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Was man von hier aus sehen kann

Mariana Leky

„Eine nachdenkliche und zugleich fröhliche Erzählung über facettenreiche, eigenwillige Dorfbewohner.“

Wenn Selma in der Nacht von einem Okapi träumt, wird in den folgenden 24 Stunden ein Dorfbewohner sterben. Niemand weiß, wen es treffen wird. Für manche ist es der Ansporn Unausgesprochenes zu offenbaren, für andere wiederum, sich bis auf Weiteres keinerlei Gefahr auszusetzen.

In dem kleinen Dorf im Westerwald kennt jeder jeden und jeder weiß über den anderen Bescheid. Außenseiter werden integriert, den jeder besetzt eine gleichwertige Rolle in der Gemeinschaft.

Luise ist 10 Jahre alt, als ihre Großmutter Selma von einem Okapi träumt. Luise erfährt daraufhin zum ersten Mal, was Verlust bedeutet. Als die erwachsene Luise sich ernsthaft verliebt, könnte es nicht ungünstiger sein. Denn Frederik ist buddhistischer Mönch und entschlossen, sein Leben in einem japanischen Kloster zu verbringen. Es ist wie bei einem Okapi, im Prinzip passt nichts zusammen und ergibt doch ein Ganzes.

Mariana Leky schildert die eigenwilligen Dorfbewohnern mit all ihren Facetten, in glücklichen und traurigen Zeiten. Die einzelnen Figuren sind mit viel Liebe beschrieben, niemals überzogen oder lächerlich. Zugleich ein nachdenkliches und fröhliches Buch. Manche Kapitel waren mir etwas zu langatmig, dennoch ist die Romanerzählung ganz wunderbar. Nach der letzten Seite, lässt das Buch den Leser mit einem seligen Gefühl zurück. Eine Geschichte mit viel Tiefgang und Charme.

Unter der Drachenwand

Arno Geiger

1944. Wie lange dauert der Krieg noch, was kommt danach, wer wird es überleben? Tagebuchähnlich erzählt, gibt der Roman Einblicke in die Gefühlswelt eines jungen Soldaten, der in einem österreichischen Dorf nahe der Drachenwand seine Verwundung auskuriert und langsam wieder beginnt selbstbestimmt zu leben.

 

1944 läutet das Ende des Krieges ein. Doch wann kommt das Ende und wie wird es aussehen? Veit Kolbe, ein junger Soldat, verwundet in Russland, ist auf Heimaturlaub, um sich auszukurieren. Fünf Jahre Front haben ihm alle Illusionen geraubt. Wird er jemals ein selbstbestimmtes Leben führen, in dem er eigene Entscheidungen treffen kann?

Nach seiner schweren Verwundung bekommt Veit Kolbe Heimaturlaub und fährt zu seinen Eltern nach Wien. Seit fünf Jahren ist er Soldat. Zuvor war er Schüler. Mittlerweile zweifelt er an einer selbstbestimmten Zukunft, fühlt sich um diese Jahre betrogen. Die Erfahrungen an der Front lassen ihn an dem Regime zweifeln. Häufig gerät er mit seinem Vater, einem überzeugten Nationalsozialist, aneinander. Deshalb beschließt Veit in das kleine Dorf Mondsee umzusiedeln. Dort ist sein Onkel Polizist und beschafft ihm eine Unterkunft. In diesen Monaten in Mondsee erfährt Veit erstmals so etwas wie ein normales, erwachsenes Leben. Er findet einen Freund, den „Brasilianer“, welcher davon träumt ein weiteres Mal nach Südamerika zu reisen, um dann dort zu bleiben. Und Veit findet eine Frau, Margot aus Darmstadt, die er lieben lernt. Im Laufe 1944 rückt die Front näher heran. Das letzte soldatische Aufgebot wird verpflichtet. Wie lange kann er sich noch auf seine Verletzung berufen?

Eindringlich schildert Arno Geiger die Gefühlswelt dieses jungen Mannes, der es leid ist, sein Leben für eine Sache zu opfern, an die er längst nicht mehr glaubt. Er fühlt sich um sein Leben und seine Träume betrogen. Geplagt von schrecklichen Bildern des Erlebten, kämpft er mit Angstzustände und Panikattacken.

Neben Veit Kolbes tagebuchähnlichen Erzählungen, geben auch die Briefe von Margots Mutter aus Darmstadt Einblicke in das tägliche Leben. 1944 verstärken sich die Luftangriffe und die Front kommt näher.

