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Hope Street

– wie ich einmal englischer Meister wurde

Hope Street Campino schreibt über sein Leben als Fan des Liverpooler FC und über seine englischen Wurzeln
Hope Street – Campinos Leben als Liverpool Fan
Campino

erschienen im Piper Verlag, 2020

Rezension zu Hope Street

Kurzmeinung

Aus dem Leben eines Liverpool Fans – sehr ehrlich, sehr humorvoll. Dazu die Frage, was prägt unser Leben. Ein lesenswerter Gedankenweg.

Inhalt

Eine Fußballsaison lang begleiten wir Campino zu den Spielen des Liverpooler FC. Es ist die, in vielerlei Hinsicht, denkwürdige Saison 2019/2020. Am Anfang des Buches steht jedoch ein anderes wichtiges Ereignis; Campino wird im März 2019 offiziell britischer Staatsbürger. Seine Liebe zu England ist der roten Faden des Buches „Hope Street“, das sowohl von der Leidenschaft für den LFC als auch seine deutsch-englische Familiengeschichte erzählt.

Als Kind verbrachte Campino die Sommerferien mit seinen Geschwistern und seiner Mutter bei deren Familie in Cornwall. Im Rückblick waren es unbeschwerte und prägende Woche, von denen er nun berichtet. Seine Eltern lernen sich kurz nach dem zweiten Weltkrieg kennen und lieben. Eine schwierige Situation zu der damaligen Zeit. Campino schildert seine Erinnerungen an das lebendige Familienleben, das bei sechs Kindern wohl unumgänglich ist.

Um seine Verbindung zu England auch im Düsseldorfer Alltag zu festigen, ist es nur konsequent, dass der zehnjährige Campino sich einen englischen Fußball Club aussucht, mit dem er von nun an mitfiebert. Das seine Wahl ausgerechnet auf Liverpool fällt, ist eher ein Zufall. Wie sehr der Liverpooler FC sein Leben beeinflusst, wird erst in der Rückschau deutlich.

Meinung

In 28 Kapitel nimmt Campino den Leser mit auf eine Reise. Wir begleiten ihn zu sämtlichen Spielen des Liverpooler FCs. Darüber hinaus beleuchtet er seine innige Verbundenheit zu England, deren Grundstein sicher seine von dort stammende Mutter legte.

Im August 2019 beginnt eine turbulente Saison. Liverpool startet als frisch gekürter Champions-League-Sieger. Für Campino ist es die 47. Saison, die er als Liverpool Anhänger erlebt. Wenn möglich, steht er im Stadion. Ganz egal, ob es das Stadion an der Anfield Road ist oder eines in der Wüste Katars. Es sind nicht nur die Spiele an sich, die sein Leben als Fan bereichern, sondern auch die Begegnungen, die er dabei erlebt.

Diese besonderen Momenten schildert Campino in seinem Buch „Hope Street“. So trifft er den Stadionsprecher des LFC in einem Pub oder besucht den aktuellen Trainer des Vereins Jürgen Klopp in seinem Haus. Über die Jahre sind durch den Fußball viele Freundschaften entstanden.

Die Fans des Liverpool FCs sind eine eingeschworene Gemeinschaft, die zusammen steht. Campino berichtet von diesem Gefühl der Verbundenheit und dem Drang dabei sein zu wollen. Doch das „Dabei sein“ hat auch oftmals seinen Preis. Vieles in seinem Kalender richtet sich nach den Spielen des Clubs. Falls es mal nicht möglich ist vor Ort zu sein, müssen Lösungen her, damit Campino wenigstens aus der Ferne zusehen kann.

Auf sehr humorvolle Weise schildert Campino sein Verhalten in solchen Situationen und lässt hierbei auch Reaktionen aus seinem direkten Umfeld nicht aus. Manches, was er für seinen Fußball Club auf sich nimmt, sieht er anscheinend selbst mit einem Augenzwinkern. Trotzdem sollte man sich von den selbstkritischen Passagen nicht täuschen lassen, die Sache an sich ist ihm sehr ernst.

Neben den Erlebnissen rund um die Spiele, blickt Campino zurück auf seine Familiengeschichte. Seine Eltern lernen sich an der Universität Göttingen kennen, die erste, die im britischen Sektor kurz nach dem Krieg den Betrieb wieder aufnahm. Seine Mutter Jennie gehört zu einer Auswahl britischer Studenten, die sich mit den deutschen Studenten austauschen sollen. Es wird nicht einfach gewesen sein, in dieser Zeit eine gemeinsame Zukunft zu planen. Doch Campinos Mutter wagt den Schritt und zieht nach Deutschland.

Anhand von Briefen und Erinnerungen zeichnet Campino sein deutsch-englisches Familienleben nach. Er schreibt über Urlaube in Cornwall, erinnert sich an den Alltag in Mettmann und bedauert, dass er seinen Eltern manche Frage nie gestellt hat.

Ausgangspunkt der meisten Kapitel ist ein Fußballspiel. Doch schnell machen sich die Gedanken des Autors auf ihren eigenen Weg und schweifen in die Vergangenheit. Mal erinnert er sich an Situationen in der Familie oder Momente mit Freunden oder mit seiner Band.

Er springt zwischen seinen Erinnerungen hin und her. Als Leser wusste ich nie, was wohl als nächstes kommt. Mein Interesse an seinen Gedankengängen hat jedoch an keinem Punkt nachgelassen. Gerade die Umstände, unter denen seine Eltern sich kennenlernten, haben mich beeindruckt. Ich glaube nicht, dass ich den Mut gehabt hätte, in ein vom Krieg noch völlig zerstörtes Land zu ziehen, in dem ich mit großer Wahrscheinlichkeit weiter als Feind gesehen werde.

In dem Buch geht es zwar hauptsächlich um den Liverpooler FC, dennoch ist es auch ein Buch über Leidenschaft, Liebe, Familie und Freundschaft. Vielleicht kann nicht jeder Campinos Passion für den LFC nachvollziehen, aber es gibt nun einmal Dinge, die für einen selbst von höchster Wichtigkeit sind, die in den Augen anderer jedoch völlig belanglos erscheinen. Wesentlich dabei ist meiner Meinung nach, dass es einen glücklich macht.

