Zeitsprünge in Romanen

Rückblende
Zeitsprung

Rückblenden, Zeitsprünge. Lässt sich mit diesem Stilmittel die Geschichte eines Romans interessanter gestalten oder verwirrt es den Leser? Welche Varianten gibt es?

In zahlreichen Romanen wird mit Rückblenden gearbeitet. Auf diese Weise kann man einen Roman interessant und spannend gestalten. Jedoch birgt es auch die Gefahr, dass die Geschichte dadurch unübersichtlich wird. Für den Einbau von Zeitsprüngen in die Geschichte stehen dem Autor verschiedene Varianten zur Verfügung und seiner Kreativität steht nichts im Weg.

Vor einigen Wochen las ich den Roman „Das rote Adressbuch“. Das Erstlingswerk der Autorin Sofia Lundberg. Die Autorin hat sich für eine sehr einfache, übersichtliche Fassung entschieden. Die vergangenen Ereignisse waren von der Gegenwart durch jeweilige Kapitel unterteilt. Der Roman beginnt in der Gegenwart und führt dann chronologisch geordnet immer wieder zurück in die Vergangenheit. Die chronologische Anordnung der Rückblenden macht es dem Leser leicht, dem Wechsel der zeitlichen Handlungssträngen zu folgen. Der Roman ist durch seinen Schreibstil ebenfalls sehr einfach gehalten, so dass auch das verwendete Stilmittel der Zeitsprünge zu dem Buch passen.

Anders präsentiert sich da schon der Roman von Anne Gesthuysen „Wir sind doch Schwestern“. Zwar sind auch in diesem Roman die Rückblenden von den Gegenwartsbeschreibungen durch Kapitel getrennt, jedoch nicht chronologisch geordnet. Des weiteren steht nicht nur eine Figur im Fokus der Erzählung, sondern die drei Schwestern. Der 100. Geburtstag der Ältesten holt den Leser in die Jetztzeit. Erleichtert wird die Einordnung der Zeitsprünge durch den Zusatz der Kapitelüberschriften, die das jeweilige Datum angeben. Trotz allem verlangt Anne Gesthuysens Roman im Vergleich wesentlich mehr Leseraufmerksamkeit, denn nur langsam reihen sich die vergangenen Ereignisse zu einem Bild zusammen. Ein Vorteil dieser Erzählweise ist ganz klar, der Spannungsbogen, welcher dabei besser aufgebaut und gehalten wird.

Komplizierter wird es dann schon in „Neuland“, einem Roman von Eskhol Nevo. Die Erzählung hat zwar nur zwei Hauptfiguren, dennoch sind diese eng verbunden mit der Vergangenheit der Nebenfiguren. Somit beziehen sich Zeitsprünge nicht nur auf Haupt-, sondern auch auf Nebenfiguren. Weiterhin sind nicht alle Sprünge chronologisch angeordnet. Dies Stilmittel setzt die hundertprozentige Konzentration des Lesers voraus. Die Romanerzählung basiert auf der jeweiligen Familiengeschichte der beiden Protagonisten Ingbar und Dori. Ohne die Lebensgeschichte ihrer direkten Vorfahren, gäbe es nichts zu erzählen. Das klingt schon in der Buchwidmung des Autors wieder, die lautet

Wäre sie nicht dort nicht weggegangen, wäre ich nicht hier“

Der Autor springt nicht nur in der Zeit, sondern ändert auch die Person, die gerade erzählt und somit den Blickwinkel. Dadurch wirkt der Roman sehr lebendig. Der Leser muss seine volle Aufmerksamkeit dem Buch widmen. Dafür wird er am Ende mit einer gut erzählten, facettenreichen Geschichte belohnt.

Je nach dem, welche Geschichte man wiedergeben möchte, sollte ein Autor das passende Stilmittel für seinen Roman finden, um Rückblenden oder Zeitsprünge einzubauen. Beispiele hierfür gibt es zahlreiche. Manche sind mehr, manche weniger gelungen. In Matt Haigs Roman „Wie man die Zeit anhält“, lebt der ganze Roman nur von Zeitsprüngen. Erst das Hin und Her zwischen den Jahrhunderten gibt dem Buch den besonderen Reiz.

