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FBM 2019/2

Mein zweiter Tag auf der Frankfurter Buchmesse 2019

Samstagmorgens ist schon bei der Anreise zu merken, dass es heute deutlich voller wird. Viele Busunternehmen haben Buchbegeisterte aus allen Teilen der Republik nach Frankfurt gebracht. Dementsprechend gestaltet sich auch der Einlass. Gerade der Einlass in Halle 3, an welcher der Shuttlebus vom Parkhaus hält, ist stark frequentiert. Das Taschen kontrolliert werden, ist sinnvoll, dennoch sollte die Messe den Einlass an den besucherstärksten Tagen besser organisieren.

Die Gänge sind voller Menschen, meist kommt man nur sehr langsam voran, immer wieder gerät der Menschenstrom ins Stocken.

Mein erstes Ziel ist wieder die ARD Bühne, auf der Denis Scheck der in einer Ausgabe „druckfrisch“ seine Favoriten auf der Bühne vorstellt.Sein Plädoyer für die Lyrik kann ich nur unterschreiben. Ein Gedicht zu lesen kostet nur wenige Minuten und eröffnet oftmals einen neuen Blickwinkel auf gewohnte Begebenheiten.

Welche Tatsache mich dann doch erschreckt ist, dass an die 700 Literaturpreise jährlich allein nur in Deutschland vergeben werden. 700 ist eine stolze Zahl. Da kommt mir ein Interview in den Sinn, welches Elke Heidenreich kürzlich gegeben hat. In dem sagt sie sinngemäß, dass sie wenig von diesen Preisen hält, weil sie es nicht gerecht findet Bücher gegeneinander antreten zu lassen. Nach einigem Nachdenken, stimme ich ihr zu. Eine Romanerzählung löst in jedem Leser etwas anderes aus.

Bei meinen Streifzug durch die Hallen entdecke ich die wunderbarsten Kostüme. Wieder sind viele junge Leute unter den Besuchern, die sich große Mühe gegeben haben. Es ist faszinierend wie viel Sorgfalt und Liebe in die kleinsten Details gelegt werden. Vielen Dank an alle, die sich solche Mühe geben und Messetage bunt machen.

Mein absoluter Favorit unter den Messeständen ist der Stand vom „keinundaber Verlag“. Ein Quader mit Wänden aus Büchern. Wenn der Besucher hineingeht, befindet er sich im Inneren, vor ihm eine Leinwand auf der Buchcover abgebildet sind, die sich immer wieder neu zusammenstellen bis eines aufblinkt. Dies muss man dann berühren, die anderen Cover verschwinden und man bekommt auf der Leinwand visuell vorgeführt, was gerade vorgelesen wird. Ich bin immer noch begeistert von dieser Idee. Es war eine Oase in all dem Trubel.

Ein weiteres Autorengespräch, welches ich verfolgte, führte Katharina Gerlach mit Norbert Scheuer über seinen Roman „Winterbienen“. Am Vorabend wurde dieser Roman anscheinend ziemlich im Literarischen Quartett zerrissen. Für mich unverständlich. Vor allem, wenn in Bezug auf das Buch Begriffe wie „völkisch“ fallen. Solche Aussagen sind in diesen Zeiten mehr als überflüssig und meiner Meinung nach unverantwortlich. Allerdings bin ich kein großer Fan des Formats, weil die Moderation hölzern ist und die Gespräche überheblich daherkommen.

Zum Glück nimmt der Autor die Kritik nicht zu ernst. Im Interview erklärt er, wie genau die Flüchtlingstransporte in den Bienenstöcken funktioniert haben. Allein auf diese Idee zu kommen, ist unglaublich.

Auf dem Blauen Sofa höre ich mir die Gespräche mit dem Autor Stewart O’Nan an, der über sein Buch „Henry persönlich“ spricht. Im Anschluss findet ein Gespräch mit John Strelecky statt, der mit seiner Trilogie über das Café am Rande der Welt einen großen Erfolg feiert. Auf dem Sofa sitzt ein entspannter Typ mit Hut. Er scheint wirklich sein Rezept für ein ausgeglichenes Leben gefunden zu haben.