Fazit

Campino gewährt in diesem Buch sehr private Einblicke in sein Leben. Vieles hat mich zum Schmunzeln gebracht, dennoch gibt es einige ernsthafte Passagen. Wer ein lustiges, oberflächliches Buch erwartet, liegt falsch. Das er es bedauert, seinen Eltern manche Frage nicht gestellt zu haben, kann ich gut nachvollziehen. Es ist großartig, dass so viele Feldpostbriefe in der Familie erhalten sind. Mir haben vor allem die Begegnungen mit den unterschiedlichen Menschen gefallen. Niemals kam dabei eine Art von Rockstar Attitüde hervor.

Ob man diese Fußball Leidenschaft immer verstehen kann, bleibt dahingestellt, aber darum geht es auch gar nicht. Es ist ein außergewöhnliches Buch, das mit seiner offenen und ehrlichen Art punktet. Ich würde mich freuen, wenn Campino die ein oder andere Geschichte, die er erlebt hat, nochmal in Buchform packt. Hope Street ist ihm jedenfalls fabelhaft gelungen.

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Lovelybooks Leserpreis 2020

Der Lovelybooks Leserpreis 2020, die Nominierung für die Abstimmungsrunde läuft.
Lovelybooks Leserpreis

Der Lovelybooks Leserpreis

Auch in diesem Jahr darf auf Lovelybooks wieder abgestimmt werden. Der Lovelybooks Leserpreis wird nun schon zum 12. Mal verliehen und seine Bedeutung wächst. Die Mitarbeiter der Internetplattform für Buchliebhaber haben aus allen Neuerscheinungen des letzten Jahres, die Bücher herausgefiltert, die bei Lesern und Leserinnen auf die größte Resonanz gestoßen sind. Aus den zahlreichen Nominierten können alle Lesebegeisterten noch bis zum 12. November 2020 ihren Favoriten in die Abstimmungsrunde wählen. Die Preisträger werden am 26. November 2020 bekanntgegeben.

Wie kann man für den Lovelybooks Leserpreis abstimmen

Seit dieser Woche hat man als Buchliebhaber wieder die Möglichkeit seine Jahresfavoriten bis zum 12. November 2020 in die Abstimmungsrunde des Lovelybooks Leserpreises zu wählen. Dafür muss man sich auf der Internetseite von Lovelybooks anmelden (die Registrierung ist Voraussetzung) und dem Hinweis zum Leserpreis folgen. Nun kann man sich durch die 15 verschiedenen Kategorien arbeiten, darunter Romane, Krimi & Thriller, Bilderbücher, Humor, historische oder erotische Romane sowie auch bester Buchtitel. Pro Kategorie hat man genau eine Stimme, kann also nur ein Buch nominieren. Ich selbst habe schon gevotet und muss sagen, in manchen Fällen fiel mir die Entscheidung wirklich schwer. Jede Kategorie umfasst schätzungsweise 300 Titel (das ist meine Schätzung, ich habe nicht genau nachgezählt).

Wie geht’s weiter mit dem Lovelybooks Leserpreis

Die Bücher, welche die meisten Nominierungsstimmen auf sich vereinen konnten, treten in der Abstimmungsrunde an. Diese Runde beginnt am 16. November 2020. Die Kategorien bleiben bestehen, nur das sich die Auswahl deutlich verringert, denn in die Abstimmungsrunde schaffen es pro Rubrik 35 Bücher. Auch in diesem Durchgang hat der Leser pro Kategorie nur eine Stimme. Bis zum 24. November können Buchliebhaber für ihre Favoriten abstimmen. Die Sieger des Leserpreises werden von Lovelybooks am 26. November 2020 bekannt gegeben. Wie im Sport gibt es Gold, Silber und Bronze Medaillen zu gewinnen.

Fazit

Der Lovelybooks Leserpreis 2020, alle Buchfreunde sind aufgerufen für ihre Favoriten abzustimmen
Lovelybooks Leserpreis 2020

Jeder Bücherfreund ist aufgerufen abzustimmen. Unterstützt eure Lieblingsbücher oder Lieblingsautoren. Wie gesagt, mir ist die ein oder andere Entscheidung nicht leicht gefallen. Ich habe mir die Zeit genommen, mir alle Nominierten anzuschauen. Es ist schon Wahnsinn, wie viele fabelhafte Bücher in einer unglaublichen Vielfalt jedes Jahr erscheinen. Das sollten wir feiern. Dazu bietet uns der Leserpreis von Lovelybooks eine Plattform. Ich bin gespannt, welche Titel es in die finale Abstimmungsrunde schaffen.

Hinweis

Diesen Beitrag habe ich unentgeltlich aus meiner eigenen Initiative verfasst. Das Bildmaterial wurde auf der Presseseite von Lovelybooks zur Verfügung gestellt.

Lotto – Lebenstraum

Lotto – ein Szenario in Stichpunkten

Lotto – Ziehung

sie sitzt vorm Fernseher, glaubt es kaum

wirft den Laptop an und geht auf Immobiliensuche

engagiert einen Markler

findet ihr Traumhaus auf dem Land und kauft es

Lotto – Überraschung

sie kocht, macht sich chic und legt ihrem Mann die Unterlagen vom Kauf vor

Entsetzen

er fühlt sich übergangen, hintergangen, schweigt

sie redet, erklärt, freut sich

sein Schweigen wird im Gegenzug lauter

sie redet immer noch, schwärmt vom Leben auf dem Land, von den Tieren, die sie haben werden

er sagt nur NEIN

Lotto – Streit

jetzt schweigt sie

dann stürzt ein Wortschwall von Argumenten auf ihn ein

Ruhe Garten Platz mehr Zeit zu Zweit

er sagt NEIN

er wird wütend

sie wird wütend

er fordert sie auf, vom Kauf zurück zu treten

sie sagt NEIN

er sagt ohne ihn

er hasst das Landleben von Hunden bekommt er asthmatische Anfälle keine Restaurant fehlende Kultur weiter Arbeitsweg

beide schweigen

keiner gibt nach

Ende

Just like you

Just like you von Nick Hornby handelt von einer Beziehung zwischen zwei Menschen, die auf den ersten Blick nicht viel gemeinsam haben
Roman von Nick Hornby „Just like you“
Nick Hornby

aus dem englischen von Stephan Kleiner

erschienen im Kiepenheuer & Witsch Verlag, 2020

Rezension

Kurzmeinung

Nick Hornby schafft es in „Just like you„, eine unkonventionelle Liebe pragmatisch, ohne den romantischen Schnickschnack und mit viel Humor zu erzählen.

