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Neuleben

Katharina Fuchs

Zwei Frauen, die ihren eigenen Weg trotz Schwierigkeiten unbeirrt verfolgen. Die Fortsetzung der Familiengeschichte in den frühen 1950iger Jahren ist unterhaltsam verpackt.

Der zweite Teil der Familiengeschichte beginnt im Frühjahr 1953. Gisela und Felix stehen kurz vor ihrer Hochzeit. Therese, Felix Schwester, studiert als eine von zwei Frauen an der Freien Universität Berlin Jura. Während der Vorlesungen ist Therese oftmals der Häme ihrer Kommilitonen und der Professoren ausgesetzt. Nun steht sie kurz vor ihrem ersten Staatsexamen, das sie mit Prädikat bestehen muss, um ihren Traum, eines Tages Richterin zu werden, verwirklichen zu können. Dafür muss sie wesentlich mehr als die männlichen Mitstudenten leisten. Ein schlechter Zeitpunkt, um sich zu verlieben.

Auch Gisela strebt eine berufliche Karriere an, so wie ihre Mutter Anna es vorgelebt hat. Am liebsten würde sie sofort als Näherin bei einem modernen, angesagten Modelabel anfangen, doch zunächst nimmt sie eine Stelle bei der sehr konservativen Marke Engelmann an. Schon bald keimt in der jungen Frau ein Plan, wie sie es schaffen kann, der konservativen Linie mehr modernen Chic einzuhauchen. Dabei hilft ihr der gute Draht zur Tochter vom Chef.

Nach der Hochzeit überschlagen sich die Ereignisse. Felix und Thereses Großmutter Lisbeth stirbt. Das einst prächtige Gut Feltin ist heruntergekommen. Großvater Richard haust in einem ehemaligen Arbeiterkotten und wird von der LPG Leitung aufgefordert, das Gut einen Tag nach der Beerdigung zu verlassen. Felix hat sich auf eine undurchsichtige Schmuggelaktion eingelassen, die ihn auf der Rückreise nach West Berlin in große Schwierigkeiten bringt. Welche Rolle sein Bruder Klaus, ein überzeugter Sozialist, dabei spielt, wird er erst später erfahren.

Anna wird von der Vergangenheit eingeholt. Sie kehrt wieder an den Platz zurück, an dem ihre Karriere vor so vielen Jahren begann; das KaDeWe!

Ob sich wirklich alle Träume erfüllen? Wohin wird die neue Zeit die Familien Liedke und Trotha treiben, nachdem Feltin verloren und West Berlin von der DDR umschlossen ist?

Die Fortsetzung des Romans „Eine handvoll Leben“, welcher im vergangenen Jahr im DroemerKnaur Verlag erschienen ist, stellt nun die junge Generation in den Vordergrund. Wieder sind es zwei starke Frauen, die diesen Roman prägen. Therese, welche sich als Frau in ihrem Jura Studium einiges gefallen lassen muss und dennoch ihr Ziel nicht aus den Augen verliert. Ebenso wie sie gegen ihre eigenen Dämonen ankämpfen muss. Ihr Trauma, das sie kurz vor Kriegsende durchleben musste, hat sie noch nicht überwunden. Ihre Schwägerin Gisela ist ganz die Tochter ihrer Mutter. Sie hat den Sinn für Schnitte und Stoffe von Anna geerbt und möchte sich, wie ihre Mutter, beruflich verwirklichen. Die lebensfrohe, positiv denkende Gisela hat eine ganze Menge Schwung, der ihr hilft das Leben anzupacken. Für beide jungen Frauen ist ihr beruflicher Erfolg wichtig. Eine Einstellung, die für die 1950iger Jahre fast revolutionär ist. In den Jahren blieben Frauen zu Hause und sorgten sich um den Haushalt, die Kinder und das Wohlergehen des Mannes, ohne dessen schriftliche Einwilligung sie auch keine Arbeitsstelle annehmen durften.

Doch auch politische Themen kommen in diesem Roman nicht zu kurz. Der Aufstand der Arbeiter der DDR am 17. Juni 1953 wird in die Geschichte verwoben. Felix und seine Freunde lassen sich auf ein gefährliches Unternehmen ein, um der westlichen Welt zu zeigen, welches Unrecht in der DDR geschieht. Dabei lernen die Freunde, vor allem Felix, die neu gegründete Behörde der Staatssicherheit kennen, deren lange Arme auch bis nach West Berlin reichen.

Anschaulich schildert die Autorin Katharina Fuchs den Gegensatz von Zerstörung und Neuaufbau in den Städten. Die Hoffnung auf eine bessere Zukunft, die sich als erstes in den vollen Auslagen der Schaufenster widerspiegelt. Vorbei ist es mit dem Hunger und der Improvisation. Der Roman ist ein Wiedersehen mit den Protagonisten des letzten Teils, dennoch ist der Übergang zur jungen Generation wunderbar gelungen. Die Kapitel wechseln zwischen den jeweiligen Charakteren. Es fiel mir leicht mich in die Geschichte einzufinden. Durch die fabelhafte Beschreibung der Begebenheiten, hatte ich sogleich ein Bild der Szene vor Augen. Auf den ca. 400 Seiten verbirgt sich eine Mischung aus Aufbruch und Vergangenheitsbewältigung. Die Figuren sind keineswegs glattgebügelt, sondern haben ihre Narben, mit denen sie versuchen Frieden zu schließen.

Es ist eine Stück Zeitgeschichte, die der unterhaltsam geschriebene Roman seinen Lesern auf sehr bildhafte Weise näher bringt.

Links zum Buch:

https://lesepartie.de/zwei-handvoll-leben/

https://www.lesejury.de/katharina-fuchs/ebooks/neuleben/9783426453902

Nach Mattias

Nach Mattias Roman Cover
Peter Zantingh

Gute Idee, jedoch ist die Umsetzung zu oberflächlich, um dem Thema gerecht zu werde. Der rote Faden ist kaum erkennbar.

