Das Feld

Robert Seethaler

Wenn Tote zu uns sprechen…ein eindringlicher, berührender, skurriler, menschlicher, wahrhaftiger Roman.

Das Feld, so nennen die Paulstädter ihren alten Friedhof. Täglich sitzt Harry Stevens dort auf der Holzbank unter der krumgewachsenen Birke. Er sinniert über die Toten und fragt sich, was sie wohl erzählen würden, hätten sie noch ein einziges Mal die Gelegenheit ihre Stimme zu erheben.

Und sie reden. Über ihre verpassten Chancen, über ihr Unglück oder glückliche Zeiten, über Begegnungen und Liebe, wie sie die Welt verlassen haben und über das Alter und den Tod. Der Roman ist voller Leben, auch wenn die Charaktere allesamt unter der Erde liegen. Sie erzählen von ihrer Stadt, von ihren Schicksalen und geben damit einen umfassenden Einblick hinter die Fassaden einer Kleinstadt.

Robert Seethaler nimmt uns mit in die Welt der Menschen, die ihr Leben hinter sich haben.Was ist nach dem Tod noch wichtig? Manche Geschichten berühren, manche lassen den Leser schmunzeln, doch alle sind wahrhaftig. Robert Seethaler versteht es das facettenreiche Leben mit all den kleinen Unzulänglichkeiten, Hoffnungen und Enttäuschungen in wundersame Worte zu verpacken. Ich konnte das Buch kaum aus der Hand legen. Es hat mich sehr bewegt und ich kann es nur empfehlen.

Unter der Drachenwand

Arno Geiger

1944. Wie lange dauert der Krieg noch, was kommt danach, wer wird es überleben? Tagebuchähnlich erzählt, gibt der Roman Einblicke in die Gefühlswelt eines jungen Soldaten, der in einem österreichischen Dorf nahe der Drachenwand seine Verwundung auskuriert und langsam wieder beginnt selbstbestimmt zu leben.

 

1944 läutet das Ende des Krieges ein. Doch wann kommt das Ende und wie wird es aussehen? Veit Kolbe, ein junger Soldat, verwundet in Russland, ist auf Heimaturlaub, um sich auszukurieren. Fünf Jahre Front haben ihm alle Illusionen geraubt. Wird er jemals ein selbstbestimmtes Leben führen, in dem er eigene Entscheidungen treffen kann?

Nach seiner schweren Verwundung bekommt Veit Kolbe Heimaturlaub und fährt zu seinen Eltern nach Wien. Seit fünf Jahren ist er Soldat. Zuvor war er Schüler. Mittlerweile zweifelt er an einer selbstbestimmten Zukunft, fühlt sich um diese Jahre betrogen. Die Erfahrungen an der Front lassen ihn an dem Regime zweifeln. Häufig gerät er mit seinem Vater, einem überzeugten Nationalsozialist, aneinander. Deshalb beschließt Veit in das kleine Dorf Mondsee umzusiedeln. Dort ist sein Onkel Polizist und beschafft ihm eine Unterkunft. In diesen Monaten in Mondsee erfährt Veit erstmals so etwas wie ein normales, erwachsenes Leben. Er findet einen Freund, den „Brasilianer“, welcher davon träumt ein weiteres Mal nach Südamerika zu reisen, um dann dort zu bleiben. Und Veit findet eine Frau, Margot aus Darmstadt, die er lieben lernt. Im Laufe 1944 rückt die Front näher heran. Das letzte soldatische Aufgebot wird verpflichtet. Wie lange kann er sich noch auf seine Verletzung berufen?

Eindringlich schildert Arno Geiger die Gefühlswelt dieses jungen Mannes, der es leid ist, sein Leben für eine Sache zu opfern, an die er längst nicht mehr glaubt. Er fühlt sich um sein Leben und seine Träume betrogen. Geplagt von schrecklichen Bildern des Erlebten, kämpft er mit Angstzustände und Panikattacken.

Neben Veit Kolbes tagebuchähnlichen Erzählungen, geben auch die Briefe von Margots Mutter aus Darmstadt Einblicke in das tägliche Leben. 1944 verstärken sich die Luftangriffe und die Front kommt näher.

Auch über das tragische Schicksal eines aus Wien stammenden, verschickten Mädchens und dessen Familie berichtet der Roman.