Handlung

In dem neuen Roman von Nick Hornby „Just like you“ geht es um zwei Menschen, die auf den ersten Blick unterschiedlicher nicht sein könnten.

Lucy, 42 Jahre alt, Mutter von zwei Jungs, getrennt lebend und Lehrerin an einer staatlichen, Londoner Schule. Ihre bisherigen Dates verliefen wenig erfolgreich.

Als sie zufällig den zwanzig Jahre jüngeren Joseph kennenlernt, entwickelt sich etwas zwischen ihnen, wogegen sich beide zunächst sträuben. Zu mächtig scheinen ihre Unterschiede:

Lucy kommt aus der klassischen Mittelschicht. Joseph ist dunkelhäutig und im sozialen Brennpunkt Tottenham zu Hause. Lucy ist gefestigt in ihrem Leben, Joseph ist noch auf der Suche. Er hat mehrere Jobs und nur eine vage Vorstellung von seinem beruflichen Ziel. Auch politisch sind Lucy und Joseph unterschiedlicher Auffassung. Er ist für den Brexit, sie dagegen. Trotzdem knistert es zwischen ihnen und sie sind mutig genug es zu versuchen. Doch wie lange kann eine solche Beziehung gut gehen?

Inhalt

Lucy tennte sich vor einiger Zeit von ihrem Mann. Sein immenses Alkoholproblem schadete der Familie, sodass Lucy konsequent handeln musste, um ihre zwei Jungs zu schützen. Lucy ist Lehrerin an einer staatlichen Schule in London, die eher zu den „Problemschulen“ zählt. Dennoch führt sie ein normales Mittelstandleben. Ihre Freunde haben gut dotierte Jobs, sind Intellektuelle und erfolgreiche Kulturschaffende.

Als Lucy in der Metzgerei den jungen Verkäufer Joseph kennenlernt, bittet sie ihn, einen Abend auf ihre Jungs aufzupassen. Joseph ist Anfang zwanzig und schlägt sich mit verschiedenen Jobs durch. Er trainiert eine Jugendmannschaft im Fußball, arbeitet im Freizeitzentrum und jeden Samstag in der Metzgerei. Nebenbei bastelt er an Musikstücken, um vielleicht einmal mit der Musik groß raus zukommen. Joseph wohnt bei seiner Mutter in Tottenham.

Joseph versteht sich gut mit Lucys Jungs und kommt nun öfter zum Aufpassen. Dadurch lernen sich auch Lucy und Joseph besser kennen. Es knistert zwischen ihnen, was beide vorerst ignorieren. Es kommt schließlich, wie es kommen muss, sie verlieben sich und halten ihre Affäre zunächst geheim. Zu groß erscheinen beiden ihre Unterschiede. Ihre Lebensweise, ihre politische Einstellung und der Altersunterschied von 20 Jahren.

Angesichts dessen scheint es nur eine Frage der Zeit, bis sie wieder getrennte Wege gehen. Doch die Liebe fragt nicht nach solchen Nichtigkeiten und verfolgt ihren eigenen Plan.

Meinung

Ich mochte Lucy auf Anhieb. Sie ist unprätentiös, pragmatisch und steht mit beiden Beinen im Leben. Ebenso mochte ich Joseph. Auf den ersten Blick wirkt er ziellos, auf dem zweiten merkt man, dass sich hinter seiner Fassade ein suchender, junger Mann verbirgt, der noch viele Unsicherheiten mit sich herumträgt. Trotz allem ist er mutig genug die richtigen Fragen zu stellen. Joseph ist wie Lucy pragmatisch, aber auch nachdenklich. Beide Figuren haben mehr gemeinsam, als es den Anschein hat. Beide suchen jemanden just like you, ohne es zu wissen.

Nick Hornby ist ein präziser Beobachter des Alltäglichen. Und so sind seine Romane von der Komik des Alltags geprägt. Auf äußerst unterhaltsame Weise schafft er es auch in „Just like you“, die auftauchenden Konflikte unterhaltsam zu behandeln. Dabei überlässt er es den Figuren sich ihren Meinungsverschiedenheiten zu stellen und gibt ihnen sehr glaubhafte Argumente an die Hand. Als Autor verzichtet Nick Hornby darauf Stellung zu beziehen oder eine Wertung abzugeben.

Eine Frau, mit einem wesentlichen jüngeren Mann, birgt auch heute noch Konfliktpotential. Wohingegen Männer mit sehr jungen Frauen toleriert werden. Ich finde es gut, dass es zum Thema wird, denn all ihre Widersprüchlichkeiten sind beim näheren Hinsehen gar nicht allzu schwerwiegend. Die größte Hürde wird wohl sein, dass Joseph vielleicht eines Tages eine Familie bzw. eigene Kinder haben will.

Der Roman verzichtet auf jeglichen romantischen Schnickschnack. Dieser hätte auch nicht zu den Figuren gepasst. Es gibt keine Rosenblätter auf dem Bett oder ausführliche Beschreibungen des ersten Kusses. Der Fokus liegt auf den wirklichen und den gemachten Problemen und auf dem Mut, den es braucht, sich auf eine Liebesbeziehung einzulassen. Denn ein Wagnis ist es immer. Genauso ist man bei einem neuen Partner unsicher, was Familie und Freunde sagen. Es ist eine völlig schnörkellose und echte Liebesgeschichte. Es sind die kleinen Gesten und Veränderungen, welche die Liebe zwischen den beiden meiner Ansicht nach hinreichend ausdrückt. So achtet z.B. Joseph bei einer SMS an Lucy auf seine Schreibweise. Sie ist schließlich Lehrerin, auch wenn sie das nie betont.

