Der Frauenchor von Chilbury

Jennifer Ryan

Ein sehr oberflächlicher und weichgespülter Roman, der mehr langweilt als Interesse weckt.

1940, die letzten Männer verlassen das englischen Dorf Chilbury, um in den Krieg zu ziehen. Die Frauen müssen ihren Alltag neu organisieren und auch der Chor muss nun nur noch mit den Frauenstimmen auskommen. In diesem einem Jahr überschatten einige Ereignisse das kleine Dorf. Ein unvorhergesehener Bombenangriff zerstört Teile der kleinen Gemeinde. Es gibt Tote und Verletzte zu beklagen. Fremde müssen einquartiert werden. Und alle diese Ereignisse lassen die Frauen erstarken und geben ihnen neues Selbstbewusstsein.

Die vorwiegend positive Resonanz auf den Roman kann ich leider absolut nicht teilen. Der im Titel des Buches genannte Chor spielt in der gesamten Erzählung nur eine nebensächliche Rolle. Es wird wenig deutlich, welche Bedeutung dieser Chor eigentlich für die Frauen haben soll. Weite Teile der Geschichte versinken im oberflächlichem Bla Bla. Weder jegliche Beschreibungen vom Krieg oder den Folgen noch einzelne Geschehnisse weisen wirkliche Tiefe auf. Ebenso bleiben die Figuren dem Leser im wesentlichen fremd. Im historischem Bezug fehlt die Liebe zum Detail. Gerade eingezogen, aber sofort sind die Soldaten wieder auf Urlaub zu Hause – schwer vorstellbar. Solche Ungereimtheiten finden sich viele – für mich zu viele – in dem Roman.

Auch die ganze Erzählweise wirkt wenig durchdacht. Sowohl die Tagebucheintragungen als auch die Briefe wirken keineswegs authentisch. Ein Eintrag in ein Tagebuch liest sich nicht wie ein Roman, mit detaillierter Beschreibung der Situation und wörtlicher Rede. Auf die Vielzahl der Briefe kommt anscheinend auch nie Antwort von den Adressaten. Die Briefeschreiberinnen treten nie in den Dialog oder beziehen sich auf ein Antwortschreiben. Sehr seltsam!
Die ganzen Handlungsstränge sind klinisch und ohne jede Spannung erzählt und wirken auf mich oftmals sehr konstruiert. Es fehlt Tiefe, historisches Hintergrundwissen und vor allem lebendige Figuren, die den Leser berühren.

Mein Fazit des Romans, den ich nur mit großer Disziplin zu Ende gelesen habe, ist, eine vielversprechende Geschichte, die bedauerlicherweise unzählige Schwachstellen aufweist und dadurch sehr weit hinter meinen Erwartungen zurück.

 

https://www.kiwi-verlag.de/buch/der-frauenchor-von-chilbury/978-3-462-04884-1/

 

Wenn es Frühling wird in Wien

Hartlieb
Wenn es Frühling wird in Wien

Petra Hartlieb

Der Frühling im Jahr 1912 lässt erst mal auf sich warten, denn es wird nicht so richtig warm in Wien. In der Fortsetzung von der Erzählung „Ein Winter in Wien“ rund um das Kindermädchen Marie, erlebt diese viele neue Eindrücke. Das Haus der Schnitzlers ist mittlerweile ein zu Hause für Marie geworden und auch ihre Verbindung zu dem mittellosen Buchhändler Oskar vertieft sich. Doch als Oskar die reiche Buchhändlertochter Fanni kennen lernt, stehen die jungen Leute vor einer wichtigen Entscheidung.

Marie ist nun seit einigen Monaten Kindermädchen im Hause des Schriftstellers Arthur Schnitzlers. Durch ihr herzliches und liebevolles Verhältnis zu der fast dreijährigen Lilli und dem neunjährigen Heini, hat sich ihre Stellung gefestigt. In diesem Frühjahr erlebt Marie vieles zum ersten Mal. Ob es der Besuch einer Aufführung im Theater ist oder das erste Glas Wein, der erste Kuss oder der Ausflug in den Tiergarten Schönbrunn mit den Kindern. Marie entdeckt ihre Möglichkeiten.

