Solange die Hoffnung uns gehört

Winterberg
Solange die Hoffnung uns gehört

Linda Winterberg

Ein Roman, der mit leisen Tönen daher kommt, aber dennoch eine emotionale Wucht entfaltet

Anni Kluger, gefeierte Sopranistin an der Frankfurter Oper, lebt seit dem Tod ihres Mannes für ihre Tochter Ruth und die Bühne. Als sie aufgrund ihrer jüdischen Wurzeln Auftrittsverbot bekommt, ist ihre Tochter Ruth ihr größter Halt. Der Alltag der Frankfurter Juden wird durch umfangreiche, immer neue Verbote erschwert. Deshalb setzt Anni alles dran zu emigrieren. Mit Hilfe der Quäker bekommt sie wenigstens für Ruth einen Platz in einem der Züge, die jüdische Kinder nach England bringen. Anni soll später nachkommen. Als sie schon auf gepackten Koffern sitzt, um das Land zu verlassen, bricht der Krieg aus. Damit schwinden Annis Aussichten ein Visum zu bekommen. Werden Mutter und Tochter sich wiedersehen?

Anni lebt seit dem Tod ihres Mannes allein mit ihrer Tochter Ruth in Frankfurt. Mutter und Tochter sind ein eingespieltes Team. Ruth begleitet ihre Mutter zu den Aufführungen in die Oper und fühlt sich in der Welt des Theaters zu Hause. Obwohl schon Annis Eltern zum Protestantismus konvertierten und Anni kaum Berührungspunkte mit ihren jüdischen Wurzeln hat, bekommt sie Auftrittsverbot. Ein harter Schlag, denn für Anni ist ihr Beruf mehr als nur finanzielle Absicherung, sie lebt für die Bühne und die Musik.

Auch Ruth ist immer öfter den Hasskommentaren von anderen Kindern ausgesetzt. Das abendliche musizieren mit Walter, einem jüdischen Jungen aus der Nachbarschaft, ist für Ruth ein Ruhepol. Beide Kinder besitzen großes musikalisches Talent. Walters Familie ist von den neuen Umständen ebenso hart betroffen. Mit der Zeit wird die Angst ein ständiger Begleiter.

Anni setzt alles daran ein Visum zu bekommen, um mit Ruth das Land verlassen zu können. Für Ruth bekommt sie einen Platz bei einem Kindertransport nach England. Dort wird sie in einem Internat aufgenommen, in dem auch Walter Zuflucht gefunden hat. Anni selbst soll so schnell wie möglich nachreisen und als Dienstmädchen in einen Haushalt vermittelt werden. Doch der Ausbruch des Krieges macht jede Möglichkeit auszureisen zunichte. Mutter und Tochter erleben den Krieg getrennt voneinander. Anni in Frankfurt, in dem die Lebensumstände für Juden immer bedrohlicher werden. Zudem befindet sich unter ihren Nachbarn ein Gestapomann, der sie zwar früher auf der Bühne bewundert hat, doch was ist das in solchen Zeiten noch wert?

Ruth ist in England sicher und fühlt sich in ihrer neuen Umgebung wohl. Sie bekommt die Möglichkeit ihre Stimme auszubilden und bei Aufführungen des Schultheaters mitzuwirken. Doch die Sehnsucht nach ihrer Mutter bleibt, ebenso wie sich Anni wünscht ihre Tochter bald wieder in die Arme schließen zu können. 

Anfänglich entführt die Erzählung den Leser in die bunte Theaterwelt, über der schon die ersten dunklen Wolken heraufziehen. Die erlassenen Gesetze führen zu Entlassungen von jüdischen Mitarbeitern. Der Roman erzählt von den Folgen, die betroffene Menschen erdulden mussten und wie sie versuchen ihre Würde und ihre Hoffnung nicht zu verlieren. Eindringlich werden die Veränderungen beschrieben, die nicht nur das Leben betreffen, sondern auch die Personen selbst durchlaufen. Aus gefeierten Bühnenstars werden „graue Mäuse“, die um keinen Preis auffallen wollen, sich unsichtbar machen. Ebenso schildert die Autorin wie sich die Kinder an die neue Situation anpassen und mit der Ängstlichkeit der Eltern zurechtkommen.
Der Roman erzählt von einer Mutter, die ihrem Kind ermöglicht in Sicherheit zu leben. Nur die Hoffnung auf ein Wiedersehen lässt Anni immer weiter kämpfen. Des Weiteren handelt der Roman von Menschen, die nicht aufgeben und versuchen dem Schicksal auch in schwierigen Zeiten ein Stück Leben abzutrotzen. Es ist eine Geschichte, die mit leisen Tönen daher kommt, aber dennoch eine emotionale Wucht entfaltet, so dass ich mitgelitten und mitgehofft habe. Und wenn man einen Moment darüber nachdenkt, dass es solche ähnlichen Lebensgeschichten zu Hauf gibt, ist man jedes Mal wieder betroffen.
Der Roman mitsamt seinen Figuren ist fabelhaft und anschaulich erzählt. Ein lesenswertes Buch!

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