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Winterbienen

Norbert Scheuer

Der Roman macht die Zerstörung und die Angst des letzten Kriegsjahrs spürbar. Authentische, schnörkellose Erzählung!

Egidius Arimond lebt in der Eifel nahe der belgischen Grenze. Die Bienenzucht erbte er vom Vater. Im Krieg erweist sich als Glück für ihn. Denn seit die Nazis an der Macht sind, darf der ehemalige Gymnasiallehrer nicht mehr unterrichten. Egidius Arimond ist Epileptiker. Das er nur zwangssterilisiert wurde, ist fast ein Wunder. Bisher haben Medikamente schlimme Anfälle verhindert, doch seine Bestände gehen zur Neige und es ist fast unmöglich die speziellen Medikamente zu beschaffen.

Zudem verhilft er immer noch Juden zur Flucht über die belgische Grenze. Als Imker ist er im Besitz eines Passagierscheins, weil er zahlreiche Bienenstöcke an der Grenze zu versorgen hat. Getarnt durch die Bienen schmuggelt er die Flüchtlinge an den Grenzposten vorbei.

Egidius Arimond ist auch den Frauen nicht abgeneigt. Fast alle Männer im besten Alter sind im Krieg und Egidius sagt nicht nein, wenn eine Frau zu ihm kommt. Als er ein Auge auf die Frau des neuen NS-Kreisleiters wirft, riskiert er viel, vielleicht zu viel.


Anhand des Tagebuchs erzählt der Roman vom ewigen Zyklus der Bienen und vom näher kommenden Krieg. Die Einträge machen deutlich, wie die Angst der Bevölkerung zunimmt. Die Bombenangriffe, welche zuerst nur die großen Städte betreffen, dann mit aller Wucht auch das Eifelstädtchen erreichen. Die Bedrängnis der Hauptfigur wird ebenfalls intensiv geschildert. Als die Medikamente weniger werden, häufen sich die epileptischen Anfälle und damit wächst die Gefahr dem Euthanasie Programm zum Opfer zu fallen. Ebenso wird die Angst größer, als Fluchthelfer verraten zu werden.


Fast emotionslos ist im Tagebuch die Rede von Erschießungen, von an Bäumen baumelnden Deserteuren, vergewaltigten Frauen und Bombenkratern. Über allen schwebt spürbar die Angst vor Zerstörung. Da verwundert es nicht, dass jede Möglichkeit auf ein bisschen Leben genutzt wird.


Der Roman handelt von den Kriegsauswirkungen und von den Bienen, die immer alles dafür tun, ihr Volk am Leben zu halten.

Links zum Buch und zur Longlist des deutschen Buchpreises:

https://www.deutschlandfunkkultur.de/norbert-scheuer-winterbienen-ueber-der-eifel-kreisen-bienen.1270.de.html?dram:article_id=454272

https://www.deutscher-buchpreis.de/nominiert/

Vater Unser

Angela Lehner

Eine selbstbewusste, manipulierende Hauptfigur mit Familiensinn. Was ist Wahrheit, was Lüge? Großartiges Debüt

Eva Gruber wird in eine Wiener Psychiatrie eingeliefert , weil sie behauptet eine Kindergartengruppe getötet zu haben. Scheinbar passt sich Eva dem Klinikalltag an. In den Einzelstunden tritt sie ihrem Therapeuten Dr. Korb selbstbewusst und schlagfertig gegenüber. Auch Evas jüngerer Bruder Bernhard ist Patient in dieser Klinik. Der 22jährige leidet an akuter Magersucht. Als große Schwester fühlt sich Eva für ihren Bruder verantwortlich. Doch er will sie nicht in seiner Nähe haben.

Eva lügt immer! Dieser Meinung waren ihre Mitschüler im Kärntner Dorf, in dem Eva aufwuchs. Was ist Lüge, was ist Wahrheit und welche Rolle spielt dabei die individuelle Perspektive? In Evas Lügen findet sich viel Wahres, dennoch ist ihr Wesen durch und durch manipulativ.

Im Gefüge der Familie muss sie sich behaupten. Ist die Rolle, die sie schon als Kind übernahm, der Grund für ihr Verhalten? Wir, die Leser, lernen die Familie Gruber aus Evas Sicht kennen. Kurze Abschnitte unterbrechen die Gegenwart und erzählen aus dem vergangenen Alltag der Familie Gruber. Woher kommt der gegenwärtige Hass auf den Vater? Welche Erinnerung Evas ist echt, welche resultiert aus einem Schutzmechanismus heraus? Was ist mit der Familie geschehen, dass es beide Kinder bis jetzt verfolgt?