Die für diesem Beitrag ausgewählte Romane setzten ihre Rückblenden meiner Ansicht nach gelungen ein. Die Art und Weise gestaltet die Geschichten interessant und passt zum jeweiligen Stil des Buches. Ob Zeitsprünge gelungen, nachvollziehbar und schlüssig sind, muss jeder Leser individuell für sich entscheiden. Ich lese gerne Geschichten, welche mit Zeitsprüngen arbeiten und sich langsam alles zu einem Ganzen fügt.

Sechs Koffer

Roman Sechs Koffer
Sechs Koffer von Maxim Biller

Direkt. Schnörkellos. Auf den Punkt gebracht schildert der Roman eine Familie, die in ihren Reihen einen Verräter vermutet.

Der Autor Maxim Biller erzählt in seinem aktuellen Roman „Sechs Koffer“ wie die Umstände, welche zu dem gewaltsamen Tod des Großvaters führten, die Familie spalten.

Zu Beginn der 1960iger Jahre. Der Tate, sein Großvater, lebte in der Sowjetunion. Zwei seiner vier Söhne leben in Prag, so auch Maxim Billers Vater. Die beiden anderen Brüder haben sich rechtzeitig in den Westen abgesetzt. Der Tate war geschäftstüchtig und er „handelte“ unter anderem mit westlichen Devisen und Sachwerten. Irgendjemand hat seine Geschäfte an den Geheimdienst verraten, denn der Tate wurde verhaftet und zum Tode verurteilt. Jeder in der Familie stellt im Geheimen für sich Mutmaßungen darüber an, wer den Tate verraten hat. Ein offenes Gespräch sucht keiner und so zerrütten unausgesprochene Verdächtigungen die Familie.

Der Großteil des Buches ist in der „Ich-Form“ formuliert. Der Autor erzählt von seiner Kindheit im kommunistisch geprägten Prag . Schon als Kind macht auch er sich Gedanken um die Schuldfrage. Wer hat den Großvater verraten? In den 1970iger Jahren, die gesamte Familie wohnt im Westen, macht er als Heranwachsender eine Entdeckungen, welche seine Kindheitstheorie in Frage stellt.

Schnörkellos und direkt formuliert Maxim Biller die Geschichte seiner Familie. Sechs Charaktere der Familie schildern ihre Perspektive zu den damaligen Vorgängen. Dem Autor ist es gelungen die Stimmungen in seiner Familie einzufangen. Zudem zeigt er antisemitische Strömungen im Kommunismus auf sowie er auch kurz das frauenfeindliche Benehmen in der tschechischen Filmindustrie erwähnt.

Der Roman macht deutlich wie sehr ein diktatorischer Überwachungsstaat das private Familienleben beeinflussen kann, auch wenn die Familie es schafft dem Staat zu entfliehen. Beeindruckend!

Der Roman ist auf der Longlist des deutschen Buchpreises erschienen.

 

Sturmzeit – Die Stunde der Erben

Romancover
Sturmzeit – Die Stunde der Erben

Charlotte Link

Im wahrsten Sinne handelt dieser Teil von der Stunde der Erben. Die nächste Generation muss ihren Platz in der Welt finden und Schicksalsschläge überstehen. Der dritte Teil steht den Vorgängern in nichts nach.

Die Patriarchin Felicia Lavergne ist alt geworden. Sie sucht nach einem würdigen Nachfolger in der Geschäftsführung der Spielwarenfabrik Wolff & Lavergne. Chris, der Sohn ihrer Tochter Belle, die Andreas Rathenberg geheiratet hat, erscheint Felicia eine gute Wahl zu sein. Der idealistische junge Mann folgt gerne dem Ruf seiner Großmutter und verlässt Los Angeles, um in München zu studieren. Doch statt Betriebswirtschaft entscheidet Chris sich für Jura. Darüber hinaus passen seine politischen Aktivitäten so gar nicht zu einem zukünftigen Unternehmer. Allerdings rückt auch Alexandra, Chris‘ jüngere Schwester und Felicia sehr ähnlich, in den Blick der Großmutter. Ist sie die richtige Person, um das Erbe anzutreten?