Auch über das tragische Schicksal eines aus Wien stammenden, verschickten Mädchens und dessen Familie berichtet der Roman.

Die Briefe des Wiener Juden Oskar Meyer, der nach Budapest flieht und dort vom Nationalsozialismus wieder eingeholt wird, stechen aus der Erzählung heraus und haben sich mir nicht erschlossen. Oskar Meyer steht für mich in keinerlei Verbindung zu den anderen Figuren. Natürlich ist auch sein Schicksal es wert erzählt zu werden, doch sein Auftauchen in dem Roman erklärt sich nicht. Somit ist es jedes Mal eine Unterbrechung des Erzählflusses, wenn er zu Wort kommt. Die einzige Verbindung, die ich erkennen konnte, ist der gleiche Wiener Bezirk, aus dem die meisten Figuren stammen.

Mich hat die Geschichte tief berührt. Sich bewusst zu machen, wie sehr der Lauf der Geschichte einzelne Lebensläufe beeinflusst hat. Veit Kolbes Angstzustände und seine Hoffnung auf das Kriegsende, sind eindringlich und realistisch geschildert. Ich habe mit ihm gehofft, dass er es schafft sich weiter „zu drücken“. In den Bemerkungen auf den letzten Romanseiten erfährt der Leser, was aus den Protagonisten geworden ist.

Alles in allem ein empfehlenswerter und berührender Roman, der vom Alltag, mit all seiner Brutalität und Normalität, der Menschen im Jahr 1944 erzählt.

 

Bücher für Toleranz

Aus dem aktuellen, politischen Anlass ist es mir wichtig Stellung für Toleranz zu beziehen. Ich bin fest davon überzeugt, dass Bücher – ob nun Sachbücher als auch Romane – dazu betragen können, Menschen zu beeinflussen. Es ist einerlei, welches Büchergenre man als Leser bevorzugt. Es finden sich unzählige Geschichten, die von Toleranz und Miteinander erzählen oder mahnend von Tatsachen berichten. Ich habe mein Bücherregal durchgesehen und spontan die Bücher herausgenommen, die mir persönlich zu diesem Thema wichtig sind.

„Regeln für einen Ritter“ von Ethan Hawke ist ein Regelwerk für den Alltag, sowohl für den Umgang mit sich selbst als auch mit anderen. Es widmet sich der Frage, worauf es im Leben wirklich ankommt. Wie soll man leben? Eigenschaften wie beispielsweise Mut, Dankbarkeit und Ehrlichkeit sind in dem Buch aufgeführt. All die wichtigen Lebensweisheiten, die jeder versuchen sollte zu beherzigen.

Zu Haltung steht dort: „Haltung ist die Fähigkeit, Veränderungen hinzunehmen. Bleibe offen und beweglich; die Spröden zerbrechen.“ *

„Er hieß Jan“ ist eine Schullektüre gewesen. Seit dem habe ich das Buch mehrmals gelesen und es packt mich jedes Mal aufs Neue. Erzählt wird von einer Teenagerliebe im zweiten Weltkrieg. Regine ist eine überzeugte Anhängerin des Hitler Regimes, bis sie sich in den polnischen Zwangsarbeiter Jan verliebt. Eine bewegende Geschichte über Mut und stillen Widerstand.

Uwe Timm beschreibt im autobiografischen Roman „Am Beispiel meines Bruders“ den Umgang mit der Vergangenheit in der Nachkriegszeit. Sein wesentlich älterer Bruder ist während eines SS Einsatzes an der Ostfront verwundet worden und wenig später verstorben. Als Grundlage des Romans dient das Tagebuch seines Bruders, welches dieser verbotener Weise geführt hat.

Einer der bekanntesten Romane der letzten Jahre ist „Er ist wieder da“ von Timur Vermes. Plötzlich erwacht Hitler wieder in Berlin und wird zum Medienstar. Zu Beginn ist alles noch ein großer Spaß, aber recht schnell wird deutlich, wie anfällig die deutsche Demokratie für den Meister der Propaganda ist.

In „Jetzt wird alles besser – eine Jugend in Krieg und Nachkriegszeit“ beschreibt Klas E. Everwyn seine Erfahrungen als Heranwachsender, der zum letzten Aufgebot Hitlers zählte, um das am bodenliegende Vaterland zu verteidigen. Dann das böse Erwachen, das Chaos, der Hunger, der Aufbau. Aber trotz alldem verspürt die Jugend den Willen nach Leben und nach Zukunft. Ein beeindruckender Jugendroman, auch für Erwachsene.