Als Leser weiß man nie genau, woran man bei dieser Eva Gruber ist. Sie ist über alle Fehler erhaben, arrogant und trotzdem entwickelt man großes Mitgefühl und Respekt für die junge Frau.

Die Sprache im Buch ist deutlich und oftmals mit österreichischen Ausdrücken angereichert. Jedoch täuscht sie nicht über die Dramatik dieses Romans hinweg. Es ist ein unbequemer Roman, mit einer sehr starken Hauptfigur. Was für ein Debüt!

Longlist des Deutschen Buchpreises 2019:

https://lesepartie.de/miroloi/

https://www.deutscher-buchpreis.de/nominiert/

Link zum Buch: https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/vater-unser/978-3-446-26259-1/

Miroloi

Karen Köhler

Ein aufwühlender Roman. Ein eindrucksvolles Plädoyer für Menschlichkeit, Gerechtigkeit und für ein selbstbestimmtes Leben.

Eine Insel im Meer. Entfernt vom fortschrittlichen Festland. Das Dorf auf der Insel unterliegt seinen eigenen Gesetzen, bestimmt durch den Ältestenrat.
Ein junges Mädchen wohnt in diesem Dorf fernab der Welt. Sie ist ein Findelkind und kennt weder Mutter noch Vater. Es ist bei ihrem Finder, dem Bethausvater aufgewachsen. Sie darf keinen Namen bekommen. Auch Besitz ist ihr untersagt. Das Mädchen ist aufgrund ihrer unbekannten Herkunft im Dorf nicht anerkannt. Sie wird beschimpft und gedemütigt, aber sie ist stark und sie kämpft. Sie hat nur wenige Vertraute, die zu ihr stehen.


Den Frauen der Insel ist es verboten lesen und schreiben zu lernen. Männer dominieren das Dorf. Niemand darf die Dorfgemeinschaft verlassen. Dafür sorgen die Wächter. Wer versucht das Dorf und die Insel zu verlassen, wird hart bestraft. Das Mädchen hat es am eigenen Leib erfahren. So ist das Leben im Dorf auf der Insel seit ewigen Zeiten. Die Sehnsucht nach Freiheit und einem selbstbestimmten Leben treibt das Mädchen an. Doch was geschieht, wenn gerade die gehasste Außenseiterin beginnt, an diesen festgeschriebenen Gesetzen zu rütteln?

Karen Köhler hat mit ihrem Debütroman einen bewegenden und sehr aufwühlenden Roman erschaffen. Zuerst findet man dieses rückständige Dorf seltsam und aus der Zeit gefallen. Nach und nach kommt es einem in den Sinn, dass es auf dieser vermeintlich freien und aufgeklärten Welt wahrscheinlich noch sehr viele dieser „Dörfer“ gibt. Unterdrückung ist dort an der Tagesordnung. Als Legitimation dient wie so oft der Wille der Götter, der natürlich von Männern niedergeschrieben wird. Eine Weltordnung wie im Mittelalter, aktueller denn je.

Ein Waisenmädchen ohne Rechte, welches tagtäglich viel schlimmes erfährt, ist die starke Hauptfigur dieses Romans. Es ist bewundernswert, wie sie versucht im Kleinen ihre persönliche Freiheit zu leben. Manchmal musste ich mit dem Lesen aufhören, weil ich wütend wurde, weil ich nicht weiter lesen wollte, weil die Menschen im Dorf so ungerecht und hartherzig waren. Trotz dieser erschreckenden Dorfdiktatur, bewahrt sich die Geschichte immer den Funken Hoffnung.
Es ist ein Roman, der in einem außergewöhnlichen, zu Herzen gehenden Schreibstil verfasst ist. Dieser Debütroman steht zu Recht auf der Longlist des Deutschen Buchpreises.

Links zum Roman:

https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/miroloi/978-3-446-26171-6/

https://www.deutschlandfunk.de/karen-koehler-miroloi-klagelied-fuer-die-literatur.700.de.html?dram:article_id=456679

Die Physikerin

Moritz Hirche

Spannendes Thema. Allerdings viel zu langatmig, um die Spannung bis zum Ende halten zu können. Schade!

