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Die verborgenen Stimmen der Bücher

Bridget Collins
Die verborgenen Stimmen der Bücher
Coverbild „Die verborgenen Stimmen der Bücher“

Ein außergewöhnlicher Roman, der nicht den üblichen Erwartungen entspricht. Der Roman kann begeistern, wenn man es zulässt.

Bücher werden verachtet. Das wird dem Bauernsohn Emmet schon als Kind eingeschärft, als er mit einem Buch in Berührung kam. Mittlerweile ist er ein junger Mann und wird den Bauernhof seiner Familie übernehmen. Doch dann ereilt Emmet ein schweres Fieber, welches ihn lange ans Bett fesselt. Er hat kaum Erinnerung an diese oder die unmittelbare Zeit davor. Zwar ist das Fieber überstanden, trotzdem kann er seiner Arbeit auf dem Hof schwerlich gerecht werden. Er empfindet sich selbst als Last für seine Familie und schämt sich dessen. Mitten in der Erntezeit erhält die Familie einen Brief. Emmet soll eine Lehre machen; ausgerechnet als Buchbinder. Sein Vater stimmt zu. Eine Zustimmung, die Emmet darin bestärkt, dass er aufgrund seiner seltsamen Verfassung kein geeigneter Erbe mehr ist.

Binnen weniger Tage beginnt er die Ausbildung bei einer alten Binderin, deren Haus fern ab in den Sümpfen steht. Schon nach kurzer Zeit begreift Emmet, dass das Buchbinden weit mehr ist, als nur beschriebene Seiten aneinander zuheften. Es sind die Schicksale der Menschen, die in den Büchern gebunden werden. Diese wertvollen Schätzen gilt es zu bewahren, damit Bücher nicht in unbefugte Hände geraten. Auch Emmet hat die Gabe, Erinnerungen zu binden und somit das Erlebte aus dem Gedächtnis des jeweiligen Menschen zu löschen. Noch bevor er seine Lehre beenden kann, stirbt die Buchbinderin und Emmet ist gezwungen seine Lehre bei dem windigen Buchbinder in der Stadt fortzusetzen. Dort trifft er auf den Sohn eines reichen Geschäftsmannes, zu dem er eine unerklärliche, tiefe Verbindung verspürt. Emmet fragt sich, woher dieses Gefühl der Verbundenheit herkommt. Was könnte einen Bauernsohn wie ihn mit diesem reichen Burschen verbinden? Die Wahrheit liegt in einem Buch. Doch dieses Buch muss Emmet erst finden, bevor seine Geschichte weitergehen kann.

Es ist ein ungewöhnliches Buch, das eine ungewöhnliche Geschichte erzählt. Bücher, welche die Erinnerungen von Menschen beherbergen, welche diese vergessen wollen oder sollen. Der sehr gut erzählte Roman handelt von Macht. Die Macht über Menschen, die Macht der Geschichten und vor allem die weitaus überlegenste Macht, nämlich die der Liebe. Das mag kitschig klingen, doch auch das ist ein Aspekt des Romans. Eine Liebe, die es nicht geben darf, eine Liebe, die nicht den Konventionen entspricht und deren Stärke allem trotzt.

Als ich anfing das Buch zu lesen, hatte ich eine komplett andere Vorstellung von dem Buch. Je tiefer ich in die Geschichte eintauchte, desto mehr Freude hatte ich beim Lesen. Ich wollte unbedingt wissen, wie es weitergeht. Das Buch ist sicherlich eine Überraschung und zwar ein sehr gelungene. Es wird alle begeistern, die einen ungewöhnlichen und nicht unbedingt leicht zu durchschauenden Roman lesen wollen, welcher aus den allgemeinen Konventionen ausbricht.

Link zum Buch: https://www.aufbau-verlag.de/die-verborgenen-stimmen-der-bucher.html

Die weiteren Aussichten

Robert Seethaler
Buchcover Die weiteren Aussichten, Robert Seethaler
Die weiteren Aussichten

Eine Geschichte über das, was auch das gleichförmigste Leben unberechenbar macht; Veränderung und Liebe. Herrlich echte Charaktere, trostlos mit viel Hoffnung für die weiteren Aussichten.