„Altes Land“ habe ich vor allem ausgewählt, weil es auch den Umgang mit Geflüchteten thematisiert. Es ist die Geschichte von Vera, die mit ihrer Mutter aus Ostpreußen fliehen muss und im alten Land auf dem Bauernhof von Ida Eckhoff landet. Die Bäuerin zeigt den beiden Ankömmlingen täglich, dass sie nicht willkommen sind. Als der Erbe Karl aus der Gefangenschaft nach Hause kommt, wird schnell deutlich, das er nicht mehr der alte ist. In seinem Kopf findet der Krieg kein Ende. In erster Linie handelt der Roman natürlich von der Lebensgeschichte Veras, die sich im alten Land eine Existenz aufbaut. Jedoch ist es dieser Part des Buches, den ich in diesem Fall herausstellen möchte.

Es gibt zahlreiche Bücher, die sich zu diesen Themen finden lassen. Dies ist meine persönliche, kleine Auswahl als Statement. Auch Bücher tragen ihren Teil dazu bei, dass Menschen ihr Verhalten hinterfragen und nicht vergessen, wie es mal war.

 

 

Und Marx stand still in Darwins Garten

Darwin und Marx
Und Marx stand still in Darwins Garten

Ilona Jerger

„Ein eindrucksvoller, nachdenklicher Roman über zwei Persönlichkeiten, die das moderne Denken stark beeinflussten“

Und Marx stand still in Darwins Garten“ erzählt von einer fiktiven Begegnung zweier bedeutenden Personen der neuzeitlichen Wissenschaft, die im Temperament nicht unterschiedlicher hätten sein könnten. Beide befinden sich in ihren letzten Lebensjahren und haben mit allerlei körperlichen Gebrechen zu kämpfen.

Durch Zufall werden sie von einem Arzt, Dr. Beckett, behandelt. Ein moderner, der Wissenschaft zugeneigter Mann, welcher bei seinen Diagnosen den ganzen Menschen in Betracht zieht. Durch seinen Behandlungsansatz nimmt Dr. Beckett sich die Zeit für Gespräche. Durch sein Interesse und seine Neugier an den Forschungen Darwins und dem Wesen Marx, kommt es häufig zu Diskussionen über moderne Thesen. Die alles bestimmende Frage: Gibt es Gott?

Charles Darwin ist alt geworden. Sein Körper gibt ihm das auf vielfältige Weise zu verstehen. Kurz vor seinem Abschluss zur Erforschung der Regenwürmer, lässt er sein Leben Revue passieren. Seine Evolutionstheorie widerlegt die Schöpfungsgeschichte und stellt damit die Existenz Gottes in Frage. Seine zutiefst gläubige Frau, versucht ihn am Ende des Lebens zu bekehren. Atheisten versuchen Darwin als Vorbild zu nutzen. Doch Darwin selbst weigert sich seine Forschungen in einem anderen Kontext als den naturwissenschaftlichen zu sehen.
Marx kämpft in seinem Londoner Exil, nur wenige Meilen von Darwin entfernt, mit dem zweiten Band des Kapitals. Ihn plagt eine schwere Lungenentzündung. Ohne die Zuwendungen seines Freundes Engels käme Marx kaum über die Runden.

Ilona Jerger beschreibt die letzten Monate zweier großer Wissenschaftler. Darwin ein gut situierter, konservativer Mann der Upperclass. Marx stets pleite, aufbrausend und mit revolutionären Gedanken. Durch die anschauliche Erzählung der Autorin kommt man der Persönlichkeit der beiden Männer näher, die trotz aller Unterschiede auch viel gemein haben.

Der gemeinsame Arzt als verbindende Figur, nimmt durch seine eigenen Gedanken zu Gott und der modernen Arbeitswelt, eine vermittelnde Stellung ein. Der Roman erzählt auf ruhige, nachdenkliche Art von den damals vorherrschenden Themen. Vor allem die naturwissenschaftlichen Forschungen, stellen die alte Grundordnung in Frage.

Zwar erklärt der sehr gut recherchierte Roman vieles, dennoch ist es von Vorteil ein Grundwissen über die Theorien der Zeit zu haben. Ebenfalls sollte man ein gewisses Interesse für das Thema mitbringen, ansonsten wird es anstrengend. Ich für meinen Teil habe einige bemerkenswerte Details über die Person Darwins erfahren. Es ist auf jeden Fall ein Buch, das zum Nachdenken anregt und den Leser am Ende etwas klüger gemacht hat.