Der dritte Teil der Familiensaga spielt in erster Linie in den 1980iger Jahren. Die beiden alten und weiterhin verfeindeten Damen Felicia und Kassandra leiten gemeinsam die Spielwarenfabrik. Kassandra übergibt ihren Anteil an Dan Liliencron, den Sohn von Peter Liliencron. Auch Felicia möchte ihr Erbe in guten Händen wissen. Susannes Töchter kommen dafür nicht in Frage. Die Kinder von Belle haben da weit mehr Potential.

Belle wohnt mit ihrem Mann Andreas Rathenberg in Los Angeles. Ihre Träume von einer Schauspielkarriere haben sich nicht erfüllt. Ferner plagen Belle immer noch starke Schuldgefühle gegenüber ihrem ersten Mann, von dem sie seit Stalingrad nie wieder etwas gehört hat.

Susanne ist über die Taten ihres Ehemanns, SS Sturmführer Hans Velin, nie hinweggekommen. Auch über ihren Töchtern liegt der Fluch des Vaters. Besonders der jüngsten, Sigrid, fällt es schwer ihren Weg zu finden. Als sie auf einem von Felicias Festen unerwartet auf Martin Elias trifft, welcher Deutschland verlassen hat und nun in einem israelischen Kibbuz lebt, verändert sich ihr Leben von Grund auf.

Nicola und Sergej leben bis zu ihrem Rentenalter in der DDR und ergreifen dann die Chance an den Ammersee überzusiedeln. Nur ihre Tochter Julia und ihrer Familie bleiben in der DDR. Doch Julias Hass auf das System wird mit der Zeit größer, so dass sie ihre Flucht plant.

Belles Tochter Alexandra ist Felicia sehr ähnlich. Somit ist es nicht überraschend, dass sie in deren Fußstapfen tritt und sich in der Geschäftswelt behauptet. Jedoch setzt sie alles auf eine Karte und es scheint, als ob sie zu hoch gepokert hat.

In „Die Stunde der Erben“ ist die Handlung hauptsächlich von Felicias Enkel bestimmt. Die 1980iger Jahre stehen im Zeichen von Friedensdemonstrationen und dem Zusammenfall des Ostblocks. Die Generationskonflikte ebenso wie die Themen der Zeit sind unaufdringlich in die Erzählung eingeflochten. Die Hauptfiguren der ersten beiden Teile rücken dezent in den Hintergrund und bleiben dennoch nicht farblos. Manch einer, wie beispielsweise Martin Elias, bekommt eine Schlüsselrolle, denn ohne seinen kurzen Auftritt würde Sigrid der Impuls für die Veränderung fehlen.

Somit ist auch dieser Teil hervorragend durchdacht, nachvollziehbar und flüssig erzählt. Die unterschiedlichen Charaktere sowie deren menschlichen Schwächen haben mich, wie in den beiden vorherigen Sturmzeit Romanen, begeistert. Alles in allem ein fantastischer Streifzug durch ein aufregendes Jahrhundert deutscher Geschichte, erzählt anhand einer Familie, deren Mitglieder trotz Differenzen zusammenstehen.

Die Neuauflage dieser Romanreihe ist zu Recht ein Erfolg!

Die Rezesionen der ersten Teile findet ihr unter

http://www.lesepartie.de/sturmzeit-wilde-lupinen

http://www.lesepartie.de/sturmzeit

 

Das rote Adressbuch

Romancover
Das rote Adressbuch

Sofia Lundberg

Der Roman konnte mich mit seiner Geschichte und den Figuren nicht überzeugen. Leider wird es ab dem Mittelteil völlig unglaubwürdig

Doris ist eine alte Dame und lebt allein in ihrer Stockholmer Wohnung. Als sie stürzt, muss sie operiert werden. Keine Kleinigkeit in dem ihrem hohen Alter. Um Doris beistehen zu können, reist Großnichte Jenny aus San Francisco an. In Doris Wohnung findet Jenny ein Manuskript, das Doris eigens für sie verfasst hat. Es erzählt von Doris Jugend und dem Verlauf, den ihr Leben nach dem Tod des Vaters, nahm.

