Barbara stirbt nicht

Der Roman "Barbara stirbt nicht" erzählt von Herrn Schmidt, dessen Leben sich von grundauf ändert, als seine Frau Barbara erkrankt.
Alina Bronsky

erschienen im Kiepenheuer & Witsch Köln, 2021

Rezension

Kurzmeinung

Pointierte Bestandsaufnahme einer Ehe voller Witz und Tragik, die einen unfreiwilligen Wandel eingefahrener Gewohnheiten erlebt.

Inhalt

Als Herr Schmidt eines Morgens aufwacht, ist es still im Haus. Wo ist seine Frau Barbara?Er findet sie im Bad auf dem Boden liegend und bringt sie zurück ins Bett. Barbara ist krank. Eine ungewohnte Situation, denn Herr Schmidt kann nicht einmal Kaffee kochen. In ihrer konventionellen Ehe gehören Küche und Haushalt zu Barbaras Aufgaben. Nun liegt Barbara im Bett und braucht seine Hilfe.

Mit viel Einfallsreichtum und einigen unverhofften Helfern lernt Herr Schmidt nicht nur wie man genießbaren Kaffee zubereitet, sondern auch wie man kocht und backt. Die fest eingefahrenen Gewohnheiten seiner Ehe brechen auf und die jahrzehntelang gepflegte Routine findet ein unfreiwilliges Ende. Die erwachsenen Kinder Karin und Sebastian verfolgen Herrn Schmidts Wandlung mit Verwunderung, aber auch mit Argwohn. Der herrische Vater, der sonst auf seinen Prinzipien behaart, stellt sich neuen Herausforderungen. Ahnt Herr Schmidt, dass ihm keine andere Wahl bleibt?

Handlung

Herr Schmidt ist ein alter Herr, der seit über fünfzig Jahren mit seiner Frau Barbara verheiratet ist. Sie führen eine Ehe mit klarer Rollenverteilung; Barbara kümmert sich um den Haushalt und früher um die Kinder, er ging arbeiten. Schlagartig ändert sich das Leben der Schmidts, als Barbara krank wird und kaum noch das Bett verlässt.

Herr Schmidt kennt sich weder in der Küche noch im restlichen Haushalt aus. Doch er ist erfinderisch. So lernt er nach und nach erst Kaffee zu kochen, dann Essen zuzubereiten. Essen ist seiner Meinung nach wichtig, damit Barbara schnellstmöglich wieder auf die Beine kommt. Er versucht ihr jeden Wunsch zu erfüllen. Dazu bekommt er Hilfe aus den sozialen Medien. Auf der Facebook Seite eines Fernsehkochs erhält Herr Schmidt allerlei Tipps und knüpft neue Freundschaften.

Für Herrn Schmidt ist das alles absolutes Neuland. Bis auf die Donnerstage, an denen er sich mit einer handvoll Freunden zum Kegel trifft, hat Herr Schmidt, im Gegensatz zu seiner Frau, kaum soziale Kontakte. Auch das Verhältnis zu seinen zwei Kindern, Karin und Sebastian, ist schwierig. Zu herrisch, zu sehr auf seine veralteten Werte pochend und unnahbar, scheint der Graben zwischen ihm und seinen Kindern fast unüberwindbar. Selbst zu seinem Enkel hat Herr Schmidt keinen Bezug.

Die Monate vergehen und Barbaras Zustand bleibt unverändert. Herr Schmidt findet sich in seinem neuen Leben immer besser zurecht und findet Menschen, die ihm helfen und ihn so nehmen, wie er ist, ohne sich von seiner schroffen Art abschrecken zu lassen. Durch die regelmäßigen Besuche von Karin und Sebastian, die in erster Linie ihrer Mutter gelten, verändert sich auch das Verhältnis zum Vater. Mit Erstaunen, aber auch skeptisch nehmen die Zwei den Wandel ihres Vaters wahr. Unfreiwillig ist Herr Schmidt gezwungen sein geordnetes Leben zu ändern und mit der Zeit erkennt er, dass in ihm ungeahnte Talente schlummern.

