Das Feld

Robert Seethaler

Wenn Tote zu uns sprechen…ein eindringlicher, berührender, skurriler, menschlicher, wahrhaftiger Roman.

Das Feld, so nennen die Paulstädter ihren alten Friedhof. Täglich sitzt Harry Stevens dort auf der Holzbank unter der krumgewachsenen Birke. Er sinniert über die Toten und fragt sich, was sie wohl erzählen würden, hätten sie noch ein einziges Mal die Gelegenheit ihre Stimme zu erheben.

Und sie reden. Über ihre verpassten Chancen, über ihr Unglück oder glückliche Zeiten, über Begegnungen und Liebe, wie sie die Welt verlassen haben und über das Alter und den Tod. Der Roman ist voller Leben, auch wenn die Charaktere allesamt unter der Erde liegen. Sie erzählen von ihrer Stadt, von ihren Schicksalen und geben damit einen umfassenden Einblick hinter die Fassaden einer Kleinstadt.

Robert Seethaler nimmt uns mit in die Welt der Menschen, die ihr Leben hinter sich haben.Was ist nach dem Tod noch wichtig? Manche Geschichten berühren, manche lassen den Leser schmunzeln, doch alle sind wahrhaftig. Robert Seethaler versteht es das facettenreiche Leben mit all den kleinen Unzulänglichkeiten, Hoffnungen und Enttäuschungen in wundersame Worte zu verpacken. Ich konnte das Buch kaum aus der Hand legen. Es hat mich sehr bewegt und ich kann es nur empfehlen.

Hippie

Paulo Coelho (erschienen im Diogenes Verlag)

Unterhaltsame Einblicke in die Hippie Zeit, ohne WOW Effekt. Doch das Buchcover ist ein Hingucker!

Es ist 1969. Die Hippie Bewegung ist auf ihrem Höhepunkt. Karla, eine junge Niederländerin sitzt täglich am Amsterdamer Dam, dem Treffpunkt der Hippies. Sie sucht nach einer männlichen Reisebegleitung für den Trip mit dem ‚Magic Bus‘ nach Kathmandu. Als sie den Brasilianer Paulo kennenlernt, weiß sie sofort, dass er der Mensch ist, auf den sie gewartet hat. Gemeinsam treten sie die abenteuerliche Reise an.

Karla und Paulo lernen sich in Amsterdam kennen. Karla will unbedingt nach Kathmandu reisen und braucht dafür einen männlichen Reisebegleiter. Paulo ist fasziniert von der Niederländerin. Er ist schon durch Südamerika gereist und hat dabei gute, aber auch schlechte Erfahrungen gemacht.
Die beiden brechen als Teil einer kleinen Reisegruppe mit dem ‚Magic Bus‘ auf. Die Reise führt sie durch Deutschland und Österreich, dann durch die Balkanstaaten. Der erste längere Stopp ist Istanbul. Bis dahin hat die Gruppe einiges erlebt und genießt nun das Flair der zwei Kontinente. Doch nicht jeder wird die Reise fortsetzen.

Paulo Coelho erzählt von seiner Jugend und von einer jungen Frau, die er damals kennengelernte. Der Roman steckt voller Lebensweisheiten. Er beschreibt die spirituelle Suche der Hippies nach dem Sinn des Lebens. Die Freiheit für unbestimmte Zeit eine solche Reise anzutreten, macht sicherlich die Faszination des Romans aus. Zudem berichtet Coelho auch von den Schwierigkeiten der „Gammler“ mit den „normalen“ Bürgern. Der Leser bekommt wesentliche Einblicke in den gesellschaftlichen Umgang mit der Hippie Kultur sowohl in Europa als auch in Südamerika.

Leider bleibt die Erzählung rund um die Hauptakteure ziemlich farblos und langweilig. Diesen Umstand gleichen die wesentlich spannenderen Geschichten der Nebencharakteren aus. Jeder Reisende geht dieses Abenteuer im Magic Bus aus einer persönlichen Intention heraus ein.