Kurz bevor die Messe ihre Tore für diesen Tag schließt, fahre ich wieder zurück. Ich bin ziemlich kaputt und voll von den ganzen Eindrücken. Ich freue mich auf mein Hotel.

Es waren zwei interessante Tage, an denen ich viel gesehen, gehört habe und viele Begegnungen hatte. Am meisten erstaunen mich die Arbeitsweisen der Autoren und ihr Verhältnis zu ihren Figuren. Darüber habe ich in den zwei Tagen einiges erfahren können.

Links zum Thema:

https://www.lesepartie.de/fbm-2019-1

https://www.buchmesse.de

Ein Tag im Dezember

Josie Silver

Eine romantische Geschichte über den Start ins Erwachsenenleben. Mal komisch, mal nachdenklich, mal romantisch.

Dezember, wenige Tage vor Weihnachten. Laurie sitzt müde von der Arbeit im Bus nach Hause. An einer Haltestelle schaut sie aus dem Fenster direkt auf einen jungen Mann, welcher, unbeeindruckt vom Gewusel um ihn herum, in ein Buch vertieft ist. Er schaut auf, ihre Blicke treffen sich und da passiert für einen kurzen Moment etwas unerklärliche Magisches. Dann fährt der Bus wieder los.

Monatelang sucht Laurie vergeblich nach ihrem Bus Boy, bis ihre beste Freundin und Mitbewohnerin Sarah Laurie ihren neuen Freund, Jack, vorstellt; der junge Mann von der Bushaltestelle.

Fast 10 Jahre begleiten wir Laurie, Jack und Sarah in ihrer Dreieckskonstellation, die sich mit den Jahren wandelt. Wir erleben ihre Rückschläge bei der Suche nach einem passenden Job mit, Umzüge, Trauer und Freude, Trennungen und sich verlieben; all das, was zum Erwachsenwerden dazugehört. Jedes Mal, wenn der Leser denkt, nun ist es an der Zeit, dass Laurie und Jack zueinanderfinden, ist es ihnen wieder nicht möglich ehrlich miteinander zu sein und sie verpassen den richtigen Moment, wie am Tag im Dezember an der Haltestelle.

Der Roman nimmt den Leser mit durch die Irrungen und Wirrungen junger Leute, die nach dem Studium ihren Platz im Leben finden müssen. Die Autorin erzählt unterhaltend und anschaulich. Besonders gelungen sind ihr die sympathischen Figuren. Sie hat es fabelhaft vermieden die Charaktere in schwarz/weiß einzuteilen. Jeder Charakter hat seine Geschichte und handelt danach. Es ist ein guter Unterhaltungsroman für die kalten Tage.

Links zum Buch:

https://www.ndr.de/kultur/buch/Josie-Silver-Ein-Tag-im-Dezember,eintagimdezember102.html

https://www.randomhouse.de/Taschenbuch/Ein-Tag-im-Dezember/Josie-Silver/Heyne/e535426.rhd

FBM 2019/1

Erster Tag auf der #fbm

Meine persönliche Buchmesse startet am Freitags. Der Shuttelbus vom Parkhaus zur Messe ist nur halbvoll, auch den Eingang der Halle 3 passiere ich zügig, soweit verläuft meine Ankunft entspannt.

Doch sobald ich einen Fuß in die Halle setze, sind sie da zahlreiche Buchliebhaber und Lesefreudige. Ich schlendere erst einmal in aller Ruhe durch die Gänge der Halle 3.0. Hier befinden sich die Stände von den Verlagen Carlsen, Arena, Coppenrath, Ullstein (die unverwechselbare Eule ist ein sehr beliebtes Fotomotiv), diogenes, alle Verlage der Random Gruppe, Piper, Hanser, Bastei Lübbe, dtv und und und und. So viele Bücher!