Dr. Helena Bartsch ist Physikerin am Kaiser Wilhelm Institut und forscht in Sachen Uran. Aufgrund dieser Forschung gerät sie in den Fokus des nationalsozialistischen Regimes. Im Sommer 1944 steht das Deutsche Reich unter Druck. Eine Uranbombe könnte den Krieg entscheiden.Auch die Amerikaner tüfteln an einer ähnlichen Bombe und sie sind nah am Ziel.

Helena Bartsch erkennt schnell, dass sie sich dem Regime nicht entziehen kann ohne ihr eigenes Todesurteil zu unterschreiben. Doch nicht nur die Nazis bekunden Interesse an ihr, sondern auch eine Widerstandsgruppe. Die Gruppe verlangt von ihr Informationen über das geheime Projekt. Unvermittelt gerät die junge Wissenschaftlerin zwischen die Fronten. Eine Situation, in der die Physikerin über sich hinaus wachsen muss, um zu überleben.

Die nuklearen Tests sind vom britischen Geheimdienst MI 6 nicht unbemerkt geblieben. Um mehr herauszufinden starten der MI 6 zusammen mit dem amerikanische Geheimdienst eine Aufklärungsoperation. Frederik Mercer, amerikanischer Spion, wird nach Deutschland geschleust. Als der Spion herausfindet, weshalb gerade er für diese Mission ausgewählt wurde, erkennt er seine Rolle als unbedeutende Figur in einem großen Spiel. Dennoch setzt er alles auf eine Karte, dass schlimmste zu verhindern.

Ein spannendes Thema für einen Agententhriller. Die erste Romanhälfte ist unterhaltsam und fesselnd geschrieben. Leider verliert sich die Geschichte dann in allzu detailreichen Beschreibungen. Die Entwicklung der Hauptfigur Helena Bartsch ist sehr oberflächlich ausgefallen. Als Leser fiel es mir manchmal schwer ihrer Taten nachzuvollziehen. Manche Handlungsstränge verwirren mehr, als dass sie der Erzählung gut tun. Bei einigen Ereignissen ist mir der Sinn nicht deutlich geworden.

Dem Roman hätten mindestens 100 Seiten weniger gut getan. Insbesondere das Ende zieht sich wie Kaugummi. Das letzte Kapitel ist meiner Meinung völlig unnötig und überzogen. Für den Roman hat es keinerlei Bedeutung. Alles in allem handelt der Roman über ein spannendes Thema. Eine Spannung, die der Roman leider nicht bis zum Ende beibehalten kann.

Ein Sommer wie dieser

Annette Hohberg

Fantasieloser Roman, der alle Klischees bereithält

Klara und Stephan sind jung und naiv, als sie sich an der italienischen Adriaküste begegnen. Es entwickelt sich eine romantische Sommerliebe, die durch Verkettung unvorhergesehener Umstände ein jähes Ende nimmt.
Über 20 Jahre später ist es so einer dieser Zufälle, der sie wieder zusammenführt. Der Literaturprofessor, bei dem Klaras Tochter ihre Abschlussarbeit schreiben möchte, ist ausgerechnet Stephan. Klara ist verheiratet, wohnt in einem schönen Haus und betreibt einen Buchladen.
Obwohl beide sich in ihrem Leben eingerichtet haben, können sie nicht umhin sich einzugestehen, dass sie auch noch nach all den Jahren eine tiefe Verbindung zueinander haben. Doch reicht dieses Gefühl aus, um ein Leben über den Haufen zu werfen, um ein anderes, ungewisses zu beginnen?

Der Titel des Buches versprach mir einen leichten Sommerroman. Leider wurde mir schon nach den ersten Seiten bewusst, dass der Roman mehr leicht als sommerlich werden würde. Die Geschichte greift wirklich auf jedes erdenkliche Klischee zurück, dass man bei so einer Konstellation erwarten kann. Es gab weder Überraschung noch machte sich die Autorin die Mühe die Erzählstränge wenigsten ein bisschen undurchsichtiger zu gestalten. Nach den ersten 20 Seiten wusste ich wie es ausgeht. Ebenso verhält es sich mit den Charakteren, belanglos, langweilig und ohne jegliche Tiefe.
Es ist ein ganz leichter Sommerroman, an den man keinerlei Erwartungen haben sollte.