Doris wertvollster Besitz ist ihr rotes Adressbuch, welches sie einst vom Vater zum Geburtstag bekam. Darin stehen Adressen von den Menschen, die in ihrem Leben eine Rolle spielten. Anhand dieses Adressbuch verfasst Doris ihre Lebensgeschichte. Sie möchte ihre Erinnerung für ihre Großnichte Jenny bewahren.
Geboren und aufgewachsen ist Doris in Stockholm, als Jugendliche kommt sie nach Paris und wird aufgrund ihres guten Aussehens als Mannequin entdeckt. Kurz nach dem Ausbruch des 2. Weltkrieges verlässt sie Europa und flieht in die USA.

Sofia Lundbergs Roman wechselt in seiner Erzählung regelmäßig zwischen den Zeiten. Es beginnt mit der alten, schon gebrechlichen Doris und führt in Rückblenden zurück zu der jungen Doris. Die chronologische Erzählung der Vergangenheit, macht es dem Leser leicht die Zeitsprünge nachzuvollziehen. Der Schreibstil der Autorin ist einfach und klar. Verschachtelte Sätze gibt es nicht. Zudem sind auch die Kapitel recht kurz gehalten.

Zu Anfang kann der Roman durch deine detaillierte, lebensnahe Schilderung überzeugen. Die alte Dame, die allein in ihrer Wohnung sitzt, sich kaum noch allein zur Toilette bewegen kann und deren einzige Abwechslung der Pflegedienst ist, berührt beim Lesen. Leider kippt die Geschichte für mich ab der Mitte des Buches. Die Geschichten rund um die junge Doris sind völlig unrealistisch und sind in keiner Weise nachvollziehbar. Es ist eine Aneinanderreihung von Geschehnissen ohne Sinn und Verstand. Dadurch werden die weiteren Kapitel langatmig und langweilig. Der Schluss setzt dann dem Ganzen noch die Krone auf und macht die Figuren vollends unglaubwürdig und fast schon lächerlich.

Ich habe den Eindruck, als ob die Autorin sich weder Mühe bei der Recherche noch bei der Entwicklung der Figuren gegeben hat. Die Hauptfigur wird im Verlauf des Romans zusehends uninteressant und farblos. Doris wirkt verantwortungslos und dumm. Sie ist eine der schwächsten Hauptfiguren, über die ich je ein Buch gelesen habe.
Leider sind meine Erwartungen an den Roman total enttäuscht worden. Sehr schade!

 

Sturmzeit – Wilde Lupinen

Charlotte Link
Sturmzeit – Wilde Lupinen

Charlotte Link

Auch der zweite Teil der Romanreihe überzeugt durch seine Figuren!

Sturmzeit – Wilde Lupinen, der zweite Teil der Familiensaga, steht ganz im Zeichen des 1.000jährigen Reiches. Felicia hat sich von dem Börsencrash erholt. In der Firma hat sie einen neuen Teilhaber, der jüdischstämmige Peter Liliencron, und ihr Ex Mann Alexander Lombard hat Lulinn gekauft. Tom Wolff hat mit seinem Geschäftssinn eine Spielwarenfabrik wieder konkurrenzfähig gemacht hat und fungiert dort als Geschäftsführer. Nebenbei unterhält er ein Verhältnis mit der Witwe des Firmengründers, in der Hoffnung, die Fabrik eines Tages sein Eigen nennen zu können.

 

Philip Rath ist nach Frankreich zurückgekehrt. Modeste lebt mit ihrem Mann und Großmutter Laetitia auf Lulinn. Sie ist von den Idealen der Nazis beseelt und schenkt dem Führer regelmäßig ein Kind.

 

Die 18 jährige Belle versucht sich als Schauspielerin bei der UFA. Belle heiratet den Theaterschauspieler Max Marty. Ihre Ehe mit dem idealistischen Max, welcher schon früh die Gefahr erkennt, die von den Nazis ausgeht, entwickelt sich nicht nach Belles Vorstellungen. Als sie zufällig Andreas Rathenberg kennenlernt, beginnt sie ein schon nach wenigen Ehemonaten ein Verhältnis.

 

Susanne wohnt bei ihrer Mutter Felicia in München. Nach dem Abitur lernt sie den SS Sturmführer Hans kennen und heiratet ihn.

