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Christina Dalcher

Ein aufrüttelnder Roman, spannend erzählt, dessen Ende leider etwas konfus daherkommt.

Seit gut einem Jahr haben in den USA christliche Fundamentalisten, mehrheitlich gewählt, die Macht übernommen. Die Regierung legt besonderen Wert auf das traditionelle Rollenverständnis von Mann und Frau. Dementsprechend müssen alle Frauen ihre Arbeitsplätze räumen, um für ihre Familie zu sorgen. Damit die Frauen ihren neuen gesellschaftlichen Platz anerkennen, dürfen sie nur noch 100 Wörter pro Tag sprechen. Jede Frau und jedes Mädchen bekommt ein Armband angelegt, welches die Wörter zählt. Jede Überschreitung wird mit Stromstößen geahndet.

Dr. Jean McClellan, Wissenschaftlerin, lebt mit ihrem Mann und den 4 Kindern in einem Vorort von Washington. Jean leidet unter dem Regime und denkt täglich darüber nach, dass sie sich nie sonderlich für Politik begeistert hat. Zu ihrer Studentenzeit hat sie nie an Demonstrationen teilgenommen. Sie ist seit Ewigkeiten nicht mehr zur Wahl gegangen. Sie hat niemals geglaubt, sich jemals in solch einer Situation wiederzufinden. Nun ist sie wortlos gemacht. Ihr besonderes Augenmerk liegt auf ihrer sechsjährigen Tochter, die ebenfalls das Kontingent von 100 Wörtern nicht überschreiten darf.

Als der Bruder des Präsidenten schwer verunglückt und Teile seines Gehirns in Mitleidenschaft gezogen sind, kommt die Regierung auf Jean zu. Ein Jahr zuvor gehörte Jean dem Team zur Erforschung eines Serums an, welches die Sprachfähigkeit nach schwerwiegender Gehirnschädigung wieder herstellt. Jean stimmt zu weiter zu forschen und bekommt im Gegenzug für diese Zeit ihre Stimme wieder. Doch schnell erkennt Jean, dass es der Regierung um viel mehr geht, als um ihr Serum. Auch den angeblichen Unfall zweifelt Jean an. Ihr bleibt nicht viel Zeit, um den Kampf für ihre Freiheit endlich aufzunehmen.

Christina Dalcher beschreibt in ihrem Roman eine rückwärtsgewandte Regierung, welche Frauen, Homosexuelle und anders Denkende mit allen Konsequenzen aussortiert. Die Schikane der Wortzähler ist nur eine von vielen. Frauen haben keinen Zugang zu Büchern, PCs, Mobiltelefonen, es gibt Arbeitslager und Kameras, auch auf Privatgrundstücken. Eindringlich schildert der Roman zu Beginn wie schleichend es zu den Veränderungen gekommen ist. Das Buch hat eine deutliche Aussage

„Das Böse triumphiert allein dadurch, dass gute Menschen nichts unternehmen“

Schon nach den ersten Seiten hat mich der Roman gefesselt. Am meisten hat mich allerdings die Tatsache erschreckt, dass mir das dort aufgezeigte Szenario überhaupt nicht absurd vorkam. Bis ungefähr zur Buchmitte ist die Geschichte schlüssig erzählt. Ab dem Zeitpunkt, als Jean beginnt im Institut zu arbeiten, wird die Handlung stellenweise konfus. Vielfach fiel es mir schwer zu folgen, da mir z.B. teils das wissenschaftliche Wissen fehlt, um alles nachvollziehen zu können. Hinzu kommt, dass im letzten Drittel viele Handlungsstränge zusammenkommen. Für mich ist das Ende ein wenig verwirrend und es kommen zu viele Figuren zusammen, dadurch wirkt es teilweise konstruiert.

Alles in allem ist es ein lesenswerter Roman, der dem Leser vor Augen hält, was passiert, wenn man den Geschehnissen um sich herum mit Gleichgültigkeit begegnet. Was würdest du tun, um frei zu sein? Eine zentrale Frage im Buch!

Was man von hier aus sehen kann

Mariana Leky

„Eine nachdenkliche und zugleich fröhliche Erzählung über facettenreiche, eigenwillige Dorfbewohner.“

Wenn Selma in der Nacht von einem Okapi träumt, wird in den folgenden 24 Stunden ein Dorfbewohner sterben. Niemand weiß, wen es treffen wird. Für manche ist es der Ansporn Unausgesprochenes zu offenbaren, für andere wiederum, sich bis auf Weiteres keinerlei Gefahr auszusetzen.

