Was wäre ich ohne dich

Guillaume Musso

Ich habe immer auf eine Wendung im Roman gewartet, die der Geschichte einen Sinn gibt – leider vergeblich. Aber die Ortsbeschreibungen sind toll.

Mitte der 1990iger Jahre verbringt Martin seine Semesterferien in den USA, um sein Englisch zu verbessern. Der junge Mann stammt aus Frankreich und wuchs in sozial schwachen Verhältnissen auf. Bei einem seiner zahlreichen Jobs lernt er in San Francisco Gabrielle kennen und lieben. Doch Martin muss zurück nach Frankreich. Über zehn Jahre später verfolgt Martin als Polizist einen Meisterdieb. Er verfolgt ihn bis San Francisco, die Stadt, in der auch Gabrielle immer noch lebt. Ist das alles nur Zufall?

Gleich zu Beginn möchte ich erwähnen, dass mich die meisten Romane von Musso begeistert haben. Doch auch schon „Das Atelier in Paris“ hat mich nur bedingt überzeugt. Daher war ich gespannt auf diesen Roman, der schon 2009 in Frankreich erschienen ist und erst vor knapp einer Woche in Deutschland.

Der Beginn der Geschichte ist vielversprechend. Martin, ein französischer Polizist, jagt einen Meisterdieb. Leider wird ganz schnell klar, dass die Geschichte sich in Kleinigkeiten verliert, keine Tiefe besitzt, Handlungen wahllos aneinandergereiht werden. Es fehlt die Spannung. Die Geschichte ist durchschaubar und beliebig erzählt. Ganz absurd wird es im letzten Drittel. Ich habe ernsthaft überlegt, das Buch nicht weiter zu lesen – Zeitverschwendung. Dennoch habe ich bis zum Ende durchgehalten und ich kann nun behaupten: Das hat sich nicht gelohnt! Ich kann nicht mal sagen, dass es wenigstens eine schöne Liebesgeschichte war.

Ich bin maßlos enttäuscht und hoffe, dass der Autor zu seiner Art fesselnde Geschichten zu erzählen zurückfindet.

 

Die Erinnerung des Felsens

Mauricio Lyrio

Ein Roman der leisen, melancholischen Töne.

Philosophieprofessor Eduardo lebt in Rio de Janeiro und Unterrichtet an der Universität. Er lebt mit der Malerin Laura zusammen. Eines morgens, als er sich durch den dichten Stadtverkehr kämpft, fällt Eduardo an einer Ampelkreuzung ein Straßenjunge auf. Der Junge verkauft mit viel Geschick Limetten. Der Junge geht Eduardo nicht mehr aus dem Kopf. Bei der nächsten Gelegenheit lädt er ihn zu sich nach Hause ein. Er lässt den Jungen im Gästezimmer schlafen, kauft ihm neue Kleidung und kümmert sich um ihn. Seine Lebensgefährtin Laura stellt Eduardo mit dieser Entscheidung vor vollendete Tatsachen.
Ist das Vertrauen, das der Professor in den Straßenjunge setzt, gerechtfertigt? Was sieht Eduardo, der als Kind seine Eltern verlor, in dem Jungen?

Eines Morgens, im täglichen Verkehrsstau auf Rios Straßen, beobachtet der Philosophieprofessor Eduardo einen Straßenjungen. Etwas fasziniert ihn an der direkten Art des Jungen. So lädt er eines Tages den Jungen zu sich nach Hause ein und bietet ihm das Gästezimmer an. Seine Lebensgefährtin Laura übergeht er bei der Entscheidung. Als Kind verlor Eduardo seine Eltern bei einem schweren Unfall. Dieses tragische Ereignis veränderte sein Leben. War es tatsächlich ein Unfall oder Selbstmord? Bisher konnte ihm niemand diese Frage beantworten.

Romário, der Straßenjunge, der seine 13 Lebensjahre auf der Straße und in einem Versteck im Tunnel zugebrachte, täglich um sein Überleben kämpfte, steht im Gegensatz zu den Problemen von Eduardo, Laura und deren Freundeskreis. Trotz des Luxus, in dem sie leben, wird jeder von ihnen von den Schatten der Vergangenheit verfolgt. Wird es gelingen ihre Vergangenheit eines Tages hinter sich zu lassen?