Herbert und seine Mutter betreiben mehr schlecht als recht eine Tankstelle am Rande einer Landstraße. In den 1970igern zählte das nächstgelegene Dorf zu einer aufstrebenden Region, von welcher außer dem Hallenbad und einem Parkplatz nicht viel geblieben ist. Herbert ist Ende zwanzig und die Tage reihen sich gleichförmig aneinander. Bis eines Tages eine rundliche Frau ohne Frisur auf einem blauen Klapprad in Herberts Leben radelt. Hilde heißt sie und Herberts Leben wird nie mehr das selbe sein.

Robert Seethaler nimmt uns mit an den Straßenrand, zur einsamen Tankstelle an der Landstraße, zu Menschen, die keinerlei Veränderung erwarten. Als die Veränderung dann doch eintrifft, wirbelt diese alles bisher gekannte durcheinander. Als Leser lacht man mit, leidet mit und hofft, dass Georg, der Fisch, das Abenteuer heile übersteht.

Es ist ein herrlicher Roman, der durch die Nähe zu seinen Figuren besticht. In dieser scheinbaren Trostlosigkeit ist so unendlich viel Platz für Hoffnung und Mut, sodass man das Buch am Ende mit einem Lächeln zu schlägt.

Es ist eine ungewohnt kurze Rezension, denn viel mehr brauche ich darüber nicht schreiben. Den Roman sollte man einfach lesen!

Links zum Buch: https://keinundaber.ch/de/literary-work/die-weiteren-aussichten/

weitere Rezension zu Robert Seethaler auf LesePartie: https://lesepartie.de/das-feld/

Zwei Handvoll Leben

Katharina Fuchs
Cover Zwei handvoll leben
Zwei Handvoll Leben

Beeindruckend und lebensnah schildert der Roman zwei Frauenschicksale im bewegten 20. Jahrhundert.

Deutschland 1914. Anna lebt mit ihrer Familie im Spreewald. Viel kann sich die Familie nicht leisten, aber ihre Mutter ermöglicht Anna eine Lehre zur Schneiderin. Charlotte ist die einzige Tochter eines sächsischen Gutsherren. Eines Tages wird sie den landwirtschaftlichen Besitz erben. Beide Mädchen stehen an der Schwelle des Erwachsenwerdens. Beide begegnen ihrer ersten, großen Liebe, bevor der Erste Weltkrieg ausbricht. Beide erleben die Veränderungen, die der Krieg und der darauffolgende Frieden mit sich bringt. Bei beiden verläuft das Leben anders, als sie es sich erträumt haben. Dennoch lassen sich weder Anna noch Charlotte davon nicht entmutigen und gehen in Zeiten der Unsicherheit und des Wandels konsequent ihren Weg.

Nach ihrer Schneiderlehre verlässt Anna 1919 ihre Familie und fährt nach Berlin, um dort Arbeit zu finden. Als das Berliner KaDeWe Verkäuferinnen sucht, ergreift sie ihre Chance. Anna kann durch ihr Wissen als Schneiderin überzeugen und bekommt die begehrte Stelle. Für Anna ist es der Beginn einer ungewöhnlichen beruflichen Karriere in diesen Zeiten.

Charlotte hat während des Krieges tatkräftig auf dem landwirtschaftlichen Gut mit angepackt. Nun wird es für ihren Vater Zeit, dass Charlotte sich nach einem geeigneten Ehemann umsieht. Ihre Tante lebt mit ihrem Mann Salomon und der gemeinsamen Tochter in Leipzig. Dort wird Charlotte in die Gesellschaft eingeführt. Da sie sich von ihrer großen Liebe betrogen fühlt, lässt sie sich von anderen, jungen Männern den Hof machen. Charlotte ist bewusste, es gilt nicht nur die richtige Entscheidung für sich selbst, sondern für die Zukunft des Gutes zu treffen.

Anna und Charlotte wachsen völlig unterschiedlich auf, doch beide verbindet die erste unerfüllte Liebe, die Liebe zu ihren Familien und allem voran ihr starker Wille das Leben bestmöglich zu meistern. Der Roman beschreibt abwechselnd je Kapitel den Lebensweg der beiden Frauen, der durch die bewegte Zeit des 20. Jahrhunderts führt. Diese Erzählweise macht es dem Leser leicht, beiden Geschichten parallel zu folgen. So wie die Zeiten sind auch die Leben von Charlotte und Anna durch Hoffnung, Angst, Entbehrungen und dem Leben das Beste abzutrotzen geprägt.