Maksim ist im deutschen Widerstand aktiv und bringt auch Felicia einige Male in Gefahr. Nach dem Kriegsausbruch taucht Alexander Lombard wieder in München auf. Für Felicia wird er in den ereignisreichen Kriegsjahren eine unverzichtbare Stütze.

 

Nach der deutschen Kapitulation ist für die Familie nichts mehr wie zuvor. Viele Familienmitglieder haben den Krieg nicht überlebt und auch der ostpreußische Stammsitz Lulinn ist verloren. Die Familie muss sich neu finden und das Erlebte verarbeiten. Selbst Felicia erreicht nach all den Schicksalsschlägen ihre persönliche Grenze.

 

Der zweite Teil von Charlotte Links Familiensaga zeigt deutlich die Schrecken des Krieges und was Menschen in Extremsituationen aushalten können. Verständlich lässt sie die Figuren agieren. Vor allem zeichnet die Autorin nicht nur schwarzweiß Bilder, sondern gibt den Charakteren mit unterschiedlichen Facetten Tiefgang. Charlotte Link versteht es mit ihrer Erzählweise den Leser in den Kessel von Stalingrad zu schicken sowie ihn auch am französischen Widerstand teilhaben zu lassen. Zudem entlarvt die Autorin in unterschiedlichen Situationen die unbarmherzige Brutalität des Regimes, welche bis zum bitteren Ende ungebrochen ist.

 

Als Leser wird man sofort von der Geschichte gefangen genommen. Die Figuren sind, wie schon im ersten Teil, ganz wunderbar, nachvollziehbar und facettenreich kreiert. Ebenso ist der historische Hintergrund gründlich recherchiert. Ich gehe davon aus, dass die Autorin sich einige Interviews bzw. Zeitzeugenberichte durchgelesen hat, da sie die Gefühls- und Gedankenwelt der Charaktere authentisch wiedergibt. Meiner Meinung nach ist genau das der Punkt, der diese Romanreihe auszeichnet; die authentischen Figuren, ohne Schnörkel. Diese Familie wirkt echt.

Ich freue mich nun auf den dritten Teil, in der Hoffnung, dass die Familie nach den Kriegsjahren zur Ruhe kommt.

 

http://lesepartie.de/sturmzeit/

Sturmzeit

Charlotte Link
Sturmzeit

Charlotte Link

Der erste Teil der Trilogiebesticht durch seine Protagonisten

Alljährlich im Sommer kommt die weit verstreute Familie auf dem ostpreußischen Landgut Lulinn nahe der russischen Grenze zusammen. So auch im Sommer 1914. Es wird gestritten, sich verliebt und vor allem genießt die familiäre Gesellschaft die Annehmlichkeiten des Landlebens. Die Ferien enden jäh, als im August die Mobilmachung ausgerufen wird. Bis auf Felicia und ihre Großeltern verlassen alle das Gut, um in ihr eigenes Heim zurückzukehren. Felicia bleibt, denn ihr Großvater liegt im Sterben. Gemeinsam mit ihrer Großmutter harrt sie aus. Als die Russen das Gut erreichen, ist es Felicias erste Prüfung in diesem Krieg, der ihr noch einiges abverlangen wird. Aus dem verwöhnten, reichen Mädchen, formen die Kriegsereignisse eine eigensinnige, pragmatische Frau. Ihrem Geschäftssinn und ihrer Initiative ist es zu verdanken, dass die Familie nach dem Krieg einer sicheren Zukunft entgegensehen kann. In den 1920iger Jahren wird aus Felicia eine reiche Geschäftsfrau. Doch mit dem Ende des goldenen Jahrzehnts, verliert auch sie am schwarzen Freitag ihr ganzes Vermögen.

Charlotte Link erschafft eine großartige Familiensaga mit einer herausragenden Protagonistin. Felicia besteht aus so vielen Facetten, welche oft widersprüchlich sind und trotz allem die Figur erst lebendig werden lassen. Ebenso sind weitere Figuren des Romans in ihrem Wesen fabelhaft erdacht und beschrieben. Darunter finden sich Opportunisten und Träumer, aber auch Realisten und Zyniker.