Der Roman „Die Erinnerung des Felsens“ beschreibt das Leben in den Straßen Rios. Die Armut, die dort allgegenwärtig ist. Romàrio schildert seine Erlebnisse schnörkellos und direkt. In Rückblenden erzählt der Roman von Eduardos Suche nach Antworten zu dem Tod seiner Eltern, von der Freundschaft zu dem Arzt Gilberto und dessen Frau Marina. Die Geschichte erzählt in teils poetischer Weise, teils in melancholischer Stimmung von der Sehnsucht die Einsamkeit zu überwinden.

Der Roman von Mauricio Lyrio handelt von der Frage, die wir uns alle irgendwann stellen; wo kommen wir her, wo gehen wir hin und wie leben wir dazwischen. Auf sensible Weise beschreibt der Autor die Vergangenheitsbewältigung der Hauptfiguren. Als Gegenpol agiert Romàrio, welcher im Hier und Jetzt lebt und die Chance auf ein besseres Leben ergreift. Seine Sprache setzt sich auch im geschriebenen Wort von den Figuren ab. Romàrios direkte und pragmatische Art steht im Gegensatz zu den gedankenschwer agierenden Erwachsenen, die zwar nie das Leid der Straße, aber anderes Leid erfahren mussten.

Es ist ein poetischer Roman der eher leisen Zwischentöne, auf die man sich als Leser einlassen muss.

Den Roman habe ich am Verlagsstand „Arara“ auf der diesjährigen Buchmesse in Frankfurt gekauft. Ich möchte mich nochmals herzlich für die Empfehlung und das freundliche Gespräch bedanken.

Die Hunrigen und die Satten

Timur Vermes

Ein Satireroman mit Schwächen. Böse, amüsant, unterhaltsam und politisch aktuell. Doch etwas zu lang geraten.

Europas Grenzen sind dicht. Deutschland hat die Obergrenze eingeführt. Die Flüchtlinge sitzen in riesigen Lagern in Afrika fest und kaum jemand kann noch die Kosten für einen Schlepper aufbringen. Ein junger afrikanischer Flüchtling sieht in einem deutschen TV Team, welches im Lager dreht, seine Chance. Es reift die Idee, sich, von dem Fernsehteam begleitet, zu Fuß nach Deutschland aufzumachen. Und dann marschieren sie los, 150.000 Flüchtlinge. Können sie alle Hindernisse überwinden und es bis nach Deutschland schaffen?

Ein TV Format plant ein Spezial. Der Sender schickt dazu sein TV Sternchen Nadeche Hackenbusch, der Engel im Elend, in eines der größten Flüchtlingslager jenseits der Sahara. Allerdings rechnet der private Fernsehsender nicht damit, dass der Engel sich als solcher entpuppt und plötzlich einen Flüchtlingstreck von 150.000 Menschen Richtung Deutschland anführt. Die Kameras halten drauf, exklusiv und täglich. Logistisch gut durchdacht, unterstützt von Spenden, marschiert der Tross durch Afrika. Jeden Tag 15 km.

Während der Zug marschiert, werden auch deutsche Politiker aufmerksam. Doch man wartet ab, ob die Menschenflut den Weg nach Deutschland wirklich zu Fuß bewältigen kann. Wenn die Versorgung nicht zusammenbricht, dann stoppt irgendeine Ländergrenze den Flüchtlingsstrom. So die Hoffnung. Aber die anderen Staaten lassen sie ziehen. Erst als die Flüchtlinge kurz vor Europas Grenzen sind, nimmt die Panik Fahrt auf. Sowohl in der Politik, als auch bei den besorgten Bürgern.

Nach „Er ist wieder da“ ist dies Timur Vermes zweiter Roman. Wieder ist es eine gesellschaftliche Satire über ein immer noch aktuelles Thema, die vor allem der zynischen Medienbranche und der ideenlosen Politik den Spiegel vorhält.

Nadeche Hackenbusch ist eine Mischung aus Gina Lisa Lohfink und Verona Pooth. Etwas naiv, dumm, aber wahnsinnig selbstbewusst und durchsetzungsfähig. Es ist nur schwer zu glauben, dass so jemand über ein Jahr hinweg unter den primitivsten Bedingungen bei diesem Flüchtlingstreck bleibt. Ebenso bezweifele ich, dass solch ein Format über diesen langen Zeitraum hinweg täglich hohe Einschaltquoten bekommt.