Die Vorwärts, Zeitung der SPD, hat einen eigenen Stand und sehr interessante Gesprächsgäste. Den ersten Talk, den ich verfolge, handelt über den Roman „“Schutzzone“ (zu finden auch auf der Shortlist 2019 des Deutschen Buchpreises) mit der Autorin Nora Bossong. Die Moderatorin Katharina Gerlach diskutiert mit Nora Bossong über die Arbeit der Vereinten Nationen, deren Arbeit von allen Mitgliedsstaaten finanziert wird und mittlerweile die Gelder für Hilfsprojekte knapp werden.

Der Roman habe ich gerade zu lesen begonnen. Es wird also demnächst eine Rezension von mir hier erscheinen. Die Autorin ist sehr sympathisch und konnte im Gespräch überzeugen.

Nach einer Kaffeepause in der Sonne, die sich hinter den Wolken hervor gekämpft hat, im Innenhof „Agora“, gehe ich hinüber in Halle 5 zur ARD. Dort folge ich den Gesprächen mit Bela B. Felsenheimer und Sascha Lobo. Sascha Lobos neues Sachbuch beschäftigt sich mit dem Realitätsschock, in dem wir uns befinden. Nach dem Fall der Mauer und dem Ende des Kalten Krieges fühlten wir uns sicher. Nun geben sich eine Vielzahl anderer Problemherde zu erkennen plus die Überforderung durch die Digitalisierung. Lobos Ansatz ist sicher eine Überlegung wert.

Die Plaza „Agora“ bietet neben zahlreichen Speise- und Getränkeständen auch übereinander gestapelte Container, in denen man einiges über den Herstellungsprozess eines Buches erfahren kann. Der Frankfurter Pavillon in der Mitte versammelt meist eine Schlange vor dem Eingang. Ebenso bilden sich lange Schlange vor den Signierboxen, in denen Autoren ihre Bücher signieren. Mir gefällt besonders der aufgeblasene Asterix!

Für ein weiteres Gespräch über ein Buch, das auf der Longlist des Deutschen Buchpreises steht, kehre ich zurück zum vorwärts Stand. Karen Köhler spricht über „Miroloi“. Ein Buch das viel zu sagen hat über frei sein, über Gesellschaftsformen und so vieles mehr. Fazit am Ende: Es ist kein Frauenbuch, es ist Gesellschaftskritik.

Nach zahlreichen ersten Eindrücken und ein Foto der Ullstein Eule verlasse ich die Messe kurz vor Schluss. Ich freue mich auf mein Hotelzimmer und auf ein Abendessen. Danach werde ich früh schlafen, denn nach dem Messetag ist vor dem Messetag!

https://www.buchmesse.de

www.instagram.com/lesepartie_lit.blog

A. S. Tory und die verlorene Geschichte

S. Sagenroth

Der Roman erzählt seine Geschichte mit einer guten Mischung aus Spannung und Leichtigkeit. Doch am Ende ist man nachdenklich, denn der Inhalt ist erschreckend aktuell.

Kurz vor den Herbstferien bekommen Chiara und Sid eine E-Mail von Tory, ein hochbetagter, reicher Engländer, den die jungen Leute im vergangenen Jahr auf einer Reise kennengelernt haben.

Er schickt ihnen eine Adresse in Venedig, eine Geburtstagsanzeige und ein altes Foto. Dazu die Bitte sich auf die Spuren seiner Vergangenheit zu begeben. Eine jüdische Vergangenheit in den 1930iger Jahre in Deutschland. Herauszufinden, wer Tory wirklich ist, spornt Chiara und Sid an.

Neugierig machen sich die jungen Leute auf den Weg nach Venedig. Schnell erhalten sie weitere Anhaltspunkte, die sie nach Wien führen. Auch dort treffen Chiara und Sid auf Menschen, die ihnen helfen Puzzleteile zusammenzutragen. Spätestens jetzt wird den beiden allerdings bewusst, dass nicht jeder erfreut darüber ist, dass sie in der Vergangenheit stochern.

Chiara und Sid reisen weiter nach Berlin. Werden sie dort die letzten Informationen über die wahre Identität Torys erhalten oder ist die Geschichte zu lange her, um noch Spuren zu finden?

