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95 Anschläge – Thesen für die Zukunft

Thesen für die Zukunft
95 Anschläge

Die Herausgeber, Friederike von Bünau (EKHN Stiftung, evgl. Kirche) und Hauke Hückstädt(Literaturhaus Frankfurt) haben das Lutherjahr zum Anlass genommen, um 95 Personen aus Wirtschaft, Wissenschaft, Kultur, Theologie und Politik zu bitten einen Beitrag über gesellschaftlich relevante Themen zu schreiben. So vielfältig wie die Autoren, sind auch die Themen. Was beschäftigt unsere Gesellschaft im Hier und Jetzt, was sollte gesagt, verändert oder bewahrt werden?

Die Autoren kommen aus den unterschiedlichsten Bereichen, aus verschiedenen Generationen und haben vielfältige Lebenshintergründe. So treibt jeden ein anderes Thema um, zu dem er Stellung nehmen möchte. Dieses Buch enthält 95 Meinungen über unsere heutige Gesellschaft. Was soll sich verändern? Was soll möglichst bewahrt bleiben? Welche Lösungen könnte es für bestehende Probleme geben? Die Themen sind vielfältig. So handelt es sich in den 95 Beiträgen um Bildung, um Fluchtursachen, um den Umgang mit Nutztieren, um Wohlstand, Umwelt, um Gott, um ethische Fragen im medizinischen Bereich und um Kulturverständnis.

Diesen 95 Thesen wird keine gesellschaftliche Umwälzung wie vor 500 Jahren folgen, dennoch sind alle Beiträge es wert gelesen zu werden. Sie kommen weder belehrend noch mit erhobenem Zeigefinger daher. Die Frage, die über allem steht ist „Wie wollen wir leben“. Das Buch bietet keine universelle Lösung, jedoch etliche Denkansätze für die Zukunft.

Wenn man sich gerne mit gesellschaftlichen Themen auseinandersetzt, ist dieses Buch zu empfehlen. Die Stärke des Buches ist die Vielfältigkeit seiner Beitragsschreiber. Es stimmt nachdenklich, dennoch lässt es einem mit dem möglichen Ausblick auf eine positive Zukunft zurück.

Das Papiermädchen

Guillaume Musso

Tom Boyd ist ein erfolgreicher Schriftsteller. Seine große Leserschaft wartet gespannt auf den finalen Roman seiner Trilogie. Doch nach dem Aus seiner Beziehung mit einer berühmten Pianistin verfällt Tom Alkohol – und Drogenexzessen,  verliert seinen Führerschein und sieht sich nicht imstande jemals wieder nur eine Zeile zu schreiben. Hinzu kommt, dass sein bester Freund und Manager Milo sich auf riskante Investitionen eingelassen hat und beide alles verlieren können, wenn der dritte Teil nicht erscheint. Eines Tages steht plötzlich eine unbekannte, nackte Frau in Toms Wohnzimmer und stellt sich als Billie vor – eine Protagonistin seines Romans. Sie behauptet aus eines seiner Bücher gefallen zu sein und nur er kann ihr helfen wieder eine Romanfigur zu werden. Sie schließen einen Pakt und damit beginnt eine turbulente Reise, deren Ende ein unerwartetes Ende nimmt.

Tom, Milo und Carole sind seit Jugendtagen Freunde. Aufgewachsen in der schlimmsten Gegend von Los Angeles, haben sie sich ihr gutes Leben erkämpft. Doch nun steht alles auf der Kippe. Tom ist nach dem Bruch mit seiner Verlobten in ein tiefes Loch gefallen und fällt immer tiefer. Sein Leben, sonst erfüllt vom Schreiben, besteht aus Beruhigungspillen, Depressionen und Alkohol. Jeder Versuch seiner Freunde Tom aufzurütteln scheitert. Auch als Milo ihm eröffnet, dass er durch riskante Investitionen auch Toms Vermögen verspielt hat und er Tom in aller Deutlichkeit klar macht, dass nur der dritte Roman den Bankrott aufhalten kann, bleibt Tom in seiner Lethargie gefangen.

Dann steht eines Tages eine junge Frau in Toms Wohnzimmer und behauptet Billie, eine Figur aus seinem Roman zu sein. Durch einen Fehldruck sei sie aus dem Buch gefallen und nur Tom könnte sie wieder hineinschreiben. Nach einigem hin und her glaubt Tom ihr schließlich. Sie schließen eine Vereinbarung. Billie hilft Tom Aurore zurück zu erobern und dafür schreibt Tom seinen Roman zu Ende. Damit beginnt eine lange Reise, die sie von Los Angeles nach Mexiko bis nach Paris führt.