In dem kleinen Dorf im Westerwald kennt jeder jeden und jeder weiß über den anderen Bescheid. Außenseiter werden integriert, den jeder besetzt eine gleichwertige Rolle in der Gemeinschaft.

Luise ist 10 Jahre alt, als ihre Großmutter Selma von einem Okapi träumt. Luise erfährt daraufhin zum ersten Mal, was Verlust bedeutet. Als die erwachsene Luise sich ernsthaft verliebt, könnte es nicht ungünstiger sein. Denn Frederik ist buddhistischer Mönch und entschlossen, sein Leben in einem japanischen Kloster zu verbringen. Es ist wie bei einem Okapi, im Prinzip passt nichts zusammen und ergibt doch ein Ganzes.

Mariana Leky schildert die eigenwilligen Dorfbewohnern mit all ihren Facetten, in glücklichen und traurigen Zeiten. Die einzelnen Figuren sind mit viel Liebe beschrieben, niemals überzogen oder lächerlich. Zugleich ein nachdenkliches und fröhliches Buch. Manche Kapitel waren mir etwas zu langatmig, dennoch ist die Romanerzählung ganz wunderbar. Nach der letzten Seite, lässt das Buch den Leser mit einem seligen Gefühl zurück. Eine Geschichte mit viel Tiefgang und Charme.

Unter der Drachenwand

Arno Geiger

1944. Wie lange dauert der Krieg noch, was kommt danach, wer wird es überleben? Tagebuchähnlich erzählt, gibt der Roman Einblicke in die Gefühlswelt eines jungen Soldaten, der in einem österreichischen Dorf nahe der Drachenwand seine Verwundung auskuriert und langsam wieder beginnt selbstbestimmt zu leben.

 

1944 läutet das Ende des Krieges ein. Doch wann kommt das Ende und wie wird es aussehen? Veit Kolbe, ein junger Soldat, verwundet in Russland, ist auf Heimaturlaub, um sich auszukurieren. Fünf Jahre Front haben ihm alle Illusionen geraubt. Wird er jemals ein selbstbestimmtes Leben führen, in dem er eigene Entscheidungen treffen kann?

Nach seiner schweren Verwundung bekommt Veit Kolbe Heimaturlaub und fährt zu seinen Eltern nach Wien. Seit fünf Jahren ist er Soldat. Zuvor war er Schüler. Mittlerweile zweifelt er an einer selbstbestimmten Zukunft, fühlt sich um diese Jahre betrogen. Die Erfahrungen an der Front lassen ihn an dem Regime zweifeln. Häufig gerät er mit seinem Vater, einem überzeugten Nationalsozialist, aneinander. Deshalb beschließt Veit in das kleine Dorf Mondsee umzusiedeln. Dort ist sein Onkel Polizist und beschafft ihm eine Unterkunft. In diesen Monaten in Mondsee erfährt Veit erstmals so etwas wie ein normales, erwachsenes Leben. Er findet einen Freund, den „Brasilianer“, welcher davon träumt ein weiteres Mal nach Südamerika zu reisen, um dann dort zu bleiben. Und Veit findet eine Frau, Margot aus Darmstadt, die er lieben lernt. Im Laufe 1944 rückt die Front näher heran. Das letzte soldatische Aufgebot wird verpflichtet. Wie lange kann er sich noch auf seine Verletzung berufen?

Eindringlich schildert Arno Geiger die Gefühlswelt dieses jungen Mannes, der es leid ist, sein Leben für eine Sache zu opfern, an die er längst nicht mehr glaubt. Er fühlt sich um sein Leben und seine Träume betrogen. Geplagt von schrecklichen Bildern des Erlebten, kämpft er mit Angstzustände und Panikattacken.

Neben Veit Kolbes tagebuchähnlichen Erzählungen, geben auch die Briefe von Margots Mutter aus Darmstadt Einblicke in das tägliche Leben. 1944 verstärken sich die Luftangriffe und die Front kommt näher.

Auch über das tragische Schicksal eines aus Wien stammenden, verschickten Mädchens und dessen Familie berichtet der Roman.