Der Roman erzählt in einer gelungenen Mischung aus jugendlicher Leichtigkeit, Spannung und Realitätssinn. Die Hauptfiguren Chiara und Sid sind jung und abenteuerlustig. Sie bewegen sich auf den Spuren der Vergangenheit und schärfen dabei ihren Blick für die Gegenwart. Die Gegenüberstellung von Gestern und Heute hat mir richtig gut gefallen. Da ist kein erhobener Zeigefinger, sondern alles fügt sich in die Geschichte ein. Gerade die Betrachtungsweise aus den Augen eines 17jährigen und einer 20jährigen ermöglicht dem Roman die leichtfüßige Erzählweise.

Zum anderen entzückten mich die Ortsbeschreibungen. Als Leser ist man drin in der Geschichte und bei den Entdeckungstouren der Figuren dabei. Ich bekam direkt Lust zu reisen.

Was die Autorin sich sicher nicht so gewünscht hat, ist wahrscheinlich die seit letzter Woche hochaktuelle Brisanz dieses Themas. Es wäre gut, wenn gerade jüngere Leute diesen Roman lesen. Meiner Meinung nach hat die Autorin sehr geschickt ein wichtiges Thema in einen lebendig geschriebenen Roman verpackt. Sehr gelungen!

Ich bedanke mich ganz herzlich bei der Autorin für das Rezensionsexemplar im e-Book Format.

Links zum Buch:

www.instagram.com/s.sage2018

sagenroth.wordpress.com

https://www.lovelybooks.de/autor/S.-Sagenroth/

Und jeden Morgen das Meer

WIR LESEN LAUT! 24. Literaturtage Bielefeld

Teil 3

Mein dritter Besuch bei den Literaturtagen. Wieder waren die Stuhlreihen vor der Lesebühne gut gefüllt. Zu Gast am gestrigen Abend war Karl – Heinz Ott mit seinem Roman „Und jeden Morgen das Meer“.

Die Protagonistin eine sechzigjährige Frau, die Jahrzehnte lang mit ihrem Mann ein bekanntes Restaurant am Bodensee führte. Nach dem Tod ihres Mannes bleibt sie mit einem Haufen Schulden zurück. Ein beruflicher Neuanfang in diesem Alter scheint kaum möglich. Sie flieht nach Wales in ein mehr schlecht als recht laufendes Hotel an der Küste. In Rückblicken erinnert sie sich an ihr Leben und steht jeden Morgen an den Klippen, nah am Meer.

Karl-Heinz Ott steht am Lesepult und liest Passagen dieser Geschichte, die so viel Lebensweisheit und Poesie ausstrahlt. Die Besucher lauschen seiner Stimme, die mal gewaltig wie das unbezähmbare Meer, mal ruhig wie der Bodensee den Raum erfüllt. Jeder spürt, dass dem Autor die Figur ans Herz gewachsen ist. Im späteren Gespräch mit Angelika Teller erzählt Karl-Heinz Ott, wie ihm die Idee über den Weg gelaufen ist. Auf seinen Lesereise machte er immer Station in einer bestimmten Buchhandlung und wohnte dann jeden Mal in einem bestimmten Hotel. Als er plötzlich woanders einquartiert wurde, fragte er nach dem Grund. Der Mann der Besitzerin war verstorben und aufgrund der Schulden konnte die Frau allein es nicht mehr weiterführen.

Der Roman entfaltet eine poetische Kraft, das ist aus den wenigen Passagen gestern Abend deutlich herauszuhören gewesen. Es war eine wunderbare Lesung. Über den Roman werde ich sicher berichten, denn ich habe vor ihn bald zu lesen!

Die musikalische Untermalung kam diesmal von Valentin Katter und Alexander Lipan.

Links zu den Literaturtagen Bielefeld:

https://stadtbibliothek-bielefeld.de/open/Aktuelles/Veranstaltungsreihen http:// https://lesepartie.de/lieber-woanders/ https://lesepartie.de/wir-lesen-laut

NSA – Nationale Sicherheitsamt

Andreas Eschenbach

Gut durchdachte Charaktere machen deutlich, wie gefährlich es wird, wenn die falschen Menschen Zugriff auf unsere Daten bekommen.