Fazit

Seit 1996 „High Fidelity“ gelesen habe, liebe ich Nick Hornby. Seine Figuren sind in all ihren Emotionen immer authentisch. Zudem liebe ich seinen Humor, der mich auch in „Just like you“ begeistern konnte. Viele Dialoge zeugen von einer großartigen Situationskomik. Da ich im selben Alter wie Lucy bin, konnte ich mich sehr gut gerade in ihre Figur hineinversetzen. Ich denke, es ist ein Geschenk, wenn man sich verliebt und man sollte dabei mehr im Hier und Jetzt leben. Sowie es Lucys Jungs tun, die ich übrigens super finde.

Meiner Meinung nach ist es Nick Hornby fabelhaft gelungen alle Positionen zum Brexit verständlich darzulegen. Er zeigt, wie wichtig es ist, einander zu zuhören, bevor man sein Urteil über eine Person fällt. Er schneidet in diesem Roman viele aktuelle Themen, wie beispielsweise Rassismus, an, ohne das sie den Roman dominieren. Ich denke, dass es die wichtigste Botschaft des Romans ist, den Mut zu haben, sich auf jemanden einzulassen, jemanden zu zuhören, der auf dem ersten Blick vielleicht das genaue Gegenteil von einem selbst ist.

Für mich ist es ein absolut gelungener Roman, weil mich die Normalität dieser Geschichte vollkommen in ihren Bann gezogen hat. Ich kann gar nicht glauben, dass Lucy und Joseph nur im Roman leben.

Ich bedanke mich herzlich bei dem Internetportal Lovelybooks und dem Kiepenheuer & Witsch Verlag für das Rezensionsexemplar.

Zu Beginn des Jahres erschien von Nick Hornby der Roman „Keiner hat gesagt, dass du ausziehen sollst„. Auch hier geht’s um Beziehungsprobleme. Hier meine Rezension.

Albert, Bärbel und Christine

Ein Konflikt

Albert

„Früher war Christine hübsch. Damals hatte sie noch Auswahl an Männern. Aber keiner war ihr gut genug“, sagte Albert mürrisch. „Nun sei doch nicht so“, mahnte seine Frau Bärbel. Sie hantierte nebenbei in der Küche, um das Familientreffen zu Kaffee und Kuchen vorzubereiten. Diese Treffen fanden mittlerweile nicht mehr allzu häufig statt und jedes Mal gerieten Albert und seine jüngere Schwester Christine aneinander. Ein ums andere Mal war es an Bärbel den Streit zu schlichten oder von vornherein im Keim zu ersticken. Meist lief es darauf hinaus, dass Albert und Bärbel, nachdem die Familie wieder weg war, stritten.

Christine

„Immer nimmst du sie in Schutz“, kam es von Albert aus dem Wohnzimmer. Sein ärgerlicher Ton gab Bärbel eine Vorstellung davon, wie der Tag verlaufen würde. Albert würde Christine wieder darauf reduzieren, dass sie nie geheiratet hatte, dass sie im Job wenig erreicht hatte und und und. Dabei war Christine eine fröhliche Mitfünfzigerin, die mit beiden Beinen im Leben stand. Nur Albert sah das anders. In seiner konservativen Welt musste eine Frau wenigstens einmal verheiratet gewesen sein. Von dieser veralteten Ansicht ließ er nicht ab. „Ich nehme Christine nicht in Schutz, ich bin nur anderer Meinung als du!“ Auch Bärbels Tonfall nahm eine genervte Note an. „Ich bin es so leid, mir das anzuhören. Sei froh, dass Christine überhaupt noch zu den Treffen zu kommen.“

Bärbel

Bärbel öffnet den Backofen, um den Kuchen herauszunehmen. Ein Schwall heißer Luft ließ ihr Brille beschlagen. Als sie ins Wohnzimmer kam, saß Albert schon am gedeckten Tisch. Bärbel atmete tief durch. „Bitte halt dich heute einfach zurück. Ich möchte ein harmonischen, fröhliches Beisammensein.“ Alberts Blick sagte ihr, dass er ihre Bitte nicht nachkommen würde. Wann war ihr Mann zu so einem Ekel geworden?

Ende

David Copperfield – Film

David Copperfield – einmal Reichtum und zurück

David Copperfield Romanvon Charles Dickens, in dem der Autor erstmals aus der Ich Perspektive erzählt
Der RomanDavid Copperfield
Großbritannien/USA 2020
Regie: Armando Iannucci
Darsteller: Dev Patel, Hugh Laurie, Tilda Swinton, Peter Capaldi

Der Roman

Es ist schon einige Jahre her ist, dass ich „David Copperfield“ von Charles Dickens letztmalig gelesen habe. Dennoch ist mir Davids Geschichte bestens im Gedächtnis geblieben. Von den markanten ersten Sätzen, mit denen David Copperfields das Licht der Welt erblickt bis zu jener schmierigen und hinterhältigen Figur Uriah Heep.

Sowohl in David Copperfield wie auch in Oliver Twist findet man einige Parallelen zu Dickens eigenem Leben. Besonders Armut und sozialen Missstände im viktorianischen England, finden sich in seinen Roman wieder. Egal in welchen Schwierigkeiten die dickischen Protagonisten stecken, eins haben sie gemeinsam, ihre positive Einstellung zum Leben.

Inhalt

Dieser positive Grundton macht auch die Geschichte des David Copperfields aus. Nach der Wiederverheiratung seiner Mutter,muss der junge David sein behütetes zu Hause verlassen, um in der Flaschenfabrik des Stiefvaters zu arbeiten. Er wird nach London geschickt und wohnt dort bei der Familie des sehr liebenswürdigen, jedoch hochverschuldeten Mr. Micawbe.

Nach dem Tod seiner Mutter sucht der mittlerweile herangewachsene David seine einzige Tante Betsey Trotwood auf. Die Schwester seines Vaters ermöglicht ihm eine angemessene Ausbildung und besorgt ihm seine erste Anstellung in einer Anwaltskanzlei. Er verliebt sich in Dora, die Tochter seines Arbeitgebers. Das Leben scheint es endlich gut mit ihm zu meinen. Doch dann verliert seine Tante Betsey all ihren Besitz und ist bankrott. Doch so schnell lässt sich David Copperfield nicht unterkriegen.