Das unerhörte Leben des Alex Woods

…oder warum das Universum keinen Plan hat

Gavin Extence

Eine tiefgründige Erzählung, die sich mit einer guten Portion Humor an ein schwieriges Thema wagt.

Der zehnjährige Alex Woods wird von einem Meteoriten getroffen. Nach zweiwöchigem Koma und einer langwierigen Behandlung ist Alex wieder ein gesunder Junge. Seine epileptischen Anfälle bekommt er durch disziplinierte Meditation in den Griff. Doch Alex bleibt ein Außenseiter. Unter den Gleichaltrigen macht es ihn nicht sonderlich beliebt, dass seine Mutter einen Esoterikladen betreibt und Alex sich vorwiegend für Astrophysik und Neurologie interessiert. Durch Zufall lernt Alex Mr. Peterson kennen. Zwischen dem jugendlichen Außenseiter und dem alten, übellaunigen Mann entsteht eine echte Freundschaft. Mr. Peterson bringt Alex das Auto fahren ebenso bei wie den Anbau von Cannabispflanzen. Einige Jahre später ist es Mr. Peterson, welcher auf einen außergewöhnlichen Freundschaftsdienst von Alex angewiesen ist.

Als Alex mit einer Urne und jeder Menge Marihuana in Dover aufgegriffen wird, muss der 17jährige nicht nur der Polizei einiges erklären. Doch nichts kann Alex in der Gewissheit, absolut richtig gehandelt zu haben, erschüttern.

Zu Beginn erscheint die Handlung des Romans leicht abstrus. Ein Meteorit, der in ein Haus einschlägt und einen zehnjährigen trifft. Jedoch findet man als Leser – jedenfalls ging es mir so – schnell Zugang zu dem aufgeweckten, wissbegierigen Jungen. Vor allem steht er im kompletten Gegensatz zu seiner esoterischen Mutter. Dieser Umstand führt häufig zu herrlich komischen Situationen.

Die Entstehung und Vertiefung der Freundschaft zu Mr. Peterson ist dem Autor ganz wunderbar gelungen. Ohne diese Einleitung wäre die Entwicklung zum Kernpunkt der Geschichte nicht annähernd so wahrhaftig und nachvollziehbar.

Der Roman greift ein schwieriges und sehr kontrovers diskutiertes Thema mit einer Leichtigkeit auf, dass man sich als Leser auf jeder Seite gut aufgehoben fühlt. Es ist wirklich ein unerhört gutes und zu Herzen gehendes Buch mit einer passenden Portion Humor.

Stimmen zum Buch:

https://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article126943059/Oh-Herr-schick-Handlung-vom-Himmel.html

https://www.buecherrezensionen.org/buecher/rezension/gavin-extence-das-unerhoerte-leben-des-alex-woods-oder-warum-das-universum-keinen-plan-hat.htm

Sophia, der Tod und ich

Thees Uhlmann

Eine originelle Erzählung über die Begegnung mit dem Tod, die mit einer guten Portion Situationskomik großartig unterhält.

Es klingelt an der Tür und der Tod steht davor. Gerade als der Tod seine Arbeit machen will, klingelt es erneut und zwar Sturm. Sophia steht vor der Tür. Ex Freundin des Erzählers. Damit rettet Sophia ihm für’s Erste das Leben. Nun nimmt die Geschichte ihren Lauf, denn die drei sind auf unbestimmte Zeit unzertrennbar miteinander vereint. Noch schlimmer ist, dass der Tod aufgrund seiner unterbrochenen Arbeit seinen Job verlieren könnte. Es steht schon ein neuen Anwärter für die Stelle bereit.

Der Debütroman von dem Musiker Thees Uhlmann ist ein wundersames Buch, voll mit dem ganz normalen Leben, einer Menge Situationskomik und nachdenklichen Momenten. Es ist ganz herrlich schräg, jedoch auch so wahr. Es passiert uns allen jeden Tag, das Leben, und man weiß nie, wann der Tod vor der Tür steht und klingelt.

Die Seiten flogen nur so dahin, ich habe mich so richtig vom Lesefluss tragen lassen. Während des Lesens musste ich viel lachen, wirklich lachen. Der Roman hat einen großen Unterhaltungswert, allerdings enthält er einen nachdenklichen Kern.