Was wäre, wenn… wenn es im Dritten Reich Komputer gegeben hätte? Komputer die je nach Abfrage beliebige Auswerten auswerfen? Emotionslos, präzise im Dienste des Volkes. Was wäre, wenn es mobile Telephone im Dritten Reich gegeben hätte, die sich abhören lassen und an deren Bewegungsprofil sich nachvollziehen lässt, wo sein Besitzer sich rumtreibt?

Das NSA ist das Nationale Sicherheitsamt, gegründet im Kaiserreich, als die Komputer noch mit Lochkarten funktionierten. Die zahlreichen Datensilos im Amt sammeln alle möglichen Daten über die deutschen Bürger. Seit die Regierung das Bargeld abgeschafft hat, zahlen die Bürger mit den Telephonen, einfach und verfolgbar.

Komputerprogramme für Abfragen zu stricken ist absolute Frauensache. Schon in der Schulzeit belegt die unscheinbare Helene Bodenkamp einen Programmstrickerinnen Kurs. Sie gewinnt sogar einen nationalen Preis. Weil Helenes Talent dadurch aufgefallen ist, bietet man ihr nach ihrem Schulabschluss eine Stelle im NSA an.

Helene ist keine glühende Anhängerin der Nazis. Als sie ihre Arbeit im NSA aufnimmt, sieht sie es als normale Tätigkeit. Eine Arbeit, die ihr aufgrund ihres analytischen Denkens liegt. Erst mit der Zeit wird ihr bewusst, welche Macht diese vielen gesammelten Daten haben. Spätestens als sie an der Aufspürung von versteckten Juden beteiligt ist, erkennt Helene, dass sie zu einem wesentlichen Teil des Systems geworden ist. Um ihr eigenes Geheimnis zu schützen, versucht sie die Programme zu manipulieren.

Eugen Lettke ist ein Vorzeigearier und Sohn eines Kriegshelden. Allerdings zieht es ihn nicht an die Front, so eine Art Held möchte er nicht werden. Er ist Analyst im NSA und hofft, die Anstellung schützt ihn vor dem Einberufungsbefehl. Als Analyst durchforstet er die vielen Meinungsforen im Weltnetz. In erster Linie manipuliert er das US amerikanische Forum. Doch nebenher verfolgt er noch private Interessen. Eugen befindet sich auf einem persönlichen Rachefeldzug. Grund dafür ist ein demütigender Nachmittag in seiner Jugendzeit, den er nicht vergessen kann. Niemand demütigt den Sohn eines Kriegshelden.

Durch seine privaten Recherchen macht Eugen eine brisante Entdeckung von nationalem Interesse. Zusammen mit Helene versucht er dieser Entdeckung nachzugehen. Die beiden schaffen es, sich in ein amerikanisches Komputersystem zu haken. Beide sind überwältigt von der Bedeutung ihrer Entdeckung. Als sie ihre Ergebnisse an die Regierung weitergeben, werden Eugen und Helene erst gefeiert, doch nur wenige Tage später kommt alles anders. Die Leben der beiden ändern sich schlagartig.

Andreas Eschenbach greift mit seinem Roman in die Geschichte ein, in dem er die modernen, technischen Errungenschaften ins Dritte Reich überträgt. Eine schreckliche Vorstellung, welche Möglichkeiten Hitler damit gehabt hätte. Genau diese Möglichkeiten greift der Roman auf. Dem Volk ist nicht bewusst, in welchem Umfang ihre Daten gespeichert und verarbeitet werden. Jeder Kauf, jede Bewegung und vieles mehr ist nachvollziehbar. Dennoch kann sich niemand dem entziehen. Was will man machen, wenn es kein Bargeld gibt?