Der Film

Kinokarte zum Film David Copperfield - einmal Reichtum und zurück
Kinokarte David Copperfield –
einmal Reichtum und zurück

Für den Film wurde die Geschichte etwas gerafft, ohne das die Aussage der Erzählung darunter leidet. Es geht um die Irrungen und Wirrungen, die einem im Leben erwartet. Der Film ist rasant, märchenhaft und sein bitterböser Slapstick Humor überschreitet nie die Grenzen der Lächerlichkeit. Es ist ein vergnügliches Spektakel mit großartigen, bunt gemischten Schauspielern. Tilda Swinton als eselverscheuchtende Tante Betsey ist hervorragend besetzt. Nur die Widerwärtigkeit des Uriah Heeps hätte eine Spur widerwärtiger sein können.

Fazit

David Copperfield ist einer meiner favorisierten Romane, deshalb habe ich den Film mit Spannung erwartet und wurde nicht enttäuscht. Es ist ein außergewöhnlicher Film, der dem Roman weitestgehend gerecht wird. Mit fröhlicher Leichtigkeit berichtet David Copperfield uns bildhaft von den Widrigkeiten seines Lebens. Es darf viel gelacht und auch ein bisschen geweint werden.

P.S. Kino
Kinosaal David Copperfield - einmal Reichtum und zurück
Kino

Ich habe den Film in einem Programmkino gesehen. Auch in Zeiten der Pandemie für mich ein wunderbarer Ort. Filme sind für Kinos gemacht, wir sollten die Kinos unterstützen, den sie sind ein wesentlicher Teil des kulturellen Lebens. Danke!

Turbulenzen

Turbulenzen erzählt von kurzen Begegnungen zwischen Menschen und umspannt damit die ganze Welt
Turbulenzen
David Szalay

aus dem engl. übersetzt von Henning Ahrens

Carl Hanser Verlag, 2020

Rezension

Kurzmeinung

Einmal um die Welt. Kurze Geschichten, kurze Begegnungen mit Personen, virtous miteinander verknüpft. Kurze Einblicke in private Welten.

Inhalt

Erste Turbulenzen gibt es auf dem Flug von London nach Madrid. Eine ältere Dame mit Flugangst, versucht diese mit Bloody Marys zu betäuben und kommt ins Gespräch mit einem afrikanischen Geschäftsmann. Die Dame verlassen wir in Madrid und begleiten den Geschäftsmann weiter nach Dakar, wo ihn eine schrecklich Nachricht erwartet.

In dieser Weise wird der Stab jeweils an eine andere Person weitergereicht, einmal rund um den Globus. Ausschnitthaft erzählt der Roman von den unterschiedlichsten Menschen.

Handlung

In kurzen Episoden gibt „Turbulenzen“ Einblicke in die jeweilige Lebenssituationen von verschiedenartigen Menschen. Wie ein Staffelstab übergibt der eine Charakter an den nächsten. Turbulenzen gibt es auf den Flügen, sie sind jedoch ebenso übertragbar auf die Menschen, von denen wir nur diese eine Momentaufnahme sehen.

Da ist der einsame Flugkapitän, der den Tod seiner jüngeren Schwester in der Kindheit bis heute nicht verarbeitet hat, die Frau, die sich nach langjähriger Ehe neu verliebt und zwischen den Stühlen sitzt und der Gärtner, der im Ausland arbeitet und seiner Familie zu Hause verschweigt, dass er homosexuell ist.

Meinung

Der Roman „Turbulenzen“ erzählt auf 134 Seiten von den Turbulenzen des Lebens. Manche Menschen beuteln sie stark, manche erfahren nur einen kleinen Windhauch und manche werden von ihnen komplett aus der Bahn geworfen.

Als Leser bekommen wir nur einen kleinen Ausschnitt aus dem Leben der jeweiligen Figur erzählt. Es gibt kein davor oder danach. Wir erfahren nicht, wie die Geschichte, welche knapp angerissen wird, ausgeht. Das beflügelt die Fantasie jedes einzelnen Lesers.

Ich reise gerne und ich habe dadurch schon etliche Menschen kennenlernen dürfen, mit denen ich ähnliche Momentaufnahmen erlebt habe. Wenn man im Zug oder Flugzeug nebeneinander sitzt und ins Plaudern kommt. Wo kommt man her, wo will man hin und warum. Kleine Episoden aus dem Leben und schon ist die gemeinsame Reisezeit vorbei, die Wege trennen sich wieder.

Ähnlich ist es auch in dem Roman. Wir treffen die Charaktere, sehen einen Ausschnitt ihres Lebens und wünschen ihnen alles Gute, wenn wir weiterziehen. Die kurzen Kapiteln beleuchten je eine Figur, die in dieser Episode den Stab an eine andere weiterreicht. Benannt sind die Kapitel nach den Abkürzungen der Flughäfen. Wir fliegen mit den 12 Charakteren einmal um den Globus und am Ende schließt sich der Kreis wieder in London, von wo aus wir gestartet sind.

Fazit

Ich habe „Turbulenzen“ mit offener Neugier gelesen. In Gedanken bin ich mit den Charakteren um die Welt gereist. Trotz der Kürze konnten mich die einzelnen Schicksale berühren. Hauptsächlich, weil dem Autor eine großartige Komposition aus Begegnungen und Befindlichkeiten unterschiedlichster Menschen, über alle Kontinente verteilt, gelungen ist. Die unerwarteten Wendungen machen das Buch kurzweilig und halten es spannend. Als Leser kann man die angerissenen Geschichten weiterspinnen. Dieses Buch macht nachdenklich und lehrt uns, dass es egal ist, wo auf dieser Welt wir leben, im Grunde sind wir alle miteinander verbunden. Mir hat die Erzählweise des Romans, die Idee dahinter und die Umsetzung sehr gefallen.

Ich bedanke mich beim Carl Hanser Verlag und dem Internetportal für Lesewütige Lovelybooks für die Teilnahme an der Leserunde und das Rezensionsexemplar.

Wer sich für ähnliche Bücher, mit kurzen Geschichten und verwobenen Charakteren oder für Flughafengedanken interessiert, empfehle ich „Das Feld“ von Robert Seethaler oder den Roman „Drehtür“ von Katja Lange-Müller.