Mattias ist tot. Ein lebenslustiger Mittdreißiger, der plötzlich aus dem Leben gerissen wird, hinterlässt Beziehungen zu unterschiedlichsten Menschen. Es sind die familiären und freundschaftlichen Bindungen, in denen Mattias eine spürbare Lücke hinterlässt. Daneben gibt es auch die Menschen, deren Leben Mattias nur flüchtig streifte. Auf welche Weise lebt Mattias in den Gedanken all dieser Menschen weiter? Was bleibt von ihm?

Der Ansatz des Autors Peter Zantingh, aufzugreifen, wie sich das Fehlen eines Menschen auf das Weiterleben der Anderen auswirkt, macht neugierig. Jedes Kapitel handelt von einer Person, die auf verschiedenartige Weise eine Beziehungen zu Mattias hatte.

Den Anfang macht Mattias‘ Lebensgefährtin Amber. Es folgen Familie, enge Freunde ebenso wie flüchtige Kontakte. Jeder von ihnen hat seine eigene Geschichte und seinen Berührungspunkt mit Mattias. Das Bild, das wir als Leser von Mattias gewinnen, wird aus diesen unterschiedlichen Perspektiven zusammengesetzt sowie auch die Trauer viele Gesichter hat.

Die Buchidee hat mich sofort angesprochen, daher wollte ich den Roman unbedingt lesen. Leider konnte er meine Erwartungen nur bedingt erfüllen. Der Roman beginnt vielversprechend. Die ersten beiden Kapitel greifen ineinander, wie beim Staffellauf wird der Stab zwischen Amber und Quentin weitergereicht. Doch mit jedem weiteren Kapitel verliert sich der Zusammenhang. Nathans Kapitel beispielsweise, ist für sich genommen eine intensive, kurze Momentaufnahme seines einsamen Lebens. Gut und eindringlich beschrieben. Allerdings ist Nathan keine Person, die relevant für den Roman ist. Gerade diese Figur ist für mich ein großes Fragezeichen. Ob er nun seine Ferienwohnung vermietet oder nicht, ob Amber nun vor seiner Tür steht oder nicht, hat für mich keinerlei Bezug zum eigentlichen Thema des Romans. Im Gegenteil; das Kapitel unterbricht den roten Faden, welcher sich ohnehin kaum sichtbar durch das Buch zieht. Am eindrucksvollsten gelungen sind meiner Meinung nach die Kapitel über Issam und jenes über Tirra.

Am Ende bleibt der Roman hinter meinen Erwartungen zurück. Aus meiner Sicht fehlt das Ineinandergreifen der einzelnen Geschichten. Mir ist Mattias als verbindende Komponente zu wage geblieben. Die Geschichte ebenso wie ihre Charaktere bleiben für mich als Leser zu sehr auf Distanz, sodass ich kaum Zugang zu den Figuren finden konnte. Teils ist der Schreibstil sehr eindringlich, teils jedoch zu sachlich und emotionslos. Dadurch kann sich die Idee des Romans nur bedingt entfalten. Ich hätte mir mehr Verbindungspunkte zwischen den Figuren gewünscht. Jedes Kapitel steht als Einzelkämpfer da, ohne eindeutigen Zusammenhang. Aufgrund dessen hat der Roman mich nicht ganz überzeugen können.

Ich bedanke mich beim Diogenes Verlag für das Rezensionsexemplar!

Links zum Buch

https://www.vorablesen.de/buecher/nach-mattias

Der Empfänger

Romancover Der Empfänger von Ulla Lenze
Ulla Lenze

Ein Stück Zeitgeschichte, verpackt in eine großartige, szenische Romanerzählung. Beeindruckend!

Der Rheinländer Josef Klein, Mitte der 1920iger Jahre in die USA ausgewandert, lebt im New Yorker Viertel Harlem. Dort genießt Josef das multikulturelle Essen ebenso wie den Jazz. Sein Geld verdient er in einer Druckerei. Privat ist er ein begeisterter Amateurfunker. Mit seinem Funkgerät holt er sich die ganze Welt zu sich nach Hause.

Durch seine Arbeit in der Druckerei rutscht Josef in deutschnationale Kreise hinein. Denn auch in den USA findet das deutsche Naziregime immer mehr Anhänger. Obwohl Josef versucht sich von diesen Leuten fern zu halten, schafft er es nicht, sich deren Einfluss zu entziehen. So kommt es, dass Josef für die deutschen Nationalsozialisten als Funker tätig wird. Zu spät erkennt er, auf was er sich tatsächlich eingelassen hat. Es könnte sein freies New Yorker Leben mit einem Schlag zerstören.

Die Autorin Ulla Lenze greift ein kaum beschriebenes Thema auf. Die deutsche Nazibewegung in den USA, speziell in New York. Josef fühlt sich nach fünfzehn Jahren in New York mehr als Amerikaner denn als Deutscher. Dennoch wird er in die Machenschaften der deutschen Spionage hineingezogen.

Josef ist arglos und völlig naiv. Auf der Suche nach einer Arbeit, bei der er sein Hobby, den Amateurfunk, zum Beruf machen kann, rutscht er immer tiefer hinein. Dabei ist er das totale Gegenteil eines Nazis. Er mag die verschiedenen Kulturen, er liebt den schwarzen Jazz und er ist gerne mit der ganzen Welt vernetzt. Dennoch schafft Josef den Absprung nicht, sich aus den deutschen Kreisen zu lösen. Erst als er die Bedrohung für seine Freiheit erkennt, sucht Josef nach einem Ausweg. Zu spät. Viel zu tief ist er mittlerweile in die deutsche Sache verstrickt und bereits im Visier des FBIs. Dabei möchte Josef, wie er selbst sagt, niemand sein, er genügt sich selbst.