Begleitet wird Nadeche von der Boulevardjournalistin Astrid von Roëll. Der Roman enthält auch einige Artikel, deren Oberflächlichkeit kaum zu überbieten ist.

Der Produzent der Sendung ist kein geringer als der, aus dem ersten Roman bekannte, Sensenbrink. Er verkauft weit mehr Werbeminuten als er hat und das zu Höchstpreisen. Fäkalien will er nicht im Bild haben, aber wenn es Tote gibt, kann er ja nichts dafür. Die Menschen haben sich aus freiem Willen für diese Tortour entschieden.

Auf der politischen Seite gibt es den betagten Innenminister, der das Problem früh erkennt und dann mit einer guten Lösung überrascht. Leider stößt diese auf wütenden Protest. Sein Vertrauter, ein schwuler, ehrgeiziger Staatssekretär, versucht Härte zu zeigen. Sehr gelungen ist für mich die Gegenüberstellung der strategischen Besprechungen von Politik und TV.

Der Roman ist sehr böse und macht deutlich, dass Europa keinerlei Lösung hat, um den aktuellen Problemen zu begegnen. Die Dialoge und Zeitschriftenartikel lockern den Text auf. Dennoch zieht sich das letzten Drittel sehr in die Länge, als ob das Buch gar kein Ende nehmen will. Meiner Meinung nach wäre die Geschichte mit weit weniger Seiten erzählt. Darüber hinaus konnte mich das Ende wenig überzeugen.

Am meisten fehlt mir die eindeutige Abgrenzung nach Rechts. Das ist für mich zu schwammig. Natürlich kann man Tendenzen dahingehend erkennen, dass die eigentliche Bedrohung von dem wütenden Mob ausgeht mehr als von den friedlichen Flüchtlingen. Jedoch hätte ich mir in diesem Fall wesentlich mehr Klarheit gewünscht. Zudem sollte man erwähnen, dass nicht alle Flüchtlinge unbedingt und ausschließlich nach Deutschland wollen.

Alles in allem ein lesenswerter Roman, der nochmal einen zynischen, aber auch amüsierten Blick auf die aktuelle Lage wirft.

Hier ist noch alles möglich

Gianna Molinari

 

Der Roman kann die Distanz zwischen Figur und Leser nicht überbrücken. Die gezwungene Eigenartigkeit hat mich über weite Strecken gelangweilt.

Eine junge Frau beginnt ihre Arbeit als Nachtwächterin in einer Fabrik, welche kurz vor der Schließung steht. Sie bezieht ein geräumiges Zimmer in den Fabrikhallen. Nur noch wenige Mitarbeiter sind dort beschäftigt. Der Koch behauptet auf dem Gelände einen Wolf gesehen haben. Die Nachtwächterin hält die Augen nach dem Wolf offen und baut zusammen mit einem Kollegen eine Fallgrube. Wird der Wolf in diese Falle tappen?

Die Fabrik, in welcher die junge Frau ihre Arbeit als Nachtwächterin aufnimmt, wird nur noch kurze Zeit existieren. Es werden dort Verpackungen hergestellt, doch das Geschäft rentiert sich nicht mehr. Die Nachtwächterin freundet sich mit einigen der verbliebenen Mitarbeitern an. Auf dem Gelände soll sich ein Wolf herumtreiben. Einige Jahre zuvor fiel ein Mann vom Himmel, dessen Identität nie geklärt wurde. Die junge Frau denkt über den Wolf nach. Sie denkt darüber nach, wie ein Mann vom Himmel fallen kann und fragt sich, wer er war. Sie denkt nicht darüber nach, wohin sie nach der Schließung der Fabrik gehen soll.

Der Roman konnte mich leider nicht überzeugen. Besonders die Hauptfigur blieb mir fremd. Ich habe keinen Zugang finden können. Die eigene Denkweise der Protagonistin kam mir häufig zu gewollt vor. Streckenweise habe ich Seiten nur überflogen, weil ich nicht wusste, was ich damit anfangen soll. Sprachlich gut geschrieben, fehlt für mich das gewisse Etwas an der Erzählung, das mich fesselt, das mich berührt. Ob „von hier aus noch alles möglich ist“ bleibt fraglich, denn Zukunftsvisionen kommen in dem Roman nicht vor.