Im Haus der Schnitzlers geht es zeitweise turbulent zu, so dass Marie Aufgaben des Hausmädchens übernehmen muss. Dennoch fühlt sie sich bei den Schnitzlers zu Hause. Dazu trägt auch die wachsende Vertrautheit unter den drei Hausangestellten bei. Der junge und mittellose Buchverkäufer Oskar bemüht sich weiterhin sehr um Marie und versteht es ihre Leidenschaft für Bücher zu wecken. Doch dann lernt er Fanni Gold kennen, die Tochter eines reichen Buchhändlers und dessen Alleinerbin. Oskar muss eine Entscheidung für seine Zukunft treffen.

„Wenn es Frühling wird in Wien“ setzt mit viel Liebe zum Detail die wunderbare Erzählung über Marie fort. In diesem Roman erlebt Marie erstmalig die Vorzüge ihres Lebens in der Hauptstadt. Durch die Eindrücke, die sie sammelt, entwickelt sie Selbstbewusstsein und bleibt dennoch zutiefst menschlich und bescheiden in ihrem Wesen.

Petra Hartlieb findet auch in der Fortsetzung die richtigen Töne, um den Leser auf die Reise in die damalige Zeit mitzunehmen. Der Roman lebt von den Figuren, die wunderbar, authentisch erdacht und erzählt sind. Oftmals fühlt man sich als Leser direkt in die Erzählung hineingezogen. Denn genauso kann es sich zugetragen haben, damals im Frühjahr 1912 in Wien.

Ein Winter in Wien

Petra Hartlieb

Es ist Winter in Wien, das Weihnachtsfest 1911 steht bevor. Die achtzehnjährige Marie hat vor kurzem ihre Stellung als Kindermädchen bei der Familie des Schriftstellers Arthur Schnitzler angetreten. Als sie für Herrn Schnitzler ein Buch abholen soll, trifft sie auf den Buchhändler Oskar. Oskar ist auf den ersten Blick von dem jungen, etwas scheuen Mädchen beeindruckt. Um ihr näher zu kommen, schenkt er ihr ein Buch und somit nimmt die Geschichte ihren Lauf.

Marie ist mit ihren achtzehn Jahren ganz auf sich gestellt. Glücklicherweise hat sie trotz ihrer ärmlich – ländlichen Herkunft Lesen und Schreiben gelernt. Dieses Wissen verhilft ihr zu einer Stelle als Kindermädchen bei der Familie Schnitzler. Die beiden Kinder Heinrich, ein aufgeweckter neunjähriger, und Lilli, das zweijährige Nesthäkchen, haben Marie sofort ins Herz geschlossen ebenso wie die Köchin Anna. Für Marie ist diese Stelle ein Glücksfall. Zum ersten Mal in ihrem Leben bekommt sie genügend zu essen und hat ein Bett für sich allein. Im Buchladen lernt sie den Verkäufer Oskar kennen, welcher auf den ersten Blick von der jungen Frau fasziniert ist. Er schenkt ihr ein Gedichtband von Rilke und versucht Marie näher kennenzulernen. Jedoch ist diese unsicher und zögert. Oskar bleibt hartnäckig und als Marie ihn wirklich braucht, steht Oskar ihr zur Seite.

„Ein Winter in Wien“ erzählt eine unaufgeregte Geschichte, die im Wien des letzten Jahrhunderts spielt. Der Roman erzählt vom Leben einer jungen Frau, die in ärmlichen Verhältnissen auf dem Land aufgewachsen ist und nun das Leben einer wohlhabenden Familie in Wien kennenlernt. Wien um 1910 war ein Ort für Träume und Hoffnungen, von denen sich manche erfüllten, manche aber verpufften. Der Leser erfährt im Laufe der Erzählung sowohl Maries Werdegang als auch einiges über Oskars Schicksal. Im Kontext zu dem Leben, welches die Schnitzlers führen, wird deutlich wie gegensätzlich die Leben in der Großstadt sind.

Petra Hartlieb findet die richtige Sprache und Töne, um den Leser in diese Zeit zurückzuversetzen. Der Roman lebt von den Figuren, die wunderbar erdacht und erzählt sind. Es braucht nicht viel um die Stimmungen für den Leser spürbar zu machen. Das Buch ist eine kleine, feine Geschichte, die liebevoll niedergeschrieben wurde.

 

 

Animant Crumbs Staubchronik

Lin Rina

Ein Roman über eine außergewöhnliche junge Frau, die mit Wissen und Mut punktet.