Die Briefe des Wiener Juden Oskar Meyer, der nach Budapest flieht und dort vom Nationalsozialismus wieder eingeholt wird, stechen aus der Erzählung heraus und haben sich mir nicht erschlossen. Oskar Meyer steht für mich in keinerlei Verbindung zu den anderen Figuren. Natürlich ist auch sein Schicksal es wert erzählt zu werden, doch sein Auftauchen in dem Roman erklärt sich nicht. Somit ist es jedes Mal eine Unterbrechung des Erzählflusses, wenn er zu Wort kommt. Die einzige Verbindung, die ich erkennen konnte, ist der gleiche Wiener Bezirk, aus dem die meisten Figuren stammen.

Mich hat die Geschichte tief berührt. Sich bewusst zu machen, wie sehr der Lauf der Geschichte einzelne Lebensläufe beeinflusst hat. Veit Kolbes Angstzustände und seine Hoffnung auf das Kriegsende, sind eindringlich und realistisch geschildert. Ich habe mit ihm gehofft, dass er es schafft sich weiter „zu drücken“. In den Bemerkungen auf den letzten Romanseiten erfährt der Leser, was aus den Protagonisten geworden ist.

Alles in allem ein empfehlenswerter und berührender Roman, der vom Alltag, mit all seiner Brutalität und Normalität, der Menschen im Jahr 1944 erzählt.

 

Bücher für Toleranz

Aus dem aktuellen, politischen Anlass ist es mir wichtig Stellung für Toleranz zu beziehen. Ich bin fest davon überzeugt, dass Bücher – ob nun Sachbücher als auch Romane – dazu betragen können, Menschen zu beeinflussen. Es ist einerlei, welches Büchergenre man als Leser bevorzugt. Es finden sich unzählige Geschichten, die von Toleranz und Miteinander erzählen oder mahnend von Tatsachen berichten. Ich habe mein Bücherregal durchgesehen und spontan die Bücher herausgenommen, die mir persönlich zu diesem Thema wichtig sind.

„Regeln für einen Ritter“ von Ethan Hawke ist ein Regelwerk für den Alltag, sowohl für den Umgang mit sich selbst als auch mit anderen. Es widmet sich der Frage, worauf es im Leben wirklich ankommt. Wie soll man leben? Eigenschaften wie beispielsweise Mut, Dankbarkeit und Ehrlichkeit sind in dem Buch aufgeführt. All die wichtigen Lebensweisheiten, die jeder versuchen sollte zu beherzigen.

Zu Haltung steht dort: „Haltung ist die Fähigkeit, Veränderungen hinzunehmen. Bleibe offen und beweglich; die Spröden zerbrechen.“ *

„Er hieß Jan“ ist eine Schullektüre gewesen. Seit dem habe ich das Buch mehrmals gelesen und es packt mich jedes Mal aufs Neue. Erzählt wird von einer Teenagerliebe im zweiten Weltkrieg. Regine ist eine überzeugte Anhängerin des Hitler Regimes, bis sie sich in den polnischen Zwangsarbeiter Jan verliebt. Eine bewegende Geschichte über Mut und stillen Widerstand.

Uwe Timm beschreibt im autobiografischen Roman „Am Beispiel meines Bruders“ den Umgang mit der Vergangenheit in der Nachkriegszeit. Sein wesentlich älterer Bruder ist während eines SS Einsatzes an der Ostfront verwundet worden und wenig später verstorben. Als Grundlage des Romans dient das Tagebuch seines Bruders, welches dieser verbotener Weise geführt hat.

Einer der bekanntesten Romane der letzten Jahre ist „Er ist wieder da“ von Timur Vermes. Plötzlich erwacht Hitler wieder in Berlin und wird zum Medienstar. Zu Beginn ist alles noch ein großer Spaß, aber recht schnell wird deutlich, wie anfällig die deutsche Demokratie für den Meister der Propaganda ist.

In „Jetzt wird alles besser – eine Jugend in Krieg und Nachkriegszeit“ beschreibt Klas E. Everwyn seine Erfahrungen als Heranwachsender, der zum letzten Aufgebot Hitlers zählte, um das am bodenliegende Vaterland zu verteidigen. Dann das böse Erwachen, das Chaos, der Hunger, der Aufbau. Aber trotz alldem verspürt die Jugend den Willen nach Leben und nach Zukunft. Ein beeindruckender Jugendroman, auch für Erwachsene.