VOX

Christina Dalcher

Ein aufrüttelnder Roman, spannend erzählt, dessen Ende leider etwas konfus daherkommt.

Seit gut einem Jahr haben in den USA christliche Fundamentalisten, mehrheitlich gewählt, die Macht übernommen. Die Regierung legt besonderen Wert auf das traditionelle Rollenverständnis von Mann und Frau. Dementsprechend müssen alle Frauen ihre Arbeitsplätze räumen, um für ihre Familie zu sorgen. Damit die Frauen ihren neuen gesellschaftlichen Platz anerkennen, dürfen sie nur noch 100 Wörter pro Tag sprechen. Jede Frau und jedes Mädchen bekommt ein Armband angelegt, welches die Wörter zählt. Jede Überschreitung wird mit Stromstößen geahndet.

Dr. Jean McClellan, Wissenschaftlerin, lebt mit ihrem Mann und den 4 Kindern in einem Vorort von Washington. Jean leidet unter dem Regime und denkt täglich darüber nach, dass sie sich nie sonderlich für Politik begeistert hat. Zu ihrer Studentenzeit hat sie nie an Demonstrationen teilgenommen. Sie ist seit Ewigkeiten nicht mehr zur Wahl gegangen. Sie hat niemals geglaubt, sich jemals in solch einer Situation wiederzufinden. Nun ist sie wortlos gemacht. Ihr besonderes Augenmerk liegt auf ihrer sechsjährigen Tochter, die ebenfalls das Kontingent von 100 Wörtern nicht überschreiten darf.

Als der Bruder des Präsidenten schwer verunglückt und Teile seines Gehirns in Mitleidenschaft gezogen sind, kommt die Regierung auf Jean zu. Ein Jahr zuvor gehörte Jean dem Team zur Erforschung eines Serums an, welches die Sprachfähigkeit nach schwerwiegender Gehirnschädigung wieder herstellt. Jean stimmt zu weiter zu forschen und bekommt im Gegenzug für diese Zeit ihre Stimme wieder. Doch schnell erkennt Jean, dass es der Regierung um viel mehr geht, als um ihr Serum. Auch den angeblichen Unfall zweifelt Jean an. Ihr bleibt nicht viel Zeit, um den Kampf für ihre Freiheit endlich aufzunehmen.

Christina Dalcher beschreibt in ihrem Roman eine rückwärtsgewandte Regierung, welche Frauen, Homosexuelle und anders Denkende mit allen Konsequenzen aussortiert. Die Schikane der Wortzähler ist nur eine von vielen. Frauen haben keinen Zugang zu Büchern, PCs, Mobiltelefonen, es gibt Arbeitslager und Kameras, auch auf Privatgrundstücken. Eindringlich schildert der Roman zu Beginn wie schleichend es zu den Veränderungen gekommen ist. Das Buch hat eine deutliche Aussage

„Das Böse triumphiert allein dadurch, dass gute Menschen nichts unternehmen“

Schon nach den ersten Seiten hat mich der Roman gefesselt. Am meisten hat mich allerdings die Tatsache erschreckt, dass mir das dort aufgezeigte Szenario überhaupt nicht absurd vorkam. Bis ungefähr zur Buchmitte ist die Geschichte schlüssig erzählt. Ab dem Zeitpunkt, als Jean beginnt im Institut zu arbeiten, wird die Handlung stellenweise konfus. Vielfach fiel es mir schwer zu folgen, da mir z.B. teils das wissenschaftliche Wissen fehlt, um alles nachvollziehen zu können. Hinzu kommt, dass im letzten Drittel viele Handlungsstränge zusammenkommen. Für mich ist das Ende ein wenig verwirrend und es kommen zu viele Figuren zusammen, dadurch wirkt es teilweise konstruiert.

Alles in allem ist es ein lesenswerter Roman, der dem Leser vor Augen hält, was passiert, wenn man den Geschehnissen um sich herum mit Gleichgültigkeit begegnet. Was würdest du tun, um frei zu sein? Eine zentrale Frage im Buch!