Die Briefe des Wiener Juden Oskar Meyer, der nach Budapest flieht und dort vom Nationalsozialismus wieder eingeholt wird, stechen aus der Erzählung heraus und haben sich mir nicht erschlossen. Oskar Meyer steht für mich in keinerlei Verbindung zu den anderen Figuren. Natürlich ist auch sein Schicksal es wert erzählt zu werden, doch sein Auftauchen in dem Roman erklärt sich nicht. Somit ist es jedes Mal eine Unterbrechung des Erzählflusses, wenn er zu Wort kommt. Die einzige Verbindung, die ich erkennen konnte, ist der gleiche Wiener Bezirk, aus dem die meisten Figuren stammen.

Mich hat die Geschichte tief berührt. Sich bewusst zu machen, wie sehr der Lauf der Geschichte einzelne Lebensläufe beeinflusst hat. Veit Kolbes Angstzustände und seine Hoffnung auf das Kriegsende, sind eindringlich und realistisch geschildert. Ich habe mit ihm gehofft, dass er es schafft sich weiter „zu drücken“. In den Bemerkungen auf den letzten Romanseiten erfährt der Leser, was aus den Protagonisten geworden ist.

Alles in allem ein empfehlenswerter und berührender Roman, der vom Alltag, mit all seiner Brutalität und Normalität, der Menschen im Jahr 1944 erzählt.

 

Die verbotene Zeit

Claire Winter
Die verbotene Zeit

Claire Winter

Ein außergewöhnlicher Roman über das Streben sich in schwierigen Zeiten nicht selbst zu verlieren

Bei einem schweren Autounfall verliert die Journalistin Carla ihre Erinnerung an die Monate vor dem Unfall. Diese Teilamnesie kann Carla nur schwer ertragen. Es quält sie die Frage, was in dieser Zeit geschehen ist. Ihr Ehemann Tom und ihr Vater versuchen sie zu unterstützen. Beide raten ihr nach vorne zu blicken. Doch Carla wird das Gefühl nicht los, dass die beiden Männer ihr etwas verheimlichen. Aufgrund dessen beschließt sie über diese verlorene Zeit ihrer Erinnerung zu recherchieren. Dabei stößt sie auf Ungereimtheiten und entdeckt, dass die Menschen, denen sie am meisten vertraut, etwas vor ihr verbergen.

Einige Monate sind nach Carlas Autounfall vergangen. Körperlich hat sie keine Spuren zurückbehalten, doch ihre Erinnerung an die Monate direkt vor dem Unfall ist weiterhin ausgelöscht. Auch die Behandlung bei einem renommierten Psychiater bringt keine Ergebnisse. Sowohl ihr Ehemann Tom als auch ihr Vater raten ihr sich nicht weiter mit Fragen zu dieser Zeit zu quälen. Dennoch wird Carla das Gefühl nicht los, dass die beiden ihr etwas verheimlichen. Als Carla den Rat ihrer Freundin Rachel befolgt, eine journalistische Recherche über sich selbst anzustellen, wird ihr ziemlich schnell klar, dass sie im vergangenen Sommer einem Familiengeheimnis auf der Spur war.

Der Journalist David Grant, dessen Telefonnummer Carla in ihrem Notizbuch findet, hat vor Monaten den Anstoß dazu gegeben, dass sich Carla mit der Vergangenheit ihrer Eltern beschäftigte. Er ist auf der Suche nach einer guten Freundin ihrer Mutter, deren Spur sich 1946 in Berlin verliert. Carlas Mutter Dora ist seit Jahren psychisch labil und in einer speziellen Klinik untergebracht. Sie kann keine klare Auskunft über die ehemals beste Freundin geben und ihr Vater bleibt bei seinen Antworten eher wortkarg. Welches Geheimnis will er um jeden Preis bewahren?

Und was hat das Verschwinden von Carlas älteren Schwester Anastasia mit all dem zu tun? Vor sechszehn Jahren ging die Polizei davon aus, dass sie ertrunken sei. Doch Carla entdeckt durch ihre Nachforschungen einige Wiedersprüche. Gibt es eine Verbindung zwischen dem Verschwinden Anastasias und dem ehemaligen deutschen SS Offizier, der zur gleichen Zeit an der Küste tot aufgefundenen wurde? Carlas Eltern wanderten kurz nach dem Krieg von Deutschland nach England aus. Kannten sie den Mann?
Carla fliegt daraufhin nach Berlin, um dort mehr über das damalige Leben ihrer Eltern zu erfahren. Langsam fügen sich die verschiedenen Puzzleteile zusammen, doch die finalen Antworten kann nur Carlas Vater geben.