Guillaume Musso aktueller Roman „Das Papiermädchen“ startet mit Klatschspaltennachrichten und führt den Leser damit in die Geschichte ein. Allerdings wirkt schon der Anfang dadurch sehr konstruiert. Im weiteren Verlauf gewinnen die Figuren kaum an Tiefe. Wie in den meisten Romanen von Musso haben sich die Underdogs aus einer miesen Gegend herausgekämpft. Diese Stereotype wirkt in diesem Roman aufgesetzt.

Mir fehlt der Tiefgang bei den Figuren. Warum trauert Tom seiner Verlobten nach, was war so besonders? Diesen doch so wichtigen Punkt habe ich nicht verstanden. Ebenso wirken Erzählstränge der Nebenhandlungen, z.B. die Beziehung zwischen Milo und Carole, konstruiert und es fehlt einfach an Tiefe. Vieles ist zu vorhersehbar oder unpassend. Auch rund um Tom und Billie ist die Erzählung überladen und man findet als Leser keinen Zugang. Es passiert zu viel, manches ist schlichtweg unglaubwürdig und auch das Ende ist zu sehr gewollt.

Ich habe alle Romane von Musso gelesen. Seine Geschichten sind gut erzählt und haben immer Überraschungen parat. Allerdings hat mich „Das Papiermädchen“ leider mehr gelangweilt als unterhalten.

 

Wenn es Frühling wird in Wien

Hartlieb
Wenn es Frühling wird in Wien

Petra Hartlieb

Der Frühling im Jahr 1912 lässt erst mal auf sich warten, denn es wird nicht so richtig warm in Wien. In der Fortsetzung von der Erzählung „Ein Winter in Wien“ rund um das Kindermädchen Marie, erlebt diese viele neue Eindrücke. Das Haus der Schnitzlers ist mittlerweile ein zu Hause für Marie geworden und auch ihre Verbindung zu dem mittellosen Buchhändler Oskar vertieft sich. Doch als Oskar die reiche Buchhändlertochter Fanni kennen lernt, stehen die jungen Leute vor einer wichtigen Entscheidung.

Marie ist nun seit einigen Monaten Kindermädchen im Hause des Schriftstellers Arthur Schnitzlers. Durch ihr herzliches und liebevolles Verhältnis zu der fast dreijährigen Lilli und dem neunjährigen Heini, hat sich ihre Stellung gefestigt. In diesem Frühjahr erlebt Marie vieles zum ersten Mal. Ob es der Besuch einer Aufführung im Theater ist oder das erste Glas Wein, der erste Kuss oder der Ausflug in den Tiergarten Schönbrunn mit den Kindern. Marie entdeckt ihre Möglichkeiten.

Im Haus der Schnitzlers geht es zeitweise turbulent zu, so dass Marie Aufgaben des Hausmädchens übernehmen muss. Dennoch fühlt sie sich bei den Schnitzlers zu Hause. Dazu trägt auch die wachsende Vertrautheit unter den drei Hausangestellten bei. Der junge und mittellose Buchverkäufer Oskar bemüht sich weiterhin sehr um Marie und versteht es ihre Leidenschaft für Bücher zu wecken. Doch dann lernt er Fanni Gold kennen, die Tochter eines reichen Buchhändlers und dessen Alleinerbin. Oskar muss eine Entscheidung für seine Zukunft treffen.

„Wenn es Frühling wird in Wien“ setzt mit viel Liebe zum Detail die wunderbare Erzählung über Marie fort. In diesem Roman erlebt Marie erstmalig die Vorzüge ihres Lebens in der Hauptstadt. Durch die Eindrücke, die sie sammelt, entwickelt sie Selbstbewusstsein und bleibt dennoch zutiefst menschlich und bescheiden in ihrem Wesen.

Petra Hartlieb findet auch in der Fortsetzung die richtigen Töne, um den Leser auf die Reise in die damalige Zeit mitzunehmen. Der Roman lebt von den Figuren, die wunderbar, authentisch erdacht und erzählt sind. Oftmals fühlt man sich als Leser direkt in die Erzählung hineingezogen. Denn genauso kann es sich zugetragen haben, damals im Frühjahr 1912 in Wien.