Zurück in Deutschland bemerkt man Josefs Unruhe. Er fühlt sich eingeengt in die familiären Strukturen. Es fällt ihm schwer mit seinem Bruder Carl über den Grund seiner Inhaftierung zu reden. Josef schweigt und gibt nur das nötigste Preis. Das führt zu starken Konflikten. Carl, obwohl in Deutschland geblieben, hatte weniger Berührungspunkte mit den Nazis als Josef in New York. Und die Verbindungen zu den Nazis sind nicht abgerissen, denn Josef möchte nicht in Deutschland bleiben, er will zurück und das kann er nur mit den alten Kontakten schaffen.

Ulla Lenze erzählt die Geschichte eines deutschen Auswanderers, der Jahre lang fast unsichtbar in der Großstadt New York lebt und plötzlich ungewollt von seinem Heimatland in die Pflicht genommen wird. Die Autorin hat eine großartige, szenische Erzählweise und lässt immer wieder bedeutsame Informationen in den Text einfließen. Für den Leser heißt es, mitdenken und aufmerksam sein. Vieles wird nicht unbedingt ausgesprochen, nur angedeutet. Ihr Schreibstil macht es möglich ganz in die Geschichte einzutauchen. Gerade den Charakter Josef habe ich gut nachvollziehen können. Seine Gedanken, sein sich selbst genügen und seine Unfähigkeit sich zu wehren.

Je Kapitel wechselt die Geschichte zwischen den Zeiten. In erster Linie zwischen New York 1939/1940 und Neuss 1949. Der Roman baut seine Spannung langsam auf, fast nebenbei. Ich habe ihn sehr schnell gelesen, weil ich wissen wollte, wie es weitergeht und konnte ihn nur schwer aus der Hand legen. Jedem Leser, der Interesse an Geschichten hat, die einen solchen historischen Hintergrund beleuchten, lege ich diesen Roman ans Herz. Eine großartige, und faszinierende Erzählung.

Ich bedanke mich bei Lovelybooks und dem Klett-Cotta Verlag, dass ich an der Leserunde teilnehmen durfte!

Links zum Buch

https://www.klett-cotta.de/buch/Gegenwartsliteratur/Der_Empfaenger/112104

https://www.deutschlandfunkkultur.de/ulla-lenze-der-empfaenger-signale-die-nicht-geortet-werden.950.de.html?dram:article_id=470794

Keiner hat gesagt, dass du ausziehen sollst

Romancover Nick Hornby Keiner hat gesagt, dass du ausziehen sollst

Eine Ehe in zehn Sitzungen

Nick Hornby

Schlagfertige Dialoge. Eheprobleme amüsant und erfrischend angepackt.

In der Ehe von Lousie und Tom steht es gerade nicht zum Besten. Tom ist arbeitslos und Louise ist fremdgegangen. Sie reden aneinander vorbei und stecken fest. Für Louise ist mit Mitte vierzig das Leben nicht vorbei. Um herauszufinden, wie sie ihre Ehe wieder auf Kurs bringen können, machen sie eine Paartherapie.

Jede Woche treffen sich die Eheleute vor der Therapie im gegenüberliegenden Pub. Während sie im Pub sitzen und warten, diskutieren sie über ihre Beziehung.

Voller Humor und schlagfertigen Dialogen lässt Nick Hornby seine Protagonisten auf einander los. Zehn Mal treffen sich Louise und Tom im Pub und sagen freiheraus, was sie an ihrer Ehe und dem anderen stört. Dabei geht nicht um die große Liebe oder Romantik, es geht um das alltägliche Leben. Sie erörtern Fragen, wieso sie überhaupt zusammen gekommen sind, warum sie keinen Sex mehr haben und warum wer wie für bzw. gegen den Brexit gestimmt hat.

Die Dialoge, aus denen das Buch hauptsächlich besteht, sind witzig und dennoch gibt es auch viel Tiefgang. Bis zum Schluss war mir nicht klar, wie es ausgeht. Aber auch das Ende ist weder romantisch noch tragisch, sondern ein aufmunterndes Augenzwinkern. Eine lange Beziehung funktioniert nicht ohne Humor und den hat Nick Hornby auf seine unvergleichliche Weise wieder fabelhaft gezeigt.

Es hat mir richtig Spaß gemacht die Treffen im Pub zu begleiten. Ja, ich hatte Spaß beim Lesen und habe manches Mal lachen müssen. Nick Hornby findet den richtigen Ton und das richtige Maß von dem, was er uns Lesern mitteilt. Die 158 Seiten erzählen kurz und knackig alles, was relevant ist. Der Rest obliegt dem Leser. Bis zur letzten Seite ist es eine amüsante und erfrischende Erzählung. Einfach großartig.

Links zum Buch:

https://www.kiwi-verlag.de/buch/nick-hornby-keiner-hat-gesagt-dass-du-ausziehen-sollst-9783462054101

https://www.deutschlandfunkkultur.de/nick-hornby-keiner-hat-gesagt-dass-du-ausziehen-sollst-der.950.de.html?dram:article_id=471739

https://lesepartie.de/juliet-naked/

Feuer und Sturm

Feuer und Sturm Romancover
Sibylle Baillon

Die Französische Revolution auf dem Höhepunkt der Schreckensherrschaft Robespierres und mittendrin die drei Schwestern Cotin. Die Geschichte vereint auf lebendige Weise die Historie mit den Einzelschicksalen ihrer Figuren. Spannend und Emotional.

Nachdem die Schwestern Jeanne, Marianne und Madeleine viele Jahre getrennt waren, haben sie sich nun endlich wiedergefunden. Gemeinsam wohnen sie bei Madame Bertin, die vor den Revolutionären nach England floh. Paris steht ganz im Zeichen der Schreckensherrschaft von Robespierre. Täglich werden zahlreiche Menschen hingerichtet. Die Gefängnisse sind voll und die Angst vor Denunziationen groß.

Doch die gemeinsame Zeit dauert nicht lange an. Als erste macht sich Marianne heimlich ohne das Wissen ihrer Schwestern auf den Weg nach Cholet zu ihren Eltern. Gerade in der Gegend toben kriegerische Auseinandersetzungen der revolutionären Truppen und den Royalisten. Marianne begibt sich auf eine waghalsige Reise. Auch wenn sie ihre Eltern seit über zehn Jahre nicht gesehen hat, treibt Marianne die Ungewissheit, was aus ihnen geworden ist, fort aus Paris.