Die Unschärfe der Welt

Die Unschärfe der Welt ist ein Roman über eine rumänische Familie, die wir Leser in kleinen Ausschnitten über Generationen begleiten.
Nominiert für den Deutschen Buchpreis: „Die Unschärfe der Welt“
Iris Wolff

erschienen im Klett-Cotta Verlag, 2020

Rezension

Kurzmeinung

„Die Unschärfe der Welt“ ist sehr unscharf geraten, was hauptsächlich die Charaktere betrifft. Die wenige Handlung, erzählt in kurzen Momentaufnahmen die Geschichte einer Familie wiedergeben, verpackt in gefühlvolle, poetische Sprache auf hohem Niveau.

Handlung

Der Roman „Die Unschärfe der Welt“ erzählt von einer Familie, die im rumänischen Banat verwurzelt ist, zu Zeiten der Diktatur. Hannes ist Pfarrer einer deutschen Gemeinde. Seine Frau Florentine kümmert sich um Haus und Garten. Das Paar bekommt nur einen Sohn, Samuel.

Das Dorfleben ist geprägt von tragischen und fröhlichen Momenten und von den Schwierigkeiten, die das Leben in diesem Teil der Welt mit sich bringt. Ein überschaubarer Kosmos. Als junger Mann hilft Samuel seinem besten Freund Oz aus diesem kleinen Kosmos auszubrechen, ohne zu wissen, was die beiden erwartet.

Meinung

Der Roman „Die Unschärfe der Welt“ von Iris Wolff steht auf der diesjährige Longlist des Deutschen Buchpreises. Dementsprechend hoch waren meine Erwartungen. Eine Familiengeschichte über mehrere Generationen auf 212 Seiten zu erzählen, machte mich neugierig.

Die ersten beiden Kapitel, oder besser gesagt, Episoden, zogen mich direkt in ihren Bann. Der Sprachstil ist bildhaft und transportiert eine sanfte, poetische Stimmung. Insgesamt sind es sieben Episoden, die im Gewand der Kurzgeschichte daherkommen und dennoch immer wieder den Bogen zur Familiengeschichte schlagen. Zwischen den jeweiligen Episoden liegen zumeist große Zeitsprünge. War Samuel in der einen Episode noch ein Kind, bekommt er in der folgenden schon seinen ersten Kuss. Aufgrund dessen kommt der Roman zeitlich schnell voran.

Leider werden die Lücken hierdurch immer größer. Auch führt es dazu, dass mir keine der Figuren sonderlich vertraut wurde. Aufgrund der Romanstruktur bleiben die Charaktere für den Leser unnahbar. Besonders bedauert habe ich die häufige schwarz-weiß Darstellung, da hätte ein bisschen Schattierung, gerade bei den Charakteren, gut getan.

Die Region Banat wird im Roman immer wieder genannt. Allerdings wird auf die Region kaum eingegangen ebenso wenig wie auf die deutschen Wurzeln der Familie. Warum also dieser Schauplatz und dieser Hintergrund, wenn der Roman nicht vorhat es aufzugreifen und mehr darüber zu erzählen? Hier wurde meiner Ansicht nach das meiste Potential verschenkt. Auch wenn das damalige Ceaușescu Regime an manchen Stellen deutlich und heftig kritisiert wird, bleiben zu viele offene Fragen.

Die kaum vorhandene Handlung lässt keinen Spielraum für die Entwicklung der Figuren zueinander. Es wird zwar über eine Familie berichtet, erzählt werden jedoch kurze, aneinandergereihte Geschichten, die nur einen schwachen roten Faden erkennen lassen. Den letzten Teil empfand ich als einen Bruch mit dem, bis dahin vorherrschenden, fast lyrischen Sprachstil. In aller Eile werden ca. 15 Jahre zusammengerafft. Alle sind glücklich, alle sind zufrieden, es herrscht Friede, Freude, Eierkuchen.

Der Fokus des Romans liegt eindeutig auf der Sprache und die ist wirklich ein Genuss. Poetisch, feinsinnig und gefühlvoll transportiert die Sprache den jeweiligen Moment.

Fazit

Manche Textpassagen empfand ich als lyrische Erzählkunst. Leider blieb durch diesen Fokus vieles andere auf der Strecke. Ich befürchte der Roman wird schnell verblassen, weil der Roman mich leider nicht berühren konnte. Zum einen fand ich keinen Zugang zu den Charakteren und zum anderen ist die Handlung zu dürftig, um als Familiengeschichte im Gedächtnis zu bleiben.

Wenn man seine Erwartungen an einen generationsübergreifenden Familienroman zurückschraubt und sich einfach der Stimmung, die von dem Schreibstil herbeigeführt wird, hingibt, kann der Roman „Die Unschärfe der Welt“ ein Lesegenuss sein. Aus meiner Sicht ist sehr viel an Potential verschenkt worden. Vor allem das zuckersüße Romanende passt nicht zum Rest und hat mich ziemlich ratlos zurückgelassen.

Ich kann den Roman weder empfehlen noch davon abraten, ihn zu lesen. Sprachlich bewegt sich die Erzählung auf hohem Niveau, inhaltlich gibt es entscheidende Defizite.

Ich bedanke mich bei dem Klett-Cotta Verlag und der Internetplattform für Bücherfreunde Lovelybooks für das Rezensionsexemplar und die Teilnahme an der Leserunde des Literatursalons, in der es einen regen Meinungsaustausch gab. Es hat mir viel Freude gemacht.

In den vergangenen Jahren habe ich einige Nominierte des Deutschen Buchpreises gelesen und nicht jeder Roman konnte mich überzeugen. „Miroloi“ scheidete im letzten Jahr ebenso die Geister wie „Das flüssige Land“.

Jeder sollte sich seine eigene Meinung bilden.

A.S. Tory und der letzte Sommer am Meer

A.S. Tory und der letzte Sommer am Meer Cover. Die Geschichte von Sid und Chiara
A.S. Tory und der letzte Sommer am Meer
S. Sagenroth

erschienen im tredition Verlag 2020

Rezension

Kurzmeinung

Mit gekonnter Leichtigkeit greift der Roman „A. S. Tory und der der letzte Sommer am Meer ein kontroverses Thema auf und stimmt nachdenklich. Ein schwieriges Thema fabelhaft erzählt.

