Die Töchter des Sturms

Baillon
Töchter des Sturms

Sibylle Baillon

Ein gelungener Roman überdas Schicksal dreier Frauen im revolutionären Frankreich des ausgehenden 18. Jahrhunderts

Der Romans „Töchter des Sturms“ beginnt wenige Jahre vor dem Ausbruch der Französischen Revolution. Eine bretonische Bauernfamilie sieht sich aufgrund der großen Hungersnot dazu gezwungen, ihre drei Töchter nach Paris zu schicken. Dort treten sie verschiedenartige Anstellungen an. Marianne, mit 14 Jahren die älteste, wird Gesellschafterin der etwa gleichaltrigen Tochter einer angesehenen französischen Familie. Madeleine wird Schneiderin im Atelier der Modeministerin und die 10jährige Jeanne soll in einem Krämerladen arbeiten. Die Eltern geben den Schwestern beim Anschied nicht preis, wo sich die jeweils Anderen befinden. Somit sind die Schwestern gezwungen, sich in ihrem neuen Leben einzurichten ohne Kontakt zu ihrer Familie halten zu können. Die beiden Älteren haben es im Gegensatz zu Jeanne gut getroffen. Die jüngste ist innerhalb kurzer Zeit ganz auf sich gestellt. Trotz der Umstände geben die drei ihre Hoffnung, die anderen so bald wie möglich wieder zu finden, nicht auf. Auch als die Jahre vergehen und die Revolution in Paris um sich greift, bleiben die Schwestern sich gedanklich in dem Wunsch, sich irgendwann wieder in die Arme schließen zu können, verbunden.

Marianne, Madeleine und Jeanne werden von ihren Eltern nach Paris gebracht. Dort treten sie werden sie in unterschiedlichen Anstellungen untergebracht, die sie vor dem Hungertod auf dem Land bewahren sollen.Die Eltern geben den Schwestern keine Auskunft über den Verbleib der anderen, so dass die Mädchen keinen Kontakt zueinander halten können. Gerade für die 10 jährige Jeanne ist die Trennung von ihrer Familie ein schwerer Schlag. Denn im Gegensatz zu ihren älteren Schwestern, hat sie es nicht gut getroffen. Der Krämer will sie an ein Bordell verkaufen. Die aufgeweckte Jeanne erkennt schnell die Bedrohung und flieht. Sie findet Unterschlupf bei der Prostituierten Claire. Auf sich allein gestellt entdeckt Jeanne ihren Geschäftssinn. Mit Raffinesse, Verkaufstalent und einem Ziel vor Augen strebt sie ihr eigenes Geschäft an.

Ihre Schwestern indessen müssen sich an das herrschaftliche Umfeld anpassen, in das sie geraten sind. Marianne, als Gesellschafterin der Tochter des französischen Finanzministers, befindet sich in einer vollkommen anderen, privilegierten Welt. Eine Welt des Überflusses, der intellektuellen Debatten und der Ausschweifungen.

Madeleine hingegen muss sich in kürzester Zeit Wissen über Stoffe und Nähweisen aneignen, um den Ansprüchen der Atelierbesitzerin zu genügen. Madame Bertin ist eng mit dem Königshaus verbunden und wurde zur Modeministerin ernannt. Zudem beliefert sie auch den Adel über Frankreichs Grenzen hinaus.

Durch Jeannes Verschwinden verliert der Krämer seine Existenz. Sein Hass auf das Mädchen ist groß und wird dadurch geschürt, dass er sie sucht, immer wieder entdeckt, doch sie ihm jedes Mal wieder entwischt. Er will sie unbedingt in seine Gewalt bekommen. Wie ein böser Geist taucht er kontinuierlich in der Handlung auf. Ob Jeanne auf ihr Glück vertrauen kann, das sie vor seiner Rache bewahrt?

Die Jahre vergehen und die Schwestern haben sich in ihre Lebenssituationen eingefunden. Alle drei entdecken auch die Liebe für sich. Doch als die Revolution ausbricht, bringt diese auch ihre Leben gehörig durcheinander. Ob sie sich jemals wiedersehen werden, bleibt fraglich. Zu unterschiedlichen sind ihre Lebenswege verlaufen.

Der Roman umfasst eine Zeitspanne von etwa 10 Jahren. Jeanne, die sich nur auf ihren Verstand verlassen kann, ergreift jede sich ihr bietende Chance, um ihre Situation zu verbessern. Marianne, eher ruhig, lässt sich vom Überfluss und Reichtum nicht blenden. Sie bleibt ihrem inneren Wesen immer treu. Madeleine hingegen ist eine Träumerin, die in dem Modeatelier ihr kreatives Talent entdeckt. Allerdings bleibt die mittlere Schwester nach meiner Auffassung etwas zu blass im Vergleich zu den anderen.

Alle drei Mädchen sind nicht sonderlich an dem politischen Geschehen interessiert, auch wenn der gesellschaftliche Umbruch auch ihre Leben verändert.

In den Nebenrollen des Romans tauchen oftmals bekannte Persönlichkeiten auf. So ist Marianne die Gesellschafterin der späteren Madame de Staël, Tochter des Finanzministers Neckar. Jeanne trifft auf den Marquis de Sade. Und sowohl Madeleine als auch Marianne lernen Talleyrand kennen. Ein Charakter, welcher in der Erzählung mehrfach eine Rolle spielt, ist der junge Napoleon. Diese Persönlichkeiten sind von der Autorin auf wunderbare Weise in die Geschichte eingeflochten und gewähren Einblicke in politische Entwicklungen. Die unterschiedlichen Romanfiguren bewegen sich in allen Ständen; von der Aristokratie, den Soldaten, Kaufleuten bis zu den unteren Bevölkerungsschichten wie Bauern und Prostituierte. Somit erfährt der Leser vieles über die Lebensumstände dieser Zeit. Die Schicksale der Protagonisten sind fabelhaft mit einander verwoben. Durch die detaillierten Beschreibungen fühlt man sich in das Paris des ausgehenden 18. Jahrhunderts versetzt. Ich möchte zudem noch erwähnen, dass die Autorin zur Erläuterung der historischen Personen und Begebenheiten, einen informativen Anhang erstellt hat.

Die regelmäßigen Wechsel innerhalb der drei Erzählstränge – für jede Schwester einen – halten die Spannung aufrecht, so dass man wissen will, wie es weitergeht. Vor allem Jeannes Schicksal ist mir nah gegangen. Für mich ist sie die sympathischste Figur des Romans.

Meiner Meinung nach ist der Roman „Die Töchter des Sturms“ eine gelungene und teils aufwühlende Erzählung über drei Mädchen, die gezwungen sind, sich den Umständen ihrer Zeit anzupassen und dabei ihre Stärken entdecken. Ich bin gespannt auf die Fortsetzung.

 

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