Alte Sorten

Alte Sorten ist eine Erzählung über eine Freundschaft zweier ungleicher Frauen
Ewald Arenz

erschienen im DUMONT Verlag, 2021

Rezension

Kurzmeinung

„Alte Sorten“ erzählt von der Entstehung einer Freundschaft zwischen zwei ungleichen Frauen, deren Kraft ihr Leben verändert. Eine sensible, lebenskluge Erzählung.

Inhalt

Sally ist siebzehn Jahre alt und wütend. Wütend auf die Welt, auf ihre Eltern, Lehrer und vor allem auf alle Sozialpädagogen, die sie therapieren wollen. Kurzentschlossen flieht sie aus einer Klinik, in der sie in den letzten Jahren viel Zeit verbrachte, ohne zu wissen wohin. Irgendwo auf einer Landstraße, die sich durch Weinberge schlängelt, trifft sie auf Liss. Liss‘ Anhänger hat sich festgefahren und nun braucht sie Hilfe, um ihn wieder an den Traktor zu koppeln. Sally hilft ihr und Liss bietet daraufhin an, sie ein Stück mitzunehmen.

Eine folgenreiche Begegnung, denn es werden mehrere Wochen, in denen Sally bei Liss wohnt und ihr hin und wieder bei der Landarbeit hilft. Liss stellt keine Fragen, nimmt gelegentliche Wutausbrüche ihrer Gästin hin und lässt Sally ihren Freiraum. Sally bemerkt, dass Liss von den anderen Dorfbewohnern geschnitten wird, nur die alte Anni redet mit ihr. Die beiden Einzelgängerinnen spüren schnell eine tiefe Verbundenheit. Sowohl für Sally als auch für Liss ist ihre entstehende Freundschaft ein lebensverändernder Einschnitt.

Handlung

Liss bewirtschaftet ihren Hof alleine, auch sonst ist sie eine Einzelgängerin. Von den meisten Dorfbewohnern unbeachtet, hält sie nur Kontakt zur alten Anni und ihrem direkten Nachbarn, mit dem sie sich manchmal Auto und Traktor teilt. Eigentlich wollte sie nie auf dem Hof ihrer Eltern bleiben, Liss wollte durch die Welt reisen und frei sein. Als junge Frau war sie ihrem Traum sehr nahe. Zusammen mit ihrer großen Liebe Sonny fuhr sie durch Spanien und lebte in Südfrankreich. Doch ihr Traum zerplatze.

Wie in jedem Herbst gibt es viel zu tun, die Kartoffelernte, das reife Obst von den Bäumen pflücken und die Weinlese. Eines Tages, Liss ist in den Weinbergen, gerät ihr Anhänger aus der Spur und sie kann ihn alleine nicht wieder an ihren Traktor koppeln. Da kommt das junge, dünne Mädchen gerade recht. Liss spricht sie an, sie hilft ihr und als Dank bietet Liss ihr an, sie ein Stück mitzunehmen. Schnell ist klar, dass das junge Mädchen kein Ziel hat. Liss bietet ihr ein Zimmer auf dem Hof an.

Das Mädchen heißt Sally. Und Sally bleibt diese Nacht und danach noch eine und schon werden aus Tagen Wochen. Liss spürt, dass Sally auf der Flucht ist und wütend auf alles und jeden. Sie lässt ihr den Freiraum, den sie braucht und nimmt Sallys gelegentliche Wutausbrüche unkommentiert hin. Zu sehr erinnert sie das wütende Mädchen, das so leicht aus der Haut fährt, an sie selbst.

Liss zeigt Sally, wie man Milben aus dem Bienenstock bekommt, wie Kartoffeln geerntet werden und wie viele verschiedene Birnensorten es gibt. Sally fühlt sich zunehmend wohl auf dem Hof und vor allem in Liss‘ Gesellschaft, denn Liss lässt sie gewähren, zwingt ihr nichts auf und stellt keine Fragen. Doch eines Tages erscheinen Sallys Eltern auf dem Hof, um ihre Tochter zu holen, die aus einer Klinik abgehauen ist.

Als Liss zur Befragung mit auf die Polizeiwache kommen muss, kommt ihr dunkles Geheimnis ans Licht. Sally kann nicht begreifen, dass die Liss, zu der sie mittlerweile eine tiefe Freundschaft verspürt, so etwas getan haben soll. Es ist die Kraft der Freundschaft, die es beiden Frauen ermöglicht, sich dem Leben zu stellen und es zu verändern.

Meinung

Ein außergewöhnlicher Roman über eine ehrliche und tiefgehende Freundschaft zwischen zwei Frauen, die auf den ersten Blick nicht nur der Altersunterschied unterscheidet. Innerhalb von ungefähr sechs Wochen entsteht zwischen Sally und Liss eine Verbindung, deren Kraft beim Lesen spürbar wird. Ebenso lebhaft spürte ich auch Sallys unbändige Wut auf die Welt und später ebenso die von Liss, wobei bei Liss zeitweise auch eine große Verzweiflung durchbricht. Denn auch in Liss, die erst einmal sehr in sich ruhend wirkt, hat sich einiges aufgestaut, das durch die Begegnung mit Sally wieder hochkommt.

In herbstlicher Kulisse arbeiten die beiden Frauen Seite an Seite. Durch Liss erfährt Sally viel über Entstehung, aber auch über Vergänglichkeit, vor allem begreift Sally, dass alles seinen Platz und seinen Nutzen in der Welt hat. Besonders der wildverwachsene Obstgarten mit den alten Birnensorten hat es Sally angetan, dort fühlt sie die Ursprünglichkeit der Natur. Diese Erfahrungen verändern Sally, was man als Leser:in hervorragend nachvollziehen kann, denn auch man selbst erlebt beim Lesen des Romans eine gewisse Entschleunigung.

Im Verlauf der Geschichte wird klar, dass die Frauen vieles gemeinsam haben, das eine besondere Freundschaft entsteht, die beide ins Leben zurückholt. Beim Lesen beginnt die Erzählung zu leben. Man riecht förmlich die reifen Birnen, sieht den morgendlichen Dunst über den Feldern liegen und hört das leise Summen der Bienen. Ewald Arenz macht seinen Roman zu einem Erlebnis, seine unprätentiösen Beschreibungen erschaffen Bilder, die der Geschichte eine besondere Note geben. Es ist wunderbar Sally und Liss zu erleben und die aufkommende Nähe zu verfolgen. Ein sehr kluger, einfühlsamer Roman mit viel Lebensweisheit.

Fazit

Still, leise und doch mit großer Kraft ist dieser Roman eine absolute Leseempfehlung.

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