Madeleine wird aufgrund ihrer Tätigkeit bei der Schneiderin der Königin mit ihrer Kollegin Louisa verhaftet und ins Gefängnis gebracht. Jeanne bleibt mit Madeleines Baby allein zurück. Für die kleine Janmy findet Jeanne schnell eine Amme, doch über den verbleib von Madeleine kann sie nichts in Erfahrung bringen. Als Jeanne das Haus von Madame Bertin verlassen muss, verhilft ihr ein glücklicher Zufall zu einer Anstellung bei dem berühmten Maler Louis David, der auch in politischen Dingen mitmischt. Er bewahrt Jeanne vor dem Elend in den Straße Paris.

Jeder der drei Schwestern ist wieder auf sich allein gestellt und trifft auf Menschen, die ihnen mal mehr, mal weniger wohlgesinnt sind. Doch eine Eigenschaft eint sie, der Wille zu Überleben.

Wie schon im ersten Teil, trennen sich auch in der Fortsetzung die Wege der Schwestern gleich zu Beginn. Die älteste, Marianne, nimmt große Gefahren auf sich, um herauszufinden, was aus ihren Eltern und dem Hof geworden ist. Zu Hause angekommen, erwartet sie eine Überraschung. Sie kann nicht bleiben und schließt sich einer royalistischen Armeetruppe an. Aus nächster Nähe erlebt sie die gnadenlosen Kämpfe und gerät dabei mehrmals selbst in Lebensgefahr. Während diesen bedrohlichen Umständen entdeckt Marianne ihre Leidenschaft zu einem Mann. Doch wie lange kann eine Liebe den Krieg ausschließen?

Madeleine sitzt ohne Verhandlung im Gefängnis und bekommt dort hautnah zu spüren, wie wahllos Menschen zur Guillotine geführt werden. Jeden Abend, wenn die Namenslisten verlesen werden, erwartet sie ihren Namen zu hören. So sehr sich Jeanne auch bemüht, herauszufinden, wo Madeleine sich befindet, kann sie ihre Schwester nicht ausfindig machen. Glücklicherweise hat Jeanne die Anstellung beim Maler Davis im Louvre bekommen. Denn täglich nimmt das Elend auf den Pariser Straßen zu. Als Jeanne beobachtet, wie Kinder angesprochen und mitgenommen werden, erwacht ihr Misstrauen. Jeanne macht sich mit ihren Nachforschungen keine Freunde. Auch Jeannes Liebesbeziehung zu Camille wird durch die Trennung auf eine harte Probe gestellt.

Viele historische Themen und Personen dieser Zeit, finden ihren Platz im Roman. Die Geschichte beleuchtet auch unbekanntere Ereignisse der Revolution genauer. Das macht für mich den Reiz dieser Erzählung aus, weil sie versucht so lebensnah wie möglich das Leben von damals wiederzugeben. Als Leser habe ich den Eindruck direkt dabei zu sein. Der Roman ist spannend geschrieben, sodass man sich nur ungern beim Lesen unterbrechen lässt. Der Autorin ist ein authentisches Porträt dieser Zeit gelungen und ihre drei Protagonistinnen schlagen sich jede auf ihre Weise durch. Unerschrockene, pragmatische Frauen, deren Weg ich als Leserin mit Neugier begleite. Das Schicksal der drei Frauen bleibt ungewiss. Ich bin gespannt, welche Herausforderungen die Schwestern in der Fortsetzung meistern müssen.

Ich bedanke mich herzlich bei der Autorin Sibylle Baillon für die Bereitstellung des Ebookexempars.

Links zum Buch:

Teil I: https://lesepartie.de/die-toechter-des-sturms/

https://lesepartie.de/und-ueber-uns-das-nichts/

https://www.lovelybooks.de/autor/Sibylle-Baillon/

Die Tänzerin von Paris

Buchcover zum Roman Die Tänzerin von Paris
Annabel Abbs

Eine interessante, wahre Geschichte, allerdings viel zu sehr in die Länge gezogen.

Lucia Joyce, Tochter des berühmten und viel diskutierten, irischen Schriftstellers James Joyce, lebt im Jahr 1928 mit ihrer gesamte Familie in Paris. Ihre Leidenschaft ist der Ausdruckstanz, mit dem sie große Erfolge feiert. Auch wenn Lucias eine erwachsene Frau und gefeierte Tänzerin ist, sind es ihre Eltern, die über ihr Leben bestimmen. Dem Schaffen des berühmten Vaters haben sich alle unterzuordnen. Durch sein schweres Augenleiden benötigt James Joyce Unterstützung beim Schreiben. So lernt Lucia eines Tages einen jungen, irischen Mann kennen; Samuel Beckett, welcher in Paris studiert. Auch er hat schriftstellerische Ambitionen und ist voller Bewunderung für seinen berühmten Landsmann Joyce. Lucia verliebt sich in Beckett und malt sich in ihrer Fantasie eine Zukunft mit ihm aus. Doch sie ist gefangen in den strengen moralischen Zwängen ihrer Familie. Lucia unternimmt etliche Versuche sich davon zu befreien, doch sie scheitert ein ums andere Mal. Als sie dann noch von der Lebenslüge ihrer Eltern erfährt, treten immer öfter psychische Probleme bei Lucia zu Tage.

Nach vielen Therapieversuchen übernimmt der bekannte Psychologe C.J. Jung 1934 Lucias Behandlung. Er versucht in Lucias Unterbewusstsein vorzudringen, weil er davon überzeugt ist, dass Lucia etwas verdrängt und diese Etwas den Therapieerfolg verhindert. Wird Lucia es schaffen, irgendwann wieder als Tänzerin auf der Bühne zu stehen und sich selbst verwirklichen?