 

Zeitsprünge in Romanen

Rückblende
Zeitsprung

 

 

 

 

 

 

Rückblenden, Zeitsprünge. Lässt sich mit diesem Stilmittel die Geschichte eines Romans interessanter gestalten oder verwirrt es den Leser? Welche Varianten gibt es?

In zahlreichen Romanen wird mit Rückblenden gearbeitet. Auf diese Weise kann man einen Roman interessant und spannend gestalten. Jedoch birgt es auch die Gefahr, dass die Geschichte dadurch unübersichtlich wird. Für den Einbau von Zeitsprüngen in die Geschichte stehen dem Autor verschiedene Varianten zur Verfügung und seiner Kreativität steht nichts im Weg.

Vor einigen Wochen las ich den Roman „Das rote Adressbuch“. Das Erstlingswerk der Autorin Sofia Lundberg. Die Autorin hat sich für eine sehr einfache, übersichtliche Fassung entschieden. Die vergangenen Ereignisse waren von der Gegenwart durch jeweilige Kapitel unterteilt. Der Roman beginnt in der Gegenwart und führt dann chronologisch geordnet immer wieder zurück in die Vergangenheit. Die chronologische Anordnung der Rückblenden macht es dem Leser leicht, dem Wechsel der zeitlichen Handlungssträngen zu folgen. Der Roman ist durch seinen Schreibstil ebenfalls sehr einfach gehalten, so dass auch das verwendete Stilmittel der Zeitsprünge zu dem Buch passen.

Anders präsentiert sich da schon der Roman von Anne Gesthuysen „Wir sind doch Schwestern“. Zwar sind auch in diesem Roman die Rückblenden von den Gegenwartsbeschreibungen durch Kapitel getrennt, jedoch nicht chronologisch geordnet. Des weiteren steht nicht nur eine Figur im Fokus der Erzählung, sondern die drei Schwestern. Der 100. Geburtstag der Ältesten holt den Leser in die Jetztzeit. Erleichtert wird die Einordnung der Zeitsprünge durch den Zusatz der Kapitelüberschriften, die das jeweilige Datum angeben. Trotz allem verlangt Anne Gesthuysens Roman im Vergleich wesentlich mehr Leseraufmerksamkeit, denn nur langsam reihen sich die vergangenen Ereignisse zu einem Bild zusammen. Ein Vorteil dieser Erzählweise ist ganz klar, der Spannungsbogen, welcher dabei besser aufgebaut und gehalten wird.

Komplizierter wird es dann schon in „Neuland“, einem Roman von Eskhol Nevo. Die Erzählung hat zwar nur zwei Hauptfiguren, dennoch sind diese eng verbunden mit der Vergangenheit der Nebenfiguren. Somit beziehen sich Zeitsprünge nicht nur auf Haupt-, sondern auch auf Nebenfiguren. Weiterhin sind nicht alle Sprünge chronologisch angeordnet. Dies Stilmittel setzt die hundertprozentige Konzentration des Lesers voraus. Die Romanerzählung basiert auf der jeweiligen Familiengeschichte der beiden Protagonisten Ingbar und Dori. Ohne die Lebensgeschichte ihrer direkten Vorfahren, gäbe es nichts zu erzählen. Das klingt schon in der Buchwidmung des Autors wieder, die lautet

Wäre sie nicht dort nicht weggegangen, wäre ich nicht hier“

Der Autor springt nicht nur in der Zeit, sondern ändert auch die Person, die gerade erzählt und somit den Blickwinkel. Dadurch wirkt der Roman sehr lebendig. Der Leser muss seine volle Aufmerksamkeit dem Buch widmen. Dafür wird er am Ende mit einer gut erzählten, facettenreichen Geschichte belohnt.

Je nach dem, welche Geschichte man wiedergeben möchte, sollte ein Autor das passende Stilmittel für seinen Roman finden, um Rückblenden oder Zeitsprünge einzubauen. Beispiele hierfür gibt es zahlreiche. Manche sind mehr, manche weniger gelungen. In Matt Haigs Roman „Wie man die Zeit anhält“, lebt der ganze Roman nur von Zeitsprüngen. Erst das Hin und Her zwischen den Jahrhunderten gibt dem Buch den besonderen Reiz.