Ein Winter in Wien

Petra Hartlieb

Es ist Winter in Wien, das Weihnachtsfest 1911 steht bevor. Die achtzehnjährige Marie hat vor kurzem ihre Stellung als Kindermädchen bei der Familie des Schriftstellers Arthur Schnitzler angetreten. Als sie für Herrn Schnitzler ein Buch abholen soll, trifft sie auf den Buchhändler Oskar. Oskar ist auf den ersten Blick von dem jungen, etwas scheuen Mädchen beeindruckt. Um ihr näher zu kommen, schenkt er ihr ein Buch und somit nimmt die Geschichte ihren Lauf.

Marie ist mit ihren achtzehn Jahren ganz auf sich gestellt. Glücklicherweise hat sie trotz ihrer ärmlich – ländlichen Herkunft Lesen und Schreiben gelernt. Dieses Wissen verhilft ihr zu einer Stelle als Kindermädchen bei der Familie Schnitzler. Die beiden Kinder Heinrich, ein aufgeweckter neunjähriger, und Lilli, das zweijährige Nesthäkchen, haben Marie sofort ins Herz geschlossen ebenso wie die Köchin Anna. Für Marie ist diese Stelle ein Glücksfall. Zum ersten Mal in ihrem Leben bekommt sie genügend zu essen und hat ein Bett für sich allein. Im Buchladen lernt sie den Verkäufer Oskar kennen, welcher auf den ersten Blick von der jungen Frau fasziniert ist. Er schenkt ihr ein Gedichtband von Rilke und versucht Marie näher kennenzulernen. Jedoch ist diese unsicher und zögert. Oskar bleibt hartnäckig und als Marie ihn wirklich braucht, steht Oskar ihr zur Seite.

„Ein Winter in Wien“ erzählt eine unaufgeregte Geschichte, die im Wien des letzten Jahrhunderts spielt. Der Roman erzählt vom Leben einer jungen Frau, die in ärmlichen Verhältnissen auf dem Land aufgewachsen ist und nun das Leben einer wohlhabenden Familie in Wien kennenlernt. Wien um 1910 war ein Ort für Träume und Hoffnungen, von denen sich manche erfüllten, manche aber verpufften. Der Leser erfährt im Laufe der Erzählung sowohl Maries Werdegang als auch einiges über Oskars Schicksal. Im Kontext zu dem Leben, welches die Schnitzlers führen, wird deutlich wie gegensätzlich die Leben in der Großstadt sind.

Petra Hartlieb findet die richtige Sprache und Töne, um den Leser in diese Zeit zurückzuversetzen. Der Roman lebt von den Figuren, die wunderbar erdacht und erzählt sind. Es braucht nicht viel um die Stimmungen für den Leser spürbar zu machen. Das Buch ist eine kleine, feine Geschichte, die liebevoll niedergeschrieben wurde.

 

 

Warte auf mich

Philipp Andersen und Miriam Bach

Eine Geschichte, die vielversprechend beginnt und dann langweilig vor sich in plätschert.

Auf einer Verlagsparty lernen sich die Autoren Philipp und Miriam näher kennen. Sie verbringen die Nacht, in der kaum etwas zwischen ihnen passiert, miteinander. In den darauffolgenden Wochen bleiben sie per Email in Kontakt, schicken sich gegenseitig ihre Bücher zu und kommen sich durch den regen Austausch näher. Bis die Frage nach einem erneuten, persönlichen Treffen aufkommt. Philipp, ein glücklich verheirateter Mann und Miriam, eine geschiedene Frau, die sich eine Familie wünscht. Eine schlechte Ausgangsposition, dennoch verlieben sich die beiden in einander. Miriam, zwar nicht mit der Rolle der Geliebten einverstanden, gibt schlussendlich Philipps Drängen nach. Für beide beginnt eine glückliche Zeit, die nur selten von der Realität überschattet wird. Wird am Ende der Affäre ein Happy End stehen und wann ja, wie kann es aussehen?

Miriam und Philipp, zwei Autoren, verlieben sich in einander. Philipp, wesentlich älter und glücklich verheiratet, bekennt gleich zu Anfang, dass er seine Frau keinesfalls verlassen wird. Dennoch wirbt er unablässig um Miriam, die sich letztendlich seinem Charme nicht entziehen kann. Sie stolpern in eine monatelange Affäre, obwohl Miriam sich mit ihrer Rolle als Geliebte nur schwer arrangieren kann. Miriam wünscht sich als Enddreißigerin sehnlich eine eigene Familie. Jedes Für und Wieder wägen die beiden hoffnungslos Verliebten ab, jedoch bleibt die Frage, ob es eine gemeinsame Zukunft geben kann, bestehen!