Die Erzählung beginnt kurz vor dem Ersten Weltkrieg und endet 1953, als Charlotte und Anna bei der Heirat ihrer Kinder aufeinandertreffen. Die Handlung des Romans ist aus der Perspektive der Frauen geschrieben. Neben den Hauptcharakteren Anna und Charlotte gibt es noch weitere, wie beispielsweise Charlottes Cousine Edith oder Annas Freundin Ella. Alle Frauenfiguren sind hervorragend beschrieben. Es macht große Freude ihre Entwicklungen zu verfolgen. Jedoch stimmen ihre Geschichten nachdenklich, angesichts des ständigen Kampfes, um zu erhalten, was sie sich aufgebaut haben.

Das Buch beruht auf der wahren Familiengeschichte der Autorin Katharina Fuchs, die sich auf die Suche nach der Geschichte ihrer Großmütter begeben hat. Mich hat das Buch gänzlich überzeugt. Ich konnte es nur schwer aus der Hand legen. Nicht nur die Charaktere sind lebensnah, sondern auch die Orte, die Stimmungen sind fast fühlbar in Worte gefasst. Allerdings musste ich die Geschichte eine Zeit wirken lassen, nachdem ich das Buch gelesen und zugeklappt hatte. Es zeigt für mich ein weiteres Mal, wie viel gerade diese Frauengeneration geleistet hat und wie viel Leid die Kriege gebracht haben. Ich halte es für wichtig immer wieder daran zu erinnern. Das Buch ist sehr lesenswert und da sich schon eine Fortsetzung ankündigt, bin ich sehr gespannt und freue mich darauf.

Links zum Roman:

Drömer Knaur Verlag: https://www.droemer-knaur.de/buch/9622627/zwei-handvoll-leben

Katharina Fuchs: https://www.instagram.com/katharina_fuchs_books/

Schullektüre II

Schullektüre Cover
Schullektüren Cover

In der 8. Klasse las ich „Das Haus der Treppen“ von William Sleator. Damals mochte ich den Roman nicht. Die Geschichte war mir zu widerlich und grausam. Heute sehe ich das etwas anders. Der Roman erzählt von fünf Jugendlichen, die an einem seltsamen Ort gefangen sind, welcher ausschließlich aus Treppen besteht, die ins Nichts führen. Bestimmtes Verhalten führt zu Belohnung. Wenn einer der Gruppe ausgegrenzt oder misshandelt wird, bekommen die anderen eine Belohnung. Die Jugendlichen durchschauen dieses Muster sehr schnell und sind bereit für ihr eigenes Überleben darauf einzugehen. Nur zwei der Jugendlichen beschließen nicht weiter Teil des unmenschlichen Spiels zu sein und durchbrechen den Teufelskreis.

Ein weiteres Mal war auch ein Roman von Dürrenmatt dabei. „Das Versprechen“ ist ebenfalls ein hinreichend bekannter Roman, welcher mehrmals unter dem Titel „Es geschah am helllichten Tag“ verfilmt wurde. Missbrauch von Kindern bis heute ein hochaktuelles wie schreckliches Thema.

Schillers Liebesdrama um Luise und Ferdinand ist eine der beliebtesten Schullektüren. Ich gebe zu, dass mir das Stück gefällt, es allerdings im Unterricht zu behandeln sehr mühsam war.

Und dann noch ein weltbekannter Roman. J.D. Sailingers „Der Fänger im Roggen“. Das einzige vom Autor veröffentliche Werk. Bisher wurde der Roman weder verfilmt noch als Theaterstück adaptiert. Der Autor verhinderte sämtliche Bemühung dazu dem 16jährigen Holden ein Gesicht oder eine Stimme zu geben. Wer Holden Caulfields dreitägiges Abenteuer erleben will, muss bis heute zum Buch greifen.