Die Geschichte rund um das NSA macht nachdenklich. Ich hatte oft China vor Augen. Das chinesische Punktesystem für Bürger oder die Gesichtserkennung. Der Autor wirft etliche ethische und philosophische Fragen auf. Im letzten Drittel schneidet er sogar das Thema manipuliertes Denken an. Wird es möglich sein, das Gehirn eines Menschen zu steuern?

Die Geschichte führt dem Leser vor Augen, wie Daten genutzt werden können. Das ist Realität. Glücklicherweise leben wir noch in einem Land, in dem wir einigermaßen geschützt sind.

Hin und wieder hatte die Erzählung so ihre Schwachstellen, über die ich aufgrund des großen Ganzen hinweg gelesen habe. Die Geschichte der Hauptfiguren wird abwechselnd im Rückblick erzählt. So habe ich als Leser einen guten Zugang zu den beiden bekommen.Eugen Lettke ist als Charakter sehr ambivalent. Trotz seines oftmals widerlichen Verhaltens, ist er mir nie gänzlich unsympathisch geworden. Das Ende kommt völlig anders daher, als ich es erwartet habe. Meine erste Reaktion war leichte Enttäuschung, bis mir klar wurde, dass ein anderes Ende den Roman völlig verfälscht hätte.

Links zum Buch

https://www.lovelybooks.de/autor/Andreas-Eschbach/NSA-Nationales-Sicherheits-Amt-1569360209-w/rezension/2322477092/

http://www.andreaseschbach.de/werke/romane/nsa/nsa.html

Lieber woanders

WIR LESEN LAUT! 24. Literaturtage Bielefeld

Teil 2

Am Freitag besuchte ich dann meine zweite Veranstaltung der diesjährigen Literaturtage. Diesmal zu Gast die Autorin Marion Brasch, die ihren Roman, oder wie sie ihr Buch lieber benennen würde, ihre Novelle „Lieber woanders“.

Die Novelle handelt von der jungen Toni, die manch Leser aus dem vorherigen Roman „ Wunderlich fährt nach Norden“ schon kennt. Die zweite Hauptfigur ist der Roadie Alex. Beide tragen eine Last mit sich herum. Beide kennen sich nicht, doch, so verrät die Autorin, werden sie aufeinandertreffen. Die Novelle bewegt sich in einem 24 Stunden Rahmen.

Unterhaltsam liest und erzählt Marion Brasch aus und von ihrem Roman. Offen bekennt sie ihre Liebe zu den Figuren und zu ihren Lebenslasten, die sie mit sich herumtragen ohne die Hoffnung diese tatsächlich einmal los werden zu können.

Wunderbar leise und melancholisch kommen die gelesenen Passagen daher, sodass ich am Ende des Abends eine genaue Vorstellung von Toni und Alex habe. Und ich will die beiden unbedingt kennen lernen.

Für die musikalische Begleitung an diesem Abend sorgten Nils Rabente ich Kevin Hemkemeier an Bass und Klavier.

Links zu den Literaturtagen:

https://stadtbibliothek-bielefeld.de/OPEN/Portals/0/PDF/Programm_Literaturtage/2019_Literaturtage_Bielefeld_Programm.pdf

https://stadtbibliothek-bielefeld.de/open/Aktuelles/Veranstaltungsreihen

https://www.literaturlandwestfalen.de/veranstaltungsort/literaturtage-bielefeld/

WIR LESEN LAUT!

24. Literaturtage Bielefeld

Teil 1

WIR LESEN LAUT!

Unter diesem Motto starteten am 01. Oktober die 24. Literaturtage in Bielefeld. Den ganzen Oktober finden in der Stadtbibliothek Lesungen und Gespräche mit bekannten Autoren statt.

Für viel Furore sorgte am Mittwochabend die Lesung von Olga Tokarczuk. Wann hat man schon mal eine frisch gebackene Literatur Nobelpreisträgerin zu Gast?! Der Andrang war sehr groß. Für die Lesung hatte ich vorab keine Karte besorgt und als ich den riesigen Andrang über die sozialen Medien verfolgte, bin ich lieber zu Hause geblieben. Für die Bielefelder Literaturtage, die sich etwas im Schein des Rampenlichtes sonnen konnten, hat es mich sehr gefreut.