Der Roman beginnt hoffnungsvoll, sowohl für die Figuren als auch für den Leser, doch dann plätschert die Geschichte langweilig vor sich hin. Abwechselnd wird aus Philipps bzw. Miriams Sicht erzählt. Leider fehlt es den Figuren an Tiefe.

Viele Situationen und Handlungen werden für den Leser schlichtweg nicht nachvollziehbar erzählt. Zum Beispiel nimmt Philipps Frau, die er keinesfalls verlassen möchte, eine viel zu kleine Rolle in der gesamten Geschichte ein, so dass der Leser kaum versteht, warum Philipp so vehement an der Ehe festhält. Hin und wieder kommen Hinweise auf depressive Schübe, welche anscheinend beiden Protagonisten zu schaffen machen. Leider bleibt es eine Randinformation, die genauso gut unerwähnt bleiben könnte. Meine Erwartungen an den Roman wurden enttäuscht. Alles in allem schildert der Roman sachlich und gänzlich ohne Witz oder überraschende Wendungen, die Geschichte einer aussichtslosen Affäre, die zum größten Teil in wechselnden Hotelbetten gelebt wird. Nur das Ende stimmte mich als Leser etwas versöhnlich.

https://www.piper.de/buecher/warte-auf-mich-isbn-978-3-492-30510-5

Von Elise

Verena Maria Kalmann

Die Geschichte des Romans hält keine Überraschungen bereit. Den Figuren fehlt es an Ecken und Kanten. Zudem mäßiger Schreibstil. Kann man lesen, muss man nicht.

Als die Violinistin Valerie von der Orchesterprobe zurückkommt, erwischt sie ihren Freund mit ihrer besten Freundin in flagranti. Kurz darauf erhält sie ein Angebot aus Paris. Spontan organisiert sie den Umzug und lässt alles hinter sich. In Paris angekommen entpuppt sich der langersehnte Karrieresprung als Schleudersitz, da die Madame Provka Valerie deutlich zu verstehen gibt, wer in dem Orchester das Sagen hat. Auch ihre Kollegen halten Abstand zu der Neuen. Valerie muss sich behaupten.

Valeries Sofa, ein Erbstück ihrer Großtante, hat den Umzug nicht heil überstanden. Als sie den Schaden begutachtet, findet Valerie im Hohlraum des Sofas das Tagebuch ihrer Großtante Elise. Sie beginnt es zu lesen und erfährt so von der Liebesgeschichte zwischen Elise, einer begabten Pianistin, und Karl, einem ausgezeichnetem Violinisten. Die beiden lernten sich über die Musik kennen und sehr schnell auch lieben. Valerie, ebenfalls eine Vollblutmusikerin, fühlt sich ihren Vorfahren sofort verbunden. Werden Elises Erfahrungen Valerie helfen, sich durchzusetzen und ihren Weg zu finden?

Valeries Vertrag als Violinistin bei einem Münchner Orchester läuft bald aus und ihr Freund betrügt sie mit ihrer Freundin. Da kommt das Angebot aus Paris gerade recht. Spontan packt Valerie ihre Sachen, um die Stelle als 2. Konzertmeisterin anzutreten.

Doch in Paris angekommen beginnen die Schwierigkeiten. Einerseits sind ihre Französischkenntnisse nicht die besten, andererseits spürt sie gleich am ersten Tag die Feindseligkeit der 1. Konzertmeisterin Madame Prokova und des Dirigenten ihr gegenüber. Ebenso reserviert verhält sich der Großteil der Kollegen. Valerie hat keinen guten Start und auch die ersten Wochen werden nicht einfacher für sie. Dauernd ist sie den Schikanen der 1. Konzertmeisterin ausgesetzt. Nur in Jan, Oboist und Vorstandsmitglied im Orchesterrat, findet Valerie einen ehrlichen Freund. Er bemüht sich sehr, sie zu unterstützen. Aber ob es sich nur um Hilfe unter Kollegen handelt?