Das waren meine Schullektüren, die ihren Platz in meinem Bücherregal haben. Nicht jede hat mich als Schüler begeistern können, doch zu einem späteren Zeitpunkt, konnte ich sehr wohl etwas mit den Romanen anfangen.

Der Beitrag ist ein großes Dankeschön an meine Deutschlehrer!

Teil I:https://lesepartie.de/schullektuere-teil-i/

Links zu den vorgesstellten Büchern

Das Haus der Treppen: https://www.dtv.de/buch/william-sleator-das-haus-der-treppen-7859/

Der Fänger im Roggen: https://www.kiwi-verlag.de/buch/der-faenger-im-roggen/978-3-462-03218-5/

Das Versprechen:https://www.dtv.de/buch/friedrich-duerrenmatt-das-versprechen-1390/

Kabale und Liebe: https://www.kabale-und-liebe.de/kabale-und-liebe/

Schullektüre Teil I

Schullektüre, welche ich während der Schulzeit gelesen habe
Cover Schullektüre Teil I

Die Erinnerung an den Deutschunterricht zur Schulzeit löst bei vielen ehemaligen Schülern eher einen genervten Seufzer aus als das ein freudiges Lächeln übers Gesicht huscht. Neben Diktaten und Grammatik ist ab den höheren Schulklassen eine jährliche Schullektüre Pflicht.

Ich hatte tatsächlich das große Glück während meiner Schulzeit durchweg fantastische Deutschlehrer zu haben, denen auch die Meinung ihrer Schüler wichtig war. So konnte wir ein wenig mitbestimmen, welche Lektüre im Unterricht durchgenommen werden sollte.

Wenn ich mir die Bücher heute so anschaue, na ja, manchmal muss mir auch langweilig gewesen sein. Denn ich war sowohl im Innenteil als auch auf den Covern zeichnerisch sehr kreativ unterwegs. Eines dieser Bücher ist sogar bis heute eines meiner Lieblingsromane. „Er hieß Jan“ von der Autorin Irina Korschunow. Es handelt von der 17jährigen Regine, die eine glühende Verehrerin der Nationalsozialisten ist. Bis zu dem Tag als sie den polnischen Zwangsarbeiter Jan kennenlernt. Es ist eine eindringliche Geschichte, an deren Ende dennoch Hoffnung steht. Ich habe dieses Büchlein (meine Ausgabe ist vom dtv Verlag, 1993 und hat 117 Seiten) öfters gelesen und jedes Mal packt mich die Erzählung aufs Neue. https://lesepartie.de/erstes-mal-zweites-mal/

Dieser Jugendroman ist heute noch erhältlich, als Taschenbuch, als e-book oder als Hörbuch. Und diese Werbung mache ich unentgeltlich, doch mit voller Überzeugung, für diesen zeitlosen und wichtigen Roman.

Selbstverständlich sind da noch die Klassiker, die gelesen werden müssen. Dürrenmatt, Zweig, Schiller (zu Goethe habe ich nur verschiedene Gedichte im Unterricht durchgenommen). Im Fach Englisch habe ich „Dead Poets Society“ gelesen. Der Film „Club der Toten Dichter“ mit Robin Williams und Ethan Hawke war in den 90igern sehr beliebt, auch bei Lehrern. Die Welt aus einer anderen Perspektive zu betrachten, ist empfehlenswert. Manche Dinge bekommen mit einem anderen Blickwinkel auch eine andere Bedeutung. Sich einfach mal auf den Tisch stellen oder auf den Boden setzen kann helfen, seine Sicht der Dinge zu ändern. Ein ganz wunderbarer Roman darüber, wie Literatur das Leben beeinflussen und den Horizont erweitern kann.

Die Erzählung von Stefan Zweig ist ebenfalls bis heute ein großer Roman und ebenso zeitlos. Eine psychologische Studie über Wahn und Können. Eine hervorragende Erzählung.

Vielmehr muss ich wohl zu Dürrenmatts „Besuch der alten Dame“ auch nicht schreiben. Zahlreich verfilmt und immer noch ein Dauerbrenner auf den Theaterbühnen. Ein Stück über Rachsucht, Gier und menschliche Schwäche. Vor allem über die menschliche Breitschaft, unmenschliches zu akzeptieren. Der Zweck heiligt die Mittel.