Eine unterhaltsame Erzählung, deren flüssiger Schreibstil eine Freude beim Lesen ist, doch ohne erwähnenswerte Höhepunkte auskommt.

Ich habe den Roman im Rahmen einer Leserunde bei Lovelybooks vom Diogenes Verlag zur Verfügung gestellt bekommen. Herzlichen Dank an den Verlag für das liebevoll gepackte Päckchen!

 

Unterwegs auf der FBM 2018

Es ist der 14. Oktober 2018 gegen Mittag, als ich aus dem Shuttlebus vor der Frankfurter Messehalle 3 aussteige. Es ist sommerlich warm. Die Temperaturen liegen bei 25 Grad und der Himmel ist wolkenlos blau.

Nach einer kurzen Taschenkontrolle, trete ich in die menschenvolle Halle. Ich beginne meine Runde auf der Frankfurter Buchmesse 2018. Auf dem Weg treffe ich alte Bekannte wie Räuber Hotzenplotz, die kleine Hexe (ich denke, dass sie es war) und Harry Potter. Besonders stechen die bunt gekleideten Gruppen ins Auge, die Teile eines Fantasie Romans darstellen sollen. Es ist wirklich faszinierend wie viel Mühe sich einige Besucher mit ihren Outfits gegeben haben. Ich kenne mich im Fantasie Sektor nicht aus, so dass ich die Kleidervariationen nur bewundert habe ohne sie zuordnen zu können.

Der Sonntag ist der Tag auf der Messe, an dem Bücher verkauft werden. Bei diesem riesengroßen Angebot an Büchern ist das für jemanden wie mich eine harte Prüfung. Glücklicherweise kann man an den wenigsten Ständen per Karte bezahlen. Schlussendlich haben drei Büchern mit mir die Messe verlassen.

„Die Erinnerung des Felsens“ von Mauricio Lyrio aus dem Arara Verlag. Dieser Roman spielt in Brasilien und handelt von einem Philosophieprofessor, der einen Straßenjungen bei sich aufnimmt. Bei dem aufgeschlossenen und freundlichen Gespräch am Stand, haben mich die zwei Verlagsführerinnen mit ihrer Begeisterung für das Buch angesteckt. Ich freue mich schon sehr auf die Lektüre.

„Ein Monat auf dem Land“ von J. L. Carr aus dem Programm des DUMONT Verlages. In diesem Roman ist es ein Weltkriegsveteran, der seinen Frieden in einem Dorf in Yorkshire sucht.

„Deutsches Haus“ von Annette Hess verlegt vom Ullstein Verlag. Die Autorin ist keine Unbekannte. Sie entwickelte einige erfolgreiche Fernsehreihen, beispielsweise „Weissensee“ und „Ku’damm 56/59“. Dieser Roman ist in dem Jahr 1963 angesiedelt und erzählt von einer jungen Dolmetscherin, welche im ersten Ausschwitzprozess als Übersetzerin tätig ist. Ihre Familie ist davon wenig begeistert, doch die junge Frau nimmt an dem Prozess teil, denn bisher ist ihr dieses Ausschwitz völlig unbekannt.

Die Auswahl habe ich spontan getroffen. Es hätten noch so viele Bücher mehr werden können. Doch zum einen ist so ein Messetag recht lang und zum anderen kann ich gar nicht so viel lesen, wie ich kaufen möchte. Das ist bei der Fülle an Büchern eine erschreckende Erkenntnis; ich werde es wahrscheinlich niemals schaffen alle Bücher – und sei es nur die, die wirklich mein Interesse wecken – zu lesen.

Neben Buchverlagen präsentierten sich auch diverse Fernsehsender in den Messehallen. Am arte Stand folgte ich einem interessanten Gespräch bzgl. einer Sendereihe über den 30jährigen Krieg. Darauf folgte eine Gesprächsrunde über den Bauhausstil. Die großen historischen Buchthemen in diesem Jahr sind die 68iger Generation ebenso wie der 30jährige Krieg und das Ende des 1. Weltkrieges. Etliche Autoren signierten fleißig Bücher und beantworteten Fragen. Im Programmverlauf war für jeden etwas dabei.