Als Valerie ihr beim Umzug ramponiertes Sofa, ein Erbstück, genauer untersucht, findet sie das Tagebuch ihrer Großtante Elise. Neugierig beginnt sie das Tagebuch zu lesen. Elise war eine talentierte Pianistin. Durch die Musik lernt sie Anfang 1914 Karl kennen. Er überredet sie mit ihm einige Stücke von Beethoven zu spielen. Er selbst spielt, wie Valerie, Violine. Während der Proben verlieben die beiden sich ineinander und als der Krieg ausbricht, heiraten sie im Schnellverfahren, weil Karl an die Front muss. Das Tagebuch erzählt von Schicksalsschlägen und vom Aufstehen und Weitermachen. Valerie gibt es den Mut, sich in der neuen Situation zurecht zu finden und sich zu behaupten. Überdies erfährt Valerie vieles über die Geschichte ihrer Familie.

Wird Valerie sich in ihrer Stellung, die eine große Chance für sie bedeutet, gegen alle Widrigkeiten behaupten können?

Die Geschichte ist nicht neu. Nach Jahrzehnten taucht ein Tagebuch o.ä. auf, das die heutige Figur in irgendeiner Weise beeinflusst. Doch kommt es immer darauf an, wie die Geschichte aufgebaut wird. Leider wird in diesem Roman schon im ersten Drittel klar, spannender wird es nicht werden. Brav wird Elises Geschichte runter erzählt. Sie muss einige Schicksalsschläge verkraften, doch der Versuch diese Dramatik auch dem Leser näher zu bringen, scheitert meiner Meinung nach kläglich am wenig authentischen Schreibstil. Dieser Schreibstil zieht sich durch den ganzen Roman. Oftmals werden für mein Empfinden auch seltsame Begriffe wie beispielsweise „Dealerei“ benutzt. Für mich wäre in dem Fall „Hehlerei“ der richtige Ausdruck.

Von der Figur der Valerie war ich schon nach den ersten Kapiteln genervt. Sie soll Mitte dreißig sein, verhält sich in den meisten Situationen wie Anfang zwanzig. Sie wirkt brav und bieder und lässt – obwohl ihr die Stelle angeboten worden ist, weil sie eine herausragende Violinistin ist – alles über sich ergehen und hat dauernd Angst, dass sie gekündigt wird. Das ist dermaßen nervig!!!! Sie macht meiner Ansicht auch keine Entwicklung durch. Der ganze Roman ist zu sehr nach dem Schema „da die Guten, da die Bösen“ gezeichnet. Den Figuren fehlt es an Ecken und Kanten, die sind alle zu glatt in ihrer angedachten Rolle.

Zudem verstrickt sich die Autorin zeitweise über die Maßen in musikalischen Fachsimpeleien, die man als Laie nicht versteht und die auch für die Geschichte völlig belanglos sind. Auf der anderen Seite hätte ich mir gerade was die Erwähnung von historischen Ereignissen, die in Elises Tagebuch auftauchen, mehr Genauigkeit gewünscht. Da wäre ein bisschen mehr Recherche und nicht nur Wiedergabe von Schulwissen angebracht gewesen.

Alles in allem nette, anspruchslose Unterhaltung, bei der man gerne mal ein paar Seiten überblättern darf, ohne den Anschluss zu verlieren.

Wie man die Zeit anhält

Matt Haig
Wie man die Zeit anhält

Matt Haig

Ein empfehlenswertes Buch! Es macht deutlich, dass egal wie lange du lebst, es zählt der Moment!

Tom Hazard sieht aus wie ein Mann um die 40, doch ist er weitaus älter. Als Heranwachsender bemerkt er, dass er beginnt langsamer zu altern als die Menschen um ihn herum. In Zeiten der Hexenverfolgung des 17. Jahrhunderts eine gefährliche Anomalie.
Im heutigen London hat er gerade eine Stelle als Geschichtslehrer angetreten. Durch die Unterrichtsvorbereitung, kommt viel Erlebtes wieder aus Tom seelischen Tiefen an die Oberfläche. So erzählt Tom von seinem Leben durch die Jahrhunderte hindurch. Er erzählt von den tragischen und glücklichen Momenten, Bekanntschaften und von der Einsamkeit.

Im Hier und Jetzt wird sein Leben durch die Albatros Gesellschaft gelenkt, die ihm alle acht Jahre eine neue Identität verschafft. So kann niemand verdacht schöpfen, weil Tom augenscheinlich nicht älter wird. Tom lernt Camille, eine Kollegin, kennen. Er ist dabei sich in sie zu verlieben, doch einer der Grundsätze der Albatrosse ist, keinesfalls soziale Bindungen einzugehen. Wie wird er sich entscheiden? Tom lässt sein Leben Revue passieren, um am Ende herauszufinden, was ihn wirklich glücklich macht.