Teil II folgt….

Links zu den vorgestellten Büchern (unbezahlte Werbung)

Er hieß Jan: https://www.dtv.de/buch/irina-korschunow-er-hiess-jan-78284/

Besuch der alten Dame: https://www.frustfrei-lernen.de/deutsch/der-besuch-der-alten-dame-duerrenmatt.html

Die Schachnovelle: https://www.buecher.de/shop/wien/schachnovelle/zweig-stefan/products_products/detail/prod_id/00836545/

Dead poets society: https://www.luebbe.de/bastei-luebbe/buecher/sonstige-belletristik/der-club-der-toten-dichter/id_3222022

Teil II: https://www.lesepartie.de/schullektuere-teil-ii

Sommer in Wien

Sommer in Wien Cover
Petra Hartlieb

Maries Geschichte geht weiter, bezaubernd, doch der Wandel der Zeit wird spürbar.

Im Sommer 1912 verlässt Marie Wien, um die Familie Schnitzler in den Sommerurlaub zu begleiten. Urlaub, für Marie eine völlig neue Erfahrung. Zum ersten Mal sieht sie das Meer, fährt erstmalig in einem Automobil und wohnt im Hotel. Dennoch vermisst sie in diesen Wochen ihren Oskar, welcher in Wien sehnsüchtig auf ihrer Briefe wartet. Als Marie am Ende des Sommers zurück in Wien ist, sind sich die beiden Verliebten darüber einig, das sie ihr Leben zusammen verbringen wollen. Doch noch scheint dieser Wunsch in weiter Ferne, den ihr Einkommen reicht für eine Familiengründung nicht aus. Ausgerechnet ein tragischer Schicksalsschlag lässt eine Hochzeit in greifbare Nähe rücken.

Anders als in den beiden Vorgänger Bände umfasst „Sommer in Wien“ eine Zeitspanne von zwei Jahren. Der Roman beginnt im Sommer 1912 und endet im Sommer 1914. Marie entwickelt sich zusehends weiter. Ihr anerzogenes Weltbild wird in zaghaften Schritten verändert. Die von gottgewollte Ordnung, an die sie den Großteil ihres Leben geglaubt hat, bekommt feine Risse. Marie sieht mehr von der Welt und lernt und liest. Immer weiter entfernt sie sich von dem Bauernmädchen, das sie einst war. Häufig ist ihre eigene Entwicklung Marie unheimlich. Dann wird sie unsicher und fühlt sich fast wie eine Hochstaplerin. Gerade dieser Zwiespalt macht sie als Charakter glaubwürdig. Sie nimmt nichts als selbstverständlich.

Petra Hartlieb erzählt die bezaubernde Geschichte von Marie in einem ebenso herrlich schnörkellos Schreibstil weiter. Dennoch spürt man als Leser den Wandel der Zeit. Es ist eine Zeit des Aufbruchs. Gewohnte Strukturen werden in Frage gestellt und an einigen Stellen des Romans wird deutlich, dass der Vielvölkerstaat wankt. Auch die Familie Schnitzler rückt in ein anders Licht.

Die Autorin hat diese Stimmung aufgenommen und Marie dafür sensibilisiert. Marie verkörpert sowohl den Aufbruch als auch die Unsicherheit dieser Zeit.

Der Roman endet im Sommer 1914. Im vierten Teil der Romanreihe wird einiges auf Marie zukommen und auch der Erzählton wird sich weiter wandeln. Ich hoffe auf einen vierten Teil und freue mich sehr darauf.

Rezension der beiden vorherigen Bände:

https://lesepartie.de/ein-winter-in-wien/

https://lesepartie.de/wenn-es-fruehling-wird-in-wien/

Zur Autorin:

https://hartliebs.at/

http://www.dumont-buchverlag.de/buch/hartlieb-sommer-in-wien-9783832183721/

Willkommen in Lake Success

Willkommen in Lake Success, Cover
Gary Shteyngart

Die Romanerzählung beginnt stark, doch leider kann mich das ideenlose Ende dann nicht überzeugen.