Handlung

Diesmal lädt A.S. Tory Sid und Chiara zu sich nach England ein, ohne ihnen einen Auftrag zu erteilen. Der Sommer ist heiß, selbst in England, und Mr. Tory besitzt ein Haus am Meer, in dem die jungen Leute Ferien machen sollen. Alle Zeichen stehen auf ein unbeschwertes Urlaubsvergnügen. Am Strand lernen Sid und Chiara drei deutsche Mädchen kennen. Eines der Mädchen hat sich mit einem arabischen, jungen Mann angefreundet, der sich illegal im Land aufhält. Als zwei der Mädchen und der junge Mann spurlos verschwinden, beginnen Sid und Chiara ihre eigenen Nachforschungen, die sie bis nach Cornwall führen.

Inhalt

Auf der Suche nach der alten Single reisten Sid und Chiara quer durch Europa bis Marroko. Im zweiten Teil suchten die beiden eine verlorene Geschichte in Venedig, Wien und Berlin. Nun begleiten wir Sid und Chiara nach England. A.S. Tory lädt die beiden Abenteurer zu einem zweiwöchigen Urlaub nach England ein. Erst erkunden sie London und treffen auch Chan wieder, mit dem Sid seit seinem ersten London Aufenthalt Kontakt hat. Zu dritt verbringen sie dann einige Tage in Mr. Torys Haus am Meer.

Am Strand treffen sie drei Mädchen aus Hamburg. Zwischen den Mädchen kommt es immer häufiger zum Streit, seit Emily sich mit dem illegalen Flüchtling Laith angefreundet hat. Als Emily und Sarah spurlos verschwinden, fällt der Verdacht sofort auf Laith. Denn auch er ist nicht mehr auffindbar. Chiara und Sid machen sich auf die Suche nach den Vermissten. Ihre Spur führt sie nach Brighton, Stonehenge bis nach Cornwall.

Meinung

Diesmal gibt es keinen Auftrag, sondern nur die Frage; was bedeutet Freiheit? Für Chiara und Sid bedeutet es, selbst entscheiden zu dürfen, was sie tun. Der afghanischen Flüchtling Laith, der illegal in England eingereist ist, weil ihm und seiner Familie in Deutschland die Abschiebung droht, riskiert eine ganze Menge für seine Freiheit.

Die Kapitel werden begleitet von Nachrichtenmeldungen, kurzen Eintragungen aus Emilys Tagebuch oder Laith Gedanken. Jedoch erfahren wir als Leser nie mehr als nötig. Das hält die Spannung bis zum Ende aufrecht. Die Geschichte nimmt sich einem immer noch sehr aktuellen Thema an, nämlich wie wir in Europa mit Flüchtlingen umgehen. Dabei beleuchtet der Roman unterschiedliche Seiten und zeigt, dass es nicht nur schwarz und weiß gibt, sondern ganz viele Schattierungen dazwischen.

Fazit

Der Schuss von Teil drei hat mich nachdenklich zurückgelassen. Die Erzählung greift einige Themen auf, unbequeme, die sich dennoch mühelos ineinander fügen. Was als Sommerurlaub beginnt endet zwar mit einem Hoffnungsschimmer, über dem jedoch ein großer Schatten liegt. Das Ende hat mich überrascht, letztendlich habe ich den Sinn dahinter verstanden.

Besonders hat mir die Herangehensweise an das Thema gefallen. Nie hebt sich da ein moralischer Zeigefinger. Der Ton bleibt, wie bei den anderen beiden Teilen, locker und unterhaltsam. Es hat Spass gemacht mit den zwei Hauptcharakteren durch England zu fahren und mit ihnen diese verschiedenen Menschen kennenzulernen. Ihre offene, fast vorurteilsfreie Art ist erfrischend und macht den Roman zu einem Lesevergnügen. Ich verstehe die Geschichte als ein Appell an die Toleranz und für das Miteinander, damit wir alle unsere persönliche Freiheit leben dürfen.

Ich bedanke mich herzlich bei der Autorin für da Rezensionsexemplar.

Oktoberfest 1900

Träume und Wagnis

Oktoberfest 1900 Tradition und Fortschritt, Bierbude gegen Bierburg.
Cover Oktoberfest 1900
Petra Grill

erschienen bei FISCHER Krüger Verlag 08/2020

Rezension

Kurzmeinung

Oktoberfest 1900 erzählt vom Wandel eines Volksfestes. Tradition und Fortschritt stehen sich gegenüber, beide gewillt über Leichen zu gehen. Ein spannender Blick hinter die Kulissen inkl. Macht, Intrigen und Liebe. Facettenreiche Charaktere machen den Roman zu einem Erlebnis.

Handlung

München, Oktoberfest 1900. Der Nürnberger Brauerei Besitzer Curt Prank kommt nach München, um das Oktoberfest zu revolutionieren. Er will eine Bierburg für 3.000 Personen errichten. Das stößt vor allem bei den ortsansässigen Brauereien auf Widerstand. Ein Zugezogener, der sich auf ihrem Volksfest breit macht, dass lassen sie sich nicht bieten. Doch Prank ist nicht aufzuhalten. Dafür sind ihm alle Mittel recht. Sogar die Hand seiner Tochter Clara, weiß er geschickt zu vergeben. Clara hat jedoch ihre eigenen Vorstellungen vom Leben.

Colina Kandl ist ein Mädchen vom Lande und arbeitet als Biermadl in einem Wirtshaus. Doch sie ist clever und will mehr. Durch eine kluge Schummelei landet sie als Gouvernante bei den Pranks. Ihre Hoffnung nun ein besseres Leben gefunden zu haben, endet jäh, als herauskommt, dass Clara unter ihrer Aufsicht schwanger geworden ist.

Colina bleibt nichts weiter übrig, als wieder auf dem Oktoberfest 1900 zu kellnern. Sie besitzt Mut und Verstand und lässt sich von Rückschlägen nicht unterkriegen. Während auf der Wies’n der Kampf zwischen Tradition und Fortschritt tobt, versucht Colina die Welt im Kleinen ein Stück besser zu machen, für sich, aber auch für Clara. Ob ihre Pläne tatsächlich aufgehen, muss sich erst zeigen.