Tom Hazard, geboren 1581 als adeliger Spross in einem französischen Chateau, flieht nach dem Tod des Vaters während der Religionskriege mit seiner Mutter nach England. Als er 13 Jahre alt ist, hört er auf zu altern. In 10 Jahren altert er um eins. Nach dem Verlust seiner Mutter, an deren Tod er sich die Schuld gibt, kommt er nach London. Dort lernt er Rose kennen. Rose ist seine große Liebe. Doch ist es möglich diese Liebe zu leben? Im Prinzip sind sie im gleichen Alter, nur Tom sieht man sein wirkliches Alter nun einmal nicht an. Das bringt viele Probleme mit sich.

Tom wird einsam. Er lebt, während die Zeit für alle anderen normal voranschreitet. Er umsegelt die Weltmeere, lebt in verschiedenen Ländern bis er im 19. Jahrhundert sich der Albatross Gesellschaft anschließt. Eine Vereinigung, in der alle Mitglieder die gleiche Anomalie des langsamen Alterns besitzen. Alle acht Jahre muss Tom einen Auftrag erfüllen und dann bekommt er von der Gesellschaft eine neue Identität. Doch ist die Gesellschaft wirklich eine Rettung aus seiner Einsamkeit?
Im heutigen London unterrichtet Tom an einer Schule Geschichte. Eine Tätigkeit, die ihm Freunde bereitet. Zudem ist er dabei sich in seine Kollegin Camille zu verlieben. Laut den Regeln der Albatros Gesellschaft ein absolutes Tabu. Tom hat die Erfahrung gemacht, dass jedem Menschen, der sein Geheimnis kannte, etwas zugestoßen ist. Darum versucht er sich von Camille fernzuhalten. Ob Tom es jemals schaffen wird aus dem Kreislauf aus Schuld, Verlust und Einsamkeit auszubrechen und sein Leben endlich als Geschenk anzunehmen?
„Wie man die Zeit anhält“ ist ein fantastischer Roman, mit unendlich vielen Lebensweisheiten, die den Leser zum Nachdenken bringen. Ein Satz hat sich bei mir besonders eingeprägt:
„Das 21. Jahrhundert droht immer noch, sich zu einer schlechten Coverversion des 20. Jahrhunderts zu entwickeln“
Daneben gibt es auch etliche Dinge, die mit einem Augenzwinkern hinterfragt werden. Wie als Beispiel die Sinnhaftigkeit von Selbstbedienungskassen.
Der Roman wird aus der Sicht des Ich Erzählers Tom geschildert, der unter seinem „Defekt“ leidet. Anstatt das Leben, das er voll ausschöpfen darf, anzunehmen, verbringt er seine Zeit mit Schuldgefühlen und Abschottung. Doch je mehr man über ihn erfährt, desto besser kann man ihn verstehen. Es ist ein unterhaltsames Lesevergnügen, wenn er von seinen Abenteuer berichtet, von bekannten Persönlichkeiten, die zufällig seine Wege kreuzten oder von seiner Liebe zu Rose.
Als ich die letzte Seite gelesen hatte und das Buch zuschlug, war es wie ein Abschied von einem liebgewonnen Freund. Am Ende klärt sich für Tom glücklicherweise vieles, so dass man ihn guten Gewissens gehen lassen kann.
Ein empfehlenswertes Buch! Es macht deutlich, dass egal wie lange du lebst, es zählt der Moment!

 

Animant Crumbs Staubchronik

Lin Rina

Ein Roman über eine außergewöhnliche junge Frau, die mit Wissen und Mut punktet.

Animant Crumbs Staubchronik handelt von der 19jährigen Animant Crumb, welche sich nur für Bücher anstatt, wie es für junge Damen der Gesellschaft üblich ist, für die Eroberung eines Ehemann interessiert. Animants Gleichgültigkeit hinsichtlich eines Ehemanns, führt zu dauernden Auseinandersetzungen mit ihrer Mutter. Da scheint es eine glückliche Fügung zu sein, als ihr Onkel, verantwortlich für Personalfragen an der Londoner Universität, händeringend einen Assistenten für den launischen Bibliothekar sucht. Animant soll diese Stelle für einen Monat annehmen.