Der Roman erzählt die Geschichte einer jungen Frau, der es nicht gelingt sich von ihrer Familie zu lösen. Wenn man die tragische Geschichte der Lucia Joyce verfolgt, bekommt man schnell den Eindruck, als wäre ihr jedes Recht auf Selbstbestimmung von Anfang an entzogen worden. Die Mutter wirkt oft hartherzig und verhält sehr ungerecht gegenüber Lucia. Das Mutter – Tochter – Verhältnis ist miserabel und die Mutter kann ihre Eifersucht auf die Tochter kaum verbergen. James Joyce behandelt Lucia wie sein kleines Mädchen, obwohl sie mittlerweile eine erwachsene Frau ist. Auch das von Lucia viel beschworene gute Verhältnis zu ihrem Bruder scheint einseitig zu sein. Ihr Bruder jedenfalls nimmt wenig Rücksicht auf seine Schwester. Sein Umgang mit Lucia ist kaltherzig und dominant.

Ebenfalls bleibt die Frage, ob Beckett nun tatsächlich die große Liebe ist. Für mich waren in dem Roman keinerlei Funke zwischen den beiden zu spüren, dazu waren ihre Begegnung zu distanziert. Ich würde diese Liebelei eher Lucias Traumwelt zuordnen. Auch der Tag, an dem Beckett und sie sich näher kamen erscheint mit mehr Traum als Realität. Ihr Wunsch endlich selbstbestimmt leben zu können, hat für mich viel mit den Gefühlen für Beckett zu tun. Eine Heirat scheint für sie der einzige Ausweg aus ihrer Familie zu sein. Aufgrund dessen steigert sie sich in diese „Liebe“ hinein.

Die Erzählung selbst verstrickt sich vielfach in die traumhafte Gedankenwelt der Hauptfigur, was sich endlos zieht und den Fluss der Geschichte hemmt. Seitenlang verfolgen wir Lucias Leben, ohne das etwas wesentliches geschieht. Das Tempo zieht erst im letzten Romandrittel an. In dem Teil verdichten sich Lucias Versuche ihr Leben zu ändern. Jedes Scheitern macht deutlich, wie sehr die junge Frau leidet.

Hinzu kommen die regelmäßigen Wechsel ins Jahr 1934 zu Doktor Jungs Therapiestunden, welche die Dramatik ihres Scheiterns erklärend unterstreichen. In dem Abschnitt zerbricht auch die moralische Instanz der Eltern, die für Lucia ein stetiger Leitfaden gewesen waren. Lucia begreift, dass ihre Eltern nicht frei von Fehlern sind. Diese Erkenntnis erschüttert die junge Frau zutiefst. Als ihre Eltern ihr weiterhin Vorschriften machen, setzt sich in Lucias Psyche etwas in Gang, das nicht mehr zu steuern ist.

In diesem letzten Teil fand ich endlich Zugang zu der Figur der Lucia. Davor ging sie mir oftmals auf die Nerven mit ihren wirren und seltsamen Gedanken. Ihr Dilemma macht wütend, dennoch beeindruckt mich ihrer Stärke, sich aufzulehnen, auch wenn es keinerlei Aussicht auf Erfolg gibt.

Alles in allem eine interessante Geschichte vor einem wahren, fast vergessenen Hintergrund. Doch leider hatte ich den Eindruck, als ob die Erzählung an vielen Stellen in die Länge gezogen wird, um Seiten zu füllen. Durch einige Passagen musste ich mich sehr quälen.

Links zum Buch:

https://www.aufbau-verlag.de/die-tanzerin-von-paris.html

https://issuu.com/aufbauverlag/docs/taenzerinvonparis

Auch aus der atb Reihe: https://lesepartie.de/madame-piaf-und-das-lied-der-liebe/

Sweet Sorrow

Buchcover Sweet Sorrow
David Nicholls

Ein Coming-Age Roman. Langatmig, ausufernd und zäh, sodass die Geschichte sich ständig selbst ausbremst. Kein Liebesroman. Eher langweilig als fesselnd.

Charlie Lewis ist 16 Jahre alt. Die Abschlussprüfungen liegen hinter ihm und der Sommer vor ihm. Allerdings sind seine Aussichten auf dem Sommer zwiegespalten, denn seine Freunde haben kaum Zeit für ihn, sein Nebenjob an der Tankstelle beschäftigt ihn nur 12 Stunden die Woche und seine Familie ist vor kurzem auseinandergebrochen. Seither wohnt er mit seinem arbeitslosen und depressiven Vater zusammen, dem Charlie lieber aus dem Weg geht.

Durch Zufall lernt Charlie Fran kennen, die bei einem Sommertheaterkurs mit macht und ihn überredet ebenfalls einzusteigen. Da Charlie keine anderen Pläne hat, lässt er sich darauf ein. Das Stück, das am Ende des Sommers zur Aufführung kommen soll, ist Shakespeares Romeo und Julia. Für Charlie wird es ein Sommer voller neuer Erfahrungen und neuer Freundschaften. Er verlässt seine vertrauten Gewohnheiten und entdeckt dabei neue Seiten an sich.

Der Klappentext des Romans von David Nicholls verspricht eine Erzählung von der ersten Liebe, die der Protagonist nach fast 20 Jahren vielleicht wiedertreffen wird. Wer nun einen Liebesroman wie „Zwei an einem Tag“ erwartet, ebenfalls von Nicholls, der wird enttäuscht. „Sweet Sorrow“ ist ein Coming-Age Roman, welcher sich von der Handlung her vor allem mit dem 16-jährigen Charlie Lewis beschäftigt. Ein Junge in der Pubertät, der erleben muss wie seine Eltern nach der Geschäftsinsolvenz des Vaters sich in immer heftiger werdenden Streits auseinanderleben. Kurz vor seinen Abschlussprüfungen verlässt die Mutter mit der jüngeren Schwester die Familie, um zu ihrem neuen Lebenspartner zu ziehen. Sie lässt den völlig überforderten Jugendlichen mit seinem depressiven Vater zurück.