Die für diesem Beitrag ausgewählte Romane setzten ihre Rückblenden meiner Ansicht nach gelungen ein. Die Art und Weise gestaltet die Geschichten interessant und passt zum jeweiligen Stil des Buches. Ob Zeitsprünge gelungen, nachvollziehbar und schlüssig sind, muss jeder Leser individuell für sich entscheiden. Ich lese gerne Geschichten, welche mit Zeitsprüngen arbeiten und sich langsam alles zu einem Ganzen fügt.

Sechs Koffer

Roman Sechs Koffer
Sechs Koffer von Maxim Biller

Direkt. Schnörkellos. Auf den Punkt gebracht schildert der Roman eine Familie, die in ihren Reihen einen Verräter vermutet.

Der Autor Maxim Biller erzählt in seinem aktuellen Roman „Sechs Koffer“ wie die Umstände, welche zu dem gewaltsamen Tod des Großvaters führten, die Familie spalten.

Zu Beginn der 1960iger Jahre. Der Tate, sein Großvater, lebte in der Sowjetunion. Zwei seiner vier Söhne leben in Prag, so auch Maxim Billers Vater. Die beiden anderen Brüder haben sich rechtzeitig in den Westen abgesetzt. Der Tate war geschäftstüchtig und er „handelte“ unter anderem mit westlichen Devisen und Sachwerten. Irgendjemand hat seine Geschäfte an den Geheimdienst verraten, denn der Tate wurde verhaftet und zum Tode verurteilt. Jeder in der Familie stellt im Geheimen für sich Mutmaßungen darüber an, wer den Tate verraten hat. Ein offenes Gespräch sucht keiner und so zerrütten unausgesprochene Verdächtigungen die Familie.

Der Großteil des Buches ist in der „Ich-Form“ formuliert. Der Autor erzählt von seiner Kindheit im kommunistisch geprägten Prag . Schon als Kind macht auch er sich Gedanken um die Schuldfrage. Wer hat den Großvater verraten? In den 1970iger Jahren, die gesamte Familie wohnt im Westen, macht er als Heranwachsender eine Entdeckungen, welche seine Kindheitstheorie in Frage stellt.

Schnörkellos und direkt formuliert Maxim Biller die Geschichte seiner Familie. Sechs Charaktere der Familie schildern ihre Perspektive zu den damaligen Vorgängen. Dem Autor ist es gelungen die Stimmungen in seiner Familie einzufangen. Zudem zeigt er antisemitische Strömungen im Kommunismus auf sowie er auch kurz das frauenfeindliche Benehmen in der tschechischen Filmindustrie erwähnt.

Der Roman macht deutlich wie sehr ein diktatorischer Überwachungsstaat das private Familienleben beeinflussen kann, auch wenn die Familie es schafft dem Staat zu entfliehen. Beeindruckend!

Der Roman ist auf der Longlist des deutschen Buchpreises erschienen.

 

Sturmzeit – Die Stunde der Erben

Romancover
Sturmzeit – Die Stunde der Erben

Charlotte Link

Im wahrsten Sinne handelt dieser Teil von der Stunde der Erben. Die nächste Generation muss ihren Platz in der Welt finden und Schicksalsschläge überstehen. Der dritte Teil steht den Vorgängern in nichts nach.

Die Patriarchin Felicia Lavergne ist alt geworden. Sie sucht nach einem würdigen Nachfolger in der Geschäftsführung der Spielwarenfabrik Wolff & Lavergne. Chris, der Sohn ihrer Tochter Belle, die Andreas Rathenberg geheiratet hat, erscheint Felicia eine gute Wahl zu sein. Der idealistische junge Mann folgt gerne dem Ruf seiner Großmutter und verlässt Los Angeles, um in München zu studieren. Doch statt Betriebswirtschaft entscheidet Chris sich für Jura. Darüber hinaus passen seine politischen Aktivitäten so gar nicht zu einem zukünftigen Unternehmer. Allerdings rückt auch Alexandra, Chris‘ jüngere Schwester und Felicia sehr ähnlich, in den Blick der Großmutter. Ist sie die richtige Person, um das Erbe anzutreten?

Der dritte Teil der Familiensaga spielt in erster Linie in den 1980iger Jahren. Die beiden alten und weiterhin verfeindeten Damen Felicia und Kassandra leiten gemeinsam die Spielwarenfabrik. Kassandra übergibt ihren Anteil an Dan Liliencron, den Sohn von Peter Liliencron. Auch Felicia möchte ihr Erbe in guten Händen wissen. Susannes Töchter kommen dafür nicht in Frage. Die Kinder von Belle haben da weit mehr Potential.