Das Londoner Stadtleben unterscheidet sich erheblich von dem beschaulichen Landleben, dass Animant bislang gewöhnt ist. Tapfer stellt sie sich allen Herausforderungen, die größte ist der griesgrämige Bibliothekar, welcher ihr das Leben schwer macht. Dennoch zeigt sich das Leben in London auch von anderen Seiten, so schließt Animant schnell neue Freundschaften und entdeckt so manch Neues. Ihre vier Wochen in London sind voller neuer Eindrücke und Animant entdeckt Seiten an sich selbst, die sie nie für möglich gehalten hätte. Ausgerechnet der fürchterliche Bibliothekar hat einen großen Anteil daran.

Ende des 19. Jahrhunderts ist es für junge Frauen von gesellschaftlichen Stand erstrebenswert eine gute Partie zu machen. Nur Animant Crumbs hat überhaupt kein Interesse an Männer, die sie in den meisten Fällen für Langweiler und Dummköpfe hält. Sie verbringt ihre Zeit am liebsten mit ihren Büchern auf dem Dachboden. Durch ihr vielfältiges Wissen entlarvt sie nur allzu schnell jeden, der lediglich prahlerische Absichten hegt. Dieser Wesenszug führt zu ständigen Streitereien zwischen Animant und ihrer Mutter. Als eines Tages ihr Onkel zu Besuch ist, klagt er der Familie sein Leid. Er ist verantwortlich für Personalangelegenheiten innerhalb der Londoner Universität und ist andauernd auf der Suche nach einem Assistenten für den Bibliothekar. Dieser hat ein unleidliches Wesen und vergrault nach kurzer Zeit alle Anwärter auf die Stelle. Schnell fassen Animants Vater und Onkel den Plan, dass Animant einen Monat diese Stelle übernehmen soll.

Somit lernt Animant eine zentrale Stelle des Wissens kennen, die ansonsten Frauen zu dieser Zeit verwehrt bleibt. Die Bibliothek steht nur den männliche Studenten zur Verfügung. Es könnte für sie der schönste Platz auf Erden sein, wenn da nicht der übellaunige Bibliothekar wäre, der sie häufig schikaniert. Doch Animant ist gewillt durchzuhalten und ihr bestes zu geben. Auch das Stadtleben ist ein ganz anderes als sie es gewohnt ist. In der wissbegierigen und freiheitsliebenden Elisa findet sie schnell eine gleichgesinnte Freundin. In diesem Monat prasseln viele Eindrücke und neue Erfahrungen auf die junge Frau ein, die Animant erwachsen werden lassen. Sie lernt viel über sich selbst und das Leben, und zum ersten Mal im Leben ist Animant verliebt.

Animant ist eine willensstarke Persönlichkeit, die sich von den Regeln ihrer Zeit nicht unterkriegen lässt. Sie verkörpert eine junge, aufgeschlossene und wissbegierige junge Frau, die sich vor allem für Sachbücher rund um naturwissenschaftliche Themen interessiert. Sie war mir sofort sympathisch, auch wenn sie manchmal in verstaubte Muster zurückfällt, ist sie eine außerordentlich liebenswerte Person. In ihrer Londoner Zeit passieren ihr Dinge, die auf dem Land undenkbar gewesen wären. An einigen Stellen habe ich sehr lachen müssen, denn so groß ist der Unterschied zu der heutigen Zeit auch nicht.

Ebenso lebensbejahend und mutig ist auch Elisa. Manchmal vielleicht zu derb oder zu laut, aber eine tolle Frau und Freundin. Manche Männer kommen in dieser Erzählung nicht gut weg und das zu Recht! Es ist ein Roman über das Erwachsen werden, sich selbst finden und erkennen, aber auch über Emanzipation. Leider ist vieles, was in diesem Buch unterschwellig beschrieben wird, heute noch genauso. Wir erleben es aktuell bei dem Fall einer weiblichen Sportmoderatorin, die Fussballspiele kommentiert.

Ein außergewöhnlicher Roman!

Das Geheimnis des Winterhauses

Sarah Lark
Das Geheimnis des Winterhauses

Sarah Lark

Als ihre Cousine und beste Freundin Klara erkrankt, ist es für Ellinor selbstverständlich sich als Spender für eine neue Niere testen zu lassen. Sie ahnt nicht, dass sie mit ihrer Entscheidung zu helfen, ein gut gehütetes Familiengeheimnis aufdeckt. Als sie mit den Nachforschungen zur wahren Geschichte ihrer Ahnen beginnt, kann sie nicht absehen, dass sich ihr Leben dabei grundlegen verändern wird.

