Unter der Drachenwand

Arno Geiger

1944. Wie lange dauert der Krieg noch, was kommt danach, wer wird es überleben? Tagebuchähnlich erzählt, gibt der Roman Einblicke in die Gefühlswelt eines jungen Soldaten, der in einem österreichischen Dorf nahe der Drachenwand seine Verwundung auskuriert und langsam wieder beginnt selbstbestimmt zu leben.

 

1944 läutet das Ende des Krieges ein. Doch wann kommt das Ende und wie wird es aussehen? Veit Kolbe, ein junger Soldat, verwundet in Russland, ist auf Heimaturlaub, um sich auszukurieren. Fünf Jahre Front haben ihm alle Illusionen geraubt. Wird er jemals ein selbstbestimmtes Leben führen, in dem er eigene Entscheidungen treffen kann?

Nach seiner schweren Verwundung bekommt Veit Kolbe Heimaturlaub und fährt zu seinen Eltern nach Wien. Seit fünf Jahren ist er Soldat. Zuvor war er Schüler. Mittlerweile zweifelt er an einer selbstbestimmten Zukunft, fühlt sich um diese Jahre betrogen. Die Erfahrungen an der Front lassen ihn an dem Regime zweifeln. Häufig gerät er mit seinem Vater, einem überzeugten Nationalsozialist, aneinander. Deshalb beschließt Veit in das kleine Dorf Mondsee umzusiedeln. Dort ist sein Onkel Polizist und beschafft ihm eine Unterkunft. In diesen Monaten in Mondsee erfährt Veit erstmals so etwas wie ein normales, erwachsenes Leben. Er findet einen Freund, den „Brasilianer“, welcher davon träumt ein weiteres Mal nach Südamerika zu reisen, um dann dort zu bleiben. Und Veit findet eine Frau, Margot aus Darmstadt, die er lieben lernt. Im Laufe 1944 rückt die Front näher heran. Das letzte soldatische Aufgebot wird verpflichtet. Wie lange kann er sich noch auf seine Verletzung berufen?

Eindringlich schildert Arno Geiger die Gefühlswelt dieses jungen Mannes, der es leid ist, sein Leben für eine Sache zu opfern, an die er längst nicht mehr glaubt. Er fühlt sich um sein Leben und seine Träume betrogen. Geplagt von schrecklichen Bildern des Erlebten, kämpft er mit Angstzustände und Panikattacken.

Neben Veit Kolbes tagebuchähnlichen Erzählungen, geben auch die Briefe von Margots Mutter aus Darmstadt Einblicke in das tägliche Leben. 1944 verstärken sich die Luftangriffe und die Front kommt näher.

Auch über das tragische Schicksal eines aus Wien stammenden, verschickten Mädchens und dessen Familie berichtet der Roman.

Die Briefe des Wiener Juden Oskar Meyer, der nach Budapest flieht und dort vom Nationalsozialismus wieder eingeholt wird, stechen aus der Erzählung heraus und haben sich mir nicht erschlossen. Oskar Meyer steht für mich in keinerlei Verbindung zu den anderen Figuren. Natürlich ist auch sein Schicksal es wert erzählt zu werden, doch sein Auftauchen in dem Roman erklärt sich nicht. Somit ist es jedes Mal eine Unterbrechung des Erzählflusses, wenn er zu Wort kommt. Die einzige Verbindung, die ich erkennen konnte, ist der gleiche Wiener Bezirk, aus dem die meisten Figuren stammen.

Mich hat die Geschichte tief berührt. Sich bewusst zu machen, wie sehr der Lauf der Geschichte einzelne Lebensläufe beeinflusst hat. Veit Kolbes Angstzustände und seine Hoffnung auf das Kriegsende, sind eindringlich und realistisch geschildert. Ich habe mit ihm gehofft, dass er es schafft sich weiter „zu drücken“. In den Bemerkungen auf den letzten Romanseiten erfährt der Leser, was aus den Protagonisten geworden ist.

Alles in allem ein empfehlenswerter und berührender Roman, der vom Alltag, mit all seiner Brutalität und Normalität, der Menschen im Jahr 1944 erzählt.

 

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