Was man von hier aus sehen kann

Mariana Leky

„Eine nachdenkliche und zugleich fröhliche Erzählung über facettenreiche, eigenwillige Dorfbewohner.“

Wenn Selma in der Nacht von einem Okapi träumt, wird in den folgenden 24 Stunden ein Dorfbewohner sterben. Niemand weiß, wen es treffen wird. Für manche ist es der Ansporn Unausgesprochenes zu offenbaren, für andere wiederum, sich bis auf Weiteres keinerlei Gefahr auszusetzen.

In dem kleinen Dorf im Westerwald kennt jeder jeden und jeder weiß über den anderen Bescheid. Außenseiter werden integriert, den jeder besetzt eine gleichwertige Rolle in der Gemeinschaft.

Luise ist 10 Jahre alt, als ihre Großmutter Selma von einem Okapi träumt. Luise erfährt daraufhin zum ersten Mal, was Verlust bedeutet. Als die erwachsene Luise sich ernsthaft verliebt, könnte es nicht ungünstiger sein. Denn Frederik ist buddhistischer Mönch und entschlossen, sein Leben in einem japanischen Kloster zu verbringen. Es ist wie bei einem Okapi, im Prinzip passt nichts zusammen und ergibt doch ein Ganzes.

Mariana Leky schildert die eigenwilligen Dorfbewohnern mit all ihren Facetten, in glücklichen und traurigen Zeiten. Die einzelnen Figuren sind mit viel Liebe beschrieben, niemals überzogen oder lächerlich. Zugleich ein nachdenkliches und fröhliches Buch. Manche Kapitel waren mir etwas zu langatmig, dennoch ist die Romanerzählung ganz wunderbar. Nach der letzten Seite, lässt das Buch den Leser mit einem seligen Gefühl zurück. Eine Geschichte mit viel Tiefgang und Charme.

Sechs Koffer

Roman Sechs Koffer
Sechs Koffer von Maxim Biller

Direkt. Schnörkellos. Auf den Punkt gebracht schildert der Roman eine Familie, die in ihren Reihen einen Verräter vermutet.

Der Autor Maxim Biller erzählt in seinem aktuellen Roman „Sechs Koffer“ wie die Umstände, welche zu dem gewaltsamen Tod des Großvaters führten, die Familie spalten.

Zu Beginn der 1960iger Jahre. Der Tate, sein Großvater, lebte in der Sowjetunion. Zwei seiner vier Söhne leben in Prag, so auch Maxim Billers Vater. Die beiden anderen Brüder haben sich rechtzeitig in den Westen abgesetzt. Der Tate war geschäftstüchtig und er „handelte“ unter anderem mit westlichen Devisen und Sachwerten. Irgendjemand hat seine Geschäfte an den Geheimdienst verraten, denn der Tate wurde verhaftet und zum Tode verurteilt. Jeder in der Familie stellt im Geheimen für sich Mutmaßungen darüber an, wer den Tate verraten hat. Ein offenes Gespräch sucht keiner und so zerrütten unausgesprochene Verdächtigungen die Familie.

Der Großteil des Buches ist in der „Ich-Form“ formuliert. Der Autor erzählt von seiner Kindheit im kommunistisch geprägten Prag . Schon als Kind macht auch er sich Gedanken um die Schuldfrage. Wer hat den Großvater verraten? In den 1970iger Jahren, die gesamte Familie wohnt im Westen, macht er als Heranwachsender eine Entdeckungen, welche seine Kindheitstheorie in Frage stellt.

Schnörkellos und direkt formuliert Maxim Biller die Geschichte seiner Familie. Sechs Charaktere der Familie schildern ihre Perspektive zu den damaligen Vorgängen. Dem Autor ist es gelungen die Stimmungen in seiner Familie einzufangen. Zudem zeigt er antisemitische Strömungen im Kommunismus auf sowie er auch kurz das frauenfeindliche Benehmen in der tschechischen Filmindustrie erwähnt.

Der Roman macht deutlich wie sehr ein diktatorischer Überwachungsstaat das private Familienleben beeinflussen kann, auch wenn die Familie es schafft dem Staat zu entfliehen. Beeindruckend!

Der Roman ist auf der Longlist des deutschen Buchpreises erschienen.

 

An einem klaren, eiskalten Januarmorgen zu Beginn des 21. Jahrhunderts

Schimmelpfennig
An einem klaren, eiskalten Januarmorgen

Roland Schimmelpfennig

Hatte mehr erwartet

Es ist Januar. Schnee und Kälte beherrschen Deutschland. Ein einsamer Wolf kommt von Osten her und sein Weg führt ihn Richtung Berlin.

