Die Schwestern von Sherwood

Claire Winter

Ein schwieriges Thema eingebettet in eine spannende und romantische Geschichte

Amalia und Cathleen sind unzertrennliche Schwestern. Sie wachsen Ende des 19. Jahrhunderts auf einem ansehnlichen Manor in der wilden Dartmoor Landschaft auf. Nach einer Erkrankung verliert Amalia ihr Gehör. Ein tragischer Schlag für die Familie, die wenige Jahre später daran zu zerbrechen droht.
Melinda lebt in dem zerbombten Berlin. Nach dem Krieg versucht sie endlich als Journalistin beruflich Fuß fassen zu können. Aufgrund ihrer englischen Wurzeln, bekommt sie die Möglichkeit an einer Fortbildung in London teilzunehmen. Kurz vor ihrer Abreise erhält sie anonym ein Paket mit Hinweisen, die auf ihre längst verstorbene Großmutter hindeuten. Melinda nutzt die Reise, um auch etwas über ihre eigenen Wurzeln herauszufinden und stößt dabei auf ein immer noch sehr gut gehütetes Geheimnis.

Elisabeth und John Sherwood haben es weit gebracht. Aus dem Nichts haben sie einen großen Reichtum angehäuft. Doch für die englische Gesellschaft sind sie trotz ihres Geldes nur „Emporkömmlinge“, die ihren Platz nicht kennen. Ihre beiden hübschen Töchter, Amalia und Cathleen, erhalten eine ausgezeichnete Ausbildung, damit sie, wenn sie erwachsen sind, eine gute Partie machen. Für ihre Eltern sind die beiden die Eintrittskarten in die bessere Gesellschaft. Die Schwestern sind eng miteinander verbunden. Das zeigt sich besonders, als Amalia nach einer Krankheit ihr Gehör verliert und für immer taub bleibt. Nur Cathleen steht ihr treu und liebevoll zur Seite. Vor allem für die ehrgeizigen Pläne von Amalias Mutter ist die Gehörlosigkeit ihrer Tochter ein schwerer Schlag. All ihre Hoffnungen, welche sie in Amalia gesetzt hat, sind zerstört. Nun konzentrieren sich die Eltern ausschließlich auf Cathleen und Amalia wird zur familiären Außenseiterin. Dass Amalia von ihren Eltern vernachlässigt wird, ja, dass sie sich für ihre Tochter schämen, führt zur Entfremdung der Familienmitglieder. Als die erwachsene Amalia zufällig auf einen Mann trifft, der sich nicht an ihrer Behinderung stört, sondern aufrichtiges Interesse an der intelligenten Frau hat, stellt es die Familie Sherwood vor eine schwere Prüfung, die unweigerlich ein tragisches Ende nimmt.

Sechs Jahrzehnte später bemüht sich Melinda im kriegszerstörten Berlin um ihr berufliches Fortkommen. Ihre Mutter ist gestorben. Ihr Verlobter und sie sind sich durch die Kriegsjahre fremd geworden. Sie ist auf sich gestellt. Ihre englischen Wurzeln haben verhindert, dass sie unter Hitler journalistisch arbeiten konnte. Nun bewirbt sie sich bei verschiedenen Zeitungen. Diesmal sind Melinda ihr englisches Erbe und ihre Sprachkenntnisse nützlich, denn sie kann an einer Fortbildung für Journalisten in London teilnehmen.
Vor ihrer Abreise wird anonym ein Päckchen für Melinda abgegeben. Das Paket enthält englisch sprachige Liebesbriefe aus dem letzten Jahrhundert, welche auf eine große Liebe hindeuten, Zeichnungen von einer mysteriösen Moorlandschaft und eine Schachfigur. Es scheint ein Hinweis auf ihre Großmutter zu sein, eine gebürtige Engländerin. Melinda beschließt ihre freie Zeit in England dazu zu nutzen, mehr über den Inhalt des Päckchens und ihre Wurzeln in Erfahrung zu bringen. Bei ihren Recherchen stößt Melinda unerwartet auf Wiederstand, denn sie ist dabei ein jahrzehntelang gut gehütetes Geheimnis zu lüften. In welcher Verbindung Melinda selbst in Bezug auf die damaligen Geschehnisse steht, wird ihre erst nach und nach deutlich.

Eigentlich ist es Claire Winters erster Roman, den ich nun nach den zwei anderen „Die verbotene Zeit“ und „ Die geliehene Schuld“ gelesen habe. Auch die „Schwestern von Sherwood“ ist ein fesselnder Roman, den man nur ungern aus der Hand legt und dessen Erzählung einen zu tiefst berührt.

Das Schicksal von Amalia gibt einem zu denken. Natürlich war die Medizin um 1880 noch nicht auf dem heutigen Stand, dass allerdings gehörlose Menschen als „zurückgeblieben“ eingestuft werden, da sich das Denken nur zusammen mit der Sprache entwickeln kann, erscheint heute völlig absurd.

Dennoch ist auch unsere Gesellschaft nicht frei von Vorurteilen gegenüber behinderten Menschen. Ein offenerer und toleranterer Umgang mit ihrer tauben Tochter und weniger Ehrgeiz, um jeden Preis in der Gesellschaft anerkannt zu werden, hätte der Familie viel Leid erspart. Man mag nicht daran denken, wie viele behinderte Menschen auch heute noch, unter dem Deckmantel der Fürsorge, der Willkür anderer ausgesetzt sind. Und wie vielen das Recht auf ein selbstbestimmtes Leben abgesprochen wird. Diese doch schwierige Thematik verwebt die Autorin in einer großartig erzählten Geschichte, in der auch Themen wie Liebe und Intrigen nicht zu kurz kommen.
Ein sehr gelungener Roman, der nachhallt.

 

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