Animant Crumbs Staubchronik handelt von der 19jährigen Animant Crumb, welche sich nur für Bücher anstatt, wie es für junge Damen der Gesellschaft üblich ist, für die Eroberung eines Ehemann interessiert. Animants Gleichgültigkeit hinsichtlich eines Ehemanns, führt zu dauernden Auseinandersetzungen mit ihrer Mutter. Da scheint es eine glückliche Fügung zu sein, als ihr Onkel, verantwortlich für Personalfragen an der Londoner Universität, händeringend einen Assistenten für den launischen Bibliothekar sucht. Animant soll diese Stelle für einen Monat annehmen.

Das Londoner Stadtleben unterscheidet sich erheblich von dem beschaulichen Landleben, dass Animant bislang gewöhnt ist. Tapfer stellt sie sich allen Herausforderungen, die größte ist der griesgrämige Bibliothekar, welcher ihr das Leben schwer macht. Dennoch zeigt sich das Leben in London auch von anderen Seiten, so schließt Animant schnell neue Freundschaften und entdeckt so manch Neues. Ihre vier Wochen in London sind voller neuer Eindrücke und Animant entdeckt Seiten an sich selbst, die sie nie für möglich gehalten hätte. Ausgerechnet der fürchterliche Bibliothekar hat einen großen Anteil daran.

Ende des 19. Jahrhunderts ist es für junge Frauen von gesellschaftlichen Stand erstrebenswert eine gute Partie zu machen. Nur Animant Crumbs hat überhaupt kein Interesse an Männer, die sie in den meisten Fällen für Langweiler und Dummköpfe hält. Sie verbringt ihre Zeit am liebsten mit ihren Büchern auf dem Dachboden. Durch ihr vielfältiges Wissen entlarvt sie nur allzu schnell jeden, der lediglich prahlerische Absichten hegt. Dieser Wesenszug führt zu ständigen Streitereien zwischen Animant und ihrer Mutter. Als eines Tages ihr Onkel zu Besuch ist, klagt er der Familie sein Leid. Er ist verantwortlich für Personalangelegenheiten innerhalb der Londoner Universität und ist andauernd auf der Suche nach einem Assistenten für den Bibliothekar. Dieser hat ein unleidliches Wesen und vergrault nach kurzer Zeit alle Anwärter auf die Stelle. Schnell fassen Animants Vater und Onkel den Plan, dass Animant einen Monat diese Stelle übernehmen soll.

Somit lernt Animant eine zentrale Stelle des Wissens kennen, die ansonsten Frauen zu dieser Zeit verwehrt bleibt. Die Bibliothek steht nur den männliche Studenten zur Verfügung. Es könnte für sie der schönste Platz auf Erden sein, wenn da nicht der übellaunige Bibliothekar wäre, der sie häufig schikaniert. Doch Animant ist gewillt durchzuhalten und ihr bestes zu geben. Auch das Stadtleben ist ein ganz anderes als sie es gewohnt ist. In der wissbegierigen und freiheitsliebenden Elisa findet sie schnell eine gleichgesinnte Freundin. In diesem Monat prasseln viele Eindrücke und neue Erfahrungen auf die junge Frau ein, die Animant erwachsen werden lassen. Sie lernt viel über sich selbst und das Leben, und zum ersten Mal im Leben ist Animant verliebt.

Animant ist eine willensstarke Persönlichkeit, die sich von den Regeln ihrer Zeit nicht unterkriegen lässt. Sie verkörpert eine junge, aufgeschlossene und wissbegierige junge Frau, die sich vor allem für Sachbücher rund um naturwissenschaftliche Themen interessiert. Sie war mir sofort sympathisch, auch wenn sie manchmal in verstaubte Muster zurückfällt, ist sie eine außerordentlich liebenswerte Person. In ihrer Londoner Zeit passieren ihr Dinge, die auf dem Land undenkbar gewesen wären. An einigen Stellen habe ich sehr lachen müssen, denn so groß ist der Unterschied zu der heutigen Zeit auch nicht.

Ebenso lebensbejahend und mutig ist auch Elisa. Manchmal vielleicht zu derb oder zu laut, aber eine tolle Frau und Freundin. Manche Männer kommen in dieser Erzählung nicht gut weg und das zu Recht! Es ist ein Roman über das Erwachsen werden, sich selbst finden und erkennen, aber auch über Emanzipation. Leider ist vieles, was in diesem Buch unterschwellig beschrieben wird, heute noch genauso. Wir erleben es aktuell bei dem Fall einer weiblichen Sportmoderatorin, die Fussballspiele kommentiert.

Ein außergewöhnlicher Roman!