Meine Pause habe ich dieses Jahr draußen verbracht. Bei dem herrlichen Wetter habe ich entspannt mein Eis genossen und dem bunten Treiben auf dem Außenplatz zugesehen.

Um 17:30 Uhr schlossen sich die Tore der Messe. Es ist eine kleine Branche, die vieles zu bieten hat. Mit viel Freude habe ich auf den einzelnen Ständen gestöbert und einige interessante Gespräche geführt. Ziemlich geschafft bin ich dann wieder in den Shuttlebus gestiegen, um nach Hause zu fahren.

Nun bin ich voller Vorfreude auf die Leipziger Buchmesse, vom 21.-24. März 2019. Die Frankfurter Buchmesse findet vom 16.-20. Oktober 2019 statt.

Fotos von der Buchmesse findet ihr auf meinem Instagram Profil und auf der Facebookseite.

http://www.instagram.com/lesepartie_lit.blog

Die Hunrigen und die Satten

Timur Vermes

Ein Satireroman mit Schwächen. Böse, amüsant, unterhaltsam und politisch aktuell. Doch etwas zu lang geraten.

Europas Grenzen sind dicht. Deutschland hat die Obergrenze eingeführt. Die Flüchtlinge sitzen in riesigen Lagern in Afrika fest und kaum jemand kann noch die Kosten für einen Schlepper aufbringen. Ein junger afrikanischer Flüchtling sieht in einem deutschen TV Team, welches im Lager dreht, seine Chance. Es reift die Idee, sich, von dem Fernsehteam begleitet, zu Fuß nach Deutschland aufzumachen. Und dann marschieren sie los, 150.000 Flüchtlinge. Können sie alle Hindernisse überwinden und es bis nach Deutschland schaffen?

Ein TV Format plant ein Spezial. Der Sender schickt dazu sein TV Sternchen Nadeche Hackenbusch, der Engel im Elend, in eines der größten Flüchtlingslager jenseits der Sahara. Allerdings rechnet der private Fernsehsender nicht damit, dass der Engel sich als solcher entpuppt und plötzlich einen Flüchtlingstreck von 150.000 Menschen Richtung Deutschland anführt. Die Kameras halten drauf, exklusiv und täglich. Logistisch gut durchdacht, unterstützt von Spenden, marschiert der Tross durch Afrika. Jeden Tag 15 km.

Während der Zug marschiert, werden auch deutsche Politiker aufmerksam. Doch man wartet ab, ob die Menschenflut den Weg nach Deutschland wirklich zu Fuß bewältigen kann. Wenn die Versorgung nicht zusammenbricht, dann stoppt irgendeine Ländergrenze den Flüchtlingsstrom. So die Hoffnung. Aber die anderen Staaten lassen sie ziehen. Erst als die Flüchtlinge kurz vor Europas Grenzen sind, nimmt die Panik Fahrt auf. Sowohl in der Politik, als auch bei den besorgten Bürgern.

Nach „Er ist wieder da“ ist dies Timur Vermes zweiter Roman. Wieder ist es eine gesellschaftliche Satire über ein immer noch aktuelles Thema, die vor allem der zynischen Medienbranche und der ideenlosen Politik den Spiegel vorhält.

Nadeche Hackenbusch ist eine Mischung aus Gina Lisa Lohfink und Verona Pooth. Etwas naiv, dumm, aber wahnsinnig selbstbewusst und durchsetzungsfähig. Es ist nur schwer zu glauben, dass so jemand über ein Jahr hinweg unter den primitivsten Bedingungen bei diesem Flüchtlingstreck bleibt. Ebenso bezweifele ich, dass solch ein Format über diesen langen Zeitraum hinweg täglich hohe Einschaltquoten bekommt.

Begleitet wird Nadeche von der Boulevardjournalistin Astrid von Roëll. Der Roman enthält auch einige Artikel, deren Oberflächlichkeit kaum zu überbieten ist.