Barry Cohen, ein New Yorker Hedgefond Manager in den vierzigern, ist an der Börse reich geworden. Mit seiner jungen, hübschen Frau und seinem dreijährigen Sohn wohnt er in einem der teuersten Apartments der Stadt. Auf den ersten Blick wirkt Barrys Leben überaus perfekt, doch diese hübsche Fassade ist bei näherer Betrachtungen ziemlich brüchig.

Nach einem Streit mit seiner Ehefrau, packt Barry sein wertvollstes Gut, seine Sammlung von Luxusuhren, in einen Koffer und steigt in den Greyhound Bus nach Richmond. Wie damals als junger Student, will er zu seiner Jugendliebe Layla reisen. Barry hofft auf dieser Reise etwas finden, das er verloren glaubt; den wahren Barry. Doch diese Fahrt im Greyhound Bus verlangt dem Multimillionär einiges ab. Er trifft auf die unterschiedlichsten Menschen und auch sein Bargeld wird knapp. Was wird sein, wenn er Layla nach all den Jahren gegenüber steht? Gibt es für Barry die Chance sein Leben von Grund auf zu ändern?

Von seiner Ehefrau fühlt Barry sich verraten. Sein Sohn hat eine gesundheitliche Beeinträchtigung, die so gar nicht in Barrys perfektes Leben passen will. Außerdem hat er mit seinen Fonds hohe Verluste eingefahren, sodass das FBI ist hinter ihm her. Aus diesem Grund will Barry sein altes Leben hinter sich lassen. Nur seine Sammlung wertvoller Luxusuhren nimmt er mit. Mit dem Greyhound Bus fährt er quer durch die USA. Barry begegnet auf seiner Reise den „normalen“ Menschen, hört die wildesten Geschichten und er denkt über seine Kindheit und Jugend nach.

Barry ist erfolgreich, aber einsam. Als Sohn eines Poolreinigers hat er sich hoch gekämpft. Er studiert in Princeton und treibt danach seine Karriere in der Finanzbranche voran. Er hat es weit gebracht. Doch Barry ist unglücklich. Seine Familie droht zu zerbrechen und er sehnt sich nach einer Zeit zurück, in der für ihn noch alles möglich schien. Wir begleiten Barry auf seinem Weg, der ihn bestenfalls zu sich selbst führen soll. Er reist mit dem Bus durch ein Land kurz vor der Präsidentschaftswahl. Es scheint unsinnig, dass jemand wie Trump diese Wahl gewinnen könnte, dennoch trifft Barry auf seiner Reise immer wieder auf fanatische Befürworter.

Der Roman beginnt stark. Barry ist eine komplexe Figur, über die der Leser nur bruchstückhaft mehr erfährt. Zunächst ist Barry ein selbstgerechter, unsympathischer Fond Manager, für den in erster Linie das Geld zählt. Doch dann kommen hinter seiner glanzvollen Fassade seine Unsicherheiten, seine Einsamkeit hervor. Keiner, der im Roman vorkommenden, Charaktere ist darauf ausgelegt zu gefallen. Daher fällt es beim Lesen oft schwer echte Sympathien zu entwickeln. Jedoch wird die Romanerzählung für mich gerade dadurch interessant.

In der zweiten Hälfte des Romans verliert die Geschichte meiner Ansicht nach an Biss . Die Erzählstränge verlieren sich in einem gewollt wirkenden Konstrukt. Die Figuren werden oberflächlicher, viele Handlungen sind schwer nachzuvollziehen. Die Reaktionen der Charaktere empfand ich oft als völlig emotionslos. Bedauerlicherweise hatte ich den Eindruck, als ob dem Autor die zündende Idee für ein stimmiges Ende fehlte. Stattdessen hat er sich „durchgewurschtelt“.

Der Roman hat sehr starke Momente, der Schreibstil ist hervorragend, doch leider verliert die Geschichte auf den letzten Buchseiten an Kraft und Fantasie. Zu viele Themen werden angerissen, denen der Roman dann nicht gerecht wird. Das ist wirklich bedauerlich.

Ein Monat auf dem Land

Ein literarisches Kleinod
J. L. Carr

Das Buch ist ein Kleinod. Geschrieben mit der Leichtigkeit des Sommers, erzählt es vom Wert des Lebens.