Ich besuchte die Literaturtage am Montag. Zu Gast war María C. Barbetta mit ihrem Roman „Nachtleuchten“. Im letzten Jahr stand sie mit eben diesem Roman auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises. Die Autorin stammt aus Argentinien und lebt nun seit einigen Jahrzehnten schon hier in Deutschland.

Ihr Roman spielt in Buenos Aires im Stadtteil Ballester am Vorabend der Militärdiktatur in den 1970iger Jahren. Mitreißend erzählt die Autorin über ihre Heimat, über ihr Leben in Deutschland und vor allem über ihre Romanfiguren. Ihre Freude an der Wandelbarkeit der deutschen Sprache ist einnehmend. So wird aus dem typisch deutschen Verbotsschilderwald „Einfahrt freihalten“ „Freiheit aushalten“.

Die musikalische Gestaltung vor und während der Lesung übernahm Harald Kießlich mit seinem Akkordeon. Passend abgestimmt auf argentinische Rythmen.

Die Erzählfreude sprudelt nur so aus María C. Barbetta heraus. Und am Ende des Abends bin ich voller Vorfreude auf ihren Roman. So gerne möchte ich ein Lesekomplize von dieser wunderbaren und vor Lebensfreude sprühenden Autorin werden.

Links zu den Literaturtagen:

https://stadtbibliothek-bielefeld.de/open/Aktuelles/Veranstaltungsreihen

https://stadtbibliothek-bielefeld.de/OPEN/Portals/0/PDF/Programm_Literaturtage/2019_Literaturtage_Bielefeld_Programm.pdf

https://www.literaturlandwestfalen.de/veranstaltungsort/literaturtage-bielefeld/

Das flüssige Land

Raphaela Edelbauer

Der Roman konnte mich nicht begeistern. Für mich eine farblose, sehr löchrige Erzählung mit offenem Ende.

Die Wienerin Ruth Schwarz ist Physiktheoretikerin und schreibt an ihrer Habilitation. Als sie die Nachricht vom Unfalltod ihrer Eltern bekommt, bricht sie zusammen. Sie erinnert sich an den Wunsch der Eltern, in der Heimat begraben zu werden. Damit beginnt die Suche nach Groß Einland, welches nirgendwo verzeichnet ist. Ruth packt das nötigste und fährt auf gut Glück los, um den Ort zu finden. Nach einigen Irrwegen landet sie tatsächlich in dem pittoresken Städtchen.

Dort scheint die Zeit stillzustehen. Es gibt keinerlei Einflüsse von Außen. Kein Internet, keine Zeitungen, keine Waren aus aller Welt. Die Geschicke des Ortes werden von der Gräfin gelenkt. Dennoch hat dieser herrliche Ort weit ab von Zeit und Raum ein großes Problem; das Loch. Jahrelanger Bergbau hat das ganze Städtchen unterhöhlt und nun droht es abzusinken. Ruth, die nur gekommen war, um das Begräbnis ihrer Eltern zu arrangieren, bleibt. Sie beginnt für die Gräfin zu arbeiten und soll eine geeignete Füllmenge für das Loch entwickeln, um den Ort zu retten. Während ihrer Tätigkeit stößt Ruth auf Sagen und Legenden und auf Unstimmigkeiten der Stadthistorie. Sie beginnt dies alles ebenso wie ihre Familiengeschichte zu erforschen.

Soweit eine kurze Zusammenfassung. Die Vergleiche mit Kafka sind ausreichend in anderen Rezensionen erörtert worden. Man kann sie ziehen, man kann es aber auch lassen. In diesen Roman kann jeder alles hinein deuten und irgendwie würde es stimmen. Ob es sich um das kollektive Gedächtnis bzw. Vergessen handelt, um Schuld, Ausarbeitung oder vieles mehr, dieser Roman bietet eine riesige Projektionsfläche. Doch leider gibt er auf nichts Antworten. Vielleicht muss er das auch nicht. Leider verpufft jeder Ansatz eines Spannungsbogen im Nichts. Ruths Nachforschungen verlaufen im Sande. Die Erzählstränge verlaufen sich im Niemandsland.