Der Sommer liegt endlos öde vor Charlie. Zu Hause fühlt er sich nicht wohl, seine Freunde haben lukrative Ferienjobs angenommen und so verbringt Charlie viel Zeit allein. Als er zufällig auf die Theatertruppe trifft, ist es für ihn die Möglichkeit der Tristesse des Sommers zu entkommen. Zudem findet er an Fran Fisher gefallen. Allerdings hat sich mir im Laufe des Romans nicht erschlossen warum.

Der Roman beschreibt total unwichtige Vorkommnisse in endloser Länge. Häufig erwartet man als Leser einen Sinn hinter diesen präzisen Schilderungen, der sich leider selten bis gar nicht zeigt. Die einzig spannenden Passagen betreffen Charlies Familiengeschichte. Wie konnte es zu diesem Bruch in der Familie kommen und wieso bürdet die Mutter ihrem Sohn diese Verantwortung auf? Sie Szenen mit dem Vater und die Wandlung, die Charlie im Bezug auf die Vater-Sohn-Beziehung durchmacht, ist für mich das einzig lesenswerte in dem Buch.

Ansonsten habe ich kaum Zugang zu den sehr farblos angelegten Figuren gefunden. Auch die viel beworbene erste Liebe, konnte ich nicht herauslesen. Meiner Ansicht nach handelt es sich in erster Linie um das erste Mal Sex. Die angedeuteten Parallelen zu Romeo und Julia wirken dadurch oftmals nur lächerlich.

Völlig deplatziert habe ich die Sprünge in die Gegenwart empfunden. Zwanzig Jahre später steht Charlie kurz vor der Hochzeit. Wieso das erzählt wird, ergibt gar keinen Sinn. Genauso wenig wie dieses Wiedersehenstreffen der Theatertruppe von vor zwanzig Jahren einen Sinn ergibt. Es war ein Sommerkurs, einige Wochen in den Ferien und danach gingen alle ihrer Wege. Aus welchem Grund organisiert da jemand ein Treffen??? Für den Roman ist es absolut nicht notwendig die Geschichte in der Gegenwart weiterzuerzählen. Nur damit Fran und Charlie noch ein weiteres Mal aufeinandertreffen? Der Funke zwischen den beiden springt eh nicht über. Das hätte man sich sparen können.

Der Roman weiß nicht, was er sein will oder welche Geschichte er tatsächlich erzählen will. Er ist keinesfalls ein Liebesroman. Meiner Ansicht nach fehlt dem Roman die Fokussierung. Den Anspruch ein Roman über die erste Liebe zu sein, verfehlt die Geschichte komplett. Es werden zahlreiche Schauplätze eröffnet, aber wenige haben Bezug zu der eigentlichen Handlung bzw. bringen die Handlung in irgendeiner Weise voran. Die Erzählung holpert vor sich hin. Die Hälfte der Seiten sowie der Fokus auf Charlies Erwachsenwerden, hätte die Romanhandlung in Fahrt gebracht und einen Spannungsbogen aufgebaut. So ist der Roman einfach nur viel zu langatmig und am Ende habe ich mich gefragt, welchen Sinn die Geschichte verfolgt. Von dem Roman wird bei mir nichts hängen bleiben. Ich habe mich fast durchweg gelangweilt.

Links zum Buch

https://www.ullstein-buchverlage.de/nc/buch/details/sweet-sorrow-9783550200571.html

https://www1.wdr.de/radio/wdr5/sendungen/buecher/lesefruechte/sweet-sorrow-100.html

Und über uns das Nichts

Buchcover Und über uns das Nichts von Sibylle Baillon
Sibylle Baillon

Eine außergewöhnliche Liebesgeschichte, die zwei Menschen in einer Lebenskrise vereint. Aber auch eine Erzählung über soziale Missstände, Vorurteile und Gegensätze. Bemerkenswerte Geschichte, brillant erzählt.

Durch einen schweren Autounfall verliert Sarah nicht nur ihren Lebensgefährten, sondern auch ihr Gehvermögen. Seit sie auf den Rollstuhl angewiesen ist, lebt sie zurückgezogen von Freunden und Familie. Ihre Pariser Wohnung verlässt sie nur selten. Auch ihre Physiotherapie hat sie abgebrochen. Als sich am Weihnachtsabend eine Tüte in ihren Speichen verfängt und Sarah versteckt, hilft ihr ein freundlicher junger Mann aus der Klemme. Michel ist ein Obdachloser. Aus einer spontanen Intuition heraus, lädt Sarah ihn zu sich ein. Der Beginn einer außergewöhnlichen Liebesgeschichte zweier Menschen, die vom Schicksal einiges aufgebürdet bekommen haben. Gegenseitig geben sie sich Halt und Hoffnung.

Doch vom ersten Tag an müssen die beiden für ihr Glück kämpfen. Einerseits gegen eine Welle von Vorurteilen, andererseits sind ihre Lebensentwürfe sehr verschieden. Gerade als die Beziehung sich zu festigen scheint, beginnt die Bewegung der Gelbwesten. Michel wird von der Begeisterung für eine neue Revolution gegen sämtliche sozialen Missstände mitgerissen und setzt dabei alles, was er sich in den vergangenen Monaten aufgebaut hat, wieder aufs Spiel. Die Liebe von Sarah und Michel wird wiederholt auf die Probe gestellt. Kann die Liebe dem standhalten?

Im Prolog des Romans tauchen wir in die Gedankenwelt eines Obdachlosen ein. Es ist der Weihnachtsabend und er sieht von ganz unten in die hell erleuchteten Zimmer. Zur selben Zeit fährt Sarah mit ihrem Lebensgefährten nach Hause, dann geschieht der Unfall.

Ein Jahr später treffen Sarah und der Obdachlose aufeinander und es geschieht etwas magisches mit den beiden. Zwei verlorene Seelen finden sich und geben sich Halt. Alles könnte so romantisch sein, wären da nicht Sarahs konservative Eltern, die absolut kein Verständnis dafür haben, dass ihre querschnittsgelähmte Tochter einen Obdachlosen und Ex Sträfling bei sich beherbergt. Doch die beiden Verliebten lassen sich davon nicht beirren. Sarah nimmt ihre Physiotherapie wieder auf und Michel sucht sich einen Job. Sarah blüht während dieser Zeit mit Michel richtig auf und setzt sich Ziele.