Belle wohnt mit ihrem Mann Andreas Rathenberg in Los Angeles. Ihre Träume von einer Schauspielkarriere haben sich nicht erfüllt. Ferner plagen Belle immer noch starke Schuldgefühle gegenüber ihrem ersten Mann, von dem sie seit Stalingrad nie wieder etwas gehört hat.

Susanne ist über die Taten ihres Ehemanns, SS Sturmführer Hans Velin, nie hinweggekommen. Auch über ihren Töchtern liegt der Fluch des Vaters. Besonders der jüngsten, Sigrid, fällt es schwer ihren Weg zu finden. Als sie auf einem von Felicias Festen unerwartet auf Martin Elias trifft, welcher Deutschland verlassen hat und nun in einem israelischen Kibbuz lebt, verändert sich ihr Leben von Grund auf.

Nicola und Sergej leben bis zu ihrem Rentenalter in der DDR und ergreifen dann die Chance an den Ammersee überzusiedeln. Nur ihre Tochter Julia und ihrer Familie bleiben in der DDR. Doch Julias Hass auf das System wird mit der Zeit größer, so dass sie ihre Flucht plant.

Belles Tochter Alexandra ist Felicia sehr ähnlich. Somit ist es nicht überraschend, dass sie in deren Fußstapfen tritt und sich in der Geschäftswelt behauptet. Jedoch setzt sie alles auf eine Karte und es scheint, als ob sie zu hoch gepokert hat.

In „Die Stunde der Erben“ ist die Handlung hauptsächlich von Felicias Enkel bestimmt. Die 1980iger Jahre stehen im Zeichen von Friedensdemonstrationen und dem Zusammenfall des Ostblocks. Die Generationskonflikte ebenso wie die Themen der Zeit sind unaufdringlich in die Erzählung eingeflochten. Die Hauptfiguren der ersten beiden Teile rücken dezent in den Hintergrund und bleiben dennoch nicht farblos. Manch einer, wie beispielsweise Martin Elias, bekommt eine Schlüsselrolle, denn ohne seinen kurzen Auftritt würde Sigrid der Impuls für die Veränderung fehlen.

Somit ist auch dieser Teil hervorragend durchdacht, nachvollziehbar und flüssig erzählt. Die unterschiedlichen Charaktere sowie deren menschlichen Schwächen haben mich, wie in den beiden vorherigen Sturmzeit Romanen, begeistert. Alles in allem ein fantastischer Streifzug durch ein aufregendes Jahrhundert deutscher Geschichte, erzählt anhand einer Familie, deren Mitglieder trotz Differenzen zusammenstehen.

Die Neuauflage dieser Romanreihe ist zu Recht ein Erfolg!

Die Rezesionen der ersten Teile findet ihr unter

http://www.lesepartie.de/sturmzeit-wilde-lupinen

http://www.lesepartie.de/sturmzeit

 

Das rote Adressbuch

Romancover
Das rote Adressbuch

Sofia Lundberg

Der Roman konnte mich mit seiner Geschichte und den Figuren nicht überzeugen. Leider wird es ab dem Mittelteil völlig unglaubwürdig

Doris ist eine alte Dame und lebt allein in ihrer Stockholmer Wohnung. Als sie stürzt, muss sie operiert werden. Keine Kleinigkeit in dem ihrem hohen Alter. Um Doris beistehen zu können, reist Großnichte Jenny aus San Francisco an. In Doris Wohnung findet Jenny ein Manuskript, das Doris eigens für sie verfasst hat. Es erzählt von Doris Jugend und dem Verlauf, den ihr Leben nach dem Tod des Vaters, nahm.

Doris wertvollster Besitz ist ihr rotes Adressbuch, welches sie einst vom Vater zum Geburtstag bekam. Darin stehen Adressen von den Menschen, die in ihrem Leben eine Rolle spielten. Anhand dieses Adressbuch verfasst Doris ihre Lebensgeschichte. Sie möchte ihre Erinnerung für ihre Großnichte Jenny bewahren.
Geboren und aufgewachsen ist Doris in Stockholm, als Jugendliche kommt sie nach Paris und wird aufgrund ihres guten Aussehens als Mannequin entdeckt. Kurz nach dem Ausbruch des 2. Weltkrieges verlässt sie Europa und flieht in die USA.