Es ist Sommer 1920, als Tom Birkin seine Arbeit in einem kleinen Ort in Yorkshire antritt. Man hat ihm die Aufgabe anvertraut in der hiesigen Kirche ein mittelalterliches Deckengemälde freizulegen.

Immer noch gezeichnet vom Krieg, von seiner Frau verlassen, versucht der junge Londoner in dieser beschaulichen, ländlichen Idylle seinen inneren Frieden zurückzugewinnen. Voller Eifer und Sorgfalt beginnt er mit der Freilegung des vor ewigen Zeiten übertünchten Bildes hoch oben im Altarraum.

Täglich finden sich neugierige Dorfbewohner ein, die ihm bei der Arbeit zuschauen. Schnell wird Tom Birkin in ihre Gemeinschaft aufgenommen, findet Freunde und Anerkennung. Besonders genießt er die Gespräche mit der jungen Pfarrersfrau.

Es ist ein wundersamer Sommer, voller Licht und Wärme. Als dieser langsam dem ersten Herbsttau weicht, hat auch Tom Birkin seine Arbeit erledigt. Schweren Herzens nimmt er Abschied von diesem Ort, der die Ruhe und die Hoffnung in sein Leben zurückgebracht hat.

J.L. Carr hat mit unendlicher Leichtigkeit und spürbarer Lebensfröhlichkeit eine fast märchenhafte Geschichte komponiert. Man riecht förmlich den Duft des Sommers, spürt die kühle Mauer hoch oben in der Kirche und wird zu einem Teil dieser Geschichte.


Dieses Buch ist ein großer Schatz. Das Cover ist zwar schlicht, aber mit so viel Liebe gestaltet, das es ebenso entzückt, wie die Geschichte im Inneren.

Infos zum Buch

http://www.dumont-buchverlag.de/suche/?q=ein+monat+auf+dem+land

https://www.independent.co.uk/news/people/obituary-j-l-carr-1397014.html

gekauft auf der Frankfurter Buchmesse: http://www.lesepartie.de/unterwegs-auf-der-fbm-2018

Die Liebe im Ernstfall

Die Liebe im Ernstfall – Cover- Diogenes Verlag
Daniela Krien

Fünf Frauen, fünf Geschichten. Authentisch und selbstbewusst erzählt. Bewegend und voll Zuversicht das Leben und die Liebe im Ernstfall zu meistern.

Paula, Judith, Brida, Malika und Jorinde, fünf Frauen in ihrer Lebensmitte, deren Wege auf unterschiedliche Weise lose miteinander verbunden sind. Sie erzählen von ihrer Jugend, von ihren Erwartungen ans Leben und von Enttäuschungen und Schicksalsschlägen.

Jede der Frauen hat ihren Weg gewählt, der sie durch Höhen und Tiefen geführt und sie geprägt hat. Jede von ihnen hat sich für einen Beruf entschieden, für oder gegen einen Mann, für oder gegen Kinder. Es ist die Summe der Entscheidungen, welche die Frauen Revue passieren lassen. Die Freiheit Entscheidungen treffen zu können, trifft dabei oftmals auf die vermeintlichen Erwartungen, die sie erfüllen wollen. Teils sind es die eigenen Erwartungen an das eigene Leben, teils sind es die Erwartungen anderer. Und nicht immer wird man diesen Erwartungen gerecht. Es gilt das Leben zu meistern wie es kommt, um das bestmögliche herauszuholen.

Daniela Krien erzählt die Geschichten von fünf Frauen, die voller Zuversicht ihren Weg gewählt haben und an den Umständen gescheitert sind. Jedoch haben sie sich nie geschlagen gegeben. Jede der Frauen vertraut darauf, dass das Leben ihr noch etwas zu bieten hat.

Das Buch offenbart mit der Wucht von Ehrlichkeit, was viele Frauen in der heutigen Gesellschaft umtreibt. Ausgeglichen und liebevoll sollen sie sich um die Erziehung der Kinder kümmern, dabei aber auch ihre eigene Karriere verfolgen und ihrem Partner eine leidenschaftliche Geliebte sein. Auch der Alltag mit Kindern, kann nicht täglich als ein wunderbares Geschenk wahrgenommen werden, so wie es vielfach propagiert wird. Die Freiheit der Wahl, sein Leben nach den eigenen Vorstellungen zu gestalten, erscheint oft vielfältig. Doch genau diese Vielfältigkeit schürt Erwartungen, vor allem an sich selbst, an denen man nur allzu oft scheitert.