Der Roman erzählt von einer tiefen Freundschaft zwischen Edith und Dora, die in den 1920iger Jahren beginnt und trotz aller Wiederstände bis ins Erwachsenenleben ungebrochen ist. Doch im Dritten Reich nimmt das Leben der beiden Frauen eine schicksalhafte Wendung. Erst Doras Tochter Carla beginnt Fragen nach der Vergangenheit ihrer Eltern zu stellen.

Wunderbar beschreibt Claire Winter diese Freundschaft von Beginn an bis zu einem tragischen Vorfall, welcher das Leben aller verändern wird. Es ist eine Geschichte über Vertrauen, Träume, Schicksalsschläge und vom Streben, in schwierigen Zeiten, das Richtige zu tun. Der Roman spielt 1975 in England, führt den Leser jedoch durch Rückblenden zurück in das Berlin der Weimarer Republik und die Zeit des Dritten Reiches. Gekonnt zeichnet Claire Winter die Entwicklung ihrer Figuren nach, so dass die Geschichte den Leser sofort gefangen nimmt. Der Schreibstil der Autorin ist leicht und die Beschreibungen oft herrlich detailgetreu, so dass man die Szenen bildlich vor sich sieht und emotional eingebunden wird.

Ich habe das Buch kaum aus der Hand legen können, da sich der Spannungsbogen durch alle Kapitel zieht und man einfach wissen will, wie es weitergeht. Man merkt dem Roman an, dass die Autorin gewissenhaft recherchiert hat und mit Überzeugung dabei ist. Es ist eine außergewöhnliche Erzählung, die historische Tatsachen mit dem lebensnahem Schicksal der Figuren gekonnt verbindet. Absolut lesenswert!

Als wir unbesiegbar waren

Alice Adams
Als wir unbesiegbar waren

Alice Adams

Ein Roman über Lebenspläne, Freundschaft und das man nicht immer das bekommt, was man sich erträumt.

Eva, Benedict, Lucien und Sylvie lernen sich Mitte der 1990igern Jahre an der Universität kennen. Bis zum Studienabschluss sind die vier unzertrennlich, doch dann trennen sich ihre Wege. Voller Hoffnung stolpern sie in ihre Leben, müssen aber nach einigen Jahren erkennen, dass das Leben oftmals anders verläuft, als sie es sich vorgestellt haben. Auch wenn die vier Freunde ganz unterschiedliche Wege einschlagen, halten sie den Kontakt zueinander. Es ist die jahrelange Freundschaft, die jedem einzelnen schlussendlich den Halt und die Zuversicht gibt, das Leben so anzunehmen, wie es ist.

Obwohl die vier Freunde Eva, Benedict, Lucien und Sylvie während des Studiums unzertrennlich sind, geht jeder von ihnen nach dem Universitätsabschluss seinen eigenen Weg. Eva entscheidet sich für eine Karriere in der Londoner Finanzwelt, Benedict träumt als Physiker am CERN zu arbeiten und das Geschwisterpaar Sylvie und Lucien reist erst einmal um die Welt.

Eva wird schnell zur hart arbeitenden Karrierefrau, die sehr viel Geld verdient. Auch bei Benedict läuft es gut. Er kann seinen Traum wahr machen und geht mit seiner schwangeren Frau in die Schweiz ans CERN. Der Frauenheld Lucien organisiert derweil Partys in Londoner Clubs. Nebenbei dealt er mit Drogen, was ihm eines Tages zum Verhängnis wird. Seine Schwester Sylvie hingegen möchte eine gefragte Künstlerin werden, schlägt sich nun mit schlecht bezahlten Jobs durch und trinkt zu viel Alkohol.

Diese ungleichen Lebensweisen sorgen für Schwierigkeiten innerhalb der Freundschaft, denn sie führen zu Neid und Vorwürfen. Vor allem die Freundschaft zwischen dem Familienvater Benedict und den anderen gestaltet sich kompliziert, ebenso wie zwischen der karrierebewussten Eva und der desillusionierten Sylvie.

Doch in den ca. 10 Jahren, in denen wir Leser die vier Freunde begleiten, muss jeder von ihnen einen Rückschlag hinnehmen. Schlussendlich können sich die Freunde aufeinander verlassen und geben einander den nötigen Halt.