Der Weg des Wolfs verknüpft sich mit Momentaufnahmen verschiedener Personen. Ein Junge und ein Mädchen beschließen von zu Hause wegzulaufen, weil das Mädchen von ihrer Mutter geschlagen wird. Ein junger polnischer Mann wohnt mit seiner Freundin in Berlin und sehnt sich nach Polen. Ihr Leben in Berlin besteht vor allem aus Arbeit. Ein Kioskbesitzer begibt sich auf die Suche nach dem Wolf. Eine Volontärin eines Zeitungsverlages soll über den Wolf berichten. Der Vater des Jungen ist alkoholkrank. Er verfolgt die Spur der beiden Jugendlichen bis Berlin. Auch die Mutter des Mädchens macht sich auf den Weg nach Berlin, um ihre Tochter zu suchen. Einige Male kreuzen sich die Wege der Figuren.

Der Roman ist minimalistisch und nüchtern erzählt. Emotionen werden kaum und wenn, nur aus einer Distanz heraus geschildert. Aufgrund dessen ist es schwierig einen Zugang zu den Figuren und ihren Geschichten zu finden.
Für mich ist die Erzählung zu unterkühlt. Ich bekam auch kein Gefühl für Figuren, denen es meiner Ansicht nach an Tiefe fehlt. Manche Handlungen blieben für mich schwer nachvollziehbar. Die letzten Seiten habe ich mehr oder weniger nur noch überflogen. Ich hatte anderes erwartet.

Als wir unbesiegbar waren

Alice Adams
Als wir unbesiegbar waren

Alice Adams

Ein Roman über Lebenspläne, Freundschaft und das man nicht immer das bekommt, was man sich erträumt.

Eva, Benedict, Lucien und Sylvie lernen sich Mitte der 1990igern Jahre an der Universität kennen. Bis zum Studienabschluss sind die vier unzertrennlich, doch dann trennen sich ihre Wege. Voller Hoffnung stolpern sie in ihre Leben, müssen aber nach einigen Jahren erkennen, dass das Leben oftmals anders verläuft, als sie es sich vorgestellt haben. Auch wenn die vier Freunde ganz unterschiedliche Wege einschlagen, halten sie den Kontakt zueinander. Es ist die jahrelange Freundschaft, die jedem einzelnen schlussendlich den Halt und die Zuversicht gibt, das Leben so anzunehmen, wie es ist.

Obwohl die vier Freunde Eva, Benedict, Lucien und Sylvie während des Studiums unzertrennlich sind, geht jeder von ihnen nach dem Universitätsabschluss seinen eigenen Weg. Eva entscheidet sich für eine Karriere in der Londoner Finanzwelt, Benedict träumt als Physiker am CERN zu arbeiten und das Geschwisterpaar Sylvie und Lucien reist erst einmal um die Welt.

Eva wird schnell zur hart arbeitenden Karrierefrau, die sehr viel Geld verdient. Auch bei Benedict läuft es gut. Er kann seinen Traum wahr machen und geht mit seiner schwangeren Frau in die Schweiz ans CERN. Der Frauenheld Lucien organisiert derweil Partys in Londoner Clubs. Nebenbei dealt er mit Drogen, was ihm eines Tages zum Verhängnis wird. Seine Schwester Sylvie hingegen möchte eine gefragte Künstlerin werden, schlägt sich nun mit schlecht bezahlten Jobs durch und trinkt zu viel Alkohol.

Diese ungleichen Lebensweisen sorgen für Schwierigkeiten innerhalb der Freundschaft, denn sie führen zu Neid und Vorwürfen. Vor allem die Freundschaft zwischen dem Familienvater Benedict und den anderen gestaltet sich kompliziert, ebenso wie zwischen der karrierebewussten Eva und der desillusionierten Sylvie.

Doch in den ca. 10 Jahren, in denen wir Leser die vier Freunde begleiten, muss jeder von ihnen einen Rückschlag hinnehmen. Schlussendlich können sich die Freunde aufeinander verlassen und geben einander den nötigen Halt.