„Altes Land“ habe ich vor allem ausgewählt, weil es auch den Umgang mit Geflüchteten thematisiert. Es ist die Geschichte von Vera, die mit ihrer Mutter aus Ostpreußen fliehen muss und im alten Land auf dem Bauernhof von Ida Eckhoff landet. Die Bäuerin zeigt den beiden Ankömmlingen täglich, dass sie nicht willkommen sind. Als der Erbe Karl aus der Gefangenschaft nach Hause kommt, wird schnell deutlich, das er nicht mehr der alte ist. In seinem Kopf findet der Krieg kein Ende. In erster Linie handelt der Roman natürlich von der Lebensgeschichte Veras, die sich im alten Land eine Existenz aufbaut. Jedoch ist es dieser Part des Buches, den ich in diesem Fall herausstellen möchte.

Es gibt zahlreiche Bücher, die sich zu diesen Themen finden lassen. Dies ist meine persönliche, kleine Auswahl als Statement. Auch Bücher tragen ihren Teil dazu bei, dass Menschen ihr Verhalten hinterfragen und nicht vergessen, wie es mal war.

 

 

Und Marx stand still in Darwins Garten

Darwin und Marx
Und Marx stand still in Darwins Garten

Ilona Jerger

„Ein eindrucksvoller, nachdenklicher Roman über zwei Persönlichkeiten, die das moderne Denken stark beeinflussten“

Und Marx stand still in Darwins Garten“ erzählt von einer fiktiven Begegnung zweier bedeutenden Personen der neuzeitlichen Wissenschaft, die im Temperament nicht unterschiedlicher hätten sein könnten. Beide befinden sich in ihren letzten Lebensjahren und haben mit allerlei körperlichen Gebrechen zu kämpfen.

Durch Zufall werden sie von einem Arzt, Dr. Beckett, behandelt. Ein moderner, der Wissenschaft zugeneigter Mann, welcher bei seinen Diagnosen den ganzen Menschen in Betracht zieht. Durch seinen Behandlungsansatz nimmt Dr. Beckett sich die Zeit für Gespräche. Durch sein Interesse und seine Neugier an den Forschungen Darwins und dem Wesen Marx, kommt es häufig zu Diskussionen über moderne Thesen. Die alles bestimmende Frage: Gibt es Gott?

Charles Darwin ist alt geworden. Sein Körper gibt ihm das auf vielfältige Weise zu verstehen. Kurz vor seinem Abschluss zur Erforschung der Regenwürmer, lässt er sein Leben Revue passieren. Seine Evolutionstheorie widerlegt die Schöpfungsgeschichte und stellt damit die Existenz Gottes in Frage. Seine zutiefst gläubige Frau, versucht ihn am Ende des Lebens zu bekehren. Atheisten versuchen Darwin als Vorbild zu nutzen. Doch Darwin selbst weigert sich seine Forschungen in einem anderen Kontext als den naturwissenschaftlichen zu sehen.
Marx kämpft in seinem Londoner Exil, nur wenige Meilen von Darwin entfernt, mit dem zweiten Band des Kapitals. Ihn plagt eine schwere Lungenentzündung. Ohne die Zuwendungen seines Freundes Engels käme Marx kaum über die Runden.

Ilona Jerger beschreibt die letzten Monate zweier großer Wissenschaftler. Darwin ein gut situierter, konservativer Mann der Upperclass. Marx stets pleite, aufbrausend und mit revolutionären Gedanken. Durch die anschauliche Erzählung der Autorin kommt man der Persönlichkeit der beiden Männer näher, die trotz aller Unterschiede auch viel gemein haben.

Der gemeinsame Arzt als verbindende Figur, nimmt durch seine eigenen Gedanken zu Gott und der modernen Arbeitswelt, eine vermittelnde Stellung ein. Der Roman erzählt auf ruhige, nachdenkliche Art von den damals vorherrschenden Themen. Vor allem die naturwissenschaftlichen Forschungen, stellen die alte Grundordnung in Frage.

Zwar erklärt der sehr gut recherchierte Roman vieles, dennoch ist es von Vorteil ein Grundwissen über die Theorien der Zeit zu haben. Ebenfalls sollte man ein gewisses Interesse für das Thema mitbringen, ansonsten wird es anstrengend. Ich für meinen Teil habe einige bemerkenswerte Details über die Person Darwins erfahren. Es ist auf jeden Fall ein Buch, das zum Nachdenken anregt und den Leser am Ende etwas klüger gemacht hat.