Daniela Krien schreibt in einem beinahe emotionslosen Realismus, dennoch mit sensiblen Blick für Details über diese fünf Frauen, die sich dem Leben im Ernstfall stellen. Die fünf Geschichten handeln von losgelassenem und verpassten Glück, von Liebesbeziehungen, deren Haltbarkeit keine Ewigkeit ist und von der Suche nach dem richtigen Leben. Der Autorin ist ein bewundernswertes Portrait über diese fünf Frauen gelungen. Jede von ihnen ruft Verstehen hervor. Jede von ihnen ist wahrhaftig. Daniela Krien hat einen wunderbaren Erzählstil. Mich hat das Buch begeistert sowie mich die Autorin auf der Buchmesse Leipzig begeistert hat. Ich freue mich auf weitere Bücher von ihr.

Verlagseite https://www.diogenes.ch/leser/titel/daniela-krien/die-liebe-im-ernstfall-9783257070538.html

https://lesepartie.de/lbm-2019-2/

Infos zum Roman/zur Autorin:

https://www.ndr.de/kultur/buch/Daniela-Krien-Die-Liebe-im-Ernstfall-,liebeimernstfall102.html

https://www.lovelybooks.de/autor/Daniela-Krien/

https://www.perlentaucher.de/buch/daniela-krien/die-liebe-im-ernstfall.html

Die Kündigung

Die Kündigung
Hubertus Meyer – Burckhardt

Was bleibt vom Menschen, wenn er den Job, über den er sich definiert, plötzlich verliert? Ein Top Manager muss sich dieser Frage stellen. Ein nachdenklicher Roman über Sehnsüchte.

Simon Kannstatt sitzt in der Business Lounge des Züricher Flughafens. Er erwartet seinen ehemaligen Chef, um ein weiteres Mal über seine Kündigung zu verhandeln. Simon Kannstatt bekommt eine großzügige Abfindung, doch seinen Job nicht zurück. Ein Top Manager ohne Aufgabe. Wer ist nun Simon Kannstatt

Im Flughafen Restaurant, unter all den Managern, fühlt er sich sicher. Er bleibt dort sitzen, unfähig eine Entscheidung über sein Leben zu treffen. In Gedanken beginnt er sein Leben zu hinterfragen. Seine Ehe, sein Verhältnis zu den Töchtern und zu den Eltern. Ab wann wurde die Arbeit sein Leben? Wo sind seine Zukunftsvisionen geblieben, die er als junger Mann anstrebte? Wann ist er zu dem Simon Kannstatt geworden, der nun hier am Flughafen feststeckt, weil er keine Idee hat, wie es mit ihm weitergehen soll – ohne seine Arbeitsstelle.

Hubertus Meyer – Burckhardt ist einem breiten Publikum in erster Linie als Film- und Fernsehproduzent und als Gastgeber der NDR Talkshow bekannt. Zudem veröffentlichte er einige Bücher. In dem Roman „Die Kündigung“ beschäftigt er sich mit einem Thema unserer Zeit. Viele Menschen definieren sich über das, was sie tun, ihre Arbeit. Es ist grundsätzlich die erste Frage, die man einem Gegenüber stellt. „Was arbeiten Sie/was arbeitest du?“

Es ist ein nachdenklicher Roman über einen Manager, der genug Geld auf dem Konto hat, dem allerdings der Lebenssinn genommen wurde. Die Erzählung wechselt zwischen Wirklichkeit und Vorstellung bzw. Traum der Hauptfigur. Trotz all der Melancholie des Romans, gibt es auch die humorvollen Stellen, die den Leser schmunzeln lassen. Das Buch erzählt auf eine tiefsinnige und außergewöhnliche Weise eine einfache Geschichte über den Sinn des Lebens. Es ist keine Lektüre, die sich leicht und locker lesen lässt. Es ist eine Lektüre die Fragen aufwirft. Es ist eine empfehlenswerte Lektüre.