Ruhe zu kommen. Das klappt mal mehr, mal weniger. Ich werde mich bemühen zwischen diesem und dem nächsten Weihnachtsfest so viel Leben zu packen, dass die Zeit dazwischen langsamer vergeht. Damit wären wir schon bei den Vorsätzen für das neu Jahr.