Der Produzent der Sendung ist kein geringer als der, aus dem ersten Roman bekannte, Sensenbrink. Er verkauft weit mehr Werbeminuten als er hat und das zu Höchstpreisen. Fäkalien will er nicht im Bild haben, aber wenn es Tote gibt, kann er ja nichts dafür. Die Menschen haben sich aus freiem Willen für diese Tortour entschieden.

Auf der politischen Seite gibt es den betagten Innenminister, der das Problem früh erkennt und dann mit einer guten Lösung überrascht. Leider stößt diese auf wütenden Protest. Sein Vertrauter, ein schwuler, ehrgeiziger Staatssekretär, versucht Härte zu zeigen. Sehr gelungen ist für mich die Gegenüberstellung der strategischen Besprechungen von Politik und TV.

Der Roman ist sehr böse und macht deutlich, dass Europa keinerlei Lösung hat, um den aktuellen Problemen zu begegnen. Die Dialoge und Zeitschriftenartikel lockern den Text auf. Dennoch zieht sich das letzten Drittel sehr in die Länge, als ob das Buch gar kein Ende nehmen will. Meiner Meinung nach wäre die Geschichte mit weit weniger Seiten erzählt. Darüber hinaus konnte mich das Ende wenig überzeugen.

Am meisten fehlt mir die eindeutige Abgrenzung nach Rechts. Das ist für mich zu schwammig. Natürlich kann man Tendenzen dahingehend erkennen, dass die eigentliche Bedrohung von dem wütenden Mob ausgeht mehr als von den friedlichen Flüchtlingen. Jedoch hätte ich mir in diesem Fall wesentlich mehr Klarheit gewünscht. Zudem sollte man erwähnen, dass nicht alle Flüchtlinge unbedingt und ausschließlich nach Deutschland wollen.

Alles in allem ein lesenswerter Roman, der nochmal einen zynischen, aber auch amüsierten Blick auf die aktuelle Lage wirft.

Hier ist noch alles möglich

Gianna Molinari

 

Der Roman kann die Distanz zwischen Figur und Leser nicht überbrücken. Die gezwungene Eigenartigkeit hat mich über weite Strecken gelangweilt.

Eine junge Frau beginnt ihre Arbeit als Nachtwächterin in einer Fabrik, welche kurz vor der Schließung steht. Sie bezieht ein geräumiges Zimmer in den Fabrikhallen. Nur noch wenige Mitarbeiter sind dort beschäftigt. Der Koch behauptet auf dem Gelände einen Wolf gesehen haben. Die Nachtwächterin hält die Augen nach dem Wolf offen und baut zusammen mit einem Kollegen eine Fallgrube. Wird der Wolf in diese Falle tappen?

Die Fabrik, in welcher die junge Frau ihre Arbeit als Nachtwächterin aufnimmt, wird nur noch kurze Zeit existieren. Es werden dort Verpackungen hergestellt, doch das Geschäft rentiert sich nicht mehr. Die Nachtwächterin freundet sich mit einigen der verbliebenen Mitarbeitern an. Auf dem Gelände soll sich ein Wolf herumtreiben. Einige Jahre zuvor fiel ein Mann vom Himmel, dessen Identität nie geklärt wurde. Die junge Frau denkt über den Wolf nach. Sie denkt darüber nach, wie ein Mann vom Himmel fallen kann und fragt sich, wer er war. Sie denkt nicht darüber nach, wohin sie nach der Schließung der Fabrik gehen soll.

Der Roman konnte mich leider nicht überzeugen. Besonders die Hauptfigur blieb mir fremd. Ich habe keinen Zugang finden können. Die eigene Denkweise der Protagonistin kam mir häufig zu gewollt vor. Streckenweise habe ich Seiten nur überflogen, weil ich nicht wusste, was ich damit anfangen soll. Sprachlich gut geschrieben, fehlt für mich das gewisse Etwas an der Erzählung, das mich fesselt, das mich berührt. Ob „von hier aus noch alles möglich ist“ bleibt fraglich, denn Zukunftsvisionen kommen in dem Roman nicht vor.