Sofia Lundbergs Roman wechselt in seiner Erzählung regelmäßig zwischen den Zeiten. Es beginnt mit der alten, schon gebrechlichen Doris und führt in Rückblenden zurück zu der jungen Doris. Die chronologische Erzählung der Vergangenheit, macht es dem Leser leicht die Zeitsprünge nachzuvollziehen. Der Schreibstil der Autorin ist einfach und klar. Verschachtelte Sätze gibt es nicht. Zudem sind auch die Kapitel recht kurz gehalten.

Zu Anfang kann der Roman durch deine detaillierte, lebensnahe Schilderung überzeugen. Die alte Dame, die allein in ihrer Wohnung sitzt, sich kaum noch allein zur Toilette bewegen kann und deren einzige Abwechslung der Pflegedienst ist, berührt beim Lesen. Leider kippt die Geschichte für mich ab der Mitte des Buches. Die Geschichten rund um die junge Doris sind völlig unrealistisch und sind in keiner Weise nachvollziehbar. Es ist eine Aneinanderreihung von Geschehnissen ohne Sinn und Verstand. Dadurch werden die weiteren Kapitel langatmig und langweilig. Der Schluss setzt dann dem Ganzen noch die Krone auf und macht die Figuren vollends unglaubwürdig und fast schon lächerlich.

Ich habe den Eindruck, als ob die Autorin sich weder Mühe bei der Recherche noch bei der Entwicklung der Figuren gegeben hat. Die Hauptfigur wird im Verlauf des Romans zusehends uninteressant und farblos. Doris wirkt verantwortungslos und dumm. Sie ist eine der schwächsten Hauptfiguren, über die ich je ein Buch gelesen habe.
Leider sind meine Erwartungen an den Roman total enttäuscht worden. Sehr schade!

 

Sturmzeit – Wilde Lupinen

Charlotte Link
Sturmzeit – Wilde Lupinen

Charlotte Link

Auch der zweite Teil der Romanreihe überzeugt durch seine Figuren!

Sturmzeit – Wilde Lupinen, der zweite Teil der Familiensaga, steht ganz im Zeichen des 1.000jährigen Reiches. Felicia hat sich von dem Börsencrash erholt. In der Firma hat sie einen neuen Teilhaber, der jüdischstämmige Peter Liliencron, und ihr Ex Mann Alexander Lombard hat Lulinn gekauft. Tom Wolff hat mit seinem Geschäftssinn eine Spielwarenfabrik wieder konkurrenzfähig gemacht hat und fungiert dort als Geschäftsführer. Nebenbei unterhält er ein Verhältnis mit der Witwe des Firmengründers, in der Hoffnung, die Fabrik eines Tages sein Eigen nennen zu können.

 

Philip Rath ist nach Frankreich zurückgekehrt. Modeste lebt mit ihrem Mann und Großmutter Laetitia auf Lulinn. Sie ist von den Idealen der Nazis beseelt und schenkt dem Führer regelmäßig ein Kind.

 

Die 18 jährige Belle versucht sich als Schauspielerin bei der UFA. Belle heiratet den Theaterschauspieler Max Marty. Ihre Ehe mit dem idealistischen Max, welcher schon früh die Gefahr erkennt, die von den Nazis ausgeht, entwickelt sich nicht nach Belles Vorstellungen. Als sie zufällig Andreas Rathenberg kennenlernt, beginnt sie ein schon nach wenigen Ehemonaten ein Verhältnis.

 

Susanne wohnt bei ihrer Mutter Felicia in München. Nach dem Abitur lernt sie den SS Sturmführer Hans kennen und heiratet ihn.

Maksim ist im deutschen Widerstand aktiv und bringt auch Felicia einige Male in Gefahr. Nach dem Kriegsausbruch taucht Alexander Lombard wieder in München auf. Für Felicia wird er in den ereignisreichen Kriegsjahren eine unverzichtbare Stütze.

 

Nach der deutschen Kapitulation ist für die Familie nichts mehr wie zuvor. Viele Familienmitglieder haben den Krieg nicht überlebt und auch der ostpreußische Stammsitz Lulinn ist verloren. Die Familie muss sich neu finden und das Erlebte verarbeiten. Selbst Felicia erreicht nach all den Schicksalsschlägen ihre persönliche Grenze.

 

Der zweite Teil von Charlotte Links Familiensaga zeigt deutlich die Schrecken des Krieges und was Menschen in Extremsituationen aushalten können. Verständlich lässt sie die Figuren agieren. Vor allem zeichnet die Autorin nicht nur schwarzweiß Bilder, sondern gibt den Charakteren mit unterschiedlichen Facetten Tiefgang. Charlotte Link versteht es mit ihrer Erzählweise den Leser in den Kessel von Stalingrad zu schicken sowie ihn auch am französischen Widerstand teilhaben zu lassen. Zudem entlarvt die Autorin in unterschiedlichen Situationen die unbarmherzige Brutalität des Regimes, welche bis zum bitteren Ende ungebrochen ist.