Ellinor reist von ihrer Heimatstadt Wien nach Dalmatien, an den Ort, aus dem ihre Urgroßeltern stammen. Dort begibt sie sich auf Spurensuche nach ihren Vorfahren. Ihre Suche führt Ellinor von Dalmatien weiter nach Neuseeland. Ihr Urgroßvater, Frano Zima,  folgte um die Jahrhundertwende dem Versprechen auf ein besseres Leben als Gumdigger in Neuseeland. Als sie mit ihrem Mann in Neuseeland ankommt, lernt sie ihre dort ansässige Verwandtschaft kennen. Stück für Stück trägt sie die einzelnen Puzzleteile zusammen und erfährt dadurch viel über das Leben ihres Urgroßvaters. Ellinor offenbart sich eine Vergangenheit voller Hoffnungen, Lebenslügen und enttäuschter Liebe, die sie bishin zu einem der spektakulärsten Fälle der neuseeländischen Kriminalgeschichte führt.

Allerdings stellt Ellinors Neugier auf das Leben ihrer Ahnen ihre Ehe mit dem Künstler Gernot auf eine harte Probe. Durch ihre Reise ergründet Ellinor vieles über ihre familären Wurzeln und es verändert das Leben der Mittdreißigerin von Grund auf.

Ellinor, die Protagonistin des Romans „Das Geheimnis des Winterhauses“, ist dem Leser mit ihrer offenen, klugen Art gleich sympathisch. Dass sie sich sofort auf die Suche macht, um das Geheimnis zu erkunden, ist nachvollziehbar und verständlich. Jeder ihrer Schritte nimmt den Leser mit an eindrucksvolle Orte und lässt ihn zeitweise am Leben des letzten Jahrhunderts teilhaben. Die vielen Facetten der Geschichte bleiben bis zum Schluss spannend. In manchen Momenten war ich als Leser selbst nicht sicher, wie es weitergeht und was ich wirklich von den verschiedenen Puzzleteilen halten soll.

Die Figur des Ehemanns Gernot hätte mehrere Graustufen vertragen können. Meiner Meinung nach ist die Figur von Beginn an zu einseitig dargestellt. Ein weiterer Kritikpunkt ist das sich überschlagende Ende, das für mich zu sehr auf „Alles-wird-gut“ getrimmt wurde. Alles in allem ist Sarah Larks neuer Roman ein wunderbar erzählter Roman, dessen Geschichte nachdenklich stimmt. Ich konnte ihn jedenfalls kaum aus der Hand legen, aus lauter Neugier, was Ellinor als nächstes entdeckt.

 

Manchmal ist es federleicht

von kleinen und großen Abschieden
Manchmal ist es federleicht

Christine Westermann

In „Manchmal ist es federleicht“ berichtet Christine Westermann von kleinen und großen Abschieden. Jeder Mensch erlebt in seinem Leben verschiedene Arten des Abschieds. Manche werden uns aufgezwungen, manche bestimmen wir selbst.

Genau davon erzählt Christine Westermann; von ihren Vater, der gezwungen war, Erfurt und somit die DDR zu verlassen. Seine Flucht ist im Gegensatz zu einem freigewählten Umzug sicher kein Vergleich. Was lässt man zurück und ist das, was man zurücklässt, später noch wichtig? Um etwas Neues zu wagen, muss man meist das Alte hinter sich lassen. Es ist ein sehr persönliches Buch, denn Christine Westermann schreibt nicht nur über ihre erlebten Abschiede, sondern gibt Einblicke in private Momente und Gedanken.

Es ist ein Buch, in dem sich jeder wiederfinden kann, denn Abschiede gehören zum Leben dazu. Christine Westermann versteht es hervorragend die nötigen Zwischentöne zu finden, um ihren Erlebnissen Lebendigkeit zu verleihen. Ohne viel Pathos schreibt sie über altersbedingte Einschränkungen körperlicher Beweglichkeit, über das Ende einer grandiosen Fernsehsendung und über den Umgang mit dem Tod. Ich habe das Lesen des Buches sehr genossen. Manche Stellen haben mich zum Lachen gebracht, andere wiederum haben mich nachdenklich werden lassen. Wenn man wirklich ein Maßband, als sichtbares Zeichen für Lebenszeit, zu Grunde legt, sollte man Abschiede als ein Teil des Lebens betrachten und die Furcht davor ablegen.

Ein absolut empfehlenswertes, lesenswertes Buch, geschrieben von einer ganz tollen Frau.

https://www.christine-westermann.de/