„Sturmzeit“ ist eine Trilogie über all das, was das 20. Jahrhundert zu bieten hat. Von der Schlacht um Verdun, der Russischen Revolution bis zur Inflation und dem Börsencrash, alles findet seinen Platz in dem ersten Teil der Romanreihe. Als Leser wird man mit hineingezogen in diese große Familie und verfolgt gespannt ihren Wandel.

Felicia erinnert mich sehr an Scarlett O’Hara aus „Vom Winde verweht“. Ähnlich ist Felicias Eigensinn, ihre Ruhelosigkeit, die ihrem Familiensinn und vor allem dem unbedingten Erhalt des Gutes Lulinn im nichts nachstehen. Nicht nur in diesem Punkt gleichen sich die beiden Frauenfiguren. In Bezug auf ihr Liebesleben kann man ebenfalls Parallelen finden. Auch Felicia heiratet das erste Mal aus Trotz und das zweite Mal aus Sicherheit und dennoch denkt sie stets an ihre Jugendliebe.

Die Erzählweise ist spannend, verständlich und die Hintergründe gut recherchiert. Besonders haben mir die Dialoge gefallen. Als Leser ist man immer mitten drin. Die Romantrilogie spricht vor allem die Leserschaft historischer Literatur an. Der erste Teil ist ein großes Lesevergnügen gewesen und ich kann es kaum erwarten, wie es weitergeht.

Lesen im Sommer

Sommerlektüre
lesen im Sommer

Von Herbst bis Frühjahr ist es für mich meist eine ganz klare Angelegenheit, wo mein Leseplatz ist. Neben mir eine große Tasse dampfenden Tees, sitze ich mit einem Buch (oder dem ebook Reader) in dem von Opa geerbten Ohrensessel.

Im Sommer sieht es anders aus. Da nutze ich gutes Wetter, um raus zu gehen. Dieses Jahr ist der Sommer tatsächlich ein Sommer, wie wir es in Deutschland lange nicht mehr erlebt haben. Seit Wochen ist das Wetter konstant warm. Bei diesen Temperaturen bietet es sich an, seine Tasche zu packen und entweder das nächstgelegenen Freibad oder einen Badesee zu besuchen. Doch wie ist es dort mit der Ruhe zum Lesen? Es sind Ferien und die Kinder toben, schreien, kreischen. Die Liegewiesen sind voll. Dauernd läuft jemand dicht am Handtuch entlang oder man wird vom Ball getroffen.

Das ist nicht die Zeit für schwere Literatur. Zum Glück gibt es die sogenannte Sommerlektüre, wie sie in den Buchhandlungen beworben wird. Ein bisschen Herzschmerz oder ein leicht zu lesender Krimi. Eine Geschichte, die in anderen Ländern spielt und Titel trägt wie ein „Sommer in XY“. Am leichtesten liest sich ein Buch, in dem mehrere Kurzgeschichten zu finden sind.

Für manche Menschen ist die Urlaubszeit, die einzige Zeit, in der sie ein Buch zur Hand nehmen. Da sollte die Erzählung nicht allzu kompliziert sein. Gute Unterhaltung, welche den Leser den Alltag vergessen lässt. Ob für Freibad, See oder Meer, das beste Buchformat dafür ist wohl das Taschenbuch. Es ist leichter und „biegsamer“ als ein Hardcover Buch.

Ich lese am liebsten auf meinem Balkon. Dort ist es ruhiger und ich kann mich voll und ganz auf meine Lektüre konzentrieren. Gerade in den Abendstunden, wenn es noch länger hell ist, genieße ich es draußen zu lesen. Mittlerweile erkenne ich auch hier die Vorteile meines ebook Readers, da ich ohne Weiteres nach Sonnenuntergang draußen bleiben und dennoch ohne Probleme weiter lesen kann. Über Buch vs. ebook Reader handelt ein älterer Beitrag. http://lesepartie.de/buch-vs-ebook-reader/

Meine Sommerlektüre unterscheidet sich prinzipiell nicht von meiner sonstigen. Zur Zeit ist es wahrscheinlich sogar angenehm über Wintereinbruch und Eiseskälte zu lesen. Ich suche meinen Lesestoff danach aus, wonach mir gerade der Sinn steht. Jedoch käme es mir nicht in den Sinn, am überfüllten Strand beim Sonnenbaden einen dicken, intellektuellen Wälzer durchzuarbeiten. Denn das wäre es wahrscheinlich; Arbeit.