Als die Gelbwesten in Paris das erste Mal streiken, sind Sarah und Michel mit dabei. Michel ist fasziniert von der Menge der Menschen, die gegen die soziale Ungerechtigkeit auf die Straße gehen. Sarah steht der ganzen Bewegung kritischer gegenüber, vor allen den Gewaltausbrüchen, die mit den Demonstrationen einhergehen.

Der Roman erzählt chronologisch vom Auf und Ab der Liebesbeziehung zwischen Sarah und Michel und macht deutlich wie schwer es ist, seine gewohnten Verhaltensmuster abzustreifen. Ein wichtiger Aspekt in der Geschichte ist die soziale Ungleichheit. Nicht nur, dass die Autorin gekonnt die Gelbwesten Bewegung in die Erzählung mit einbindet, nein, es sind auch die gegensätzlichen Erfahrungen, welche die Hauptfiguren gemacht haben. Sarah behütet aufgewachsen, hat eine gute Ausbildung genossen, die ihr einen guten Job eingebracht hat. Dem gegenüber steht Michel, der von einer Pflegefamilie zur anderen gereicht wurde, sich für den Tierschutz einsetzte, es zu weit trieb und die Spirale abwärts ging. Michel hat weder Familie noch einen stabilen Freundeskreis. Niemand, der ihn hätte auffangen können.

In feinen Nuancen zeigen sich diese Unterschiede immer wieder in der Erzählung und machen diese Liebesgeschichte so besonders. Auch ich war mir irgendwann nicht mehr sicher, ob die Liebe Bestand haben würde. Der Roman kann die Spannung bis zum Ende halten. Ein Ende, das von der Handlung her total schlüssig ist.

Für mich ist es eine absolut gelungene, packende Erzählung, die mit einigen Wendungen überrascht. Ich konnte die Geschichte kaum aus der Hand legen, weil meine Neugier darauf, wie es weitergeht groß war. Vielleicht bringt sie den einen oder anderen Leser*in dazu, seinen Umgang mit Obdachlosen zu hinterfragen.

Herzlichen Dank an die Autorin für das Rezensionexemplar.

Buchempfehlung zur Autorin: https://www.lesepartie.de/die-toechter-des-sturms

Links zum Buch:

https://www.lovelybooks.de/autor/Sibylle-Baillon/Und-%C3%BCber-uns-das-Nichts-Eine-ber%C3%BChrende-Geschichte-2433790173-w/leserunde/2433835002/2433835005/#thread

https://www.facebook.com/SibylleBaillonAutorin/

Franziskas Reise

Elke Vesper

Eine Roadtrip Erzählung über eine Frau, die erst spät den Mut aufbringt ihr Leben zu leben. Leider findet der Schluss kein Ende.

Franziska kauft sich einen gebrauchten Rolls Royce und fährt darin nach Monaco. Sie ist 57 Jahre alt, konservativ erzogen, früh verwitwet, die Beziehung zu ihrer Erwachsenen Tochter ist distanziert und ihre Mutter, die sie bis zum Ende gepflegt hat, ist kürzlich verstorben. Franziska ist niemanden mehr verpflichtet. Somit ist es an der Zeit ihr farbloses Leben hinter sich zu lassen. Als großer Grace Kelly Fan möchte sie endlich die Dächer über Nizza zu bewundern und sich den Ort der Reichen und Berühmten ansehen. Auslöser für diesen Bruch mit ihrem stillen, gleichförmigen Leben ist eine Krebsdiagnose, die ihr eine Lebenserwartung von einer Fußballsaison in Aussicht stellt. Also ist es ihre letzte Chance Träume zu leben. Für Franziska ein unfassbares Abenteuer.

Eines Abends taucht aus der Dunkelheit eine panische, junge Frau vor Franziskas Wagen auf. Mehr oder weniger freiwillig nimmt Franziska sie mit. Amira heißt die junge Frau und mit ihr bekommt Franziska eine ungeplante und anfangs ungewollte Reisebegleiterin. Durch ihre junge, unkonventionelle Begleiterin lernt Franziska den Reiz des Glücksspiels und die Kunst, den Moment zu leben, kennen. Die beiden Frauen reisen zuerst durch Frankreich und nach Monaco, dann weiter nach Venedig.

Doch wie lange dauert eine Fußballsaison? Wann kommt der Zeitpunkt, der Franziska zur Heimkehr zwingen wird? Fragen, die Franziska auf Schritt und Tritt begleiten.

Die Hauptfigur Franziska ist geprägt von der typisch konservativen Erziehung ihrer Generation. Für Frauen lohnt sich keine teure Ausbildung, da sie heiraten und dann für ihre Familie da sein müssen. Eine Frau fügt sich in die Gesellschaft und gibt keinen Grund für Gerede. Das sind die Maßstäbe, die Franziska seit Kindheitstagen zu hören bekommt. So fällt es Franziska schwer sich ihre eigenen Wünsche zu erfüllen, denn im Hinterkopf hört sie immer die Ermahnungen der Eltern. Ihr vor 15 Jahren verstorbener Mann ist immer noch ihre engste Bezugsperson, weil sie es nicht wagt, sich neu zu binden. Stundenlang sitzt sie an seinem Grab und führt endlose Monologe. Die Beziehung zu ihrer Tochter ist angespannt. Durch den fehlenden Vater, den Franziska nicht ersetzen konnte, haben sich Mutter und Tochter entfremdet.

Als Franziska bewusst wird, dass ihre Zeit abläuft, lässt sie ihr Leben Revue passieren, dabei stellt sie fest, dass sie ihr eigenes Glück immer hinten an gestellt hat. Diese Erkenntnis ist ihr Antrieb, endlich an sich selbst zu denken.