 

Als Leser wird man sofort von der Geschichte gefangen genommen. Die Figuren sind, wie schon im ersten Teil, ganz wunderbar, nachvollziehbar und facettenreich kreiert. Ebenso ist der historische Hintergrund gründlich recherchiert. Ich gehe davon aus, dass die Autorin sich einige Interviews bzw. Zeitzeugenberichte durchgelesen hat, da sie die Gefühls- und Gedankenwelt der Charaktere authentisch wiedergibt. Meiner Meinung nach ist genau das der Punkt, der diese Romanreihe auszeichnet; die authentischen Figuren, ohne Schnörkel. Diese Familie wirkt echt.

Ich freue mich nun auf den dritten Teil, in der Hoffnung, dass die Familie nach den Kriegsjahren zur Ruhe kommt.

 

http://lesepartie.de/sturmzeit/

Sturmzeit

Charlotte Link
Sturmzeit

Charlotte Link

Der erste Teil der Trilogiebesticht durch seine Protagonisten

Alljährlich im Sommer kommt die weit verstreute Familie auf dem ostpreußischen Landgut Lulinn nahe der russischen Grenze zusammen. So auch im Sommer 1914. Es wird gestritten, sich verliebt und vor allem genießt die familiäre Gesellschaft die Annehmlichkeiten des Landlebens. Die Ferien enden jäh, als im August die Mobilmachung ausgerufen wird. Bis auf Felicia und ihre Großeltern verlassen alle das Gut, um in ihr eigenes Heim zurückzukehren. Felicia bleibt, denn ihr Großvater liegt im Sterben. Gemeinsam mit ihrer Großmutter harrt sie aus. Als die Russen das Gut erreichen, ist es Felicias erste Prüfung in diesem Krieg, der ihr noch einiges abverlangen wird. Aus dem verwöhnten, reichen Mädchen, formen die Kriegsereignisse eine eigensinnige, pragmatische Frau. Ihrem Geschäftssinn und ihrer Initiative ist es zu verdanken, dass die Familie nach dem Krieg einer sicheren Zukunft entgegensehen kann. In den 1920iger Jahren wird aus Felicia eine reiche Geschäftsfrau. Doch mit dem Ende des goldenen Jahrzehnts, verliert auch sie am schwarzen Freitag ihr ganzes Vermögen.

Charlotte Link erschafft eine großartige Familiensaga mit einer herausragenden Protagonistin. Felicia besteht aus so vielen Facetten, welche oft widersprüchlich sind und trotz allem die Figur erst lebendig werden lassen. Ebenso sind weitere Figuren des Romans in ihrem Wesen fabelhaft erdacht und beschrieben. Darunter finden sich Opportunisten und Träumer, aber auch Realisten und Zyniker.

„Sturmzeit“ ist eine Trilogie über all das, was das 20. Jahrhundert zu bieten hat. Von der Schlacht um Verdun, der Russischen Revolution bis zur Inflation und dem Börsencrash, alles findet seinen Platz in dem ersten Teil der Romanreihe. Als Leser wird man mit hineingezogen in diese große Familie und verfolgt gespannt ihren Wandel.

Felicia erinnert mich sehr an Scarlett O’Hara aus „Vom Winde verweht“. Ähnlich ist Felicias Eigensinn, ihre Ruhelosigkeit, die ihrem Familiensinn und vor allem dem unbedingten Erhalt des Gutes Lulinn im nichts nachstehen. Nicht nur in diesem Punkt gleichen sich die beiden Frauenfiguren. In Bezug auf ihr Liebesleben kann man ebenfalls Parallelen finden. Auch Felicia heiratet das erste Mal aus Trotz und das zweite Mal aus Sicherheit und dennoch denkt sie stets an ihre Jugendliebe.

Die Erzählweise ist spannend, verständlich und die Hintergründe gut recherchiert. Besonders haben mir die Dialoge gefallen. Als Leser ist man immer mitten drin. Die Romantrilogie spricht vor allem die Leserschaft historischer Literatur an. Der erste Teil ist ein großes Lesevergnügen gewesen und ich kann es kaum erwarten, wie es weitergeht.