Welche Lektüre man auch immer für die Sommermonate wählt, es sollte Freude machen seine Nase stundenlang in ein Buch zu stecken und dabei ganz entspannt den Trubel um einen herum auszublenden.

Wie haltet ihr das im Sommer? Eher leichte Lesestoffe? Wo ist euer sommerliche Lieblingsort zum lesen?

erstes Mal, zweites Mal

Bücher
Mehrfach gelesen

Bücher mehrmals lesen

Meine Bücher stehen zweireihig in den Regalen. Auf den Reihen stapeln sich weitere. Bücher gebe ich nicht mehr her und wenn es wirklich mal dazu kommt, muss der Inhalt absolut miserabel sein. Dieses Schicksal hat bisher nur sehr wenige meiner Bücher ereilt. Gelesene Lektüre wandert in den allermeisten Fällen ins Regal.

Hin und wieder stehe ich davor, sehe mir die Rücken an und erinnere mich. Manchmal erinnere ich mich an die Zeit, in der ich den Roman las oder an Begebenheiten. Bücher sind für mich Wegbegleiter, die auch Phasen meines Lebens widerspiegeln.

Natürlich sehe ich einen Buchrücken an und überlege ohne Ergebnis, worum es sich handelte. Dann blättere ich einige Seiten durch, lese auszugsweise einige Passagen und wenn der Groschen nicht fällt, lese ich es ein weiteres Mal von Anfang bis Ende. Manche Bücher entdecke ich dadurch wieder neu.

Die Geschichten in den Büchern sind zwar die gleichen geblieben, doch ich selbst habe mich verändert und dazu auch meine Sichtweise. Ich hinterfrage anders oder kritischer, manches verstehe ich mit meinen gemachten Lebenserfahrungen besser. Für mich persönlich ist es spannend ein Buch nach einer langen Zeit wieder zur Hand zu nehmen, um Veränderungen an meinem Denken zu entdecken.

So erging es mir mit dem Buch „auf immer, nicht ewig“. Der Roman stammt aus einer Zeit, in der wir noch mit DM bezahlten. Es ist ein Buch über Freundschaft und dem Scheitern an der Realität. Die Geschichte hat mich damals mit Anfang zwanzig sehr berührt. Als ich es über fünfzehn Jahre später wieder aus dem Regal holte, hat es mich wieder gepackt. Diesmal allerdings mit dem Wissen, dass schon in dem Titel sehr viel Wahrheit liegt.

Ein weiteres Buch, welches ich kürzlich erst wiederentdeckt habe, ist Nick Hornbys „How to be good“. Als es erschien und ich es las, hielt ich es für witzig, ohne den wirklichen tieferen Sinn zu verstehen. Das erlebte ich mit dem Abstand von gut zehn Jahren wieder anders. Zudem halte ich den Roman in Zeiten des umstrittenen „Gutmenschentums“wieder für hochaktuell.

Klar, gibt es auch Bücher, bei denen ich mich frage, was mich an der Geschichte so begeistert hat. „Zweite Halbzeit“ ist so ein Kandidat. Die Erzählung ist gut, keine Frage, doch ich erinnere mich, dass ich von der Lektüre völlig aus dem Häuschen war. Diese Begeisterung spürte ich bei dem zweiten Lesen nicht mehr.

Bücher sind somit ein Indikator für die Wandlung, welche man als Leser gemacht hat. Die eigenen Erfahrungen spiegeln sich in der Sicht auf die Romanerzählungen wieder. Manche Handlungen können besser nachvollzogen werden oder das Verständnis kommt abhanden, je nach dem, wie sich das eigenen Leben entwickelt hat.

Aus diesem Grund sind Bücher meine Lebensbegleiter.

Wie geht es euch? Lohnt es sich für euch ein Buch nach einer gewissen Zeit ein weiteres Mal zu lesen? Oder lieber einmal lesen und dann auf dem Flohmarkt verkaufen?