Inhalt

Colina Kandl, auf der Flucht vor ihrem gewalttätigen Ehemann in München gestrandet, arbeitet als Biermadl im Wirtshaus Lochner. Bei der Arbeit muss sich einiges gefallen lassen, denn als Kellnerin bekommt sie keinen festen Lohn, sondern ist auf das Trinkgeld angewiesen. Wenn sie sich etwas dazuverdienen möchte, steht ihr im Hinterhof der Schuppen für ein Schäferstündchen mit einem Gast zur Verfügung.

Für Colina ist das keine dauerhafte Option. Clever wie sie ist, schummelt sie sich als Gouvernante in den Haushalt des gerade aus Nürnberg zugezogenen Brauereibesitzers Curt Prank. Sie soll der eigenwilligen, 19 jährigen Tochter Clara als Anstandsdame zur Seite stehen. Was allerdings gründlich schief geht, denn Clara wird schwanger.

Curt Prank will das Oktoberfest revolutionieren. Dafür benötigt er fünf Schanklizenzen, für die er im wahrsten Sinne des Wortes bereit ist über Leichen zu gehen. Besessen vom Bau seiner Bierburg räumt er alles und jeden aus dem Weg. Er will sogar seine Tochter gewinnbringend verheiraten. Clara hingegen hat sich in Roman Hoflinger verliebt, den Sohn eines Münchner Traditionsbrauers.

Als der alte Hoflinger unter mysteriösen Umständen ums Leben kommt, beschuldigt seine Witwe, Maria Hoflinger, Curt Prank als Mörder ihres Mannes. Auch wenn die Kriminalpolizei ihm nichts nachweisen kann, bleibt der Verdacht im Raum. Clara und Roman werden dadurch in eine Art Romeo und Julia Beziehung gedrängt. Beide sind starke Persönlichkeiten, die für ihre zukünftiges Glück kämpfen.

Colina hingegen ist wieder dort, wo sie angefangen hat. Auf der Wies’n in der Bierbude. Diesmal hat sie jedoch einen besseren Stand, weil der Wirt ein großes Werbeplakat mit ihrem Konterfei angefertigt hat, um gegen Pranks Bierburg zu bestehen. Leider lockt ihr Werbeplakat nicht nur Gäste, sondern auch ihren Mann an. Der bringt auch noch den gemeinsamen Sohn mit, den Colina der Obhut von guten Freunden überlassen hatte, um ihn vor dem gewaltbereiten Vater zu schützen. Colina muss ein für allemal einen Ausweg aus dieser Ehe finden, bevor ihr Mann ihr oder dem Jungen etwas antut.

Als Bindeglied aller Figuren agieren zwei Kriminalbeamte, die mit Abstand das Treiben rund um das Oktoberfest beobachten und ihre eigenen Ansichten zum Geschehen haben. Oftmals greifen sie rechtzeitig ein, dennoch können sie nicht jedes Unglück verhindern. Der Kampf der Münchner Traditionsbrauereien gegen den Fortschritt, die Intrigen und Seilschaften führen zu tragischen Ereignissen. Am Ende des Oktoberfestes sind die Weichen der Zukunft zwar neu gestellt, allerdings war der Preis dafür hoch.

Meinung

Der Roman Oktoberfest 1900 basiert auf dem gleichnamigen ARD Mehrteiler (Ausstrahlung am 15.09.2020 oder in der Mediathek). Es ist eine Zeitenwende, die auch vor einem traditionellem Volksfest nicht Halt macht. Im Prinzip stehen sich zwei Familien als Sinnbild für Fortschritt und Tradition gegenüber. Am Ende zerstört Hass und Machtwillen nicht nur alte Strukturen, sondern kostet auch Menschenleben.

Es ist kein seichter Roman, sondern einer, der es in sich hat. Vor allem lebt die Erzählung von den außergewöhnlichen, facettenreichen Figuren. Jeder Charakter erzählt seine eigene, vielschichtige Geschichte. Es gibt keine einfache Aufteilung in Gut und Böse. Jede Figur besitzt helle und dunkle Seiten. Bei welchen überwiegt die eine, bei welchen die andere Seite.

Ich bin geradezu eingetaucht in das München der Jahrhundertwende. Der sittsamen Doppelmoral der gutsituierten Gesellschaft steht die Schwabinger Bohème gegenüber. Der flüssige Schreibstil zieht den Leser in den Bann der Geschichte. Besonders gut hat mir die Wiedergabe der Münchner Mundart gefallen, was die Figuren noch authentischer und lebensechter macht. Es ist keine leichte Kost, denn es gibt einige brutale Szenen. Zimperlich sind die Protagonisten im Roman nicht. Das Leben ist ein Kampf und jeder Charakter kämpft seinen eigenen Kampf.

Herausheben möchte ich noch, dass im Roman einiges nur angedeutet, aber nicht konkretisiert wird. Es bleibt daher für die Fantasie des Leser genug Raum, um sich zu entfalten. Das habe ich als ganz wunderbar empfunden, denn so hatte ich die Möglichkeit meine Gedanken schweifen zu lassen.

Fazit

Alles in allem behandelt der Roman eine Zeit, über die bisher wenig geschrieben wurde. Sicher findet gerade beim Oktoberfest zu der Zeit ein Wandel statt – vom Volksfest zu der Geldmaschine, die es bis heute ist. In der Geschichte wird viel zerstört und gleichzeitig auch Gutes erreicht. Vielleicht muss manchmal etwas zerstört werden, um Neues darauf zu errichten. Es ist ein interessanter Einblick hinter die Kulissen. Roman und Mehrteiler ergänzen sich, erzählen aber mit unterschiedlichen Schwerpunkten. Der Roman hat mich begeistert, gefesselt und ich werde die Geschichte sicher noch einige Tage mit mir herum tragen. Lesenswert!

Ich bedanke mich herzlich bei dem Portal Lovelybooks und dem Verlag Fischer Krüger für das Rezensionsexemplar.