Der Roman erzählt beginnend in den 1990igern Jahren die Geschichte von vier Freunden, die unterschiedlicher nicht sein können und doch eine unzertrennliche Gemeinschaft bilden. Sie starten mit den verschiedensten Erwartungen in das Leben nach der Universität. Manche Träume erfüllen sich, manche Gefühle werden nicht erwidert, aber ihre Freundschaft übersteht einige Höhen und Tiefen.

Der Roman handelt von den Erwartungen, die man ans Leben stellt und was davon übrigbleibt, wenn man die erste Strecke hinter sich hat. Es ist eine wahrhaftige Geschichte über Freundschaft, Liebe und das Leben, welches sich nie an Pläne hält. Die Charakteren sind unterschiedlich gezeichnet. Lucien und Sylvie erscheinen zunächst sehr oberflächlich, doch nach einigen Kapiteln erfährt man mehr über die beiden und versteht sie besser.

Ich konnte mich gut mit den Figuren identifizieren. Eine Freundschaft über Jahre und auch über Ländergrenzen hinweg aufrecht zu erhalten, ist schwierig. Wenn zudem auch die Lebensplanungen weit auseinander driften, wird es häufig unmöglich. Ich denke, die Zielgruppe des Romans beginnt ab 35 Jahren, da es auch ums Scheitern von Lebensentwürfen geht. Die Geschichte dieser Vier ist toll erzählt und ich konnte mich darin wieder finden.

Eine andere Vorstellung vom Glück

Marc Levy
Eine andere Vorstellung vom Glück

Marc Levy

Zwei außergewöhnliche Frauen auf einem Roadtrip der besonderen Art

Dreißig Jahre hat Agatha im Gefängnis verbracht und noch fünf Jahre bleiben ihr bis zur vollständigen Verbüßung ihrer Haftstrafe. Doch sie flieht aus der Vollzugsanstalt. An einer Tankstelle in Philadelphia steigt sie zu einer jungen Frau ins Auto und zwingt diese mit ihrem Oldtimer Richtung San Francisco zu fahren. Die anfänglich sehr verunsicherte Milly Greenberg, deren Leben einer unumstößlichen Routine folgt, findet im Laufe der Fahrt Gefallen an diesem Abenteuer.
Die beiden ungleichen Frauen fahren quer durch die USA und bei jedem Stopp treffen sie auf alte Bekannte aus Agathas früherem Leben. Viel Zeit für Wiedersehensfreude bleibt allerdings nicht. Agathas Ausbruch blieb nicht unbemerkt. Ein US Marshall und das FBI sind ihnen dicht auf den Fersen. Agatha erzählt Milly ihre Geschichte und je länger die Fahrt dauert, desto deutlicher wird, dass es kein Zufall war, der Agatha in Millys Wagen einstiegen ließ.

Der neue Roman von Marc Levy entpuppt sich als ein Roadtrip besonderer Art. Zwei Frauen, die auf den ersten Blick unterschiedlicher nicht sein könnten, führt das Schicksal zusammen. Agatha hat die letzten dreißig Jahre im Gefängnis gesessen und Milly, die knapp 30 Jahre alt ist, führt ein durch und durch strukturiertes Leben, ohne sich auch nur gelegentliche Ausbrüche ihrer Routine zu erlauben. Je weiter die Geschichte voranschreitet, desto deutlicher wird, dass Agatha ein Geheimnis hat, welches die Frauen stärker mit einander verbindet, als es zuerst vermuten lässt.

Agatha gehörte in den wilden 1970iger Jahren zu den Studenten, die gegen die Doppelmoral und den Rassismus demonstrierten. Marc Levy greift einen wichtigen historischen Abschnitt der USA auf, dessen Brutalität gegenüber der eigenen Jugend kaum zu überbieten ist. Das Thema Rassismus, heutzutage aktueller den je, wird eingebettet in die bewegende Lebensgeschichte einer Frau, die den Großteil ihres Lebens hinter Gittern verbrachte, ohne weitere Mittäter zu verraten. Ganz wunderbar lässt Levy die Fäden zusammen laufen bis sie am Ende ein Ganzes ergeben. Wie in fast jedem seiner Romane ist es ein Appell an unsere Werte und an das, wofür es sich zu kämpfen lohnt.

Einziger Kritikpunkt ist das Cover, das so gar nicht zu der Geschichte passt.

Leseempfehlung!!!