Links zum Buch:

Literaturkritik: https://literaturkritik.de/id/21780

KiWi Verlag: https://www.kiwi-verlag.de/buch/sophia-der-tod-und-ich/978-3-462-04793-6/

Vintage

Grégoire Hervier

Eine spannende und kurzweilige Exkursion durch knapp 100 Jahre Blues- und Rockgeschichte. Ein Roman wie eine gutes Musikstück, man hört es rauf und runter, nonstop.

Thomas träumt vom Durchbruch als Gitarrist. Bisher verdient er sein Geld als Musikjournalist. Nebenbei hilft in einem angesehenen Pariser Gitarrengeschäft aus. Dort repariert er zum Teil sehr seltene und wertvolle Gitarren. Eine dieser Gitarren transportiert er persönlich nach Schottland. Der Käufer entpuppt sich als ein Sammler berühmter Gitarren. Er bietet Thomas eine Million, wenn Thomas es schafft ihm einen eindeutigen Beweis für die Existenz der legendärsten Gitarre, der „Moderne“ der Marke Gibson von 1957, zu liefern.

Thomas beginnt sofort mit der Recherche. Die Suche nach der „Modernen“ führt ihn von Frankreich nach Australien und durch den Großteil der USA. Immer auf den Spuren der größten Blues- und Rockmusiker der letzten 100 Jahre. Auf seinem Roadtrip begegnet er Menschen, die auf verschiedenste Weise Musik zu ihrem Lebensthema gemacht haben. Manche Begegnungen sind aufschlussreich, andere wiederum entwickeln sich zu unberechenbaren, sogar zu gefährlichen Treffen. Es wäre allerdings nicht die weltweit legendärste Gitarre, wenn es einen einfachen Weg zu ihr gäbe.

Hervier komponiert einen sehr spannenden Roman rund um eine Gitarre, von der man nicht genau weiß, ob sie je hergestellt wurde. Jedenfalls war sie ihrer Zeit angeblich weit voraus. Die Erzählung steckt voller Musikgeschichte und nimmt den Leser mit in die großen Jahre des Blues und des Rock’n’Rolls. Es ist eine wahre Freude dem Protagonisten auf seiner Suche zu begleiten. Auch wenn man kein absoluter Kenner der Musikszene ist, bietet das Buch viele interessante und faszinierende Einblicke. Ich habe mitgefiebert, mitgelitten und mich über jeden neuen Anhaltspunkt mitgefreut. Der Roman ist keiner zum Tanzen, sondern eher ein Stück zum genauen Hinhören und trotzdem ein großer Spaß!

Links zum Buch:

Diogenes Verlag: https://www.diogenes.ch/leser/titel/gregoire-hervier/vintage-9783257608120.html

weitere Rezensionen: https://www.lovelybooks.de/autor/Gr%C3%A9goire-Hervier/Vintage-1456437273-w/

Im Freibad

Libby Page
Im Freibad

Zwei Frauen, zwei Generationen, eine Freundschaft, ein Ziel; das Freibad retten. Um sich freizuschwimmen, braucht es manchmal den Mut für einen kleinen Schritt. Die perfekte Lektüre fürs Freibad!

Seit drei Jahren wohnt Kate nun in einer WG im Londoner Stadtteil Brixton. Als junge Journalistin arbeitet sie bei der lokalen Zeitung und verfasst meist kurze, unbedeutende Artikel für die letzte Seite.

Als die Stadtverwaltung ankündigt, aufgrund der schlechten, finanziellen Lage das Freibad zu schließen und das Grundstück an eine Immobilienfirma zu verkaufen, bekommt Kate die langersehnte Chance auf einen großen Artikel. Gleich zu Beginn ihrer Recherchen trifft sie auf Rosemary. Rosemary ist mit dem Freibad verwachsen, denn sie schwimmt seit der Eröffnung 1937 fast täglich in diesem Freibad. Dort schwamm sie während des Krieges, dort verbrachte sie viel Zeit mit ihrem Mann George, dort ist Rosemary zu Hause.

Zwischen diesen unterschiedlichen Frauen, die das Freibad zusammengebracht hat, entsteht eine wahre Freundschaft. Für Kate ist es die Rettung aus ihrer Einsamkeit, welche sie seit ihrer Ankunft in London umgibt. Beide kämpfen für den Erhalt des Freibades und sie bekommen Unterstützung von Freunden und Schwimmern. Wird es reichen, um die kommunale Verwaltung umzustimmen oder ist es ein Kampf gegen Windmühlen?