Amira ist in dieser Geschichte der Gegenpol. Sie ist jung, frei, unkonventionell und ungebunden. Mit ihrer Art reißt sie Franziska mit. Auch wenn die beiden Frauen hin und wieder aneinander geraten, erleben sie einen wunderbaren Sommer voller Leben.

Der Roman startet kraftvoll. Die zwei unterschiedlichen Frauen raufen sich mit der Zeit zusammen. Es ist herrlich mit ihnen gemütlich durch Südfrankreich zu fahren. Als Leser ist man der unsichtbare dritte Mitfahrer. Im regelmäßigen Turnus wechselt die Gegenwart sich mit der Vergangenheit ab. Die anachronistischen Rückschauen erzählen aus Franziskas Vergangenheit. Der Roman ist in keine Kapitel unterteilt, sondern besteht aus einem Gesamttext, der durch Absätze unterbrochen wird.

Die Hauptfigur Franziska fällt stets zurück in ihre alten Verhaltensmuster. Wenn man sich ein Leben lang in gewohnten Mustern bewegt, streift niemand diese von heute auf morgen ab, dessen bin ich mir bewusst. Jedoch empfand ich die ständigen Rückfälle in alte Verhaltensweisen irgendwann als zu viel. Franziskas Denkweise war für mich längst etabliert. Es nahm der Erzählung den Schwung und bremste die Weiterentwicklung aus. Ich hatte den Eindruck, die Erzählung kommt nicht recht voran und dreht sich im Kreis.

Der Charakter Amira blieb mir weitestgehend fremd. Ich fand keinen Zugang zu der Figur und empfand Amira häufig als unglaubwürdig und kindisch. Überhaupt nicht sympathisch waren mir die Charaktere Elena, Franziskas Tochter, und ihr Freund Tom. Beide verhielten sich oberflächlich und arrogant, auch sich selbst gegenüber. Im Bezug auf die beiden ist das Romanende schwer nachzuvollziehen. Der Schluss zeigt meiner Meinung nach etliche Schwächen. Ein Aspekt ist die fehlende ehrliche Auseinandersetzung von Mutter und Tochter. Plötzlich scheint alles gut.

Hinzu kommt, dass die Geschichte im letzten Drittel den roten Faden verliert. Anstatt auf einen Abschluss hinzusteuern, werden neue Handlungsstränge, die in erster Linie Amira betreffen, eröffnet. Die Erzählung konzentriert sich zum Ende hin nicht mehr auf Franziskas Geschichte, den eigentlichen Hauptcharakter, stattdessen rückt Amira in den Mittelpunkt, Dadurch wirkt der Schluss völlig überladen und zieht sich endlos und unnötig in die Länge.

Nach der wirklich wunderbaren und unterhaltsamen ersten Hälfte, verknäult sich die Geschichte auf den letzten 50 Seiten in sich selbst. Das ist sehr schade, denn die Botschaft des Buches ist wichtig. Seine Träume sollte man im Leben nie aufschieben, weil niemand weiß, wie viel Zeit bleibt. Darüber hinaus gibt es diese Frauengeneration, die nie gelernt hat, ihre eigenen Bedürfnisse in den Vordergrund zu stellen. Gerade deshalb bin ich Franziska auf ihre Reise mit diesem wahnsinnigen Auto gerne gefolgt und habe beobachtet, wie sie sich immer weiter von diesen Dogmen entfernt und sie selbst geworden ist. Leider konnte die Geschichte meine Begeisterung nicht bis zum Ende halten.

Ich bedanke mich herzlich bei der Autorin für das Rezensionsexemplar.

Links zum Buch:

https://www.youtube.com/watch?v=CbrzdeTApJg

https://www.978-3.com/verlagsveroeffentlichungen/franziskas-reise

Die Neunziger

Teil I

In den letzten Monaten landete ich beim Zappen durchs Fernsehprogramm oft bei Rückblicken zu den Neunziger Jahre. Mittlerweile haben die 80iger mit der Ökobewegung und der Neuen Deutschen Welle ihr dokumentarisches Potenzial wohl erschöpft. Resultierend aus den Ereignissen im Herbst 1989, in dem die Mauern zum Osten fielen und wir uns alle in den Armen lagen, begannen die Neunziger mit einem Hochgefühl von Freiheit. Alles schien möglich. Vor uns lagen blühende Landschaften und ewiger Friede. Vorbei war es mit dem kalten Krieg, der Front zwischen Ost und West, zwischen Kapitalismus und Kommunismus.

Aus dem „Jetzt wird alles besser“ Traum wachten wir relativ schnell wieder auf. So friedlich die Grenzen zum Ostblock gefallen waren, so brüchig war das neue Konstrukt.

Die US Amerikaner machten schnell einen neuen Feind aus. Den Irak. Mit seinem diktatorischen Regenten der Staat im Nahen Osten nun der neue Dorn im Auge der USA. Natürlich interessiert sich die USA weniger für das Regime, sondern mehr für die Ölvorkommen. Als der Irak in Kuwait einmarschierte, ebenfalls eine Öloase, begann das Jahr 1991 mit dem ersten Irakkrieg.

Als sich die Ostblockstaaten nach 40 Jahren sowjetischer Herrschaft neu sortieren mussten, passierte in dem Vielvölkerstaat Jugoslawien das unerwartete, es kam zu kriegerischen Auseinandersetzungen. Das zerfallende Jugoslawien spaltet sich in verfeindete Kleinstaaten. Historische Städte lagen in Schutt und Asche und Gräueltaten an der Bevölkerung beherrschten die Nachrichten und wurden später vor dem europäischen Gerichtshof angeklagt. Das ganze Jahrzehnt fand die Region keine Ruhe.

In einer rückwärtsgewandten Zeit, in der oftmals eine „Früher war alles besser“ Stimmung aufkommt, muss man sich die tatsächlichen Geschehnisse in Erinnerung rufen. Denn wie sooft bleiben die guten Erinnerungen eher haften.