Meinung

„Barbara stirbt nicht“ beschreibt Herrn Schmidts Credo. Er kocht, er backt, weil er überzeugt ist, dass, wenn seine Frau nur ordentlich isst, sie wieder auf die Beine kommt. Das Barbaras gesundheitliche Situation eine andere ist, wird nie offen ausgesprochen, dennoch ahnt man schnell, wie es wirklich um sie steht.

Herr Schmidt ist auf den ersten Blick kein liebenswerter Charakter. Er ist schroff, rassistisch und fest verankert in seinen alten Werten. Doch zwischen den Zeilen blitzt immer wieder seine Unsicherheit hervor. Ich schätze ihn auf Mitte siebzig. Nach dem Krieg musste er mit seiner Mutter, von seinem Vater ist nie die Rede, nach Westdeutschland fliehen. Der Makel des Flüchtlings, des Zugezogenen hat sich tief in ihm festgesetzt und ist für mich der Grund, weshalb er kaum soziale Kontakte hat. Er fühlt sich nicht dazugehörig, auch wenn er fast sein ganzes Leben schon in dieser Kleinstadt verbracht hat.

Seine Weigerung die lesbische Beziehung seiner Tochter anzuerkennen oder den fremd klingenden Namen seiner Schwiegertochter auszusprechen, lässt ihn unsympathisch wirken. Hinzu kommt noch der deutsche Schäferhund namens Helmut. Alle Klischees erfüllt, aber so einfach ist es nicht. Im Verlauf des Romans verändert sich Herr Schmidt, er reflektiert sein Leben an der Seite seiner Frau, die er eigentlich gar nicht hatte heiraten wollen oder war es seine Mutter, die Barbara für die falsche Frau hielt? Im Verlauf der Erzählung kommen einige Lebenslügen ans Licht, ohne das sie tatsächlich offengelegt werden.

Herr Schmidt ist immer für eine Überraschung gut. Ja, er ist ein herrischer alter Herr, der sehr verletzend sein kann, vor allem seinen Kindern gegenüber, doch dann scheint wieder eine andere Seite von ihm durch. Auf liebevolle Art kümmert er sich um Barbara. Er versucht ihre Essenswünsche zu erfüllen, er hält den Laden am Laufen, übernimmt ihre ehrenamtlichen Tätigkeiten und er stellt sich der größten Lüge ihrer Ehe und versucht sein Verhalten von damals zu korrigieren.

In Herrn Schmidts Leben treten die unterschiedlichsten Personen und auch hier zeigt sich, dass er gar nicht so verbohrt ist, wie er tut. Das er geradeheraus sagt, was er denkt, führt zu einer Fülle von Szenen mit Situationskomik. Ich habe während der Lektüre sehr viel gelacht, weil ich mich an Menschen erinnert fühlte, die Herrn Schmidt ähneln. Dadurch hatte ich ein ziemlich genaues Bild von ihm im Kopf. Alina Bronsky ist es gelungen diesen vermeintlich unsympathischen Zeitgenossen auf humorvolle Weise zu entlarven. Sie zeigt seine verletzlichen und guten Seiten, die sich hinter dieser teilweise unerträglichen Art verbergen.

Dieser Roman ist unglaublich witzig und zugleich zeigt er auch die tragischen Seiten des Lebens. Die hervorragende Beobachtungsgabe der Autorin wird mit diesem Buch wieder mehr als deutlich. Um die persönliche Geschichte der einzelnen Charaktere zu erzählen braucht sie nicht viele Worte. Alina Bronskys Schreibstil ist unverwechselbar auf den Punkt.

Mein einziger Kritikpunkt betrifft das Ende, das kam mir zu abrupt. Ich war von der Handlung und der letzten Figur doch sehr überrascht. Ich hätte mir frühere Hinweise gewünscht, um nicht so überrumpelt zu werden. Mittlerweile habe ich mich damit versöhnt, weil ich glaube, Herr Schmidt will reinen Tisch machen, für sich, aber auch für seine Frau. Sein unfreiwilliger Neustart soll frei von dem Ballast der Vergangenheit sein.

Fazit

„Barbara stirbt nicht“ hat mich oft zum Lachen gebracht, mich gut unterhalten, aber auch zum Nachdenken angeregt.

Ich bedanke mich bei dem Kiepenheuer & Witsch Verlag für das Rezensionsexemplar!

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