Keine der Charakteren und schon gar nicht die absolut farblose, langweilige Hauptfigur konnte mich packen. Ich habe mich während des Lesens häufig gelangweilt, denn auch der Sprachstil ist für meine Begriffe sehr ermüdend. Mir hat der Roman nichts sagen können. Immer wenn ich dachte, jetzt geht es endlich los, war es auch schon wieder vorbei. Ebenso wie der Roman ist das Ende, an dem rein gar nichts geklärt wird, für mich sehr enttäuschend.

Links zum Roman:

https://www.klett-cotta.de/buch/Gegenwartsliteratur/Das_fluessige_Land/106630

https://www.deutschlandfunkkultur.de/raphaela-edelbauer-ueber-das-fluessige-land-ein-kollektiv.1270.de.html?dram:article_id=458489

Weitere Rezensionen von Romanen der Longlist:

https://www.lesepartie.de/miroloi

https://www.lesepartie.de/vater-unser

https://www.lesepartie.de/winterbienen

Winterbienen

Norbert Scheuer

Der Roman macht die Zerstörung und die Angst des letzten Kriegsjahrs spürbar. Authentische, schnörkellose Erzählung!

Egidius Arimond lebt in der Eifel nahe der belgischen Grenze. Die Bienenzucht erbte er vom Vater. Im Krieg erweist sich als Glück für ihn. Denn seit die Nazis an der Macht sind, darf der ehemalige Gymnasiallehrer nicht mehr unterrichten. Egidius Arimond ist Epileptiker. Das er nur zwangssterilisiert wurde, ist fast ein Wunder. Bisher haben Medikamente schlimme Anfälle verhindert, doch seine Bestände gehen zur Neige und es ist fast unmöglich die speziellen Medikamente zu beschaffen.

Zudem verhilft er immer noch Juden zur Flucht über die belgische Grenze. Als Imker ist er im Besitz eines Passagierscheins, weil er zahlreiche Bienenstöcke an der Grenze zu versorgen hat. Getarnt durch die Bienen schmuggelt er die Flüchtlinge an den Grenzposten vorbei.

Egidius Arimond ist auch den Frauen nicht abgeneigt. Fast alle Männer im besten Alter sind im Krieg und Egidius sagt nicht nein, wenn eine Frau zu ihm kommt. Als er ein Auge auf die Frau des neuen NS-Kreisleiters wirft, riskiert er viel, vielleicht zu viel.


Anhand des Tagebuchs erzählt der Roman vom ewigen Zyklus der Bienen und vom näher kommenden Krieg. Die Einträge machen deutlich, wie die Angst der Bevölkerung zunimmt. Die Bombenangriffe, welche zuerst nur die großen Städte betreffen, dann mit aller Wucht auch das Eifelstädtchen erreichen. Die Bedrängnis der Hauptfigur wird ebenfalls intensiv geschildert. Als die Medikamente weniger werden, häufen sich die epileptischen Anfälle und damit wächst die Gefahr dem Euthanasie Programm zum Opfer zu fallen. Ebenso wird die Angst größer, als Fluchthelfer verraten zu werden.


Fast emotionslos ist im Tagebuch die Rede von Erschießungen, von an Bäumen baumelnden Deserteuren, vergewaltigten Frauen und Bombenkratern. Über allen schwebt spürbar die Angst vor Zerstörung. Da verwundert es nicht, dass jede Möglichkeit auf ein bisschen Leben genutzt wird.


Der Roman handelt von den Kriegsauswirkungen und von den Bienen, die immer alles dafür tun, ihr Volk am Leben zu halten.

Links zum Buch und zur Longlist des deutschen Buchpreises:

https://www.deutschlandfunkkultur.de/norbert-scheuer-winterbienen-ueber-der-eifel-kreisen-bienen.1270.de.html?dram:article_id=454272

https://www.deutscher-buchpreis.de/nominiert/