Der Roman erzählt beginnend in den 1990igern Jahren die Geschichte von vier Freunden, die unterschiedlicher nicht sein können und doch eine unzertrennliche Gemeinschaft bilden. Sie starten mit den verschiedensten Erwartungen in das Leben nach der Universität. Manche Träume erfüllen sich, manche Gefühle werden nicht erwidert, aber ihre Freundschaft übersteht einige Höhen und Tiefen.

Der Roman handelt von den Erwartungen, die man ans Leben stellt und was davon übrigbleibt, wenn man die erste Strecke hinter sich hat. Es ist eine wahrhaftige Geschichte über Freundschaft, Liebe und das Leben, welches sich nie an Pläne hält. Die Charakteren sind unterschiedlich gezeichnet. Lucien und Sylvie erscheinen zunächst sehr oberflächlich, doch nach einigen Kapiteln erfährt man mehr über die beiden und versteht sie besser.

Ich konnte mich gut mit den Figuren identifizieren. Eine Freundschaft über Jahre und auch über Ländergrenzen hinweg aufrecht zu erhalten, ist schwierig. Wenn zudem auch die Lebensplanungen weit auseinander driften, wird es häufig unmöglich. Ich denke, die Zielgruppe des Romans beginnt ab 35 Jahren, da es auch ums Scheitern von Lebensentwürfen geht. Die Geschichte dieser Vier ist toll erzählt und ich konnte mich darin wieder finden.

Eine andere Vorstellung vom Glück

Marc Levy
Eine andere Vorstellung vom Glück

Marc Levy

Zwei außergewöhnliche Frauen auf einem Roadtrip der besonderen Art

Dreißig Jahre hat Agatha im Gefängnis verbracht und noch fünf Jahre bleiben ihr bis zur vollständigen Verbüßung ihrer Haftstrafe. Doch sie flieht aus der Vollzugsanstalt. An einer Tankstelle in Philadelphia steigt sie zu einer jungen Frau ins Auto und zwingt diese mit ihrem Oldtimer Richtung San Francisco zu fahren. Die anfänglich sehr verunsicherte Milly Greenberg, deren Leben einer unumstößlichen Routine folgt, findet im Laufe der Fahrt Gefallen an diesem Abenteuer.
Die beiden ungleichen Frauen fahren quer durch die USA und bei jedem Stopp treffen sie auf alte Bekannte aus Agathas früherem Leben. Viel Zeit für Wiedersehensfreude bleibt allerdings nicht. Agathas Ausbruch blieb nicht unbemerkt. Ein US Marshall und das FBI sind ihnen dicht auf den Fersen. Agatha erzählt Milly ihre Geschichte und je länger die Fahrt dauert, desto deutlicher wird, dass es kein Zufall war, der Agatha in Millys Wagen einstiegen ließ.

Der neue Roman von Marc Levy entpuppt sich als ein Roadtrip besonderer Art. Zwei Frauen, die auf den ersten Blick unterschiedlicher nicht sein könnten, führt das Schicksal zusammen. Agatha hat die letzten dreißig Jahre im Gefängnis gesessen und Milly, die knapp 30 Jahre alt ist, führt ein durch und durch strukturiertes Leben, ohne sich auch nur gelegentliche Ausbrüche ihrer Routine zu erlauben. Je weiter die Geschichte voranschreitet, desto deutlicher wird, dass Agatha ein Geheimnis hat, welches die Frauen stärker mit einander verbindet, als es zuerst vermuten lässt.

Agatha gehörte in den wilden 1970iger Jahren zu den Studenten, die gegen die Doppelmoral und den Rassismus demonstrierten. Marc Levy greift einen wichtigen historischen Abschnitt der USA auf, dessen Brutalität gegenüber der eigenen Jugend kaum zu überbieten ist. Das Thema Rassismus, heutzutage aktueller den je, wird eingebettet in die bewegende Lebensgeschichte einer Frau, die den Großteil ihres Lebens hinter Gittern verbrachte, ohne weitere Mittäter zu verraten. Ganz wunderbar lässt Levy die Fäden zusammen laufen bis sie am Ende ein Ganzes ergeben. Wie in fast jedem seiner Romane ist es ein Appell an unsere Werte und an das, wofür es sich zu kämpfen lohnt.

Einziger Kritikpunkt ist das Cover, das so gar nicht zu der Geschichte passt.

Leseempfehlung!!!