Libby Page beschreibt etwas, von dem jeder schon einmal mehr oder weniger betroffen war. Der Lieblingsladen, der schließt, das Schwimmbad, das sich nicht mehr trägt, das Kulturzentrum, für das kein Geld mehr übrig ist, die Liste ist endlos. Jede Stadt und jedes Dorf unterliegt dem Wandel.

Diesen Umstand greift die Autorin auf und entwickelt drum herum eine Geschichte zweier, sympathischer Frauen aus unterschiedlichen Generationen, die sich nicht nur wegen des Bades miteinander verbunden fühlen. Ihre Freundschaft macht sie stark, um zusammen gegen die Schließung des Freibades vorzugehen.

Rosemary verbinden ihre Erinnerungen mit dem Freibad, für Kate ist es die Chance ihrem Leben eine Wendung zu geben, sich freizuschwimmen. Die Geschichte bewegt, denn sie erzählt vom Wandel und von den Dingen, die es wert sind, an ihnen festzuhalten. Ein unterhaltsamer Roman für die sonnigen Tage im Freibad, das man nach der Lektüre vielleicht mit anderen Augen sieht.

Mittagsstunde

Dörte Hansen
Cover Mittagsstunde
Mittagsstunde

Ein starker Roman über den Lauf der Dinge, der auch vor dem Landleben nicht Halt macht.

In der Mittagsstunde liegt Stille über dem friesische Dorf Brinkebüll. Das war immer so, aber es bleibt nicht immer so. Ingwer Feddersen kommt für ein Jahr zurück in das Dorf, in dem er aufgewachsen ist. Das Dorf hat sich verändert. In der Bäckerei der Boysens backt schon längst niemand mehr Schwarz- oder Graubrot, Dora Koopmann verkauft seit Jahrzehnten weder Süßigkeiten noch Jagdwurst und auch die Gaststätte Feddersen hat ihre besten Zeiten hinter sich. Obwohl Sönke Feddersen mit über 90 Jahren weiterhin die Stellung hinter seiner Theke hält.

Ingwer hat das Dorf und die Gastwirtschaft verlassen, als er zum Studium nach Kiel zog. Dort lebt seit über 20 Jahren in der gleichen WG. Nun ist er zurück, um sich um seine Großeltern zu kümmern. Für ihn sind es seine Eltern. Sein Vater kennt niemand und seine Mutter hat Ingwer zeitlebens als Schwester wahrgenommen. Marrett, meist der Welt entrückt, wundersam gekleidet, predigte ständig den Untergang und sang leidenschaftlich die Schlager der 1960iger Jahre. Bis heute verfolgt Ingwer das schlechte Gewissen, weil er gegangen ist und sich gegen ein Leben als Gastwirt entschieden hat.

So kommt Ingwer in das Dorf seiner Kindheit, in dem nichts mehr so ist ,wie damals war, nicht einmal die Stille der Mittagsstunde. Dieses Jahr wird für Ingwer eine Rückbesinnung auf die wesentliche Dinge, in dem er sein eigenes Leben neu sortiert.

Dörte Hansen Debütroman „Altes Land“ hat mich schon begeistert. Nun nimmt sie den Leser mit in eine Zeit, die fast ausgestorben ist und dennoch immer noch spürbar. Die pointiert eingestreuten, plattdeutschen Sätze, geben den Roman eine ehrliche und humorvolle Note. Ich habe mich in Brinkebüll ausgesprochen wohl gefühlt. Außerdem erinnerte ich vieles aus meiner eigenen ländlichen Kindheit, die ich zwar nicht in Friesland verbrachte und auch ca. 20 Jahre später, doch ich gab es damals den Dorfladen, die Fleischerei und die nicht betonierten Bauernhöfe. Alles längst nicht mehr da.

Die sorgsame Entwicklung der Charaktere ist der Autorin ganz fabelhaft gelungen. Die Geschichte wechselt zwischen dem Jetzt und dem Damals ohne das man als Leser den faden verliert. Man wird eingemeindet als ein Teil dieser Dorfgemeinschaft. Mir hat das Lesen sehr viel Freude bereitet und nach dem letzten Satz kam Wehmut auf. Ich wäre gerne noch geblieben. Oder es mit Heidi Brühl zu sagen: „Wir wollen niemals auseinandergehen…“